Kandy.
Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nachKandy.
Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein Fünftel des Gesammt-Einkommens[335]der Colonie.
Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336]undweiter bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, 128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy bis Matale, 22 engl. Meilen.
Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]
(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna vorbereitet.)
Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.
Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.
Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den bevorzugten, ja unvergesslichen.
Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam ausgeglichen, als wennauf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.
Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. (Fort-Station.)
Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338](zweiter Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.
Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da 112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter Classe.[339]
Wir fahren um den See herum nach demHaupt-Halteplatzvon Colombo und von da überMaradana-Anschluss,[340]wo reichlich Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, nordöstlich zurEisenbahnbrückeüber den Kelani-Fluss.
Der erste Theil der Fahrt geht durchebene Gegend, hauptsächlichReisfelder, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu suchen.
Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, 1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.
Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit offen gegen eine Palmenpflanzung.
Reisbauist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür von 1867–1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 Acres,[341]also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342]oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich zugenommen.
John Ferguson, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung derReisbau-Steuer(Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.
Nächst dem Reisbau kommt für die EinheimischenGartenbauin Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.
Sehr zahlreich sind dieHalteplätze, über ein Dutzend. Der Zugbraucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.
Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.
Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für uns ist einErfrischungswageneingeschoben, in dem ein vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.
Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald (Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.
Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im Felsengebirge von Canada geniesst.
Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten schweift, ohne einen Halt zu entdecken.Sensationrockheisst diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.
Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nachQueen’sHotel, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.
Kandy, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343]oder eine Gruppe von drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu Peradenia.
Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.
1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344]und danach geköpft; Kinder derGallas-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit manhöre, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit mansähe, wie die Krokodile sie verschlingen.
Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, inihre Gewalt zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, — schon 1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.
Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.
Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.
Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber der englische Gouverneur, Herr F.North, Earl of Guilford, nahm thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer sowie den Schatten-König ermorden.
Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb aufgeschoben.
Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthauptenund 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.
In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt und — ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem herrscht Frieden im Lande.
Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.
Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.
Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder Buddha-Tempel seine Schule.
Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)
Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, um seine Kinder in England[347]zu erziehen), sagte mir, dass er den Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien geliefert werden.
Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, schliessen jeden Einheimischen aus ihrenClubsaus. Und dabei spotten sie überKasten-Vorurtheile, die übrigens im buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war imPolizeigerichtzu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser Flüstersprache, — wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.[348]Eine verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ — „Kann sie nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. — „Ohnein, dann müsste sie 50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf nicht.“
Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht auf kostenlose Vertheidigung erzählte.
Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein bürgerliches in Bearbeitung.
EinArmen-Gesetzgiebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines neunjährigen Aufenthaltes.
Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.
AlsBuddhabezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt haben. Ihre Vorschriften sindbana, das Wort; ihre Lehredharma, dieWahrheit. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in dasNirwana, einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.
24 Buddha warenvor Gautama, welcher der vierte in der jetzigenKalpaoder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis ein neuer Buddha erscheinen wird.
Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger alsdrei Mal die Insel Ceylon besuchthaben. Der heilige Fussabdruck auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.
Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an seinem Todestage, 543 v. Chr.,Wijayo, der Sohn eines Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete und, nachdem er die Tochter[349]eines einheimischen Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der Singhalesen (Mahawanso) alsYakkhooder Dämonen und alsNagaoder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.
Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen verehrt wird.
Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis auf unsre Tage gekommen sind:
1)Dagobaoder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.
2)Wiharaoder Klöster für die Priester.
3)Chaityaoder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder er liegt in seliger Nirwana.
Aber ich eile zu der Geschichte desheiligen Zahnes. (Dhata datu zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter linker Hundszahn nach Dantapura,[350]der Hauptstadt von Kalinga, gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem Reisebericht des ChinesenFa-Hian, der kurze Zeit darauf nach Ceylon gepilgert.
Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den heiligsten der buddhistischen Welt.
Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger der Portugiesen, als bald danach (1566)zweiheilige Zähne an Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566 angefertigt, ein Stück vergilbtenElfenbeins von 2 Zoll Länge und fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.
In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.
1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, 1818–1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der englischen Regierung den Priestern überliefert.
Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das Gasthaus von demTempel des heiligen Zahnes. Die Gebäude von Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen Portugiesen hatte erbauen lassen.
Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ ganz ungehört verschallen.[351]
In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcherdie grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.
Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.
Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352]welche diesem Zwecke dienen.
Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.
In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch gelegene Priesterwohnungen.
Kandy hat eine reizende Lagean dem Ufer eines stattlichen See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einerniedrigen, zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten gut bewachsene Hügel, von 500–600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit einem Park von Rosenbäumen.
An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus (Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.
Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichenReste des alten Königspalasteszu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.
Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als Bezirksgericht verwendet.
Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in derStadt der Eingeborenen. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die Armen-Pflege ausgiebt.
Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.
Mit demEinspänner, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das Thal und das felsige Bett desMahaweli-Ganga[353]gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.
Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stückjungfräulichen Buschwaldes(Dschungel): undurchdringliches Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün und blumig von unten bis oben.
Am nächsten Nachmittag fuhr ich nachAskyra, auf guter Strasse und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und — Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.
Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. „Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer des Flusses ist einer.“ — „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ — „Wenn du zu Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst,weshalb reisest du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu besichtigen?“
Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind seinen Puppenwagen.
Der schönste Ausflug von Kandy geht nachPeradenia. Eine Zweiglinie derEisenbahnführt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“ dazu, umsiefür den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und Lebensmitteln versorgen.
Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen, welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine grosseThee-Factorei, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein nahm.
Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.
An der Einfahrt zumbotanischenGarten von Peradenia empfing mich freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn Dr.Trimen; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder der Pflanzenwelt.
Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischenGummi-Bäumen(Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und gewaltige Kronen von 50–60 Fuss Durchmesser ausbreiten,während ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt, schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden.
Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe vonPalmen, die kaum ihres Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der InseleinheimischenPalmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf nahezu 1000 gestiegen.)
1) Da ist die schlankeKokospalme(Cocos nucifera), deren walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100 Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18–20 Fuss langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.
2) Die kerzengrade und dünneAreca-Palme(Areca catechu), die bis über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter Fiederblätter, — ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der Hindu-Dichter.
3) DieFächer-oderPalmyra[354]-Palme (Borassus flabelliformis) wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.
4) DieZucker-Palmeoder Kitul (Caryota urens).
5) Die herrlichste aller Palmen ist dieTalipotoder Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlicheinmalaufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.
6) Die Palme des Reisenden[355](Urania speciosa), gehört gar nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren Wurzelnkunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren Riesenfächer dar.
Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon besitzen.
DieKokospalmescheint in Südindien einheimisch zu sein, sie ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten 1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert diehundert nützlichen Anwendungender Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. DieFrüchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart[356]Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357]Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen bringen.)
Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden diePalmyra-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. DiePalmyrapalme liefert ein Viertel der Lebensbedürfnissefür die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einemTamil-Gedichtwerden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes beschrieben.
Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer undSchreibpapierfür die Schriften der Singhalesen.
Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig gemacht, in Streifen (ola) von 2–3 Zoll Breite und 1–3 Fuss Länge geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl als im Bau abweicht.
Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen Bücher sind in Versen abgefasst.
Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in 592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die 550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.
DasfeinsteSchreibpapier wird von dem Blatt derTalipot-Palmegewonnen.
DieZucker-Palmeliefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24 Stunden 100 Pinten[358]Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit dieser Palme bepflanzt.
DieNuss der Areca-Palmehat einen weissen, rothgeäderten Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt desBetel-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas (calcinirten Muschel-) Kalk — chunam — enthält. Als ich im Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so — dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.
Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort nochandere Pflanzenwunder, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das undurchdringliche grüne Dickicht desRiesen-Bambus. Es ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder 1–2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe, — bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.
Von den tropischenFarnbäumenwerde ich bald, bei andrer Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder Orchideen und alle Blumen des Südens.
Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen Vegetation liegt.Schmarda, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.
150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das Denkmal für Dr.Gardnerverdienen besichtigt zu werden. Nach seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also mehr als ganz Deutschland. Dr.Thwaites, der vorletzte Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige Leiter des Garten, Dr.Trimen, hat einen Catalog der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er noch beschäftigt.
Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einerbotanischen Station, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns Prof.Dohrnin’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von ProfessorHäckel, hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst einelandwirthschaftlicheHochschule nach deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzungwissenschaftlicherläutert und dargelegt werden könnten.Praktischkann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen, als auf Ceylon.