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„Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.Astarte lieh mir Lenden,Drinnen Feuer loht.Meine weißen Schuldern blenden,Mein schöner Leib ist Gott.Von blanken Gülden macheDie Säckel ich Euch leer.Von blankem Golde lacheZu Füßen mir ein Meer.Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.Dein Traum sei noch so minnig /Durch mich nur wird er wahr.Kalt bin ich, sprühe Funken,Bin zärtlich untertan,Bin lau, bin heiß und trunkenNach Deinem Willen, Mann.Sieh, ich verkaufe Reize,Die Seele, Augen blau,Glück, Lachen, Tränentau /Selbst Tod: mit nichts ich geize.Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.“

„Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.Astarte lieh mir Lenden,Drinnen Feuer loht.Meine weißen Schuldern blenden,Mein schöner Leib ist Gott.Von blanken Gülden macheDie Säckel ich Euch leer.Von blankem Golde lacheZu Füßen mir ein Meer.Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.Dein Traum sei noch so minnig /Durch mich nur wird er wahr.Kalt bin ich, sprühe Funken,Bin zärtlich untertan,Bin lau, bin heiß und trunkenNach Deinem Willen, Mann.Sieh, ich verkaufe Reize,Die Seele, Augen blau,Glück, Lachen, Tränentau /Selbst Tod: mit nichts ich geize.Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.“

„Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.

„Zum Klang der Mandoline

Sing’ ich Nacht und Tag.

Ich bin die lose Gilline,

Feil jedem, der mich mag.

Astarte lieh mir Lenden,Drinnen Feuer loht.Meine weißen Schuldern blenden,Mein schöner Leib ist Gott.

Astarte lieh mir Lenden,

Drinnen Feuer loht.

Meine weißen Schuldern blenden,

Mein schöner Leib ist Gott.

Von blanken Gülden macheDie Säckel ich Euch leer.Von blankem Golde lacheZu Füßen mir ein Meer.

Von blanken Gülden mache

Die Säckel ich Euch leer.

Von blankem Golde lache

Zu Füßen mir ein Meer.

Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.Dein Traum sei noch so minnig /Durch mich nur wird er wahr.

Des Teufels Tochter bin ich;

Frau Eva mich gebar.

Dein Traum sei noch so minnig /

Durch mich nur wird er wahr.

Kalt bin ich, sprühe Funken,Bin zärtlich untertan,Bin lau, bin heiß und trunkenNach Deinem Willen, Mann.

Kalt bin ich, sprühe Funken,

Bin zärtlich untertan,

Bin lau, bin heiß und trunken

Nach Deinem Willen, Mann.

Sieh, ich verkaufe Reize,Die Seele, Augen blau,Glück, Lachen, Tränentau /Selbst Tod: mit nichts ich geize.

Sieh, ich verkaufe Reize,

Die Seele, Augen blau,

Glück, Lachen, Tränentau /

Selbst Tod: mit nichts ich geize.

Zum Klang der MandolineSing’ ich Nacht und Tag.Ich bin die lose Gilline,Feil jedem, der mich mag.“

Zum Klang der Mandoline

Sing’ ich Nacht und Tag.

Ich bin die lose Gilline,

Feil jedem, der mich mag.“

Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und so minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und Ulenspiegel stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber gebannt.

Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend, sagte sie:

„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“

Und ihr Zauber war gebrochen.

Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an.

„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet Ihr mich bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von Predigern so gutes Fett gewinnt?“

Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und sagte zur Stevenyne:

„Wir bezahlen nicht im voraus.“

„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt machen,“ sagte die Stevenyne.

„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel.

„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld der Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus. Das ist ein guter Batzen für die Gilline.“

Diese sang:

„Wo fändst Du solche Reize?Nimm alles, Augen blau,Lust, Küsse, Tränentau /Auch Tod: mit nichts ich geize.“

„Wo fändst Du solche Reize?Nimm alles, Augen blau,Lust, Küsse, Tränentau /Auch Tod: mit nichts ich geize.“

„Wo fändst Du solche Reize?Nimm alles, Augen blau,Lust, Küsse, Tränentau /Auch Tod: mit nichts ich geize.“

„Wo fändst Du solche Reize?

Nimm alles, Augen blau,

Lust, Küsse, Tränentau /

Auch Tod: mit nichts ich geize.“

Dann sagte sie hohnlachend:

„Laßt uns trinken!“

„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher.

„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen sind geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel sind im Käfig. Laßt uns trinken.“

„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel.

„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm.

„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben.

„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher.

„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen. „Ich bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel in den Schlingen meines Liedes fangen.“

„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest zu krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen Körper soll ein Tropfen flüssigen Feuers hängen.“

„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge wie Du, und die Hechte werden aufhören zu singen.“

Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend, die Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel und Lamm am Tische saßen, warfen Schinken, Würste, Eierkuchen und Flaschen von ihrer Tafel an die der Dirnen, die sie im Fluge auffingen, wie Karpfen, die an der Oberfläche eines Teiches nach Fliegen schnappen. Und die Stevenyne lachte und fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von Kerzen, fünf aufs Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren die Kerzen der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel:

„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze; willst Du jetzt eine?“

„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel.

„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben.

Die Gilline sagte:

„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden will.“

„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die Stevenyne.

„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach Ulenspiegel.

„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem Schafott die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“

„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete Ulenspiegel.

„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine Liebste Dich anschauen käme.“

„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele Dir auf Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“

„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn und der Schulter gebrandmarkt würdest?“

„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht hat, anstatt die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“

„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so wirst Du auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt werden, von vier Galeeren gevierteilt zu werden.“

„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und Du kannst fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel. „Laßt uns trinken!“

„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne. „Sie würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis zu erhellen.“

„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten, Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach Ulenspiegel.

Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil er mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte, der im Takte ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und dazu sprach er:

„Tis (tydt) van de beven de klinkaert.“ Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.

Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen und die Häuser mit roter Laterne zu plündern.

Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren und sprach:

„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

Und die Sieben taten es ihm nach.

Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte verwundert. Die Büttel sprachen:

„Halten die Sieben es mit ihnen?“

Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch zugleich riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel:

„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen.

Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser, Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu tanzen an, fielen um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um an der andern wieder hinzufallen. Und immer dräuender, ernster, kriegerischer und eintöniger erklang es:

„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“

Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn gewöhnlich.

Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele der Sieben und in Ulenspiegels und in Lamms Seele.

Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen, ihre Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören, und zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf Stühlen ritten und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein so großes Lärmen mit ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des Hauses erzitterten. Alsdann machten sie gleich einer Rotte toll gewordener Teufel im Gemach und um alle Tische die Runde und schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen ihre Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und Lamm steckten ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen auf, packten ihre Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen behend durch das Gemach, schlugen nach rechts und nach links, nur der Dirnen schonend, und zerbrachen alles übrige, Hausrat, Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen, Näpfe, Gläser und Flaschen. Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und sangen immerfort im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der Stevenyne einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen.

Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden, Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen zu wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß in einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und hielt ihre Laute, als wollte sie sie beschützen.

Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden Euch kein Leids antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel, die in ihren Hosen zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten nicht Widerstand zu leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger, die der Bienenwirt unter den Stärksten auserlesen, sie mit ihren Messern in Stücke gehackt hätten.

Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel:

„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs Brandmarken; dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind zwei treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies für dein Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“

Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich vor Grimm wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens, denn sie hatte den Mund zu voll davon.

Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu singen: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu murmeln. Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern diese Rede hielt:

„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle getötet.“

„Getötet“, sagten die Metzger.

„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein Leids an, Ulenspiegel.“

Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden Zähnen in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig und preßte ihre Laute an sich.

Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“

Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und machte ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die Häscher gelobten wie sie.

Ulenspiegel redete weiter:

„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen, wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt, wenn man Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen. So die Nachtwächter den Lärm vernommen haben, werden sie sich nicht vom Fleck rühren, maßen sie zu faul sind und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die beim Klang der Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch ruhig vor Euren Bezwingern.“

Dann redete er zu den Sieben:

„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“

„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“

„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“

„Ja“, sagten sie.

„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen könnte, um uns zu dienen?“

„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen Reformierten verfolgten.“

„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos.

Sodann sprach Ulenspiegel:

„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel als ihr gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn empfangen hättet.“

Plötzlich schrien die fünf Andern.

„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden. Der König zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon, und wir werden dem Richter alles sagen, was Du willst.“

Die Metzger und Lamm murmelten dumpf:

„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren!“

„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr sollt zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid. Bis dahin sind wir gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und Suppe festhalten wird. So Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren Anteil an der Beute haben. So Ihr versuchet zu desertieren, werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet und also dem Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“

„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie.

„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen mit den Scherben der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den Tisch.

„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen will, so sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“ „Er hat mich nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem Winkel auf und schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang:

„Blutiges hatt’ im Sinn ich:Ein schlimmer Traum fürwahr!Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.“

„Blutiges hatt’ im Sinn ich:Ein schlimmer Traum fürwahr!Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.“

„Blutiges hatt’ im Sinn ich:Ein schlimmer Traum fürwahr!Des Teufels Tochter bin ich;Frau Eva mich gebar.“

„Blutiges hatt’ im Sinn ich:

Ein schlimmer Traum fürwahr!

Des Teufels Tochter bin ich;

Frau Eva mich gebar.“

Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen.

„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der Beute haben.“

„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne.

„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du sollst die Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst ihre Röcke, Leintücher und Hemden waschen.

„Ich, Herr Gott!“ sagte sie.

Ulenspiegel entgegnete:

„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper gelebt, sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen und plärren, es wird geschehen, wie ich gesagt habe.“

Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und sagen zu ihr, die Zunge herausstreckend:

„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für uns arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“

Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm:

„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt der Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“

„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten die Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise gegen Dich. Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“

Dann wandten sich alle drei gegen Gilline:

„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht der schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns zu schlagen und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest uns, weil wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der Opfer bist Du so reich gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen, auf daß sie uns dadurch gleich sei.“

„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel.

Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach:

„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß ich häßlich sei!“

Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und sagten:

„Er ist in sie vernarrt wie alle.“

Die Gilline sang zur Laute.

Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und Dirnen an der Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren!“

Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche, und Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man am dritten Tag um Mittag die Gilline tot, das Herz von einer langen Nadel durchbohrt. Die Stevenyne wurde von den drei Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann der Kampanie, seine Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu Richtern eingesetzt waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie habe die Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte. Und die Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben. Auch die Gilline ward begraben, und über ihrem reizenden Leib wurden Sterbegebete gesprochen.

Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet, vor den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und Toben und die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen, mußten von besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß Haus der Stevenyne in der Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit von Kortrijck lag. Nachdem sie dem Herrn Burgvogt erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer Überzeugung und schlichter Einfalt der Sprache:

„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein getreuer und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung in den „Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, und wir haben sie gesehen. Die wahren Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, der eine mager, der andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich auf und davon sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen hatten; diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es waren sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre Partei nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher freigelassen, als bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und hier sind die Spuren der Stricke. Die vier andern Büttel sind ihnen auf den Fersen und erwarten Verstärkung, um Hand an sie zu legen.“

Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues Kleid für ihre getreuen Dienste.

In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu vermelden, daß die wahren Mörder gefunden wären. Und er beschrieb ihnen das Abenteuer des Langen und Breiten. Darob erzitterten die vom Rat von Flandern und von den andern Gerichtshöfen. Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns trefflich gelobt.

Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße von Peteghem nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte sie, nach Brügge zu kommen, allwo Lamm sein Weib zu finden hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel, der in Träume versunken war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen, die betrübt mit Katheline, der Irren, lebte.

Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden. Mägdlein, junge Burschen und Greise, von denen man wußte, daß sie mit Geld versehen nach Brügge, Gent oder sonst einer Stadt oder Ortschaft in Flandern gegangen waren, wurden tot aufgefunden. Sie waren nackend wie Würmer und von so langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der Halswirbel bei allen gebrochen war.

Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen, sagten sie, und hätten die Opfer geplündert.

Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen.

Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den Weg gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was aus ihnen geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens ging, sein Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand, derweil sein Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und einen armen Leichnam bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne im Genick oder unterm Ohr aufwies, gar oft auch am Bein und immer von hinten. Und allemal war der Wirbelknochen und das Bein gebrochen.

Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde zu bringen, und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei Schöffen und zwei Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam des Getöteten lag. Nachdem sie ihn fleißig und sorgsam visitiert und manchmal, wenn das Gesicht noch nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und Geschlecht erkannt hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der aus Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts ohne Geleit auszugehen wagte.

Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und Nacht in den Dünen längs des Meeres zu suchen.

Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die Nacht war gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft vertraute, wollte sie verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet, auf die Suche zu gehen. Die Andern ließen ihn seinen Willen, überzeugt, daß er, tapfer und bewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn anders er sich zu zeigen wagte.

Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche.

Und von Zeit zu Zeit schrien sie:

„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm trinken!“

Aber er antwortete nicht.

Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und sagten: „Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“

Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn die Einen sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern, er sei vom Kamme der Dünen gekommen.

Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein gebissen und den Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern Opfern. Auf dem Rücken liegend, hielt er seinen Degen in der geballten Faust; seine Büchse lag auf dem Sande. Neben ihm fanden sich drei abgeschnittene Finger, die sie mitnahmen und die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt.

Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen und seine wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und ergrimmt trugen sie den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann sie in Gesellschaft des Kriminalschreibers, der zwei Schöffen und der beiden Wundärzte empfing.

Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die Finger waren dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern des Richter- oder Priesterstandes.

Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der Kriminalschreiber, die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle, wo der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen auf dem Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer gingen und dort aufhörten.

Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten Tage, wo man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab nach der Hochmesse dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft.

In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße kam, geweckt. Sie suchte Katheline in der Kammer und fand sie nicht. Sie lief nach unten und öffnete die Tür, und Katheline trat ein und sagte:

„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“

Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete sie alle Lampen, Wachslichte und Talgkerzen.

„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme schließend.

Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen anschauend:

„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf, der Wolf heult draußen auf dem Felde.“

„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette gestiegen, um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?“

Und Katheline sprach:

„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich habe die Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink diesen Zaubertrank;“ und ich habe getrunken. Hanske ist schön. Nehmt das Feuer fort. Alsdann hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: „Katheline, ich werde Dir die siebenhundert Karolus wiedergeben und Du sollst sie Ulenspiegel, Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid zu kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“ sprach ich, „mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst sie haben,“ sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder Mädchen, die jetzt ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich weiß nicht,“ antwortete ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen, aus Furcht, daß er sie liebte. Darauf sprach er zu mir: „Forsche danach und sage mir ihre Namen, wenn ich wiederkomme.“

„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres Reisig fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond schien, und auf dem Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske sprach zu mir: „Das ist die Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen Seelen steigen aus der Hölle auf. Du mußt mit der Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und Salz! Salz! Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und sie werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und sagte dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei diesem süßen Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über meinen Leib. Er bekränzte mich mit Rosen und sagte: „Du bist schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du bist auch schön, Hanske, mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern von grünem Sammet mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder, die auf deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie Meeresleuchten. Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so würden sie Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du mußt es nur mir geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren, welche am reichsten sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann ging er von dannen und ließ mich zurück, nachdem er mir verboten, ihm zu folgen. Ich blieb stehen und ließ die zwei Karolus in meiner Hand klingen. Ich zitterte am ganzen Leibe und war schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich einen Wolf mit grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem weißen Fell die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz! Salz!“ und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht zu schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er heulte, und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei mir und einmal ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte, er würde mich packen. Doch ich lief schneller als er. Zum großen Glück stieß ich an der Ecke der Reiherstraße auf den Nachtwächter mit seiner Laterne. „Der Wolf, der Wolf!“ schrie ich. „Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter, „ich werde dich nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß seine Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“

„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn jetzt mit schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt Euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine Knarre schnarren.“

„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt. Komm wieder, Hanske, mein Buhle.“

Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau, das Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen. Und sie weinte über sie.

In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem Filzhut trug und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche, und der Reiter hielt an und antwortete mit Kreyants Trompetenstoß.

„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel.

„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von Chatillon Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der Freiheitsprinz Befehl erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet die, so in Emden und Ostfriesland schon bewaffnet sind. Die kühnen Männer, die diese Aufträge erhalten haben, sind Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain, sein Bruder, Ludwig von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig van Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und kein Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda, der Friese, Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und stolze Genter, und Jan Brock.

Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden, hingegeben.“

„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel.

„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte von dannen.

„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben nur unsere Haut.“

„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer nur von Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist zu Boden gefallen.“

„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht man Schiffe für die Freiheit!“

„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr zu befahren haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere gern sitzend und ohne an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu haben.“

„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind leicht wieder los zu schlagen.“

Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit Zaumzeug.

Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo ein großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie betraten ihn, um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und sahen nichts andres, denn lange Waldwege, die in allen Richtungen nach Brügge, Gent, Süd- und Nord-Flandern führten.

Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel.

„Siehst Du dort nichts?“

Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein gutes Weib. Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu ihr zu gehen. Sie so wiederzufinden!“

„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie schön, in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das blühende Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine Frau.“

„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne sie. Trag mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von ihr gedacht? So ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen! Ja, das ist sie; sieh ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis zur Schulter, ihre runden, bräunlichen Brüste, die halb aus dem Nesselleibchen hervorsehen. Schau, wie sie mit der roten Fahne den großen Hund neckt, der danach springt.“

„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande bringen dergleichen nicht hervor.“

„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn, Ich sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um ihre runden Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre weißen Zähne zu zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende Stimme hören zu lassen. Sie macht ihr Leibchen oben auf und wirft sich zurück. Ach, dieser Hals eines verliebten Schwanes, diese nackten Schultern, diese hellen kecken Augen! Ich laufe zu ihr!“

Und er sprang vom Esel.

Aber Ulenspiegel hielt ihn fest.

„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei einem Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter den Bäumen? Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche, die uns ansehen und vielleicht bereit sind zu beißen. Wir wollen uns mehr im Dickicht verbergen.“

„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die meine, eine Vlämin wie wir!“

„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel.

„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und lacht und den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns nicht. Aber sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der Hund auf sie und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen. Und sie fällt und stößt einen Klagelaut aus.“

Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr:

„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen? Warum lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind wild.“

Und er umarmte und liebkoste sie und sprach:

„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest! Ich sehe es nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer Gott im Himmel!“

Und sie hörte nicht auf zu lachen.

Plötzlich rief Ulenspiegel:

„Sieh Dich vor, Lamm.“

Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von Zigeuner vor sich stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie Pfefferkuchen.

Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie:

„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“

Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand.

Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm:

„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“

„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend von dannen und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“

„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir sind arm und wollen Dir nichts antun.“

Lamm gab ihm einen Karolus.

„Welches Gewerbe treibst Du?“

„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste. Wir spielen die Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze. Und es ist mehr denn einer unter uns, der Käfige macht und Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf zu braten. Aber alle Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns. Da wir nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist, von Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen müssen, da er sie uns nicht geben noch verkaufen will.“

Lamm sprach zu ihm:

„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau gleicht?“

„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze.

Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet:

„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß nichts von weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt, wird sie lustig und toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig, und lange hielt man sie für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig am Feuer, manchmal weinend und ohne Ursache lachend und auf den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat, sagt sie. Um die Mittagsstunde im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre Tollheit am wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung des Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen, und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem Mantel von Ziegenfell einhüllen.“

„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der sie hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“

„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich ihr nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr Furcht vor ihr als Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er, auf Lamm weisend.

„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das meiste Oel?“

„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm.

Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner:

„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“

Der Zigeuner antwortete traurig:

„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und auch für die Bedürfnisse der Greise und Frauen.“

„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm.

Der Zigeuner erwiderte:

„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart seinen Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“

Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte ernst und stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte mit ausgelassenem Lachen in der Lichtung.

Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm:

„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten anzuwerben, die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken und die unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir gefiel, unaufhörlich zu essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen. Und trotz dem Begehren deines Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger zu leben. Gib mir Dein Geld, ich werde die gemeinsame Börse aufheben.“

„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“ sagte er, sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie ich bin, bedarf ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für Dich, der Du mager und schmächtig bist, ist es gut, von der Hand in den Mund zu leben, zu essen oder nicht zu essen, was Du findest, wie die Planken am Hafen, so von Luft und Wasser leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der Regen heißhungrig macht, ich brauche andern Schmaus.“

„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und nach ein und machen den schwersten Mann leicht. Und bald wird man ihn, weidlich entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen, meinen zierlichen Lamm.“

„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal sein? Mich hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“

Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch das Genter Tor und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für sich selbst einen halben Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen müssen, gingen sie in die Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels gedenkend, schien tiefbetrübt.

„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er.

„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.

Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als Wetterfahne, ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht ist, führten ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte für sich und Lamm Nachtessen: Brot, Bier und Käse.

Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm aß mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel zu, der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß, als wären es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier ohne Genuß. Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah. Und es war noch jemand, so im Hofe der Herberge lachte und manchmal das Gesicht an den Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel sah, daß es ein Weib war, das sein Gesicht versteckte. In der Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd, dachte er nicht mehr daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich sah, wegen der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein und er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten, ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine andere heiße Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen Hut lüftete und sprach:

„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so müssen sie sprechen und sagen, was es sein soll.“

Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und blickte Ulenspiegel mit banger Unruhe an.

Dieser antwortete:

„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“

„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht ihr ganzer Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies gute Vollmondsgesicht ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt den Herrschaften zu speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen, heute frisch gedämpfte Choesels, ein Kapaun, der auf der Zunge zergeht, eine schöne, auf dem Rost gebratene Kalbsrippe mit einer Tunke von vier Gewürzen, Dobbel-knol aus Antwerpen, Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein, nach Art des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“

„Bringt alles,“ sprach Lamm.

Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je auf den Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken und die Kalbsrippen stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt und Löwener Wein, auf burgundische Art gekeltert, maßweise in den Schlund goß.

Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein Walfisch und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu sehen, ob es nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die Krumen.

Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen, das lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und wieder ging. Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und Madeirazucker gebracht hatte, tranken sie weiter. Und sie sangen.

Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder in ihr großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel entgegnete, daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt versetzte:

„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein herrschaftliches Zimmer haben.“

Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen versehene Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett. Ulenspiegel, der wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank, ließ ihn zu Bett gehen und tat flugs desgleichen.

Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und sah ihn schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches Täschlein voll Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus und Silberstüver waren.

Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem Schlaf, rieb sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er:

„Mein Weib, wo ist mein Weib?“

Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er:

„Da war sie kurz zuvor.“

Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben umher, durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den Alkoven und die Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend:

„Mein Weib, wo ist mein Weib?“

Der Wirt kam bei dem Lärm herauf.

„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo ist mein Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“

„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib? Welches Weib? Du bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“

„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach er und durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs.

„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit unserer holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“

Und die Börse auf den Boden werfend:

„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib, Dein gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr kehrt nicht wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu sehen, ohne Liebe zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest Du mich, nachdem Du wieder zu mir gekommen warst. Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo ist mein Weib?“

Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße Zähren. Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde in der ganzen Herberge und auf der Straße umherzulaufen und zu schreien:

„Mein Weib, wo ist mein Weib?“

Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen ihn mit Steinen.

Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm: „Sei nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie gesehen hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen ist, denn ohne Zweifel war sie es, die das Nachtmahl und die fürnehmen Zimmer bezahlt hat und diesen vollen Säckel auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne sagen mir, daß dies nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht mehr, und laß uns zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“

„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch die ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“

„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“ sprach Ulenspiegel.

Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts sagen.

Und sie machten sich auf nach Damm.

Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm:

„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir fandest und wie sie Dich verließ?“

„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem Fleisch, Bier und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich mit Mühe schnaufte, als wir zu Bett gingen. Ich trug eine Wachskerze wie ein fürnehmer Herr, um mir zu leuchten, und hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt, um zu schlafen. Die Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe dabei. Als ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe und Sehnsucht nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal. Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter Schritte in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer war denn meine Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im Einschlafen war, sprach eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein Weib, mein armes Weib! sprach zu mir: „Hast Du gut gespeist, Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe, desgleichen ihr Antlitz und ihr holder Leib.“

Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst, denn er hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem lebendigen Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen enthielt, deren Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen. Jedesmal, wenn der König auf eine Taste schlug, traf diese die Katze mit einem Stachel, und das Tier miaute und jammerte vor Schmerz.

Aber Philipp lachte nicht.

Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große Königin, besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England setzen könne. Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und verschuldeten Papst geschrieben; der Papst hatte geantwortet, daß er für dieses Unternehmen gern die heilgen Gefäße aus den Kirchen und die Schätze des Vatikans verkaufen würde.

Aber König Philipp lachte nicht.

Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien, hernach zu heiraten und König von England zu werden hoffte, kam vor König Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten. Aber er war ein solcher Schwätzer, wie der König schrieb, daß man von seiner Absicht ganz offen an der Börse von Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord unterblieb.

Und Philipp lachte nicht.

Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge, ein Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt zu werden.

Und Philipp lachte nicht.

Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte, der nichts geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu rauben und an ihrer Statt mit dem Papst über England zu herrschen. Und der Mörder erboste sich, dies edle Land groß und mächtig zu sehen. Unablässig richtete er seine farblosen Augen dahin und suchte, wie er es verderben möchte, um danach über die Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten, sonderlich die Reichen, und die Güter der Opfer zu erben.

Aber er lachte nicht.

Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten, mit hohen Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden des Kastens auf ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu sehen und zu hören, wie die armen Tierlein sprangen, schrieen, ächzten und starben.

Aber er lachte nicht.

Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der Grausamkeit entzündet, zu löschen.

Und er lachte nicht.

Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus Liebe.

Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen, dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen, um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen. Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:

„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“

Aber Ulenspiegel antwortete nicht.

„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein Weib wiedersehen.“

Aber Ulenspiegel antwortete nicht.

„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest, noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin, und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“

Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.

Und Lamm schwieg.

So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. Sie zogen durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen der Hitze. Die Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender Zunge auf der Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel schritten bis zum Rathaus, davor Klas war verbrannt worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch mehr, und seine Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:

„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“

Der Kohlenhändler antwortete:

„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in diesem Hause, wohin Du willst.“

Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins Kammer und weinte dort.

Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler zu ihm:

„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke.“

Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch Durst habe.

Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.

Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten ein. Es war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen in der Schale, mit großen weißen Bohnen gemischt. Katheline aß. Nele stand neben ihr und wollte just eine Essigtunke, die sie vom Feuer genommen, in Kathelines Napf gießen.

Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt der Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd die Bohnen um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die Stirn und sagte wie eine Irre:

„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“

Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.

Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll inmitten seiner großen Trübsal.

Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu sagen. Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete vor großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, Tyll!“ Ulenspiegel betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, trat ein wenig zurück, schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder entgegen und umhalste ihn stürmisch, und so etliche Male. Er umfaßte sie glückselig und konnte sich nicht von ihr trennen, bis sie auf einen Stuhl sank, matt und wie von Sinnen; und sie sagte ohne Scheu:

„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“

Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn deutend:

„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“

„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich und sucht seine Frau.“

„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen, allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie mir:

„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße; aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“

Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an. Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und der Tunke.

Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei hellem Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand sorgte sich um sie, denn man wußte, daß die Werwölfe und die bösen, verdammten Seelen nur bei Nacht beißen. In einem Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous, die vier Karolusgülden wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson, zu Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem Verkauf her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, mit ihren schönsten Kleidern angetan, frohgemut von dannen.

Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. Doch sie gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und beruhigte sich.

Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom Meere zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre Fische auf Wagen, um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von Heyst zu verganten. Sie stiegen den mit Muscheln besäeten Pfad hinan und fanden auf der Düne ein nacktes ausgeplündertes Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie her war Blut. Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, und ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der Mund war gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien wollte!

Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und trugen ihn nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich die Schöffen und der Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen Zähne nicht Wolfszähne wären, wie die Natur sie macht, sondern die eines schlimmen und höllischen Werwolfs, und daß man Gott bitten müsse, das Land Flandern zu erlösen.

Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und Knokke, wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das Volk stand wehklagend in den Kirchen.

In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt war, weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen, zerrissenen Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche: „Ich will zum Werwolf gehen und ihn mit den Zähnen töten.“

Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche sagten:

„Du wirst nicht wiederkehren.“

Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu suchen, aber sie fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach Hause bringen, denn sie hatte sich in der nächtlichen Kälte das Fieber geholt. Und sie wachten bei ihr und flickten die Netze für den nächsten Fischzug.

In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt und nicht die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm, daß ohne Zweifel Diebe, die durch die Dünen streiften, diesem ihres ungerechten Vorteils wegen nachgingen. Darum ließ er durch öffentliches Ausschellen bekannt machen, daß männiglich wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf alle Bettler und Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren solle, ob sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre Stück von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden, die alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man fand nichts.

Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach:

„Ich will den Werwolf umbringen.“

„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. „Gebt mir Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“

„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann.

Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib, ein Wort über seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und schmiedete dort insgeheim eine schöne und große Falle, um wilde Tiere zu fangen.

Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs, machte Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns an den Pfarrer von Heyst und die Falle unter seinem Mantel. Im Ãœbrigen war er mit einer guten Armbrust und einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und sprach zu Denen von Damm:

„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin Kopfkissen machen.“

Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die hohle See große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind, der von Engelland blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten Schiffe. Ein Fischer sprach zu ihm:

„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer still, aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört. Wir können nicht zum Fischfang hinaus.“

Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht Hülfe zu finden, wenn es not tat.

In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns Brief.

Der Pfarrer sprach zu ihm:

„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein durch die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande gelassen wird. Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen gehen. Der Abend sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal heulen? Wird er wiederum, wie in der verwichenen Nacht, auf dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich schreien? Gott sei mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“

Und der Pfarrer bekreuzte sich.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.

Der Pfarrer sagte:

„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“

„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem armen, untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu Toria, des Mädchens Mutter, und desgleichen zu ihren beiden Brüdern ginget, um ihnen zu sagen, daß der Wolf in der Nähe ist und daß ich ihn erwarten und töten will.“

Der Pfarrer sagte:

„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen sollst, so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist zwischen zwei Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“

„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und Ihr, wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt und gebietet der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren Brüdern, sich vor der Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche einzufinden. Wenn sie den Schrei der Möwe hören, so heißt das, daß ich den Werwolf gesehen habe. Sie müssen sogleich die Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und wenn noch andere tapfere Männer da sind ...?“

„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die Fischer fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh nicht hin.“

Ulenspiegel erwiderte:

„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“

Drauf sprach der Pfarrer:

„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du Hunger oder Durst?“

„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.

Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse.

Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg.

Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas in der Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle Mond schien, und er betrachtete das Meer und die Wolken, und er hörte den Sturmwind von Engelland wehen.

„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid wie die Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes Meer, Du Himmel, der sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr Wogen mit feurigem Schaum, die Ihr über das düstere Wasser laufet und ungeduldig und zornig zahllose feurige Tiere, Ochsen, Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich über die Flut wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien, pechschwarzes Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den Werwolf, den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du Wind, der Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der Schiffe heulst, Du bist die Stimme der Opfer, die Gott um Rache anrufen, der mir bei diesem Unterfangen beistehen möge.“

Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen, als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit Kohl überladen hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und spuckend, stand still und stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber in Wahrheit machte er die Augen auf, um alles um sich her wohl zu betrachten, als er plötzlich ein gellendes Geheul hörte und beim Schein des hellen Mondes die lange Gestalt eines Wolfes gegen den Kirchhof laufen sah.

Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und stellte die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud seine Armbrust und ging zehn Schritt weiter in der Haltung eines Trunkenen, immerdar taumelnd, rülpsend und würgend. Aber in Wahrheit spannte er seinen Geist wie einen Bogen und hielt Augen und Ohren weit offen.

Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den Himmel jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt, die auf ihn zukam. Und er vernahm nichts als das klagende Heulen des Windes, das Donnergrollen des Meeres und das Knirschen der Muscheln des Meeres unter einem schweren, springenden Schritt.

Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold auf den Weg. Und er spie aus.

Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von Eisenwerk, dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines Menschen.

„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er. „Er erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen. Aber er wird nicht entkommen.“

Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine.

„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“

Und er schrie wie eine Möwe.

Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme rief im Dorfe:

„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“

„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel.

Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel, ihre Brüder, kamen zuerst mit Laternen.

„Ist er gefangen?“ fragten sie.

„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel.

„Gott sei gelobt!“ sagten sie.

Und sie bekreuzten sich.

„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel.

Lansaem antwortete:

„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht an die Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob und Dank!“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.

Plötzlich redete der Werwolf und sprach:

„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“

„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“

„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die Glocke schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin kein Wolf. Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt; ich bin alt und blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle Kinderstimme, die das Dorf aufweckt? Erbarmen!“


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