Chapter 4

„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.[pg 23]„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von neuem.„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort: „Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?Darling, schütte dein armes Herz in mich aus.“Da richtete sich Ilse heftig auf.„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt! Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr, armesdarling.“Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die Ursache[pg 24]ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber, möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer Freundin innerlich erregt war.„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin, sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in ihrer rosigen Wange.„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch, und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie[pg 25]bezwang sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu Ilse.„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich helfe dich.“Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen, bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen,[pg 26]klein Ilschen, deine Augen haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache, nicht wahr? – Gute Nacht,darling.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um jedes weitere Gespräch abzuschneiden.„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er ein böses Gesicht.“„Nellie!“„Ja, Ilse, was soll ich?“„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“„Was soll ich dir versprechen,darling?“„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen.[pg 27]Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler Schatten.Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,[pg 28]sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm schmeichelnd die Hand auf den Mund.„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer, hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert, erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus, hat dir Rieke Ärger bereitet?“„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder, damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“[pg 29]„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja, es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er seufzend.Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und Mantel herbei.„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich. Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armesdarling, o, und wie hat sie geweint!“„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist denn vorgefallen?“Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte[pg 30]geglaubt, Ilses Trotz wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach Hause.“„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich will die Depesche selbst besorgen.“„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die dunkle Nacht hinaus.“„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen Überzieher an.„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr aufgeregt.“„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen, denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest. Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie lächelte im Traume.„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs, und das Haus lag in tiefem Dunkel da.* * *[pg 31]In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer, doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“ meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich sogleich dorthin.“„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel, der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo? Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“Leo sah auf und schüttelte den Kopf.„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine Braut, die man suchte.Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber unruhig.„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“[pg 32]Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn, daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können gehen.“Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag das Mädchen nur stecken?“Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und eilte in beschleunigtem Tempo voraus.„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg. Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“[pg 33]Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich an.„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner Frau, „vielleicht ist sie dort.“Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen. Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß. „Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,[pg 34]„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach; wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab. Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen Ehepaare.Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht geschickt hatte.[pg 35]Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheidgegebenzu haben, noch nie ausgeblieben.“„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts, einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen[pg 36]Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder zurückfinden.“Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der Chaussee folgst –“„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz genau.“Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen könne.Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte[pg 37]ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging, stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt, und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem Messerbänkchen.Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette brachte.“„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb.[pg 38]Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden Überzieher auf.Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und erregt.„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.„Beim Pastor, in der Mühle –“„Warst du nicht bei Kathrine?“„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei seiner Mutter wäre.“„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein Gesicht wurde leichenblaß.Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn zugestoßen sein?“Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in der Absicht, ihm die[pg 39]Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein? Sie hatten ja überall schon nachgefragt.Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben, gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein? Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.[pg 40]„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß sie noch nicht da ist.“Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm, das wollte er nicht!Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo jetzt befand.Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.„Danke, Mama!“„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser in die Teekanne.„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die[pg 41]Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel, des Regens und Sturmes nicht achtend.„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre gealtert zu sein.„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse suchen.“„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst[pg 42]du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein Blick haftete fest auf dem Boden.Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte[pg 43]nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke gezogen.„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre und Einlaß begehrte.„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.[pg 44]„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht trauen.

„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.[pg 23]„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von neuem.„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort: „Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?Darling, schütte dein armes Herz in mich aus.“Da richtete sich Ilse heftig auf.„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt! Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr, armesdarling.“Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die Ursache[pg 24]ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber, möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer Freundin innerlich erregt war.„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin, sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in ihrer rosigen Wange.„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch, und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie[pg 25]bezwang sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu Ilse.„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich helfe dich.“Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen, bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen,[pg 26]klein Ilschen, deine Augen haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache, nicht wahr? – Gute Nacht,darling.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um jedes weitere Gespräch abzuschneiden.„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er ein böses Gesicht.“„Nellie!“„Ja, Ilse, was soll ich?“„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“„Was soll ich dir versprechen,darling?“„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen.[pg 27]Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler Schatten.Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,[pg 28]sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm schmeichelnd die Hand auf den Mund.„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer, hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert, erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus, hat dir Rieke Ärger bereitet?“„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder, damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“[pg 29]„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja, es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er seufzend.Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und Mantel herbei.„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich. Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armesdarling, o, und wie hat sie geweint!“„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist denn vorgefallen?“Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte[pg 30]geglaubt, Ilses Trotz wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach Hause.“„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich will die Depesche selbst besorgen.“„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die dunkle Nacht hinaus.“„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen Überzieher an.„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr aufgeregt.“„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen, denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest. Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie lächelte im Traume.„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs, und das Haus lag in tiefem Dunkel da.* * *[pg 31]In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer, doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“ meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich sogleich dorthin.“„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel, der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo? Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“Leo sah auf und schüttelte den Kopf.„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine Braut, die man suchte.Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber unruhig.„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“[pg 32]Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn, daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können gehen.“Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag das Mädchen nur stecken?“Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und eilte in beschleunigtem Tempo voraus.„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg. Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“[pg 33]Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich an.„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner Frau, „vielleicht ist sie dort.“Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen. Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß. „Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,[pg 34]„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach; wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab. Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen Ehepaare.Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht geschickt hatte.[pg 35]Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheidgegebenzu haben, noch nie ausgeblieben.“„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts, einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen[pg 36]Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder zurückfinden.“Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der Chaussee folgst –“„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz genau.“Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen könne.Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte[pg 37]ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging, stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt, und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem Messerbänkchen.Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette brachte.“„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb.[pg 38]Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden Überzieher auf.Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und erregt.„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.„Beim Pastor, in der Mühle –“„Warst du nicht bei Kathrine?“„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei seiner Mutter wäre.“„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein Gesicht wurde leichenblaß.Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn zugestoßen sein?“Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in der Absicht, ihm die[pg 39]Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein? Sie hatten ja überall schon nachgefragt.Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben, gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein? Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.[pg 40]„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß sie noch nicht da ist.“Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm, das wollte er nicht!Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo jetzt befand.Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.„Danke, Mama!“„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser in die Teekanne.„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die[pg 41]Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel, des Regens und Sturmes nicht achtend.„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre gealtert zu sein.„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse suchen.“„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst[pg 42]du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein Blick haftete fest auf dem Boden.Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte[pg 43]nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke gezogen.„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre und Einlaß begehrte.„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.[pg 44]„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht trauen.

„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“

„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.

„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von neuem.

„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“

Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.

„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort: „Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?Darling, schütte dein armes Herz in mich aus.“

Da richtete sich Ilse heftig auf.

„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt! Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.

„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr, armesdarling.“

Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die Ursache[pg 24]ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber, möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer Freundin innerlich erregt war.

„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.

„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.

„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.

„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin, sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in ihrer rosigen Wange.

„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“

„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch, und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie[pg 25]bezwang sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?

Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu Ilse.

„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich helfe dich.“

Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.

„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen, bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.

„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.

„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.

„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.

Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen,[pg 26]klein Ilschen, deine Augen haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache, nicht wahr? – Gute Nacht,darling.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um jedes weitere Gespräch abzuschneiden.

„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er ein böses Gesicht.“

„Nellie!“

„Ja, Ilse, was soll ich?“

„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“

„Was soll ich dir versprechen,darling?“

„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“

„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“

Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.

In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.

„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen.[pg 27]Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler Schatten.

Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.

Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.

Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,[pg 28]sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.

„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm schmeichelnd die Hand auf den Mund.

„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer, hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.

„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert, erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus, hat dir Rieke Ärger bereitet?“

„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder, damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“

„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja, es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er seufzend.

Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.

„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“

Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und Mantel herbei.

„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“

Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.

„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“

„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich. Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armesdarling, o, und wie hat sie geweint!“

„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist denn vorgefallen?“

Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.

„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“

Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.

„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte[pg 30]geglaubt, Ilses Trotz wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach Hause.“

„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“

„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich will die Depesche selbst besorgen.“

„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die dunkle Nacht hinaus.“

„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen Überzieher an.

„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr aufgeregt.“

„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen, denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“

Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest. Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie lächelte im Traume.

„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs, und das Haus lag in tiefem Dunkel da.

* * *

In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer, doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“ meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich sogleich dorthin.“

„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel, der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo? Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“

Leo sah auf und schüttelte den Kopf.

„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“

Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine Braut, die man suchte.

Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber unruhig.

„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.

Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“

Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn, daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.

„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.

Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:

„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.

„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können gehen.“

Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.

„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag das Mädchen nur stecken?“

Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und eilte in beschleunigtem Tempo voraus.

„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg. Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“

Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.

Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.

Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich an.

„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner Frau, „vielleicht ist sie dort.“

Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.

Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen. Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß. „Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,[pg 34]„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“

Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach; wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab. Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen Ehepaare.

Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht geschickt hatte.

Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.

„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.

„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheidgegebenzu haben, noch nie ausgeblieben.“

„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.

„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“

Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.

Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts, einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.

Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen[pg 36]Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.

„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder zurückfinden.“

Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.

„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“

„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“

„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der Chaussee folgst –“

„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz genau.“

Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen könne.

Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.

„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte[pg 37]ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging, stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.

„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt, und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“

Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem Messerbänkchen.

Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.

„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette brachte.“

„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“

„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.

Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb.[pg 38]Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden Überzieher auf.

Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.

„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und erregt.

„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.

„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“

„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.

„Beim Pastor, in der Mühle –“

„Warst du nicht bei Kathrine?“

„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei seiner Mutter wäre.“

„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein Gesicht wurde leichenblaß.

Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn zugestoßen sein?“

Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in der Absicht, ihm die[pg 39]Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein? Sie hatten ja überall schon nachgefragt.

Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben, gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein? Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!

„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“

Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.

Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.

„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.

„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.

„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß sie noch nicht da ist.“

Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm, das wollte er nicht!

Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo jetzt befand.

Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.

„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.

„Danke, Mama!“

„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser in die Teekanne.

„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die[pg 41]Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.

„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.

Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel, des Regens und Sturmes nicht achtend.

„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“

Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre gealtert zu sein.

„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse suchen.“

„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst[pg 42]du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.

„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.

„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein Blick haftete fest auf dem Boden.

Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.

Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte[pg 43]nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.

Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke gezogen.

„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.

„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.

Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre und Einlaß begehrte.

„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.

„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht trauen.


Back to IndexNext