Erstes Kapitel. — Menstruation oder monatliche Reinigung.
Ehe wir darüber reden, auf welche Weise Störungen in der Menstruation zu behandeln seien, sollten wir uns klar darüber werden. 1) Was man unter Menstruation versteht. 2) Durch welche Ursachen dieselbe erzeugt wird. 3) Welchen Zweck sie im weiblichen Organismus hat. Vielleicht wird keine körperliche Funktion von den Frauen weniger verstanden als diese. Sie können zwar angeben, wie oft die Menstruation eintritt und wie lange sie währt, aber über die Ursache sind die meisten im Unklaren, worüber man sich nicht zu wundern hat, wenn man bedenkt, daß selbst die Aerzte darüber in früherer Zeit im Dunkeln waren und erst neuerdings zum vollen Verständniß kamen. Seit Alters bis auf unsere Tage wurden zahllose Theorien aufgestellt; jede derselben aber mußte der in ihr enthaltenen Widersprüche wegen wieder aufgegeben werden; bis man zuletzt zu einer klaren, unzweifelhaften Anschauung gekommen ist. Unter den Alten herrschte bezüglich der Menstruation viel Aberglauben. Weil sie regelmäßig jeden Monat eintritt, so nahm man an, daß der Einfluß des Mondes dieselbe regulire. Daß diese Behauptung durchaus nicht stichhaltig ist, liegt auf der Hand, denn wäre auch nur einige Wahrheit daran, so müßten alle Frauen eines Erdtheils wenigstens zugleich menstruiren. Professor E. G. Meigs von Philadelphia hat sich um die Darstellung der Ursachen dieser eigenthümlichen Funktion große Verdienste erworben, und ihm sind wir für die in diesem Artikel niedergelegten Thatsachen und Beobachtungen zum Dank verpflichtet.
„Omne vivum ex ovo,“ (alles Lebendige entspringt aus einem Ei oder Keim), dies ist das allgemein gültige Zeugungsgesetz, welches sich sowohl in der Pflanzen- als Thierwelt bewährt. Die stämmige Eiche, die der Eichel entsprost, das Welschkorn, das aus dem Korn hervorwächst, das Rothkehlchen und der Elephant — alle entstehen aus Keimen und beweisen die Wahrheit des obigen Satzes. Jeder Same und jedes Ei enthält einen Keim, welcher, wenn auf die rechte Weise beeinflußt, seinesgleichen erzeugen wird. So klar diese Thatsache ist, frägt es sich nun, wo diese Keime ihren Ursprung haben. Es steht fest, daß jedes Thier und jede Pflanze mit einem Organ zur Erzeugung und Abwerfung dieser Zellen und Keime versehen ist. Dieses Organ ist bei den Frauen das Ovarium (Eierstock) und zwar gibt es derselben zwei. Es sind kleine, länglich-runde Körper, etwa einen Zoll lang, ein wenig über einen halben Zoll breit und einen drittel Zoll dick. Manchmal mag die Größe der Ovarien von der hier angegebenen abweichen, wird aber meistens zutreffen. Jeder dieser Eierstöcke ist etwa einen Zoll vom oberen Theil der Gebärmutter mittelst eines Bandes befestigt und die physiologische Funktion derselben ist, das Ei zu „reifen“ und alle achtundzwanzig Tage abzusondern, und zwar geschieht dies vom fünfzehnten bis fünfundvierzigsten Jahre und wird nur während der Schwangerschaft und des Säugens, und oft auch dann nicht, unterbrochen; denn in vielen Fällen haben Frauen, während sie schwanger waren, regelmäßig menstruirt, und bei einer großen Anzahl derselben wird durch Säugung die Menstruation gar nicht gestört. Während der Zeitigung oder dem Reifwerden des Eis bis zur Absonderung desselben in die Scheide (Tube), durch welche es in die Gebärmutter gelangt, sind die Geschlechtsorgane mehr oder weniger angeschwollen (congested) und haben das Ansehen, als ob sie entzündet seien. Diese Anhäufung (Congestion) wird endlich so bedeutend, daß ein Blutausfluß aus den Zeugungstheilen (Genitalia) dadurch entsteht. Sobald der Ausfluß beginnt, läßt die Hitze und das Jucken in der Nähe der Eierstöcke und das schwere Gefühl nach und verschwindet allmählig. Somit ist die Menstruation nichts anderes als die Zeitigung und Absonderung des Ei’s, welches, wenn es nicht geschwängert wird, durch den von den Gefäßen der Gebärmutter herrührenden Blutausfluß abgeführt wird. Hieraus geht auch hervor, daß eine Frau nur während oder nahe zur Zeit derMenstruation schwanger werden kann. Die Regelmäßigkeit, mit der diese Funktion vor sich geht, war immer Veranlassung zur Verwunderung. Aber weshalb? Um uns blickend gewahren wir, daß die Pflanzen- und Thierwelt festgesetzte Zeiten zur Keimerzeugung hat. Dies ist ein Naturgesetz, und weshalb sollte nicht auch das Weib dasselbe auszuführen haben? Da wir nun gezeigt haben, daß die Menstruation in der Zeitigung und Absonderung eines Eis besteht, wovon der Blutausfluß nur das äußerliche Zeichen ist, so ist es möglich, daß eine Frau regelmäßig jeden Monat menstruiren kann, ohne diese Kundgebung, nämlich den Blutausfluß. Dieses zu beweisen, können viele Fälle angeführt werden, wo Frauen geheirathet haben und schwanger wurden, ohne daß das geringste Zeichen des Blutausflusses sich bei ihnen gezeigt hätte; aber ihre Schwangerschaft wäre ohne Menstruation nicht möglich geworden. So mag eine sonst regelmäßig menstruirende Frau mehrere Kinder bekommen, ohne daß sich in der Zwischenzeit die monatliche Reinigung zeigt; was man dahin erklären kann, daß sie während der Säugung ihres ersten Kindes schwanger und nach der Geburt des zweiten wieder Mutter wurde, und so fort, bis sie nicht mehr geschwängert von nun an regelmäßig menstruirt. Wie schon oben bemerkt, tritt in diesem Lande die Menstruation im vierzehnten oder fünfzehnten Jahre ein; in wärmeren Ländern früher, in kälteren später. Menstruation, monatliche Reinigung, Regel, Katamenien, monatliche Periode und Unwohlsein, dies sind welche der zur Bezeichnung dieser Funktion gebräuchlichen Ausdrücke. Bei denjenigen Mädchen, die in Ueppigkeit aufwachsen und deren sittliche und körperliche Erziehung der Art ist und war, daß das Nervensystem dadurch empfindsam wird, tritt die „Monatsregel“ viel bälder ein, als bei denen, die an Hausmannskost und Arbeitsamkeit gewohnt sind. Zeigt sich die Menstruation vor dem vierzehnten Jahr, so wird dies als ein schlimmes Anzeichen betrachtet und deutet auf zu frühe Reife der Organe, während das Eintreten der monatlichen Reinigung nach dem sechzehnten Jahr von allgemeiner Schwäche oder von Störung in den Zeugungsorganen zeugt. Ist jedoch die betreffende Person gesund und alle ihre anderen Funktionen sind regelmäßig, ist sie froh, geistesmunter und nicht trüb- oder schwachsinnig, so sollte man nichts zur Herbeiführung der Menstruation unternehmen, indem durch angewandte Mittel unverbesserlicher Schadenherbeigeführt werden kann. Wenn die Monatsreinigung zum erstenmal eintritt, so zeigt sich dies gewöhnlich durch folgende Symptome an: Kopfweh, Gefühl von Schwere, Mattigkeit, Schmerz im Rücken und den Lenden und Unlust zur Arbeit. Die Hautfarbe ist eigenthümlich dunkel, namentlich unter den Augen, und zeitweilig verspürt die Betreffende ein Gefühl der Unruhe und des Verstopftseins im Halse. Die Ausdünstung hat einen kränkelnden Geruch und der Geruch des Athems ist eigenthümlich. Die Brüste sind erweitert, weich und empfindsam. Bezüglich der Speisen ist die Betreffende wählerisch und launig und die Verdauung ist gestört. Diese Symptome währen einen, zwei, drei Tage und verschwinden mit dem Eintreten der Menstruation. Die Monatsreinigung dauert drei, fünf oder sieben Tage, je nach der Körperorganisation der Frau. Ebenso ist die Quantität des ausgesonderten Blutes verschieden bei verschiedenen Frauen. Im Alter von etwa fünfundvierzig Jahren hört die Menstruation auf, und dies ist die Periode, vor welcher sich die Frauen gewöhnlich fürchten. Manchmal hält man die alsdann eintretenden Symptome, als da sind: Uebelkeit, launiger Appetit, Anschwellen und Schmerzen in den Brüsten für Anzeichen der Schwangerschaft. Die Veränderung tritt allmählig ein. Der Blutausfluß mag sich alle zwei bis drei Wochen einstellen, sodann zwei oder mehr Monate ausbleiben, darnach mehrere Monate so regelmäßig als je wiederkehren und endlich ganz aufhören. Während der Menstruation ist der Organismus, namentlich der jüngeren Personen, geistigen und physischen Einflüssen mehr zugänglich als sonst. Auf die regelmäßige und gesunde Verrichtung dieser Funktion kommt sehr viel an, denn ihr dankt die Frau ihre weibliche Schönheit und Vollkommenheit; deshalb sollte man sehr vorsichtig sein, daß die Menstruation nicht gestört wird. Eine plötzliche Unterdrückung derselben ist immer gefährlich, und unter den Ursachen, durch welche solche hervorgerufen wird, sind zu nennen: Plötzliche Furcht, Aerger, große Besorgniß und mächtige Gemütsbewegungen. Uebermäßige Anstrengung, lange Spaziergänge oder Fahrten, namentlich über rauhe Wege, Tanzen, vieles Stiegenauf- und ablaufen, veranlassen nicht blos vermehrten Ausfluß, sondern oft auch Vorfall der Gebärmutter. Patentmedizinen und Geheimmittel, die gegen Frauenkrankheiten empfohlen werden, Abführungs- und Brechmittel, sowie Liquöre mögen den Ausfluß vermehren oder demselben Einhaltthun. Ebenso schädlich sind während der „Periode“ kalte und warme Bäder, Fußbäder und Naßwerden der Füße, indem man dünnbesohlte Schuhe trägt. Eine junge Dame, die, weil sie gerne während ihres Unwohlseins auf den Ball gehen möchte, ein „Hüftbad“ nimmt, begeht eine wahnsinnige Handlung. Welch Elend kann angerichtet werden; wie viele Schmerzen bereiten sich solche Thörinnen! Behandlung ist während der Monatsreinigung nicht nöthig, es seien denn gewisse Störungen eingetreten, worüber wir uns in dem Folgenden aussprechen werden.