Weidende ZiegenWeidende Ziegen
Weidende Ziegen
Es ist noch gar nicht solange her, daß man auf dem Tempelhofer Felde, das damals noch gänzlich unbebaut war, eine wirkliche Schafherde mit Schäfer und Hund beobachten konnte. Wie oft habe ich ihnen zugeschaut, wobei ich besonders aufpaßte, ob sie bei der Heimkehr glücklich über die Eisenbahngleise der Ringbahn kommen würden.
Stand man bei der Herde, so war es gewöhnlich das gleiche Bild: Fressen und Blöken und sich dabei etwas vorwärts schieben.
In Ermangelung einer ganzen Herde müssen wir uns damit begnügen, uns das Schaf eines Bekannten, ein ostfriesisches Milchschaf, anzusehen, das dieser uns bereitwilligst zur Besichtigung vorgeführt hat.
Geistreich kann man beim besten Willen das Gesicht eines Schafes nicht nennen, eher das Gegenteil davon. Man kann sich nicht darüber wundern, daß man recht dumme Leute als Schafe bezeichnet.
Aber es wäre doch ein großes Unglück, wenn plötzlich alle Schafe mit ihren dummen Gesichtern verschwänden. Dann hätten wir ja noch weniger Wolle, als es ohnehin schon der Fall ist.
Ueberdies werden wir sehen, daß es mit der Dummheit der Schafe nicht so schlimm bestellt ist. Dieses einzelne Schaf, das wir vor uns haben, blökt nicht. Daraus ersehen wir, daß das anhaltende Blöken doch nicht so furchtbar töricht sein kann, wie die Leute es immer hinstellen.
In der Tat ist der Mensch furchtbar ungerecht gegen die Tiere. Bei den Vögeln, die genau dasselbe tun, wie die Schafe, findet er es wunderschön. Fliegen zum Beispiel Meiseneltern mit ihren zahlreichen Jungen von Baum zu Baum, so hört das feine Zurufen gar nicht auf. Das gleiche beobachten wir bei Meisenschwärmen überhaupt. Wir verstehen vollkommen, daß diese kleinen Tierchen sich im Gewirr der Blätter oder Nadeln leicht aus den Augen kommen können. Da sie sich nur in Gesellschaft wohlfühlen, so ergeht fortwährend der Zuruf: Bist du auch noch da?
Wenn Tiere mit sehr scharfen Augen bereits eine Prüfung brauchen, ob sie sich nicht verloren haben, so ist sie erst recht bei Tieren mit schlechten Augen angebracht. Eine Wildsau, eine sogenannte Bache, die ihre Jungen führt, muß grunzen, damit die kleine Schar weiß, wo sie ihre Mutter findet. Mit ihren schwachen Augen würden sie sich ohne das Gegrunze sehr oft verirren, wenngleich die feine Nase schließlich für die Rückkehr sorgen würde. In der Zwischenzeit kann aber viel Unheil geschehen. Da kann der Fuchs sich schon einen Frischling als Braten geholt haben.
Schweine grunzen also, weil dadurch ein Zusammenhang der Herde gewährleistet wird. Aus demselben Grunde blöken auch die Schafe. Die Schweine können sich in den Niederungen und im Gebüsch leicht aus den Augen verlieren. Die Schafe im Gebirge ebenso leicht. Denn die Stammeltern unserer Hausschafe sind Wildschafe. Wir sind uns zwar noch nicht ganz einig darüber, welche bestimmte Art als solche bezeichnet werden soll. Aber alle Wildschafe haben das gemeinsam, daß sie im Gebirge leben.
Da Ziege und Schaf beide im Gebirge leben, so müßte man eigentlich meinen, daß sie beide ganz gleich aussehen müßten. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben schon früher erklärt, weshalb die weibliche Ziege gehörnt ist, das weibliche Schaf nicht.
Auf dieselbe Verschiedenheit der Lebensweise sind auch die Verschiedenheiten des Aussehens von Ziege und Schaf zurückzuführen.
Wir werden uns später den Mufflonbock im Berliner Zoologischen Garten ansehen. Er gehört sicherlich zu den Vorfahren mancher unserer Hausschafrassen. Noch heute lebt er in den unzugänglichen Gebirgen von Sardinien und Korsika. Schon jetzt möchte ich vorgreifen und mitteilen, daß der Bock halbmondförmige, nach hinten gekrümmte Hörner, keinen Bart und ein fast fuchsrotes Fell besitzt. Die Ziege hat dagegen einen Bart, ein mehr graubräunliches Fell und mehr aufrecht stehende Hörner.
Da in Deutschland an verschiedenen Stellen Mufflons ausgesetzt sind, so sind wir jetzt über ihre Lebensweise ziemlich unterrichtet. Hiernach halten sich die Wildschafe, wie schon erwähnt wurde, hauptsächlich im Walde auf. Auch haben sie eine besondere Vorliebe dafür, enge Durchlässe zu durchkriechen.
Um durch enge, niedrige Lücken zu gelangen, müssen die Hörner gebogen sein. Ziegenböcke kriechen nicht durch solche Oeffnungen. Deshalb stehen ihre Hörner ziemlich senkrecht.
Beim Durchkriechen würde ein Bart sehr hinderlich sein. Ueberhaupt ist ein langer Haarwuchs im Walde von Uebel. Wir wissen, daß Absalon mit seinem mächtigen Haarwuchs an einem Baume hängen blieb und getötet wurde. Deshalb hat auch der Tiger, der im Walde lebt, keine Mähne, während sie der Löwe, der in der baumleeren Steppe haust, besitzt.
Zu dem Walde paßt die fuchsrötliche Färbung des Mufflons, da sie mit dem vermoderten Laub übereinstimmt. Eine solche Färbung haben auch Hirsch und Reh. Dagegen hat die Bezoarziege mehr die Färbung des bräunlichen Gesteins.
An dem vor uns stehenden Schaf beobachten wir, daß es Tränendrüsen hat. Warum fehlen sie der Ziege?
Die Tränendrüsen werden an Baumstämmen gerieben. Da das Schaf eine feine Nase, aber ein schwaches Gesicht hat, so merken Schafe, die einen fremden Wald betreten, sofort, daß andere Schafe in ihmweiden. Sie riechen nämlich die an den Baumstämmen abgewischten Ausscheidungen der Tränendrüsen.
Die Ziege lebt in baumloser Gegend. Für sie sind also Tränendrüsen ganz zwecklos. Außerdem sind bei ihr die Augen besser entwickelt, wofür ihre Nase nicht so fein ist, wie die des Schafes. Beim Springen von Klippe zu Klippe sind für sie gute Augen von großem Vorteil. Die Ziege gleicht also in diesem Punkte dem Windhund, der ebenfalls ein ziemlich scharfes Gesicht, dafür aber auch eine weniger gute Nase hat.
Als ein Beweis ihrer furchtbaren Dummheit ist es stets angesehen worden, daß die Schafe blindlings ihrem Leithammel folgen. Stürzt er vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet, über Bord, so finden alle übrigen ebenfalls den Tod in den Wellen.
In Wirklichkeit beweist diese Eigentümlichkeit sehr wenig. Das Schaf tut nur das, was seine Vorfahren seit Urzeiten getan haben. Wildschafe folgen dem leitenden Widder und tun wohl daran. Er hat die freieste Aussicht, und die Stellen, die ihn tragen, halten sicherlich auch das Gewicht der andern Mitglieder des Rudels aus. Deshalb ist es das Klügste, was ein Wildschaf tun kann, daß es sich nach dem Vordermann richtet. Genau ebenso handeln Affen- und Elefantenherden. Der Affe weiß, daß der Ast, der den Leitaffen getragen hat, nicht brechen wird, wenn er auf ihn springt. Wollten Wildschafe, Affen und Elefanten anders handeln, beispielsweise bei einer rasenden Flucht ihre eigenen Wege gehen, so würden sie bald verunglücken.
Deshalb tritt auch der kluge Mensch bei schwierigen Gebirgswanderungen in die Fußstapfen seines Führers.
Die Dummheit des Schafes besteht also lediglich darin, daß es etwas, was im Gebirge sehr zweckmäßig ist, auf die Ebene überträgt, wo es ganz sinnlos ist. Aber tut der kluge Hund nicht genau dasselbe? Will er nicht seinen Unrat in dem steinharten Bürgersteig verscharren?
Schauen wir unserm Schaf in die Augen, so leuchtet die größte Angst aus ihnen hervor. Aber ist das eigentlich wunderbar?
Vom Hasen gibt es ein Gedicht, worin alle seine Feinde aufgezählt werden, die ihn alle gern fressen möchten. Beim Wildschafe liegt die Sache nicht viel anders. Seine Feinde sind Wölfe, Luchse, Bären und Lämmergeier. Seine Jungen werden vom Adler bedroht. Der Hauptfeind ist natürlich der Mensch.
Gegen alle seine Feinde besitzt es nur eine Waffe – die Flucht ins Gebirge. Diese Verteidigungsart haben wir ihm geraubt, indem wir es in die ebene Gegend gebracht haben.
Wie soll ein Tier nicht ängstlich sein, dem wir seinen letzten Zufluchtsort geraubt haben, und das aus Erfahrung weiß, wieviele Feinde es hat?
Die anderen Dummheiten, die man dem Schafe vorwirft, werden auch von andern Haustieren gemacht. Es rennt in den brennenden Stall zurück, weil ihm nur bei der Herde wohl ist. Das tun auch, wie wir wissen, die klugen Pferde.
Das Pferd schweigt, wenn es den Todesstich erhält. Er wird deswegen von Dichtern als edles Tier gefeiert, obwohl das damit nicht das mindeste zu tun hat. Das Schaf, das ebenfalls schweigend stirbt, wird dagegen von den Dichtern nicht gefeiert. Es wird überall verschieden gemessen.
Schießt der Jäger auf eine wildernde Katze, so faucht sie höchstens, schießt er auf einen wildernden Hund, so heult er. Alle Tiere, die sich beistehen, geben bei schweren Verwundungen Schmerzensschreie von sich (vgl. Kap.58). Da Katzen, Pferde, Ziegen, Schafe usw. sich nicht beistehen, so sterben sie lautlos. Der einzeln lebende Keiler erhält stumm die Todeswunde, dagegen schreien die einzelnen Mitglieder eines Wildschweinrudels, weil sie sich gegenseitig beistehen.
Nicht die Dummheit der Schafe bereitet uns Menschen soviel Aerger, sondern die aus früheren Zeiten vererbten Eigentümlichkeiten. Sachlich ist das natürlich kein großer Unterschied. Es lehrt uns aber, milder über ein Tier zu denken.
Ueber die Not, die Schafe und Hirten in Süd-Rußland bei Schneestürmen erleiden, teilte ein alter Hirt einem deutschen Reisenden folgende Tatsache mit: »Wir weideten in der Steppe von Otschakow, unser sieben, an 2000 Schafe und 150 Ziegen. Es war gerade zum erstenmal, daß wir austrieben, im März. Das Wetter war freundlich und es gab schon frisches Gras. Gegen Abend aber fing es an zu regnen, und es erhob sich ein kalter Wind. Bald verwandelte sich der Regen in Schnee, es wurde kälter, unsere Kleider starrten, und einige Stunden nach Sonnenuntergang stürmte und brauste der Wind aus Nordosten, so daß uns Hören und Sehen verging. Wir befanden uns nur in geringer Entfernung von Stall und Wohnung und versuchten es, die Behausung zu erreichen. Der Wind hatte indessen die Schafe bereits in Bewegung gesetzt und trieb sie immer mehr von der Wohnung ab. Wir wollten nun die Geißböcke, denen die Herde zu folgen gewohnt ist, zum Wenden bringen, aber so mutig dieses Tier bei allen anderen Ereignissen ist, so sehr fürchtet es die kalten Stürme. Wir rannten auf und ab, schlugen und trieben zurück und stemmten uns gegen Sturm und Herde, aber die Schafe drängten und drückten aufeinander und der Knäuel wälzte sich unaufhaltsam die ganze Nacht weiter und weiter fort. Als der Morgen kam, sahen wir nichts als rund um uns her lauter Schnee und finstere Sturmwüste. Am Tage blies der Sturm nicht minder wütend, und die Herde ging fast noch rascher vorwärts als in der Nacht, wo sie von der dicken Finsternis noch mitunter gehemmt ward. Wir überließen uns nun unserem Schicksal, es ging im Geschwindschritt fort, wir selber voran, das Schafgetrappel blökend und schreiend, die Ochsen mit dem Proviantwagen im Trabe und die Rotte unserer Hunde heulend hinterdrein. Die Ziegen verschwanden uns noch an diesem Tage, überall war unser Weg mit dem tot zurückbleibenden Vieh bestreut. Gegen Abend ging es etwas gemacher, denn die Schafe wurden vom Hungern und Laufen matter. Allein leider sanken auch zugleich uns die Kräfte. Zwei von uns erklärten sich krank und verkrochen sich im Vorratswagen unter den Pelzen. Es wurde Nacht, und wir entdeckten noch immer nirgends ein rettendes Gehöft oder Dorf. In dieser Nacht ging es uns noch schlimmer als in der vorigen, und da wir wußten, daß der Sturm uns gerade auf die schroffe Küste des Meeres zutrieb, so erwarteten wir alle Augenblicke, mitsamt unserem dummen Vieh ins Meer hinabzustürzen. Es erkrankte noch einer von unseren Leuten. Als es Tag wurde, sahen wir einige Häuser uns zur Seite aus dem Schneenebel hervorblicken. Allein obgleich sie uns ganz nahe waren, höchstens 30 Schritte vom äußersten Flügel unserer Herde, so kehrten sich doch unsere dummen Tiere an gar nichts und hielten immer den ihnen vom Winde vorgezeichneten Strich. Mit den Schafen ringend verloren wir endlich selber die Gelegenheit, zu den Häusern zu gelangen; so ganz waren wir in der Gewalt des wütenden Sturmes. Wir sahen die Häuser verschwinden und wären, so nahe der Rettung, doch noch verloren gewesen, wenn nicht das Geheul unserer Hunde die Leute aufmerksam gemacht hätte. Es waren deutsche Kolonisten, und der, welcher unsere Not zuerst entdeckte, schlug sogleich bei seinen Nachbarn und Knechten Alarm. Diese warfen sich nun, 15 Mann an der Zahl, mit frischer Gewalt unseren Schafen entgegen und zogen und schleppten sie, uns und unsere Kranken allmählich in ihre Häuser und Höfe. Unterwegs waren uns alle Ziegen und 500 Schafe verlorengegangen. Aber in dem Gehöfte gingen uns auch noch viele zugrunde, denn sowie die Tiere den Schutz gewahrten, den ihnen die Häuser und Strohhaufen gewährten, krochen sie mit wahnsinniger Wut zusammen, drängten, drückten und klebten sich in erstickenden Haufen aneinander, als wenn der Sturmteufel noch hinter ihnen säße. Wir selber dankten Gott und den guten Deutschen für unsere Rettung; denn kaum eine halbe Viertelstunde hinter dem gastfreundlichen Hause ging es 20 Klaftern tief zum Meere hinab.«
Weil die Schafe vom Gebirge in die Ebene gebracht worden sind, die ihnen gar nicht naturgemäß ist, und in der sie sich wie sinnlos benehmen, deshalb ist ein schnellfüßiger Gehilfe für den Schäfer eine Notwendigkeit.
Der Hund ist dazu wie geschaffen, weil er, wie wir wissen, von Vorfahren stammt, denen das Umkreisen der Pflanzenfresser etwas Geläufiges war.
Es gibt zahlreiche, gut verbürgte Geschichten, wonach Schäferhunde unersetzliche Dienste geleistet haben. Folgende scheint mir der Anführung wert zu sein, da sie von einem ganz unparteiischen Eisenbahnbeamten bestätigt worden ist. Der Schäfer hatte über den Durst getrunken undschlief ganz fest. Die Herde ging heimwärts und kam dabei an das Bahngleise. In diesem Augenblick brauste der Schnellzug heran. Der Bahnwärter glaubte, daß wenigstens die halbe Herde zermalmt werden würde. Doch der Schäferhund lief eiligst zum Gleise und duldete nicht, daß ein Schaf sich ihm näherte. Erst dann führte er die Herde über das Gleis zum heimischen Stall.
In unserem Zoologischen Garten befindet sich seit Jahren ein Mufflonbock mit mächtigem Gehörn. Wir wollen uns diesen etwas näher betrachten.
Die Verwandtschaft mit unserm Hausschaf ist, wenn man von seinem Hörnerschmuck absieht, unverkennbar. Das Weibchen hat jetzt ein Junges, das nach der Tafel am 22. März geboren worden ist. Da wir Anfang Juni schreiben, so ist es fast drei Monate alt.
Mutter und Kind erinnern sehr an unser Hausschaf, wenn es ein Lamm bei sich hat. Namentlich das häufige Mähen trägt zur Uebereinstimmung bei. Aber das Mufflonjunge, das auf einem Felsen steht, sieht naturgemäß aus, was man von unsern Lämmlein nicht immer sagen kann.
Nachdem ich an Mufflons, die bei uns ausgesetzt worden sind, z. B. denen bei Dresden, festgestellt hatte, daß sie gern Roßkastanien fraßen, habe ich auch vor Jahren dem Berliner Bock eine angeboten. Er war ganz wild danach. So zurückhaltend er sonst ist, so kam er oben vom Felsen hastig angelaufen, sobald ich nur mit einer Kastanie an das Gitter klopfte. Als ich diese Leidenschaft für Kastanien bei den Wildschafen entdeckt hatte, versuchte ich die Fütterung auch bei Hausschafen und Ziegen. Beide waren ebenfalls ganz wild danach. Schweine dagegen haben sie, wie schon erwähnt wurde, abgelehnt.
Auf die Fütterung mit Kastanien kam ich folgendermaßen. Die Roßkastanie stammt aus den Gebirgsländern des Mittelländischen Meeres. Gerade im Gebirge dieses Meeres sind die Mufflons heimisch. Folglich spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie ein passendes Futter sind.
Die Kastanien brauchen bei Schafen und Ziegen nicht entbittert zu werden. Der Geschmack des Menschen ist nicht der gleiche wie der von den Tieren. Der Hase frißt ja fast nur Bitterstoffe. Es würden lauter Gift- und Bitterpflanzen bei uns wachsen, wenn diese nicht auch in der Tierwelt Liebhaber fänden.
An Lämmer aber soll man keine Kastanien verfüttern. Wenn die Kastanien reif sind, dann gibt es keine Mufflonlämmer, sondern diese sind dann schon fast ausgewachsen.
Die Mufflons stehen im Winter unter Nadelhölzern. Hiernach sind Kiefernadeln, an denen wir einen unendlichen Ueberfluß haben, im Winter ein sehr naturgemäßes Futter für Hausschafe.
Man teilt die Schafe verschieden ein. Nach dem Haarwuchs gibt es folgende Rassen: 1. Haarschafe; 2. Mischwollschafe, zu denen die Heidschnucken in der Lüneburger Heide gehören, ebenso das ostfriesische Milchschaf und pommersche Landschafe, wenngleich zu verschiedenen Unterabteilungen; 3. Schlichtwollschafe, zu denen das Rhönschaf und andere Schafrassen in Mitteldeutschland gehören; 4. Merinoschafe, die seit 150 Jahren aus Spanien in Deutschland eingeführt worden sind. Man unterscheidet bei ihnen das Elektoralschaf, Negrettischaf, schließlich das französische und deutsche Kammwollschaf.
Die Engländer haben auch auf dem Gebiete der Schafzucht Hervorragendes geleistet. Durch sie ist das Hammelfleisch wohlschmeckend und fett geworden, was es früher nicht war. Von ihren Rassen sei erwähnt das Leicesterschaf, die Southdowns usw.
Trotzdem man von Niederungs- und Höhenschafen spricht, so stammen auch die Niederungsschafe aus Gebirgen. Und zwar lebten sie an den üppigen Ufern der Gebirgsflüsse.
Die Niederungsschafe, wie das von uns vorgeführte ostfriesische Milchschaf, verlangen daher üppige Weiden. Dafür liefern sie viel Milch und sind sehr fruchtbar.
Sonst sind die Schafe Magerfresser, die bei zu kräftigem Futter leicht erkranken.
Vor 60 Jahren gab es in Preußen etwa 16 Millionen Einwohner und fast genau so viel Schafe. Bei Ausbruch des Krieges hatte das Deutsche Reich gegen 70 Millionen Bewohner und nur 5 Millionen Schafe.
Die Schafzucht ist also ungeheuer gesunken. Früher hatten wir ausgedehnte Weidegründe, die jetzt fehlen.
Das Schaf gehört wie die Ziege zu den paarzehigen Horntieren. Es ist schon vor Ablauf des ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähig. Die Tragzeit beträgt etwa 5 Monate. Es kann bis zu 15 Jahre alt werden.
Es ist vielen Krankheiten ausgesetzt. Namentlich leidet es darunter, daß es aus trockenen Höhen vielfach in nasse Niederungen versetzt worden ist. Es stellen sich dann Moderhinke, Regenfäule und ähnliche Krankheiten ein. Auf nassen Weiden bekommt es Bandwürmer, welche die bekannte Drehkrankheit hervorrufen. Diese Bandwürmer stammen vom Unrat des Hundes, weshalb bei Schäferhunden eine Bandwurmkur notwendig ist.
Es gibt Wollschafe und Fleischschafe, da man entweder auf Wolle oder Fleisch züchtet. Doch hat man neuerdings Schafe gezüchtet, die eine Art Mittelstellung einnehmen.
Früher war der Gewinn an Wolle maßgebend. Man scheert entweder einmal oder zweimal im Jahre. Man teilt die Wolle ein in Elekta-, Prima-, Sekunda- und Tertiawolle.
Bereits erörtert wurden die Redensarten: dumm wie ein Schaf, Schafsgesicht, wo ein Schaf vorgeht, da folgen die andern nach.
Es wären noch zu erwähnen:
Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall.
Das ist eine Erfahrung, die bei der geduldigen und sanften Gemütsart des Schafes nicht auffallend ist.
Sein Schäfchen ins Trockene bringen.
Wer gesehen hat, mit welcher Eile der Schäfer seine Schafe bei einem herannahenden Gewitter in den Stall bringt und wie froh er ist, wenn ihm sein Vorhaben gelungen ist, dem ist die Redensart ganz einleuchtend. Sie ähnelt der Redensart: Sein Heu rein oder rin haben, d. h. ebenfalls sein Heu geborgen haben, ohne daß es naß geworden ist.
Den Schafen wie dem Heu ist Nässe sehr nachteilig.
Auch Grimms Wörterbuch teilt die vorstehende Ansicht und lehnt die Erklärung aus dem Holländischen: sein schepke = Schiff ins Trockene bringen, ab, zumal die Redensart bei uns viele Jahrhunderte alt ist.
Schafherde im DorfeSchafherde im Dorfe
Schafherde im Dorfe
Um uns Kaninchen anzusehen, brauchen wir nur zu unserm Nachbarn, dem freundlichen Wirt Herrn Lankenheim zu gehen. Er selbst ist leider nicht anwesend, und seine stets fleißige Frau schafft in der Küche. So muß denn die älteste Tochter die Führung übernehmen.
Sie gibt den Tieren zunächst Futter, wobei sie tüchtig zulangen. Ebenso gibt sie ihnen auch zu trinken.
Das zahme Kaninchen trinkt, was uns ganz selbstverständlich erscheint. So selbstverständlich ist die Sache aber keineswegs. Denn unzweifelhaft stammt das zahme Kaninchen vom Wildkaninchen ab. Dieses trinkt nicht. Jedenfalls hat noch niemand ein Wildkaninchen an einer Tränkstelle gesehen. Weil es niemals trinkt, so kann es in sandigen Gegenden leben, wo weit und breit kein Wasser ist. Uebrigens ist das Leben ohne zu trinken keineswegs nur eine Eigentümlichkeit des Wildkaninchens. Auch Hirsche und anderes Wild leben in solchen wasserleeren Oertlichkeiten.
Gewöhnlich wird das Kamel als Muster dafür angeführt, daß es ein Geschöpf ist, das acht Tage lang ohne zu trinken leben kann. Man braucht nicht nach Afrika zu gehen, um ein solches Tier ausfindig zu machen.
Denn Wildkaninchen leben selbst in Berlin mehr als genug. Am Königsplatz kann man sie abends oft huschen sehen. Und ist Schnee gefallen, so erkennt man an den Spuren, daß es eine ganze Menge im Tiergarten gibt. In anderen Gegenden Berlins, namentlich im Nordosten soll es noch schlimmer sein.
Im Anfange dieses Jahrhunderts waren sie in der Umgebung Berlins geradezu eine Landplage. Wurde es abends dunkel, dann wimmelten die ganzen Felder davon. Ich wohnte damals bei einem Förster, der an jedem Tage mindestens ein Dutzend schoß. So erhielt man bei jedem Mittagessen ein junges Kaninchen vorgesetzt. Denn die Landbevölkerung wollte keine essen, obwohl ihr das Stück zu fünfzig Pfennigen angeboten wurde. Der Bauer ißt eben nicht, was er nicht kennt, wie schon das Sprichwort sagt.
Oft genug hat mir damals der Förster geklagt, daß wir gegen diese Landplage machtlos seien. Seit Jahren ist aber von ihr nichts mehr zu spüren. Man merkt kaum noch, daß welche vorhanden sind.
Das Wildkaninchen stammt aus warmen und trockenen Gegenden in der Nähe des Mittelländischen Meeres. Insbesondere soll es sich imAltertum auf den Balearen so vermehrt haben, daß die Bewohner bereits den Plan der Auswanderung faßten. Auch heute ist dem Kaninchen diese Eigentümlichkeit geblieben, daß es Nässe flieht. Ebenso fühlt es sich in der Wärme am wohlsten.
Es lebt in selbstgegrabenen Bauen, die leicht auffallen, weil sie stets in Bodenerhebungen angelegt sind. Das hat natürlich seinen wichtigen Grund. Die Gänge des Wildkaninchens führen ziemlich tief. Würde es nun auf glattem Boden seine Höhlen graben, so gelangte es bald auf das Grundwasser. Wasser aber meidet es, wie wir wissen.
Das Weibchen hat den ganzen Sommer über Junge. Im Gegensatz zu dem jungen Hasen, der behaart und mit offenen Augen geboren wird, sind die jungen Wildkaninchen unbehaart und öffnen erst am neunten Tage die Augen. Der Unterschied in der Entwicklung der Jungen ist also ebenso groß wie die zwischen jungen Pferden und jungen Hunden.
Während die jungen Hasen auf die blanke Erde oder in eine Bodenvertiefung gesetzt werden, wird für das junge Kaninchen ein warmes Nest bereitet. Die Mutter opfert für die Auspolsterung ihre eigenen Bauchhaare. Am Tage pflegt das Wildkaninchen die Jungen an einer bestimmten Stelle einzugraben. Das schützt sie aber vor der feinen Nase des Fuchses nicht. Ich habe oft Stellen gefunden, wo der Fuchs die Kleinen gewittert und ausgegraben hatte.
Das Wildkaninchen rettet sich vor seinen Feinden dadurch, daß es schnell in seinen Bau flüchtet. Im Sommer wählt es auch eine Deckung. Aber ein Dauerläufer, wie der Hase, ist es nicht. Auf einem freien blanken Felde würde jeder mäßige Hund ein Wildkaninchens einholen. Schon aus diesem Grunde kann ein Wildkaninchen keine Tränkstelle aufsuchen.
Was tut denn nun das Wildkaninchen, da doch jedes Geschöpf Feuchtigkeit zu sich nehmen muß? Es frißt saftige Pflanzen und leckt den Tau, der in unsern Gegenden reichlicher ist, als man gewöhnlich annimmt. Es ist klar, daß eine Wildkaninchenmutter, die Junge säugt, sehr wasserreiche Nahrung zu sich nehmen und lange Zeit Tautropfen lecken muß, um die erforderliche Flüssigkeit zu erhalten.
In der Pflege des Menschen ist das zahme Kaninchen von den Tautropfen abgeschnitten und muß daher, wie die andern Tiere, trinken.
Außer dem Menschen, dem stärksten Raubtier, hat das Kaninchen wohl ebensoviele Feinde wie sein Vetter, der Hase. Nur ist es insofern besser daran, als es in seinen Bau flüchten kann, was es regelmäßig tut, wenn es Gefahr merkt. Es klopft dann mit den Hinterfüßen auf, und die ganze Gesellschaft verschwindet unter der Erde. Denn im Gegensatz zum Hasen lebt das Kaninchen in Gesellschaften.
Wie alles Wild, so ist auch das Wildkaninchen ein nächtliches Tier, das mit dem Eintritt der Dunkelheit auf Nahrungssuche ausgeht. Deshalb werden ihm in erster Reihe die nächtlichen Raubvögel, also der Uhu undandere große Eulen, gefährlich. Am Tage sonnt es sich gern und läßt sich auch sonst an den langen Sommertagen blicken. Hierbei wird es leicht eine Beute der großen Tagraubvögel, namentlich des Adlers und des Habichts, soweit diese noch nicht ausgerottet sind.
Jeder Fuchs und Dachs, früher auch Wölfe und Luchse, sucht gern ein Kaninchen zu erbeuten. Da wir die meisten Raubtiere ausgerottet haben, müssen wir an ihre Stelle treten.
Am schlimmsten sind für das Kaninchen die Feinde, die ihm in seinen Bau folgen können, namentlich Marder und Iltis. Ein Albino des Iltis heißt Frettchen, von dem wir noch sprechen werden (Kap.138).
Wenn man die Lebensweise des Wildkaninchens genau kennt, so kann man sich ein ungefähres Bild davon machen, wie man das zahme Kaninchen halten soll.
Sehr schön ist es, daß Herr Lankenheim seine Kaninchenstallung so angelegt hat, daß sich die Tiere sonnen können. Alle nächtlichen Tiere sonnen sich gern, wie wir wissen.
Ebenso ist es wichtig, daß auf große Reinlichkeit gesehen wird durch Abflußrinnen für flüssige Ausscheidungen und häufige Entfernung der festen Entleerungen. Das Wildkaninchen legt seinen Unrat außerhalb des Baues ab, legt also Wert auf ein reines Lager.
Es ist richtig, das Männchen, den Rammler, von den Jungen zu trennen. In der Freiheit hat die Mutter Gelegenheit, die Jungen vor ihm zu schützen. Uebrigens macht der Wildkaninchenvater den Eindruck, daß ihm das Wohlergehen seiner Nachkommenschaft von Wichtigkeit ist. Sonst sind die Väter bei den Säugetieren bekanntlich keine Musterväter.
Wie das Wildkaninchen, so vergräbt auch häufig das zahme Kaninchen seine Jungen. Ordentlich komisch sieht es dann aus, wie es mit der gleichgültigsten Miene von der Welt allein in der Nähe umherrennt, als ob es von gar nichts wüßte. So ganz fern von Verstellung ist also selbst ein Kaninchen nicht.
Das zahme Kaninchen steht also geistig höher, als man gewöhnlich annimmt. Das ist auch ganz naturgemäß, denn das Wildkaninchen wird kein Jäger für ein dummes Tier erklären. Die Sache liegt ähnlich beim Schwein. Auch dieses ist nicht so dumm, wie man es gewöhnlich hinstellt. Es läßt sich abrichten und kann sogar den Hund bei der Jagd ersetzen, da es eine feinere Nase als der Hund besitzt. Auch hier findet sich eine Uebereinstimmung mit den geistigen Gaben der Stammeltern. Denn auch das Wildschwein zeigt sich bei der Jagd durchaus nicht beschränkt.
Leider nimmt das Kaninchen in der Gefangenschaft manchmal die ungeeignetsten Gegenstände zum Verbergen der Jungen, beispielsweise den irdenen Futternapf. Natürlich können dadurch die zarten, kahlen Dingerchen leicht getötet werden. Man kann in dieser Hinsicht gar nicht vorsichtig genug sein und muß daher Vorsichtsmaßregeln treffen, die solche Unfälle ausschließen.
Das Kaninchen stammt, wie wir schon erwähnten, aus den Ländern, die am Mittelländischen Meer gelegen sind, und soll zuerst in Spanien gezüchtet worden sein. Unser deutsches Kaninchen war zwar sehr anspruchslos und fruchtbar, konnte sich jedoch mit den Leistungen der westeuropäischen Kaninchen nicht messen. Das deutsche Kaninchen ist daher mit dem belgischen oder flandrischen Riesenkaninchen gekreuzt, wodurch man das neue deutsche Kaninchen gezüchtet hat.
Sonst wären noch erwähnenswert das belgische Hasenkaninchen, das französische Widderkaninchen, das Normandiner Kaninchen, das patagonische Kaninchen usw.
Sehr geschätzt wegen seines Seidenhaares ist der Seidenhase oder das Angorakaninchen. Ebenso ist beim Silberkaninchen das Fell sehr wertvoll, und das Fleisch gut.
Als selbstverständlich gilt die fruchtbare Paarung zwischen Kaninchen und Hasen, woraus die sogenannten Leporiden entstehen. In Wirklichkeit ist sie sehr selten, und nach der neuesten Auflage von Brehms Tierleben überhaupt erst ein einziger Mischling wissenschaftlich nachgewiesen worden.
Wir haben schon öfters den Ausdruck Rasse gebraucht und wollen an dieser Stelle ihn etwas näher besprechen, da hier eine günstige Gelegenheit vorliegt.
Unter Rasse versteht man alle diejenigen Mitglieder einer Tierart, die gewisse Merkmale gemeinsam besitzen. Diese Merkmale sind nicht so bedeutend, daß sie zur Aufstellung einer besonderen Tierart berechtigen.
Also das Silberkaninchen ist nur eine Rasse von der Tierart Kaninchen, weil sich die Silberkaninchen von dem Wildkaninchen und den andern Kaninchenrassen unterscheiden. Diese Unterscheidung ist aber nicht so bedeutend, daß man sagen könnte, das Silberkaninchen wäre eine besondere Tierart.
Dagegen bilden Hase und Kaninchen trotz großer Aehnlichkeit nicht nur verschiedene Rassen, sondern verschiedene Tierarten. Die längeren Hinterbeine des Hasen, die Rettung durch die Flucht ins freie Feld, das Werfen von Jungen, die sofort behaart sind, können nicht als unbedeutende Unterschiede aufgefaßt werden. Auch ist das Kaninchen kleiner, hat einen kürzeren Kopf und kürzere Ohren.
Von durchgezüchteten Rassen spricht man erst dann, wenn sie ihre Eigentümlichkeiten dauernd vererben.
Ein Rassetier hat also den Vorzug, daß ich auf gewisse Eigentümlichkeiten, auf die ich Wert lege, bei der Nachkommenschaft rechnen kann. Bei rasselosen Tieren ist das nicht der Fall.
Das Kaninchen gehört im allgemeinen zu den furchtsamsten und ergebungsvollsten Geschöpfen, das sich von jedem Kinde alles mögliche gefallen läßt. Von seinen Zähnen macht es eigentlich niemals Gebrauch.Trotzdem fallen sie beispielsweise über fremde Kaninchen manchmal wütend her und suchen sie totzubeißen. Ein junger Hase, den man zu Kaninchen bringt, wird wohl stets totgebissen.
Alte Rammler beißen nicht nur häufig ihre eigenen Jungen tot, sondern sie werden hin und wieder auch gegen andere Tiere geradezu angriffslustig. Ein Naturforscher führt hierfür folgende Beispiele an. Ein Verwandter von ihm hielt einen alten Kaninchenrammler bei seinen Lämmern. Als die Fütterung mit Esparsettheu begann, behagte das dem alten Herrn so gut, daß er alles für sich allein mit Beschlag belegen wollte. Er setzte sich also neben das Heu, grunzte und biß nach den Lämmern, um diese Tiere zu verscheuchen. Als das nicht genügend half, sprang er einem Lamm auf den Hals und biß es tüchtig. Natürlich wurde er beim Wickel gepackt und fortgebracht. Ein anderer Rammler führte einen solchen Kampf sogar mit Ziegen. War das Futter nach seinem Geschmack, so suchte er junge Ziegen dadurch zu vertreiben, daß er ihnen die Beine blutig biß. Alten Ziegen sprang er in das Genick und biß ihnen die Ohren blutig. Selbstverständlich wurde der Bösewicht abgeschafft.
Vorstehende Erzählungen sind durchaus glaubhaft. Ich habe selbst ähnliche Fälle beobachtet. So kratzte ein Rammler, ein Riesenkaninchen, bei schlechter Laune seinen Besitzer, wenn er ihm Futter vorsetzte, dermaßen, daß dieser nur mit großer Vorsicht hierbei zu Werke ging.
Sieht man von solchen Ausnahmen ab, die doch immer Ausnahmen bleiben, so ist es lächerlich bei einem Streite zwischen Kaninchen und Bulldogge zur Rechtfertigung des Hundes anzuführen, daß das Kaninchen angefangen, und der Hund deshalb das Kaninchen totgebissen habe. Ein Kaninchen wird sich schön hüten, mit einer Bulldogge anzubinden. Aber das Raubtier, das die größere Kraft besitzt, wird stets eine Entschuldigung für sein Tun finden.
Mit dem Absatz ihres Kaninchenfleisches an ihre Gäste ist die Familie Lankenheim nicht sehr zufrieden. Trotz der schlechten Zeiten wollen die meisten Gäste Kaninchenfleisch nicht so häufig essen.
Es ist merkwürdig, daß so viele Leute, die sich zunächst mit Begeisterung auf die Kaninchenzucht geworfen haben, so bald davon wieder Abstand genommen haben. Irgendwie scheint hier ein Fehler gemacht worden zu sein.
Wir haben an einer früheren Stelle die Vorzüge der Schweinehaltung bei einfachen Leuten beleuchtet. Mit Schweinefleisch wird Kaninchenfleisch niemals in Wettbewerb treten können, weil Schweinefleisch stets reißend Absatz findet, während bei Kaninchenfleisch die Sache etwas anders liegt.
Es gibt zu denken, daß in England und Frankreich die Kaninchenzucht in der großartigsten Weise blüht. Einzelne Großzüchtereien sollen jährlich 12000 Kaninchen auf den Markt bringen. In Frankreich sollen in Paris vor dem Kriege allein jährlich 3 Millionen Kaninchen verzehrt worden sein, während zu der gleichen Zeit in der Berliner Zentralmarkthalle etwa der sechzigste Teil verkauft wurde.
Dem Geschmack der Franzosen und auch der Engländer muß also das Kaninchenfleisch mehr zusagen als dem unsrigen. Das ist sehr zu bedauern, denn das Kaninchen hat ohne Zweifel als Pelztier eine Zukunft. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann die pelzliefernden Raubtiere und sonstigen Tiere ausgerottet oder doch so vermindert sind, daß ihre Felle der Nachfrage nicht mehr entfernt entsprechen können. Dann werden Kaninchen und Hauskatzen mit ihren Fellen als Ersatz dienen müssen.
Die Kaninchenzüchter heben noch den außerordentlichen Wert des Kaninchens als Lederlieferanten hervor. Aus dem Fell eines 65 Zentimeter langen Kaninchens lassen sich nach ihren Angaben das Oberleder für ein Paar Damenschuhe nebst einem Ersatzstück herausschneiden. Dieses Leder ist sehr weich und trägt sich sehr gut.
Die Fruchtbarkeit des Kaninchens ist sprichwörtlich geworden. Das wilde Kaninchen paart sich im Februar oder März und setzt nach einer Tragezeit von dreißig Tagen alle fünf Wochen 4 bis 12 Junge. Diese Jungen sind bereits nach einem halben Jahre fortpflanzungsfähig und nach einem vollen Jahre ausgewachsen. Ein einziges Kaninchenpaar kann also in einem Sommer 20 bis 70 Nachkommen haben. Dabei sind die ersten Nachkommen bei Ablauf des Sommers bereits ebenfalls fortpflanzungsfähig.
Hätten die Kaninchen keine Feinde, so würden sich die 20 bis 70 Nachkommen im nächsten Sommer auf 10- bis 35mal 20 bis 70, also auf 200 bis 2450 Kaninchen vermehren können, wozu das alte Paar ebenfalls 20 bis 70 liefern könnte. Der Bestand wäre dann 220 bis 2520 Kaninchen.
Da die Kaninchen nicht von der Luft leben, sondern durch Unterwühlung des Bodens und durch Benagen der Baumrinden und Fressen von Nutzpflanzen großen Schaden anrichten, so versteht man, daß in Australien und anderen für die Kaninchen günstigen Ländern große Geldbeträge für ihre Vernichtung gezahlt werden.
Den zahmen Kaninchen läßt man nicht mehr als acht Junge, damit sie hinreichende Nahrung haben. Nach vier Wochen entwöhnt man sie. Die Eltern werden gewöhnlich nur vier Jahre zur Zucht verwendet.
Die Redensart: Kaninchen hat angefangen und die sprichwörtliche Vermehrung der Kaninchen ist bereits besprochen worden.
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Weiße Häsin (Kaninchenweibchen) Fressende Kaninchen
Kaninchen-ZuchtkästenKaninchen-Zuchtkästen
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Bei »Onkel Althaus« können wir auch Meerschweinchen sehen, mit denen wir uns aber nur kurz befassen wollen. Es ist ein allbekanntes, kleines, buntes Tierchen, das wie das Kaninchen ein Nager ist. Es wird wie das Kaninchen gefüttert und vielfach mit ihm zusammengehalten. Obwohl das Meerschweinchen aus Südamerika stammt, vertragen sich beide Nagerarten gut. Nur beißen manchmal die Kaninchen die Jungen von Meerschweinchen tot. Hat man mehrere Meerschweinchen zusammen, so hört man oft ein Quieken und Grunzen, woher auch der Name Meerschweinchen kommen dürfte.
Während das Kaninchen ein sehr schönes Fell liefert, ist das vom Meerschweinchen nicht zu gebrauchen.
Auch gegessen wird das Meerschweinchen bei uns nicht. Es ist hauptsächlich ein Spielzeug für Kinder, weil es sich alles gefallen läßt.
Onkel Althaus hat ein Paar Meerschweinchen seinem Söhnchen Albrecht zu Weihnachten geschenkt. In Ermangelung eines passenden Stalles hatte er das Pärchen in ein leeres Aquarium gesteckt und darin als Geschenk aufgebaut. Der Sohn hielt die fremden Tiere im Aquarium zunächst für junge Biber. Dieser Irrtum ist ganz erklärlich, da der Biber unser größter Nager ist und ein vorzüglicher Schwimmer ist.
Inzwischen hat das Weibchen ein einziges, aber ungemein kräftiges Junges bekommen. Mit ihm zusammen lebt es im Aquarium, während der Vater ausgesperrt ist.
Nach der Schilderung des kleinen Albrecht sind Meerschweinchen sehr kluge Tiere. Wenn er aus der Schule kommt und sich dem Aquarium nähert, richtet sich die Mutter auf, weil sie weiß, daß sie etwas zu fressen bekommt.
Da in der neuesten Auflage von Brehms Tierleben genau das gleiche berichtet wird – allerdings als große Ausnahme – so ist es nicht unmöglich, daß die Beobachtung des kleinen Tierfreundes der Wahrheit entspricht.
Nach den früheren Berichten war das Meerschweinchen sehr fruchtbar. Im neuesten Brehm wird das als Irrtum erklärt. Die übliche Zahl der Jungen ist vielmehr nur zwei und die Tragezeit so lange wie beim Hunde, nämlich 63 Tage. Dafür ist das Junge hoch entwickelt wie ein junger Hase. Nach 8 bis 9 Monaten hat das Meerschweinchen seine volle Größe erreicht. Bei guter Behandlung kann es 8 Jahre alt werden.
Sehr beliebt sind die Angora-Meerschweinchen mit langem, schlichtem Haar und die Strupp-Meerschweinchen.
Das Meerschweinchen stammt von dem in Südamerika lebenden, ganz ähnlich aussehenden Nager ab, der den NamenCavia cutleriführt.
In wissenschaftlichen Anstalten werden viele Meerschweinchen gehalten, da sie bei der Keimforschung, den Impfversuchen und der Serumheilbehandlung unersetzlich sind.
Um uns ein Frettchen anzusehen, wollen wir wieder nach dem Zoologischen Garten gehen. Denn in der jetzigen Zeit hat keiner der mir bekannten Förster ein Frettchen mehr, da die Kaninchen in ihrer Gegend vollkommen ausgerottet sind.
Wir wissen bereits, daß das Frettchen ein Albino des Iltis ist. Und einen Iltis bekommen wir wenigstens im Zoologischen Garten zu sehen.
Der Iltis oder Stinkmarder gehört zur Familie der Marder. Er erinnert sehr an unsern Marder, nur daß er ganz im Gegensatz zu diesem sehr schwerfällig ist.
Seit Jahrtausenden wird eine weißliche Abart, ein Albino von ihm, das sogenannte Frettchen, vom Menschen als Haustier gehalten. Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß es zur Kaninchenjagd unentbehrlich ist. Sobald der schlanke Räuber einen Kaninchenbau betritt, fahren die Kaninchen aus ihrer sichern Burg und können leicht geschossen werden oder in aufgestellte Netze geraten.
Das Frettchen ist sehr weichlich und macht gerade keinen sehr angenehmen Eindruck. Es ist etwas kleiner als der Iltis und als Albino natürlich weiß im Gegensatz zu seinem braunen Verwandten. Es wirft etwa 4 bis 8 Junge nach einer Tragezeit von sechs Wochen.
Kurz vor Weihnachten 1919 brachten Berliner Blätter die Nachricht, daß ein Frettchen in die Wiege eines Säuglings gekrochen sei und ihm einen Augapfel ausgefressen habe, was den Tod des kleinen Wesens zur Folge hatte. Natürlich war dieser Vorfall nur möglich, weil die Eltern nicht zugegen waren, da sie auf Arbeit gegangen waren.
Ein solcher Fall ist nicht das erste Mal vorgekommen, und wird nicht der letzte seiner Art sein. Deshalb sei er etwas näher besprochen.
Es wurde schon erwähnt, daß das Frettchen seit Jahrtausenden zur Kaninchenjagd dient. Schon in Friedenszeiten gab es eine Unmenge Frettierer. Im Kriege, wo der Fleischhunger aufs höchste gestiegen war, wurde natürlich erst recht frettiert. Das Frettchen als Ernährer der Familie wurde besonders gepflegt, zumal es wie alle Albinos sehr frostig ist. Es wurde daher von dem Frettierer in seine Wohnung genommen.
Die Fütterung der Frettchen besteht gewöhnlich aus Milch und Semmeln. Wir haben unsern Frettchen hin und wieder stets tierische Nahrung gegeben, also Sperlinge und andere Vögel.
Wenn ein Tier, das an tierische Speise gewöhnt ist, plötzlich nur Pflanzenkost erhält, dann sucht es sich irgendwie Ersatz. Hühner rupfen sich die Federn aus und werden Eierfresser, Sauen und Mäuse fressen ihre eigenen Jungen. Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen (Kap.106).
So hat das Frettchen bei den einfachen Leuten wahrscheinlich nur Pflanzenkost erhalten, wie das so üblich ist. Eines Tages hat es beim Umherkriechen das junge Menschenfleisch gewittert, das Raubtier ist in ihm erwacht, und das Unglück ist geschehen.
Wehrlose Kinder soll man also mit einem Frettchen nicht unbeaufsichtigt in demselben Raume lassen.
Manche warnen auch vor der Haltung einer Katze, weil sie sich auf den Säugling in der Wiege legen und ihn totdrücken kann. Trotz aller Bemühungen habe ich einen solchen Fall bisher nicht feststellen können. Da aber die Möglichkeit besteht, so ist Vorsicht unbedingt am Platze.
Vom Frettchen finde ich keine Redensarten oder Sprichwörter angeführt. Dagegen hat der Iltis oder Ratz, der Stammvater des Frettchens, zur Redensart Anlaß gegeben:
Er schläft wie ein Ratz.
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich in einem sehr iltisreichen Jagdgebiet den Iltis stets schlafend in der Kastenfalle vorgefunden habe. Die Redensart: Er schläft wie ein Ratz – nicht Ratte – ist also ganz der Wirklichkeit entsprechend.
Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben, wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht es aus verschiedenen Kellern.
Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist. Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier stehe – zweifelt irgend jemand daran?«
Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.
Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben. Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht. Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht. So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich, daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.
Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Fürdie Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann. So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.
Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das Bankivahuhn,Gallus gallus, das im warmen Indien lebt. In der Nacht schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als Ruhestätte benutzt.
So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in dunkler Nacht krähen wird.
Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab. Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.
Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.
Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.
Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.
Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.
Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten, wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt. Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie sehr scheu und lautlos.
Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen bereit ist.
Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde. Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall. Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.
Aufmerksame Tierbeobachter wollen herausgefunden haben, daß der Hahn nur bei bevorstehender Luftveränderung kräht. Da sich mit Anbruch des Tages die Luft verändert, so wäre das der wahre Grund, daß der Hahn morgens kräht. Es ist möglich, daß diese Ansicht begründet ist, aber mit meinen Beobachtungen will sie nicht immer übereinstimmen. – Vorhin wurden einige Feinde des Huhns angeführt. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß sich zu ihnen noch zahlreiche andere Raubtiere, z. B. der Fuchs sowie die Tagraubvögel gesellen.
Unser Hahn hat jetzt – was auf beschränktem Raum gewiß nicht häufig vorkommt – einen guten Bissen gefunden und gibt einen eigentümlichen lockenden Ruf von sich, auf den die Hennen hinzugestürzt kommen. Man muß sich freuen, daß der Hahn etwas, was ihm selbst sehr gut schmecken würde, freiwillig seinen Damen überläßt. Mancher Familienvater könnte sich hieran ein Beispiel nehmen.
Abseits von den übrigen Hennen befindet sich durch ein Gatter getrennt eine Glucke, die ihre Küchlein führt. Es ist ein allerliebster Anblick, diese kleinen Dinger, die erst einige Tage alt sein können, in Gemeinschaft mit ihrer wachsamen Mutter auf Nahrungssuche ausgehen zu sehen. An der Pflege und Aufzucht der Kleinen beteiligt sich der Hahn nicht. Man kann daraus ersehen, daß es unrichtig ist, menschliche Verhältnisse auf tierische ohne weiteres zu übertragen. Für uns scheint es gerade die besondere Aufgabe des Vaters zu sein, seinen Kindern in Gemeinschaft mit der Mutter Pflege und Nahrung zu verschaffen.
Da der Hahn in Vielehe lebt, und jedes Weibchen etwa ein Dutzend Kleine führt, so könnte der Hahn höchstens bei einem Dutzend einer bestimmten Henne Vaterpflichten erfüllen. Jedenfalls wäre es ihm ganz unmöglich, es bei allen Nachkommen zu tun. So erklärt sich die Gleichgültigkeit gegen seine Nachkommenschaft in einfacher Weise.
Uebrigens ist diese Gleichgültigkeit nur scheinbar. Sobald ein Feind naht, der die Kleinen gefährdet, etwa ein Raubvogel, so tritt der Hahn zu ihrem Schutze ein. Ebenso übernimmt er häufig die Sorge für die Kleinen dann, wenn die Henne plötzlich verunglückt.
Wenn wir auf die Lautäußerungen der Hühner sorgfältig achten, so werden wir finden, daß eine ziemliche Anzahl verschiedener Lautebei ihnen verwendet wird. Sehen wir vom Krähen und Gackern, sowie dem Lockruf ab, so ist ein Warnruf auffallend, namentlich wenn der Hahn einen Raubvogel zu Gesicht bekommt. Bei den Papageien werden wir noch näher darauf zu sprechen kommen. Die Erklärung, daß die Tiere keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben, kann uns nicht gefallen. Kann der Hahn seinen Damen etwas wichtigeres mitteilen, als wenn er ruft: Kommet her, hier ist ein guter Bissen.
Auf dem Dache des Hauses sitzen ein Dutzend Tauben. Wir können so recht den Unterschied zwischen ihnen und den Hühnern ins Auge fassen.
Zunächst fragen wir: Warum sitzen die Hühner, die doch ebenfalls Vögel sind, nicht wie die Tauben auf dem Dache? Ja, warum? Weil alle Hühnervögel schlechte Flieger sind. Vögel können zwar fliegen, aber manche sehr gut, manche nur sehr schlecht. Es ist genau so wie bei dem Laufen. Es gibt Windhunde, die sehr schnell laufen, und Dachse, die sehr langsam sind.
Die Hühner gehören zu den schlechten Fliegern. Ja, der Strauß, der größte von den Hühnervögeln, kann gar nicht fliegen.
Bei der Jagd auf Rebhühner kann man erleben, daß die Hühner bei starkem Winde nicht auffliegen wollen. Sind sie ein paarmal geflogen, so haben sie genug davon und wollen nicht mehr.
Als Ersatz für die schwache Fliegekunst sind die Hühner vorzüglich auf den Beinen. Das Huhn ist der richtige Beinvogel. Es rennt vorzüglich. Hat man einen Fasanen geschossen und nur flugunfähig gemacht, so hat man ihn noch lange nicht. Er rennt davon mit einer Schnelligkeit, daß man ihn ohne Hund nicht bekommt. Dagegen kann eine wilde Taube, die man in gleicher Weise verwundet, nicht von der Stelle fort.
Wirklich hervorragende Flieger haben kleine Füße. Der Mauersegler, der vom 1. Mai bis zum 1. August die Höhen von Berlin durcheilt, ist wohl unser bester Flieger. Er tummelt sich den ganzen Tag in der Luft. Seine Füßchen sind so klein, daß sie nur zum Ankrallen dienen. In der Tierkunde führt er den Namen »der Fußlose«, was natürlich übertrieben ist.
Je kleiner die Füße, desto weniger Gepäck hat der fliegende Vogel zu tragen. So kann man schon an den Beinen ungefähr erkennen, was für einen Flieger man vor sich hat.
Tauben gehören zu den guten Fliegern. Mit den Mauerseglern können sie sich natürlich nicht messen. Entsprechend ihrem guten Fluge haben sie kleine Füßchen, mit denen sie nicht rennen, sondern eigentlich nur trippeln können. Bei drohender Gefahr läuft daher das Huhn fort, während die Taube fortfliegt. Das Huhn hat das bißchen Fliegerkunst, die es als wildes Tier noch besaß, als Haustier fast völlig eingebüßt. Ueber einen mannshohen Zaun zu fliegen, kostet ihm schon Anstrengung.
Für uns Menschen ist es natürlich ganz angenehm, daß das Huhn kaum fliegen kann. Es erleichtert uns die Ueberwachung.
Die Verluste, die wir bei Tauben haben, daß sie in fremde Schläge verlockt werden, oder sonst bei ihren Flügen verloren gehen, kommen bei den Hühnern nicht in solchem Maße vor.
Die kräftigen Beine der Hühner sind zum Scharren wie geschaffen und werden fleißig dazu benutzt. Nicht mit Unrecht spricht Goethe von Frau Kratzefuß. Sonst sagt man, der Hahn macht Kratzfüße. Wenn er sich vor seinen Damen verbeugt, macht er nämlich Kratzfüße, indem er die Beine bewegt, als wenn er scharren wollte.
Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz ungeeignet.
Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.
Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern, Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.
Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden (Kap.65). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen, Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.
Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen, Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker, die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.
Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.
Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.
Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät, und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.
Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um. Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren Kleinen zu sehr nähert.
Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus, worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.
Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe, ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten sehen können.
Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.
Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.
Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.
Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er geht mit den Hühnern zu Bett.
Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit, wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.
Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können. Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können, so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.
Ferner ist dem Landbewohner bekannt, daß die Hühner leicht an Schneeblindheit erkranken. Sie werden dann gewöhnlich in den Stall gebracht.
Soviel ist wohl sicher, daß das Vogelauge in mancher Hinsicht anders gebaut ist als das Menschenauge. So fängt man in den Balkanländern Vögel mit großen bunten Tüchern, wodurch die Vögel in auffallender Weise angelockt werden.
Ob die Landbewohner recht haben, daß die Hühner bereits gegen Abend, wo es noch hell ist, nicht sehen können, läßt sich nicht beurteilen. Die Frage wird hoffentlich durch Versuche von Gelehrten beantwortet werden.