Calcutta,

Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434]im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einemuralten Wallfahrtsortzu Ehren derKali, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435]ist aber einedurchausneueGründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in dasschwarze Lochstecken (Black hole;[436]so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segeltenCliveund Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg vonPlassy(80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt.Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.

Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.

Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite,also dicht unter dem Wendekreis, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2–3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wirdbegrenztdurch denFlussund dieGürtelstrasse(Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.

Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt istfreigelassen. Der riesige Exercirplatz (Maidan, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht dasDenkmal für Sir David Ochterlone, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437]über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.

Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch derGeneral-Consuldes Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.

Der Haupttheil der „Stadt der Paläste“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr —mittelmässigen.Der Palast des Vicekönigsliegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.

Westlich von dem Palast liegt dasStadthaus(Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügendbekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die vonWarren Hastingszwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen — Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772–1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganzgleicher Rücksichtslosigkeitden Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.

DasObergericht(High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist diePostmit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (Babu)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)

Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,Banken[439]und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.

Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (Bow Bazar) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)

Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist dieDhurumtolla-Strasse, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von PrinzShulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.

Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.

Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ichnach Abgabe eines Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.

Seine Visitenkarte lautet:

Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.

Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie nach Europa. Fürst Tagore[440]hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, dieMusikseines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr durchaus gefällig schien.

Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur ausHindu-Dörfern(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm verschmiert ist. Die Vorderseite derHütte steht bei Tage offen und wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.

Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.

Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf lohnende Rückfracht.

Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke sieht einereuropäischen Fabrikstadtähnlich. Da schnurren die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem ganzen indischen Seehandel (Rx[442]193 Millionen, oder in runden Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890–91) beherrscht Calcutta wie Bombay je 40 Procent.

Die Zahl derSehenswürdigkeitenin Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist dasindische Museumin der Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend,aber ganz unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B.Meyer, Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte Bildsäulen allerindischen Völkerschaftenmit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

DienaturwissenschaftlicheAbtheilung giebt eine vollständige Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

Eisenerzwird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig guteKohle[443]in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast zu Ballastfrachtsatz.

Steinsalzim Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden Indier so nöthigeSpeisesalzund der Regierung ein beträchtliches Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal (Nord-Behar) einen grossen Theil desSalpetersfür das Schiesspulver Europa’s.

Silber, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im Lande gefunden.Goldwird aus dem Flusssand gewaschen; aber die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt.Kupferwird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

Kalkstein(kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra bestehen aus dem rosafarbenenMarmorder Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums anEdelsteinen, der Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehrreichan kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von derJahrhundertelang fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in der Gegend vonGolcondagefunden, einige Perlen im Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alleDiamanten[445]bis 1728 n. Chr. aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1)Kohinur„Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. 2) DerOrlowan der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) DerRegent, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich dieGlasmodelleder grossen indischen Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein dummer Teufel sie — gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. Das erste ist der indischeMagneteisenstein,der vielleicht schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446]Das zweite ist der indischeBeryll, ein meergrüner, durchsichtiger Halbedelstein.Sein indischer Name ist in die deutsche Spracheübergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon stammt unser WortBrille.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind dieAlterthümer.

Am besten gefallenunsdie alten Bildhauerarbeiten, die aus dem äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar untergriechisch-baktrischemEinfluss entstanden sind: kleine Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind dieReste buddhistischer Bauwerke. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta ganz reichlich gedeckt ist.

Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter vonBharhut,[447]das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten (Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in den — Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.

Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, demRaddes Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.

Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein Naga-[448]Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum niederknieen.

Derzoologische Garten, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gutgepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei Flitter und Zierath.

Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge nach oben, sein linkes nach unten wendet.

An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten an einzelnen Stellen der Charakter Asiens imBaustilgewahrt ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich diebraunen Menschenund zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.

Aber weit berühmter ist derbotanische Garten. Der Besuch desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren alle sehr berühmte Botaniker.

An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume (Ficus religiosa).

Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischenInschrift: Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That ein wenig glücklicher Gedanke.

Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen (Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.

Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des Gartens ist einBanyanbaum(Ficus indica), der laut Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.

Es ist sehr merkwürdig, dass bereitsMilton(† 1674) den wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:

Branching so broad along, that in the groundThe bending twigs take root and daughters growAbout the mother tree, a pillared shade,High overarched with echoing walks between.

Branching so broad along, that in the groundThe bending twigs take root and daughters growAbout the mother tree, a pillared shade,High overarched with echoing walks between.

Branching so broad along, that in the groundThe bending twigs take root and daughters growAbout the mother tree, a pillared shade,High overarched with echoing walks between.

Branching so broad along, that in the ground

The bending twigs take root and daughters grow

About the mother tree, a pillared shade,

High overarched with echoing walks between.

Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. DieFlora of British Indiain 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer der Engländer.

Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse (von 3–4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.

Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.

Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinabin’s Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in unseren hoch gesitteten Seebädern.

Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.

Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre zum Empfang des Vicekönigs anPrinseps Ghat, der Landungstreppe im Süden des Hafens.

Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.

So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.

Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und eigenartig.

Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.

Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem Glanz.

Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattlicheFort-William, das von 1757–1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem 50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer Ausfallspforte.[449]Es enthält ein englisches und ein einheimisches Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 errichtet.

Zwischen der Festung und dem Palast liegt derEden-Garten, wo Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten Fabelthieren.

Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.

Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der Landhäuser sind schon von 1768–1780 erbaut.

Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der Muttersprache ermöglichte.

Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten) aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf von Jute, nach Calcutta gereist war.

Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450]musste aber ernstlich verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das indische Soda-Wasser.[451]Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten Flasche entnommen wurde.

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452]die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. — Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. — Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasstdie Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.

Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt dieUniversitätund dabei dasKrankenhaus der Schule für Heilkunde(der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren.Lungenentzündung, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserleseneErkältungskrankheitgehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der —wärmerenJahreszeit vor.Lungenschwindsuchtist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen.Cholerakommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegeneMayo-Krankenhausfür Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454]Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig,dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schonHippocrates, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende RömerCelsus, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456]dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457]genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. UnserRobert Kochhat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdecktenKleinpilz(Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sieschwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom Tausend. (In Deutschland 28.)


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