Lucknow.
Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für12 Rupien 7 Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 Kilometer in der Stunde.)
Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh gewesen, hegtAjodhya, noch heute mit einem Pracht-Tempel des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, „dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis 645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre 1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre 1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandesvon 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 Einwohner,[485]wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.
Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.
Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von Mohammedanern beherrscht worden.
Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung von Lucknow und sein Sohn, inPelzjackengekleidet. In Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.
Hill’sGrand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern von Indien, aber doch leidlich.
Lucknow(auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es dieHauptstadtvon Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz Indien.[486]Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.
Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an demGumti, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche wirken sollen.
WennHeber, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über Baukunst zu misstrauen.
Fergusson, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in demeinenJahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien durchgängig von schlechtem Geschmack.
Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen derResidenz.
Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai 1857 die Sepoy[487]zu Meerut und am nächsten Morgenzu Delhi die Fahne des Aufruhrs erhoben; begannSir Henry Lawrence, der Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu geblieben, in die Residenz zurück. DieBelagerungbegann am 1. Juli.
Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er zwei Tage später.
Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.
Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (tykhana, eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der Feinde zu überwachen.
Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 Eingeborene vermindert.
Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischenumzingelt. Erst am 16. November drangSir Colin Campbellnach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach Cawnpur, zurückgelassen und schlugalle Angriffe der Belagerer zurück, bisCampbellam 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem andern eroberte. Mit derZurückeroberung von Lucknowwar der gefährliche Aufstand niedergeworfen.
Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil der Wunden, die das Gemäuer erlitten.
Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht. Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und Frauen ruhen, darunter auch SirHenry Lawrence. In der Nähe steht auf einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind.
Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.
Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.
Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habestUns hier liegen gesehn,wie das Gesetz es gebeut.Herodot, VII, 228.
Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habestUns hier liegen gesehn,wie das Gesetz es gebeut.Herodot, VII, 228.
Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habestUns hier liegen gesehn,wie das Gesetz es gebeut.
Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn,wie das Gesetz es gebeut.
Herodot, VII, 228.
Herodot, VII, 228.
Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300 Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die Uebermacht der Perser gefallen waren.
Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nurdie Pflichtdes Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von Lawrence:
Here lies
Henry Lawrence
Who tried to do his duty.
Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen vergeblich versucht, — das ist den Engländern vollständig gelungen: mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart haben, nachHunter, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4) Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes. Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744 Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und derbengalischen Handelsgesellschaft1753 seinen königlichen Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk, broke or destroyed.“[488]
Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte, so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischerVormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen Einverleibung reif geworden.
Die Engländer rühmen sich ihrerVerwaltung. Im Jahre 1858, nach der blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf 5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta — für vier Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489]Verantwortlich ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets. Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath (Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die Engländer sagen, einesconstitutionellenHerrschers, so ist das nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath, worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben. Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen Kaiserreiches.[490]
Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.) Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen: 1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, inAngelegenheiten, die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen. Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon (Vicekönig von 1881–1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht verlangen, welches die Briten geniessen.
Ueber dieProvinzverwaltungmöchte ich nicht ausführlicher sprechen. Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der —Collectorist. Vor allem hat er dieEinkünftefür die Regierung zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es giebt 250 Bezirke;durchschnittlichbeträgt die Grösse derselben 859 englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.
Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert dieLand-Taxe. Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde; nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite gestellt. Die Mogul nahmenein Drittelund bestellten Steuer-Pächter (zamindar).Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die Bürde der Bauern nicht erleichtert.Im Gegentheil geriethen die letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden, verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren 1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491]Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492]Im Ganzen bringt das Land an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich erhielten.Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen (Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; einViertel davon ist in England zu zahlen. Die Schulden betragen Rx 207 Millionen.Der Cursverlustan £ 15000000,die in England zu zahlen waren,betrug1890/91gegenRx 5087000oder75Millionen Mark. Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen 150000 Polizisten.
Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug 1890/91 an Rx 196 Millionen.Die Ausfuhr überwiegt, und zwar um jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, das letzte Drittel deckt dieHome-Charges. (Gehälter, Pensionen, Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittelvon den Hindu gespartwird, wieHuntermeint, oder von den Engländern in Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen sei.
So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien zieht.[494]
Is that not a wonderful job, our India?Das fragte mich der gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt keine einträgliche und verantwortliche Stelle.
Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse, Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend besetzt.
Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet und Europa in Frieden lässt.
Zu den sonstigenSehenswürdigkeitenvon Lucknow gehören hauptsächlich die Paläste der früheren Herrscher:
1)Kaiser Bagh, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren Einrichtung 80 lakh[495]Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss getüncht, — so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.
Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.
2)Chatr Manzil, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes Zimmer erhalten können.
Gegenüber ist einMuseum, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt, nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche Sammlungen aus den drei Reichen.
3)Muchi Bhawan, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“ von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern, die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder hergestellt worden.
Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt der Zinnen gekrönt.
Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch, entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.
Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude,Imambaraoder Haus des Propheten genannt[496]„das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.
Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £. Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten) geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.
4)Hoseïnabad Imambaraoder Licht-Palast des Propheten, den Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber geschmacklos.
Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen. Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter, bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem Silber.
5) Die beiden sehr belebtenBazareder Stadt zeigen uns Silber-, Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und Pfeifen,[497]sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die Behörden verboten ist.
6) DasCantonmentist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und Geschäfte, sowie unser Gasthaus.
Eine hübsche Parkanlage (Wingfield Park) giebt Gelegenheit zu Spazier-Gängen und -Fahrten.
7)Dilkusha, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.
8)Sikandara Bagh, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment (Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet niedergemacht.
9) DieMartinièreist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh ihr Glück machten.
Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuserund Paläste, pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.
Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig wurde.
Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.
Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.