Vers.

Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt u. s. w.

Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt u. s. w.

Aber der Dichter verlegte ihn nicht an den Anfang des ganzen Gedichts, wo er uns kalt und fremd entgegenträte, sondern nachdem wir zu inniger Teilnahme gerührt worden und der ganze Ton des Gedichtes sich unmerklich gesteigert, rufen wir mit dem Dichter die freundlichen Göttinnen an, deren Erwähnung nun halb wie ein frommes Gebet halb wie ein heitres Spiel erscheint. Auch Homer ruft ja nicht bloß am Anfang des Epos, sondern bei bedeutungsvollen Abschnitten die Musen an:

Ἔσπετε νῦν μοι, Μοῦσαι, ὀλύμπια δώματ' ἔχουσαι;

Ἔσπετε νῦν μοι, Μοῦσαι, ὀλύμπια δώματ' ἔχουσαι;

und so ruft auch unser Dichter:

Aber saget (ἔσπετε) vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.

Aber saget (ἔσπετε) vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.

Homer ist reich an Gleichnissen. Unser Dichter hat nur ein einziges, aber ein sehr schönes und wahres:

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der SonneSie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte u. s. w.

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der SonneSie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte u. s. w.

Goethe selbst erklärte diese Sparsamkeit durch den Grund, weil einem mehr sittlichen Gegenstande das Zudringen von Bildern aus der physischen Welt nur lästig gewesen wäre, d. h. er hatte nicht so viel äußerlich Sinnliches zu schildern wie Homer, sondern mehr Seelenvorgänge; ganz derselbe Unterschied wie zwischen seiner Iphigenie und der griechischen. Zwei andre Gleichnisse treten nicht in Gestalt selbständiger Teilgebilde hervor, sondern sind mehr in die Rede verflochten.

Auch die homerische Sitte schon dagewesene Stellen mit gleichen Worten zu wiederholen ist nur einmal in unserm Gedicht nachgeahmt, bei Schilderung nämlich von Dorotheens Tracht. Gerade dadurch aber wird das Mädchen aufs festeste unsrer Anschauung eingeprägt. Der ganze Ton dieser Schilderung ist übrigens homerisch und das Altertümliche darin kontrastiert auf drollige Weise mit dem Modernen in der Tracht der heutigen Bäuerin, so daß auch hier die schon erwähnte leichte Ironie sich zeigt.

Gleichfalls homerisch ist die Detailschilderung des Anschirrens der Pferde:

Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen HengsteRuhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten u. s. w.

Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen HengsteRuhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten u. s. w.

Auch hier liegt in der Anwendung homerischer Formen auf die Stallgeschäfte eines heutigen Burschen ein Zug ironischer Schalkhaftigkeit.

Die halb ernste halb scherzende Wendung, wodurch der Dichter die Person, die er als sprechende bezeichnen will, selbst anredet, ist ebenfalls dem Homer nachgebildet. Wie Homer den Eumäus anredet:

Τὸν δ' ἀπαμειβόμενος προσέφης, Εὔμαις συβῶτα,

Τὸν δ' ἀπαμειβόμενος προσέφης, Εὔμαις συβῶτα,

so spricht auch unser Dichter zum Apotheker:

Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest,

Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest,

und zum Richter:

Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann.

Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann.

Auch Homers Weise jeder Person, jedem Gegenstande ein Adjektiv beizugeben, welches nun zum festen Begleiter des Substantivs wird ohne Rücksicht auf den Zusammenhang jeder einzelnen Stelle, auch diese freundlich epische Weise, die mit heitrer Anerkennung kein Ding ohne rühmendes Beiwort lassen will, findet sich in unserm Gedicht wieder. Da heißt es: die reinlichen Türme, der kräftig strotzende Kohl, die mutigen Hengste, die schön versilberten Schnallen, die saubern Stricke, die geräumigen Plätze, der gewölbte Busen, die reinliche Anmut, zierliches Eirund, die wohlgebildeten Knöchel u. s. w. Selbst Homers fixierte Adjektiva fehlen nicht:

Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern. —Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten. —Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern.

Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern. —Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten. —Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern.

In der Abschiedsszene heißt es von den fremden Frauen:

Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin,

Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin,

und gleich darauf:

Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend;

Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend;

beide Verse nahe übereinstimmend mit dem homerischen:

ὧδε δέ τις εἴπεσκεν, ἰδών ἐς πλησίον ἄλλον.

ὧδε δέ τις εἴπεσκεν, ἰδών ἐς πλησίον ἄλλον.

Noch andre homerische Formeln sind: mit fliegenden Worten, mit geflügelten Worten (ἔπεα πτερόεντα), da befahl ihm sein Geist (θυμὸς ἄνωγεν, ἐποτρύνει, κελεύει), und süßes Verlangen ergriff sie (καί με γλυκὺς ἵμερος αἱρεῖ), denn Zwiespalt war mir im Herzen (διάνδιχα μερμήριξα). Auch die homerische Umschreibung mit »Kraft« (μένος, ἴς βίη) ist einigemal angewandt:

Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubernStricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. —Und freuteSich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.

Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubernStricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. —Und freuteSich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.

Griechisch ist die Umschreibung mit »Mann«: der wandernde Mann (ἀνὴρ ὁδοιπόρος), ein Knecht des wohlbegüterten Mannes(ἀνὴρ ἀφνειός), der Richter von diesen flüchtenden Männern (ἀνὴρ ἱκέτης), die häufige Wiederkehr der Versicherungsformel »fürwahr« und »wahrlich«, die Verbindung des Verbums »sein« mit dem Dativ, z. B. dem ist kein Herz im ehernen Busen (χάλκεον ἦτορ), dem ist kein Sinn in dem Haupte (ἐν φρεσὶ θυμός), mir ist im tiefsten Herzen beschlossen, wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens u. s. w.

Noch leisere Homerismen ließen sich in Menge anführen, nur daß die Grenze, wo sie beginnen und die ungemischt deutsche Ausdrucksweise aufhört, nicht zu bestimmen ist, da die fremde Färbung oft nur wie ein kaum sichtbarer Hauch über die nationale Rede hinschwebt:

Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. —Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe. —Des Gewinnes,Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herumhäuft. —Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. —Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. —Aber es kommt der Abend heran und die vielen GesprächeSind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. —(Das Gespräch), das viel hin und her nach allen Seiten geführt wird. —Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. —Da freut' ich mich seinesAnblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. —Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern. —Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers.

Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. —Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe. —Des Gewinnes,Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herumhäuft. —Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. —Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. —Aber es kommt der Abend heran und die vielen GesprächeSind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. —(Das Gespräch), das viel hin und her nach allen Seiten geführt wird. —Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. —Da freut' ich mich seinesAnblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. —Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern. —Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers.

('Besitzer' deutsch nicht ohne Ergänzung möglich, nicht absolut.)

Für das Epos, welches instinktiv auf dem Boden des poetischen Gesamtlebens einer Zeit erwächst, erfindet der Einzelne nicht die Versgattung, sie gibt sich ihm als die einzig vorhandene und höchstens bildet er sie aus. In der epischen Zeit ist derepische Vers die poetische Form überhaupt, und erst später, wenn mit dem Erwachen der Subjektivität die Lyrik auftritt, entfalten sich mannigfache Maße und Rhythmen, und jedes Lied ist je nach dem eigentümlichen Gefühl, von dem es beseelt ist, verschieden moduliert. So war der Hexameter bei den Griechen das erste und zugleich epische Versmaß für immer, dessen Geburt und Werden sich in eine dunkle, bewußtlose Zeit verliert. Diese Sicherheit und Notwendigkeit ging nun einem in die jüngste moderne Zeit gestellten Dichter wie Goethe ab; das Versmaß blieb seiner eigenen Wahl, wo nicht gar seiner Erfindung überlassen. Historisch gegebene Versmaße gab es nur folgende und auch nur dem Literaten, nicht dem Volke gegeben: der Hexameter der Alten, die Terzinen und Stanzen der Italiener, der französische Alexandriner, der Nibelungenvers. Von diesen war der Alexandriner durch die letzte literarische Revolution vor kurzem, als im Deutschen zu eintönig, sogar aus kleineren Gedichten verbannt worden; von ihm konnte zum epischen Gebrauch nicht die Rede sein. Die Terzinen, die Dante angewandt hatte, die achtzeiligen Stanzen bei Tasso, Ariost, Camoens waren zu künstlich, zu musikalisch und melodisch, um dem epischen Erzähler bei seiner heitern, gleichmäßigen Entfaltung dienen zu können. Die Nibelungenstrophe hatte den Vorteil, national zu sein, aber auch dies nur scheinbar, denn die Zeit, in der sie gebraucht, die Gedichte, zu denen sie verwandt worden, waren durch eine unermeßliche Kluft von der Gegenwart geschieden; Jahrhunderte totaler Vergessenheit lagen dazwischen, und wer mit jenem Versmaß in die Mitte der Zeitgenossen hätte treten wollen, brachte ihnen gewiß etwas weit Fremderes, als die Metra der Alten waren. Goethe und die damalige Zeit kannten zudem die altdeutschen Dichtungen kaum, so daß schon darum die Anwendung ihrer Form eine Unmöglichkeit war. Später freilich wurden jene Dichtungen durch die neualtdeutschen Romantiker und christlich-germanischen Patrioten eifrig hervorgesucht, gepriesen und anempfohlen, so daß es z. B. die Nibelungen zu einer gewissen Popularität gebracht haben, die indes gleichfalls mehr eine künstliche, der Schule angehörige ist unddaher auch wahrscheinlich mit den Tendenzen, von denen sie getragen wurde, wieder absterben wird. Seit dem Auftreten der romantischen Doktrin ist die Nibelungenstrophe in epischen Romanzen häufig angewandt worden; mit ihr verband sich ein Streben nach volksmäßiger Kindlichkeit des Tons, eine gesuchte Unbehilflichkeit, eine reflektierte Unmittelbarkeit, naive Anwendung ausfüllender Formeln, aber unter diesem Schein der Herablassung und freiwillig angelegter Knechtsgestalt verbarg sich ein wirkliches poetisches Unvermögen, die wirklich mangelnde Fähigkeit, einen reichen Inhalt zu seiner eignen schönen Form zu vollenden. Auch Gervinus meint, hinter der Nibelungenstrophe verstecke sich die Armut sehr leicht, und fügt treffend hinzu, die Romanzenabteilung zerpflücke das Epos wieder in seine ersten Elemente. Was von der Nibelungenstrophe, gilt in noch höherem Maße von den sogenannten höfischen Reimpaaren; der Reim überhaupt mit seiner Rückkehr und seinem Widerhall und als Ausdruck der die Seele durchziehenden Klänge ist der anschauenden Heiterkeit des epischen Erzählens ganz unangemessen. Für Goethe blieb also nur der Hexameter übrig, ein fremder, ein griechischer Vers. Aber derselbe Dichter, der in der Iphigenie die antike Formschönheit mit der modernen Unendlichkeit des Gefühls zu vermählen und die Nebel nordischer Phantastik mit griechischer Sonnenheiterkeit zu durchleuchten gewußt hatte, der in unserm Epos den Geist homerischer Einfalt durch eine ganz moderne Welt wehen ließ, demselben war es vorbehalten, auch den heroischen und elegischen Vers der Alten nach Klopstocks und Vossens mühevoller, nicht immer glücklicher Anstrengung mit so leichter Aneignung in unsre Sprache zu verpflanzen, daß es schien, er habe derselben von jeher angehört.

Die ersten Versuche, deutsche Hexameter zu machen, fallen in die Zeit, wo das Mittelalter abblühte und der Geist nach dem Rausche transszendenter Romantik vor allem nach Form verlangte; wie in der Architektur, in der Tragödie, in der Behandlung der Sprache u. s. w. Nachahmung des Antiken herrschend wurde, so auch in der Versform. Fischart, der in seinerBearbeitung des Rabelais deutsche Hexameter anbrachte, verbindet sie noch mit dem einheimischen Reim. Erst Opitz indes stellte im siebzehnten Jahrhundert die neuere deutsche Prosodie fest, ohne welche deutsche Hexameter ein Unding waren. Das Gesetz derselben bestand darin, daß nicht die äußere Zeitdauer, die nach Länge und Kürze des Vokals und nach dem Zusammenstoß der Konsonanten gemessen wird, sondern die Bedeutsamkeit eine Silbe zur langen mache und daß im Deutschen die Länge mit dem Accent zusammenfällt. Nach einigen Versuchen des Christian Weise (1642-1700, Rektor am Gymnasium zu Zittau) und des Heräus (1671-1730, Hofdichter bei Kaiser Karl dem Sechsten in Wien) war es erst Klopstock, der mit Entschiedenheit von der scholastischen Tradition quantitierender lateinischer Metrik abging und den Hexameter nach dem modernen Gesetz accentuierender Rhythmik bildete. Voß erzählt in seiner Zeitmessung der deutschen Sprache von seinem Lehrer in der Schule, wie dieser über die unverständigen Neuerungen Klopstocks gezürnt und seinen Schülern die Worte aus Luthers Bibelübersetzung als echten Hexameter wiederholt habe:

Daß Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka.

Daß Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka.

Klopstocks ziemlich mangelhafter Hexameter wurde von Johann Heinrich Voß vervollkommnet. Voß suchte den deutschen Hexameter der technischen Strenge des alten zu nähern; er bemühte sich um Spondeen, vermied, soviel er konnte, den Trochäus, schuf sich künstliche Daktylen, setzte fest, welche Silben lang, welche kurz sein müßten, welche als mittelzeitig bald kurz bald lang gebraucht werden könnten, und gelangte so zu Hexametern wie folgende:

Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau,

Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau,

oder:

Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische JungfrauUnd des Gesangs Wohllaut, eindringenden Worten vereinigt,Wallete hell, dann leise gedämpft in die Stille des Abends.Von hinschmelzendem Halle gesänftiget lauschten sie ringsum,Fühlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufwärtsUeber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.

Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische JungfrauUnd des Gesangs Wohllaut, eindringenden Worten vereinigt,Wallete hell, dann leise gedämpft in die Stille des Abends.Von hinschmelzendem Halle gesänftiget lauschten sie ringsum,Fühlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufwärtsUeber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.

Da aber der Genius der deutschen Sprache sich gegen solche vollkommene Hexameter sträubte, so mußten häufig Listen und Zwangsmittel angewandt werden, um ihn zu bändigen. Voß brauchte Diminutiva auf -lein, z. B. 'Söhnlein' statt 'Sohn', um Spondeen zu gewinnen; er setzte den Komparativ der Adjektiva für den Positiv, z. B. 'der grünere Hain' statt 'der grüne', behielt das durch den Sprachgebrauch ausgestoßene e der Verbalflexion bei, wie in dem obigen Beispiel 'wallete', 'besänftiget', beides, um Daktylen zu erzwingen; er brach die Worte durch schwere Spondeen wie 'drauf antwortetest', 'du ehrwürdiger', wodurch das Grundgesetz von der Geltung des Accents umgestoßen ward, da niemand sagt: 'antwortetest', 'ehrwürdiger'. Das schlimmste aber war, daß die Versnot überall eine ganz undeutsche Ausdrucksweise, die des natürlichen Gefühles spottete, und lateinisch-griechische Wendungen und Wortstellungen herbeiführte. Der Sieg, den der Genius des Deutschen durch die akzentuierende Rhythmik über die lateinische Prosodie erfochten hatte, war abermals durch scholastische Metrik verkümmert; der Hexameter in dieser harten und steifen Gestalt war ein fremder, ein aufgedrängter Vers, aus dem keine Seele sprach. Erst Goethe und Schiller machten ihn aus einem Kunststück der Schule zum Eigentum der Nation und bewiesen sich durch die feine Grazie ihrer Behandlung als größere Verskünstler und metrische Meister als Voß, August Wilhelm Schlegel und Platen. Selbst bei dem Letztgenannten überwiegt das Interesse der glänzenden Technik des Verses zu sehr, um den lautern und vollen ästhetischen Eindruck nicht zu stören. Auch Platens Verse sind nicht 'frei und schlank wie aus dem Nichts entsprungen' und noch fühlen wir an ihnen die Gegenwart der widerstrebenden unbezwungenen Materie, deren Schwere nicht weichen will, so gewandt auch der Meißel an ihr sich herumbewegt; wir fühlen, daß der Inhalt erst allmählich nach dem Bedürfnis des Verses entstand und daß jene prächtige Form zwar in einem kleinen Gedicht, in einer einzelnen Stelle erreicht werden, nicht aber ein langes Epos hindurch sich erhalten und dessen mannigfaltigen Reichtum begleiten konnte. So wird wahrhafter Formensinn in die triumphierende Ueberlegenheit nicht einstimmen, mit welcher Voß und Platen auf die weimarischen Hexameter herabsehen.

Goethe gab bei seinem Hexameter zuförderst alle Versmalerei auf, die mit Absicht durch den Gang des Verses den jedesmaligen Gegenstand versinnlichen will. In Zeiten, wo das wahrhafte poetische Gefühl verschwunden war, bei Dichtern, die nach verständigen Regeln den Effekt erzwingen wollten, bildeten solche künstliche Malereien den Gipfel poetischer Schönheit. In der didaktisch-moralischen Zeit der deutschen Literatur wurden die Verse des Virgil und Ovid, wo das Galoppieren des Pferdes durch lauter Daktylen, das Fallen der Hämmer durch lauter Spondeen, das Gequäk der Frösche durch ähnliche Laute versinnlicht wird, höchlich bewundert und Voß gab in seinen Uebersetzungen ähnliche Malereien mit Treue, oft sogar übertreibend wieder. Daher sein:

Hurtig mit Donnergepolter entrollt ihm der tückische Marmor,

Hurtig mit Donnergepolter entrollt ihm der tückische Marmor,

und:

Ihn von der Au' aufwälzend den Berg.

Ihn von der Au' aufwälzend den Berg.

Er selbst dichtete:

Als ringsher pechschwarz aufstieg grau'ndrohende Sturmnacht.

Als ringsher pechschwarz aufstieg grau'ndrohende Sturmnacht.

Homers und Goethes Vers wissen nichts von dergleichen Künsteleien und der Inhalt gibt die Wahl und Zusammenstellung der Worte von selbst. Hinterdrein kann man dann hie und da ein ungesuchtes Zusammentreffen bewundern, wie in den beiden angeführten homerischen Versen:

Αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής. —Λᾶαν ἄνω ὤθεσκε ποτὶ λόφον,

Αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής. —Λᾶαν ἄνω ὤθεσκε ποτὶ λόφον,

oder in dem Hexameter unsres Gedichts:

Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister,

Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister,

wo der spondeische Ausgang den Eindruck der Würde unterstützt; weit öfter aber werden wir den Vers, unbekümmert um den jedesmaligen Sinn, seinen eigenen gleichmäßigen Gang verfolgensehen. Und letzteres gerade ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, daß ohne Rücksicht auf den mannigfach wechselnden Gedanken ewig ein und dieselbe unveränderliche rhythmische Form wiederkehrt. Wäre jene Wortmalerei das Richtige, so müßte ein festes Versmaß überhaupt verworfen werden. Dieses bindet den Strom mannigfacher Empfindungen und Anschauungen an ein unverbrüchliches Gleichmaß und steht nur zu dem Ganzen des Gesanges, nicht aber zu jedem Punkt der Bewegung in entsprechendem Verhältnis.

Goethe wandte den Trochäus da an, wo die alten Dichter den Spondeus gebraucht hatten. Eigentliche Spondeen nämlich sind im Deutschen unmöglich. Selbst Voß erkennt dies in einer vorübergehenden Bemerkung an, deren Gewicht er aber nicht einsah. Steigende Spondeen, sagt er, ahmen den Jambus, sinkende den Trochäus nach. Der Grund dieser Unmöglichkeit, reine Spondeen im Deutschen zu bilden, liegt auch sehr nahe. Bei den Alten, wo die Länge der Silbe etwas für sich Bestehendes und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige Silbe des Spondeus lang sein, die diesen erhöhten Ton nicht erhielt; im Deutschen aber, wo die Länge eben nur in jener Erhebung der Stimme, abgesehen von der quantitativen Zeitdauer, besteht, sind zwei Silben, von denen nur eine den Ton hat, unmöglich zu einem Spondeus zu vereinigen. Voß half sich auf eine doppelte Weise, um dennoch wirkliche Spondeen zu erzwingen, indem er beidemal das Gesetz des deutschen Wortaccentes verletzte. Er ließ nämlich entweder zwei wirklich betonte Silben zusammen einen Spondeus bilden und sagte:

Der Herrscher im Donnergewölk Zeus

Der Herrscher im Donnergewölk Zeus

oder

Faßte, dieweil Karl drängte, den Arm des bescheidenen Jünglings,

Faßte, dieweil Karl drängte, den Arm des bescheidenen Jünglings,

wo aber die zweite Silbe 'Zeus', 'Karl' entweder wider Sinn und Sprachgebrauch den Ton verliert oder beide Silben betont werden und also aufhören, sich zu der Einheit eines Fußes zu verbinden. Oder er bildete sogenannte geschleifte Spondeen,indem er die starkbetonte Silbe in die Senkung, die schwachbetonte in die Hebung brachte und z. B. sagte.

Wer getrost fortgehet, der kommt an. —Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,

Wer getrost fortgehet, der kommt an. —Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,

womit aber aller deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand sagt 'fortgéhet', es müßte denn sein, daß der Gegensatz zum Fortreiten, Fortfliegen u. s. w. auf das Gehen den Ton verlegte. Aus dem obigen folgt, daß auch der deutsche Daktylus ein ganz andrer ist als der antike; doch kommt auf diesen Unterschied in der Anwendung wenig an.

Wahrhafte Spondeen sind im Deutschen nicht möglich, und angebliche Spondeen wie 'Weinberg', 'Schauspiele' fügen sich ohne Zwang in trochäischen Rhythmus. Goethe wandte ähnliche Wörter mit Unbefangenheit auch im Daktylus an, da in der That die Rede über die zweite Silbe mit Leichtigkeit fortgeht, z. B.:

Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. —Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und thätig bestrebet. —Ungern würd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. —Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. —Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. —Alle mit Fleiße gepflanzt der Gäste Nachtisch zu zieren.

Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. —Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und thätig bestrebet. —Ungern würd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. —Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. —Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. —Alle mit Fleiße gepflanzt der Gäste Nachtisch zu zieren.

Goethe hielt den trochäischen Gebrauch solcher Wörter für so unverfänglich, daß er selbst da, wo die Aenderung auf der Hand lag, diese Aenderung verschmähte:

Und unten Weinberg und Garten,

Und unten Weinberg und Garten,

wo es so leicht gewesen wäre umzustellen 'Garten und Weinberg', was aber nach Humboldts Bemerkung die natürliche Aufeinanderfolge gestört haben würde, da dem von der Höhe des Hügels Blickenden zuerst der Weinberg und dann erst die Gärten sich boten.

Den so auf die Bedingungen heimatlicher Rede zurückgeführten Vers behandelte Goethe mit der anmutigsten Leichtigkeit. Der Vers drängt sich nirgends vor, er drängt sich nirgends gewaltsam auf. In dem dunkeln, beglückenden Gefühl, sicherund leicht von dem rhythmischen Element getragen zu sein, überlassen wir uns mit ungestörter Empfindung der lebendigen Wirkung des schönen Inhalts. Keine ungehörige Wendung, kein unnützer Zusatz, kein empfindlicher Abzug verrät den Zwang des Metrums; die Worte, überall klar und natürlich, werden in edler Wohlbewegung von selbst zu Hexametern, und haben wir oben den epischen, leichtverschlungenen Periodenbau bewundert, so müssen wir hier bewundern, wie der Gang der Rede mit dem Gang des Verses in Anfang, Mitte und Ende so harmonisch zusammenstimmt. Kunstlos und doch voll Kunst, nachlässig und doch voll Haltung bewegen sich diese Verse im Spiel der Trochäen und Daktylen, gegliedert durch passende Zäsuren, den Perioden entgegen und von ihnen ab, bis sie schließlich mit ihnen zusammentreffen. Auch in der naiven Zwanglosigkeit des Verses kann Goethe mit Homer verglichen werden. Wie ungezwungen bewegt sich der Rhythmus gleich in der Anfangsrede:

Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fünfzig,Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern u. s. w.

Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fünfzig,Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern u. s. w.

Wie würdig ohne gesuchten Pomp in dem Gleichnis:

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der SonneSie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte,Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des FelsensSchweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben.

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der SonneSie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte,Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des FelsensSchweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben.

Oder in der Naturschilderung:

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhüllte,Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glühenden BlickenStrahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhüllte,Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glühenden BlickenStrahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.

Goethe verdankte die Schönheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo die Schule und das Handwerk immer mächtig war, geringe kritische Anerkennung fand, bloß dem Ohr und dem richtigen Gefühl, denn die Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu Moritz, so zu Voßin die Schule und hätte von diesem bei minder glücklichem Instinkt viel böse Angewöhnungen annehmen können. Hin und wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen gerade zu den metrischen Fehlern zählen. Wenn es heißt:

Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,

Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,

so ist das Diminutiv 'Sälchen' für 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf, zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begnügt hätte. Auch der bald darauf gebrauchte pretiöse Genetiv:

Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,

Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,

der unnütz hinzugefügte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu niederländische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grünlichen Gläser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, daß unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein Mädchen vollbrachte u. s. w., und es könnte wohl sein, daß der Dichter manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck hineinkorrigierte, als er die letzten Gesänge des Gedichts noch einmal mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen benutzte, worüber er an Schiller berichtet.

Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfüßige Hexameter:

Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen

Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen

scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zäsur bei 'Männer' das Ohr des Dichters täuschte; denn eben die Zäsur und Pause hebt mit Leichtigkeit über die ganz flüchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzählt: Ich hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers, ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewissegrata negligentiaeinzubüßen, nicht wohl zu ändern war, ichmich auch erinnerte, daß Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend, ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele erläutert habe, so ließen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte später auch Heinrich Voß, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll, wie jener erzählt, gesagt haben, die siebenfüßige Bestie möge als Wahrzeichen stehen bleiben.

Die Luise von Voß, schon 1783 gedichtet, ist in vielfacher Beziehung ein dem Goetheschen verwandtes Gedicht; ja man hat Hermann und Dorothea geradezu für eine Nachahmung jenes Idylls erklärt, die natürlich, wie ja der Nachahmer immer der Unfreie und an produktiver Kraft Geringere ist, hinter der Schönheit des Urbildes zurückblieb. Andre, die billig sein wollten, ließen unentschieden, ob Luise oder Hermann und Dorothea den Vorzug verdiene, und sprachen bescheiden, sich sehr klug dünkend:non nostrum inter vos tantas componere lites. Niebuhr ging soweit, das vossische Gedicht mit Homer in Vergleich zu stellen und den letztern gegen das erstere hingeben zu wollen: das Urteil eines plattdeutschen oder friesischen Bauernsohnes, sehr willenskräftig, aber ungeheuer einseitig, mit geringem Sinn für griechische Humanität. Aehnliche Gunst fand die Luise merkwürdiger Weise auch bei Goethe und Schiller. Goethe liebte sie vorzulesen, wie er selbst erzählt, und man kann nicht leugnen, daß sie ihm vorschwebte, als er seinen Hermann dichtete. In dem Proömium zu Hermann und Dorothea sagt er:

Uns begleite des Dichters Geist, der seine LuiseRasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.

Uns begleite des Dichters Geist, der seine LuiseRasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.

Und Schiller äußert über sie in der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung: Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von sentimentalischen Einflüssen frei, gehört ganz zumnaiven Geschlecht und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten griechischen Mustern mit seltenem Erfolge nach; sie kann daher, was ihr zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache, sondern muß mit griechischen Mustern verglichen werden, mit welchen sie auch den so seltenen Vorzug teilt uns einen reinen, bestimmten und immer gleichen Genuß zu gewähren. Schiller findet also ganz dasselbe in der Luise, was wir von Hermann und Dorothea gerühmt haben: den antiken Geist, die Naivetät der Auffassung und Darstellung. Voß selbst hatte eine hohe Meinung von seinem Gedicht und sah das Erscheinen von Hermann und Dorothea als einen Triumph mehr für sich an. Er schreibt 1797 an den alten Gleim, einst den Mäcen aller jungen Dichter, jetzt einen Allerweltsversmacher, der von der neuen klassischen Poesie nichts begriff: Sie werden für manche zu eilfertig gearbeitete Stellen durch sehr schöne entschädigt werden; die zur Vorrede bestimmte Elegie beweist hinlänglich, daß es ihm Ernst war etwas wo nicht Homerisches, doch Homeridisches aufzustellen, um auch diesen Kranz des Apollo zu gewinnen; ich werde mich herzlich freuen, wenn Griechenlands Geist uns Deutschen ein vollendetes Kunstwerk gewährt, und nicht engherzig nach meiner Luise mich umsehen; aber ebenso ehrlich denke ich für mich und sage es Ihnen: Die Dorothea gefalle, wem sie wolle; Luise ist sie nicht; sieh, ich wollte keck thun und fühle doch, daß ich rot werde. Gleim machte daraus den Vers:

Luise Voß und Dorothea Goethe,Schön beide wie die Morgenröte,Stehn da zur WahlUnd Wahl macht Qual.Hier aber, seht, ist nichts zu quälen,Hier kann die Wahl nicht fehlen:Luise Voß ist mein in Lied und in Idyll;Die andre nehme, wer da will.

Luise Voß und Dorothea Goethe,Schön beide wie die Morgenröte,Stehn da zur WahlUnd Wahl macht Qual.Hier aber, seht, ist nichts zu quälen,Hier kann die Wahl nicht fehlen:Luise Voß ist mein in Lied und in Idyll;Die andre nehme, wer da will.

Auch die Luise ist ein Idyll und schildert häusliche beschränkte Zustände, einfältige sittlichreine gemütvolle Menschen. Die Sitten eines Landpfarrerhauses in Norddeutschland tretenuns in dem Rahmen des Gedichtes mit allem Detail entgegen. Luise, die Tochter wird mit dem Kandidaten Walther vermählt und zieht als künftige Frau Pastorin von Grünau nach Seldorf. Der ehrwürdige Pfarrer von Grünau, die geschäftige Mutter und Hausfrau, die gräfliche Nachbarschaft, Hans der Knecht, Susanne die Magd bilden zusammen einen gemütvollen ländlichen Kreis, dessen Thun und Reden uns durch manchen Zug echter Menschlichkeit rührt. Soweit enthält das Gedicht denselben idyllischen Grundton wie Hermann und Dorothea, gleich welchem es auch in Hexametern geschrieben ist. Aber Hermann und Dorothea ist nicht bloß ein Idyll, sondern auch ein Epos. Es hängt durch tausend Fäden mit dem ganzen Menschenleben zusammen, von dem es ein Stück ist; jede einzelne Empfindung mündet in den Strom großer objektiver weltbewegender Mächte, während in der Luise der Blick in den kleinen Familienvorgängen des engen Pfarrhauses gebannt bleibt. So vollzieht sich in dem Goetheschen Gedicht auch eine wirkliche Begebenheit, mit welcher zugleich die Charaktere sich entwickeln und in der ein Menschendasein handelnd den Reichtum seines Inhalts, seiner Motive und Richtungen darlegt; eine stille sichere, gemessen wandelnde Erzählung führt von der freundlichen Ruhe unerschlossener Existenz zu Konflikten und Gegensätzen, von da in die Grundempfindung der Versöhnung, in die Vernunft und Schönheit sittlicher Ordnung zurück. Vossens Luise beschreibt etwas Vorhandenes. Luise ist die Braut Walthers von Anfang an und die geschilderten Lebensverhältnisse werden nicht durch Störung oder Kampf gezwungen, ihren Inhalt zu bewähren. Das vossische Gedicht ist also ein reines Idyll mit allem Unzureichenden, was diese Gattung hat, mit allem Ueberdruß, den sie so leicht erregt, und aller Armut trotz der gehäuften konkreten Züge. Sehen wir weiter auf die poetischen Kräfte, die in beiden Gedichten wirksam sind, so geht uns vollends alle Vergleichung aus. In Hermann und Dorothea öffnet uns ein Dichtergenius eine ideale, durch das Feuer der Phantasie von allen Schlacken geläuterte Welt; in Voßens Luise kopiert ein niederländischer Genremaler ängstlich und genau die kleinsten Bestimmtheiten der Wirklichkeit.Essen und Trinken, die Mahlzeit vom ersten bis zum letzten Gericht, die Kleider, der Schlafrock, das Pfeifenrohr, die ganze Hauseinrichtung, alle Verrichtungen des täglichen Lebens werden in ausführlicher Malerei aufgeboten, um unsrer Anschauung Realität zu bieten; dennoch will sich das Bild nicht beleben, es bleibt tot. Auf mechanische Weise stellt sich Zug neben Zug; die Schilderung erwächst nicht organisch aus innerem Kern durch den bildenden Instinkt der Phantasie. Die Goetheschen Personen sind poetische Geschöpfe, sie sind, wie wir schon oben sahen, Typen und Individuen zugleich; die vossischen sind eine mechanische Mosaik, Kinder der Reflexion. Der Dichter fragte sich: wie muß eine Mutter sich benehmen? wie machen es die Mütter gewöhnlich? wie zeigt sich eine Pfarrersfrau? und nun wandte er die Züge, die er durch Reflexion über das Mutter- und Gattenverhältnis gefunden, auf seine Pfarrerin von Grünau an. Ebenso der Vater: er ist der individualisierte Pfarrer- und Hausvaterstand, der norddeutsche Pfarrer, wie ihn die Beobachtung findet und die Abstraktion sich denkt. Daher fehlt den Personen die innere Beseelung, welche die Gebilde schöpferischer Phantasie durchdringt; so fehlt die Kunst des Wesentlichen, des Vor- und Rücktretens der Züge, die Kunst idealer Zeichnung, die, wahrer und konsequenter als die Natur, doch nicht in jedem einzelnen Punkte nach Verkörperung strebt. Dieselbe bewußte Absicht zeigt sich in der überall hervortretenden bestimmten Tendenz des Dichters. Er will uns ein Gemälde reiner Sitten geben; seine letzte Triebfeder ist nicht der Reiz des Schaffens, sondern moralische Stimmung, soziale Beobachtung, sittengeschichtliches Interesse. Aufklärung, Widerwille gegen Dogmen, werkthätige liebevolle Religiosität erscheint als eine Herzensangelegenheit des Dichters, aber sie geht neben seinem poetischen Bilden einher, sie wird direkt gepredigt, es werden sogar Bücher genannt, die sich darauf beziehen, so daß wir uns aus dem Reiche ästhetischer Freiheit auf den Boden der Erde zurückversetzt finden. Auch in der äußern Form endlich suchen wir vergeblich die edle Grazie, die liebliche Anmut und harmonische Vollendung von Goethes Gedicht. Absicht, Mühe, Unnatur, Verkünstelung entstellt denAusdruck und Vers fast überall. Mit diesen spondeenreichen Hexametern voll Zwang und Arbeit, mit dem Tone kostbarer Gesuchtheit kontrastiert dann seltsam der Naturalismus einzelner Worte und Vorfälle, ebenso mit der durchgängigen lastenden Schwere des Ausdrucks der hin und wieder gemachte Versuch dichterisch spielen und tändeln zu wollen. Was Voß in allen Gedichten abging, Feinheit der Technik, fehlt auch seiner Luise. So sind auch die Nachahmungen Homers und der Alten lange nicht so anmutig in das Ganze verwebt als bei Goethe; sie ragen mehr oder minder als fremde Stücke aus der Rede hervor, ohne in ihren Strom zu verfließen.

Fehlt es auf diese Weise dem vossischen Gedicht an Idealität, so leidet Klopstocks Messias an dem entgegengesetzten, für die Kunst, die am wenigsten der Sinnlichkeit entbehren kann, noch viel schlimmeren Fehler des Mangels an Realität. Klopstock hat religiöse Abstraktionen in Handlung gesetzt, denen aller Zauber lebendiger Gegenwart, alle Wärme pulsierenden Lebens abgeht. Eben weil sie Abstraktionen sind, duldeten sie kein näheres Eingehen; wie gestaltlose Schatten wallen sie an uns vorüber. Voß ist ein Genremaler, Klopstocks Messias eine lange unfaßbare Musik. Die Handlung ist keine wahre und wirkliche, auf konkreten Verhältnissen und menschlichen Triebfedern ruhende und in dem Zusammenhang der Welt begriffene; sie geht über dem Wirklichen in leeren Räumen vor sich und verläßt die Erde, den vertrauten Wohnsitz der Menschen. Ueberall nicht sowohl erfülltes Leben als abstrakte Beziehung auf das dogmatische System, statt anschaulicher Gegenwart zerfließende religiöse Sentimentalität. Wie anders wäre ein Dichter von wirklicher Gestaltungskraft verfahren! Das damalige Palästina in seinem historischen Zustande, die herrschenden Römer, die pharisäischen Priester mit ihrer Sophistik und ihrem starren Halten an der Satzung, das Volk der Juden selbst, die auf religiöse Innigkeit dringende, dem Gesetz die Gesinnung entgegenhaltende neue Sekte der Christen; dazu die durch Tradition gegebene, nur weiter auszufüllende und zu belebende Geschichte Christi, die von dem Zwang des Dogmas befreit, aus der falschen transzendentenHöhe mitten in das Leben verlegt, in einem schönen Bilde voll Bedeutung und Wärme eine edle Menschlichkeit vor uns hätte entfalten können; in den Gruppen der politisch Herrschenden und Beherrschten, der religiös Gebietenden und sich Auflehnenden wirksam sich entgegenstehende Massen; in den Individualitäten Jesu, des Verräters Judas, der übrigen Jünger u. s. w. mit einander kontrastierende, leicht zu gruppierende Charaktere; die Aussicht auf die einstige Größe der neuen Religion, die antizipierenden Blicke auf die Geschichte der Kirche wie bei Virgil auf die spätere römische Weltherrschaft; endlich die südliche Natur des Landes und die damit zusammenhängenden Sitten, die Palmen und Kamele, Wüsten und Quellen, der Oelberg und der Tempel, das wunderbare tote Meer — alles dies gab einer wahrhaft bildenden Phantasie den reichsten Stoff eine handelnde konkrete, menschlich das Herz ergreifende Welt zu schaffen. Statt dessen ging Klopstock an sein Gedicht nicht als gestaltender Epiker, sondern als musikalischer Lyriker, nicht mit der freien, der Natur der Dinge sich hingebenden Anschauung des Dichters, sondern mit der Andacht eines seiner Sünde sich bewußten Herzens, das seine Bedürfnisse mit Hilfe endlichen Verstandes zu übersinnlichen Wesen macht, denen man nicht nahen darf, ohne daß sie sich wie alle Abstraktionen in das Nichts auflösen. Daher in dem ganzen Epos nichts als Empfindungen, daher Erhabenheit die einzige Stimmung. Der Dichter sucht unablässig zu steigern, höher zu fliegen, Erweiterung auf Erweiterung zu häufen; er streift alles sich begrenzende, sich individuell zusammenfassende Leben ab und findet sich zuletzt in der erhabenen anschauungslosen Leere, in dem reinen Reich unsagbarer Empfindung; er verstummt. Ermüdung und Langeweile überfällt den Leser nach wenigen Schritten, die er durch diese Sammlung von leeren Empfindungen und Reden gemacht hat. Alles Sinnliche und Körperliche, alles wahrhaft Natürliche und Reelle liegt tief unter uns; wir steigen von Anbetung zu Anbetung, von Greuel und Grauen zu Greuel und Grauen; beides als bloß abstrakt kann uns nicht in wirklichen Umrissen und Farben, sondern nur mit Worten gereicht werden. Ausrufungen, Floskeln rhetorischerErhabenheit, Hymnen, Jubel- und Verzweiflungsgesänge ersetzen die lebenbeseelte Menschen- und Naturwelt einer wirklichen Dichterphantasie. Zu alledem kommt die Gezwungenheit der Sprache, aus der uns gleichfalls nicht die Laute vertraulich redender Menschengeschlechter entgegentönen; sie ist wie durch den Ruck eines Zauberschlüssels aus der natürlichen Stimmung gedreht, sie ist immer wie außer sich, sie schreit, sie ruft, sie windet sich konvulsivisch; harte Worte reiben sich knarrend aneinander, hohle Töne hallen durch die gestaltlose Oede.

So sind denn beide Gedichte, die idyllische Luise wie der erhabene Messias, Mißgeschöpfe nach entgegengesetzter Richtung hin. Verschmäht es die Kunst, täuschende Wachsfiguren zu bilden, so hascht sie noch viel weniger nach Traumbildern: ihre Marmorgestalten sind wahre und dennoch ideale, natürliche und doch überirdische, lebenerfüllte und doch stille und kalte Wesen. Wie keusch ist der Dichter von Hermann und Dorothea in individualisierenden Einzelheiten des Lebens, in Essen und Trinken, Kleidern, Sitten, Idiotismen der Umgangssprache dem Dichter der Luise gegenüber! Wie heiter sinnlich entfaltet er in bestimmten Handlungen, Lokalitäten, menschlichen Motiven das Gemälde vor uns, verglichen mit den sich jagenden Phantasmagorieen und der verhallenden Musik des Klopstockischen Gedichts! Er läßt die Charaktere durch Handlungen vor uns entstehen, während in der Luise nur Beschreibung ist; er nüanciert und individualisiert sie, während die Personen Klopstocks als verkleidete Abstraktionen des Guten und Bösen, der Allmacht und Unmacht u. s. w. alle den gleichen wesenlosen Typus tragen. Von einer Tendenz ist in Hermann und Dorothea keine Spur; Voß und Klopstock sind beide Theologen, der eine ein rationalistischer, der andre ein orthodoxer, und beide haben theologische Absichten. Aus Hermann und Dorothea weht uns ein geläuterter Geist echter Humanität an, der eins ist mit dem Element ästhetischer Freiheit und schöner Kunstdarstellung; bei Klopstock verdrängt Gebet und Fluch die stille Heiterkeit des bildenden Dichters, die theologische Satzung den Geist freier Betrachtung der Dinge. Beide Dichter endlich, Voß sowohl als Klopstock sind deutschund national, aber ebenfalls in beschränkter Weise. Voß malte manche Seiten norddeutschen Seins und Lebens mit Glück und befreundete sich mit den ehrbaren Gestalten begrenzter Sittlichkeit in derjenigen Sphäre, welcher er durch seine Geburt angehörte, aber er erschöpfte den Gehalt des deutschen Volkes nicht, sein Deutschtum ist zu eng; Klopstock besang den leeren Begriff Vaterland und fuhr auf den Flügeln der Begeisterung für alles Germanische dahin, aber er verkehrte nicht freundlich und vertraulich mit den konkreten Interessen und den wirklichen Zuständen des deutschen Volkes und Landes, sein Deutschtum ist zu abstrakt. Es kostete darum Klopstock auch nichts in seinem Hauptgedicht, welches als Epos vor allem einen nationalen Boden verlangte, den Kreis des Vaterländischen zu verlassen und dem religiösen, wohl auch dem theologischen Interesse auf Kosten des nationalen Genüge zu geben, welches ihm Goethe in dem Gedicht »die Kränze« auf gewohnte mildentschuldigende Weise vorwarf. Goethe ist auch nationaler als beide Dichter, er ist deutscher als irgend einer unsrer Dichter, obgleich er nie für Arminius geschwärmt, den Welschen immer freundlich gewesen und seinen Widerwillen gegen eine christlich-germanische Erneuerung des Mittelalters nicht verhehlt. In Hermann und Dorothea ist deutscher Geist in echter Wesenhaftigkeit: da aber alles Krankhafte und Irrige, worin dieser Geist sich selbst verlor, von dem Gedicht ausgeschlossen blieb, so erscheint es ebenso deutsch als homerisch und human.

Wir haben im Obigen über beide Gedichte, die Luise und den Messias, etwas hart geurteilt, weil es uns darauf ankam, ihr poetisches Wertverhältnis zu Hermann und Dorothea deutlich zu betonen. Für sich betrachtet haben beide gewiß manche Schönheiten, die Luise im naiven, die Messiade im sentimental-elegischen Tone; den, der die höchsten Forderungen mitbringt, können sie nicht befriedigen. So ist denn auch Klopstocks Messias nach einer oft gemachten Bemerkung längst schon ohne Leser; und von Vossens Luise bleibt August Wilhelm Schlegels Ausspruch wahr: Bei der Nachwelt wird es Luisen empfehlen können, daß sie Dorothea zur Taufe gehalten hat.

Die eigenartigen grossen Vorzüge der Auffassung und Darstellung, die aus Viktor Hehns Gedanken über Goethe (zweite Auflage, Berlin 1888) allen wahren Freunden unsres Dichters bekannt und liebgeworden sind, die Wärme der persönlichen Hingabe, die Kraft individuellster Anschauung, das feine Verständnis für den innersten Wesensgehalt der Poesie und besonders der Goetheschen Poesie finden sich in vollem Masse auch in seinen Betrachtungen über Hermann und Dorothea, Goethes innigste und vollendetste Dichtung. Hehns Manuskript lag fast ganz druckfertig vor und bedurfte nirgends grösserer Aenderungen: schade nur, dass es nicht lückenlos erhalten ist. Zwar fehlt nichts Grösseres und Vollständiges, denn alle in der Disposition S. 6 aufgezählten Punkte kommen in unserm Texte zur Behandlung; aber an zwei Stellen fehlen leider Bogen, die den Schluss von Kapiteln enthalten haben. So sollten sich S. 26 noch Betrachtungen anschliessen, die mit Gedanken über die Spuren der Entstehung der Tragödie bei den Griechen aus dem Epos beginnen, welche aber wegen ihres durchaus fragmentarischen Charakters von mir ganz fortgelassen sind; ihre Ausdehnung lässt sich nicht ermessen und auch so hat das Kapitel befriedigenden Abschluss. Dann fehlte der Schluss des Kapitels über die Lebenssphäre, wo ich S. 114 wenigstens den Schluss des abgebrochenen Satzes und der Betrachtung aus den Gedanken über Goethe S. 253 hierher übernehmen konnte; vielleicht hat noch mancher andre Zug, der dort sich findet, hier näher beleuchtet werden sollen. Viele Sätze und auch zuweilen grössere Abschnitte unsres Buches, die ich unten verzeichnet habe, finden sich schon in den Gedanken über Goethe: sie konnten hier im Zusammenhange nicht entbehrt werden, wenn sie auch der Verfasser, der wohl an eine Herausgabe unsres Buches nicht mehr dachte, schon dort in weiterer Ausgestaltung verwertet hat. Ausgeschieden aus dem Text, um den ruhigen Fluss genussreicher Lektüre nicht durch öde Zahlen zu unterbrechen, habe ich alle genaueren Zitate: ich bringe sie hier inden Anmerkungen nach, denen ich auch einige kleinere auf zerstreuten Blättern erhaltene Parerga Hehns eingefügt habe; meine eigenen Zuthaten, meist Literaturnachweise bringend, nehme man für nichts als anspruchslose Glossen, die ich dem mir liebgewordenen Buche nicht vorenthalten mochte.

S.2. Rötscher, Zum Verständnis des Goetheschen Faust, erschienen in seinen dramaturgischen und ästhetischen Abhandlungen (Leipzig 1846) S. 36.

Viehoff, Goethes Gedichte erläutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen und Vorbilder zurückgeführt nebst Variantensammlung und Nachlese, 3 Bände, Düsseldorf 1846-53, die 3. Auflage erschien Stuttgart 1876; vgl. über ähnliche Dinge Scherer, Aufsätze über Goethe S. 5.

Grün, Ueber Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846; vgl. auch S. 46. 48. Das eigenartige Buch, so sehr es oft Goethes innerstes Wesen verkennt und seiner Poesie nicht gerecht wird, enthält doch eine Reihe sehr anregender und tüchtiger Betrachtungen.

S.3. Die gesamte Literatur über Hermann und Dorothea verzeichnet jetzt am ausführlichsten Max Koch in der 2. Auflage von Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 689.

Schlegel besprach Goethes Hermann und Dorothea in der Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung 1797 Nr. 393-396, wiederabgedruckt in seinen Charakteristiken und Kritiken Band 2, S. 260 und seinen sämtlichen Werken Band 11, S. 183; vgl. auch S. 5. »August Wilhelm Schlegels ästhetische Kritik kann sich sicherlich mit allem, was die damalige Zeit hervorbrachte, auch der philosophischen Tiefe nach messen und fand erst an Hegels und Vischers Aesthetik eine ebenbürtige Fortsetzung und beziehungsweise Gegnerschaft.... Gleich seine ersten kritischen Versuche in Jena, über Goethes römische Elegieen und über Hermann und Dorothea, ragten sowohl historisch als theoretisch über das Gewöhnliche hoch hinaus. Die römischen Elegieen, die ein bedenkliches moralisches Wagnis schienen, besprach er mit einer Sachkenntnis und Wärme, mit einem freien poetisch-sittlichen Gefühl, wie man es den damaligen und späteren Geschmacksrichtern und Neidern, z. B. Herder, wohl hätte wünschen mögen....Wie über die römischen Elegieen war auch August Wilhelm Schlegels Charakteristik von Hermann und Dorothea eine in wenig Worten erschöpfende Vorausnahme alles dessen, was jemals über dies Epos einsichtiges gesagt worden ist« Gedanken über Goethe S. 112. 113. 114. Hehn selbst verdankt Schlegels Rezension in seinen Betrachtungen viele Anregung, namentlich in den Kapiteln über das Epos und die Homerismen.

Yxem, Ueber Goethes idyllisches Epos Hermann und Dorothea, erschienen in von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache und Altertumskunde) Band 2, S. 98.

Humboldt, Aesthetische Versuche, erster Teil, über Goethes Hermann und Dorothea, Braunschweig 1799, wiederabgedruckt in seinen gesammelten Werken Band 4, S. 1; die 4. Auflage der Einzelausgabe (Braunschweig 1882) enthält wertvolle geschichtliche Vorerinnerungen von Hettner; vgl. auch S. 5. 77. 95. 136. »In diesem Buche, das von dem Goetheschen Gedichte handeln will, verschwindet dasselbe als poetisches Individuum fast ganz unsern Augen und es wird in Weise Schillers, nur noch körper- und inhaltsloser, über Gattungen und Formen reflektiert und die Ueberlegung hin und her gewendet, ohne dass sich etwas Greifbares ergäbe ... Humboldts ... Anlage, die als Adel der Gesinnung und Idealität, aber auch als Eleganz und Kälte bezeichnet werden kann« Gedanken über Goethe S. 114. 226. Vorurteilsfreier und liebevoller wird Humboldts grosses Werk von Hettner in den oben erwähnten Vorerinnerungen gewürdigt, die in ihren Schlussbetrachtungen den richtigen Schlüssel für das Verständnis des Buches geben: es muss durchaus in festgefügtem Zusammenhang mit Humboldts sprachwissenschaftlichen und streng-philosophischen Ansichten betrachtet werden. Tieferes Verständnis irgend einer Seite von Humboldts Wesen und Leistungen ist ohne eingehende Verwertung von Steinthals unübertrefflichem Kommentar zu den sprachphilosophischen Werken (Berlin 1884) überhaupt unmöglich.

Schillers Eindruck von Humboldts Werk ersieht man am besten aus seinem Briefe an Humboldt vom 27. Juni 1798 (Briefwechsel zwischen Schiller und Humboldt S. 297), den mir Hehn jedoch unrichtig in seiner Grundstimmung zu deuten scheint; Goethes Ansicht erhellt aus seinem Schreiben an Humboldt vom 16. Juli 1798 (Goethes Briefwechsel mit den Gebrüdern von Humboldt S. 55).

S.4. Hillebrand, Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart handelt im 2. Bande S. 236 über unser Gedicht; vgl. auch S. 5. »Selbst Joseph Hillebrand, der von allen LiterarhistorikernGoethe am tiefsten erkannte, hat sich von Gervinus nicht ganz freihalten können.... Wo Hillebrand selbst spricht, da ist er vortrefflich« Gedanken über Goethe S. 171, Anm. 2.

Gervinus spricht über Hermann und Dorothea im 5. Bande seiner Geschichte der deutschen Dichtung S. 522; vgl. auch S. 5. 40. 131. »Er schrieb eine Geschichte der deutschen Dichtung, wie er sein Buch nannte, in nicht dichterischer, sondern moralisch-prosaischer Absicht, wo natürlich alle Grössenverhältnisse sich umkehrten. Er schätzte das jedesmalige poetische Produkt nicht nach seinem eigenen inneren Werte, auch nicht als Glied einer fortgehenden Entwicklung, sondern insofern es ein Mittel werden konnte die ästhetische Stimmung aufzuheben und statt des literarischen ein politisches Zeitalter mit Bürgerfreiheit und nationaler Grösse, wie er, Gervinus, sie konstruiert hatte, herbeizuführen.... Gervinus wurde eine viel studierte Autorität und mit seiner Doktrin, die Epoche der schönen Seelen sei vorüber und die des Heroismus angebrochen, neben den übrigen badischen und rheinischen Professoren der Führer in dem allgemeinen Umschwung. Und sieht man jetzt, nachdem ein halbes Jahrhundert darüber hingegangen, auf ihn zurück, so muss man bekennen, er war eigentlich ein beschränkter Querkopf, der sich selbst oft eigensinnig das Ziel verrückte; kein rechter Gelehrter, obwohl er als Literarhistoriker viel hatte lesen müssen; ursprünglich ein Kaufmann, und was dem fehlt, holt man bekanntlich nie wieder ein. Seine unharmonische Natur malte sich in dem unerträglich harten Stil: man legt seine Bücher mit dem Gefühl aus der Hand, als hätte man sich durch ein Dorngestrüpp durcharbeiten müssen und stünde nun mit zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren da; aber eben dadurch wuchs sein Ansehen, denn die schöne Form hat in Deutschland immer verdächtig gemacht« Gedanken über Goethe S. 165. 167. Es ist, als wenn Hehn nie Gervinus' herrliches Shakespearebuch gelesen hätte; sein Urteil ist mit Ausnahme der Stilbemerkung recht unbillig und ohne rechte Fühlung mit Gervinus' innerster Eigenart. Sympathischer und richtiger ist Hermann Grimms Urteil, der in seinem Goethe S. 90 eine Lanze für den Schöpfer unsrer Literaturgeschichte bricht; vgl. auch Scherer, Geschichte der deutschen Literatur S. 723.

S.5. Das zitierte Urteil Schillers steht in seinem Briefe an Heinrich Meyer vom 21. Juli 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 296 Spemann).

S.6. Rosenkranz, Goethe und seine Werke S. 346.

Tag- und Jahreshefte von 1796: Goethes Werke Band 35, S. 65 Weimarische Ausgabe; vgl. auch S. 57. »Mit Rührung erinnere ich mich, wie uns Goethe in tiefer Herzensbewegung unter hervorquellenden Thränen den Gesang, der das Gespräch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthält, gleich nach der Entstehung vorlas. So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen, sagte er, indem er sich die Augen trocknete,« berichtet Karoline von Wolzogen in ihrem Leben Schillers S. 225 Cotta, wiederabgedruckt in Goethes Gesprächen Band 1, S. 186.

Jean Pauls Charakteristik wird auch S. 45 erwähnt.

S.11. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: »es ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden«; die Stelle ist wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;, vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage über dieses Grundprinzip Grimms zu denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner Poetik S. 133.

S.12. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S. 13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten »öffnete sich ein unermesslicher Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des Geistes, und vor der Wärme dieses neuaufgegangenen Frühlings schmolzen die starren hartnäckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und der dualistischen Moral« Gedanken über Goethe S. 15. Hehns philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl. Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung fussen überall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drängt sich nirgends der Anschluß an den verehrten Meister übermässig oder störend hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefühl für die Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.

Herodot sagt im 2. Buche § 53 von Hesiod und Homer: οὗτοι δέ εἰσι οἱ ποιήσαντες θεογονίην Ἕλλησι, καὶ τοῖσι θεοῖσι τὰς ἐπωνυμίας δόντες καὶ τιμάς τε καὶ τέχνας διελόντες καὶ εἔδεα αὐτῶν σημήναντες.

S.13. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 388.

S.20. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392 und Ilias Buch 21, Vers 34.

S.23. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea »Vom Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet« sämtliche WerkeBand 24, S. 284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard Suphans.

Mit der Natur der epischen Poesie beschäftigen sich noch einige Blätter aus Hehns Nachlaß, aus denen ich hier folgendes mitteilen möchte:


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