Chapter 13

Es war ein schöner Sommerabend. Die Sonne war im Untergehen, Gold- und Purpurstreifen färbten den Abendhimmel. In der Villa Ilse Gontraus waren die Fenster weit geöffnet, von allen Seiten strömte die reine Luft herein, aber im Hause herrschte eine eigentümliche, schwere Stille. Lautlos ging die Dienerschaft hin und her, mit ernsten Gesichtern, behutsam jede Tür hinter sich schließend, jedes Geräusch vermeidend. Im Wohnzimmer waren Ruth von Holten, Marianne Müller, Irma, Agnes und Flora versammelt. Sie flüsterten leise, mit feuchtschimmernden Augen. Die Kleinen waren zur Stille ermahnt worden und hattenversprochen sehr brav zu sein; sie wußten, Großmama war krank und konnte keinen Lärm vertragen — nur gute Nacht wollten sie ihr noch sagen. Sie hatten gehört, daß Großmama sterben würde, aber sie fürchteten sich nicht. Irma brachte sie an Frau Gontraus Bett. Leise flüsterte ein süßes Kinderstimmchen nach dem andern: „Gute Nacht Omama!“Die alte Dame mit dem weißen, abgezehrten Antlitz vermochte nicht mehr zu sprechen, aber sie lächelte noch matt und bewegte die Hand wie zum Gruße. Nun waren die Kleinen verschwunden, und ihre Eltern umstanden das Sterbebett.Kein heftiger Schmerz, nur eine stille Wehmut erfüllte alle Herzen. Großmutter Ilse war eigentlich nicht krank gewesen, ihre Kräfte hatten in den letzten Jahren ganz allmählich abgenommen, aber ob auch der Körper versagte, ihr Geist blieb klar, und sie war dankbar, daß nun ohne viel Schmerzen das Ende nahte. Sie wußte, daß sie sterben würde, und sah dem Tod mit großer Ruhe entgegen. Vor wenigen Tagen hatte sie Ruth, welche sie pflegte, gebeten, alle ihre Lieben noch einmal an ihr Lager zu rufen, und zärtlich und heiter ihren Enkeln und Urenkeln zugenickt. Sie hatte dabei geäußert, wie dankbar sie sich des Glückes ihrer Kinder freue, und sie gebeten, nicht um sie zu trauern, denn es sei nichts Betrübendes, wenn eine alte Frau, deren Leben ein so überreich gesegnetes gewesen, zur ewigen Ruhe einginge, umgeben von allen, die ihr teuer waren. —Es schien jetzt, als ob sie schlummerte, so friedlich und still lag sie in den Kissen, ihr Atem aber ging schwächer und schwächer. Durch die offenen Fenster des Sterbezimmers warf die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen und überhauchte das weiße Antlitz noch einmal mit warmer Glut. Großmutters Lippen bewegten sich leise, die dunklen Augenöffneten sich und richteten sich auf alle, die um ihr Lager standen, sie erkannte sie und lächelte. Es war, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie vermochte es nicht; da blieb ihr brechender Blick auf einer Gestalt im Hintergrunde haften, die sich halb verborgen hielt, als gehörte sie nicht in den Kreis der Kinder. Ilse winkte mit der Hand, und Onkel Heinz näherte sich dem Bett, während die andern ihm liebevoll Platz machten.Und das alte, ach so alte Antlitz des Greises wurde auch vom Abendrot beleuchtet, und in seinen erloschenen Augen schimmerte ein Glanz, als er sich über die Sterbende neigte, und ihre kalten Finger den Druck seiner welken Hand noch für eine Sekunde erwiderten.Eine große feierliche Stille herrschte in dem Gemach, in das der Tod eingetreten war. Niemand wagte zu sprechen. Endlich, als die letzte Glut am Himmel verglomm, näherte Ruth sich dem Sterbebett und löste die Hand des alten Mannes aus der Hand der Toten.„Komm, Onkel Heinz,“ bat sie sanft.Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute er sie an. Dann strich er ehrerbietig und leise über die Stirn der toten Freundin und flüsterte:„Ich folge Ihnen bald, Frau Ilse.“Und so geschah es auch.

Es war ein schöner Sommerabend. Die Sonne war im Untergehen, Gold- und Purpurstreifen färbten den Abendhimmel. In der Villa Ilse Gontraus waren die Fenster weit geöffnet, von allen Seiten strömte die reine Luft herein, aber im Hause herrschte eine eigentümliche, schwere Stille. Lautlos ging die Dienerschaft hin und her, mit ernsten Gesichtern, behutsam jede Tür hinter sich schließend, jedes Geräusch vermeidend. Im Wohnzimmer waren Ruth von Holten, Marianne Müller, Irma, Agnes und Flora versammelt. Sie flüsterten leise, mit feuchtschimmernden Augen. Die Kleinen waren zur Stille ermahnt worden und hattenversprochen sehr brav zu sein; sie wußten, Großmama war krank und konnte keinen Lärm vertragen — nur gute Nacht wollten sie ihr noch sagen. Sie hatten gehört, daß Großmama sterben würde, aber sie fürchteten sich nicht. Irma brachte sie an Frau Gontraus Bett. Leise flüsterte ein süßes Kinderstimmchen nach dem andern: „Gute Nacht Omama!“

Die alte Dame mit dem weißen, abgezehrten Antlitz vermochte nicht mehr zu sprechen, aber sie lächelte noch matt und bewegte die Hand wie zum Gruße. Nun waren die Kleinen verschwunden, und ihre Eltern umstanden das Sterbebett.

Kein heftiger Schmerz, nur eine stille Wehmut erfüllte alle Herzen. Großmutter Ilse war eigentlich nicht krank gewesen, ihre Kräfte hatten in den letzten Jahren ganz allmählich abgenommen, aber ob auch der Körper versagte, ihr Geist blieb klar, und sie war dankbar, daß nun ohne viel Schmerzen das Ende nahte. Sie wußte, daß sie sterben würde, und sah dem Tod mit großer Ruhe entgegen. Vor wenigen Tagen hatte sie Ruth, welche sie pflegte, gebeten, alle ihre Lieben noch einmal an ihr Lager zu rufen, und zärtlich und heiter ihren Enkeln und Urenkeln zugenickt. Sie hatte dabei geäußert, wie dankbar sie sich des Glückes ihrer Kinder freue, und sie gebeten, nicht um sie zu trauern, denn es sei nichts Betrübendes, wenn eine alte Frau, deren Leben ein so überreich gesegnetes gewesen, zur ewigen Ruhe einginge, umgeben von allen, die ihr teuer waren. —

Es schien jetzt, als ob sie schlummerte, so friedlich und still lag sie in den Kissen, ihr Atem aber ging schwächer und schwächer. Durch die offenen Fenster des Sterbezimmers warf die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen und überhauchte das weiße Antlitz noch einmal mit warmer Glut. Großmutters Lippen bewegten sich leise, die dunklen Augenöffneten sich und richteten sich auf alle, die um ihr Lager standen, sie erkannte sie und lächelte. Es war, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie vermochte es nicht; da blieb ihr brechender Blick auf einer Gestalt im Hintergrunde haften, die sich halb verborgen hielt, als gehörte sie nicht in den Kreis der Kinder. Ilse winkte mit der Hand, und Onkel Heinz näherte sich dem Bett, während die andern ihm liebevoll Platz machten.

Und das alte, ach so alte Antlitz des Greises wurde auch vom Abendrot beleuchtet, und in seinen erloschenen Augen schimmerte ein Glanz, als er sich über die Sterbende neigte, und ihre kalten Finger den Druck seiner welken Hand noch für eine Sekunde erwiderten.

Eine große feierliche Stille herrschte in dem Gemach, in das der Tod eingetreten war. Niemand wagte zu sprechen. Endlich, als die letzte Glut am Himmel verglomm, näherte Ruth sich dem Sterbebett und löste die Hand des alten Mannes aus der Hand der Toten.

„Komm, Onkel Heinz,“ bat sie sanft.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute er sie an. Dann strich er ehrerbietig und leise über die Stirn der toten Freundin und flüsterte:

„Ich folge Ihnen bald, Frau Ilse.“

Und so geschah es auch.

Anmerkungen zur Transkription:Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt. Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle.Seite 6: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:wirklich nichtbeurteilen.wirklich nichtbeurteilen.“Seite 18: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:Maud lachte.Wirkannten niemand; Tante RuthMaud lachte.„Wirkannten niemand; Tante RuthSeite 19: Fehlendes Komma ergänzt:„Aber Kinder,“ fragteIlse„habt ihr in Paris denn nie eine„Aber Kinder,“ fragteIlse,„habt ihr in Paris denn nie eineSeite 23: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacherArbeiter.praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacherArbeiter.“Seite 26: Überflüssiges Anführungszeichen gelöscht:„Nein,“Onkel Heinz weiß es nicht,“ erklärte Ilse bestimmt,„Nein,Onkel Heinz weiß es nicht,“ erklärte Ilse bestimmt,Seite 33: „ihre“ geändert zu „Ihre“:sindihreNichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«sindIhreNichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«Seite 40: „nud“ geändert zu „und“:sich in schönster Ordnung befand, mußten Ilsenudsich in schönster Ordnung befand, mußten IlseundSeite 44: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:sie den Stich nicht verstanden;einegeistig hochstehende Frau kannsie den Stich nicht verstanden;„einegeistig hochstehende Frau kannSeite 45: Komma richtig platziert:kommen. Die Kinder erhoben Einsprachedagegen ,undOnkel Heinzkommen. Die Kinder erhoben Einsprachedagegen, undOnkel HeinzSeite 50: „sie“ geändert zu „Sie“:geliebt,“ scherzte der Professor. „Ich erinnere mich noch, daßsieunsgeliebt,“ scherzte der Professor. „Ich erinnere mich noch, daßSieunsSeite 55: „so' ner“ geändert zu „so 'ner“:vonso' nerAussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genauvonso 'nerAussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genauSeite 59: „teil“ geändert zu „Teil“:gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zumteilüber einengewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zumTeilüber einenSeite 60: „La France-Rosn“ geändert zu „La France-Rosen“:ihr zwei prachtvolleLa France-Rosn.ihr zwei prachtvolleLa France-Rosen.Seite 72: Fehlendes „zu“ ergänzt:zu ärgern, sondernsich bemühen, durch eigene Verdienste das zuzu ärgern, sondernsich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zuSeite 76: Fehlenden Punkt ergänzt:Alle jubelten undlachten„Georg, er soll leben!“ schallte es hellAlle jubelten undlachten.„Georg, er soll leben!“ schallte es hellSeite 86: „konnten“ geändert zu „konnte“:Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihenkonnten.Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihenkonnte.Seite 116: „verzweifelsten“ geändert zu „verzweifeltsten“:augenscheinlich dieverzweifelstenAnstrengungen machte, das Feueraugenscheinlich dieverzweifeltstenAnstrengungen machte, das FeuerSeite 125: Fehlenden Punkt ergänzt:willig fort, mit dem Versprechen, nichts zuvergessenwillig fort, mit dem Versprechen, nichts zuvergessen.Seite 130: „beiligte“ geändert zu „beteiligte“:Vorschein. Ein jederbeiligtesich beim Bedienen, schnitt vor oderVorschein. Ein jederbeteiligtesich beim Bedienen, schnitt vor oderSeite 134: „!“ geändert zu „:“:Das Mädchen trat ein undmeldete!„Fräulein Elisabeth Müller wünschtDas Mädchen trat ein undmeldete:„Fräulein Elisabeth Müller wünschtSeite 139: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:dürfen wir nichtvergessen.dürfen wir nichtvergessen.“Seite 139: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:nicht zu unsrenAmerikanern.nicht zu unsrenAmerikanern.“Seite 140: „sie“ geändert zu „Sie“:„Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daßsieein„Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daßSieeinSeite 142: Fehlendes Komma ergänzt:„Ich binbetrübtKindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.„Ich binbetrübt,Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.Seite 144: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmenwürden.dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmenwürden.“Seite 154: „im“ geändert zu „in“:ihr eine geheime Stimmeimihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmamaihr eine geheime Stimmeinihrem Innern, daß ihre Eltern der GroßmamaSeite 159: Fehlendes Komma ergänzt:gälte es die wichtigstenDingeüber eine hübsche Bluse oder einengälte es die wichtigstenDinge,über eine hübsche Bluse oder einenSeite 165: „Keise“ geändert zu „Kreise“:Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihremKeiseerschien. ErErstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihremKreiseerschien. ErSeite 167: Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit „Teil, nahme“ geändert in „Teilnahme“:freundlich mit ihm, bewies plötzlich so vielTeil,nahmean allem, wasfreundlich mit ihm, bewies plötzlich so vielTeilnahmean allem, wasSeite 168: Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:Bisherhabe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich„Bisherhabe ich mich noch nie danach gesehnt. IchSeite 178: Fehlenden Punkt ergänzt:schon am folgenden Tage müsse erabreisenAusrufe des Bedauerns, derschon am folgenden Tage müsse erabreisen.Ausrufe des Bedauerns, derSeite 184: „Hans“ geändert zu „Otto“:mir undHansvon Hochstein vorgefallen ist?“mir undOttovon Hochstein vorgefallen ist?“Seite 190: „herrliche“ geändert zu „herrlichen“:enthielten außer einem Bericht über dieherrlicheMusikaufführungenenthielten außer einem Bericht über dieherrlichenMusikaufführungenSeite 192: Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit „her, vor“ geändert in „hervor“:hinter den Brillengläsernher,vorseine alten, scharfen Augen mit einemhinter den Brillengläsernhervorseine alten, scharfen Augen mit einem

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt. Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle.


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