Drittes Kapitel.
Als wir einschliefen, war es ungefähr vier Uhr und gegen acht wachten wir auf. Der Professor saß auf seinem Platz und machte ein verdrießliches Gesicht. Er warf uns etwas zum Frühstück zu und sagte uns, wir dürften nicht weiter gehen als bis zum Mittelschiffs-Kompaß; dieser befand sich ungefähr in der Mitte der Gondel.
Wenn man so einen rechten Hunger gehabt hat und dann auf einmal sich ordentlich satt essen kann, dann sieht man die Welt mit ganz anderen Augen an; es wird einem beinahe ganz behaglich zu Mute, selbst wenn man mit einem Genie sich in einem Ballon hoch oben in den Lüften befindet. Nach dem Essen rückten wir drei näher zusammen und begannen zu plaudern. Besonders ein Umstand war da, der mir gar nicht aus dem Kopf wollte, und im Lauf des Gesprächs bemerkte ich:
»Tom, fahren wir nicht nach Osten?«
»Ja.«
»Wie schnell sind wir gesegelt?«
»Na, du hörtest doch selber, was der Professor sagte, als er gestern so herumtobte. Manchmal, sagte er, machten wir in der Stunde fünfzig Meilen[4], manchmal neunzig, manchmal hundert; wenn er mit einem tüchtigen Sturm segelte, so könnte er jederzeit dreihundert machen, und wenn er einen Sturm haben wollte, so brauchte er bloß den Ballon höher steigen oder tiefer sinken zu lassen, bis er den Sturm und die gewünschte Richtung hätte.«
[4]englische.
[4]englische.
[4]englische.
»Na ja, das hatte ich mir gedacht: der Professor log!«
»Warum?«
»Wenn wir so schnell gefahren wären, so hätten wir doch schon über Illinois hinaus sein müssen, nicht wahr?«
»Gewiß.«
»Na, so weit sind wir aber nicht!«
»Woher weißt du das?«
»Ich seh’s an der Farbe. Wir sind immer noch mitten über Illinois. Und du kannst selber sehen, daß Indiana noch nicht in Sicht ist.«
»Was ist denn bloß dir in die Krone gefahren, Huck? Du sagst, du siehst es an der Farbe?«
»Natürlich!«
»Was hat denn die Farbe damit zu tun?«
»’ne ganze Masse! Illinois ist grün, Indiana hellrot. Nun zeig mir mal da unten auch nur den kleinsten hellroten Fleck, wenn du kannst! Gibt’s gar nicht – ’s ist alles grün!«
»Indiana hellrot?! Donnerwetter, was bist du für ein Lügenbeutel!«
»Nichts von Lügen! Ich hab’s auf der Karte gesehen, und Indiana ist hellrot!«
Machte aber der Tom Sawyer ein ärgerliches Gesicht! Endlich sagte er:
»Weißt du, Huck Finn, wenn ich so dämlich wäre wie du, da spränge ich lieber gleich über Bord! Hat’s auf der Landkarte gesehen!! Huck Finn, meintest du wirklich, die Oberfläche jedes einzelnen Staates wäre von derselben Farbe, wie sie auf der Karte dargestellt ist?«
»Tom Sawyer, was hat ’ne Landkarte für ’nen Zweck? Man soll doch wohl Tatsachen draus ersehen können?«
»Natürlich.«
»Schön! Wie kann man aber das, wenn die Karte lügt? Das möcht’ ich wohl wissen!«
»Du bist ein Quatschkopf! Sie lügt ja gar nicht!«
»Ach nee! wirklich nicht? lügt sie nicht?«
»Natürlich nicht!«
»Sehr gut! Na, wenn die Landkarte nicht lügt, dann gibt’s keine zwei Staaten von derselben Farbe. Was sagst dudazu, Tom Sawyer?!«
Er sah, ich hatte ihn fest und Jim sah es auch; und ich muß sagen, ich war mächtig stolz darauf, denn Tom Sawyer war einer, mit dem man in einem Wortgefecht nicht so leicht fertig wurde. Jim schlug sich auf den Schenkel und rief:
»Donnawetta! Das is fermost! Das is einfach fermost! Da is nix zu sagen, Massa Tom; diesmal hat Huck Finn Sie fest! Jawoll!« Und dabei schlug er sich noch einmal auf den Schenkel und sagte: »Junge, Junge! Das war warraftig fermost!«
Nie in meinem Leben war ich innerlich so stolz gewesen, und dabei hatte ich gar kein Bewußtseindavon gehabt, daß ich so was Berühmtes sagte, als bis es heraus war. Ich plapperte eigentlich bloß so in den Tag hinein, aber auf einmal, paff!, da schoß es aus mir heraus!
Aber Tom war ärgerlich und sagte, Jim und ich wären zwei unwissende Windbeutel und es wäre besser, wenn wir unseren Mund hielten. Ich habe herausgefunden, daß fast jeder ärgerlich wird, wenn er auf einen guten Einwand nichts zu erwidern weiß.
Auf einmal bemerkte er ganz tief, tief unter uns einen Kirchturm; er nahm ein Fernrohr zur Hand und sah nach der Turmuhr, holte seine silberne Taschenuhr hervor und sah nach der Zeit, und dann wieder auf den Turm und nochmals auf die silberne Zwiebel und sagte schließlich:
»Das ist komisch! Die Uhr da geht beinahe ’ne Stunde vor!«
Er zog seine Taschenuhr auf; dann bemerkte er einen andern Kirchturm und sah wieder hin, und wieder ging die Uhr ’ne Stunde vor. Das machte ihn nachdenklich und er sagte:
»Die Geschichte ist wirklich sonderbar. Wie das zugeht, versteh’ ich nicht!«
Wieder nahm er das Fernrohr und suchte sich noch einen Kirchturm, und richtig – auch diese Uhr ging ’ne Stunde vor. Auf einmal riß er die Augen ganz weit auf und machte ein paarmal den Mund auf und zu, als müßte er nach Luft schnappen, und dann plötzlich rief er:
»Hei–li–ges – Don–nerr–wet–terrr! ’s ist der Längengrad!«
Ich kriegte einen ganz gehörigen Schreck und fragte:
»O je, o je, was ist denn nun wieder los?«
»Nichts weiter, als daß diese alte Blase ganz mir nichts dir nichts über Illinois und Indiana und Ohio weggesaust ist und daß wir da unter uns die Ostseite von Pennsylvanien oder New York oder so ’ne ähnliche Gegend haben!«
»Tom Sawyer, das ist doch nicht dein Ernst!«
»Jawohl, das ist es, und die Sache steht bombenfest! Seit wir gestern nachmittag aus St. Louis abfuhren, haben wir ungefähr fünfzehn Längengrade gekreuzt, und die Uhren da unten gehen richtig! Wir haben an die achthundert Meilen gemacht.«
Ich glaubte ihm das nicht, aber trotzdem lief mir eine eiskalte Gänsehaut über den Buckel. Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß man zu einer solchen Strecke auf einem Floß den Mississippi herunter beinahe zwei Wochen gebraucht.
»Seht mal!« belehrte Tom uns. »Der Zeitunterschied beträgt für jeden Längengrad ungefähr vier Minuten. Fünfzehn Grade machen ’ne Stunde, dreißig zwei Stunden usw. Wenn sie in England Dienstag morgen um ein Uhr haben, so ist es in New York Montag abend um acht.«
Jim rückte auf seiner Bank ein Stück von Tom ab, und man konnte ihm ansehen, daß er beleidigt war, denn er schüttelte fortwährend den Kopf und brummte vor sich hin; ich schob mich darum nahe zu ihm heran und tätschelte ihn auf die Beine und gab ihm gute Worte und brachte ihn denn auch schließlich so weit, daß er seinen Gefühlen Luft machte.
»Massa Tom!« sagte er. »Quassel Sie nix sowas! Dingsdag auf’m einen Ort un Mondag auf’m annern, un beides auf’m selben Dag! Huck, hier is nix gut zu spaßen, hier ganz oben, oben in die Luft! Zwei Dage auf einen Dag?!So? Wie kriegt man denn zwei Dage ineinen? Kann Sie zwei Stunden ineinekriegen, häh? Kann Sie zwei Nigger ineinesNiggers Haut kriegen, häh? Kann Sie zwei Maß Whisky in ’ne Kruke kriegen, wo bloßeinMaß ringeht, häh? Nu, guckemal, Huck – wenn nu dieser Dingsdag Neujahrsdag wär’ – was dann? Will da einer behaupten, ’s wär am einen Ort Neujahr, un am annern Ort Altjahr, akkrat in dieselbigte Minute? Das is ja ’n vermaledeiter Unsinn! So was kann ich gar nix mit anhören, ach du lieber großer Gott, nä!«
Auf einmal fängt er an zu zittern und wird ganz grau und Tom sagt:
»Na, was ist denn nun los? Was hast du denn?«
Jim kann gar kein Wort hervorbringen, aber endlich sagt er:
»Massa Tom, Sie mach’ nix Spaß, un esisso?«
»Nein, ich denke nicht dran, und es ist wirklich so!«
Jim kriegt wieder das Zittern und sagt:
»Denn könnt’ ja der Dingsdag der JüngsteDag sein, un denn hätten sie in England keinen Jüngsten Dag, un denn würden die Doten nix geruft. Da dürfen wir nix hingehn, Massa Tom! Bitte, krieg Sie ihm dazu, daß er umkehrt; ich will un muß dabei sein, wenn der Jüngste Dag …«
Auf einmal sahen wir was und sprangen alle miteinander auf unsere Füße und vergaßen alles und jedes und konnten bloß staunen und die Augen aufreißen. Und Tom rief:
»Ist das nicht …?« Ihm ging die Luft aus, aber dann fuhr er fort: »Jawohl, er ist’s! Sowahr ich lebe! ’s ist der Ozean!«
Da blieb auch Jim und mir die Luft weg! Wie versteinert standen wir alle drei da, aber glücklich! Denn keiner von uns hatte je ’nen Ozean gesehen oder auch nur gedacht, daß uns mal so etwas beschieden sein könnte. Tom brummelte fortwährend vor sich hin:
»Atlantischer Ozean – Atlantischer! Herrgott, klingt das großartig! Und da untenister – und wir, wir sehen ihn mit unseren eigenen Augen – wir! Das ist ja so was Wundervolles, daß man sich gar nicht getraut, es zu glauben!«
Dann sahen wir ’ne dicke Wolke von schwarzem Rauch, und als wir näher kamen, da war’s ’ne Stadt, und zwar ein riesiges Ungetüm von einer Stadt, mit einem dicken Kranz von Schiffen an der einen Seite; und wir dachten, ob das wohl New York sein möchte, und stritten uns darüber herum und ehe wir’s uns versahen, da war die Stadt unter uns weggeglitten und lag weit, weit hinter uns – und da waren wir mitten über dem Ozean selber und fuhren dahin mit der Schnelligkeit einer Windsbraut. Da wurden wir aber mit einem Mal ganz hell wach, das kann ich versichern! Wir stürzten nach hinten und erhoben ein Jammergeheul und baten den Professor himmelhoch, er möchte doch umkehren und uns an Land setzen, aber er riß sein Pistol aus der Tasche und schrie uns an, wir sollten zurückgehen – und wir gingen, aber wie jämmerlich uns zu Mute war, davon wird kein Mensch je sich einen Begriff machen können.
Das Land war verschwunden, bloß noch ein kleiner Streif, so schmal wie ’ne Schlange, war am Rande des Wassers, und in der Tiefe unter uns, da war nichts als Ozean, Ozean, Ozean –Millionen Meilen von Ozean und das hob sich und warf sich und wirbelte, und weißer Gischt sprühte von den Wogenkämmen, und im ganzen Gesichtskreise waren bloß ein paar Schiffe, die wurden hin- und hergeschleudert und legten sich erst auf die eine Seite und dann auf die andere und fuhren bald mit dem Bug, bald mit dem Stern in die Tiefe. Und es dauerte nicht lange, dann waren überhaupt keine Schiffe mehr zu sehen und wir waren ganz mutterseelenallein zwischen dem hohen Himmel und dem endlosen Meere – und es war die weiteste Fläche, die ich je gesehen hatte, und die grenzenloseste Einsamkeit.