Mit Bezug auf die oben erwähnte Zuckerfrage, so mag hier in Kürze und beiläufig das Resultat erwähnt werden, dass in der Regel, wenn der Thee Morgens mit 20 Grm. Zucker versetzt genossen wurde, bis Mittags 2 Uhr eine grössere Quantität Urin entleert wurde, als wenn er ohne Zuckerzusatz getrunken war. Die Quantität der genossenen Fluida (475-500 CC.) war immer bis auf 25 CC. dieselbe.—Bei Zuckergenuss wurden 378, 470, 516, 396, 453, 614, 553—im Mittel 483 CC. entleert, d. h. fast gleich viel, als Fluida am Morgen genossen waren; ohne Zuckergenuss dagegen 412, 570, 372, 384, 339, 458, 386—im Mittel 417 CC., d. h. fast immer weniger als Fluida am Morgen eingeführt waren. Auf die Abhängigkeit dieses Verhältnisses von dem Einfluss, den der Zucker auf die en- und exosmotischen Vorgänge ausübt, habe ich im „Archiv des Vereins für gemeinschaftl. Arbeiten Bd. I. Heft 4.“ im Artikel „Studien zur Urologie II.“ hingewiesen.—
Es bedarf noch der Erwähnung, dass sich die aufgefundenen Grössenverhältnisse des Stoffwechsels, verglichen mit den wenigen bekannten länger fortgesetzten Untersuchungen anderer Männer in den Gränzen des Normalen bewegen.—Prof. Bischoff, ein Mann von 45 Jahren, 216PfundKörpergewicht (NB.!) und 185 Ctm. Länge entleerte bei gewöhnlicher Kost täglich 1538 CC. Urin von 1022,4 spec. Gew. mit 35,10 Grm. Harnstoff (nach Ausfällung des Chlor bestimmt); stud. Mosler, 22 Jahr alt, 134Pfundschwer und 180 Ctm. lang 1875 CC. Urin mit 29,1 Grm. Harnstoff und 3,2 Grm. Phosphorsäure; 7 Männer, im Alter von 20-36 Jahren und im Mittel von 132PfundKörpergewicht (cf. Diss. inaugural. von Gruner. Giessen 1852.) 2,094 Grm. Schwefelsäure. Bei mir erreichten die einzelnen Stoffe im Verhältniss zu vorstehenden Untersuchungen nur eine geringe Höhe; doch waren sie auch keineswegs abnorm vermindert; man kann nur sagen, dass der Stoffwechsel von nicht bedeutender Intensität war.—
Hiernach gehe ich weiter zu denjenigen Untersuchungen, welche unmittelbar dem Gebrauche des Seebades vorausgingen. Sie erstrecken sich vom 5ten-9ten Juli.—Dieselben wurden in der Weise vorgenommen, dass der während der Morgenstunden entleerte Urin, von dem während des Nachmittags und der Nacht entleerten gesondert analysirt wurde.—Die festen Speisen wurden, wie erwähnt, nach Bedürfniss genossen; die Quantität der Fluida ist notirt.—
Befinden:Morgens gut, Mittags abgespannt durch die Gewitterschwüle; Nachmittags u. Abends sehr wohl.Beschäftigung:81⁄2St. gearbeitet; 3 St. Krankenbesuche. 61⁄2St. Schlaf.—Hautfunction:Nachts zuvor transpirirt; Morgens stets mässig duftende, von 11-2 Uhr stark transpirirende Haut. 5-7 Uhr Nachm. stark duftend; 7-111⁄2Uhr trocken, aber warm.—Darmentleerung:Morgens 9 Uhr sehr reichlich, weich. Abends 11 Uhr 15 Min. wenig, geballt.—Witterung:Stets bedeckter Himmel. Feuchtwarme Luft. Viel Regen. Mittags Gewitterschwüle.—W.
Körpergewicht:Verlust = 758 Gramm.
Befinden:viel frischer als Tags zuvor; im Allgem. sehr gut.Beschäftigung:7 St. Arbeit. 2 St. Krankenbes. 1 St. Spaziergang. Abends im Garten gelesen. 7 St. Schlaf.Hautfunction:Morgens früh trocken und kühl; Mittags u. Nachmittags viel transpirirt.—Darmentleerung:Abends 10 Uhr 15 Min. reichlich, weich, breiig.—Witterung:Morgens heiterer Sonnenschein, theilweise bedeckter Himmel; Nachmittags Sonnenschein u. Windstille.—WSW.
Körpergewicht:Verlust = 2 Gramm.
Befinden:sehr gut; bis auf unbedeutenden Brustmuskel-Rheumatismus.—Nachmittags starker Durst.Beschäftigung:91⁄2St. gearbeitet. 2 St. Krankenbesuche. 1 St. Spaziergang.—8 St. Schlaf.Hautfunction:Morgens von 11-2 Uhr und Nachmittags stark transpirirt.Darmentleerung:Abends 11 Uhr reichlich, weich, breiig.Witterung:Morgens heiter, klar; Nachmittags Regen.—O.—
Befinden:durchweg gut; Abends etwas ermüdet.Beschäftigung:7 St. anstrengende Arbeit. 5 St. Krankenbesuche. 7 St. Schlaf.Hautthätigkeit:Morgens sowohl, als Nachmittags während der Krankenbesuche stark transpirirt.—Darmentleerung:Abends 11 Uhr und Morgens 9 Uhr den 9. Juli sehr reichlich.—Witterung:bedeckter Himmel, zum Theil Sonnenschein. Warme Luft.—W.—
Es war die Absicht, die vorstehenden Untersuchungen noch länger fortzusetzen. Die unerwartet verfrühete Abreise hinderte mich daran.—Bei der Kenntniss des Stoffwechsels von früher her, konnte jedoch auch eine 4tägige Untersuchungsreihe schon genügen und berechnen wir die Mittelwerthe aus derselben, so ergiebt sich Folgendes:
Auffällig gesteigert war, im Verhältniss zum Januar und Februar, sowohl die Haut- als Darmfunction.—Während im Februar bei dem täglichen Genuss von 1395 CC. Fluidis 1408 CC. Urin entleert wurden, wurden im Juli bei dem täglichen Genuss von 1921 CC. Fluidis nur 1317 CC. Urin entleert.—Durch die Haut wurden demnach gegen 500 CC. täglich mehr ausgeschieden, als im Februar, denn bei der feuchten Luft war die Wasserausscheidung durch die Lungen wohl nicht vermehrt; die vermehrte Darmfunction nahm allerdings wohl einen Theil der genossenen Fluida, im höchsten Falle jedoch nur etwa 70-80 CC. in Anspruch.—Das Körpergewicht nahm auch hier, und durchschnittlich täglich um 135 Gramm ab. Diese Abnahme würde jedoch auf ein Minimum reducirt sein, wenn nicht am 9ten Juli, kurz vor der Wägung eine sehr reichliche Defaecation Statt gefunden hätte, deren Gewicht etwa auf 400 Grm. geschätzt werden konnte.
Die 1317 CC. Urin enthielten im Durchschnitt:
Der Harnstoffgehalt war demnach ganz gleich dem im Februar gefundenen. Die Schwefelsäure stand etwas niedriger, als damals, was zum grossen Theil von der gesteigerten Haut- und Darmthätigkeit, zum Theil von einer Veränderung des Trinkwassers herrühren mochte. Die Phosphorsäure war etwas vermehrt; das Chlor etwas vermindert, weil das Kochsalz wie im Januar, in nur gewöhnlicher Menge genossen wurde.—
Hiernach lässt sich denn, alle drei Untersuchungsreihen zusammengenommen, berechnen, dass mein Körper bei gewöhnlicher, dem Bedürfniss entsprechender Kost in 24 Stunden mit dem Urin ausschied: 24-25 Grm. Harnstoff, 0,35 Grm. Harnsäure, 1,6 Grm. Schwefelsäure, 2,54 Grm. Phosphorsäure und 10,5 Grm. Chlor; Grössenverhältnisse, welche wir bei den spätern Beobachtungen zum Vergleich benutzen werden. Die verschiedenen Jahreszeiten hatten auf dieselben mit Ausnahme der Harnsäure einen so unerheblichen Einfluss, dass derselbe hier füglich vernachlässigt werden darf.—
Auf die wechselnde und oftmals vorkommende schwach saure oder selbst alkalische Reaction des Urins während der letzten Untersuchungsreihe muss ich auch hier wieder aufmerksam machen. Welche Verhältnisse es bedingten, dass sich an einem Morgen stets saure, an einem andern Morgen abwechselnd saure, schwach saure und neutrale Reaction zeigte, vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden;—auffallend bleibt es nur, dass sich im Seebade bei sonst gleichen Lebensverhältnissen auch nicht ein einziges Mal nur eine schwach saure, geschweige denn eine neutrale Reaction des Urins zeigte.—
Wie aus den Tabellen ersichtlich ist, wurde in der letzten Untersuchungsreihe der Urin Morgens fast stündlich entleert, dann analysirt, und ihm gegenüber der Nachmittags- und Nacht-Urin ebenfalls zusammengeschüttet der Analyse unterworfen. Behuf der fernern Untersuchungen ist es nothwendig auch von diesen einzelnen Resultaten das Mittel zu kennen:
Bei dem regelmässigen Genuss von 600 CC. Fluidis des Morgens wurden bis 1 Uhr Mittags im Mittel entleert: 543 CC. Urin, mit
Nachmittags und Nachts dagegen wurden im Durchschnitt entleert:
Wir werden sehen, in wiefern der Gebrauch des Seebades diese Verhältnisse modificirte und mit ihrer Kenntniss namentlich darüber eine Aufklärung erlangen, ob der momentane Einfluss des Bades ein mehr oder weniger bedeutender ist.—
Nach Beendigung dieser Untersuchungsreihe reiste ich am 10ten Juli nach dem Seebade Wangeroge ab und traf dort am 11ten Mittags ein.—Die Lebensweise war am 9. 10. u. 11ten sehr unregelmässig. Am 9ten war ich den ganzen Tag hindurch mit Besuchen, Reisevorkehrungen u. s. w. beschäftigt; am 10ten wurde erst 5 Uhr Abends dinirt, am 11ten um 2 Uhr.—Am 12ten (Mittwoch) kehrte ich möglichst zu der gewohnten Lebensweisezurück; genoss Morgens 200 CC. Wasser und 400 CC. Caffee mit Butterbrod, trank Abends 400 CC. Thee; Nachmittags 150 CC. Caffee und 200 CC. Wasser. In zwei Beziehungen wurde jedoch während des ganzen Aufenthalts in Wangeroge und so auch schon heute eine Aenderung nothwendig.—Einmal wurde meistens zwischen dem Caffee Morgens und dem Mittagsessen ein Frühstück, bestehend aus Butterbrod mit Fleisch und in der Regel einem Glase Portwein oder Bier eingenommen, und andrerseits wurde Mittags in der Regel mehr getrunken, als in Oldenburg. Das zweite Frühstück wurde deshalb oft geradezu Bedürfniss, weil der Caffee Morgens in der Regel früher, als in Oldenburg genossen wurde und das Mittagsessen oft, je nach der zur Fluthzeit festgesetzten Badezeit, viel später, um 21⁄2, 3, 4 u. 41⁄2Uhr stattfand; kam gar ein den Appetit stets anregendes Bad hinzu, so fühlte ich zwischen 11 u. 12 Uhr Morgens das dringende Bedürfniss, etwas zu geniessen, und würde durch Nichtbefriedigung desselben einen Fehler begangen haben. Anfangs trank ich dann zum zweiten Frühstück Bier, ging aber später zu Portwein über, um durch die geringere Quantität (50-60 CC.) die dem Körper bis zum Mittagsessen einverleibte Flüssigkeitsmenge so wenig als möglich von der in Oldenburg genossenen differiren zu lassen.—War letzteres aber geschehen, so war der Durst Mittags oft sehr gross; Hautthätigkeit, Urinentleerung, Darmfunction u. s. w. hatten schon mehr erfordert, als Morgens an Fluidis genossen war; es war offenbar der Körpersubstanz schon Wasser entzogen und das Gefühl des Durstes fand in dieser Weise leicht seine Erklärung. In der Regel wurde Mittags dann Wein und Wasser getrunken; immer aber belief sich doch bei der 11⁄2stündigen Mittagstafel die Quantität des Weines etwas höher, als in Oldenburg (hier auf 2-300 CC., in Wangeroge auf 3-400 CC.), ein Verhältniss, das allerdings für den Stoffwechsel nicht gleichgültig sein konnte, absichtlich aber auch nicht vermieden wurde, weil ich eben den Zweck verfolgte, den Einfluss des Badelebens in summa zu studiren, und mich also dem Verhalten der meisten Curgäste möglichst anschloss.—Es wurde oben schon bemerkt, dass es mir leider nicht möglich war, die Quantität der festen Speisen durch das Gewicht zu bestimmen; die Fluida wurden dagegen stets, wo immer sie auch genossen wurden, in graduirten Gläsern, die ich mir eigens zu diesem Zwecke anfertigte, abgemessen; nur der mitunter unvermeidliche Genuss von Bouillon (Mittags) machte eine Ausnahme nothwendig; die Quantität dieser konnte ich nur annähernd nach Esslöffeln, deren zwei 25 CC. enthielten, bestimmen. Der dabei mögliche Irrthum ist für die Resultate unerheblich.—
Ich hatte mir nun zunächst die Frage gestellt:in welcher Weise der Aufenthalt auf der Insel, ohne zu baden, auf den Stoffwechsel influire?, nahmalso in den ersten Tagen kein Bad, sondern genoss nur die Seeluft in vollen Zügen, so viel und oft die Arbeit es erlaubte.—Die Untersuchungen begannen am 13ten Juli und wurden in dieser Weise zunächst 4 Tage lang fortgesetzt. Die Resultate waren folgende[7]: