The Project Gutenberg eBook ofUnsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden VerwandtenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden VerwandtenAuthor: Th. ZellRelease date: January 5, 2018 [eBook #56317]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Heike Leichsenring and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE HAUSTIERE VOM STANDPUNKTE IHRER WILDEN VERWANDTEN ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden VerwandtenAuthor: Th. ZellRelease date: January 5, 2018 [eBook #56317]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Heike Leichsenring and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Author: Th. Zell
Author: Th. Zell
Release date: January 5, 2018 [eBook #56317]Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Heike Leichsenring and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE HAUSTIERE VOM STANDPUNKTE IHRER WILDEN VERWANDTEN ***
Für jung und alt geschildert
von
Th. Zell
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Berlin 1921
Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68
Gewidmetdem Andenken meiner unvergeßlichen Schwester, meiner unermüdlichen Gehilfin bei allen meinen Büchern und Aufsätzen, derFrau verw.Elisabeth Raetzellgeb.Bauke,geboren am 30. April 1860 zu Ketschendorf bei Fürstenwalde, gestorben am 6. Dezember 1915 zu Friedenau-Berlin, derenwegen ich den DecknamenTh. Zellgewählt habe.
Gewidmetdem Andenken meiner unvergeßlichen Schwester, meiner unermüdlichen Gehilfin bei allen meinen Büchern und Aufsätzen, derFrau verw.Elisabeth Raetzellgeb.Bauke,geboren am 30. April 1860 zu Ketschendorf bei Fürstenwalde, gestorben am 6. Dezember 1915 zu Friedenau-Berlin, derenwegen ich den DecknamenTh. Zellgewählt habe.
Copyright 1921 by Vorwärts-Verlag Berlin
Inhaltsverzeichnis
Eine bessere Kenntnis des Tierlebens ist gerade in unseren Zeiten wünschenswert, weil der Zusammenbruch unseres Vaterlandes uns zwingt, die Bearbeitung der heimischen Scholle mit allen Kräften zu fördern, und hierbei eine Vertrautheit mit den Eigentümlichkeiten unserer Haustiere von großer Wichtigkeit ist. Daher ist der Versuch gemacht worden, die Tiere in ihrem Tun und Treiben dem Herzen des Volkes und unserer Jugend dadurch näher zu bringen, daß gezeigt wird, wie manche uns befremdenden Handlungen der Tiere ganz verständlich werden, wenn man sich in ihre Lage hineinversetzt. Das Haustier hält unverbrüchlich an den Gewohnheiten seiner wilden Verwandten fest und richtet sich vielfach nach der Nase im Gegensatz zum Menschen, dessen wichtigster Sinn das Auge ist, – das ist der Schlüssel des Geheimnisses. Absichtlich ist bei der Darstellung von allem nicht unbedingt erforderlichen gelehrten Kram abgesehen worden.
Es wäre erfreulich, wenn namentlich die dem Tierleben so entfremdete Großstadtjugend sich davon überzeugte, daß die Beobachtung der Haustiere und anderer Tiere eine überreiche Quelle wahrer Freuden in sich birgt, die einen hinreichenden Ersatz für die manchmal recht zweifelhaften Genüsse der großen Städte bietet.
Die Begründung für die hier gegebenen Erklärungen findet sich in meinen Büchern. Ebenso sind dort die Dinge nachzuschlagen, die hier fortgelassen sind, weil sie nicht in den Rahmen des Buches passen, beispielsweise, weshalb die Pferde sterben, wenn sie Bucheckern fressen, die Katze Baldrian liebt, die Drohnen von den Bienen getötet werden und dergleichen.
Für die Hilfe, die mir auf pädagogischem Gebiet zuteil wurde, spreche ich dem unermüdlichen Vorkämpfer für Volksbildung, Herrn J. Tews, und FrauDr.Anna Hamburger auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank aus.
BerlinW 57, September 1920.
Der Verfasser.
Durch das geöffnete Fenster schaue ich mit ein paar Knaben, die in meinem Hause wohnen und gern Näheres von unseren Haustieren wissen möchten, an einem schönen Frühlingsmorgen auf die Straße. In dem uns gegenüberliegenden Plättkeller wird die Tür geöffnet, und mit lautem Gebell stürzt sich der uns wohlbekannte Spitz »Peter« in das Freie. In diesem Augenblicke kommt gerade ein Radfahrer vorübergesaust. Auf drehende Räder scheint es Peter wie die meisten Hunde abgesehen zu haben, denn mit wahrer Wonne verfolgt er laut blaffend den Radler. Da dieser um die nächste Ecke biegt, so entschwindet auch Peter unsern Augen. Erst nach langer Zeit erscheint er wieder in unserm Gesichtskreis. Jetzt sehen wir ihn schnüffelnd überall am Boden umhersuchen. In der Zwischenzeit hat ein Vorübergehender ein Stück Unrat, anscheinend vollkommen verwestes Fleisch, auf die Straße geworfen. Mit Staunen sehen wir, daß Peter ausgerechnet dieses ekelhafte Zeug mit Wonne beriecht und dann zu fressen beginnt. Hunger kann ihn dazu nicht veranlassen, denn wir wissen seit Jahren, daß die beiden Schwestern, die im Plättkeller wohnen, große Tierfreundinnen sind. Sie darben es sich geradezu vom Munde ab, um es ihrem Lieblinge zuzuschanzen. Eigentlich hätten sie einen Hund zur Bewachung nicht mehr nötig, seitdem sich die eine Schwester verheiratet hat. Als aber vor zwei Jahren ihr damaliger Hund verunglückte, wurde freudig als Ersatz der damals sechs Wochen alte Peter gewählt, der ihnen als Geschenk aus ihrem Bekanntenkreise angeboten wurde.
Nach dem Fressen scheint Peter Durst zu bekommen, denn er läuft zum Brunnen, um aus der unten angebrachten Vertiefung seinen Durst zu löschen. Hierbei trinkt er nicht saugend wie ein Mensch, sondern lappt das Wasser schnell hintereinander mit der Zunge. Das lange Rennen scheint ihn ermüdet zu haben, denn er sucht sich in der Nähe des Plättkellers eine Stelle zum Hinlegen. Und zwar wählt er eine solche, wo die Sonne recht schön hinscheint. Während andere Hunde sich vor dem Hinlegen erst einige Male im Kreise herumzudrehen pflegen, können wir dieses Drehen bei Peter in diesem Falle nicht beobachten, denn er legt sich ohne große Umstände in die warme Sonne.
Wir wollen hier zunächst eine Pause machen, ehe wir das Tagewerk unseres Helden weiter schildern.
Alles das, was hier von dem Spitz erzählt worden ist, kann man alltäglich an zahlreichen Hunden beobachten, und selbst der Großstädter hat hierzu Gelegenheit, wenn er nur die Augen offen hält. So allbekannt diese Vorgänge sind, so erscheinen sie jedoch in einem ganz anderen Lichte, sobald wir uns die Frage vorlegen, weshalb der Hund so handelt.
Unser Peter hat zunächst gebellt. Warum bellt der Hund? Die Katze tut es doch nicht, ebenso denken Pferde, Kühe und andere Haustiere nicht daran.
Um das zu verstehen, müssen wir etwas ausholen.
Hunde, Katzen, Pferde, Kühe usw. sind ohne Frage Haustiere. Haustiere nennen wir solche zahme Tiere, die in einem Lande des Nutzens oder des Vergnügens halber gezüchtet werden.
Was waren nun die Haustiere früher, ehe sie der Mensch in seine Gemeinschaft aufnahm? Von unseren Tauben wissen wir mit Bestimmtheit, daß alle Taubenrassen von einer einzigen Wildtaube, der Felsentaube, abstammen, die an den Küsten des Mittelländischen Meeres heimisch ist. Ebenso haben alle Kaninchenrassen ihre Vorfahren in den Wildkaninchen, die Ziegenrassen in der Bezoarziege usw.
Hiernach ist anzunehmen, daß der Hund früher als Wildhund lebte oder aus einer Kreuzung von hundeartigen Verwandten, wahrscheinlich von Wölfen und Schakalen, entstanden ist. Näheres soll hierüber am Schlusse gesagt werden.
Jedenfalls war der Hund früher ebenfalls ein Raubtier, wie es heute noch seine Verwandten, die Wölfe, Schakale und Füchse, sind.
Wie der Mensch nun das, was seine Vorfahren getrieben haben, gewöhnlich beibehält, so tut das Tier das noch in weit stärkerem Maße. Wir essen regelmäßig nur das, was bei uns üblich ist, mögen auch benachbarte Völker andere Leckerbissen haben. So schwärmt der Italiener für kleine Singvögel, der Franzose für Froschschenkel, während sich bei uns nur wenige Liebhaber dafür finden. Das Tier hält sich noch viel strenger an den Speisezettel seiner Vorfahren. Das kommt natürlich daher, weil es durch seinen Körperbau dazu gezwungen ist. Wie häufig sind in den Kriegsjahren die Hunde mit Kartoffeln gefüttert worden. Und doch bleiben sie fast unverdaut, weil der Hund ein früheres Raubtier ist, und Kartoffeln keine passende Nahrung für ein Raubtier sind.
Also der Hund war früher ein Raubtier ähnlich wie Wolf, Schakal und Fuchs. Die Lebensweise dieser Verwandten müssen wir also kennen lernen, um unsern Hund richtig zu verstehen.
Bellen nun Wölfe und Schakale? Sie denken nicht daran. Sie heulen sich wohl, wenn die Dämmerung einbricht, zusammen, um gemeinschaftlich auf Raub auszugehen. Denn sie sind Geschöpfe, die es umgekehrt machen wie der Mensch. Sie ruhen am Tage und sind in der Nacht tätig. Selbstverständlich gibt es auch bei uns in der Nacht tätige Personen, wie Nachtwächter, Verbrecher, Bummler, aber diese kommen gegenüber der großen Menge anderer Menschen nicht weiter in Betracht.
Wie Wölfe und Schakale ist der Hund ein Raubtier. Das will sagen, daß er nicht wie die Pflanzenfresser von Gräsern, Blättern,Moos, Rinde und andern Pflanzenstoffen lebt, sondern andere Tiere zu töten sucht, um sie zu fressen. Daraus können wir ihm keinen Vorwurf machen; auch der Mensch ist kein reiner Pflanzenfresser. Das trifft höchstens bei einem kleinen Kreise von Menschen zu, während die große Menge Schweine, Rinder, Gänse und andere wohlschmeckende Tiere mästet, um sie später zu verzehren. Ueberhaupt dienen fast alle unsere Haustiere unseren eigennützigen Zwecken.
Ein Raubtier, das ein anderes Geschöpf erbeuten will, muß natürlich vorsichtig zu Werke gehen. Denn der Pflanzenfresser hat durchaus keine Lust, sein Grab im Magen des Raubtiers zu finden, sondern sucht sich auf jede Weise davor zu bewahren. Würden Wölfe, die gern einen Hasen, einen Hirsch oder ein Reh fressen möchten, schon vor Beginn der Jagd bellen, so würden sich die Pflanzenfresser vorher in Sicherheit zu bringen suchen.
So ist es denn ganz selbstverständlich, daß wilde Hundearten, wie die in Indien hausenden Kolsums, nicht bellen, ebensowenig die Wölfe und Schakale. Man hat sich darüber gewundert, daß die Hunde, die Kolumbus in Amerika zurückließ, das Bellen verlernt hatten. Als man sie nach langer Zeit wiederfand, waren sie verwildert und stumm geworden. Das ist doch ganz natürlich. Sie mußten auf eigene Faust, nachdem sie von den Menschen verlassen worden waren, ihre Nahrung suchen. Bald merkten sie, daß sie um so schwerer Beute machten, je mehr sie vorher bellten. Deshalb ließen sie das Bellen sein, wie es ihre Vorfahren getan hatten.
Das Bellen ist also eine Eigenschaft des Hundes, die der Wildhund nicht besitzt. Wohl aber hat er eine Anlage hierzu, wie schon aus seinem Geheul hervorgeht. Genau so liegt es bei anderen Haustieren. Wildenten und Wildgänse hüten sich, so viel zu schnattern wie unsere Hausenten und Hausgänse. Wildenten und Wildgänse sind auf dem Lande fast immer stumm, um sich ihren zahlreichen Feinden nicht zu verraten. Auch das fortwährende Krähen hat sich der Hahn als Haustier erst angewöhnt.
Der Mensch fand bald heraus, daß das Bellen des Hundes für ihn vom Vorteil war, weil es ihm den nahenden Feind oder einen Besuch anzeigte. Deshalb bevorzugte er die Hunde, die am meisten zum Bellen geneigt waren. Da solche Eigenschaften sich zu vererben pflegen, so hat der Mensch fast allen Hunden das Bellen angezüchtet. Am meisten eignen sich hierzu die kleinen Hunderassen, die den großsprecherischen Menschen gleichen, die mit Worten Helden sind, während ihre Taten zu wünschen übrig lassen. Sie haben zu dem Sprichwort Anlaß gegeben: Die Hunde, die da bellen, beißen nicht.
Zu den bellustigsten Hunderassen gehört der Spitz, und demnach auch unser Peter. Wegen seiner Kläffreudigkeit, die alles Verdächtige anzeigt, hat man ihn gern da, wo man auf Wachsamkeit Wert legt.
Wir sehen, daß die Frage, warum der Hund bellt, gar nicht so leicht zu beantworten ist. Nicht viel leichter sind seine anderen Taten zu erklären.
Peter hat wütend die Räder des vorüberfahrenden Radlers angekläfft. Was veranlaßt den sonst ziemlich harmlosen Hund zu solchem Aerger?
Hierfür müssen wir zwei Gründe annehmen. Wir wissen, daß unsere Hunde, wie die Wölfe, zu den Raubtieren gehören, die durch ihre Schnelligkeit Hasen und andere Pflanzenfresser erbeuten. Das tun andere Raubtiere, z. B. Katzen, nicht. Eine Katze rennt nicht hinter einem gesunden Hasen her, um ihn zu fangen, obwohl sie Hasenbraten mindestens ebenso gern frißt wie der Hund. Sie beschleicht den Hasen, was der Hund kaum jemals tut, weil er viel zu ungeschickt dazu ist. Der Hund ist also von Hause aus ein Hetzraubtier, die Katze dagegen ein Schleichraubtier.
Für jedes Hetzraubtier sind schnell vorüberrauschende Gegenstände von größter Bedeutung. Kann es doch ein Pflanzenfresser sein, der sich für den ewig hungrigen Magen erbeuten ließe. Darum muß sich der Hund beeilen. Denn wenn ein schnellfüßiger Pflanzenfresser erst einen gewissen Vorsprung hat, ist er schwer einzuholen. Die Katze dagegen lassen schnell sich bewegende Räder ganz kalt, denn sie weiß, daß sie schnell vorüberhuschende Gegenstände nicht einholen kann.
Es ist eine alte Erfahrung, daß ein Mensch, der vor einem fremden Hunde anfängt davon zu laufen, viel eher gebissen wird, als wenn er stehen bleibt. In dem Hunde werden eben durch die schnellen Bewegungen des Menschen die uralten Raubtierinstinkte wachgerufen.
Außer der Lebensweise der wilden Verwandten muß noch ein zweiter Punkt berücksichtigt werden, der den meisten Menschen vollkommen unbekannt ist: Die Sinne des Hundes sind durchaus verschieden von denen des Menschen.
Der Jäger weiß seit Urzeiten, daß der Hund viel besser mit seiner Nase das Wild aufspürt, als er es je mit seiner Menschennase zu tun vermöchte. Gerade deshalb hat er sich einen Hund angeschafft. Es ist selbst den meisten Großstädtern bekannt, daß die Hundenase der menschlichen überlegen ist. Aber die wenigsten wissen, daß das Auge des Hundes bei Tageslicht wenig taugt. Dafür seien einige Beispiele angeführt.
Ein Gutsbesitzer wunderte sich darüber, daß jedesmal, wenn er mit seinem Wagen an den weidenden Kühen vorüberfuhr, die beiden Hirtenhunde mit großem Geblaff die beiden vor dem Wagen gespannten Schecken, d. h. weiß und dunkel gefärbten Pferde, verfolgten. Er sprach mit dem Kuhhirten darüber, der ihm folgende Erklärung gab. Die Hunde halten die beiden Schecken wegen ihrer ähnlichen Färbung ebenfalls für Kühe und wollen verhindern, daß sie sich von der Herde entfernen. Deshalb laufen sie mit Gebell hinterdrein.
Die Erklärung des Kuhhirten dürfte durchaus richtig sein, wie man ja überhaupt unter solchen Leuten ausgezeichnete Tierbeobachter antrifft. Wie wenig muß aber das Hundeauge fähig sein, Einzelheiten zu unterscheiden, wenn es ein Pferd mit einer Kuh verwechseln kann.
Der Schweizer Bildhauer Urs Eggenschwyler schildert eine ähnliche Verwechselung. Er hielt sich einen jungen Löwen von etwa sechs Monaten, mit dem er spazieren ging. Ein Ziehhund hielt die mächtige Katze für Seinesgleichen und wollte mit ihr raufen. Erst als er sie vorher beroch und plötzlich merkte, wen er vor sich hatte, flüchtete er mit allen Zeichen großer Angst.
Ein deutscher Forstbeamter in Rußland berichtete vor dem Weltkriege folgendes Erlebnis. Sein Dachshund wurde von einem Wolf gepackt und fortgeschleppt. Schnell schoß er nach dem Räuber, der zwar nicht getroffen wurde, aber die Beute fallen ließ. Nachdem der Hund wiederhergestellt war, flüchtete das sonst so mutige Tier vor jedem grauen Geschöpf von Wolfsgröße, z. B. vor einem Schafe.
Von eigenen Erlebnissen möchte ich hier nur folgende anführen.
Wir hatten einmal einen Hund, der sich sehr zum Raufbold entwickelt hatte, weshalb ich ihn an der Leine führte. Wie alle Hunde, suchte er mit Vorliebe Hundebekanntschaften auf der Straße zu machen. In einer ziemlich leeren Straße eines Vororts zerrte er plötzlich mächtig an der Leine, was mich wunderte, da ich keinen anderen Hund erblicken konnte. Dagegen hatte ein Arbeiter das Pflaster aufgerissen und arbeitete in der Grube, wobei sein Rücken hervorschaute und sich hin und herbewegte. Wie ich den Blick des Hundes verfolgte und die Leine nachließ, wollte er wirklich auf diesen Mann zulaufen, dessen Rücken er für einen Hund hielt.
Sehr oft habe ich erlebt, daß Hunde die auf Zäunen verkehrt aufgestülpten Geschirre für Katzen hielten und anbellten.
Noch beweisender dürfte folgender Vorfall sein. Wir, d. h. ich und etwa ein halbes Dutzend Herren, waren bei einem Freunde zu einer Hasenjagd eingeladen. Jeder führte einen prächtigen Hund bei sich. Es war im Januar und schönster Sonnenschein, aber sehr windig. Wie wir das Revier betreten hatten, sahen wir mit einem Male, daß der Wind von der etwa einige hundert Schritt entfernten Chaussee ein Stück braunes Packpapier uns zutrieb. Ein menschliches Auge konnte mit Leichtigkeit bei dem klaren Sonnenschein erkennen, was es war. Die Hunde dagegen hielten das heranrollende Papier für einen Hasen, und als wir zum Zwecke einer Prüfung sie losließen, stürzten sie alle darauf. Erst als sie kurz vor dem Papiere in die Windrichtung gekommen waren, klärte sie ihre Nase über den Irrtum auf.
Das Auge des Hundes kann also bei Tageslicht keine Einzelheiten unterscheiden. Daher rühren die groben Verwechselungen.
Was man dagegen anführt ist nicht stichhaltig. So hört man oft erwidern: Ein Hase, der ein paar hundert Schritt entfernt lief, wurde von meinem Hunde gesehen. Folglich muß er gute Augen haben.
Der Schluß ist falsch. Der Hund hat nur gesehen, daß sich etwas Braunes bewegte. Er hat vermutet, daß es ein Hase war, aber nicht gewußt. Ebenso beweist es nichts, wenn er einen im Schaufenster ausgestellten ausgestopften Fuchs wütend anbellt. Denn er würde ebensowütend bellen, wenn man diesen Fuchs mit einem rothaarigen Dachshund vertauschte.
Dagegen sieht der Hund unzweifelhaft in der Dunkelheit besser als der Mensch. Infolge der großen Pupillen, d. h. des Schwarzen im Auge, fallen alle Lichtstrahlen in das Auge. So findet sich der Hund in der Dunkelheit leicht zurecht, beispielsweise wenn wir mit ihm zur Nachtzeit durch einen Wald wandern. Das ist auch gar nicht wunderbar, denn wie Wölfe, Schakale und Füchse, ist auch der Hund ursprünglich ein nächtliches Tier.
Gewöhnlich heißt es von der Katze, daß sie ausnahmsweise ein nächtliches Leben führe. Das ist aber nicht zutreffend. Allerdings ist die Katze noch mehr Nachttier als der Hund. Das kommt aber daher, weil ihre Beutetiere, die Mäuse und Ratten, erst in der Dunkelheit aus ihren Löchern kommen. Sie muß also aus diesem Grunde ihre Haupttätigkeit in der Nacht ausüben, während der Hund sich mehr der Lebensweise des Menschen angeschlossen hat und deshalb als Haustier mehr am Tage tätig ist.
Sodann nimmt das Auge des Hundes infolge seines Baues Bewegungen schneller wahr als das des Menschen. Das muß man daraus schließen, weil alle Tiere mit schwachen Augen allgemein auf Bewegungen furchtbar achten. Für den Jäger früherer Zeiten ist es oft eine Lebensfrage gewesen, ein Stück Wild zu erbeuten, um seinen quälenden Hunger zu befriedigen. Er hat daher stets zu den besten Tierbeobachtern gehört. Nun ist es seit alter Zeit für den Jäger ein feststehender Grundsatz, angesichts eines Tieres, das er erbeuten will, niemals eine Bewegung zu machen. Ein Hirsch, ein Reh, ein Fuchs und andere feinnasige Tiere flüchten gewöhnlich nicht, wenn man regungslos stehen bleibt, namentlich wenn die Kleidung mit der Umgebung übereinstimmt. Deshalb trägt ja auch der Jäger ein der Waldfarbe angepaßtes Kleid. Die geringste Bewegung genügt jedoch, den Hirsch, das Reh oder den Fuchs zu einer blitzschnellen Flucht zu veranlassen.
Das Anbellen der Räder durch Hunde erscheint daher erklärlich, weil sie als frühere Hetzraubtiere gern alles, was sich schnell bewegt, verfolgen, damit es ihnen nicht entkommt, und weil das Auge der Hunde Bewegungen sehr gut sieht.
Peter hat, wie wir zu unserm Staunen sahen, schauderhaften Unrat mit Wonne verzehrt. Auch das kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß der Hund ein früheres Raubtier war.
Wir wissen, daß, wenn ein Mensch oder ein größeres Tier stirbt, für die Beseitigung der Leichen gesorgt werden muß. Denn ohne eine derartige Vorsorge könnten gefährliche Krankheiten ausbrechen. Namentlich in heißen Ländern würde die Gefahr sehr groß sein. Es ist nun für die Menschen in diesen Gegenden sehr bequem, daß es zahlreiche Tiere gibt, die ihm diese gerade nicht sehr angenehme Arbeit abnehmen.Namentlich Geier, Hyänen und Schakale finden sich bei jedem toten Tier ein, und in kurzer Zeit ist alles aufgefressen.
In Europa sind besonders Wolf und Fuchs, außerdem aber auch das Wildschwein neben den rabenartigen Vögeln als Aasfresser bekannt. Der Hund ist seinen Verwandten in dieser Hinsicht sehr ähnlich und hat ebenfalls eine besondere Vorliebe für verweste Dinge. Manche Hunde pflegen sogar sich mit dem Rücken auf dem Unrat zu wälzen. Das ist für den Herrn besonders unangenehm, denn das Tier verpestet später die ganze Wohnung.
Reiche Leute sind oft entsetzt, wenn ihr Köter, der in ihrer Wohnung nur die besten Sachen vorgesetzt erhält, auf der Straße allerlei Unrat verzehrt. Sie eilen gewöhnlich dann mit dem Hunde zum Tierarzt, was ganz überflüssig ist. Im allgemeinen weiß jedes Tier viel besser, was ihm zuträglich ist, als der Mensch.
Ich bin oft gefragt worden, was man bei einem Hunde machen soll, der ein sogenannter »Parfümeur« ist, d. h. sich den Rücken mit Unrat einreibt. Manche Jäger haben schon ihren Hund erschossen, nachdem alles Prügeln vergeblich war. Sie haben das schweren Herzens getan, weil gewöhnlich Parfümeurs ausgezeichnete Hunde sind. Prügeln ist wertlos. Der Hund versteht ja gar nicht, weshalb er Strafe bekommt. Jedem Geschöpfe riecht das schön, was ihm bekömmlich ist. So riecht dem Hunde der Unrat wunderbar schön, weshalb er sich von dem Duft etwas mitnehmen möchte. Wie der Mensch sich ein Veilchen in das Knopfloch steckt, so wälzt sich der Hund mit dem Rücken im Unrat. Ich habe immer gefunden, daß die Leute es am besten machten, die ihren Hund bevor er die Wohnung betrat, erst nach einem Teich oder Graben führten und ihn etwas daraus apportieren ließen. Dann war er ohne große Umstände wieder gereinigt.
Jedenfalls darf ein Mensch, der auf Sauberkeit hält, niemals einen Hund küssen. Weil der Hund als früherer Aasfresser jeden Dreck beschnuppert, deshalb soll man namentlich Kindern aufs strengste verbieten, ein Hundemaul ihrem Gesicht zu nahe kommen zu lassen. Es wird später besprochen werden, daß hierbei noch andere Gefahren drohen.
Wenn wir einem Pferde oder Schafe beim Saufen zusehen, so bemerken wir, daß es die Lippen in das Wasser steckt und saugend trinkt. Hunde dagegen, wie die meisten Raubtiere, lecken das Wasser mit ihrer langen Zunge. Sie sind dadurch imstande, einen Teller mit einer Flüssigkeit ganz rein zu lecken, während der Mensch, wenn er das gleiche Ziel erreichen wollte, zu diesem Zwecke den Teller hochkippen müßte.
Die Pflanzenfresser, die den Tag über ein- oder zweimal zum Wasser laufen, um ihren Durst zu löschen, können sich eine Wasserstelle aussuchen, die tief genug ist, um das Trinken durch Saugen zu gestatten. Bei den Raubtieren aber liegt die Sache anders. Sie kommen bei der Verfolgung oft in Gegenden, wo weit und breit keine Trinkstellen anzutreffen sind, höchstens infolge eines vorhergegangenen Regens ganz flache Wasserpfützen. Trotzdem können sie mit ihrem Lappen den Durst stillen.
Unser Peter lappt also das Wasser unten am Brunnen, weil das große Hundemaul zum Saugen schlecht paßt, und weil das Schnellen mit der Zunge für Raubtiere vorteilhaft ist.
Uralter Aberglaube ist es, daß der Wolf, im Gegensatz zum Hunde, das Wasser nicht lappt, sondern wie ein Schaf säuft. Ich habe mir daraufhin im Zoologischen Garten sämtliche Wolfsarten beim Saufen angesehen und konnte feststellen, was so auch ganz selbstverständlich ist, daß sie genau wie unsere Hunde das Wasser mit der Zunge lappen. Da der Aberglaube unausrottbar ist, so sei hier das bei dieser Gelegenheit immer wieder aufgetischte Märchen erzählt.
Hiernach befänden sich unter den Jungen der Wölfe häufig solche, die aus einer Paarung mit Haushunden herrührten. Diese sogenannten Wolfshunde seien als ausgezeichnete Hunde von den Bewohnern besonders geschätzt. Deshalb warteten diese, bis die Wölfin ihre Jungen zum Wasser führte. Hierbei stellte sich nämlich der Unterschied zwischen den echten Wölfen und den Wolfshunden heraus. Jene söffen als Wölfe wie die Schafe, während die Wolfshunde, weil sie von Hunden stammten, wie diese lappten. Die Wölfin wäre über diese ungeratene Brut empört und stieße sie ins Wasser, damit sie ertränken. Die Landbewohner warteten auf diese Verstoßung der eigenen Kinder und fingen die zappelnden Wolfshunde auf, um sie großzuziehen.
Dieses Märchen ist ganz albern. Es ist nicht wahr, daß der Wolf anders trinkt als der Hund. Bei seinem großen Rachen ist das Trinken, wie das Schaf es tut, ausgeschlossen. Trotz seiner Albernheit wird dieses Märchen von ernsten Männern weiter erzählt, als wenn sie selbst ein Dutzend Wolfshunde in der geschilderten Weise aufgefangen hätten.
Es ist nicht weiter wunderbar, daß unser Peter sich in die Sonne gelegt hat. Denn die Vorliebe des Hundes für einen warmen Platz ist sehr bekannt. Der Landbewohner, der das ganze Jahr über beobachten kann, mit welchem Wohlbehagen die Hunde in dem warmen Sonnenschein ihre Glieder strecken, sagt zu seinen Kindern, wenn sie ebenfalls ruhen und ihren Gliedern die bequemste Lage geben, sie sollen sich nicht »rekeln«. Rekel oder Räkel ist nämlich der Hund, und der Sinn der Worte ist natürlich der, sie sollen es nicht dem Hunde nachtun, der in der Sonnenwärme ruht.
Noch bekannter ist die Vorliebe des Hundes für den warmen Ofen, woher die Redensart stammt, »den Hund vom warmen Ofen fortlocken«. Allgemein heißt es, daß es für den Hund sehr schädlich sei, sich am warmen Ofen aufzuhalten, und daß es daher gut sei, ihn davon fortzujagen.
Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß ein Tier gewöhnlich weit besser versteht, was ihm frommt, als der Mensch. Der Hund gehört wie seine Vettern Wolf, Fuchs usw. eben zu den nächtlichen Tieren. Alle nächtlichen Tiere haben das Bedürfnis, zur Erhöhung ihrer Körperwärme warme Stellen aufzusuchen.
Es kommt einfach daher, daß die Katze, wenn sie sich sonnt, weit weniger auffällt, weil sie das mit Vorliebe auf Dächern tut, wo sie vom Menschen nicht gesehen wird. Füchse sind oft vom Jäger überrascht worden, wenn sie sich am Tage von den warmen Sonnenstrahlen bestrahlen ließen und hierbei die Annäherung des Jägers übersehen hatten. Die Eulen, diese ausgesprochenen Nachttiere, gehen in der Gefangenschaft zugrunde, wenn man ihnen nicht Gelegenheit gibt, sich von der warmen Sonne bescheinen zu lassen.
Wenn also ein sonst abgehärteter Hund hin und wieder am Ofen liegt, so braucht man sich darüber nicht aufzuregen. Denn im allgemeinen wird es für seine Gesundheit vorteilhaft sein.
Vor dem Hinlegen pflegen die meisten Hunde sich einige Male herumzudrehen. Der große Naturforscher Darwin erklärte diese merkwürdige Bewegung damit, daß sich die Wildhunde in der Vorzeit erst herumdrehen mußten, ehe sie in dem dichten Grase eine geeignete Stelle zum Niederlegen hatten. Diese Ansicht dürfte aus folgenden Gründen nicht richtig sein. Bei großer Hitze dreht sich der Hund überhaupt nicht vorher herum, sondern streckt alle Viere möglichst weit von sich. Auch drehen sich die Wildhunde dort, wo dichtes Gras steht, nicht vor dem Hinlegen herum. Der Hund dreht sich vielmehr immer dann herum, wenn er warm liegen und zu diesem Zwecke den Körper einen Kreis bilden lassen will, damit möglichst wenig Außenfläche vorhanden ist. Um den Kreis bei seinem ungelenken Rückgrat herauszubekommen, gibt sich der Hund vorher mehrmals einen Schwung durch Herumdrehen.
Wir sprachen vorhin davon, daß Peter etwa zwei Jahre alt ist. Welchem Alter des Menschen entspricht ein solches Hundealter?
Ein alter deutscher Ausspruch sagt, daß ein Menschenalter gleich drei Pferdealtern sei, und ein Pferdealter wiederum drei Hundealtern gleichkomme. Dieser Ausspruch ist recht ungenau. Setzt man ein Menschenalter auf 70 Jahre, so kämen auf das Pferd fast 25 Jahre, was etwas hoch ist. Auf den Hund kämen aber nur etwa acht Jahre, was viel zu wenig ist.
Gewöhnlich setzt man das Alter des Hundes auf 10 bis 12 Jahre fest. Manche nennen auch 15 Jahre, sogar 30 Jahre. Wie beim Menschen kommt es natürlich sehr auf die Lebensweise an. Es gibt Menschen, die hundert Jahre alt werden, während andere schon mit fünfzig Jahren verbraucht sind. Aehnliches beobachten wir bei den Hunden. Unter günstigen Verhältnissen erreichen sie ohne Frage ein Alter von etwa 18 Jahren. Das ist mir von verschiedenen Hundebesitzern bestätigt worden, und ich habe nach meinen eigenen Beobachtungen keinen Anlaß, daran zu zweifeln. So fällt mir folgendes Erlebnis ein, das sich im tiefsten Frieden vor etwa ein Dutzend Jahren ereignete. Ich war auf einer Wanderung begriffen und kehrte in dem Gasthof eines Dorfes nicht weit von Berlin ein. Die Besitzerin war eine reiche Bäuerin, die sehr viel Land und Vieh besaß. Mir fiel der Hund auf, da er anscheinend sehr bejahrt war, und ich erkundigte mich bei der Wirtin nach seinem Alter. Die Frau erzählte mir, daß er gleichzeitig mit ihrer Tochter, die jetzt achtzehn Jahre alt sei, Geburtstag feiere. Das wollte ich nicht glauben und ich fragte bei einem zweiten Besuche die Tochter nach dem Alter des Hundes. Diese machte die gleichen Angaben wie ihre Mutter und erzählte mir noch mancherlei von dem Tiere. Namentlich ist mir noch folgendes im Gedächtnis geblieben: Ihre Mutter könne sich von dem alten Tier nicht gut trennen und sei deshalb vor einiger Zeit mit ihm zum Tierarzt gegangen. Dieser habe sich den Hund angesehen und dann gesagt: »Frau Krüger, haben Sie nicht eine Schrotflinte zu Hause?« Da sei ihre Mutter furchtbar wütend geworden und mit dem Hunde fortgegangen. Seitdem wolle sie von dem Tierarzt nichts mehr wissen.
Bei gesundem Leben auf dem Lande, wo der Hund sich unter natürlichen Verhältnissen befindet, ist also ein Lebensalter von achtzehn Jahren nicht unmöglich.
Wenn ein Geschöpf kaum zwei Jahrzehnte alt wird, so muß es natürlich früher als der Mensch erwachsen sein. Das ist auch bei dem Hunde der Fall. Mit sechs Wochen entwöhnt man ihn gewöhnlich von der Milch der Hündin, und mit sechs Monaten pflegt er die volle Größe zu erreichen. Aber richtig ausgewachsen ist er erst mit zwei Jahren.
Hier liegt ein großer Unterschied zwischen Mensch und Hund vor. Der Hund erreicht seine volle Größe schon nach einem halben Jahre, während der Mensch etwa achtzehn Jahre alt werden muß. Ist der Mensch aber mit achtzehn Jahren zu seiner vollen Größe gelangt, so ist er sicherlich mit 24 Jahren vollkommen ausgewachsen. Diese Verschiedenheit muß natürlich ihren Grund haben und hat ihn auch. Die Aufklärung finden wir wieder dadurch, daß wir an die Lebensweise der wilden Verwandten denken.
Die Wölfe paaren sich im Januar oder Februar. Nach 63 Tagen, also etwas über zwei Monaten, gewöhnlich im April, wirft die Wölfin etwa drei bis zwölf, gewöhnlich vier bis sechs Junge.
Die im Frühjahr geworfenen Welpen (Wolfsjunge) können sich in der schönen Jahreszeit prächtig entwickeln. Kommt der Herbst heran, so haben sie schon die Größe eines Wolfes und müssen sie haben. Denn jetzt rudeln sich die Wölfe zusammen, um gemeinsam während der kalten Jahreszeit auf alles Getier Jagd zu machen. Wären die jungen Wölfe nicht schon so groß wie die alten, so würden sie nicht imstande sein, gemeinsam langdauernde Hetzen zu machen. Auch würden sie, wenn endlich der Elch oder der Hirsch erbeutet ist, bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten weggebissen, wohl gar getötet werden.
Da Hund und Wolf die gleiche Tragezeit haben, so verstehen wir, weshalb sich jeder Hundekenner einen im April oder Mai geworfenen Hund zur Aufzucht wählen wird. Genau so liegt die Sache bei der Katze. Bei dem Menschen ist es gleichgültig, ob er im Winter oder im Sommer geboren ist. Denn er kann das Versäumte nachholen. Ein Hund dagegen oder eine Katze, die im August geboren ist, kann niemals die mangelnde Entwicklung nachholen. Denn wenn der nächste Sommer kommt, sind sechs Monate schon vorüber, und die Entwicklung bereits abgeschlossen.
Die jungen Hunde können bei der Geburt weder sehen noch hören. Erst nach neun bis zwölf Tagen öffnen sich ihre Augen.
Allgemein herrscht der Glaube, daß man das vortrefflichste Junge an folgendem Merkmal erkennen kann. Man bringt die Jungen auf eine andere Stelle, dann wird es zuerst von der Mutter zum Lager zurückgetragen werden. Erfahrene Hundezüchter bestreiten jedoch, daß das richtig sei.
Warum hat nun der Mensch nur ein Kind, höchstens zwei bis vier, der Hund dagegen manchmal 15 und 18 Junge? Auch das hat natürlich seinen Grund, den wir ausfindig machen, wenn wir uns die Lebensweise der wilden Verwandten näher ansehen.
Im Winter zwingt der Hunger die Wölfe, sich an große wehrhafte Pflanzenfresser, also Wildrinder, Wildschweine, Elche usw. zu wagen. Wenn auch gewöhnlich das Rudel Wölfe siegreich bleibt, so verkaufen die Pflanzenfresser ihr Leben nicht billig. Ein paar Wölfe müssen gewöhnlich daran glauben. So sagt schon ein altes Jägersprichwort: Wer Eberköpfe haben will, muß Hundeköpfe daransetzen. Das heißt also, daß die Ueberwindung eines starken Keilers, d. h. männlichen Wildschweins, ein paar Hunde kostet, die von den Hauern des Borstentieres zuschanden geschlagen werden. Bei den anderen Wildhunden liegt die Sache ähnlich. Die Hyänenhunde in Afrika sollen den Löwen, die Kolsums in Asien den Tiger angreifen, wobei natürlich ein Rudel sehr viel Mitglieder verliert.
Der Hund muß also deshalb so viel Junge haben, weil er in jedem Jahre bei seinen Angriffen zahlreiche Kameraden verliert. Diese Lücken müssen notgedrungen ausgefüllt werden.
An mancherlei Eigentümlichkeiten ersieht man, daß der Hund, wenn er auch mit sechs Monaten bereits die volle Größe erlangt hat, doch erst mit zwei Jahren wirklich erwachsen ist. Die Jugend ist am meisten zum Spielen aufgelegt, und so sind auch junge Hunde sehr spiellustig.
Die Einflößung des Spieltriebes bei jungen Menschen und jungen Tieren dient natürlich gewissen Zwecken. Die Kinder und die Jungtiere sollen sich nämlich für ihre künftigen Lebensaufgaben die Glieder stärken.
Jetzt verstehen wir, weshalb junge Hunde regelmäßig Haschen spielen, junge Katzen aber nicht. Hunde sind Hetzraubtiere, schnelles Laufen ist demnach bei ihnen die Hauptsache. Katzen erbeuten aber ihre Nahrung nicht durch Hetzen.
Der junge Hund ist nicht nur spiellustig, sondern ihm fehlt auch noch der feste Grundzug seines Wesens, der sogenannte Charakter. Sehr oft wollen Leute ihren jungen Hund weggeben, weil er zu Fremden zu zutraulich ist, keinen Mut zeigt und überhaupt zu waschlappig ist. Da viele Hunde, die in der Jugend zu solchen Beanstandungen Anlaß gegeben haben, sich mit zwei Jahren vollkommen verändert haben, so kann man über den Grundzug eines Hundes vor Erreichung dieses Alters kein Urteil abgeben.
Peter ist, wie schon erwähnt wurde, ein Spitz, und zwar ein sogenannter Wolfsspitz von grauer Farbe. Die Hunde gehören zu den Säugetieren, denn sie werden von ihren Müttern gesäugt. Mit den Vögeln, Fischen, Reptilien, z. B. Schlangen, und Amphibien, z. B. Fröschen, gehören die Säugetiere zu den Wirbeltieren d. h. den Rückgrattieren, deren Körper eine Wirbelsäule durchzieht, im Gegensatz zu den andern Stämmen des Tierreichs. Zu den letztgenannten gehören z. B. die Schnecken und andere Weichtiere, die Insekten und andere Gliederfüßer, die Würmer und andere mehr.
Die Säugetiere zerfallen in zahlreiche Ordnungen, so in die Affen, die dem Menschen ähnlich sind, die Nager, z. B. die Ratten mit ihren Nagezähnen, die Huftiere, z. B. die Pferde mit ihren harten Hufen, die im Gegensatz zu denen der meisten anderen huftragenden Tieren nicht gespalten sind, und in die Raubtiere. Ein Kennzeichen für das Raubtier ist das Gebiß. Denn wenn ein Tier nicht von Pflanzen, sondern von anderen Tieren leben will, so muß es sie vorher töten. Da Tiere kein Handwerkszeug besitzen, so müssen sie hierzu geeignete Gliedmaßen haben, also entweder bewehrte Füße wie die Katzen oder ein zum Töten geeignetes Gebiß.
Hunde haben keine Wehrpfoten, ebenso auch die anderen hundeartigen Geschöpfe nicht (die sogenannten Kaniden). Wehrpfoten nennt man auch Pranken oder Branten. Es ist also falsch, wenn man von den Pranken des Wolfes spricht, denn er besitzt keine. Wölfe, Schakale, Wildhunde, Füchse usw. können mit ihren Pfoten nicht kämpfen. Sie können damit nur rennen oder graben. So kann ein Hund sehr schnell ein Mäuseloch aufbuddeln, was die Katze nicht nachmachen kann. Ebenso können sie Ställe unterwühlen, um zu den Insassen zu gelangen. Hunde haben also Renn- oder Grabpfoten.
Als Ersatz für die fehlenden Wehrpfoten, womit die Katzen außer ihrem Gebiß ausgestattet sind, haben die Hunde ein mächtiges Gebiß. Ein Dachshund kann einen Fuchs abwürgen, was die gleichgroße Katze mit ihrem kleinen Maule nicht könnte.
Der Hund, der wie der Mensch zunächst ein Milchgebiß bekommt, hat ausgewachsen 12 Schneidezähne 4 langhervorragende Eckzähne, oben 12 und unten 14 Backenzähne. Er hat dünne Beine und vorn meist fünf, hinten vier Zehen an den Füßen. Seine Krallen sind nicht zurückziehbar. Er ist ein Zehengänger, d. h. er geht nicht wie der Mensch oder Bär aufder Fußsohle, sondern auf den Zehen. Sein Knie befindet sich daher am Bauche, nicht, wie man so häufig hört, in der Mitte des Beines. Wenn wir recht schnell fortkommen wollen, laufen wir übrigens auch auf den Zehen.
Von den Hunderassen sollen nur die in Deutschland bekanntesten angeführt werden.
Auf den ersten Blick sieht man, daß die Spitze mit den Schäferhunden große Aehnlichkeit haben. Am häufigsten dürfte jetzt der deutsche Schäferhund zu sehen sein, während es früher der Colly oder schottische Schäferhund war. Zwergform des Spitzes ist der sogenannte Zwergspitz.
Zu den Schäferhunden muß man auch die Pudel und Pinscher stellen. Den Pudel kennt jedes Kind wegen seines auffallenden Haarwuchses. Von den Pinschern sieht man jetzt sehr häufig den Dobermann-Pinscher, während der früher sehr beliebte Schnauzer seltener ist. Auch hier gibt es Zwergformen, nämlich die glatthaarigen Pinscher, z. B. Rehpinscher, und die rauhhaarigen Pinscher, die sogenannten Affenpinscher.
Ein echter deutscher und sehr schöner großer Hund ist die deutsche Dogge. Etwas kleiner ist der deutsche Boxer, der im Gegensatz zur englischen Bulldogge auf geraden Beinen steht. Die Zwergform der Doggen ist der Mops, den man jetzt selten zu Gesicht bekommt. Sehr beliebt dagegen ist jetzt die französische Zwergbulldogge mit ihren Fledermausohren. Andere hierher gehörige große Hunde sind der Neufundländer und die Bernhardiner.
Von Jagdhunden dürfte dem Großstädter der kleine krummbeinige Dachshund oder Dackel am bekanntesten sein, da er viel gehalten wird, ferner der ewig unruhige, bellustige Terrier, der in seiner Färbung an ein Meerschweinchen erinnert. Den Gegensatz zum Dachshund bildet der Windhund, dem man schon äußerlich an seinen hohen Beinen seine Schnelligkeit ansieht. Die Zwergform von ihm ist das Windspiel, das sehr zierlich, aber gegen Kälte sehr empfindlich ist. Zu den eigentlichen Jagdhunden gehört der Vorstehhund oder Hühnerhund, wobei natürlich unter Hühner nicht die Haushühner, sondern die im freien Felde hausenden Rebhühner gemeint sind. Hühnerhund ist also ein Hund, der zur Jagd auf Rebhühner bestimmt ist, indem er nämlich dem Jäger durch seine feine Nase die Stellen anzeigt, wo sich Rebhühner aufhalten.
Von ausländischen Hunden wäre allenfalls noch zu erwähnen der als Polizeihund vielfach verwendete Airedaleterrier, der wie unser großer Pinscher aussieht, aber einen schwarzen Rücken besitzt. Sehr auffallend ist auch der Skye(ßkai)-Terrier, der an eine dicke Wurst, die stark behaart ist, erinnert.
Kehren wir jetzt zu unserem kleinen Helden zurück. Der Mann seiner Herrin, der jetzt auch sein Herr ist, geht zur Arbeit, und Peter pflegt ihn bis zur Haltestelle der Straßenbahn zu begleiten. Es ist merkwürdig, welchen Zeitsinn ein Tier besitzt, denn er hat sich bereits erhoben undwartet unruhig auf das Erscheinen seines Herrn. Lustig springt er an ihm hoch und apportiert zunächst ein auf den Damm geworfenes Stück Holz. Das tut er jeden Morgen, denn er apportiert sehr gern. Das weiß sein neuer Herr, und da er auch ein großer Tierfreund ist, so tut er dem Hunde den Gefallen. Hat er Zeit, läßt er das Tier mehrmals apportieren, denn Peter ist unermüdlich darin. Heute aber hat er es eilig, und so muß sich der Hund mit dem einen Male begnügen. Peter bringt seinem vorangeeilten Herrn das Stück Holz und läuft dann ein Stück voraus. Die schöne Morgensonne hat auch ein anderes Nachttier, eine große Katze, veranlaßt, sich vor dem Keller in ihren Strahlen ordentlich zu erwärmen. Peter bellt sie zwar mächtig an, aber er muß von seinem Herrn oder von ihr früher ordentliche Hiebe erhalten haben, denn er ist sehr vorsichtig. Die Katze macht zwar einen Buckel, aber sie denkt nicht daran, in den Keller zu flüchten. Ueberdies wird der Ausbruch eines Streites durch die Dazwischenkunft seines Herrn verhindert, der Peter abpfeift und ihm streng alle Angriffsgelüste verbietet.
Peter verschwindet jetzt unseren Augen, aber wir brauchen nicht lange zu warten, so taucht er wieder in unserem Gesichtskreise auf. Denn die Haltestelle ist nur wenige Schritte von der Ecke entfernt, und die Fahrgelegenheit im allgemeinen günstig. Peter bummelt jetzt heimwärts und will dabei, wie es alle Hunde tun, mit jedem ihm begegnenden Artgenossen Bekanntschaft schließen.
Höchst merkwürdig ist es nun für unsere Begriffe, daß sich zwei Hunde, die sich kennen lernen wollen, nicht wie Menschen ins Gesicht, besonders in die Augen sehen, sondern daß sie sich gegenseitig beriechen und ausgerechnet auch noch an der Verlängerung des Rückens. So tut es auch unser Peter mit einem ihm begegnenden Terrier. Die Untersuchung muß nicht zur gegenseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn beide Hunde nehmen die Stellung von Kampfhähnen an und fletschen die Zähne. Weilten wir in der Nähe, so würden wir sicherlich auch das Knurren der beiden Tiere hören. Doch auch hier kommt es nicht zu einer Beißerei, da der Besitzer des Terriers seinen Hund am Halsband packt und fortreißt. Befriedigt zieht Peter seines Weges, doch sein Selbstbewußtsein erleidet plötzlich einen starken Stoß. Eine große Dogge nähert sich ihm mit anscheinend sehr wenig freundlichen Gefühlen. Peter klemmt den Schwanz zwischen die Beine und flüchtet nach seinem Keller. Kaum ist er in seinem Bereiche angelangt, so dreht er sich um und bietet seinem Feinde mutig die Spitze. Auch die Dogge hat anscheinend vor dem fremden Eigentum Achtung, denn sie setzt ihre Verfolgung nicht fort. Nachdem sie verschwunden ist, und Peter trotz seines wiederholten Bellens nicht die Türe geöffnet wird, was sonst stets der Fall ist, scheint unserem Spitz der Gedanke zu kommen, daß seine eigentliche Herrin in der Zwischenzeit fortgegangen ist. Das ist auch in der Tat der Fall gewesen, denn wir haben sie kurz nach dem Weggange ihres Mannes den Keller verlassen sehen. Peter schnuppert jetzt vor dem Keller sorgfältig umher und sucht anscheinend die Fährte seiner Herrin. Nach mehrfachem Hin- und Herrennen folgt er schließlich einer Spur, die, wie wir wissen,richtig ist. Doch ist es leicht möglich, daß der Hund nur deshalb die richtige Spur hält, weil seine Herrin in der Frühe regelmäßig diesen Weg zu machen pflegt.
Auch hier wollen wir zunächst eine Pause machen und die Handlungsweise unseres Peter zu verstehen suchen.
Es ist seit alten Zeiten bekannt, daß Haustiere sich pünktlich zu ihren Mahlzeiten melden. Wenn sich nun jemand darüber wunderte, wodurch das Tier die Stunde der Mahlzeit wisse, da es doch keine Uhr kenne, so wurde erwidert, daß die eigentliche Uhr sein Magen sei, der ihm die rechte Zeit angebe. Auch könne beispielsweise ein Hund an den Vorbereitungen, z. B. an dem Decken des Tisches leicht erkennen, daß es bald etwas zu essen gäbe. Es ist nun gewiß richtig, daß man überall mit den einfachsten Erklärungsversuchen einer Sache auf den Grund gehen soll. Aber es gibt zu viele Fälle, die sich mit der Magenuhr beim besten Willen nicht erklären lassen.
So wohnte ich bei einem Manne, dessen großer Neufundländer täglich seinem Töchterchen um 12 Uhr entgegen lief, um ihr die Schulmappe zu tragen, wenn sie aus der Schule kam. Woher wußte nun der Hund, daß es kurz vor 12 war? Gegessen wurde erst um 1 Uhr.
Ein Kaufmann, der täglich um 5 Uhr sein Geschäft schloß, versicherte mir, daß sein Hund, der sonst unter seinem Schreibtisch ruhig lag, fast auf die Minute genau sich erhebe und seinen Herrn schwanzwedelnd anblicke, ob es nicht nach Hause gehe. Auf seinen Wunsch habe ich mir den Hund und sein Benehmen im Geschäft mit eigenen Augen angesehen. Der Vorfall spielte sich in Friedenszeiten ab, so daß der Hunger als Magenuhr nicht in Betracht kam. Ueberdies hat der Kaufmann seinen Hund während der Geschäftszeit bis 5 Uhr reichlich gefüttert, damit ihn nicht etwa die Erwartung auf das Essen in der Wohnung veranlasse, seinen Herrn zum Aufbruch aufzufordern.
Bekannt ist es auch, daß gefangene Zugvögel in der Nacht, wo ihre Artgenossen nach dem Süden gezogen sind, höchst unruhig im Käfig umherflattern.
Bei der Jagd ist es eine allbekannte Erscheinung, daß z. B. ein Rehbock auf die Minute aus dem Walde tritt, um sich auf das Feld zu begeben, wo er fressen will. Ebenso zeigen sich die Schnepfen im März fast um dieselbe Zeit, gewöhnlich dann, wenn die Glocken geläutet werden.
Ein aufmerksamer Tierbeobachter kann oft wahrnehmen, daß Hunde sich um dieselbe Zeit treffen, um gemeinsam zu spielen oder zu jagen.
Ebenso rätselhaft wie der Zeitsinn der Tiere ist ihr Ortssinn. Gerade bei Hunden muß man oft über ihn staunen.
Wir kennen alle die Geschichte von dem Peter in der Fremde. Er hat es endlich durchgesetzt, daß er auf Reisen gehen darf. Jetzt aber kommt er an einen Kreuzweg, und niemand ist da, der ihn zurechtweist.
Man sollte meinen, daß die Tiere erst recht in Verlegenheit wären, sobald sie an einen Kreuzweg gelangten. Wir Menschen können unswenigstens dadurch helfen, daß wir die Straßen benennen und den Häusern Nummern geben. So können wir verhältnismäßig leicht nach Hause finden, indem wir uns die Straße und die Nummer des Hauses merken, wo wir wohnen.
Obwohl der Hund nicht lesen kann, auch wegen seines schwachen Gesichts davon keinen Gebrauch machen könnte, findet er doch die Straße regelmäßig wieder, in der sein Herr wohnt. Auch über das Haus ist er sich gewöhnlich im klaren. Niemals sieht man ihn an einer Straßenecke stehen und sich überlegen, wohin er eigentlich laufen soll, wie es doch unser zweibeiniger Peter getan hat.
Besäßen die Tiere nicht einen hervorragenden Ortssinn, so wäre es ganz ausgeschlossen, daß man das völlige Erblinden von Hunden und Pferden manchmal erst durch einen Zufall merkt. Beim Menschen ist es unmöglich, daß man nicht seine Blindheit merken sollte. Es hat noch niemand aus Versehen einen Gehilfen in Stellung genommen, der, wie sich später herausstellte, blind war. Aber sehr häufig werden Pferde gekauft, die blind sind.
Bei einem unserer Hunde, der vollkommen blind war, habe ich immer wieder darüber staunen müssen, wie leicht er sich in den gewohnten Räumen zurechtfand. Da die Blindheit äußerlich kaum erkennbar war, so merkte kein Besucher sein Leiden, zumal er sich mit großer Geschwindigkeit bewegte.
Auch wir waren uns erst darüber klar geworden, daß er gänzlich blind war, als er eines Tages mit großer Wucht gegen ein Spind, das von seiner Stelle gerückt war, rannte. Da wir uns von dem Hunde nicht trennen wollten, zumal er noch nicht sehr alt war, so haben wir ihn noch etwa zwei Jahre in diesem Zustande behalten. Allerdings haben wir während dieser Zeit die Möbel an ihrer Stelle stehen lassen müssen, denn bei jeder Ortsveränderung rannte das Tier dagegen. Er wußte es ganz genau, daß die Treppe acht Stufen hatte, denn er lief sie fabelhaft rasch hinauf. Nur in der letzten Zeit seines Lebens hat er sich geirrt und sprang häufig, wenn er bereits oben war, nochmals in die Luft. Er glaubte also, es käme noch eine Stufe.
Es ist unzählige Male vorgekommen, daß neu gekaufte Hunde ausrücken und zu ihrem alten Herrn laufen. So kaufte ein Bekannter von mir, der am Melchiorplatz wohnte, von einem Freunde in Pankow einen jungen Dackel und fuhr mit dem Tiere in einem Stadtbahnzuge nach Hause. Ich habe den kleinen Burschen, der sehr ängstlich zu sein schien, mehrere Male gesehen. Nach einiger Zeit schien sich der Dachshund mit seiner neuen Herrschaft, sehr tierfreundlichen Personen, ausgesöhnt zu haben. Eines Tages war er dem Mädchen, das ihn auf dem Platze an der Leine führte, entwischt und konnte trotz allen Suchens nicht gefunden werden. Nach stundenlangen ergebnislosen Nachforschungen kam mein Bekannter auf den Gedanken, seinen Freund in Pankow von dem Verlust telephonisch in Kenntnis zu setzen. Wie erstaunte er aber, als er hörte, sein Freund wollte ihn soeben telephonisch benachrichtigen, daß der an ihn verkaufte Hund soeben in Pankow eingetroffen sei.
Der Hund war in Pankow geboren und niemals von der Besitzung fortgekommen. In Berlin war er nur an der Leine auf dem Platze spazieren geführt worden. Der Weg von Pankow nach Berlin war im Stadtbahnzuge zurückgelegt worden. Dieses junge, ängstliche Tier hatte also den Mut gehabt, durch das Straßengewirr der Großstadt den Weg nach der Heimat zu suchen. Was uns in Staunen versetzt, ist eben die Fähigkeit, ohne Kompaß und ohne Karte den richtigen Weg zu finden.
Auf den Ortssinn der Tiere kommen wir noch an anderen Stellen zu sprechen. Der Haß des Hundes gegen die Katze wird besser da erörtert werden, wenn wir uns mit unserer Mieze beschäftigen.
Peter ist, wie wir sahen, ein Freund vom Apportieren. Es ist allgemein bekannt, daß die meisten Hunde gern apportieren. Für den Jäger ist diese Eigenschaft von der größten Wichtigkeit. Was nützte es ihm, daß er eine Ente geschossen hat, die im Wasser umhertreibt, wenn sich nicht sein Hektor freudig in die Fluten stürzte und sie herbeibrächte?
Auf das willige Apportieren des Hundes wird demnach von vielen Hundebesitzern mit Recht ein bedeutender Wert gelegt. Häufig kann man sie mit großem Selbstbewußtsein äußern hören: Meinem Hunde habe ich das Apportieren gründlich beigebracht.
Diese Ansicht ist nicht ganz richtig. Der Mensch liebt es, seine Leistungen zu überschätzen.
Hinge es ganz allein von uns ab, den Tieren das Apportieren beizubringen, so müßte es uns auch bei den anderen Haustieren glücken. In Wahrheit ist es schon sehr schwer, einer Katze das Apportieren zu lehren, und apportierende Kühe und Ziegen hat wohl noch niemand gesehen, obwohl Ziegen recht kluge Tiere sind.
Die Behauptung, die man allgemein hört, daß das Apportieren des Hundes ein Werk des Menschen sei, dürfte also nicht zutreffend sein.
Ein scheinbarer Grund spricht für diese Ansicht, indem man darauf hinweist, daß es widersinnig sei, wenn ein freilebendes Tier etwas schleppe, was zum Genusse eines anderen Geschöpfes bestimmt sei.
In Wirklichkeit kommt dergleichen sehr oft vor, denn auch im Tierreiche ist die Mutterliebe unendlich opferwillig. Alle Tiermütter und viele Tierväter schleppen ihren Jungen, die ihnen zu folgen nicht imstande sind, die Nahrung nach dem Lager oder Neste. Bei den Vögeln werden die im Neste hockenden Jungen von früh bis spät von den Eltern gefüttert, die den Kleinen unermüdlich passende Nahrung zutragen. Das hat gewiß schon jeder einmal beobachten können. Im Gegensatz zu den Vögeln sind es bei den Raubtieren gewöhnlich die Mütter allein, die das Heranschleppen der Beute besorgen. Alle diese Tiere apportieren alsobereits in der Freiheit, da sie verzehrbare Gegenstände, die ihnen selbst gut schmecken würden, für andere tragen.
Hunden und Katzen als früheren Raubtieren liegt das Apportieren schon im Blute. Mancher junge Hund von drei Monaten nimmt bereits ein Stück Holz ins Maul und rennt damit herum. Das täte eine Katze niemals. Gewiß kann man unsere Mieze, wenn man sie sehr lobt, falls sie eine gefangene Maus bringt, dazu veranlassen, daß sie von jetzt an jede Maus, die sie erbeutet hat, ihrer Herrschaft erst zeigt, bevor sie diese verzehrt. Aber das Apportieren ist bei den Katzen immer eine Ausnahme, während es bei den Hunden die Regel ist.
Warum besteht eine solche Verschiedenheit? Um das zu verstehen, müssen wir uns an das erinnern, was vorhin über die Beine von Hunden und Katzen gesagt wurde. Der Hund hat Renn- und Grabpfoten, aber keine Pranken, wie die Katze.
Der Hund ist also in bezug auf Waffen schlechter gestellt als die Katze. Dafür hat er als Ausgleich ein mächtiges Gebiß, das viel größer ist als das der Katze. Mit seinem großen Rachen kann er natürlich viel leichter apportieren als die Katze.
Hierzu kommt noch die Verschiedenheit der Lebensweise zwischen Wildhunden und Wildkatzen. Wenn der Wolf ein Schaf abgewürgt hat oder der Fuchs eine Gans oder ein Huhn gestohlen hat, so dürfen sie es nicht an Ort und Stelle verzehren, sondern müssen es fortschleppen. Sonst würde ihnen der Hirte mit seinen Hunden, der Jäger mit seinem Gewehr oder der Landmann mit seinem Knüttel auf den Pelz rücken.
Das Tragen im Maule, das doch ohne Frage die Grundlage des Apportierens ist, kommt also bei den hundeartigen Geschöpfen, also Wölfen, Füchsen, Wildhunden alltäglich vor.
Um so seltener ereignet es sich bei der Wildkatze, da sie ihr Opfer unvermutet zu überfallen pflegt. Nur ausnahmsweise braucht sie es fortzuschleppen. Gewöhnlich kann sie ihre Beute an der verborgenen Stelle des Ueberfalls auch verzehren.
Weil den Hunden das Apportieren infolge ihres großen Rachens sehr leicht fällt, so haben bereits manche Wildhunde eine Leidenschaft dafür. In Nordamerika leben zwei Wolfsarten, nämlich der große Waldwolf und der nur fuchsgroße Coyote. Von dem letztgenannten ist es allgemein bekannt, daß er mit Vorliebe leblose Gegenstände im Maule trägt. Den Rinderhirten in diesem Lande, den sogenannten Cowboys, ist diese Erscheinung so bekannt, daß sie sich hierfür eine Erklärung nach ihrem Geschmack zurechtgemacht haben. Sie behaupten, der Coyote trage deshalb gern Sachen im Maule, weil er seine Kiefer stärken wolle.
Ja, die Apportierlust so mancher Wildhundarten kann den Reisenden höchst lästig fallen. In Südamerika lebt eine Fuchsart, der Aguarachay. Die Reisenden, die im Freien übernachten, verwünschen ihn in allen Tonarten. Wenn sie am andern Morgen aufwachen, dann fehlt ihnen ein Schnupftuch, oder ein Zaum, oder ein Steigbügel, oder ähnliche Dinge. Von den Eingeborenen hören sie, daß der Dieb der genannte Fuchs sei. Jeder Zweifel ist deswegen ausgeschlossen, weil zahlreiche bekannte Forscher übereinstimmend das gleiche berichten. Auch ein guter Bekannter von mir, der zehn Jahre in Südamerika gelebt hat, wurde oft von diesem Fuchs bestohlen.
Um ein Haar wurde der berühmte Polarforscher Nansen durch die Apportierlust der Eisfüchse in die größte Verlegenheit gebracht. Wie er in seinem bekannten Werke: »In Nacht und Eis« schildert, wurde ihm zur Nachtzeit von den Eisfüchsen ein Thermometer fortgetragen. Zum Glück besaß er noch ein anderes, sonst hätte die Aufzeichnung der Temperaturmessungen, die für den Polarforscher zu den wichtigsten Dingen gehört, unterbleiben müssen.
Das Tragen von Gegenständen im Maule ist also für alle Hundearten etwas seit Urzeiten Uebliches. Bei den Wildkatzenarten können wir dagegen ähnliches nicht beobachten. Deshalb lernt der Hund das Apportieren spielend leicht, die Katze dagegen schwer. Genau genommen lehrt der Mensch den Hund nicht das Apportieren, sondern der Hund besitzt diesen Trieb, und der Mensch nützt ihn für sich aus.
Damit der Jagdhund seinem Herrn eine Beute, die der Hund selbst gern frißt, also einen Hasen oder ein Kaninchen, willig apportiert, muß er natürlich gut gefüttert werden. Läßt man ihn hungern, so frißt er von dem Nager oder er verscharrt ihn heimlich, um später davon fressen zu können.
Peters Apportierlust ist also, wie wir aus der Lebensweise seiner wilden Verwandten erkennen, nichts Ungewöhnliches. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß man es vermeiden soll, einen Hund Steine apportieren zu lassen, wie es Kinder so gern tun. Zwar hat der Hund, wie wir wissen, ein kräftiges Gebiß, um Knochen zu zermalmen, aber es soll nicht dazu dienen, Steine zu packen. Auch können Steine leicht verschluckt und dadurch das Leben des Tieres schwer gefährdet werden. Wer also seinen Hund lieb hat, läßt ihn keine Steine apportieren.
Aus meiner Kinderzeit ist mir noch ein Bilderbogen in Erinnerung, auf dem geschildert wurde, wie ein Mann sich vor einer schweren Erkältung durch die Apportierlust seines Hundes rettet. Er hat ein erfrischendes Bad genommen und seinen Hund zur Bewachung seiner Kleider zurückgelassen. Als er fröstelnd aus dem Wasser steigt, will ihn sein Hund nicht zu seinen Kleidern lassen, da er seinen Herrn nicht erkennt. Alle Versuche, zu seinen Kleidern zu gelangen, scheitern, bis schließlich dem frierenden Herrn der rettende Gedanke kommt, seinen Hund apportieren zu lassen, was er, wie er weiß, leidenschaftlich gern tut. Während der Hund im Wasser das Stück Holz sucht, kann sich sein Herr anziehen. Kaum steckt er in seinen Kleidern, so erkennt auch der Hund seinen Herrn wieder.
Dieser Fall scheint durchaus glaubhaft zu sein. Das Hundeauge war nicht imstande, seinen Herrn am Gesicht zu erkennen. Aber auch die Nase versagte, da der eigentümliche Geruch durch das Bad verflogen war. Erst als der Herr durch das Anziehen der Kleider wieder seinen dem Hunde bekannten Geruch hat, ist alles in schönster Ordnung.
Die Behauptung, daß ein Hund seiner Nase mehr traut als seinen Augen, wird am überzeugendsten dadurch bewiesen, daß sich zwei Hunde, die sich begegnen, gegenseitig beriechen. So hat es auch Peter mit seinem Artgenossen getan. Würde der Hund ein scharfes Auge besitzen, so wäre dieses Beriechen ganz zwecklos. Der Mensch, der sich in erster Linie nach den Augen richtet, also ein Augentier wie die Affen und die Vögel ist, richtet sich erst dann nach dem Geruch, wenn seine Augen ihn im Stich lassen. Weiß ich beispielsweise nicht, ob eine Flasche, die mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt ist, Essig oder Petroleum oder Spiritus enthält, so rieche ich daran. Mit den Augen allein kann ich das nicht entscheiden. So sehen wir, daß in der Apotheke der Provisor alle Augenblicke an den Flaschen riecht, weil hier nur die Nase Bescheid geben kann, woraus der Inhalt besteht. Auch für den Koch und den Parfümhändler ist es sehr wichtig, eine gute Nase zu haben.
Wir sagen gewöhnlich, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Ganz richtig dürfte das nicht sein. Wer seine Wohnung betritt, ohne zu riechen, daß der Gashahn aus Versehen geöffnet geblieben ist, kann leicht ums Leben kommen. Ebenso sitzt unsere Nase deshalb oberhalb des Mundes, damit wir die Speisen, die wir zu uns nehmen, vorher durch den Geruch prüfen. Viele Menschen sind schon deshalb erkrankt, weil sie verdorbene Speisen genossen haben. Hätten sie vorher ihre Nase gebraucht, so wären sie vor diesem Schaden bewahrt geblieben.
Naturvölker und Jäger werden ganz entschieden bestreiten, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Sie erleben jeden Tag, welche Bedeutung der Geruchsinn ihres Hundes für sie hat. Der Jäger will Enten schießen. Ob welche im Schilfe des Sees stecken, können wir mit unsern Augen nicht feststellen. Aber der Hund mit seiner Nase kann es sofort. Ebenso zeigt er uns, ob ein Fuchs- oder Dachsbau bewohnt ist oder nicht, wo die Hühner im Kartoffelkraut stecken, wohin der Hase, der Hirsch, das Reh geflüchtet ist.
Hat sich der Hase mit seinem braunen Fell auf dem Acker in einer Sasse, d. h. ausgehöhlten Stelle geduckt, was er mit Vorliebe tut, so ist er für unsere Augen unsichtbar. Wir sagen dann, er sei durch seine »Schutzfarbe« gerettet. Denn da die Färbung seines Leibes mit seiner Umgebung verschwimmt, so ist er durch die Farbe geschützt. Für den Hund gibt es keine Schutzfarbe. Mag der Hase noch so ähnlich wie seine Umgebung aussehen, so hat er doch eine andere Ausdünstung. Und diese Ausdünstung wird von der feinen Nase des Hundes wahrgenommen, und Freund Hase ist entdeckt.
So würde ein Hund nie unsere Märchen verstehen, wonach Kinder im Walde ausgesetzt werden und nicht wieder nach Hause finden. Wollte ihn jemand aussetzen, so würde er einfach die Nase auf die Erde setzen und denselben Weg zurücklaufen.
So ließe sich noch vieles anführen, woraus hervorgeht, daß derGeruch ein ungeheuer wichtiger Sinn ist. Vorläufig wollen wir es genug sein lassen. Wir werden nochmals darauf zurückkommen, wenn wir von den Polizeihunden und ihren Leistungen sprechen.
Peter hat, wie wir sahen, bei dem Terrier, mit dem er sich beroch, geknurrt und die Zähne gezeigt. Vor der großen Dogge dagegen ist er mit eingeklemmtem Schwanz geflüchtet.
Es würden sich noch vielmehr Menschen Hunde halten, wenn nicht die gegenseitige Beißerei üblich wäre. Und zwar kann man beobachten, daß die gleichen Geschlechter am meisten zum Beißen geneigt sind. Ein männlicher Hund oder Rüde wird gern mit einem andern Rüden kämpfen, aber einer Hündin wird er nichts tun, vielmehr sich bei ihr einzuschmeicheln suchen.
Wie bei den Menschen, so haben auch die Säugetiere verschiedene Geschlechter. Peter ist ein Männchen, also ein Rüde. Der Terrier, den er traf, war ebenfalls ein Rüde. Beide waren nicht abgeneigt, sich das Fell gegenseitig zu zerzausen.
Der Grund der Kampflust liegt darin, daß bei den Wildhundarten der stärkste Hund das Rudel als unbedingter Selbstherrscher leitet. Ein Auflehnen gegen seine Herrschaft gibt es nicht.
Wer der stärkste im Rudel ist, kann sich immer erst durch eine Beißerei feststellen lassen. Jeder Hund ist also bereit, dem andern zu zeigen, daß er zum Herrn, sein Gegner zum Diener berufen ist.
Bei den halbwilden Eskimohunden ist noch heute die Alleinherrschaft des stärksten Hundes im Rudel, der Baas genannt wird, üblich. Altert der Baas, so verliert er die Leitung und ein jüngerer Hund, der der kräftigste des Rudels ist, tritt an seine Stelle.
Da sich gewöhnlich nur Hunde von gleichem Geschlecht beißen, so haben Gastwirte gewöhnlich Hündinnen. Denn die Gäste halten sich regelmäßig Rüden, weil die Hündin viel Umstände verursacht, namentlich dann, wenn sie Junge hat.
Ein Glück ist es, daß große Hunde gewöhnlich das Gekläff kleiner Köter unbeachtet lassen. Aber es kommen auch Ausnahmen vor. So hat Peter schon seit Wochen durch sein andauerndes Anbellen und Herausfordern den Zorn der großen Dogge erregt. Vor ihr flüchtet er mit eingeklemmtem Schwanze.
Dieses Sinkenlassen des Schwanzes dürfte eine Eigentümlichkeit aller Hundearten sein. Von den Eskimohunden her wissen wir auch den Grund dafür. Kein Hund des Rudels darf an dem Baas, dem Leiter, vorübergehen, ohne den Schwanz sinken zu lassen. Tut er es nicht, so wird er durch Bisse gestraft.
Das Sinken des Schwanzes bei Peter ist also ein deutliches Zeichen seiner Furcht.
Trotzdem dreht er sich herum gegen seinen Feind, sobald er in dem Bereiche des Kellers ist. Denn hier macht sich sein Eigentumssinn geltend.
Von allen unseren Haustieren hat eigentlich nur der Hund wirklichen Eigentumssinn. Ein Pferd läßt sich von einem fremden Menschen stehlen, ohne sich im geringsten dagegen zu wehren.
Warum besitzt der Hund Eigentumssinn?
Wir müssen wieder bei den wilden Verwandten fragen.
Es ist klar, daß sich ein solcher Sinn bei Pflanzenfressern schwerlich entwickeln wird. Denn ein Streiten um den einzelnen Bissen findet bei ihnen nicht statt, weshalb manchmal verschiedene Tierarten friedlich nebeneinander weiden. Am bekanntesten ist das Zusammenweiden von Zebras, Gnus und Straußen in Afrika.
Wildhunde dagegen, die ein größeres Tier, einen Hirsch oder eine Antilope, erbeutet haben, kämpfen um jeden Bissen. Hieraus erklärt sich auch das für uns widerwärtige Fressen des Hundes von Erbrochenem.
Würde bei der gemeinsamen Mahlzeit ein Hund nicht schlingen, so bekäme er so gut wie gar nichts. Um recht viel zu erhalten, preßt er so viel in den Magen hinein, wie nur möglich ist. Nachher geht er abseits und gibt das Gefressene von sich. Denn alle Hundeartigen haben ihren Magen sehr in der Gewalt, weshalb es so schwer ist, Wölfe oder Füchse zu vergiften.
Weil also Wildhunde gewöhnlich jeden erhaschten Bissen verteidigen müssen, deshalb haben Hunde einen sehr ausgeprägten Eigentumssinn.
Hierzu kommt noch folgendes. Jedes Rudel bewohnt einen bestimmten Bezirk und behandelt jeden Fremden, der ihn betritt, als Feind. Auch heute noch halten die verwilderten Hunde in den türkischen Städten an bestimmten Straßen und Gassen fest. Jedes Rudel überfällt einen nicht zu ihnen gehörigen Hund und zerreißt ihn, wenn er nicht rechtzeitig flüchtet.
Jagdhunde sind gewöhnlich wenig bissig. Wenn aber ein Fremder einen von einem Jagdhunde erbeuteten Rehbock oder Hasen berühren will, dann kann er etwas erleben. Denn selbst der gutmütigste Hund wird dann gefährlich.
Es entspricht also ganz dem ausgesprochenen Eigentumssinn des Hundes, daß Peter kehrt macht gegen seinen Verfolger. Auch der Verfolger achtet das fremde Eigentum in gewissem Sinne. In Dörfern kann man das alltäglich erleben. Ein Bauer hat einen Hund, der auf der Straße jeden andern Hund anrempelt; dasselbe Tier ist sehr gesittet, wenn es der Bauer auf ein fremdes Gehöft mitnimmt. Es läßt sich auch dort von einem kleinen Köter anblaffen, der solches niemals auf der Straße wagen würde.
Kommt es zu einer wirklichen Beißerei zwischen zwei großen Hunden, so ist jedes Prügeln gewöhnlich aussichtslos und obendrein sehr gefährlich. Die Hunde sind in ihrer Wut fast gefühllos und beißen selbst ihren eigenen Herrn, wodurch schon mancher um einen Finger gekommen ist.
Nur die Nase, das empfindlichste Organ des Nasentieres, bietet auch hier Angriffspunkte. Alle Nasentiere, also Füchse, Dachse und andere, können durch einen starken Hieb über die Nase getötet werden. Handeltes sich nicht um einen Hund, dessen Nase sehr wertvoll ist, also einen Jagdhund, so kann man die Empfindlichkeit der Hundenase als Mittel zum Auseinanderbringen verbissener Hunde benutzen. In Fachzeitschriften ist wiederholentlich davon berichtet worden, daß bei Hunden, die durchaus unempfindlich schienen, das Bestreuen der Nase mit Schnupftabak oder das Vorhalten einer brennenden Zigarre die sofortige Lösung der Tiere zur Folge gehabt hat.