13

„Durch Krieg und Feuer,Durch Piken und SchwerterSuche;In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde.“

„Durch Krieg und Feuer,Durch Piken und SchwerterSuche;In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde.“

„Durch Krieg und Feuer,Durch Piken und SchwerterSuche;In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde.“

„Durch Krieg und Feuer,

Durch Piken und Schwerter

Suche;

In Tod und Blut,

In Trümmern und Tränen

Finde.“

„Andere als wir werden das Land Flandern befreien,“ erwiderte Ulenspiegel. „Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden Fackeln an. Wir sind beim Galgenfeld. O, süße Liebste, warum bist Du mir gefolgt? Hörst Du nichts mehr, Nele?“

„Doch,“ sprach sie, „ein Klirren von Waffen in den Kornfeldern. Und da über diesem Hügel, welcher den Weg, den wir einschlagen, überragt, siehst Du den roten Fackelschein auf dem Erz blinken? Ich sehe feurige Punkte von Büchsenlunten. Schlafen unsere Wächter, oder sind sie blind? Hörst Du den Donnerschlag? Siehst Du die Spanier von Kugeln durchbohrt fallen? Hörst Du: „Es lebe der Geuse!“ Sie stürmen den Pfad hinauf mit vorgestreckter Pike; mit Äxten steigen sie längs des Hügels hinunter. Es lebe der Geuse!“

„Es lebe der Geuse!“ riefen Lamm und Ulenspiegel.

„Schau, da sind Soldaten, die uns Waffen geben,“ sagte Nele. „Nimm, Lamm, nimm, mein Geliebter. Es lebe der Geuse!“

„Es lebe der Geuse!“ ruft die ganze Schar der Gefangenen.

„Die Büchsen hören nicht auf zu schießen,“ sagte Nele. „So beleuchtet vom Fackelschein, fallen sie wie die Fliegen. Es lebe der Geuse!“

„Es lebe der Geuse!“ ruft die Schar der Retter.

„Es lebe der Geuse!“ rufen Ulenspiegel und die Gefangenen. „Die Spanier sind in einem Feuerkreis. Tod! Tod! Nicht einer soll leben bleiben! Tod! Kein Mitleid! Krieg ohne Erbarmen! Und nun laßt uns unser Bündel schnüren und bis Enckhuysen eilen. Wer hat die Tuch- und Seidenkleider der Henker? Wer hat ihre Waffen?“

„Alle, alle!“ schrieen sie. „Es lebe der Geuse!“

Gesagt, getan. Sie fahren im Boot nach Enckhuysen, wo die befreiten Deutschen bei ihnen bleiben, um die Stadt zu bewachen.

Und Lamm, Nele und Ulenspiegel finden ihre Schiffe wieder. Und da singen sie zum andern Mal auf offnem Meer: „Es lebe der Geuse!“

Und sie kreuzen in der Rhede von Vlissingen.

Da ward Lamm wiederum frohgemut. Er ging gern an Land und machte auf Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd, als wären es Hasen, Hirsche und Fettammern.

Auf dieser nährsamen Jagd war er nicht allein. Es war eine Freude, die Jäger heimkehren zu sehen. Mit Lamm an der Spitze, zogen sie das Großvieh an den Hörnern, das Kleinvieh stießen sie vor sich her, mit der Gerte lenkten sie Gänseherden, und am Ende ihrer Bootshaken trugen sie Hühner, Kücken, Kapaune trotz des Verbotes.

Dann gab es Schmaus und Gelage auf den Schiffen. Und Lamm sagte: „Der Geruch der Brühen steigt bis zum Himmel und ergötzt dort die Herren Engel, welche sagen: Das ist das beste am Fleisch.“

Dieweil sie kreuzten, kam eine Kauffahrerflotte aus Lissabon, deren Kommandant nicht wußte, daß Vlissingen in die Hände der Geusen gefallen war. Man befiehlt ihr, die Anker zu werfen, und schließt sie ein. Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen zum Entern. Die Kaufleute haben Kanonen. Piken, Beile und Hakenbüchsen.

Von den Schiffen der Geusen regnet es Musketen- und Stückkugeln. Ihre Scharfschützen, hinter ihren Brustwehren um den Großmast verschanzt, schießen sicher und gefahrlos. Die Kaufleute fallen wie Fliegen.

„Vorwärts!“ sprach Ulenspiegel zu Lamm und Nele, „Vorwärts! Hier sind Gewürze, Juwelen, kostbare Eßwaren, Zucker, Muskat, Nelken, Ingwer, und glänzende Reale, Dukaten und Gold-Moutons. Es sind mehr als fünfhunderttausend Stück. Der Spanier wird die Kriegskosten tragen. Laßt uns trinken! Wir wollen die Geusenmesse singen, das ist die Schlacht!“

Und Ulenspiegel und Lamm griffen überall an wie Löwen. Nele blies die Pfeife im Schutze der hölzernen Schanze. Die ganze Flotte ward erbeutet.

Die Toten wurden gezählt; es waren ihrer tausend auf Seiten der Spanier, dreihundert auf Seiten der Geusen, unter ihnen der Schiffskoch des Vliebootes „Briel.“

Ulenspiegel verlangte vor Très-Long und den Matrosen zu reden, welches Très-Long ihm gern zugestand. Und er hielt ihnen diese Rede:

„Herr Kapitän und ihr, Kameraden und Freunde, wir haben viel Spezereien geerbt, und hier haben wir Lamm, den guten Dickwanst, welcher meint, daß der arme Tote da, Gott habe ihn selig, kein großer Meister in Fleischgerichten war. Laßt uns ihn an seiner Stelle erwählen, und er wird Euch himmlische Ragouts und paradiesische Suppen bereiten.“

„Das wollen wir,“ sagten Très-Long und die andern. „Lamm soll Oberkoch des Schiffes sein. Er soll die große, hölzerne Kelle tragen, um den Schaum von seinen Brühen abzulöffeln.“

„Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,“ sprach Lamm, „Ihr sehet mich vor Freude weinen, denn ich verdiene eine so große Ehre nicht. Da Ihr jedoch geruht, Euch an meine unwürdige Person zu wenden, so nehme ich die edlen Pflichten eines Meisters der Kochkunst auf dem wackeren Vlieboot „Briel“ an. Aber zugleich bitte ich Euch demütig, mir das höchste Kommando der Küche zu verleihen, solchergestalt, daß Euer Oberkoch / das werde ich sein / durch Recht, Gesetz und Gewalt einem jeden verwehren kann, der Andren Portion aufzuessen.“

Très-Long und die andern riefen aus:

„Es lebe Lamm! Recht, Gesetz und Macht soll dir zustehen!“

„Aber ich habe Euch noch eine andere Bitte demütig zu stellen. Ich bin fett, groß und stark, tief ist mein Bauch, tief mein Magen. Meine arme Frau / Gott gebe sie mir wieder, / gab mir allzeit zwei Portionen anstatt einer. Bewilligt mir die gleiche Gunst.“

Très-Long, Ulenspiegel und die Matrosen sagten:

„Du sollst zwei Portionen haben, Lamm.“

Und Lamm sagte, plötzlich melancholisch werdend:

„Mein Weib, mein süßes Liebchen, wenn irgend etwas mich über Deine Abwesenheit trösten kann, so wird es das sein, daß ich mich bei meinem Tun deiner himmlischen Kochkunst in unserm trauten Heim erinnere.“

„Du mußt den Eid ablegen, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Bringt die große, hölzerne Kelle und den großen Kupferkessel herbei.“

„Ich schwöre bei Gott, der mir hierin beistehe,“ sprach Lamm, „ich schwöre Treue seiner Gnaden, dem Prinzen von Oranien, genannt der Schweiger, der für den König die Provinzen Holland und Zeeland regiert; Treue auch Messire de Lumey, dem kommandierenden Admiral unsrer edlen Flotte, und Herrn Très-Long, Vizeadmiral und Kapitän des Schiffes „Briel“. Ich schwöre, das Fleisch und Geflügel, so Fortuna uns bewilligt, nach meinen geringen Kräften zu bereiten, gemäß den Bräuchen und Gepflogenheiten der großen Köche von ehemals, die schöne Bücher mit Bildern über die erhabene Kochkunst hinterlassen haben; ich schwöre, besagten Herrn Kapitän Très-Long zu speisen und seinen Leutnant, meinen Freund Ulenspiegel, desgleichen Euch alle, Oberbootsmann, Steuermann, Aufseher, Kameraden, Soldaten, Kanoniere, Mundschenk, Schiffsjunge, Kapitänsbursche, Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle. Wenn der Braten zu blutig, das Geflügel zu wenig gebräunt ist, wenn die Suppe einen schalen Geruch ausströmt, so der guten Verdauung schädlich ist, wenn der Duft der Brühen Euch nicht alle verlockt, Euch in die Küche zu stürzen — mit Vorbehalt meiner Zustimmung — wenn ich Euch nicht alle lustig mache und Euch kein rundes Gesicht verschaffe, so werde ich mein edles Amt niederlegen und mich für unfähig erachten, den Küchenthron fürder innezuhaben. So helfe mir Gott in diesem und im künftigen Leben.“

„Es lebe der Oberkoch,“ riefen sie, „der König der Küche, der Kaiser der Fleischgerichte. Am Sonntag soll er drei Portionen statt zweier haben.“

Und Lamm ward Oberkoch auf dem Schiffe „Briel“. Und während die kräftigen Suppen in den Töpfen kochten, stand er stolz an der Küchentür und hielt seine große hölzerne Kelle wie ein Zepter.

Und am Sonntag bekam er seine drei Portionen.

Wenn die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er sich gern in seinem Laboratorium für Brühen auf, kam jedoch heraus, um auf Deck etliche Büchsenschüsse abzugeben, stieg aber alsbald wieder hinunter, um auf seine Brühen zu achten.

Und da er also ein treuer Koch und tapferer Soldat war, so war er bei jedem beliebt.

Aber keiner durfte seine Küche betreten, denn dann war er wie ein Teufel und schlug und stach mit seiner Holzkelle ohne Erbarmen.

Und er ward wiederum Lamm der Löwe benamst.

Auf dem Meer und auf der Schelde, bei Sonne, Regen, Schnee und Hagel, im Sommer und Winter, fahren die Geusenschiffe, alle Segel beigesetzt, wie Schwäne, weiße Schwäne der Freiheit, Weiß ist Freiheit, Blau Größe und Orange ist für den Prinzen; das ist die Standarte der stolzen Schiffe.

Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt an ihre Flanken, die Wogen benetzen sie mit Schaum.

Sie segeln, jagen, fliegen auf der Flut, schnell wie Wolken vor dem Nordwind, die stolzen Geusenschiffe, die Segel im Wasser. Hört ihr, wie ihr Bug die Woge zerteilt? Gott der Freien. Es lebe der Geuse!

Hücker, Bujer, Vlieboote, Galeassen, schnell wie der Wind, der das Ungewitter bringt, schnell wie die Wolke, die den Blitz birgt. Es lebe der Geuse!

Bujer und Galeassen, flache Boote fahren den Fluß hinauf. Die Wellen ächzen, von ihrem Kiel zerteilt, wenn sie dem Strome entgegen fahren, mit dem mörderischen Rachen ihrer Feldschlange auf der Spitze des Bugs. Es lebe der Geuse!

Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt an ihre Flanken und benetzt sie mit Schaum.

Bei Tag und bei Nacht, bei Regen, Hagel und Schnee fahren sie! Christus lächelt ihnen aus der Wolke, aus Sonne und Sternen zu. Es lebe der Geuse!

Der Blutkönig vernahm die Kunde von ihren Siegen. Der Tod verzehrte den Henker schon, und sein Leib war voller Würmer. Elend und menschenscheu schritt er durch die Gänge von Valladolid, seine geschwollenen Füße und bleischweren Beine schleppend. Er sang nimmer, der grausame Tyrann; wenn der Tag anbrach, lachte er nicht, und wenn die Sonne sein Reich wie ein Lächeln Gottes erhellte, so empfand er keine Freude in seinem Herzen.

Aber Ulenspiegel, Lamm und Nele sangen wie Vögel. Sie trugen ihr Fell zu Markt, nämlich Ulenspiegel und Lamm, und Nele ihre weiße Haut, dieweil sie in den Tag hineinlebten. Über einen Scheiterhaufen, den die Geusen löschten, freuten sie sich mehr, denn der schwarze König über eine eingeäscherte Stadt.

Um jene Zeit entsetzte Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, Herrn de Lumey de la Marck seiner Admiralswürde wegen seiner großen Grausamkeit und ernannte Herrn Bouwen Ewoutsen Worst an seiner Statt. Auch war er auf die Mittel bedacht, das Getreide zu bezahlen, das die Geusen den Bauern geraubt hatten, die von ihnen erhobenen Zwangskontributionen zu erstatten und den römischen Katholiken wie allen die freie Ausübung ihrer Religion ohne Verfolgung noch Schmähung zu bewilligen.

Auf den Schiffen der Geusen, unter dem strahlenden Himmel, auf den klaren Fluten schrillen Pfeifen, schnarren Dudelsäcke, glucksen Flaschen, klingen Gläser, gleißt das Eisen der Waffen.

„Wohlan,“ spricht Ulenspiegel. „Rühret die Trommel des Ruhmes, die Trommel der Freude. Es lebe der Geuse! Spanien ist besiegt, die Harpye gebändigt. Unser ist das Meer, Briel ist genommen. Unser ist die Küste von Nieupoort bis Ostende und Blanckenberghe, die Inseln von Zeeland, die Mündungen der Schelde, der Maas und des Rheines bis Helder. Unser ist Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum, Borkum. Es lebe der Geuse!

„Unser ist Delft, Dordrecht. Das ist ein Lauffeuer, Gott hält die Lunte. Die Henker verlassen Rotterdam. Das freie Gewissen, das Krallen und Zähne der Gerechtigkeit hat wie ein Leu, nimmt Zütphen, die Städte Deutichem, Doesburg, Goor, Oldenzaal und in der Landschaft Veluwe Hattem, Elburg und Harderwijk.

„Das ist der Blitz, das ist der Donnerschlag: Kampen, Zwolle, Hasselt, Steenwijk fallen uns in die Hände, desgleichen Oudewater, Gouda und Leyden. Es lebe der Geuse!

„Unser ist Bueren und Enckhuysen. Noch haben wir nicht Amsterdam, Schoonhoven und Middelburg. Doch mit der Zeit fällt den Geduldigen alles zu. Es lebe der Geuse!

„Laßt uns spanischen Wein trinken. Aus den Kelchen, aus denen sie das Blut der Opfer tranken. Wir werden durch den Zuydersee, durch Ströme, Flüsse und Kanäle fahren. Nord-Holland, Süd-Holland und Zeeland haben wir, Ost- und Westfriesland werden wir noch erobern; Briel wird die Zuflucht unserer Schiffe sein, das Nest für die Bruthennen der Freiheit. Es lebe der Geuse!

„Horcht, wie in Flandern, dem teuren Vaterland, der Racheschrei losbricht! Waffen werden geschmiedet, Schwerter geschärft. Alles ist in Bewegung und erzittert wie die Saiten einer Harfe beim warmen Hauch, beim Hauche der Seelen, der aus Gruben und Scheiterhaufen von den blutigen Leichen der Opfer aufsteigt. Alle: Hennegau, Brabant, Luxemburg, Limburg, Namur, Lüttich, die freie Stadt, alle! Das Blut keimt und befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sichel. Es lebe der Geuse!

„Die Nordsee ist unser, die weite Nordsee, und die guten Kanonen, die stolzen Schiffe, die kühne Schar der gefürchteten Seeleute: Bettler, Lumpen, Priester in Waffen, Edelleute, Bürger und Arbeiter, die vor der Verfolgung fliehen. Mit uns allen vereint zum Werke der Freiheit. Es lebe der Geuse!

„Blutkönig Philipp, wo bist Du? Alba, wo bist Du? Mit dem geweihten Hute, des Papstes Geschenk, auf dem Haupt, schmälst und lästerst Du. Schlaget die Freudentrommel. Es lebe der Geuse! Laßt uns trinken.

„Der Wein fließt in die güldenen Kelche. Schlürfet ihn fröhlich. Die Meßgewänder, welche die rauhen Männer tragen, sind mit rotem Naß getränkt. Die römischen Kirchenbanner flattern im Winde. Allzeit Musik! Auf Euer Wohl, schrillende Pfeifen, schnarrende Dudelsäcke, Ruhm wirbelnde Trommeln! Es lebe der Geuse!“

Die Welt war im Wolfsmond, welches der Monat Dezember ist. Eisiger Regen fiel gleich Nadeln ins Wasser. Die Geusen kreuzten im Zuydersee. Der Herr Admiral ließ durch Trompetensignal die Käpitäne der Hucker und Vlieboote und mit ihnen Ulenspiegel auf sein Schiff entbieten.

„Wohlan,“ sagte er, zuerst zu ihm redend: „Der Prinz will Deine guten Taten und getreuen Dienste anerkennen und ernennt Dich zum Kapitän des Schiffes „Briel“, und ich übergebe Dir hiermit das Patent auf Pergament.“

„Euch sei Dank, Herr Admiral,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde all meine geringe Kraft daransetzen, ein guter Hauptmann zu sein, und durch solche Hauptmannschaft hoffe ich sehr, so Gott mir beisteht, Flandern und Holland von Spanien zu enthaupten. Ich will Nord- und Süd-Niederlande.“

„Das ist gut,“ sprach der Admiral. „Und jetzo,“ fügte er hinzu, zu allen redend, „will ich Euch sagen, daß die aus dem katholischen Amsterdam Enckhuysen belagern wollen. Noch sind sie nicht aus dem Y-Kanal heraus; kreuzen wir davor, damit sie drinnen bleiben. Nieder mit jedem ihrer Schiffe, daß seinen tyrannischen Rumpf im Zuydersee blicken läßt.“

Sie antworteten:

„Wir werden sie in den Grund bohren. Es lebe der Geuse!“

Wieder an Bord seines Schiffes, ließ Ulenspiegel seine Matrosen und die Soldaten auf Deck zusammentreten und verkündete ihnen, was der Admiral bestimmt hatte.

Sie antworteten:

„Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, Schlittschuhe, das sind die Kiele unserer Schiffe, Riesenhände, das sind die Enterhaken. Es lebe der Geuse!“

Die Flotte segelte ab und kreuzte eine Seemeile vor Amsterdam, dergestalt, daß niemand ohne ihren Willen ein- und ausfahren konnte.

Am fünften Tage hörte es auf zu regnen, der Wind wehte schärfer bei hellem Himmel, die Amsterdamer rührten sich nicht.

Plötzlich sah Ulenspiegel Lamm auf Deck steigen. Mit gewaltigen Schlägen seiner Holzkelle trieb er den Truxman, den Dolmetsch des Bootes vor sich her, einen jungen Kerl, der in der vlämischen und französischen Sprache bewandert war, aber seinen Schnabel noch besser zum Essen gebrauchen konnte.

„Taugenichts,“ sagte Lamm, „wähntest Du, meine Fleischgerichte ungestraft vor der Zeit essen zu können? Klettere auf den Mast und sieh zu, ob sich auf den Amsterdamer Schiffen nichts rührt. Damit wirst Du etwas Gutes tun.“

Doch der Dolmetsch antwortete: „Was gibst Du mir?“

„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu haben? Du Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß ich Dich peitschen. Und Dein Französisch wird Dich nicht retten.“

„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes- und Kriegersprache.“

Er kletterte hinauf.

„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm.

Der Dolmetsch antwortete:

„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“

Beim Hinunterklettern sagte er:

„Nunmehr bezahle mich.“

„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht Gut gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“ Der Dolmetsch kletterte abermals auf den Mast und schrie plötzlich:

„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“

„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete Lamm.

Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm:

„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich. Sie haben einen geheimen Anschlag.“

„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in den Krügen im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste sind mit weißem Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das Öl schneeweiß, das Salz trocken wie Sand in der Sonne.“

„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in großer Zahl kommen und uns mit Geschütz angreifen.“

Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral, was er fürchtete. Der antwortete ihm:

„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht frieren. Geh wieder auf Dein Schiff.“

Und Ulenspiegel tat also.

In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte der Wind von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie eine Tenne. Der Admiral sah was geschehen war.

Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen möchten, um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten, ihre Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen und um die Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren der geschmiedeten und gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln in Haufen neben die Lafetten zu legen und die Lunten alleweil brennend zu halten.

Doch die Amsterdamer kamen nicht.

Und so ging es sieben Tage.

Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen und Soldaten einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen gegen den scharfen Wind, welcher blies, einen Panzer zu machen.

Aber Lamm sagte:

„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“

„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus, bis die Stunde der Schlacht geschlagen hat.“

„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber nicht diese Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln und viele Schoppen Glühwein mit Madeirazucker trinken / Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie dann bis Mitternacht mit Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet haben, werden sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird, zu beschließen, ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder nicht. Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker trinken, / Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal mit Ruhe, Geduld und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich an einem andern Tage versammeln müssen, um zu erfahren, ob das Eis eine große Schar Menschen tragen könne oder nicht. Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen lassen, die ihre Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses empfangen haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle dick und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen und Feldstücken zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln, um mit Ruhe, Geduld und vielen Schoppen Glühwein zu beratschlagen, und werden in Erwägung ziehen, ob sie wegen des Schatzes, den wir den Lissabonern abnahmen, unsere Schiffe angreifen oder verbrennen sollen. Und also ratlos und zaudernd, werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe erbeutet und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen Unrechts, daß sie uns derart zufügen würden.“

„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht die Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute, die Laternen tragen und geschäftig umher rennen?“

„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm.

Und seufzend fügte er hinzu:

„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch Geflügel mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts als Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge mir.“

„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das Schiff verlassen.“

„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und Befehlshaber. Ich werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst. Geruhe aber zu bedenken, daß wir ehegestern unsere letzte Wurst gegessen haben, und daß in dieser schweren Zeit das Küchenfeuer die Sonne der guten Kameradschaft ist. Wer möchte hier nicht den Dampf der Brühen riechen, nicht die duftende Blume des göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen Blüten, als da sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann, gemacht ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich, der ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine zarte Gans, ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich folge Dir in Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter auf jenem reichen, mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem Bauernhof. Weißt Du, wer darauf wohnt? Es ist der Schiffer aus Friesland, der Messire Dandelot verriet und achtzehn arme Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch spanisch war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden. Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend Gülden für seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er wie ein rechter Judas den Hof gekauft, den du da siehst, und sein Vieh und die Äcker ringsum, deren Frucht und Wachstum ihn jetzt reich machen.“

Ulenspiegel erwiderte:

„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache hat geschlagen.“

„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib mir zwanzig Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich werde den Verräter holen.“

„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen. Ich brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen? Laßt die Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die Würfel entscheiden gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt in der Richtung der Venus, die über dem Hof des Verräters glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der Axt auf der Schulter, lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer Leitstern sein. Der Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln auf dem Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu; das Eis knirscht unter Euren Schlittschuhen.

„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer: nicht eine Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der eisigen Luft. Bindet die Schlittschuhe los.

„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und halten den Atem an.“

Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals; ein Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und fragt:

„Wer bist Du?“

Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem Waschhaus, versteckt.

Ulenspiegel antwortet:

„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam zu ihm zu begeben.“

„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht und ihm die Tür öffnet.

„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, die sich hinter ihm in die offene Tür stürzen.

Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm:

„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot, van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte. Wo ist das Blutgeld?“

Der Pächter antwortet zitternd:

„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat. Ich habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“

Lamm sagte:

„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“

Der Baas antwortet:

„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“

Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der Küche:

„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“ Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er sie mit dem Topf schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten Dukaten, Gülden und Reale über den Boden.

„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe deutend.

Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend Gülden darin.

Als der Baas das sah, schrie und weinte er.

Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in ihren Hemden herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen wollten, wurden geknebelt. Bald versteckten sich die schamhaften Frauen, sonderlich die jungen, hinter den Männern.

Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel zum Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“

„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr sterbt,“ sprach der Pächter.

Ulenspiegel sprach: „Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel!“

„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die Schlüssel heraus.

Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten sie auf Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern der Freiheit.

„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten Schlitten; treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei den Hörnern oder auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde, die ihr Naturlied singt. Die Tauben gurren in den Körben. Die Kapaune, mit Brot gemästet, sitzen erschrocken in den Holzkäfigen, darinnen sie sich nicht rühren können. Ich bin Schiffskoch. Das Eis knirscht unter dem Eisen der Schlittschuhe. Nun sind wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik in der Küche geben. Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen und Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs Schiff gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse, Enten und Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer wird ihnen den Hals umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür ist zu, den Schlüssel hab ich in meinem Säckel. Gott sei gelobt in der Küche! Es lebe der Geuse!“

Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht vor dem Strick wehklagten und weinten.

Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten Fackelschein Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er:

„Was willst Du von uns?“

Ulenspiegel antwortete:

„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn in Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen. Dieser ist’s. Die andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“

Dann übereichte er ihm eine Geldkatze.

„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im Hause des Verräters: es sind Zehntausend.“

Messire Worst sprach zu ihnen:

„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten Erfolges willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und den Säckel mit Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch, wackere Männer, denen ich nach Seerecht und Brauch ein Drittel der Prise zubillige. Das zweite Drittel ist für die Flotte und das dritte für seine Gnaden von Oranien. Den Verräter henket unverzüglich.“

Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein Loch ins Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein.

Darauf sprach Messire Worst:

„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen, die Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“

„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel; „sie werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der Herr Admiral wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt, die Knechte und Mägde, unter denen artige hübsche Weiblein sind, so will ich sie wieder auf mein Schiff bringen.“

So getan, hielt er ihnen diese Rede:

„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten Schiff, das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen, Gelagen und Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt fortzugehen, zahlt Lösegeld; so es Euch beliebt, hier zu bleiben, werdet Ihr so leben wie wir: arbeiten und gut essen. Was diese allerliebsten Weiblein angeht, so gestatte ich ihnen mit Erlaubnis des Admirals gänzliche Freiheit und sage ihnen, daß es mir einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit ihnen aufs Schiff gekommen sind, behalten oder irgend einen wackeren, hier anwesenden Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft mit ihnen lebe.“

Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu, ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte, ob er sie wolle.

„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig beschäftigt.“

„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie sahen, daß es die Frau verdroß.

Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der gleich Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht hatte.

An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige Schmäuse und Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten. Und Ulenspiegel sagte:

„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die Luft mit unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und Flamme für das freie Gewissen. Feuer und Flamme ist unser Magen für das Fleisch des Feindes. Trinken wir Wein, die Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“

Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom Winde gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der Kälte aßen und tranken die Geusen fröhlich auf Deck.

Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar, in der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden die Fackeln gelöscht und große Dunkelheit herrschte.

Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal Achtung auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen, Matrosen und Soldaten legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf Deck platt auf den Bauch. Die wackeren Kanoniere standen mit ihren Leuten bei den Geschützen, die mit Kugelsäcken und Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und die Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des Feindes bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz oder den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im Eise.

Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen:

„Todesstrafe für den, der laut spricht.“

Und die Kapitäne sprachen ihm nach:

„Todesstrafe für den, der laut spricht!“

Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht.

„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war wie Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer und das Knirschen des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe? Sie laufen schnell. Man hört sie sprechen. Sie sagen: „Die faulenzenden Geusen schlafen. Der Schatz von Lissabon ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du ihre Sturmleitern, ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres Schlachthaufens? Es sind ihrer tausend und mehr.“

„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst.

„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne.

Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul auf dem Eise.

„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel. „Sie fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“

„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst.

„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne.

Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge einen Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer Hasen hatten.

Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden Gold und Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen zu binden.

Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander:

„Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?So Gott mit uns ist, wer mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“

Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst mit Unruhe einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und sagte zu Ulenspiegel:

„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte, als Du Frost prophezeitest.“

„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel.

Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand auf Deck und spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche Bewegung wahrnehmen könnte.

Lamm sprach, auf ihn zutretend:

„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch seine Ansicht sagen?“

„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral.

„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf, das Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie Schimmel überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das Öl flüssig, das Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir werden gerettet sein, Euer Gnaden.“

„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst.

„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes Briel. Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen ausgeben, ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in meinen Brühen, so könnten sie uns sagen, daß wir diese Nacht Tauwetter mit Sturmgebraus und Hagelschauern haben werden. Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“

Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach er zu ihm:

„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind weht stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß Wassers auf dem Eise.“

Am Abend rief er fröhlich aus:

„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen, die in den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen Stücken birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken: da kommt der Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir uns von Amsterdam zurückziehen, und das mit soviel Wasser, daß unser größtes Schiff flott wird. Nun sind wir im Hafen von Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.“

Und Ulenspiegel sprach:

„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“

Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam.

Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim Lockruf des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben, sprach Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten:

„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande, die sich nicht unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben Hunger, Tod und Verderben verheißt. Alles, was noch ganz ist, soll vertilgt werden, und Seine Königliche Majestät wird das Land durch Fremde bevölkern lassen. Beiß zu, Herzog, beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der Vipern. Wir sind Eber. Es lebe der Geuse!

„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine Drohungen fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten Regimenter, deren Loblied Du in der ganzen Welt sangest, Deine „Unbesiegbaren,“ Deine „Unveränderlichen,“ Deine „Unsterblichen“ hielten sich sieben Monate damit auf, Haarlem, die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt zu beschießen. Sie haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der berstenden Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung schlagen?

„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof ist dort wieder eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher Fratze segnet er die Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen Einsegnungen gegenwärtig, der Bischof wäscht ihm die Hände, die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt das Abendmahl in beiderlei Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt ist. Und die Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen, wohlklingenden Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“

Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam. Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters, einem Reformierten, am Turven-Key untergebracht.

Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte, daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde, die spanischen Kugeln sie nicht erreichen könnten.

Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut und liebte sie noch mehr. Und da schwätzten sie.

„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt Du die Zeitung nicht?“

„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm.

„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß, und weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“

„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“ sagte Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“

Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort:

„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre Stimme lieblich.“

„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“

„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort.

„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm.

Ulenspiegel entgegnete:

„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde bis Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu nehmen oder zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird kein Quartier gegeben. Was hälst Du davon, Dickwanst?“

„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande immer nur von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen armer Menschen hören? Wann wird doch der gesegnete Friede kommen, da man ohne Sorge Rebhühner braten, Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne die Blutwürste zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die schwarzen lieber, die weißen sind zu fett.“

„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn wir in den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen- und Kirschbäumen statt der Früchte an jedem Zweig einen Spanier aufgeknüpft sehen.“

„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden könnte, meine vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue Frau! Denn versteh mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen und werde es nimmer sein; dazu war sie zu kühl und ruhig in ihrem Benehmen; sie mied die Gesellschaft der andern Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war das nur aus weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht wieder; aber ich war auch ihr Herr und Ehemann.“

„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral rufen: „Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne dasselbe rufen? Wir müssen uns jetzt segelfertig machen.“

„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel.

„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er.

„Ohne mich?“ fragte sie.

„Ja,“ sagte Ulenspiegel.

„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“ sagte sie.

„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“

„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von Tuch und nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie meiner aus Fleisch und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer wird Dich verbinden? Willst Du ganz allein in Mitten der Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“

„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib fielen, was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen Welt beginnen?“

Aber Nele sprach:

„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich hinter der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen sind.“

„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird für einen Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied:


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