BEOBACHTUNGEN

Welcher Art soll die Qualität der Nahrung im Seebade sein? Um in dieser Beziehung klar zu sehen, muss man sich den ganzen Zweck und die Wirkung der Seebad-Cur vergegenwärtigen. Man will die Stoffmetamorphose beschleunigen, um ein gewisses Quantum von stickstoffhaltigem Material aus dem Körper zu entfernen, aber man will auch den Ernährungsprocess und mit ihm die Kraft des Nervensystems steigern. Solchem Zwecke entspricht vorzugsweise eine mit richtigem Maass genossene animalische Kost, und namentlich die kräftigeren Fleischsorten, als Rindfleisch, Schinken, Wild, sind ihres grössern Eisen- u. Phosphorsäuregehalts wegen zu empfehlen. Ich hebe es ausdrücklich hervor: „mit richtigem Maass“! Sobald zu viel stickstoffhaltige Materien eingeführt werden, ist eine mangelhafte unvollkommene Metamorphose derselben ein unvermeidliches Resultat, und wie eine solche zur Verminderung der Phosphate im Organismus, und damit zur Abmagerung führt, habe ich a. a. O. nachzuweisen gesucht. Den stickstoffreichen s. g. Albuminaten stehe eine leichte stickstoffärmere und stickstofffreie Kost zur Seite; leichte Gemüse, leichte Mehlspeisen, mässiger Fettgenuss sind nothwendige Erfordernisse; für scrophulöse Kinder scheint mir der mit dem Seebade verbundene möglichst reichliche Genuss von Leberthran, als demjenigen Nahrungsmittel, durch welches die Zwecke der Seebadecur am wenigsten beeinträchtigt werden können, besonders zu empfehlen. Ueberall aber, wo sich Fatigue, Schwäche des Nervensystems u. s. w. zu erkennen giebt, sei wiederholt der mässige Genuss eines kräftigen Weines empfohlen. Die Rhein- und leichten französischen Weine, sind ihres Gehaltes an pflanzensauren Salzen halber, weniger dienlich.—In einzelnen Fällen, wo ich um einen Rath ersucht wurde, habe ich, falls der Wein nicht gut vertragen wurde, die Tinct. Valerian. aether. mit Erfolg dafür substituirt.—Der sonst für manche Patienten Morgens und Abends dienliche Genuss von Milch oder Cacao scheint mir im Seebade nicht empfehlenswerth. So trefflich die Milch als Nahrungsmittel ist, sie giebt dem Nervensystem zu wenig Impuls, und weniger als es im Seebade bedarf. Deshalb glaube ich Morgens zum Thee oder, wo er vertragen wird, zum Caffee, anfangs nur mit etwas Butterbrod, später mit etwas Fleisch, Eiern, kurz zu einem englischen Frühstück rathen, Abends dagegen eine leichte Fleischspeise mit Thee, oder, wo das Nahrungsbedürfniss nicht stark ist, nur eine einfache Suppe empfehlen zu müssen. Es ist unmöglich, alle die Modificationen hier anzuführen, die im einzelnen Falle zu treffen sind. Meiner Aufgabe gemäss, kann ich mich nur an das Allgemeine halten, und in dieser Beziehung ist insonderheit der massvollen Vermehrung, namentlich desstickstoffhaltigen Nahrungsmateriales, und des gesteigerten Genusses solcher Getränke zu gedenken, die weniger durch ihre Nahrhaftigkeit, als dadurch ausgezeichnet sind, dass sie das Nervensystem anregen und ihm gewissermaassen diejenige Spannkraft verleihen, die es zur Durchführung eines gehobenen Ernährungsprocesses bedarf. Individuen, die selbst derartige Excitationen nicht vertragen, sind nicht mehr für das Seebad geeignet; sie gehören auf das Land, in eine leicht gebirgige Gegend, müssen Molken trinken u. s. w. Ich möchte hier das wiederholen, was ich in Betreff der gleichartigen und doch so verschiedenen Wirkung der meisten Brunnen- und Badecuren a. a. O.[24]gesagt habe; die allgemeine Wirkung fast aller dieser Curen ist eine ähnliche, es handelt sich fast überall um eine Beschleunigung der Stoffmetamorphose; aber in jedem Falle entsteht auch die Frage, welches Mittel das geeigneteste zum Zwecke ist, und da ist denn allerdings die Breite der Möglichkeit keine geringe, es muss die Wahl bei richtiger Individualisirung oft sehr verschieden ausfallen. Für das Seeleben ist es ein unschätzbarer Vorzug vor allen andern Bad- und Trinkcuren, dass der ausschliessliche Genuss der Luft die Stoffmetamorphose in einem Grade beschleunigt, wie es an andern Orten nur grosse Quantitäten salinischer Wässer, Bäder, fatiguirende Märsche, unerbittliche Strenge in der Diät u. s. w. zu thun vermögen. Ob auch die nachtheiligen Wirkungen dieser Heilmittel, neben ihren unbestreitbaren Vorzügen, immer richtig bedacht werden?! Möchte endlich die Zeit kommen, wo man bei genauer Kenntniss der speciellen Heilwirkungen und sämmtlichen Effecte dieser und jener Quelle nicht mehr für Krankheiten, sondern für Individuen verordnet!

[24]Die Rationalität der Molkencuren. Hannover 1853. pag. 46.

[24]Die Rationalität der Molkencuren. Hannover 1853. pag. 46.

Unsere 5te Frage lautete:Welche weitern objectiven oder subjectiven Erscheinungen im Befinden sind mit Sicherheit als Erfolge des Seebades und des Aufenthaltes an der See zu betrachten? Gehe ich auf die am eigenen Körper gemachten Beobachtungen zurück, so kann ich nicht umhin, das zeitweilige Gefühl der Ermüdung, die bedeutende Vermehrung der Darmentleerungen, die dunklere Färbung derselben, die bedeutend gesteigerte Vermehrung der Hautthätigkeit, die eigenthümlich klebrigen Schweisse als Wirkungen des Seebades in Anspruch zu nehmen. Es sind dies Erscheinungen, die mehr oder weniger bei jedem Patienten und Gesunden auf der Insel hervortreten, und tritt an die Stelle vermehrter Darmentleerung oft geradezu das Gegentheil, eine hartnäckige Constipation, so habe ich mir darüber oben (pag. 58.) schon einige weitere Bemerkungen erlaubt. Die Ursachen der übrigen Erscheinungen wurden ebenfalls an geeigneter Stelle besprochen.—Doch es ist mit der Angabe dieser wenigen keineswegs die Menge der überhaupt vorkommenden Erscheinungen erschöpft. Die sich gegen Ende der Cur in der Regel einstellende grössere Frische und Leichtigkeit, die freiere psychische Bewegung, die Wiederkehr früherer Heiterkeit, der geregelte Eintritt der Menses bei dysmenorrhoischen Frauen, u.s.w. u.s.w. sind Wirkungen, die ohne Frage dem Gebrauch des Seebades und seiner Einwirkung auf den Stoffwechsel zugeschrieben werden müssen. Dass es zudem noch manche specielle Wirkungen desselben giebt, wird Niemand bestreiten, der sich im Seebade umgesehen hat; die Erklärungen für dieselben fehlen uns jedoch noch zum grossen Theil. Der plötzliche Schwund eines tic douloureux, von Neuralgieen überhaupt,—wie ich ihn bei heftiger Odontalgie und Cardialgie einmal beobachtete—, ist eine nicht selten beobachtete Thatsache, und erinnert diese einmal lebhaft an die immer treffenden Worte Romberg’s: „Mit Schmerz bettelt der Nerv um gesundes Blut“, so giebt eben die Raschheit des Schwundes jener Schmerzen doch auch der Vermuthung Raum, dass eigenthümliche, noch nicht genau erforschte Verhältnisse der Seeluft oder des Bades direct auf das Nervensystem influiren. Im Ganzen ist aber die Anzahl solcher schwieriger zu erklärender Heilwirkungen nicht gross, und in den meisten Fällen sind die oben näher bezeichneten Wirkungen der Luft und des Bades auf den Stoffwechsel hinreichend zur Erklärung der therapeutischen Thatsachen. Das unmittelbare Abhängigkeitsverhältniss zwischen Nerv und Blut erfordert hier die sorgfältigste Berücksichtigung.

Ich komme zum letzten Theil meiner Arbeit. Wir haben noch nach demWarum? der aufgefundenen Wirkungen der Seeluft und des Seebades zu fragen. Hier fehlt es leider noch sehr an thatsächlichen Anhaltspunkten; der Hypothese ist ein weites Feld geöffnet. Gehen wir jedoch in Kürze die etwaigen Möglichkeiten durch.—

Thatsache ist es zunächst, dass der Luftgenuss oder der Aufenthalt auf der Nordsee-Insel allein eine nicht unbeträchtliche Beschleunigung der Stoffmetamorphose bedingt.—In welcher Weise kann dies, abgesehen von dem Einfluss der an allen Badeorten gleichen Ausspannung aus dem Geschäftsleben, Befreiung von häuslichen Bekümmernissen u.s.w., geschehen?—Es ist nicht zu bezweifeln, dass C. Mühry in seiner oben erwähnten Schrift einen sehr wichtigen Punkt berührt hat, wenn er zuerst despsychischen Eindruckesgedenkt, den der Anblick des weiten Meers auf den Menschen ausübt. Diesem Eindruck, einem zur stillen Bewunderung hinreissenden Gefühle, kann sich schwerlich Jemand entziehen,der zum ersten Male die Ufer des Meeres betritt. Wir wissen aber, dass jeder anregende, psychische Eindruck, sei er durch Kunst oder Natur herbeigeführt, auch nicht ohne Einfluss auf den Stoffwechsel bleibt, wir wissen, dass er allemal zu einer Beschleunigung desselben führt; und so mag denn auch jene geistige Erhebung, die der blosse Anblick des Meeres bedingt, einen Theil der fraglichen Wirkung herbeiführen. Bringt man jedoch in Anschlag, wie rasch man sich an derartige Eindrücke gewöhnt, so kann dieser Theil immer nur ein sehr geringer, die Wirkung selbst eine fast nur momentane sein; sie erklärt nicht die Ausdauer der beobachteten Verhältnisse.—

Als eines zweiten nicht unwichtigen Umstandes ist des stärkernLichtreflexesam Meeresufer gedacht.—Dass das Licht an und für sich je nach seiner Intensität und Farbe einen grössern oder geringern Einfluss auf das Nervensystem und indirect auf die materiellen Vorgänge im menschlichen Körper ausübt, ist keiner Frage unterworfen. Für Thiere hat C. Schmidt in seinen bekannten Untersuchungen[25]den Einfluss des Lichtes auf den Stoffwechsel geradezu erwiesen. Er fand, dass der Gewichtsverlust einer Katze bei Tage stets viel beträchtlicher war, als bei Nacht, und dass, als das Thier zufällig erblindete, der Stoffwechsel auch während des Tages nur dieselbe Intensität, wie während der Nacht besass. Ein ähnlicher Einfluss des Lichts hat sicher auch beim Menschen Statt. Allein auch dieser erklärt uns nicht die aufgefundenen Resultate; die segensreichen Wirkungen der Seeluft gaben sich auch, wie ich in Wangeroge zu erfahren Gelegenheit hatte, bei einem Manne kund, der des Augenlichts beraubt war, und an trüben Tagen, bei wolkigem Himmel, war die wahrgenommene Wirkung bei mir nicht geringer, als bei heiterm Sonnenschein.

[25]Bidder und Schmidt: Verdauungssäfte u. Stoffwechsel. 1852. pag. 317.

[25]Bidder und Schmidt: Verdauungssäfte u. Stoffwechsel. 1852. pag. 317.

Betrachten wir denn in dritter Reihe dieLuftselbst.—So weit man schliessen kann, müssen in ihr Verhältnisse obwalten, die jene Wirkungen bedingen und erklären.—Der grössereDruck der Luftam Meeresufer kann nur da in Frage kommen, wo er auf Jemand influirt, der aus höhern Gegenden herstammt. Bei mir war das nicht der Fall; zwischen Oldenburg und dem Meeresufer existirt im Luftdruck in der That ein so geringer Unterschied, dass ich in den vorliegenden Untersuchungen unmöglich daraus eine Wirkung zu erklären vermag. Aber auch bei denen, deren Heimath in den Bergen liegt, kann der Luftdruck die fraglichen Resultate nicht bedingen. Nach dem was wir über Lungenexhalation und Hautausdünstung in niedern und höhern Gegenden wissen und aus den bekannten Erfahrungen Gebirgsreisender schliessen, müsste im Gegentheil der grössere Luftdruck eher hemmend,als beschleunigend auf den Stoffwechsel influiren. Vierordt[26]hat es nachgewiesen, dass ein Steigen des Barometers um 5′′′,67 die Pulsschläge in der Minute um 1,3, die Athemzüge um 0,74, und die ausgeathmete Luft um 586 CC. vermehrt; aber der Kohlensäuregehalt der letztern sinkt um 0,309%, Differenzen, die beim Athmen in höherer Temperatur noch deutlicher hervortreten.—DieTemperatur der Luftkann uns ebenfalls nichts erklären. Sie ist im Sommer bekanntlich am Meeresufer in der Regel um einige Grade niedriger, als auf dem Continent; soll man sich aber aus so geringen Differenzen jene bedeutenden Verschiedenheiten des Stoffwechsels erklären? Bedingen doch der kalte Winter und der heisse Sommer, wie die obigen Untersuchungen nachweisen, nur Unterschiede, die sich auf ein viel Geringeres belaufen, als die hier aufgefundenen! Sind es denn diechemischen Bestandtheileder Seeluft, die uns eine Aufklärung verschaffen? Was die Verhältnisse des Stickstoffs und Sauerstoffs betrifft, so wissen wir, dass in einem etwa vermutheten grössern Sauerstoffgehalt der Luft[27]die Ursache nicht liegt. „H. Davy fand bei Bristol dieselbe Zusammensetzung, und zwar selbst in der Luft, welche er bei heftigem Westwind an der Mündung des Severn gesammelt hatte, die also weit über das atlantische Meer hergekommen war“[28], wie Andere auf dem Festlande, und Alexander von Humboldt sagt uns selbst in seinen „kleinern Schriften“ 1853. pag. 349: „In allen unsern Versuchen sieht man zunächst den Beweis, dass die Schwankungen im Sauerstoff-Gehalt der Luft nicht über 0,001 betragen, obgleich die von uns analysirte Luft bei verschiedenen Winden aufgefangen war, mithin aus sehr entfernt von einander liegenden Gegenden kam; ferner, dass das Raumverhältniss des Sauerstoffs zu dem übrigen Gasen in der Luft, wie 21 : 79 ist. Das erste Resultat, dass sich die Zusammensetzung der Luft nicht ändert, ist ganz scharf;— —das zweite, dass die atmosphärische Luft 21 p.c. Sauerstoff enthält, kann sich nur sehr wenig von der Wahrheit entfernen.“ Dagegen ist die Seeluft bedeutend wasserreicher, als die Continentalluft, und dass diesergrössere Wasserhaltnicht ohne Einfluss ist auf die fragliche Beschleunigung der Stoffmetamorphose, lässt sich neuern Untersuchungen zufolge nicht in Abrede stellen. Ein Jeder, der die Seeluft gekostet hat, wird sich von der leichten Respirabilität derselben, von dem wohlthuenden Gefühle tiefer Inspirationen am Strande überzeugt haben. Man trinkt die Luft in vollen Zügen und eine Beschleunigung der Respirationsacte,eine grössere Extensität derselben ist eine gewöhnliche Erscheinung. Kommt dazu der positive Beweis vermehrter Ausgabe an Kohlensäure und grössern Gewichtsverlustes des Körpers in feuchter Atmosphäre, so dürfen wir nicht zweifeln, dass jener Wassergehalt der Seeluft von beträchtlichem Einfluss auf die Beschleunigung der Stoffmetamorphose ist. Diesen Beweis hat uns aber Prof. Lehmann[29]geliefert. Die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert es, dass ich ausführlich mittheile, was darüber vorliegt. Lehmann’s eigene Worte mögen also folgen:

[26]Vierordt: Physiologie des Athmens. Karlsruhe 1845.

[26]Vierordt: Physiologie des Athmens. Karlsruhe 1845.

[27]Vrgl. Dr. Bluhm l. c. pag. 28.

[27]Vrgl. Dr. Bluhm l. c. pag. 28.

[28]S. Cotta: Briefe über Alex. v. Humboldt’s Kosmos. Leipzig 1848, pag. 218.

[28]S. Cotta: Briefe über Alex. v. Humboldt’s Kosmos. Leipzig 1848, pag. 218.

[29]C. G. Lehmann: Lehrbuch der physiolog. Chemie. Bd. III. pag. 387. Leipzig 1852.

[29]C. G. Lehmann: Lehrbuch der physiolog. Chemie. Bd. III. pag. 387. Leipzig 1852.

„Auch der Feuchtigkeitsgrad der Atmosphäre ist nicht ohne Einfluss auf die respiratorischen Functionen und die Kohlensäureexcretion insbesondere. Ueber diesen Gegenstand sind von mir einige Versuche an Feldtauben, Zeisigen und Kaninchen angestellt worden.Die Gewichtsmengen excernirter Kohlensäure fallen in feuchter Luft viel grösser aus,als in trockner. So lieferten z. B. 1000 Gramm (= 2Pfund) männlicher Feldtaube für eine Morgenstunde“:

Ebenso gaben 1000 Grm. Zeisige für eine Nachmittagsstunde:

1000 Grm. Kaninchen endlich exhalirten in einer Morgenstunde:

„So spärlich diese Untersuchungen sind, so weisen sie doch deutlich genug auf die Wichtigkeit dieses Einflusses für die Respiration hin, eines Einflusses, den wir am Krankenbette, namentlich bei Lungenkranken, so häufig zu beobachten Gelegenheit haben. Fragen wir aber nach dem Causalnexus in welchem die hier beobachtete Kohlensäureexcretion mit dem Feuchtigkeitsgrade der Luft steht, so finden wir leider noch keine einigermaassen genügende Antwort.“

„Dass die Feuchtigkeit der Luft auch auf die Athembewegungen eine Einwirkung äussern muss, lässt sich nicht bloss errathen, sondern auch direct beobachten: die Athemzüge der Thiere sind in der feuchtwarmen Luft viel frequenter, als in der trocknen. Hierzu trägt nun allerdings im Anfange des Versuchs die Veränderung selbst, der das Thier unterworfen wird, sehr viel bei; allein wenn man auch 3, 6 oder 10 Stunden nach Beginn des Versuchs die Athmungsfrequenz beobachtet, so findet man sie immer bedeutender, als beim Athmen in trockner Luft. Einigen in meinem Laboratorium von Buchheim angestellten Versuchen nach scheint aber die Feuchtigkeit der Luft mehr noch auf die Tiefe der Athemzüge einzuwirken“.

„Wenn aber die Vermehrung der ausgeathmeten Kohlensäure beim Athmen in feuchter Luft theilweise in der berührten Veränderung der Athembewegung ihre Erklärung findet, so wird der Einfluss der Feuchtigkeit, gleich dem der Temperatur, sich wahrscheinlich auch noch auf einem andern Wege geltend machen. Ein directer Einfluss des Wasserdunstes auf die Ausscheidung der Kohlensäure aus dem Blute lässt sich freilich nach unsern jetzigen Kenntnissen der betreffenden Verhältnisse nicht nachweisen. Für eine weitere Untersuchung dieses Gegenstandes dürfte aber eine von mir wiederholt gemachte Beobachtung nicht ohne Interesse sein. Die Frösche verlieren nämlich in trockner Luft weit weniger an Körpergewicht, als in feuchter; der Unterschied ist ausserordentlich gross, daher ich unter vielen Beobachtungen nur folgende zwei anführe. In einem Falle verloren 100 Grm. Frosch in 24 St. introcknerLuft = 1,820 Grm. an Gewicht; in feuchter dagegen 4,376 Grm.; in einem andern Falle in trockner Luft = 0,681 Grm., in feuchter aber 5,340 Grm. Dass diese Erfahrung sich mehr auf die Perspiration bezieht, versteht sich von selbst; denn schon das äussere Ansehen der Frösche die sich in trockner Luft befanden zeigt, dass ihre Haut ausgetrocknet und daher wohl für die Perspiration untauglich geworden war; allein ohne allen Bezug auf die betreffenden Respirationsverhältnisse möchte diese Erfahrung doch nicht sein“.

Diese Beobachtungen sind für unsern Gegenstand offenbar von dem grössten Interesse; sie weisen zweifellos darauf hin, welchen bedeutenden Einfluss der Feuchtigkeitsgrad der Luft auf die Ausgaben des Körpers, und damit auf den Stoffwechsel ausübt.—Wollen wir auch nicht übersehen, dass ich, wie jeder Seebadegast in seiner Heimath, in Oldenburg keineswegs in einer absolut „trocknen“ Atmosphäre lebte, die Luft in Oldenburg im Gegentheil eben während meiner Untersuchungen daselbst sehr feuchtwarm war, so wird dennoch derbeständigeFeuchtigkeitsgrad der Seeluft immer einengewissenEinfluss ausüben müssen und mit der Kenntniss obiger Thatsachen nähern wir uns ohne Frage der Einsicht in das Wie? der Wirkung des Lebens auf der Insel.—Ihnen zufolge kann man auch den neuerdings angeregten Ideen zur Herstellung künstlicher Seeluft in Krankenzimmern nur in vollstem Maasse das Wort reden. Ob der geringe Salzgehalt der Seeluft diese Wirkung noch erhöht, lasse ich dahin gestellt sein; ähnliche Untersuchungen, wie die von Lehmann mit einfach feuchter Luft angestellten, können allein darüber entscheiden.

Ueber die Verschiedenheit der See- und Continentalluft in Betreffandererundnamentlich heterogener Bestandtheileist sehr wenig bekannt. Es lässt sich freilich annehmen, dass die Seeluft im Allgemeinen frei ist von allen Effluvien des Erdbodens die sich der Continentalluft in oft Krankheit erzeugender Quantität beimischen, frei ferner von allen Beimischungen, die das Leben in der Stadt nur zu oft beklagen lässt, und man darf ihr in dieser Beziehung sicher eine negative Wirkung zuschreiben.

Auch in Wangeroge wird die Luft nur ausnahmsweise bei Süd- und Südostwinden miasmatische Effluvien aus den Marschdistricten Oldenburgs und Hannovers mit sich führen können. Ob sie aber in Folge dieses Mangels an heterogenen Bestandteilen auch einen positiven und zwar beschleunigenden Einfluss auf den Stoffwechsel auszuüben vermag, möchte schwer zu beweisen und in der That kaum anzunehmen sein. So viel sich aus allen pathologischen Thatsachen erschliessen lässt, bewirken jene Miasmen nur qualitative, nicht aber auch quantitative Veränderungen des Stoffwechsels; sie bedingen, wie es scheint, mehr Veränderungen der katalytischen Vorgänge im Organismus, als der quantitativen Verhältnisse der Mischung, der Einnahme und Ausgabe.

Von grosser Bedeutung für unsre Frage scheint dagegen ein andrer, und zwar nicht heterogener Bestandtheil der Luft zu sein; ich meine das vom Prof. Schönbein in Basel entdeckteOzon. Wir berühren damit einen Gegenstand, der in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit vieler Forscher auf sich gezogen hat und dessen Wichtigkeit für Pathologie und Therapie eine sehr bedeutende zu werden verspricht.—

Das Ozon ist nach Schoenbeins Untersuchungen[30]eine der am kräftigsten oxydirenden Substanzen, ein „Sauerstoff in erregtem Zustande.“ Es bildet sich in Folge der Erregung, die die Luftelectricität dem Sauerstoff der Luft mittheilt und in dem jedesmaligen starkenOzongehalt der Luft nach Gewittern, in der Einwirkung des elektrischen Funkens auf die Schönbeinschen Ozometer, in dem Geruch des Ozons liegen Beweise dafür. Es zeichnet sich endlich aus durch die besondere Eigenschaft, mit allen miasmatischen Stoffen chemische Verbindungen einzugehen und so die Luft zu desinficiren. Eine Atmosphäre von1⁄6000Ozongehalt ist nach Schönbein’s Untersuchungen im Stande das 540 fache Volumen einer Luft zu desinficiren, welche eben so stark miasmatisirt ist, als es 60 Liter Luft durch1⁄4PfundFleisch in stärkster Verwesung in einer Minute werden.—

[30]S.C.F. Schoenbein: „Ueber einige mittelbare physiologische Wirkungen der atmosphärischen Electricität“ in Heule’s und Pfeuffer’s Zeitschrift für rationelle Medicin. Neue Folge. I. Bd. 3. Heft. pag. 384.—Desgl. in Liebig und Wöhler’s Annalen. Bd. 89. Heft 3.

[30]S.C.F. Schoenbein: „Ueber einige mittelbare physiologische Wirkungen der atmosphärischen Electricität“ in Heule’s und Pfeuffer’s Zeitschrift für rationelle Medicin. Neue Folge. I. Bd. 3. Heft. pag. 384.—Desgl. in Liebig und Wöhler’s Annalen. Bd. 89. Heft 3.

Sind diese Forschungen richtig, und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, so erhält der Ozongehalt der Luft, in welcher wir leben, selbstverständlich auch eine hohe Bedeutung für die sämmtlichen Lebensprocesse, für den Stoffwechsel, ja wir dürfen hoffen, mit seiner Kenntniss auch eine nähere Kenntniss von dem unläugbaren Einfluss der Luftelectricität selbst auf den Organismus zu erlangen. Es wird darauf ankommen den Gehalt der Luft an Ozon in verschiedenen Gegenden und unter verschiedenen Verhältnissen genau zu prüfen, locale Morbilitätsverhältnisse mit den Resultaten jener Beobachtungen zu vergleichen, nachzuforschen, ob ein grösserer Gehalt der Luft an Ozon einen beschleunigten, geringerer Gehalt einen langsamen Stoffwechsel bedingt u. s. w. u. s. w.—Leider fehlt es bis dahin an solchen Beobachtungen noch sehr, und namentlich für unsre Frage ist es zu bedauern, dass noch gar keine Untersuchungen über den Ozongehalt der Seeluft und den Unterschied desselben von dem der Continentalluft vorliegen. Um so mehr aber nur wandte ich auch diesem Verhältnisse meine Aufmerksamkeit zu, und so wenig ausreichend die Untersuchungen sind, sie dienen vielleicht dennoch dazu andere Beobachter zu einer eifrigen und ausführlichen Fortsetzung anzutreiben und im Allgemeinen nachzuweisen, dass der Ozongehalt der Seeluft allerdings ein beträchtlicher ist.—

Ich bediente mich zur Ermittelung desselben der Schönbein’schen Ozonometer (vom Buchbinder Bürgy in Basel bezogen)[31]. Dieselben lassen sehr Vieles zu wünschen übrig; sie geben nur sehr approximative Resultate; Herr Dr. v. Maack in Kiel wird sich darüber des Weitern im Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. II. Heft 1. auslassen. Allein inErmangelung eines Bessern hielt ich dennoch eine Anwendung derselben für besser, als gar keine, und durch folgendes, stets gleichmässiges Verfahren musste ich wenigstens einen allgemeinen Aufschluss gewinnen. Jeden Morgen und jeden Abend um 8 Uhr wurden in einem nur nach unten offenen Kästchen, welches unmittelbar am Strande in einer Höhe von circa 6 Fuss über dem Erdboden aufgestellt war, 2 Ozonometer mit einer Nadel an einem Bande befestigt. Ein jedes derselben unterlag demnach 12 St. der Einwirkung der Luft. Nach Ablauf derselben wurden die Streifchen wieder gelöst, sofort in Wasser eingetaucht und nun mit der Ozon-Scala verglichen. Beide Streifen zeigten dann stets eine gleiche Färbung; die Bestimmung der Farbe selbst nach der Scala war aber oft schwer, da namentlich die hellern Farbentöne meistens eine röthliche Beimischung hatten, die sich auf der Scala durchaus nicht fand. Ich bestimmte den Grad in solchen Fällen so gut es möglich war, notirte sodann die Nummer der Scala, bemerkte zugleich, ob in den verwichenen Stunden ein stärkerer oder schwächerer Wind geweht hatte, fügte Temperatur[32]und besondere Witterungsangaben hinzu und gelangte damit zu folgenden Resultaten:

[31]Die Schönbein’schen Ozonometer bestehen aus einfachen Streifchen von Druckpapier, die getränkt sind mit einer Lösung von Jodkalium und Stärkekleister. Das Ozon hat die Eigenschaft, das Jodkalium zu zerlegen und jenachdem in Folge seiner Einwirkung mehr oder weniger Jod frei wird, nimmt der Papierstreifen, wenn man ihn in Wasser taucht, eine hellere oder dunklere blaue Färbung an. An einer den Ozonometern beigegebenen Ozon-Scala liest man dann die Nummer der Farbe ab und bestimmt darnach den höhern oder geringern Gehalt der Luft an Ozon.

[31]Die Schönbein’schen Ozonometer bestehen aus einfachen Streifchen von Druckpapier, die getränkt sind mit einer Lösung von Jodkalium und Stärkekleister. Das Ozon hat die Eigenschaft, das Jodkalium zu zerlegen und jenachdem in Folge seiner Einwirkung mehr oder weniger Jod frei wird, nimmt der Papierstreifen, wenn man ihn in Wasser taucht, eine hellere oder dunklere blaue Färbung an. An einer den Ozonometern beigegebenen Ozon-Scala liest man dann die Nummer der Farbe ab und bestimmt darnach den höhern oder geringern Gehalt der Luft an Ozon.

[32]Die Temperatur des Meerwassers wurde mit einem Greiner’schen in1⁄10 Grade getheilten Thermometer an der Badestelle am Strande untersucht; die der Luft an einem schattigen windstillen Orte, in einer Höhe von 6 Fuss über dem Erdboden.—War das Wasser sehr bewegt, so zeigten verschiedene Wellen oft verschiedene Temperaturen. Ich kann durchaus der Angabe Bluhm’s (l. c. p. 23.) nicht beistimmen, dass das Wasser in der Nähe des Strandes seine mitunter vorkommenden hohen Temperaturgrade dem durch die Sonnenstrahlen erwärmten Sande verdankt. Der Strand selbst, auf den das Wasser zur Zeit der Messung hinaufspülte, hatte meistens eine viel niedrigere Temperatur, als das Wasser selbst. Dagegen hatte eine oberflächliche Erwärmung des Wassers selbst durch die Sonnenstrahlen sicher Statt; tiefere Wasserschichten zeigten eine niedrigere Temperatur.

[32]Die Temperatur des Meerwassers wurde mit einem Greiner’schen in1⁄10 Grade getheilten Thermometer an der Badestelle am Strande untersucht; die der Luft an einem schattigen windstillen Orte, in einer Höhe von 6 Fuss über dem Erdboden.—War das Wasser sehr bewegt, so zeigten verschiedene Wellen oft verschiedene Temperaturen. Ich kann durchaus der Angabe Bluhm’s (l. c. p. 23.) nicht beistimmen, dass das Wasser in der Nähe des Strandes seine mitunter vorkommenden hohen Temperaturgrade dem durch die Sonnenstrahlen erwärmten Sande verdankt. Der Strand selbst, auf den das Wasser zur Zeit der Messung hinaufspülte, hatte meistens eine viel niedrigere Temperatur, als das Wasser selbst. Dagegen hatte eine oberflächliche Erwärmung des Wassers selbst durch die Sonnenstrahlen sicher Statt; tiefere Wasserschichten zeigten eine niedrigere Temperatur.

über den Ozongehalt der Luft, die Temperatur der Luft und die Temperatur des Wassers auf Wangeroge.


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