Abschied von Japan.

Abschied von Japan.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;Die Landschaft lieblich, voller Leben,Die Felder zierlich, die Häuser nett,Das Volk manierlich, fein, adrett;Das Leben köstlich und amüsantIn diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;Die Landschaft lieblich, voller Leben,Die Felder zierlich, die Häuser nett,Das Volk manierlich, fein, adrett;Das Leben köstlich und amüsantIn diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;

Die Landschaft lieblich, voller Leben,

Die Felder zierlich, die Häuser nett,

Das Volk manierlich, fein, adrett;

Das Leben köstlich und amüsant

In diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als dasEntzücken seiner Seelebezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um dieSchattenseitenzu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.

Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, — das zu entscheiden will ich Andern überlassen.

Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.

In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.

Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240]herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.

Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin nochniemalsin Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.

Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sichernicht, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.

Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241]oder Weib gesehen;überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.

Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.

Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe giltseit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.

Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über dieZukunft. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?

Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.


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