Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Einen Tag oder zwei strolchten wir nach unserem Behagen in den Lüften herum, und dann, gerade als der Vollmond den Erdboden auf der anderen Seite der Wüste berührte, sahen wir eine Reihe von kleinen schwarzen Gestalten quer an der großen silberglänzenden Scheibe vorüberziehen. Man sah sie so deutlich, wie wenn sie mit Tinte auf den Mond aufgezeichnet gewesen wären. Es war wieder ’ne Karawane. Wir stellten unseren Apparat auf mäßige Geschwindigkeit und fuhren hinter ihr her, bloß um ein bißchen Gesellschaft zu haben, obwohl wir dadurch eigentlich von unserem Wege abkamen. Diese Karawane war ein ganz mächtig großes Ding und ein großartiger Anblick war’s am andern Morgen, als die Sonne flammend über die Wüste schien und die langen Schatten der Kamele langbeinig-knickebeinig in Prozession über den goldenen Sand hinmarschierten. Wir kamen der Karawane niemals ganz nahe, weil wir mit solchen Sachen jetzt besser Bescheid wußten und nicht mehr friedfertigen Leuten die Kamele bange machen und ihre Karawanein Unordnung bringen wollten. Es war der bunteste lustigste Zug, den man sich nur denken kann, alles in reichen Gewändern und fein herausgeputzt. Einige von den Häuptlingen ritten auf Dromedaren; es waren die ersten, die wir je in unserem Leben sahen, und mächtig große Viecher, die wie auf Stelzen gehen und den Mann, der auf ihnen sitzt, beträchtlich schütteln und ihm das Essen, das er im Leibe hat, ganz gehörig durcheinander rütteln; aber sie reiten ein ganz famoses Tempo und ein Kamel kann es an Schnelligkeit auch nicht annähernd mit ihnen aufnehmen.

Den mittleren Teil des Tages über hielt die Karawane Lagerruhe; in den Nachmittagsstunden zog sie weiter. Es dauerte nicht lange, so fing die Sonne an, ganz merkwürdig auszusehen – erst wie Messing, dann wie Kupfer und schließlich wie eine blutrote Kugel; die Luft wurde heiß und beklemmend und im Nu war der ganze westliche Himmel verdunkelt und dunstig, daß es ganz fürchterlich anzusehen war – so wie wenn man ihn durch ’nen roten Glasscherben ansieht. Wir sahen ’runter und bemerkten, daß in der Karawane ein großer Wirrwarr herrschte, ein Hin-und Herlaufen, wie wenn die Leute eine entsetzliche Angst hätten. Und auf einmal warfen Menschen und Tiere sich platt auf den Boden nieder und lagen da vollständig still.

Gleich darauf sahen wir etwas herankommen. das sah aus wie eine riesig hohe Wand, und reichte von der Wüste in den Himmel empor, daß die Sonne dahinter verschwand, und es kam heran wie ein heiliges Donnerwetter. Dann wehte eine ganz schwache Brise uns an, dann wurde der Wind stärker und auf einmal flogen Sandkörner uns in’s Gesicht, die brannten uns wie Feuerfunken, und Tom schrie auf:

»’s ist ein Sandsturm – dreht ihm den Rücken zu!«

Das taten wir; und ’ne Minute später blies es uns an wie ein Orkan und der Sand flog wie mit Schaufeln geworfen gegen uns an, und die Luft war so dick, daß wir überhaupt nichts mehr sehen konnten. Binnen fünf Minuten war unser Luftschiff bis an den Rand voll, und wir saßen auf unseren Bänken, bis ans Knie in Sand begraben, und bloß unsere Köpfe guckten oben ’raus und wir konnten kaum noch Luft kriegen.

Dann wurde der Sturm schwächer und der Sand dünner und wir sahen, daß die ungeheure Wand quer über die Wüste weitersegelte – und es war fürchterlich anzusehen, das kann man mir wohl glauben! Wir wühlten uns aus dem Sand ’raus und sahen nach der Erde hinunter – und an der Stelle, wo vorher die Karawane gewesen war, da war jetzt gar nichts mehr als bloß der Sandozean, und alles war still und ruhig. All die Menschen und Kamele waren erstickt und tot und begraben – begraben unter einer Sandschicht, die nach unserer Schätzung zehn Fuß tief sein mußte, und Tom meinte, es könnte Jahre dauern, ehe der Wind sie wieder bloßlegte, und all die Zeit über würden ihre Freunde nicht wissen, was aus der Karawane geworden wäre. Und Tom sagte:

»Jetzt wissen wir auch, was den Leuten passiert war, denen wir die Säbel und Pistolen abnahmen.«

Ja, so verhielt sich’s ganz genau – das war uns jetzt so klar wie der helle Tag. Sie wurden in einem Sandsturm begraben, und die wilden Tiere konnten nicht an sie ’rankommen, und derWind deckte sie nicht eher wieder auf, als bis sie zu lederartigen Mumien vertrocknet und nicht mehr zu essen waren. Mir war’s damals so vorgekommen, als sei uns das Schicksal jener armen Menschen so tief zu Herzen gegangen und habe uns so traurig gemacht, wie sich’s nur denken läßt – aber das war ein Irrtum von uns: der Untergang dieser zweiten Karawane ging uns tiefer zu Herzen,vieltiefer! Nun, das kam davon, daß die andern eben völlige Fremde für uns gewesen waren; so hatten wir denn gar nicht das Gefühl gehabt, als seien wir überhaupt mit ihnen bekannt gewesen – ausgenommen vielleicht ein bißchen mit dem Mann, der das Mädchen in seinen Armen zu schützen gesucht hatte. Aber mit dieser letzten Karawane war es ganz was anderes! Wir hatten eine ganze Nacht und beinahe einen vollen Tag um sie herumgeschwebt, und da hatten wir ein wirklich freundschaftliches Gefühl für sie gefaßt; sie waren für uns Bekannte geworden. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß es kein besseres Mittel gibt, herauszufinden, ob Leute einem lieb oder zuwider sind, als daß man mit ihnen zusammen eine Reise macht. Genau soging es uns mit diesen. Sie gefielen uns eigentlich gleich von Anfang an, und im Verlauf der Reise gewannen wir sie wirklich lieb. Je länger die Reise dauerte, und je mehr wir mit ihren Manieren vertraut wurden, desto besser gefielen sie uns und desto größer wurde unsere Freude, daß wir sie getroffen hatten. Einige von ihnen kannten wir bald so genau, daß wir sie bei ihren Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen, und wir gingen schließlich so vertraulich mit ihnen um, daß wir sogar das ›Herr‹ oder ›Fräulein‹ fortließen und einfach ihre Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen; und das klang ganz und gar nicht unhöflich, sondern im Gegenteil ganz natürlich. Selbstverständlich waren es nicht ihre richtigen Namen, sondern die Namen, die wir ihnen beigelegt hatten. Da war Herr Alexander Robinson und Fräulein Adaline Robinson, Oberst Jacob Mc Dougal und Fräulein Harriet Mc Dougal und Richter Jeremiah Butler und der junge Buschrod Butler, und diese Herrschaften waren meistens große Häuptlinge mit prachtvollen großen Turbanen und Handscharen, und angezogen wie derGroß-Mogul, nebst ihren Familienmitgliedern. Aber sobald wir sie recht kannten, und sie so gern hatten, da gab’s für uns kein ›Herr‹, ›Richter‹ oder dergleichen mehr, sondern bloß Alex und Addy und Jake und Nattie, Jerry, Buck usw.

Als sie ihr Lager aufschlugen, da hielten auch wir unmittelbar über ihnen still, tausend oder zwölfhundert Fuß hoch in der Luft. Als sie ihre Mahlzeit verzehrten, da speisten wir auch, und es war wirklich ein behagliches Gefühl, uns dabei in ihrer Gesellschaft zu wissen. Während der Nacht feierten sie eine Hochzeit, und Buck und Addy wurden miteinander verheiratet; da putzten wir uns zur Feier dieses festlichen Anlasses mit des Professors schönsten Kleidern heraus, und als bei ihnen das Tanzen losging, da schwangen wir oben in unserer Höhe auch ein bißchen das Tanzbein.

Aber am allernächsten werden die Menschen doch durch Kummer und Leid zusammengebracht, und so ging es auch uns, als sie am nächsten Morgen in der ersten Dämmerung einen begruben. Wir wußten nicht, wer der Abgeschiedene war, und er war ja nicht mit uns verwandt,aber das machte gar keinen Unterschied; er gehörte zur Karawane – das genügte, und es wurden keine aufrichtigeren Tränen über seinem Grabe vergossen, als die unsrigen, die aus einer Höhe von elfhundert Fuß herabfielen.

Ja, der Abschied auf ewig, den wir von dieser Karawane nahmen, war viel bitterer, als der Abschied von jenen anderen Toten, die im Vergleich mit diesen nur Fremde für uns waren, und die zudem schon so lange tot waren. Aber diese hatten wir bei Lebzeiten gekannt und hatten sie gern gehabt – und nun kam der grimmige Tod und riß sie vor unsern Augen weg und wir blieben mitten in der großen Wüste so einsam und verwaist – das tat uns so weh und wir wünschten, wir möchten auf unserer Reise lieber gar keine Freunde mehr gewinnen, wenn wir sie auf solche Art wieder verlieren sollten.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, war’s uns ein bißchen fröhlicher ums Herz; denn wir hatten großartig gut geschlafen, weil Sand das allerbequemste Bett auf der ganzen Welt ist, und ich begreife nicht, warum Leute, die’s haben können, sich nicht eine solche Ruhestattleisten. Außerdem ist Sand auch ein schrecklich guter Ballast; unser Ballon war nie zuvor so ruhig gesegelt wie jetzt.

Tom meinte, wir hätten wohl zwanzig Tonnen Sand an Bord, und dachte darüber nach, was wir wohl am besten damit anfangen könnten; es war guter Sand und es schien uns unvernünftig zu sein, ihn fortzuschmeißen. Da sagte Jim:

»Massa Tom, können wir nix mit ihm zu Hause nehmen un die Sand verkaufen? Wie große Zeit brauchen wir zu die Reise?«

»Das kommt auf den Weg an, den wir fahren.«

»Nu, Massa Tom, die Sand is zu Haus mehr als eine Viertel Dollar for die Wagenladung wert, un ich glauben, wir haben zu ’s allermindeste zwanzig Wagenladungen. Wieviel würden die machen?«

»Fünf Dollars.«

»Bei Jingo, Massa Tom, laß Sie uns auf die Stelle zu Haus reisen! Das machen ja mehr als annerthalb Dollars auf jede von unsere drei Köpf – nich?«

»Ja.«

»Na! Das is doch so leicht Geld verdient, wie ich in meine Leben nie nix erleben tun! Die Sand is ja bloß so ’reingeregnet – kost uns nix ’n bissel Arbeit. Laß Sie uns gleich hinfahren, Massa Tom!«

Aber Tom dachte nach und rechnete so eifrig und so aufgeregt, wie ich ihn nie gesehen habe. Und nach ’nem kleinen Augenblick sagte er:

»Fünf Dollars – pah! Hört mal zu: dieser Sand ist wert … wert … na, er ist ’n ganz kolossalen Haufen Geld wert!«

»Wie denn, Massa Tom? Erzähl Sie, süßes Herrchen, erzähl Sie!«

»Na – sobald die Leute wissen, ’s istechterSand aus derechtenWüste Sahara, da werden sie sich sofort in den Kopf setzen, sich ein bißchen davon zu verschaffen und es als Kuriosität in ’ner Phiole mit ’nem Zettel dran auf den Nippstisch zu stellen. Wir brauchen nichts weiter zu tun, als ihn in Phiolen zu füllen, über den ganzen Vereinigten Staaten ’rumzugondeln und ihn zu zehn Cents das Stück zu verhökern. Wir haben in unserem Schiff für mindestens zehntausend Dollars Sand!«

Ich und Jim sprangen vor Freuden beinahe in Stücke und sangen: »Hupjamborihu!« und Tom sagte:

»Und wir brauchen ja bloß wieder zurückzusegeln und neuen Sand zu holen und das immer fortzusetzen, bis wir zuletzt die ganze Wüste ’rübergeschafft und phiolenweise verkauft haben; und Konkurrenz brauchen wir nicht zu befürchten, denn wir lassen uns einfach ein Patent darauf geben.«

»Himmlische Güte!« rief ich. »Wir werden ja so reich sein wie Kreosot – was, Tom?«

»Ja – wie Kresus, meinst du. Hört mal – der Derwisch suchte in jenem kleinen Berg nach den Schätzen der ganzen Welt und wußte nicht, daß er tausend Meilen weit auf lauter wirklichen Schätzen gegangen war. Er war blinder als der Kameltreiber durch ihn wurde!«

»Massa Tom – wie sehr reich, mein’ Sie, daß wir werden tun?«

»Ja, das weiß ich noch nicht. Das muß erst ausgerechnet werden – und das ist gar nicht so leicht, denn es sind mehr als vier Millionen Quadratmeilen Sand zu zehn Cents die Phiole.«

Jim war fürchterlich aufgeregt, aber diese letzte Bemerkung gab ihm einen beträchtlichen Dämpfer. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Massa Tom – all die Violen können wir nix beschaffen – kein König nix hat so viele Violen. Wir mussen lieber nix die ganze Wüste wollen haben – Massa Tom, die Violen wer’n uns zu Grunden richten, warraftig!«

Toms Erregung ließ jetzt ebenfalls bedeutend nach und ich dachte, es sei von wegen der Phiolen – aber nein. Er saß da und dachte, und sein Gesicht wurde immer saurer und finsterer, und zuletzt sagte er:

»Jungens – die Sache wird nicht gehen. Wir müssen sie aufgeben!«

»Warum denn, Tom?«

»Wegen der Zollgebühren. So oft man über eine Grenze kommt – ’ne Grenze ist der Rand von einem Lande, wie ihr wohl wißt – so findet man dort ein Zollamt; und dann kommen die Zollbeamten heran und wühlen einem in den Sachen herum und erheben eine hohe Gebühr davon – und wenn wir nicht die Gebühr bezahlen, so beschummeln sie uns umunsern Sand. Sie nennen das ›konfiszieren‹ – aber damit können sie keinem Menschen was weismachen – es ist ganz einfach beschummeln. Wenn wir nun versuchen, den Sand auf dem Wege heimzubringen, auf dem wir jetzt sind, so müssen wir über so viele Grenzen wegsteigen, daß wir bald müde sein werden – denn da kommt Grenze hinter Grenze: Aegypten, Arabien, Hindustan usw., und an jeder stehen sie mit ihrer Zollgebühr bereit. Ihr seht also klar und deutlich: diesen Weg können wir nicht segeln!«

»Nu, Tom,« sagte ich, »wir können doch einfach über ihre ollen Grenzen wegsegeln. Wie solltendieuns daran hindern?«

Er sah mich betrübt an und sagte ganz ernst:

»Huck Finn – meinst du, daß das ehrlich sein würde?«

Derartige Unterbrechungen hasse ich, darum erwiderte ich gar nichts darauf, und Tom fuhr fort:

»Na, der andere Weg ist uns ja ebenfalls versperrt. Wenn wir den Weg zurücksegeln, den wir gekommen sind, so ist da das New Yorker Zollamt, und das ist schlimmer als alle anderenzusammen, von wegen der Fracht, die wir führen.«

»Warum?«

»Ja, Saharasand können sie in Amerika natürlich nicht produzieren; und auf alles, was dort nicht produziert werden kann, beträgt die Zollgebühr vierzehntausend Prozent, wenn man versucht, es aus dem Ursprungsland einzuführen.«

»Da liegt ja gar kein Sinn und Verstand drin, Tom Sawyer!«

»Wer hat denn das behauptet? Wie kannst du so zu mir sprechen, Huck Finn? Warte doch ab, bis ich sage, es sei Sinn und Verstand drin, ehe du solche Beschuldigungen gegen mich erhebst!«

»Schon gut, Tom! Nimm an, ich bereue und beweine meinen Fehler. Weiter!«

Da sagt Jim:

»Massa Tom – packen Sie diese Gebühre auf alle Dinge, wo nix in Amerrika waxen un mach Sie gar nix keine Unterschied nix?«

»Nee, das tun sie nicht.«

»Massa Tom – is nix die Segen von liebe Herrgott die wertvölligste Ding auf diese Welt?«

»Ja, das ist er.«

»Stehen nix das Preddiger auf die Kanzel un ruf die Segen nieder auf die Volk?«

»Ja.«

»Wo kommen die Segen her?«

»Vom Himmel.«

»Jawoll – da hab Sie ganz recht – ganz recht, mein süßes Herrchen – die Segen komm’ von die Himmel un die Himmel is eine fremde Land. Nu – nehm’ sie auch Zollgebühr von die Segen?«

»Nein, das tun sie nicht.«

»Natürlich tu’ sie nix! Un so is es klar, daß Sie sich tun irren, Massa Tom! Sie nehm’ doch ganz gewiß nix Gebühr von armselige Sand, die keine Mensch zu haben brauchen un lassen die beste Ding, wo niemand ohne sein können, frei von die Gebühr!«

Da saß Tom Sawyer fest! Er sah auch wohl selber ein, daß Jim ihn gefaßt hatte und daß er sich nicht rühren konnte. Allerdings versuchte er sich herauszuwinden, indem er sagte, sie hätten bloßvergessen, auch darauf eine Abgabe zu legen, aber ganz gewiß würden siebei der nächsten Kongreßtagung daran denken und sie nachträglich einführen – aber das war nur eine armselige lahme Ausrede, und Tom wußte es ganz gut. Er sagte, es gäbe außer diesem einzigen nichts Ausländisches, was nicht mit ’ner Zollgebühr belegt wäre, und darum müßten sie diese Abgabe ebenfalls festsetzen, denn sonst wären sie nicht konsistent oder konsequent, und Konsistenz wäre die erste Regel in der Politik. Er blieb dabei, sie hätten’s bloß aus Versehen ausgelassen und würden sich ganz gewiß beeilen, dies Versehen wieder gut zu machen, ehe man sie darob ertappte und auslachte.

Aber ich hatte für seine Auseinandersetzungen kein Interesse mehr, da wir nun doch mal mit unserem Sand nichts mehr anfangen konnten; denn das machte mich ganz niedergeschlagen und Jim auch. Tom versuchte uns wieder aufzuheitern, indem er sagte, er wollte eine andere Spekulation ausdenken, die für uns gerade so gut und noch besser wäre – aber das half nichts, denn wir konnten nicht glauben, daß irgend eine andere so großartig sein könnte. Es war wirklich sehr hart für uns: vor einer ganz kleinenWeile noch waren wir so reich, hätten uns ein ganzes Land kaufen und ’n Königreich drin einrichten können – und jetzt waren wir wieder so arm und so ordinär und saßen da mit all unserm Sand. Vorher hatte der Sand so reizend ausgesehen, wie lauter Gold und Diamanten, und er war so weich und so seidig und so angenehm anzufühlen gewesen – aber jetzt konnte ich nicht mal seinen Anblick mehr ertragen; es machte mich ganz krank, ihn bloß zu sehen, und ich wußte, mir würde nicht eher wieder wohl sein, als bis wir den Krempel los wären, der uns fortwährend daran erinnerte, was wir hätten sein können und nun nicht mehr waren. Den andern beiden war ganz genau so zumute wie mir. Das merkte ich ihnen an und sie wurden auf einmal ganz lustig, als ich ihnen sagte: »Laßt uns das ganze Zeug über Bord werfen!«

Na, das war ja nun ’ne ganz tüchtige Arbeit, und darum teilte Tom sie im Verhältnis zu unserer verschiedenen Stärke ein. Er sagte, er und ich sollten jeder ein Fünftel von dem Sand über Bord schaffen und Jim die anderndrei Fünftel. Dem Jim gefiel diese Einteilung aber nicht recht und er sagte:

»Natürlich sein ich die Stärkste un will auch meine Teil größer mach’ – abber bei Jingo: Sie lad’ ein bissel zu viel auf alte Jims Buckel – tu’ Sie nix, Massa Tom?«

»Na, das glaub’ ich eigentlich nicht, Jim; aber du kannst ja selber sagen, wie die Arbeit verteilt werden soll und nachher können wir dann sehen.«

Jim meinte nun, es sei nicht mehr als recht und billig, wenn Tom und ich jederein Zehntelvon der Arbeit täten. Tom drehte sich um und verzog seinen Mund zu einem Grinsen, das sich nach Westen zu über die ganze Sahara bis an den Atlantischen Ozean erstreckte. Dann wandte er sich wieder zu Jim und sagte, die Einteilung sei ganz schön und gut und er sei ganz damit einverstanden, wenn sie Jim ebenfalls recht sei. Jim war sie recht.

So maß denn Tom unsere zwei Zehntel im Bug des Schiffes ab und den Rest bekam Jim. Und es überraschte den guten Jim sehr als er sah, wie groß der Unterschied war und was füreine fürchterliche Menge Sand auf seinen Anteil kam. Er sagte, er sei doch mächtig froh, daß er zur rechten Zeit den Mund aufgetan habe, und daß der erste Vorschlag abgeändert worden sei; denn selbst so wie’s jetzt sei, meinte er, möchte auf seinen Teil wohl mehr Sand als Vergnügen kommen.

Dann fingen wir an. Es war ’ne mächtig heiße Arbeit und dazu sehr langwierig; sie war tatsächlich so heiß, daß wir zu ’ner kühleren Luftschicht aufsteigen mußten, sonst hätten wir’s einfach nicht aushalten können. Tom und ich lösten uns ab, und der eine ruhte sich immer aus, während der andere arbeitete, aber niemand war da, um den armen Jim abzulösen, und er machte diesen ganzen Teil von Afrika naß, so schwitzte er. Wir konnten nicht recht arbeiten, weil wir fortwährend lachen mußten, und Jim wollte immerzu wissen, warum wir alle Augenblicke laut herausprusteten. Da mußten wir denn irgend einen Vorwand ersinnen, und unsere Vorwände waren wirklich recht kümmerlich, aber schließlich genügten sie, denn Jim glaubte uns. Als wir endlich mit unserem Teil fertig waren, da waren wirhalb tot, aber nicht von der Arbeit, sondern vom Lachen. Jim war beinahe ganz tot, aber von der Arbeit; da lösten wir ihn denn abwechselnd ab, und er war uns dafür so dankbar, wie wir nur wünschen konnten; er setzte sich aufs Dollbord und trocknete sich den Schweiß ab und keuchte und schnaufte und sagte, wie gut wir doch zu ’nem armen alten Nigger wären und er wollt’s uns nie vergessen. Er war immer der dankbarste Nigger, den ich je gesehen habe, mochte man ihm auch nur die geringste Gefälligkeit erwiesen haben. Nigger war er überhaupt nur äußerlich – innerlich war er so weiß wie du und ich.


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