Die Liese.II.

Die Liese.II.

Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen, aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen herausgehorcht.

Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen undgehört hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels. „Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht schlimm.“

Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:

„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott! Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, wasihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’ und Unruh.“

Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber, daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre wußte sie nichts von ihm.

Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie fragte ich nie nach ihm.

Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du nicht verstehen...“

Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichteein; als ich später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen, als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten habe...

***

„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“

„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““

„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“

„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““

„Dummer Kerl!“

Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“

Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe, davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über alle anderen Köpfe und sagte:

„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“

Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen Treppen hinab.

Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, — es stand gegenüber der Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, — lag eine bleiche Frau aufeinem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...

„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen Kameraden finden.“

Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:

„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen — da hätten Sie ein bisserl mehr Zerstreutheit — thäten Ihnen weniger kränken — na ja! so ein neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine anderen Gedanken. — Und wenn man den allergröbsten undgrauslichsten Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. — Ich weiß das recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“

Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings an. Als ob sie die Kranke schützenwollte, so rasch eilte Frau Huber an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel niederflossen.

Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu, endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die Schulter nach dem Bette und flüsterte:

„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, — aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn — aber ich hab’ schon wieder Muth — jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.

Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah, schob er dieflüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.

„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau Huber schrieb, daßschonjetzt...“ er schaute sich verwirrt nach der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.

„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann ein Schauer durch ihren ganzen Leib.

„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich niederschaute.

„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im Dachboden sind’s eingesperrt, dahaben Sie den Schlüssel, auf meinem Boden sind alle beisammen.“

Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken. Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für das er keinen Namen hatte:

„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein armes Weib!“...

Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam, sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:

„Mama ist krank, kommst Du darum?“

„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder gesund wird.“

Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu sehen waren.

„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen, und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s, wir wissen uns alle zwei nochnicht recht ineinander zu schicken... Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu, „denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte er wieder bei sich weiter:

„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet, wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“

Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen Gedanken hinein.

„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm, grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth herglänzen gesehen!“

Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er naserümpfend.

„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“ zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken des Herrn Brauner.

Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:

„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“„Den jeder Christ beten muß,“„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“

„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“

„Den jeder Christ beten muß,“

„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“

„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“

Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken...schwebte tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen Stuben und dabei an die kranke Frau.

Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht blickte.

„Nicht einschlafen! — Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? — Er ist schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht — oder — oder soll — soll der Herr Doktor hereinkommen und — und zuerst sagen, ob schon wer mit Ihnen reden darf? — Er wartet schon seit einer halben Stund’ — der Herr Doktor — da draußen im Nebenzimmer —“ Frau Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. — Soll’ns glauben! — Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem eine gewisse Beruhigung giebt.“

Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause — eine ängstliche Pause — und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter...,und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig hinaus.

Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.

„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der seinen hielt und scheinbar auf seineTaschenuhr sah, er zählte leise und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.

„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem... Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte nur noch:

„Carl...“

„Fanny!“ stöhnte der Doktor.

Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:

„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“

„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.

Keine Antwort...

„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist hinübergewandeltin jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...

Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.

„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.

Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten, wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:

„Ein Mädchen.“

„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt, hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...

***

Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.

„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte ihrer Ziehtochter erzählte.


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