„Es will mit scheelen BlickenDas schwache ErdgewürmDie Gottesworte schauen,Die unsrer Hut vertraut.Lies, Wurm, lies das Geheimnis,Das heilige Rätselwort,Das Erde, Luft und HimmelMit sieben Nägeln trägt.“
„Es will mit scheelen BlickenDas schwache ErdgewürmDie Gottesworte schauen,Die unsrer Hut vertraut.Lies, Wurm, lies das Geheimnis,Das heilige Rätselwort,Das Erde, Luft und HimmelMit sieben Nägeln trägt.“
„Es will mit scheelen BlickenDas schwache ErdgewürmDie Gottesworte schauen,Die unsrer Hut vertraut.
„Es will mit scheelen Blicken
Das schwache Erdgewürm
Die Gottesworte schauen,
Die unsrer Hut vertraut.
Lies, Wurm, lies das Geheimnis,Das heilige Rätselwort,Das Erde, Luft und HimmelMit sieben Nägeln trägt.“
Lies, Wurm, lies das Geheimnis,
Das heilige Rätselwort,
Das Erde, Luft und Himmel
Mit sieben Nägeln trägt.“
Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen, in der Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die mit sieben flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln stund geschrieben:
„Aus dem Moder keimt das Leben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Demant in der Kohle ruht.Dumme Lehrer weise Schüler geben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“
„Aus dem Moder keimt das Leben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Demant in der Kohle ruht.Dumme Lehrer weise Schüler geben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“
„Aus dem Moder keimt das Leben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Demant in der Kohle ruht.Dumme Lehrer weise Schüler geben;Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“
„Aus dem Moder keimt das Leben;
Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;
Demant in der Kohle ruht.
Dumme Lehrer weise Schüler geben;
Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“
Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her. Sie zirpten gleich Grillen und sagten:
„Seht ihn an, den großen Meister,Papst der Päpste, größter König;Mit dem Wahn den Kaiser speist er,Ist von Holz und taugt gar wenig.“
„Seht ihn an, den großen Meister,Papst der Päpste, größter König;Mit dem Wahn den Kaiser speist er,Ist von Holz und taugt gar wenig.“
„Seht ihn an, den großen Meister,Papst der Päpste, größter König;Mit dem Wahn den Kaiser speist er,Ist von Holz und taugt gar wenig.“
„Seht ihn an, den großen Meister,
Papst der Päpste, größter König;
Mit dem Wahn den Kaiser speist er,
Ist von Holz und taugt gar wenig.“
Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen Degen. Sein Name war Hoffart.
Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach:
„Ich bin Gott.“
Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen Brüsten, offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war Wollust. Kam alsdann eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas: ihr Name war Habsucht. Und ein gefräßiger, gieriger Mönch, der Leberwürste aß und sich mit Bratwürsten vollstopfte und gleich der Sau, auf der er ritt, unaufhörlich kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die Faulheit, bleich und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge. Der Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf die Knie. Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf und Hechtzähnen; der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte, den Zorn, weil er zu lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt, die Wollust, weil sie zu rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen, die Hoffart, dieweil sie ein purpurn Gewand und eine Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im Kreise um sie her.
Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen und weinerlichen Kindern, sagten sie wimmernd:
„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit, Ihr habet uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei den Hinrichtungen getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen zu behalten! Neid, Du hast viel edle, nützliche Gedanken im Keime zerstört, wir sind die Seelen der verfolgten Erfinder. Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in Gold verwandelt, wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp, den König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend und bezahlst die Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten. Faulheit und Völlerei, Ihr beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf den Kehricht; wir sind die Seelen der Toten.“
Und man hörte eine Stimme sprechen:
„Aus dem Moder keimt das Leben:Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Dumme Lehrer weise Schüler geben.Um Asche zu haben und Kohlenglut,Der streifende Wurm, was er wohl tut?“
„Aus dem Moder keimt das Leben:Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Dumme Lehrer weise Schüler geben.Um Asche zu haben und Kohlenglut,Der streifende Wurm, was er wohl tut?“
„Aus dem Moder keimt das Leben:Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;Dumme Lehrer weise Schüler geben.Um Asche zu haben und Kohlenglut,Der streifende Wurm, was er wohl tut?“
„Aus dem Moder keimt das Leben:
Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;
Dumme Lehrer weise Schüler geben.
Um Asche zu haben und Kohlenglut,
Der streifende Wurm, was er wohl tut?“
Und die Irrlichter sagten:
„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen und Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren, die in ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung für nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene Blut, für die verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen Frauen und Jungfrauen. Wir sind die Vergeltung für die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir sind das Feuer, wir sind die Seelen der Toten.“
Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt, ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen.
Und eine Stimme sagte:
„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“
Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern.
„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“
Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten und wurden zu Asche verwandelt.
Und ein Strom von Blut floß.
Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach:
„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“
Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus der Faulheit die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen. Und die Wollust auf ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit Namen Liebe verwandelt.
Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her.
Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende Stimmen von verborgenen Männern und Weibern; die machten einen Lärm wie von hölzernen Klappern und sangen:
„Wenn auf Land und MeeresflutDiese sieben herrschen werden,Alsdann ist das Glück auf Erden:Menschen, dann lebt frohgemut.“
„Wenn auf Land und MeeresflutDiese sieben herrschen werden,Alsdann ist das Glück auf Erden:Menschen, dann lebt frohgemut.“
„Wenn auf Land und MeeresflutDiese sieben herrschen werden,Alsdann ist das Glück auf Erden:Menschen, dann lebt frohgemut.“
„Wenn auf Land und Meeresflut
Diese sieben herrschen werden,
Alsdann ist das Glück auf Erden:
Menschen, dann lebt frohgemut.“
Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit uns.“
Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte sie in den Weltraum.
Und die Geister sangen:
„Wenn der NordenWird den Süden küssen,Hören Tod und Tränen auf:Such den Gürtel.“
„Wenn der NordenWird den Süden küssen,Hören Tod und Tränen auf:Such den Gürtel.“
„Wenn der NordenWird den Süden küssen,Hören Tod und Tränen auf:Such den Gürtel.“
„Wenn der Norden
Wird den Süden küssen,
Hören Tod und Tränen auf:
Such den Gürtel.“
„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr redet dunkel, Ihr Herren Geister.“
Und sie sangen lachend:
„Norden ist Niederland;Belgien ist Süden;Gürtel, das ist Bündnis;Gürtel, das ist Freundschaft.“
„Norden ist Niederland;Belgien ist Süden;Gürtel, das ist Bündnis;Gürtel, das ist Freundschaft.“
„Norden ist Niederland;Belgien ist Süden;Gürtel, das ist Bündnis;Gürtel, das ist Freundschaft.“
„Norden ist Niederland;
Belgien ist Süden;
Gürtel, das ist Bündnis;
Gürtel, das ist Freundschaft.“
„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel.
Und lachend sangen sie abermals:
„Der Gürtel, armer Schelm,Zwischen Niederland und BelgienDas ist gute FreundschaftUnd ein schönes Bündnis.Met raedtEn daedt,Med doodtEn bloodt.Mit RatUnd Tat,Mit TodUnd Blut.Es müßte sein,Wär nicht die Schelde,Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“
„Der Gürtel, armer Schelm,Zwischen Niederland und BelgienDas ist gute FreundschaftUnd ein schönes Bündnis.Met raedtEn daedt,Med doodtEn bloodt.Mit RatUnd Tat,Mit TodUnd Blut.Es müßte sein,Wär nicht die Schelde,Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“
„Der Gürtel, armer Schelm,Zwischen Niederland und BelgienDas ist gute FreundschaftUnd ein schönes Bündnis.
„Der Gürtel, armer Schelm,
Zwischen Niederland und Belgien
Das ist gute Freundschaft
Und ein schönes Bündnis.
Met raedtEn daedt,Med doodtEn bloodt.
Met raedt
En daedt,
Med doodt
En bloodt.
Mit RatUnd Tat,Mit TodUnd Blut.
Mit Rat
Und Tat,
Mit Tod
Und Blut.
Es müßte sein,Wär nicht die Schelde,Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“
Es müßte sein,
Wär nicht die Schelde,
Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“
„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben: Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“
„Bündnis von BlutUnd Tod,Wär nicht die Schelde;“
„Bündnis von BlutUnd Tod,Wär nicht die Schelde;“
„Bündnis von BlutUnd Tod,Wär nicht die Schelde;“
„Bündnis von Blut
Und Tod,
Wär nicht die Schelde;“
wiederholten die Geister hohnlachend.
Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in den Weltraum.
Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald.
Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“
Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht.
Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen, der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm hielt.
Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der heiligen Römischen Kirche zurück.
Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam, mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete nieder.
„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete:
„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“
Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:
„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute Dich, eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er begraben wird.“
„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; es würde ihn in der Erde frieren.“
„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die Schaufel trug.
„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt und schön bleiben.“
Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und küßte ihn unter Schluchzen und Tränen.
Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, Gott sei gelobt!“
Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn mit Sand.
Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine große Bewegung, und Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte sich den Sand aus den Haaren. Dann packte er den Pfarrer an der Kehle und sprach:
„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! Wo ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“
Der Pfarrer schrie:
„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm Dich meiner Seele!“
Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.
Nele trat zu Ulenspiegel.
„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.
Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren gleich dem Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, Schaufel, Tragsessel und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister und Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und stöhnten auf dem Rasen.
Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:
„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! Komm, Nele.“
Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er das letzte gesungen, das weiß keiner.