Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.
Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, — einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.
„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.
Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in demTheehausedes Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156]Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.
Wir befinden uns in demHaupttheaterzuTokyo, der Residenz des Mikado.
Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische — Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinwegumsonstzusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man — Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]
Das Stück beginnt. DenNamen[158]zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159]spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aberwirsind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.
Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160]bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.
Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreibenAllesauf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.
Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er — nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.
Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlaglinksvon der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.
Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!
Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es — nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.
Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.
Der Vorhang — er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161]Er zeigte Riesenblumen im Wasser,nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.
Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.
Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.
Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.
Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162]Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163]folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.
Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist diePolizei. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörderdarfnicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.
Die ganze Scene ist sprachlos.
Harakirinennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.
Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne und höre, dass es wirklich vorbei ist.
Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.
Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese Frage.[164]
EingewisserEinfluss desgriechischenDrama’s auf dasindischeist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nachKlein,[165]gegenWeber] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches geschichtliches Schauspiel vor, dasoffenbar an Ort und Stelleentstanden war.
Jedenfalls hatdas japanische Drama[166]einen nationalenUrsprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisstNo. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.
In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen bekommt.
Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, — alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen (Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.
Es wird gewiss auchinhaltreichereStücke der Art geben; aber ich habe andere nicht gesehen.
DasVolkstheater(Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6–7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, — gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.
Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.
Die beiden grössten Schauspieldichter[167]der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachtendie „Rache der 47 Knappen“[168]auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo dasalte Schopf-Japannoch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig dasheutigeLeben des Völkchens, an denZuschauern, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.
Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.