Des Todes rührendes Bild stehtNicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;Diesem stärkt es zu künftigem Heil im Trübsal die Hoffnung;Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit UnrechtHat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden AltersWert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen KreisesSich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!
Des Todes rührendes Bild stehtNicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;Diesem stärkt es zu künftigem Heil im Trübsal die Hoffnung;Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit UnrechtHat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden AltersWert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen KreisesSich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!
Während also der Fromme in dem Tode nicht das Ende sieht, sondern an ihn die Vorstellung fortgesetzten Lebens knüpft, fordert der Gedanke des Todes den Weisen auf die Gegenwart zu ergreifen, sie mit Wesentlichem zu füllen und ewig zu sein in jedem Momente. Die Vergänglichkeit aber ist zugleich eine immerwährende Erneuerung, der ewige Untergang eine ewige Geburt; so blicke denn der Jüngling auf den Wert des Alters, dem er unaufhaltsam zureift, und der Greis auf die Jugend, in der er sich selbst wiederholt, daß beide sich des ewigen Kreises ohne egoistisches Bedauern, ohne Vorwurf gegen die Weltordnung erfreuen. Die ewige Verjüngung und Erneuerung der Familie zeigt sich in Hermanns und Dorotheens Bunde, denenVater und Mutter als Repräsentanten des Alters gegenüberstehen. Bei der Verlobungsszene findet der Pfarrer mit Erstaunen an Dorotheens Finger den früheren Verlobungsring und nun hält Dorothea eine Rede, die das idyllische Familienbild in den Zusammenhang mit dem großen Ganzen der geistigen Welt erhebt. Der Rat, den der scheidende Bräutigam ihr hinterließ:
Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf! u. s. w.
Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf! u. s. w.
das Bild, das er ihr von den Stürmen der gewaltigen Zeit entwirft:
Alles bewegt sichJetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen u. s. w.
Alles bewegt sichJetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen u. s. w.
— es ist die Stimme der Geschichte selbst, die heiligend und erschütternd in unsern stillen Kreis hineinruft, um diesen auf den Gipfel zu heben, wo der Mensch den Zusammenhang des kleinsten Lebens mit dem größten überblickt. Die frohe Zuversicht aber, die beim Einsturz aller politischen Formen das Gefühl der unverrückbaren Festigkeit des Familienfundamentes und des Eigentums dem darauf fußenden Manne gewährt, dieses echt deutsche Gefühl, diesen letzten Sinn des Gedichts spricht Hermann in den Schlußworten befriedigend aus. Man könnte sich darüber wundern, daß Goethe nicht, um die in dem Gedicht herrschende Empfindung noch mehr abzuschließen, durch eine eingeflochtene Nachricht den Frieden mit Frankreich und die Sicherheit der Rheinlande zu stande kommen läßt, um so mehr, da er selbst gerade zur Zeit, wo er an dem Gedicht arbeitete, an Schiller schreibt: Auch mir kommt der Friede zu statten und mein Gedicht gewinnt dadurch eine reinere Einheit. Der Dichter begnügte sich den Vater gleich anfangs von frohen Friedenshoffnungen, auf die alles deute, von dem festlichen Friedenstedeum, das bevorstehe, sprechen zu lassen und im Geiste sehen nun auch wir voraus, daß Hermanns Hochzeit an dem Tage des großen Landesfestes mitbegangen werden kann. Was den Gang der Szene im einzelnen betrifft, so versetzt uns der Dichter bei Eröffnung des Gesanges auf einen neuen Schauplatz, ins elterliche Haus, wo Eltern und Freunde erwartungsvoll der Ankunft Hermanns harren. Durch die Schilderung der Ungeduld der Mutter, die lange Erzählung des Apothekers, die Betrachtung des Pfarrers über Tod und Leben wird der langen Szene der beiden Liebenden gegenüber, die den ganzen vorigen Gesang einnahm, das Gleichgewicht und die Symmetrie wiederhergestellt, wonach für das elterliche Haus ein ungefähr gleiches Verweilen gefordert war. Sehr gewandt ist das Mittel, durch welches der Dichter das holde Geständnis der Liebe Dorotheen entlockt, über deren Gesinnung wir bisher nicht ganz sicher waren; die Weise, wie dies aus dem Mißverständnis sich entwickelt, ist zugleich eine sehr natürliche, dem Charakter sowohl des Vaters als Hermanns angemessene und stellt uns noch zum Schluß die ganze mädchenhafte Zartheit Dorotheens, die sich mit echt weiblicher Entschlossenheit paart, vor die Augen. Der Mißton, der dem harmonischen Zusammenklang aller Umstände und Charaktere vorhergeht, erreicht in Dorotheens Rede die höchste Stufe; denn sie will ja wieder fort; aber er ist auf demselben Punkt der schönen Auflösung am nächsten, da das Motiv ihrer Entfernung ja die heimliche Liebe zu Hermann ist. Im übrigen ist auch hier die Naturwahrheit jedes ausgesprochenen Wortes zu bewundern, die sich mehr nachfühlen als erklären läßt und die den Leser desto tiefer ergreift, je reicher an Menschen- und Lebenserfahrung er ist. So wenn die Mutter zu wiederholten Malen das Zimmer der Männer verläßt und wieder betritt und vom Gewitter spricht und, daß der Mond sich schon verdunkelt habe, und von der Gefahr der Nacht und die Freunde lebhaft tadelt, daß sie von Hermann sich getrennt, und der Vater unmutig nach Weise der Männer sie bedeutet: Mach nicht schlimmer das Uebel; du siehst, wir harren ja selbst. Oder die muntern Worte, mit denen der Vater die eben hereingetretene Dorothea neckend begrüßt: Ja, das gefällt mir, mein Kind u. s. w.; oder auch diejenigen, die er später spricht im Widerwillen gegen das Weinen des Mädchens: Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden u. s. w.
Nachdem wir in dem Bisherigen die substanzielle Welt, die sich hier vor uns öffnet, besprochen haben, gehe ich über zur Beleuchtung der individuellen Charakterbilder, die der Dichter auf diesem Boden, in dieser Atmosphäre uns vorführt und in denen der allgemeine darin herrschende Geist sich individualisiert, sich zusammenfaßt.
Der Hausvater, ein behaglicher, wohl etwas beleibter Wirt, der im Wohlstande lebt, besitzt nicht bloß sein Gasthaus zum goldenen Löwen, sondern er ist wie die Bürger kleiner Städte zugleich Landwirt und es gehört ihm außer dem großen Garten auch ein schöner Weinberg und ein weites Kornfeld. Im Hause ist unser Wirt etwas herrisch und brummig, gerade wie Hausväter zu sein pflegen. Mütterchen, seit langen Jahren mit ihm verbunden, weiß ihn aber zu behandeln und erträgt sein auffahrendes Wesen mit Gleichmut. Unübertrefflich ist die Physiognomie des alten Ehebundes gezeichnet: Gewohnheit verbindet beide, ihre Gefühle sind mit ihnen alt geworden, ja sie streiten miteinander und dennoch würden sie die Hälfte ihres Selbst verlieren, wenn eins dem andern entrissen würde. Obgleich sie sich gegen den Sohn auf verschiedene Weise benehmen, sind sie doch durch gemeinschaftlichen Besitz dieses einzigen Kindes eins und oft bestimmen sie ihm mit elterlichem Geschwätz bald dieses bald jenes Mädchen zur Braut. Der alte Herr ist auch Mitglied des Rates gewesen, hat mit tüchtigem Geschäftssinn manches zur Verbesserung der Verwaltung, zur Ausbesserung der Gebäude und Reinlichhaltung der Straßen gewirkt, sich aber auch mit seinen Kollegen im Rat tüchtig gezankt und, wenn er dann nach Hause kam, mußten die Hausgenossen die üble Laune und den mitgebrachten Aerger entgelten. Bei Tische trinkt er nach Sitte jener weintragenden Gegend einige Schoppen, erhitzt sich dabei, wird gesprächiger, aber auch leicht zum Zorne gereizt und spricht dann manch heftiges Wort, das ihn am Abend, wenn der kleine Rausch verflogen, wieder gereut. Nachher ist er dannauch wieder sehr leicht zu behandeln und für dasjenige, wogegen er heftig geeifert, zu gewinnen. Verhaßt ist ihm wie vielen älteren Herren das Weinen, Jammern, das viele Reden der Weiber, das ihn aus seiner Ruhe stört; droht das Geschnatter oder das Lamentieren anzugehen, dann steht er ärgerlich auf und geht in sein Schlafzimmer, um sich zu Bette zu legen. Seine Einwilligung zu seines Sohnes Heirat gibt er halb scherzend nur deswegen, weil er im entgegengesetzten Fall nur Trotz und Thränen voraussieht. Eine gewisse Gravität und bürgerlich-stattliche Haltung ist ihm angeboren; bedächtig schreitet er Sonntags aus der Kirche, so daß die Schuljugend dadurch zu Neckereien gereizt wird. Seinen Sohn Hermann hat er immer zu tadeln, wie so oft Väter thun, wenn sie grämlich geworden; er möchte ihn anders haben und versteht dessen Charakter nicht; er möchte ihn gern nach Vätereitelkeit zu höherem Stande streben sehen und wünscht ihm feinere Manieren, gewandteres Benehmen; überhaupt hält er, wie Hermann selbst Dorotheen mitteilt, auf Aeußeres und auf zierliches Benehmen und er rühmt von sich selbst, daß er als guter Gastwirt jeden nach Stand und Charakter zu behandeln wisse. Er will daher auch kein bäurisches Mädchen zu sich als Schwiegertochter ins Haus; sie soll das Klavier spielen und die schönsten und besten Leute sollen sich Sonntags bei ihm versammeln. Bei all diesen Eigenheiten ist der Vater dennoch eine kernhafte und gutmütige Natur. Das Elend der Vertriebenen rührt ihn und er gibt gern das Seinige hin ihr Unglück zu mildern. So erteilt ihm auch der Dichter das Epitheton: der menschliche Hauswirt. Und die neue Schwiegertochter, so sehr ihr Stand und ihre Armut seinen Lieblingswünschen entgegen ist, umarmt er dennoch herzlich, die Thränen verbergend.
Die Mutter ist ein echtes Weib, eine echt bürgerliche Hausfrau. Das Haus, der Keller, der Garten sind das Reich, in dem sie geschäftig waltet. Voll Besorgnis ihren Sohn suchend, geht sie einmal durch den Garten und nimmt gleich im Vorbeigehen einige Raupen vom Kohl und stellt die Stützen der Obstbäume zurecht. Als Weib ist sie leichter gerührt als derVater, beweglicher als dieser in seiner bürgerlichen Gravität. Die Thränen kommen ihr, wie der Dichter sagt, leichtlich ins Auge. Obgleich sie im wesentlichen sich dem Grundton anschließt, in dem der Vater denkt und spricht, so hat sie doch oft als Weib und Mutter die raschen Worte und heftigen Meinungen zu mildern, zu denen jener im Eifer sich hinreißen läßt. Sie steht als wahrhafte Mutter mit ihrem Sohn in regem Gemütsbündnis; dieser verläßt nie das Haus, er sagt es ihr denn; sie neigt sich zu ihm, wenn er leidet, weint mit ihm, errät seine Gedanken, empfängt seine Geständnisse und schilt den Vater, wenn dieser über ihren Hermann ungeduldig wird. Sie und der Vater erinnern lebhaft an Goethes Eltern, denn auch im Goetheschen Hause war die geistvolle nachsichtige Mutter oft die heimliche Verbündete des genialen Sohnes, wenn dessen Dichternatur mit der pedantischen Gravität des Vaters in Widerspruch trat. Auch Wilhelm Meister stand wie Hermann mit seiner Liebe, so mit seinem Theaterdurst und seinen Kunstidealen dem alten Kaufherren Meister innerlich fern, der Mutter aber durch Vertrauen und Einverständnis nahe.
Hermann der Sohn zeigt uns die deutsche Natur, die deutsche nationale Eigenheit in einem meisterhaften Individualbilde verkörpert. Hermann ist treu und fleißig, gediegen und tüchtig. Ihm ist nicht gegeben, mit raschem Geistesblick die Dinge zu ergreifen, aus der Tiefe der Seele die Gedanken mühelos an die Oberfläche zu heben, mit energischem Willen augenblicklich die Menschen und Einrichtungen nach seiner Absicht und Einsicht zu zwingen. Geistesgegenwart geht ihm ab, die Waffe der List ist ihm versagt, die feinere und geistreichere, aber oft auch nichtigere und leicht verbrausende Lust des Lebens ist ihm unbekannt. Hermann sprudelt nicht von Witz- und Geistesfunken, die, nachdem sie einen Moment geleuchtet, erlöschend in Asche versinken; seine Auffassung ist langsam, aber, wenn sie erfolgt ist, immer der Wahrheit eines reinen und innigen Gemütes entsprechend. Hermann denkt immer mehr, als er spricht; auf ihn kann man sich verlassen, sowohl auf sein Gemüt, als auf sein Wort, als auf die Arbeit, die erthut. In Gesellschaft ist er blöde, sein Auftreten, seine Kleider sind etwas bäurisch; herzlosen Weltmenschen erscheint er lächerlich und der Gewandtheit gegenüber ist er waffenlos. In der Schule ging es mit ihm langsam; der Vater klagt, daß Hermann immer der Unterste saß; er konnte eben nicht flüchtig aufnehmen, um das Aufgenommene von jedem neuen Eindruck wieder wegspülen zu lassen; aber war etwas von ihm angeeignet, so war es gewiß seiner Natur gemäß und sein Besitztum für immer. Gutmütig und langsam, ließ er sich von seinen Schulkameraden manches gefallen, nur wenn sein Innerstes, sein Gemüt mit ins Spiel kam, z. B. wenn über seinen Vater, über dessen bedächtigen Gang und großblumigen Schlafrock gespottet wurde, dann erwachte sein Zorn und blind und wütend hieb er um sich; denn gerade, wenn eine schwerfällige Natur wie die Hermanns einmal empört wird, so wirft sie unaufhaltsam wie ein Element alle Schranken vor sich nieder. Fließend und beredt sprechen war Hermann nicht gegeben: Deine Zunge stockte immer, sagt der Vater. Desto besser gelangen ihm bäuerliche Arbeiten auf dem Felde, im Weinberg, im Garten. Die Hengste im Stall besorgt er selbst; er hat sie auferzogen und vertraut sie keinem andern an, recht ein ländlicher Bursche, dessen Freunde ja immer die Pferde sind. Er wohnt in der Kammer im oberen Stock, ist frühmorgens mit der Sonne auf und wenige Stunden gesunden Schlafs genügen ihm. Ueberhaupt ist er gesund, hat starke Nerven und einen hohen Wuchs. Er ist kein sentimental schwindsüchtiger Jeanpaulischer Romanheld, der Sehnsucht nach den Sternen hat. Von künstlichen Reizen und exotischen Phantasien weiß er nichts: er ist der ruhige Bürgerssohn, der nicht für das Weite und Umfassende, nicht für Staat, Krieg, Wissenschaft, Ehre bestimmt ist, sondern für die immer wiederkehrenden Geschäfte des Ackerbaues und ein enges geordnetes Erwerbs- und Familienleben. Zwar will er einmal aus den gewohnten Lebensverhältnissen scheiden und mit in den Krieg ziehen, aber nicht weil ihm jene zu eng sind oder dieser den inneren Thatendrang zu stillen verspricht, sondern gerade weil er in Gestaltung seines häuslichen Lebens durchWiderspruch gestört worden und weil die Liebe, die Seelenbezwingerin, auch ihn für den Augenblick aus dem Gleichgewicht gebracht hat. In der Uniform zu prunken und als Soldat vor den Mädchen zu stolzieren, diese Eitelkeit fällt ihm nicht ein. Am Schlusse des Gedichts spricht er eine standhafte patriotische Gesinnung aus, aber nur weil der gewonnene Besitz eines geliebten Weibes ihn mit der Empfindung des Eigentums überhaupt erfüllt hat; nun ist das Meine meiner als jemals, ruft er aus; es ist der Mut des Bürgerwehrmannes, des Nationalgardisten, der für den Bestand des Besitzes auch sterben kann und, wenn die Gefahr vorüber ist, rasch zu seiner Sphäre des Privaterwerbes zurückkehrt. Bei aller Beschränktheit des Blickes und der Wünsche ist Hermann rein von Gemüt, unbefleckten Herzens, voll Zartgefühl gegen die Eltern. Er ist ein ungestörtes Naturprodukt und ein sicherer Instinkt führt ihn auf das ihm Gemäße, das er bald erkennt und als das Seinige festhält. So hat er auch Dorotheen gefunden, nach wenigen Augenblicken erkannt und in einem Tage ist seine Ehe entschieden. Das Unbehülfliche und Beschränkte seines Wesens ist nur die äußere Gegenseite der inneren Unverrückbarkeit und Integrität seines Gemütes. Auch die Art, wie seine Liebe zu Dorotheen sich äußert, stimmt ganz zu seinem übrigen Wesen und dem Lebenskreise, dessen Produkt er ist. Kein idealer Wahn der Phantasie, der den Jüngling zu den Füßen des Mädchens stürzt, kein himmelhoch Jauchzen, zum Tode betrübt; sondern in stiller Kammer hat er sich einsam gefühlt; der Garten, das Feld, die Geschäfte sind ihm öde erschienen; der Vater wird alt, die Habe mehrt sich, für wen schaffen und wirken? Er entbehrte der Gattin, er sehnte sich nach einer Lebensgefährtin. In solcher Stimmung stieß er auf Dorotheen und findet rasch, daß sie für ihn bestimmt ist; herzliche Neigung fesselt ihn so entschieden, daß er das Haus verlassen will, wenn ihm das Mädchen versagt wird, und ist eine sichere Gewähr für bleibendes häusliches Glück. So haben wir in Hermanns Liebe nur den Zug der Sittlichkeit, die Gestalt gewinnen will, das stille Anknüpfen eines bürgerlichen Ehebundes, nicht diephantastische Ueberspannung einer poetischen Jugendleidenschaft, deren Flamme, je verzehrender sie um den ergriffenen Gegenstand lodert, desto eher in diesem Besitze erlischt.
Durch die Gruppe der genannten drei Personen ist die Familie vollendet. Zu ihr treten zwei Hausfreunde, der Pfarrer und der Apotheker des Städtchens. Beide sind an Bildung der schlichten Bürgersfamilie überlegen, der Pfarrer mehr von der idealistischen, der Apotheker von der realistischen Seite. Doch erkennt man an dem Pfarrer als einem durch wissenschaftliche Studien Gebildeten eine wirkliche Geistesüberlegenheit, während der Apotheker seinem Berufe angemessen, der zwischen dem Gelehrten und Techniker in der Mitte schwebt, eine halbe Stellung einnimmt und sich mehr die Miene höherer Weisheit gibt, als diese wirklich besitzt.
Der Pfarrer ist als Kandidat der Theologie nach Vollendung der Universitätsstudien, wie dies zu geschehen pflegt, Hofmeister eines jungen Barons gewesen und mit ihm nach Straßburg gegangen, wo der Zögling wahrscheinlich studieren sollte. Als Hofmeister hat er die Welt auch in höheren Kreisen etwas kennen gelernt; er versteht z. B. die weltmännische Kunst einen Wagen vom Bocke zu lenken; überhaupt ist er kein beschränkter und bäurischer Dorfpfarrer. Er vertritt in dem engen Bürgerleben der kleinen Stadt den weiteren Geistesblick, die tiefere Einsicht. Natürlich kennt er sein Fach, die heilige Geschichte, aber auch in der profanen ist er wohlbewandert. Seine Ansichten tragen das Gepräge der Versöhnlichkeit und milden Heiterkeit; durch humane Toleranz ist er die Zierde der Stadt; in allem, was er sagt, drückt sich edle Lebensweisheit ab; immer weist er auf das Höhere und Vernünftige, auf die innere Ordnung hin, die dem blinden Treiben der Welt zu Grunde liegt; er findet das Gute überall heraus und empfiehlt das Sittliche als das allein Zweckmäßige und Glückbringende. Kein Rigorismus, kein religiöser Fanatismus, kein Pfaffentum ist in ihm. Auch als mildthätig zeigt er sich: im Dorf unter den Vertriebenen hat er schnell sein Silbergeld verschenkt und händigt auch noch ein Goldstück dem Richter ein, um es durch diesenden Armen zukommen zu lassen. Der Dichter nennt ihn einen Jüngling, näher dem Manne.
Der Charakter des Apothekers ist äußerst fein von dem Dichter gezeichnet, so daß es schwer ist, dies leichte und doch so konsequente Gebilde zu fassen. Haben wir in dem Pfarrer einen ernstfreundlichen Mann, der in seinen sittlichen Grundsätzen und in reifer Bildung bei jedem Handeln den Schwerpunkt findet, so bewegt sich der Apotheker geschäftig und unruhig hin und her; er kann mit der Rede nicht an sich halten, sondern nimmt jedem das Wort vor dem Munde weg; in seiner Lebendigkeit schießt er an dem Ziel auch vorbei; er ist rührig und thut sich auf seine List und Schlauheit etwas zu gute; auch allgemeine Betrachtungen weiß er anzustellen und gibt sich als einen Vielerfahrenen, aber er ist zu unstäten Geistes, als daß seine Ansichten das Wahre und die Wurzel des menschlichen Lebens getroffen hätten, und häufig hat der Pfarrer den rechten Gesichtspunkt wiederherzustellen. Er ist ein gutmütiger, dienstfertiger Alltagsmensch, der glücklich ist, wenn man ihm eine Hantierung aufträgt, mit Bestrebungen und Besorgnissen, die er mit der großen Menge praktisch-realistischer Menschen teilt. Geduld ist seine Sache nicht. Schon als Knabe, erzählt er uns selbst, war ihm einmal, als der Wagen, der sie zu den Linden führen sollte, zu lange ausblieb, die Geduld völlig ausgegangen; er lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Thür. Die Hände prickelten ihm, er kratzte die Tische, stampfte mit den Füßen und das Weinen war ihm nahe. Da führte ihn der Vater ans Fenster und wies auf die gegenüberliegende Werkstatt des Tischlers, der den Sarg macht, in den wir uns alle legen müssen, früh genug, ob wir geduldig oder ungeduldig seien. Seitdem, meint er, wurde ihm die Ungeduld mit der Wurzel ausgerissen, aber er täuscht sich mit dieser Behauptung. Während im Dorfe der Pfarrer mit dem Richter im Gespräch begriffen ist und dies Gespräch eine allgemeinere Wendung nimmt, treibt den behenden Mann die Unruhe fort, er läuft beiseite und späht durch Hecken und Gärten nach der Unbekannten. Nachdem endlich beide über das Mädchen hinreichende Erkundigung eingezogen und indem sie nun wieder zu Hermann kommen, spricht er schon aus der Ferne dem Harrenden zu, er kann nicht an sich halten. Wie Hermann an einer früheren Stelle des Gedichts seinen Entschluß kundthut, Dorotheen zur Gattin zu wählen, stimmt der Pfarrer sogleich freudig bei, der Apotheker aber rät erst das Mädchen zu prüfen, ob sie des Bräutigams auch wert sei. Dieselbe vulgäre Klugheit zeigt er in dem Augenblick, wo der Pfarrer zum ersten Mal Dorotheen erblickt und, von ihrer Gestalt ergriffen, der Schönheit ihrer Seele sogleich gewiß ist: dem Schein ist nicht zu trauen, warnt er weise; man soll über niemand urteilen, bevor man mit ihm den Scheffel Salz verzehrt hat. Gleich anfangs, wo er vom Anblick des Zuges der Vertriebenen zurückgekehrt ist, nennt er jeden glücklich, der nicht Weib und Kind daheim hat in so gefährlichen Zeiten, denn einem solchen kann das Schicksal nichts Ernstes anhaben und sein Bündel ist leicht geschnürt. Ich selbst habe, sagt er, die Kostbarkeiten beiseite gepackt, um mich ohne Zeitverlust aufmachen zu können, obgleich ich die gesammelten Kräuter und Wurzeln ungern verlasse. Unser Apotheker ist also unverheiratet und in der That macht er den Eindruck eines Hagestolzen, der nirgends recht festen Fuß gefaßt hat. Wo am Schlusse des Gedichts die Verwicklung glücklich gelöst ist und die übrigen in Empfindung verloren sind, neigt sich der Apotheker sogleich mit Segenswünschen. Eine komische Rolle spielt er, wo er sich in den Wagen setzen soll, den der Pfarrer leitet: er zaudert und sitzt während der ganzen Fahrt wie einer, der immer zum weislichen Sprunge bereit ist. Etwas spaßhaft ist auch seine Wohlthätigkeit: da er kein Geld bei sich hat, so zieht er wenigstens den gestickten ledernen Tabaksbeutel, öffnet ihn zierlich und teilt mit dem fremden Richter die wenigen Pfeifen Knaster, den er zu loben nicht ermangelt. Der Dichter hat den ganzen Charakter mit einer leichten liebenswürdigen Ironie behandelt, die aber nirgends stark hervortritt, sondern sich gleichsam nur in einem leisen Lächeln des erzählenden Sängers kundgibt.
Wenn wir den Richter erwähnt, der wie der Vater die Kinder, wie ein altorientalischer Patriarch einen ziehenden Stamm, so die Haufen der Fliehenden mit Weisheit und würdigem Ernste lenkt und ermahnt, so ist von den Hauptgestalten nur noch eine übrig: Dorothea. Dorothea ist ein starkes Dorfmädchen in der Tracht, wie sie an zwei Stellen des Gedichts beschrieben wird, mit blauem, gefaltetem Rock, rotem Brustlatz, schwarzem Mieder und einer Halskrause. Sie wäscht und trägt, sie treibt die Ochsen des Wagens, sie holt Wasser und verdingt sich als Magd. Sie hat auch, wie der Schultheiß erzählt, einmal ihre und ihrer Gefährtinnen Unschuld gegen eindringendes Kriegsgesindel verteidigt, indem sie mit rascher Körperkraft den ersten zu Boden hieb und die andern in die Flucht jagte. Dies beweist ihre Entschlossenheit. Es fehlt ihr aber deshalb nicht an Zartheit der Empfindung; denn nicht nur ist sie hilfreich gegen die Wöchnerin und weiß die Kinder an sich zu fesseln; sie hat auch früher mit liebender Aufopferung einen alten Verwandten, bei dem sie wohnte, bis an seinen Tod gepflegt; obgleich ihr Auge, wie Hermann sagt, mehr Verstand als Liebe blickt, hat sie doch schnell eine zärtliche Neigung zu dem Jüngling gefaßt und die letzte Szene offenbart uns unter der Hülle der kräftigen Magdgestalt den zartesten Seelenadel und eine echt jungfräuliche Delikatesse. Eigentümlich weiblich ist es, wenn Dorothea sich abweisend und kurz abfertigend gegen Hermann benimmt, z. B. da, wo er ihr den Wasserkrug abnehmen will und sie dies nicht zugibt. Dorothea ist ein Mädchen von der Westgrenze Deutschlands, etwa aus dem Kurfürstentum Trier oder Mainz; in ihr verschmilzt das deutsche Gemüt mit dem feinen Takt und Verstand der französischen Nachbarn. Selten wird sie von sentimentaler Rührung angewandelt und auch, wo sie sich der Empfindung überläßt, verliert sie den freien Blick über den Moment und das, was er fordert, nicht. Scheinbar als Magd in das Haus ihres künftigen Gatten gelangt, übersieht sie beim ersten Scherzwort sogleich die Gefahr ihrer Lage und mit Kraft und Offenheit beschließt sie durch augenblickliche Entfernung ihr zu entgehen. Dies, sowie die Feinheit ihres immer angemessenenBenehmens, das Taktvolle ihrer Worte und die verständige Klarheit bei allem Handeln ist ein Anflug aus dem nahen Frankreich, wie dies Dorothea selbst einmal andeutet. Sie wird, wie vorauszusehen ist, des Vaters Lieblingstochter werden. Gegen Dorothea steht Hermann etwas zurück: er ist der Weiche, Innerliche, sehnsüchtig Bewegte, sie die Besonnene, Bestimmte, die ihre richtige Empfindung sogleich in die That, z. B. das Mitleid in Hilfsleistung umsetzt. So finden wir auch in diesem Paar das Charakterverhältnis wieder, das durch alle Liebespaare der Goetheschen Dichtung geht. Eine gewisse Weichheit zeichnet die Männer aus und sie sind alle der weiblichen Vollkommenheit gegenüber leidend und gefangen; so Weislingen, Werther, Clavigo, Egmont, Tasso, Wilhelm Meister, Eduard. Das weibliche Ideal gelang Goethe unübertrefflich: er hatte aber selbst zu viel seelenvolle Weichheit in seiner Natur, als daß er heroischer Männlichkeit vollkommen hätte nachempfinden können. Von dem Heroismus aber, der auch in der weiblichen Natur liegt und in entscheidenden Momenten großen Unglücks oder dringender Gefahr hervortritt, legt auch Dorothea Zeugnis ab, indem sie die eindringenden Soldaten so tapfer abwehrt. Diese Selbstverteidigung Dorotheens als einen falschen, widerwärtigen Zug zu tadeln ist leicht. Wenn auch Wilhelm von Humboldt sich den Tadlern anschließt, so scheint uns dieses Urteil noch ein Rest jener stolzen und kalten Idealität, die Humboldt eigentümlich war und die er in seinem Umgang mit Schiller reichlich pflegte. Die übrigen minderbegabten Rezensenten, die das Gedicht nach seinem Erscheinen in den damaligen kritischen Instituten beurteilten, fanden noch eine viel größere Menge von Zügen unzart und platt; daß sie Ochsen treibt, daß sie um eine Wöchnerin und ihr eben geborenes nacktes Kind beschäftigt ist u. s. w.; dies alles ist wider die konventionelle Delikatesse. Sie mußten folgerecht Dorotheens ganze Gestalt, ja alle Personen und Sitten des Gedichtes verwerfen. Auch daß Dorothea schon früher einen Bräutigam gehabt, könnte ihr in den Augen manches Lesers schaden, denn es ist also nicht die erste frische Liebe, die sie zu Hermann führt, jene Liebe, von der das bis dahin unbefangenenichtsahnende Herz plötzlich und unwiderstehlich überrascht wird. Allein die romantische subjektive Liebe als solche zu schildern war hier überhaupt des Dichters Zweck nicht, sondern eine werdende Ehe. Er wollte in einem ruhigen Gemälde die Art und Weise darlegen, wie in einer unverdorbenen bürgerlichen Welt auf unbefangen menschlichem Wege das Institut der Ehe sich verwirklicht und von Geschlecht zu Geschlecht sich erneut. Gerade Dorotheens früheres Unglück, der Verlust ihres Bräutigams gibt ihr bei aller Kraft der Seele, bei aller Heiterkeit des Schaffens einen rührenden Zug, der uns das liebliche Mädchen noch näher bringt. Wer daran Anstoß nimmt, daß Dorothea schon einmal geliebt, der wird in dem Gedicht auch sonst noch viel vermissen, aber auch die eigentümliche Welt, in der es sich bewegt, ganz verkennen. Alle Gefühlsschwelgerei, alle Exzentrizität der Leidenschaft hat der Dichter durchgängig abgewiesen; in der Gesinnung echter Bürger, sowie in dem Gange ihres Lebens waltet ja nicht sowohl phantastische Ueberspannung als verständiger Realismus. Hermann und Dorothea stehen beide nicht zu einander wie Romeo und Julie. Nachdem Goethe in früheren Dichtungen alles Entzücken und alle Verzweiflung der Liebe aus tiefster Erfahrung ausgesprochen, neigte sich seine Dichtung in späteren Jahren den stillen Beziehungen der Ehe zu und, wie in den Wahlverwandtschaften die Ehe selbst und die in ihr schlummernden negativen Mächte das Thema bilden, so ist die Muse unseres Gedichts nach des Dichters eigenen Worten diejenige, die gern die herzliche Liebe begünstigt und den Bund eines lieblichen Paares vollenden hilft.
Dies sind die Charaktere des Gedichts. Man weiß nicht, was man an ihnen mehr bewundern soll, die ideale Wahrheit und individuelle Lebendigkeit oder die poetisch-konkrete Entfaltung oder die feine Nüancierung oder die Kunst plastischer Gruppierung. Sie sind alle dem Leben selbst abgelauscht, sie ergreifen durch das wiederkehrend Menschliche, das ewig Allgemeine, das uns in ihnen entgegentritt. Sie sind ein Ausdruck der unwandelbaren Naturkräfte, die das Leben durchdringen und gestalten, der Gefühle, Bestrebungen und Stimmungen, die überall sind, wo nurein Herz menschlich schlägt, heute wie im grauen Altertum, bei Homer wie in unsrer täglichen Erfahrung. Als Schattenbilder im Reiche der Phantasie in idealen Höhen geboren, treten sie in vertraute Nähe zu uns heran und wir erkennen sie wieder als befreundete Gestalten, aus denen unsere eigene innerste Herzenserfahrung spricht. Bei allem individuellen Kolorit sind sie so typisch, daß wir sie in der äußersten Ferne wiederfinden: der Apotheker ist in unserm Kreise, was Pylades in der Iphigenie, Antonio im Tasso, Mephistopheles im Faust, was bei Homer der erfindungsreiche Odysseus; der Vater gleicht im Rate seiner Freunde und Familiengenossen dem götterberatenen, gewaltig herrschenden, leicht zürnenden Sohn des Kronos, den seine Umgebung durch List und Ueberredung dennoch beherrscht; er wünscht wie jeder Vater, wie Hektor beim Homer, daß ihm der Sohn nicht gleich sei, sondern ein Besserer; der Pfarrer, der in Hermanns Liebe die Stimme des Schicksals vernimmt und dieser zu folgen für die edelste Weisheit hält, er ist, was der Seher Kalchas bei Homer, welcher kannte, was ist, was war und was sein wird; beide Hausfreunde stehen sich gegenüber wie Erfahrung und Idee, wie Verstand und Vernunft als Typen geistiger Gegensätze; und Hermann selbst in seiner stillen arbeitsamen Naturexistenz, er ist der Jüngling überhaupt, der zum Manne heranreift, und wie Telemach wohnt er im oberen Stock und ist auf mit der rosenfingerigen Eos; ja gegen den Schluß mit wachsendem Kraftgefühl erhebt sich seine Gestalt zu der des Heros überhaupt, der mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes trägt, den sein Weib zur Schlacht wappnet:
Und drohen diesmal die FeindeOder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen!
Und drohen diesmal die FeindeOder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen!
Dies Typische spricht sich in dem Gedicht an zahlreichen Stellen aus, z. B. wenn die Mutter ausruft: So sind die Männer! oder der Vater: Sind doch ein wunderlich Volk, die Weiber! oder wenn er sagt, er erfahre, was jedem Vater gedroht ist, daß den heftigen Willen des Sohnes die Mutter immer allzugelind begünstigt. Hermann, von seiner Liebe sprechend, ruft aus: Ja, es lösetdie Liebe, das fühl' ich, jegliche Bande, wenn sie die ihrigen knüpft; und nur das hinzugefügte »das fühl' ich« führt jenes allgemeine in die Sphäre des besondern Individuums zurück. Wie in Hermann der Sohn und Jüngling, so spricht und handelt in Dorothea das Mädchen, das Weib überhaupt: und sie sagt dies wiederum selbst, wo sie ihren Schritt als Magd dienen zu wollen als allgemeine weibliche Bestimmung des Dienens und Sorgens hinstellt. Ist Hermann der Telemachus, der Hektor überhaupt, so erscheint in Dorothea der Typus griechischer Jungfrauen, Töchter und Heldenfrauen, die liebende Andromache, die weise gewaltige Athene, die πάρθενος ἀνδροκτόνος, die schreitende Kanephore oder dasamphoratragende Mädchen u. s. w. Nirgends zeigt sich ferner im Gedichte die Absicht einen Menschen vor uns hinzustellen, keine abstrakte Zeichnung, keine besondere Charakterschilderung; sondern, indem uns die Begebenheit erzählt wird, ergeben sich zugleich und unabtrennbar in organischem Zusammenhang die sie tragenden und von ihr wiedergetragenen Charaktere. Die Handlung geht nur fort, insofern der Charakter sich entfaltet, und diese Entfaltung eben ist es, die die Handlung weiterführt. So konkret auf diese Art die Charaktergebilde vor uns entstehen, so fein sind sie unter einander nüanciert. Alle Personen sind in der idyllischen Sphäre des Ganzen enthalten, sie sind alle ein Spiegel reiner Sitten, gemütlicher Güte und bürgerlich schlichten Verstandes. Dennoch hat diese gleiche Substanz in jedem auf eigentümliche Weise Gestalt gewonnen: hier der Vater mit leichter Hinneigung zu den Schwächen und Eigenheiten des Alters, der Bevormundung, der Eitelkeit; dort der Sohn mit tiefer Färbung unbehilflicher Gemütskonzentrierung; hier der Pfarrer als ein etwas pedantischer Verbesserer; dort der Apotheker mit seinem naiv drolligen Egoismus; dort die Mutter, die bewußtlos gutmütig alles nur in ihrem Hermann sieht u. s. w. Uebrigens treten die Charaktere in dem Gedicht selbst lange nicht so schneidend hervor, wie wir sie oben aus zerstreuten Zügen zusammengestellt; manche Reden, die der eine spricht, könnte man bei flüchtigem Hinsehen auch wohl dem andern zuteilen. Wie alles in unsermGedicht maßvoll ausgeglichen und verschmolzen ist, so zittert auch um die Charaktere ein feiner Aether, sie ebenso beleuchtend als verhüllend, ein zarter Nebel, der zwar durchscheinend ist, aber die Härte mildert und eine reizende Blässe um sie gießt. Man muß die sich bewegenden Personen aufmerksam verfolgen, sie lange ansehen, um die ganze Zartheit der Nüancierung zu empfinden. Aeußerst kunstvoll und plastisch sind sie endlich gruppiert. Die stille Gruppe der idyllischen Hauptgestalten wird durch den Gegensatz der flüchtenden Menge, die verworren von der Grenze herzieht und, wie sie alle Brunnen im Dorfe getrübt hat, so auch mit trüben Sinnen und in leidenschaftlichem Gezänke auf ihrem Wege weiterdrängt, getragen und beleuchtet. Des Vaters Ungeduld hebt die liebevolle Nachsicht der Mutter; an die im Mittelpunkt stehende Familie treten zu beiden Seiten die beiden innerlich verschiedenen Hausfreunde heran; der realistischen Gruppe des Vaters und Apothekers stellt sich die idealistische des Pfarrers und Richters gegenüber; hier der Vater mit den beiden Freunden in kälterer Stimmung und unter allgemeineren Gesprächen im Wirtssaale, dort gleichzeitig die liebende Mutter mit dem tiefergriffenen Sohn unter dem Birnbaum; Hermann und Dorothea, das selig beklommene Paar, am Brunnen, auf dem Heimgang, draußen im Mondlicht, unter drohenden Gewitterwolken, ihnen gegenüber die unruhig harrenden Eltern und Freunde im Hause; endlich in der Schlußszene die rührende Vereinigungsgruppe aller Personen in mannigfaltiger Beziehung zu dem Ereignis, je nach der Nüance des Charakters und der Beteiligung näher und weiter mit leichterer und tieferer Seelenbewegung zu dem glücklichen Momente sich stellend. Die Linien sind überall so einfach, die Gestalten so heiter und rein, die Momente bei aller Tiefe der Bedeutung so faßlich, daß hier alles die bildende Kunst zu einer Reihe von Figuren und Gruppen aufzufordern scheint. Bei der herrlichen Gruppe, die Hermann und Dorothea bilden, wo sie auf den Stufen des Weinbergs gestrauchelt ist und er sie in seinen Armen hält, ruft der Dichter selbst:
So stand erStarr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt.
So stand erStarr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt.
Vielleicht schwebte seiner Phantasie hier unbewußt die Gruppe des Sabinerinnenraubs von Giovanni da Bologna in der Loggia zu Florenz vor: ein sich stemmender heldenhafter Jüngling, der ein junges Weib hoch trägt ganz wie Hermann hier die über ihm hochschwebende Dorothea. Beide am Brunnen sitzend, neben einander herschreitend, am Baumstamm ruhend —lauter Momente für eine Marmorgruppe. An Meyer schreibt er, die höchste Instanz, vor der das Gedicht gerichtet werden könne, sei die, vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringt; und an Schiller, er habe die Vorteile, deren er sich in Hermann und Dorothea bediente, alle von der bildenden Kunst gelernt. In der That gibt es kein neueres Gedicht, dem die klare stille Kunst der Plastik verwandter und dessen Phantasiegebilde leichter in sichtbare Marmorgestalten zu verwandeln wären.
Schon oben ist von dem epischen Gedicht gesagt, daß es das Leben in seiner ganzen Breite vor uns aufrollt, mit freundlicher Anerkennung dem Kleinsten wie dem Größten eine Stelle in dem Gemälde gewährt und den Menschen als sinnlich-geistige Totalität im konkreten Zusammenhang mit der ganzen ihn umgebenden Welt der Dinge in den poetischen Spiegel aufnimmt. Nun hat aber eben unser Leben eine Gestalt, wie sie dem Dichter und Künstler nicht zusagt, sei es infolge der Zivilisation oder infolge des düstern Klimas, welches ein schönes Gleichgewicht menschlicher Entwicklung nicht begünstigt. Das Sinnliche ist bei uns zurückgedrängt, die frische Energie der Existenz, die in schönen und kräftigen Formen nach außen tritt, ist bei uns gebrochen. Der Maler sträubt sich gegen unsre Kleidertracht als phantasielos: er flieht mit seinen Darstellungen in frühere Jahrhunderte oder in einsame Gebirgsthäler oder in den Orient und sucht dort kleidsame farbige Gewänder, malerische Formen und Schnitte, prächtigenSchmuck, Adel und Einfalt der Erscheinung. Wie weit haben sich bei uns die Formen des Umgangs von jener naiven Ursprünglichkeit entfernt, mit der der Mensch die ganze Macht seiner innern Leidenschaft und Gesinnung in sein äußeres Benehmen, in den Ausdruck des Gesichts, in Gang, Haltung und Wort hineinlegte! In unsrer Geselligkeit darf weder der Zorn und Haß, noch die Freude und Liebe rein hervorbrechen und sich energisch in der sinnlichen Erscheinung malen. Nirgends versetzen wir in unser äußeres Thun den vollen Inhalt eines ungebrochenen Herzens, wir achten im Gegenteil unser Naturdasein gering und schätzen den Menschen nur nach dem Maß seiner geistigen Thätigkeit.
Im homerischen Zeitalter stehen die Helden noch im engen Verkehr mit der äußern Natur: bei ihnen verschmelzen das Sittliche und Physische zum Bilde einer totalen und in sich einigen Menschennatur. Wie ganz anders bei uns! Wir beteiligen uns an den sinnlichen Geschäften nur halb oder gar nicht mehr. Schon hört bei uns das Handwerk allmählich auf, wo der Mensch mit gemütlichem Anteil in ein bestimmtes Werk seiner Hände sich vertieft: es verwandelt sich in Fabrik- und Maschinenarbeit, die ihr Produkt gleichgültig und uniform zu Tage wirft. Wo sonst ein Herold in bunter Tracht mit silberner Trompete den Krieg ankündigte, da wird jetzt ein Manifest geschrieben. Krieg und Schlacht sind mechanisch geworden, eine halb mathematische Wissenschaft, die mit Truppenlinien, mit Carrés, mit Stoß und Gegenstoß massenhaft operiert; es kann der Sieg gewonnen, die Schlacht verloren sein, ohne daß der einzelne Krieger etwas davon gewahr geworden. Die Erfindung des Schießpulvers hat wie die des Geldes, welche letztere erst in unsrem Jahrhundert zu ihren Konsequenzen gekommen, das volle einzelne Leben in Abstraktionen aufgelöst. Statt der naiven Rechtsverhandlungen unter offnem Himmel, wo der geehrte Sinn der Handlung in zahlreichen symbolischen Formen hervortrat, werden jetzt zwischen düstern Mauern Aktenstöße zusammengeschrieben und Paragraphen zitiert. Die Staaten befehden sich durch Noten und Schriften; wo der Mensch sonstmit Mund und Auge, mit Wort und That hervortrat, da wird jetzt in geheimen Staatskabinetten geschrieben; geschrieben wird überall, in Büreaus, in Amtsstuben, in Kanzleien; dem lauten bunten Leben tritt die Polizeiregel, der freien Individualität die mechanisierte hierarchische Verwaltung entgegen. Schreiben und Lesen ist bei uns an die Stelle von allem getreten. Und doch ist der Mensch, wie Goethe selbst sagt, eigentlich nur berufen in der Gegenwart durch seine Persönlichkeit zu wirken; Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich Lesen ein trauriges Surrogat der Rede. Unsre Sinne, nicht mehr im Kampf mit den Elementen geübt, sind stumpf und blöde geworden; jede eigensinnige Individualität, d. h. jede Durchdringung ganz eigentümlicher Umstände und Bedingungen, die in dieser Art nie wiederkehren kann, ist in negativen allgemeinen Richtungen untergegangen. Nivelliert sind auch unsre Städte, in denen man das Haus nach der Nummer, in Amerika, diesem Lande moderner Prosa, sogar die Straße nach der Nummer aufsucht; nivelliert ist das Land, wo regelmäßige Grenzen einen Acker von dem andern sondern und die Naturfreiheit der Landschaft immer weiter vor der verfolgenden Bodenkultur zurückweicht. Der wechselnde Pfad, der den Reiter unter Gefahren und Mühseligkeiten durch Wälder, durch Ströme und über Berge führte, er ist zur geraden und öden Chaussee geworden, diese zur noch abstrakteren Eisenbahn. Der Tag des Städters wird von dem Amt, von der Gewohnheit prosaisch und pünktlich geregelt; der Landmann blickt nicht mehr nach der Sonne, um sich die Tageszeit anschaulich-sinnlich vom Himmel zu holen; er hat eine Uhr, ein mechanisches Werkzeug dazu. Die Maschine dringt auch immer mehr in den Ackerbau: Sähmaschinen, Dreschmaschinen, selbst Pflugmaschinen ersetzen die lebendige Hand; wenn der Ackerbauer sonst mit kundigem Blick den Horizont übersah, um das kommende Wetter zu erraten, wenn ihm dabei poetisch-abergläubische Traditionen, gereimte Sprüche behilflich waren, so hat er jetzt ein Barometer an der Wand hängen, wenn nicht gar ein Hygrometer. Ein unfruchtbarer Acker wurde sonst als vom Teufel verdorben, vom bösen Blick gestochen untergeheimnisvollen Gebräuchen exorzisiert und neugeweiht; jetzt wird ein Lehrbuch der Agrikulturalchemie aufgeschlagen und der Boden entmischt und gemischt. Die seltsamen bunten mannigfaltigen Tauf-, Hochzeits- und Beerdigungsgebräuche unsrer Ahnen sind nur noch in schwachen Spuren übriggeblieben; der Volkstanz, sonst voll Charakter und unmittelbarer Energie, ist allmählich zu dem bleichen Schatten unsrer Gesellschaftstänze geworden, wo von schöner Darstellung nicht mehr die Rede sein kann und die, je feiner die Gesellschaft ist, desto ängstlicher als bloße abstrakte Formen aufrecht erhalten werden; der Ausdruck gerade wird bei ihnen gemieden, die zu starke Erhitzung gilt für unanständig. So ist unser ganzes Leben aus einem blühenden naiven Naturdasein zu einem abstrakten, ohnmächtig reflektierten, von einigen allgemeinen Formeln umschlossenen geworden. Fern sei der Gedanke diese Losreißung von dem natürlichen Pflanzenleben zu verurteilen; Abstraktion ist gegen Unmittelbarkeit die höhere Stufe und unser allzu geistiges Dasein muß zu einer zweiten Natur, zum Ziel schöner Sittlichkeit führen; so wie unsre Sitten aber jetzt sind, müssen sie den Dichter und Künstler anwidern, vor der ästhetischen Betrachtung sind sie verworfen. In welchem traurigen Dilemma befindet sich der Bildhauer, der einen heutigen Helden als Statue zu bilden hat: abgesehen davon, daß Heldengröße heutzutage nicht durch Kraft und Anmut des Leibes, sondern auf Kosten derselben erreicht wird, die Skulptur also an dem zu verherrlichenden Manne eigentlich nichts darzustellen findet, so muß der Künstler entweder das abstrakt idealisierende Kostüm, z. B. die antike Toga, wo alle Wahrheit aufgeopfert wird, oder den modernen Frack und die Militäruniform wählen, wo alle plastische Schönheit ausgeschlossen ist. Einen Mann wie Napoleon konnte der Erzgießer in seinem Ueberrock und seinem dreieckigen Hute auf die Vendômesäule stellen: der Held hatte sich so der Völkerphantasie auf immer eingeprägt und von historischer Macht ergriffen hat der Sinn beim Anschauen des Bildes gleichsam nicht Zeit auf die Linie der Schönheit zu achten. Im übrigen ist die Bildnerei beschränkt auf mythologische Figuren und Gruppen, überhaupt auf Gegenstände, dieunserm Sinn und Leben fernliegen. Wie sie das Nackte bei uns schmerzlich vermißt, denn wir verhüllen alles, wie sie unsern gebrechlichen verunstalteten Körper überhaupt verschmäht, so sucht die Malerei bei uns vergebens nach Repräsentation, nach augenfälligen Szenen, Handlungen und Momenten. Der epische Dichter, um auf diesen zurückzukommen, befindet sich in gleicher Verlegenheit wie die bildende Kunst; er soll eine Welt poetisch schildern, die sich der poetischen Darstellung auf allen Punkten entzieht, die sich gar nicht fassen läßt, da sie das Sinnliche abgestreift oder, wo sie es nicht aufgeben konnte, wenigstens so viel als möglich ins Dunkel verwiesen hat.
Unter solchen Umständen griff Goethe mit glücklichem Takt nach derjenigen Schicht der Gesellschaft, die der Einfalt der Natur in Worten und Werken noch nahe stand, ohne mit dumpfem Blödsinn gegen die Weite der Welt und des Lebens verschlossen zu sein. Es ist eine Bürgerfamilie, die zugleich das schöne uralte heilige patriarchalische Geschäft des Ackerbaues treibt. Dadurch ist sie mit der lebendigen Natur in beständiger Berührung; Wolken und Winde, Regen und Sonne, der stille Wechsel der Jahreszeiten ist ihr wichtig; körperliche Arbeit wird von ihr gefordert; ihre Mühen wie ihre Erholungen sind sinnlicher Art. Hermanns Vater ist kein bleicher, blöder Gelehrter, dem es hinter der Oellampe gleichgültig ist, ob es in der übrigen freien Welt regnet oder schneit; er sitzt vor seiner Thür und zum Himmel schauend spricht er: Schönes Erntewetter morgen! Hermann, der Sohn, schirrt die Pferde selbst, legt ihnen das Gebiß an, zieht die Riemen durch die Schnallen, befestigt die Zügel, führt die so geschirrten Tiere auf den Hof, auf den unterdes der Knecht die Kutsche schon hinausgeschoben, setzt sich auf den Bock, bändigt die Hengste, schwingt die Peitsche und fährt bergan und bergunter. Er ist es, der arbeitend und anordnend auf den Feldern waltet; am Erntetag, wo gewiß die ganze Familie Hand anlegt, wird dann auch das ländliche Mahl im Schatten des Baumes gehalten, ganz wie auf dem Schilde des Achilles, während die Schnitter die goldnen Halme sicheln und zusammenbinden, die Herolde unter der Eiche das schöneMahl bereiten und körbetragende Frauen ihnen dabei zur Hand gehen. Hermann sagt von sich selbst:
Und ich verstehe wohl gut die weltlichen Dinge zu sondern,Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.
Und ich verstehe wohl gut die weltlichen Dinge zu sondern,Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.
Auch sein Blick ist scharf: auf seiner ersten Fahrt fällt ihm sogleich ein Wagen, von tüchtigen Bäumen gefügt, ins Auge; zwei gewaltige Ochsen schreiten ihn ziehend daher, die er sogleich als ausländische erkennt. Auch Dorothea ist ein Mädchen voll frischer bäuerlicher Lebenskraft: sie ist keine ätherisch-sentimentale Stubenblume, trägt kein Korsett, ist in keiner Pension erzogen und liest keine blumigen Novellen aus Almanachen mit goldnem Schnitt, keine vergoldeten Gedichte von Theodor Körner oder Emanuel Geibel. Der Richter rühmt von ihr, sie sei rüstig geboren und ebenso gut als stark; Hermann selbst vergißt neben dem Verstande, der sich in ihren Worten zeigt, unter ihren Eigenschaften nicht die frohe Gewandtheit, die Stärke des Arms, die volle Gesundheit der Glieder. Phantasielose Rezensenten der alten Schule fanden es bei Erscheinen des Gedichts zu niedrig, daß Dorothea die Ochsen treibt, Wasser holt, sich als Magd verdingt. Aber gerade dies Bild Dorotheens neben den Ochsen mit dem Stabe ist wie das der Wasserschöpfenden von rührender homerischer Einfalt und Menschlichkeit. Der Ochse und die Kuh sind seit der ersten Gesittung des Menschengeschlechts in das Leben und die Sitten desselben verflochten, es sind heilige Tiere wie das Roß, sie sind poetisch wie der Pflug; sie dienen dem Menschen in geruhiger Würde, ganz Nahrung und Gedeihen ausdrückend. Gern verweilt die Phantasie an ihnen gleichwie an Szenen aus der kindlichen Zeit primitiver Menschengeschlechter, gern stellte auch die bildende Kunst den Menschen neben sie und statt Niedrigkeit finden wir Adel in jener Gruppe Dorotheens und Hermanns auf der Landstraße. Auch Dorotheens bäuerliche Tracht ist noch so bunt sinnlich, daß sie Stück für Stück an zwei Stellen des Gedichts vom Dichter beschrieben, daß das Mädchen auf ganz episch primitive Weise nach ihr erkannt und beurteilt werden konnte. Bei alle dem sind es nichtbloße Bauern, die wir vor uns haben; sie sind nicht wie diese stumpfsinnig auf das nächste sinnliche Dasein gerichtet. Das städtische Bürgertum, dem sie zugleich angehören, die Wohlhabenheit, in der sie leben, hat ihre freiere geistige und sittliche Entwicklung begünstigt. Hermanns Vater ist kein roher Dorfbauer, er ist zugleich Gastwirt, dadurch mit den verschiedensten Menschen in Berührung gekommen, in den Stand der Reflexion übergetreten und eine Art Weltmann im kleinen geworden. Auch bei den übrigen Personen finden wir auf ganz homerische Weise die Einfalt der Lebensgewohnheiten und kindlich-sinnliche Beschränktheit der Lebenssphäre mit echt menschlicher Zartheit der Empfindung und gesunder Einsicht in die allgemeinen Verhältnisse gepaart. Jene Wohlhabenheit, die so günstig wirkt, wird dennoch nur durch Arbeit erhalten, wie sie nur durch Arbeit gewonnen worden; und diese Arbeit ist wiederum nicht die des armen Knechtes, des gedrückten Hörigen und an gemeine Dienstverrichtungen gefesselten Proletariers; sie macht darum nicht roh und unflätig wie in dem einen, nicht unterwürfig und gehorsam wie in dem andern Falle. Der fleißige Hermann hat dennoch noch einen Knecht, der ihm zur Hand geht. So gewann der Dichter gerade bei solcher Lebensstellung seiner Personen die nötige Naturlebendigkeit, indem er zugleich eine reiche Welt innerlicher sittlicher Motive vor uns aufthun konnte. Wir sammeln im Folgenden die einzelnen Züge, die das Bild dieser bürgerlich-ländlichen Sphäre der Sitten vervollständigen.
Hermanns Vater hat auf der Brandstätte beider Häuser die Mutter zur Gattin gewählt; der Brand aber war vor zwanzig Jahren geschehen; Hermann selbst wird also nicht mehr als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen. Dennoch ist er längst von den Eltern getrieben worden, sich eine Braut zu wählen und ihm selbst ist das Leben öde und einsam erschienen, weil er der Gattin entbehrte: alles dies schon im achtzehnten bis neunzehnten Jahre. So ist hier also die schöne Naturordnung noch ungeirrt, nach welcher der Jüngling, wenn er zeugungsfähig geworden, mit dem Weibe sich verbindet und jetzt erst das sittlich erfüllte Leben, derjenige Abschnitt desselben beginnt, zudem alles Vorhergehende nur Vorbereitung ist. In der Zivilisation unsrer großen Städte heiratet der Mann meistens dann, wenn er abgelebt ist und nach erschöpftem Genuß sich ein häusliches Asyl schaffen will; die Ehe ist das Hospital für den im Kriegsdienst des Lebens Aufgeriebenen und Ermüdeten. In frischen Jahren fehlt in der Regel das ernährende Amt oder die einseitig geistige Ausbildung ist noch nicht vollendet oder das Freiheitsgefühl hindert den Jüngling bei unsrer Form der Ehe sich auf ewig zu binden. Die Idee der Familie kommt dabei nur verkümmert zur Wirklichkeit; wie selten ist jener so rührend patriarchalische Kreis, wo um das würdige weiße Haupt des Ahnherren die Kinder, die Enkel, die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, die homerischen γαλόῳ καὶ εἰνάτερες εὔπεπλοι mit ihren Abkömmlingen sich gruppieren und seine segnende welke Hand küssen, wo der Großvater noch rüstig sich regt und neben ihm mit Höfen und Aeckern der Sohn, der Enkel sich angebaut hat. Auch Hermanns Mutter war nach ihrer eigenen Erzählung fast noch ein Kind, da der Vater sie zur Braut wählte, so daß wir wohl hoffen dürfen, sie werde noch als Großmutter, ja als Aeltermutter in der Mitte des jüngeren Geschlechts sich einer erneuten Jugend freuen. Gegenüber der abgeschmackten Gefühlsromantik unsrer Schauspiele und Romane, die gerade dort alles Interesse erschöpft glauben, wo der eigentliche Inhalt des Lebens erst recht beginnt, gehört auch dies zu der Lauterkeit homerischer Empfindungsweise, die uns aus dem ganzen Gedicht so wohlthuend anweht.
Auch der folgende echtbürgerliche, auf Hervorwachsen einer Familie aus der andern bezügliche Zug fehlt in dem Gedichte nicht. Die Eltern bereiten der Tochter schon frühe eine Art Aussteuer: die Mutter sammelt ihr manche Jahre hindurch Leinwand im Kasten, zu der sie das Garn ohne Zweifel selbst gesponnen hat, die Taufpaten verehren ihr Silbergerät und der Vater legt im Pult die seltene Goldmünze für sie zur Seite.
Ein Zug von hoher Wahrheit wird es jedem, der das Bürgerleben, die Sitten der kleinen Stadt kennt, erscheinen, wenn bei den Personen unsres Gedichts das Brandunglück, vondem die Stadt vor zwanzig Jahren betroffen wurde, zur Zeitbestimmung dient und beim Zurückdenken die Epochen des Familienlebens, das Vorhandene und Geschaffene im Geiste sich immer an jenes Ereignis knüpfen. Es war zwei Jahre nach dem großen Brande, sagt der, der auf ein Vergangenes sich besinnt, der das Geburtsjahr irgend eines Hauses, einer Einrichtung u. s. w. angeben will.
In älterer Zeit, berichtet der Apotheker, war es Gebrauch, daß, wenn die Eltern für ihren Sohn eine Braut sich ersehen hatten, sie einen vertrauten Freund des Hauses als Freiersmann zu den Eltern des Mädchens sandten. Dieser kam etwa Sonntags nach Tische stattlich geputzt in das erkorene Haus, sprach zuerst über allgemeines, lenkte dann das Gespräch geschickt auf die Tochter, die er samt ihren Eltern rühmte, dann auf den Mann, der ihn gesandt hatte, den er gleichfalls lobte. Gegenseitig merkte man bald die Absicht und den Willen und konnte sich weiter erklären; ward der Antrag abgelehnt, so war's für keinen eine Schande. Gelang aber die Unterhandlung, so blieb in dem Hause des neuen Paares der Freiersmann auf immer der erste. Jetzt ist das alles, fügt der Sprechende hinzu, mit andern guten Gebräuchen aus der Mode gekommen. —Hier ist zunächst die letzte Aeußerung in ganz bürgerlichem Geiste: der Bürger liebt es, in die behaglichen Zustände der Gegenwart eingesponnen, auf die Sitte der Voreltern sich zu beziehen und mit der Phantasie sich eine gemütlich ideale Welt aus Erinnerungen des Alten zu erbauen. Auch Homer hat eine solche großväterliche Zeit im Hintergrunde, wo die Menschen stärker waren und mit den Göttern verkehrten; οἷοι νῦν βροτοί εἰσιν heißt es oft halb verächtlich. So beruft sich auch der Vater an einer Stelle auf die Alten: