Chapter 3

Kalaf. Mich jammert Euer Unglück. Ja, Prinzessin,Aufricht'ge Thränen zoll' ich Eurem Leiden—Doch Euer grausam Loos, nicht TurandotKlagt an—Eu'r Bruder fiel durch eigne Schuld,Euer Vater stürzte sich und sein GeschlechtDurch übereilten Rathschluß ins Verderben.Sagt, was kann ich, selbst ein Unglücklicher,Ein Ball der Schicksalsmächte, für Euch thun?Ersteig' ich morgen meiner Wünsche Gipfel,So sollt Ihr frei und glücklich sein—Doch jetztKann Euer Unglück nichts als meins vermehren.

Adelma. Der Unbekannten konntet Ihr mißtrauen;Ihr kennt mich nun—Der Fürstin werdet Ihr,Der Königstochter, glauben, was sie EuchAns Mitleid sagen muß und lieber nochAus Zärtlichkeit, aus Liebe sagen möchte.—O, möchte dies befangne Herz mir trauen,Wenn ich jetzt wider die Geliebte zeuge!

Kalaf. Adelma, sprecht, was habt Ihr mir zu sagen?

Adelma. Wißt also, Prinz—Doch nein, Ihr werdet glaubenIch sei gekommen, Euch zu täuschen, werdetMit jenen feilen Seelen mich verwechseln,Die für das Sklavenjoch geboren sind.

Kalaf. Quält mich nicht länger! Ich beschwör' Euch, sprecht!Was ist's? Was habt Ihr mir von ihr zu sagen,Die meines Lebens einz'ge Göttin ist?

Adelma (bei Seite). Gib Himmel, daß ich jetzt ihn überrede!

(Zu Kalaf sich wendend.)

Prinz, diese Turandot, die schändliche,Herzlose, falsche, hat Befehl gegeben,Euch heut am frühen Morgen zu ermorden.—Dies ist die Liebe Eurer Lebensgöttin!

Kalaf. Mich zu ermorden?

Adelma. Ja, Euch zu ermorden!Beim ersten Schritt aus diesem Zimmer tauchenSich zwanzig Degenspitzen Euch ins Herz,So hat es die Unmenschliche befohlen.

Kalaf (steht schnell auf und geht gegen die Thüre).Ich will die Wache unterrichten.

Adelma (hält ihn zurück). Bleibt!Wo wollt Ihr hin? Ihr hofft noch, Euch zu retten?Unglücklicher, Ihr wißt nicht, wo Ihr seid,Daß Euch des Mordes Netze rings umgeben!Dieselben Wachen, die der Kaiser EuchZu Hütern Eures Lebens gab, sie sind—Gedingt von seiner Tochter, Euch zu tödten.

Kalaf (außer sich, laut und heftig mit dem Ausdruck desinnigsten Leides).O Timur! Timur! Unglücksel'ger Vater!So muß dein Kalaf endigen! Du mußtNach Peckin kommen, auf sein Grab zu weinen!Das ist der Trost, den dir dein Sohn versprach!—Furchtbares Schicksal!

(Er verhüllt sein Gesicht, ganz seinem Schmerz hingegeben.)

Adelma (für sich, mit frohem Erstaunen). Kalaf! Timurs Sohn!Glücksel'ger Fund!—Fall' es nun, wie es wolle!Entgeh' er meinen Schlingen auch, ich trageMit diesen Namen sein Geschick in Händen.

Kalaf. So bin ich mitten unter den Soldaten,Die man zum Schutz mir an die Seite gab,Verrathen! Ach, wohl sagte mir's vorhinDer feilen Sklaven einer, daß BestechungUnd Furcht des Mächtigen das schwache BandDer Treue lösen—Leben, fahre hin!Vergeblich ist's, dem grausamen Gestirn,Das uns verfolgt, zu widerstehn—Du sollstDen Willen haben, Grausame—dein AugAn meinem Blute weiden! Süßes Leben,Fahr hin! Nicht zu entfliehen ist dem Schicksal.

Adelma (mit Feuer). Prinz, zum Entfliehen zeig' ich Euch die Wege,Nicht müß'ge Thränen bloß hab' ich für Euch.Gewacht hab' ich indeß, gesorgt, gehandelt,Kein Gold gespart, die Hüter zu bestechen.Der Weg ist offen. Folgt mir! Euch vom Tode,Mich aus den Banden zu befreien, komm' ich.Die Pferde warten, die Gefährten sindBereit. Laßt uns aus diesen Mauern fliehen,Worauf der Fluch der Götter liegt. Der KhanVon Berlas ist mein Freund, ist mir durch BandeDes Bluts verknüpft und heilige Verträge.Er wird uns schützen, seine Staaten öffnen,Uns Waffen leihen, meiner Väter ReichZurück zu nehmen, daß ich mit Euch theile,Wenn Ihr der Liebe Opfer nicht verschmäht.Verschmäht Ihr's aber und verachtet mich,So ist die Tartarei noch reich genugAn Fürstentöchtern, dieser TurandotAn Schönheit gleich und zärtlicher als sie.Aus ihnen wählt Euch eine würdigeGemahlin aus! Ich—will mein Herz besiegen,Nur rettet, rettet dieses theure Leben!

(Sie spricht das Folgende mit immer steigender Lebhaftigkeit, indem sie ihn bei der Hand ergreift und mit sich fortzureißen sucht.)

O, kommt! Die Zeit entflieht, indem wir sprechen.Die Hähne krähn, schon regt sich's im Palast,Todbringend steigt der Morgen schon herauf.Fort, eh der Rettung Pforten sich verschließen!

Kalaf. Großmüthige Adelma! Einz'ge Freundin!Wie schmerzt es mich, daß ich nach Berlas EuchNicht folgen, nicht der Freiheit süß Geschenk,Nicht Euer väterliches Reich zurückEuch geben kann—Was würde AltoumZu dieser heimlichen Entweichung sagen?Macht' ich nicht schändlichen Verraths mich schuldig,Wenn ich, des Gastrechts heilige GebräucheVerletzend, aus dem innersten SerailDie werthgehaltne Sklavin ihm entführte?—Mein Herz ist nicht mehr mein, Adelma. SelbstDer Tod, den jene Stolze mir bereitet,Wird mir willkommen sein von ihrer Hand.—Flieht ohne mich, flieht, und geleiten EuchDie Götter! Ich erwarte hier mein Schicksal.Noch tröstlich ist's, für Turandot zu sterben,Wenn ich nicht leben kann für sie—Lebt wohl!

Adelma. Sinnloser! Ihr beharrt? Ihr seid entschlossen?

Kalaf. Zu bleiben und den Mordstreich zu erwarten.

Adelma. Ha, Undankbarer! Nicht die Liebe ist's,Die Euch zurückhält—Ihr verachtet mich!Ihr wählt den Tod, um nur nicht mir zu folgen!Verschmähet meine Hand, verachtet mich;Nur flieht, nur rettet, rettet Euer Leben!

Kalaf. Verschwendet Eure Worte nicht vergebens;Ich bleibe und erwarte mein Geschick.

Adelma. So bleibet denn! Auch ich will Sklavin bleiben,Ohn' Euch verschmäh' ich auch der Freiheit Glück.Laß sehn, wer von uns beiden, wenn es gilt,Dem Tode kühner trotzt! (Von ihm wegtretend.)Wär' ich die Erste,Die durch Beständigkeit ans Ziel gelangte? (Für sich. Mit Accent.)Kalaf! Sohn Timurs! (Verneigt sich spottend.)Unbekannter Prinz!Lebt wohl! (Geht ab.)

Kalaf (allein). Wird diese Schreckensnacht nicht enden?Wer hat auf solcher Folter je gezittert?Und endet sie, welch neues größres SchrecknißBereitet mir der Tag! Aus welchen Händen!Hat meine edelmüthig treue LiebeSolches um dich verdient, tyrannisch Herz!—Wohlan! Den Himmel färbt das Morgenroth,Die Sonne steigt herauf, und allen WesenBringt sie das Leben, mir bringt sie den Tod!Geduld, mein Herz, dein Schicksal wird sich lösen!

Eilfter Auftritt.

Brigella. Kalaf.

Brigella. Der Divan wird versammelt, Herr. Die StundeIst da. Macht Euch bereit!

Kalaf (mißt ihn mit wilden, scheuen Blicken). Bist du das Werkzeug?Wo hast du deinen Dolch versteckt? Mach's kurz!Vollziehe die Befehle, die du hast!Du raubst mir nichts, worauf ich Werth noch legte.

Brigella. Was für Befehle, Herr? Ich habe keinenBefehl, als Euch zum Divan zu begleiten,Wo Alles schon versammelt ist.

Kalaf (nach einigem Nachsinnen, resigniert). Laß uns denn gehn!Ich weiß, daß ich den Divan lebend nichtErreichen werde—Sieh, ob ich dem TodBeherzt entgegen treten kann.

Brigella (sieht ihn erstaunt an).Was Teufel schwatzt er da von Tod und Sterben?Verwünschtes Weibervolk! Sie haben ihnIn dieser ganzen Nacht nicht schlafen lassen;Nun ist er gar im Kopf verrückt!

Kalaf (wirft das Schwert auf den Boden). Da liegtMein Schwert. Ich will mich nicht zur Wehre setzen.Die Grausame erfahre wenigstens,Daß ich die unbeschützte Brust von selbstDem Streich des Todes dargeboten habe!

(Er geht ab und wird, sowie er hinaustritt, von kriegerischemSpiel empfangen.)

Fünfter Aufzug.

Die Scene ist die vom zweiten Aufzug.

Im Hintergrunde des Divans steht ein Altar mit einer chinesischen Gottheit und zwei Priestern, welche nach Aufziehung eines Vorhangs sichtbar werden.—Bei Eröffnung des Akts sitzt Altoum auf seinem Throne. Pantalon und Tartaglia stehen zu seinen beiden Seiten; die acht Doktoren an ihrem Platze, die Wache unter dem Gewehre.

Erster Auftritt.

Altoum. Pantalon. Tartaglia. Doctoren. Wache. Gleich darauf Kalaf.

Kalaf (tritt mit einer stürmischen Bewegung in den Saal, vollArgwohn hinter sich schauend. In der Mitte der Scene verbeugter sich gegen den Kaiser, dann für sich).Wie? Ich bin lebend hier—Mit jedem SchrittErwartet' ich die zwanzig Schwerter in der BrustZu fühlen, und, von Niemand angefallen,Hab' ich den ganzen Weg znrückgelegt?So hätte mir Adelma falsche BotschaftVerkündet—oder Turandot entdeckteDie Namen, und mein Unglück ist gewiß!

Altoum. Mein Sohn! ich sehe deinen Blick umwölkt,Dich quälen Furcht und Zweifel—Fürchte nichts mehr!Bald werd' ich deine Stirn erheitert sehn,In wenig Stunden endet deine Prüfung.—Geheimnisse von freudenreichem InhaltHab' ich für dich—Noch will ich sie im BusenVerschließen, theurer Jüngling, bis dein Herz,Der Freude offen, sie vernehmen kann.—Doch merke dir: Nie kommt das Glück allein;Es folgt ihm stets, mit reicher Gaben FülleBeladen, die Begleitung nach—Du bistMein Sohn, mein Eidam! Turandot ist dein!Dreimal hat sie in dieser Nacht zu mirGesendet, mich beschworen und gefleht,Sie von der furchtbarn Probe loszusprechen.Daraus erkenne, ob du Ursach hast,Sie mit getrostem Herzen zu erwarten.

Pantalon (zuversichtlich).Das könnt Ihr, Hoheit! Auf mein Wort! Was dasBetrifft, damit hat's seine Richtigkeit.Nehmt meinen Glückwunsch an! Heut ist die Hochzeit.Zweimal ward ich in dieser Nacht zu ihrGeholt; sie hatt' es gar zu eilig; kaumLieß sie mir Zeit, den Fuß in die PantoffelZu stecken; ungefrühstückt ging ich hin;Es war so grimmig kalt, daß mir der BartNoch zittert—Aufschub sollt' ich ihr verschaffen,Rath schaffen sollt' ich—bei der MajestätFürsprach einlegen—Ja, was sollt' ich nicht!'s war mir ein rechtes Gaudium und Labsal,Ich leugn' es nicht, sie desperat zu sehn.

Tartaglia. Ich ward um sechs Uhr zu ihr hin beschieden;Der Tag brach eben an; sie hatte nichtGeschlafen und sah aus wie eine Eule.Wohl eine halbe Stunde bat sie mich,Gab mir die schönsten Worte, doch umsonst!Ich glaube gar, ich hab' ihr bittre DingeGesagt vor Ungeduld und grimm'ger Kälte.

Altoum. Seht, wie sie bis zum letzten AugenblickNoch zaudert! Doch sie sperret sich umsonst.Gemessene Befehle sind gegeben,Daß sie durchaus im Divan muß erscheinen,Und ist's mit Güte nicht, so ist's mit Zwang.Sie selbst hat mich durch ihren EigensinnBerechtigt, diese Strenge zu gebrauchen.Erfahre sie die Schande nun, die ichUmsonst ihr sparen wollte—Freue dich,Mein Sohn! Nun ist's an dir, zu triumphiren!

Kalaf. Ich dank' Euch, Sire. Mich freuen kann ich nicht.Zu schmerzlich leid' ich selbst, daß der GeliebtenUm meinetwillen Zwang geschehen soll.Viel lieber wollt' ich—Ach, ich könnte nicht!Was wäre Leben ohne sie?—VielleichtGelingt es endlich meiner zärtlichenBewerbung, ihren Abscheu zu besiegen,Ihn einst vielleicht in Liebe zu verwandeln.Mein ganzes Wollen soll ihr Sklave sein,Und all mein höchstes Wünschen ihre Liebe.Wer eine Gunst bei mir erlangen will,Wird keines andern Fürsprachs nöthig haben,Als eines Winks aus ihrem schönen Aug.Kein Nein aus meinem Munde soll sie kränken,Solang die Parze meinen Faden spinnt;Soweit die Welle meines Lebens rinnt,Soll sie mein einzig Träumen sein und Denken!

Altoum. Auf denn! Man zögre länger nicht! Der DivanWerde zum Tempel! Man erhebe den Altar!Der Priester halte sich bereit! Sie sollBei ihrem Eintritt gleich ihr Schicksal lesenUnd soll erfahren, daß ich wollen kann,Was ich ihr schwur.

(Der hintere Vorhang wird aufgezogen; man erblickt den chinesischenGötzen, den Altar und die Priester, Alles mit Kerzen beleuchtet.)

Man öffne alle Pforten.Das ganze Volk soll freien Eingang haben!Zeit ist's, daß dieses undankbare KindDen tausendfachen Kummer uns bezahle,Den sie auf unser greises Haupt gehäuft.

(Man hört einen lugubren Marsch mit gedämpften Trommeln. Bald darauf zeigt sich Truffaldin mit Verschnittenen; hinter ihnen die Sklavinnen, darauf Turandot, alle in schwarzen Flören, die Frauen in schwarzen Schleiern.)

Pantalon. Sie kommt! Sie kommt! Still! Welche Klagmusik!Welch trauriges Gepräng! Ein Hochzeitmarsch,Der völlig einem Leichenzuge gleicht!

(Der Aufzug erfolgt ganz auf dieselbe Weise und mit denselbenCeremonien wie im zweiten Akt.)

Zweiter Auftritt.

Vorige. Turandot. Adelma. Zelima. Ihre Sklavinnen und Verschnittenen.

Turandot (nachdem sie ihren Thron bestiegen, und eine allgemeineStille erfolgt, zu Kalaf.)Dies Traurgepränge, unbekannter Prinz,Und dieser Schmerz, den mein Gefolge zeigt,Ich weiß, ist Eurem Auge süße Weide.Ich sehe den Altar geschmückt, den PriesterZu meiner Trauung schon bereit, ich leseDen Hohn in jedem Blick und möchte weinen.Was Kunst und tiefe Wissenschaft nur immerVermochten, hab' ich angewandt, den SiegEuch zu entreißen, diesem Augenblick,Der meinen Ruhm vernichtet, zu entziehen;Doch endlich muß ich meinem Schicksal weichen.

Kalaf. O, läse Turandot in meinem Herzen,Wie ihre Trauer meine Freude dämpft,Gewiß, es würde ihren Zorn entwaffnen.War's ein Vergehn, nach solchem Gut zu streben,Ein Frevel wär's, es zaghaft aufzugeben!

Altoum. Prinz, der Herablassung ist sie nicht werth.An ihr ist's jetzo, sich herabzugeben!Kann sie's mit edelm Anstand nicht, mag sieSich darein finden. wie sie kann—Man schreiteZum Werk! Der Instrumente froher ScharVerkünde laut—

Turandot. Gemach! Damit ist's noch zu früh!

(Aufstehend und zu Kalaf sich wendend.)

Vollkommner konnte mein Triumph nicht sein,Als dein getäuschtes Herz in süße HoffnungErst einzuwiegen und mit einemmalNun in den Abgrund nieder dich zu schlendern.

(Langsam und mit erhobner Stimme.)

Hör', Kalaf, Timurs Sohn, verlaß den Divan!Die beiden Namen hat mein Geist gefunden,Such' eine andre Braut—Weh dir und Allen,Die sich im Kampf mit Turandot versuchen!

Kalaf. O, ich Unglücklicher!

Altoum. Ist's möglich? Götter!

Pantalon. Heil'ge Katharina! (Zu Tartaglia.)Geht heim! Laßt Euch den Bart auszwicken, Doctor!

Tartaglia. Allerhöchster Tien! Mein Verstand steht still!

Kalaf. Alles verloren! Alle Hoffnung todt!—Wer steht mir bei? Ach, mir kann Niemand helfen!Ich bin mein eigner Mörder; meine LiebeVerlier' ich, weil ich allzusehr geliebt!—Warum hab' ich die Räthsel gestern nichtMit Fleiß verfehlt, so läge dieses HauptJetzt ruhig in dem ew'gen Schlaf des Todes,Und meine bange Seele hätte Luft.Warum, zu güt'ger Kaiser, mußtet IhrDas Blutgesetz zu meinem Vortheil mildern,Daß ich mit meinem Haupt dafür bezahlte,Wenn sie mein Räthsel aufgelöst—So wäreIhr Sieg vollkommen und ihr Herz befriedigt!

(Ein unwilliges Gemurmel entsteht im Hintergrund.)

Altoum. Kalaf! Mein Alter unterliegt dem Schmerz;Der unversehne Blitzstrahl schlägt mich nieder.

Turandot (bei Seite zu Zelima).Sein tiefer Jammer rührt mich, Zelima!Ich weiß mein Herz nicht mehr vor ihm zu schützen.

Zelima (leise zu Turandot).O, so ergebt Euch einmal! Macht ein Ende!Ihr seht, Ihr hört, das Volk wird ungeduldig!

Adelma (für sich). An diesem Augenblick hängt Tod und Leben!

Kalaf. Und braucht's denn des Gesetzes Schwert, ein LebenZu endigen, das länger mir zu tragenUnmöglich ist? (Er tritt an den Thron der Turandot.)Ja, Unversöhnliche!Sieh hier den Kalaf, den du kennst—den duAls einen namenlosen Fremdling haßtest,Den du jetzt kennst und fortfährst zu verschmähn!Verlohnte sich's, ein Dasein zu verlängern,Das so ganz werthlos ist vor deinen Augen?Du sollst befriedigt werden, Grausame.Nicht länger soll mein Anblick diese SonneBeleidigen—Zu deinen Füßen—

(Er zieht einen Dolch und will sich durchstechen. In demselben Augenblick macht Adelma eine Bewegung, ihn zurück zu halten, und Turandot stürzt von ihrem Thron.)

Turandot (ihm in den Arm fallend, mit dem Ausdruck des Schreckensund der Liebe).Kalaf!

(Beide sehen einander mit unverwandten Blicken an und bleiben eine Zeit lang unbeweglich in dieser Stellung.)

Altoum. Was seh' ich!

Kalaf (nach einer Pause). Du? Du hinderst meinen Tod?Ist das dein Mitleid, daß ich leben soll,Ein Leben ohne Hoffnung, ohne Liebe?Meiner Verzweiflung denkst du zu gebieten?—Hier endet deine Macht. Du kannst mich tödten;Doch mich zum Leben zwingen kannst du nicht.Laß mich, und wenn noch Mitleid in dir glimmt,So zeig' es meinem jammervollen Vater.Er ist zu Peckin, er bedarf des Trostes;Denn auch des Alters letzte Stütze noch,Den theuren einz'gen Sohn raubt ihm das Schicksal.

(Er will sich tödten.)

Turandot (wirft sich ihm in die Arme).Lebt, Kalaf! Leben sollt Ihr—und für mich!Ich bin besiegt. Ich will mein Herz nicht mehrVerbergen—Eile, Zelima, den beidenVerlassenen, du kennst sie, Trost zu bringen,Freiheit und Freude zu verkünden—Eile!

Zelima. Ach, und wie gerne!

Adelma (für sich). Es ist Zeit, zu sterben.Die Hoffnung ist verloren.

Kalaf. Träum' ich, Götter?

Turandot. Ich will mich keines Ruhms anmaßen, Prinz,Der mir nicht zukommt. Wisset denn, es wisseEs alle Welt. Nicht meiner Wissenschaft,Dem Zufall, Eurer eignen ÜbereilungVerdank' ich das Geheimniß Eures Namens.Ihr selbst, Ihr ließet gegen meine SklavinAdelma beide Namen Euch entschlüpfen.Durch sie bin ich dazu gelangt—Ihr also habtGesiegt, nicht ich, und Euer ist der Preis.—Doch nicht bloß, um Gerechtigkeit zu übenUnd dem Gesetz genug zu thun—Nein, Prinz!Um meinem eignen Herzen zu gehorchen,Schenk' ich mich Euch—Ach, es war Euer, gleichIm ersten Augenblick, da ich Euch sah!

Adelma. O nie gefühlte Marter!

Kalaf (der diese ganze Zeit über wie ein Träumender gestanden,scheint jetzt erst zu sich selbst zu kommen und schließt diePrinzessin mit Entzückung in seine Arme).Ihr die Meine?O, tödte mich nicht, Übermaß der Wonne!

Altoum. Die Götter segnen dich, geliebte Tochter,Daß du mein Alter endlich willst erfreun.Verziehen sei dir jedes vor'ge Leid,Der Augenblick heilt jede Herzenswunde.

Pantalon. Hochzeit! Hochzeit! Macht Platz, ihr Herrn Doctoren!

Tartaglia. Platz! Platz! Der Bund sei alsogleich beschworen!

Adelma. Ja, lebe, Grausamer, und lebe glücklichMit ihr, die meine Seele haßt! (Zu Turandot.)Ja, wisse,Daß ich dich nie geliebt, daß ich dich hasseUnd nur aus Haß gehandelt, wie ich that.Die Namen sagt' ich dir, um den GeliebtenAus deinem Arm zu reißen und mit ihm,Der meine Liebe war, eh du ihn sahst,In glücklichere Länder mich zu flüchten.Noch diese Nacht, da ich zu deinem DienstGeschäftig schien, versucht' ich alle Listen—Selbst die Verleumdung spart' ich nicht—zur FluchtMit mir ihn zu bereden; doch umsonst!In seinem Schmerz entschlüpften ihm die Namen,Und ich verrieth sie dir; du solltest siegen,Verbannt von deinem Angesicht sollt' erIn meinen Arm sich werfen—Eitle Hoffnung!Zu innig liebt' er dich und wählte lieber,Durch dich zu sterben, als für mich zu leben!Verloren hab' ich alle meine Mühen;Nur eins steht noch in meiner Macht. Ich stammeWie du von königlichem Blut und muß erröthen,Daß ich so langte Sklavenfesseln trug.In dir muß ich die blut'ge Feindin hassen.Du hast mir Vater, Mutter, Brüder, Schwestern,Mir Alles, was mir theuer war, geraubt,Und nun auch den Geliebten raubst du mir.So nimm auch noch die Letzte meines Stammes,Mich selbst zum Raube hin—Ich will nicht leben!

(Sie hebt den Dolch, welchen Turandot dem Kalaf entrissen,von der Erde auf.)Verzweiflung zückte diesen Dolch; er hatDas Herz gefunden, das er spalten soll. (Sie will sich erstechen).

Kalaf (fällt ihr in den Arm).Faßt Euch, Adelma!

Adelma. Laß mich, Undankbarer!In ihrem Arm dich sehen? Nimmermehr!

Kalaf. Ihr sollt nicht sterben. Eurem glücklichenVerrathe dank' ich's, daß dies schöne Herz,Dem Zwange feind, mich edelmüthig freiBeglücken konnte—Gütiger Monarch,Wenn meine heißen Bitten was vermögen,So habe sie die Freiheit zum Geschenk,Und unsere Glückes erstes UnterpfandSei eine Glückliche!

Turandot. Auch ich, mein Vater,Vereinige mein Bitten mit dem seinen.Zu hassenswerth, ich fühl' es, muß ich ihrErscheinen; mir verzeihen kann sie nieUnd könnte nie an mein Verzeihen glauben.Sie werde frei, und ist ein größer GlückFür sie noch übrig, so gewährt es ihr.Wir haben viele Thränen fließen machenUnd müssen eilen, Freude zu verbreiten.

Pantalon. Ums Himmelwillen, Sire, schreibt ihr den Laufpaß,So schnell Ihr könnt, und gebt ihr, wenn sie's fordert,Ein ganzes Königreich noch auf den Weg.Mir ist ganz weh und bang, daß unsre FreudeIn Rauch aufgeht solang ein wüthend WeibSich unter einem Dach mit Euch befindet.

Altoum (zu Turandot).An solchem Freudentag, den du mir schenkst,Soll meine Milde keine Grenzen kennen.Nicht bloß die Freiheit schenk' ich ihr. Sie nehmeDie väterlichen Staaten auch zurückUnd theile sie mit einem würd'gen Gatten,Der klug sei und den Mächtigen nicht reize.

Adelma. Sire—Königin—ich bin beschämt, verwirrt,So große Huld und Milde drückt mich nieder.Die Zeit vielleicht, die alle Wunden heilt,Wird meinen Kummer lindern—Jetzt vergönnt mirZu schweigen und von eurem AngesichtZu gehn—Denn nur der Thränen bin ich fähig,Die unaufhaltsam diesem Aug entströmen.

(Sie geht ab mit verhülltem Gesicht, noch einen glühendenBlick auf Kalaf werfend, ehe sie scheidet.)

Letzter Auftritt.

Die Vorigen, ohne Adelma. Gegen das Ende Timur, Barak,Skirina und Zelima.

Kalaf. Mein Vater, o, wo find' ich dich, wo bist du,Daß ich die Fülle meines Glücks in deinen BusenAusgieße?

Turandot (verlegen und beschämt).Kalaf, Euer edler Vater istBei mir, ist hier—In diesem AugenblickeFühlt er sein Glück—Verlangt nicht mehr zu wissen,Nicht ein Geständniß, das mich schamroth macht,Vor allen diesen Zeugen zu vernehmen.

Altoum. Timur bei dir? Wo ist er?—Freue dich,Mein Sohn. Dies Kaiserreich hast du gewonnen;Auch dein verlornes Reich ist wieder dein.Ermordet ist der grausame Tyrann,Der dich beraubte! Deines Volkes StimmeRuft dich zurück auf deiner Väter Thron,Den dir ein treuer Diener aufbewahrt.Durch alle Länder hat dich seine BotschaftGesucht, und selbst zu mir ist sie gedrungen.—Dies Blatt enthält das Ende deines Unglücks.

(Überreicht ihm einen Brief.)

Kalaf (wirft einen Blick hinein und steht eine Zeit lang insprachloser Rührung).Götter des Himmels! Mein Entzücken istDroben bei euch, die Lippe ist versiegelt.

(In diesem Augenblick öffnet sich der Saal. Timur und Barak treten herein, von Zelima und ihrer Mutter begleitet. Wie Kalaf seinen Vater erblickt, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Barak sinkt zu Kalafs Füßen, indem sich Zelima und ihre Mutter vor der Turandot niederwerfen, welche sie gütig aufhebt. Altoum, Pantalon und Tartaglia stehen gerührt. Unter diesen Bewegungen fällt der Vorhang.)


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