Im neuen Hause.

Im neuen Hause.

„Bei uns wird ein neues Haus gebaut!“

„Was? — wo!?“

„Auf dem Feld’ oben!“

„Auf welchem Feld?“

„Na, neben der Trockenwiese.“

„Wer sagt’s?“

„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu bauen an.“

So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese, wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken, Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch.

Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.

Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten, daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden fortgejagt; washalf es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen, bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“, wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug meist wild und gerade und gesund in die Höhe.

Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das Ende des lustigen Getriebes,das Haus wurde zugeschlossen, es war fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.

Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer, die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern ab.

Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den Schlüssel ein, schaute sich sein Nachbarhaus, die „blaue Gans“, und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.

„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte Frau Weiß verwundert.

„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn nachgesehen hatten.

„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“

„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“ schloß der alte Dragoner beißend.

„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’ gesetzt, sein reiche Leut’!“

„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“ spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die überspannte Fabrikantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat sich in seine Stimm’ verschossen. IndieStimm’, die hat halt nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“

Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.

Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.

„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild, das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese, es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“ erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.

Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding, das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch das Gitter heraus mit der Liese plauderte.

Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich aufgenommen.

An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten. Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein, auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!... Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt, schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:

„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wieGoldfäden und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“

Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese, die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der „blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.

„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend, „denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne hatten.“

Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrerZiehmutter und dann der mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.

Warum?

Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein Geschenk, das einem Almosen glich.

Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu, während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.

Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne, wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte: „Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.

Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst Du Dir so viel Mühe undSorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme weniger voll klingt?“

„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht und ging singend davon.

Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei der Arbeit saßen:

„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“

Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.

Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.

„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann, Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm aufblickte.

Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit, als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang. Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und sagte ihr:

„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde Luft und Ruhe, er wirdunsnicht stören und wirihnnicht, ich habe ihm die Wohnung gegeben.“

Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge schwerer Kisten und Truhen mit.

Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke, die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter, wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab, das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte gern viel gelernt.

„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrockdem Herrn Gottfried seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine Wohnung führte.

„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna lächelnd.

„Warum denn?“

„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen Tisch in Ordnung halten?“

„Soll halt ein Mädel heirathen!“

Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.

Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb, so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu. Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange machte, sie fürchtete,jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend, daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen, die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen. Durch die Muße leide aber seine Stimme.

Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief und schaute lauernd auf seine Frau hinab.

„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir hat. — Gelt Du? — Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“

Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie ihnfrüher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben, denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.

In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.

„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den jungen Mann hinaufführte.

Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde immerjünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun- und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde, hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.

Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die „blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan, was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es so warm und still war in der Lesestube.

„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschenwaren und ob sie noch leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin, so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig „Luftschnappen“ mußte.

Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese aufgefaßt und als Hochmuth.

„Willst auch mit hinüber, Christel? — Die Frau Anna ist heut ganz allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.

„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das Thor.

Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht...Auch der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da, und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken... Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um und trabte wieder in die heiße Waschküche.

Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:...

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„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche, und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...

Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht hätte.

„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.

Ich getraute mich kaum zu antworten und nickteihr nur freundlich zu. Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie mitleidsvoll ansah.

Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen, als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf, und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes Feenmärchen.

Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in ihr Bett legen. Das will etwas sagen! — in ein Bett aus rosenfarbener Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....

Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet herzusagen:

„Heiliger Schutzengel meinLaß mich Dir befohlen sein,Beschütze ... beschüt.......“

„Heiliger Schutzengel meinLaß mich Dir befohlen sein,Beschütze ... beschüt.......“

„Heiliger Schutzengel mein

Laß mich Dir befohlen sein,

Beschütze ... beschüt.......“

Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen, die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:

„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“...

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Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfenSchritt oben, immer auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde — und es muß das oft gewesen sein — war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf, wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe, denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die Sonne ins Gesicht schien.

Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen. Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz weinerlich um’s Herz wurde:

„Ja so...“

Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück. Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:

„Neue Kinderbewahranstalt — Narrenhaus — lauter Fadaisen — einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie mich schon zur Thüre hinaus...

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In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu, wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnerndie Rede war. Es wurde jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war der Herr Gottfried viel kränker.

„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer nicht allein aushalten.“

Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette, sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden, er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte er sich wieder niedersetzen.

„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.

„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sienicht,“ sagte die Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.

„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“

Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders „gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.

„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch — dem kann nur eine gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“

So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:

„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie brauche.“

Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne, wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub, zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm stehen blieb und nur im Fluge fragte:

„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“

Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief, sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.

„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt, die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu schätzen wissen.“

„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.

„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute er aber den Gottfried von der Seite an.

„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.

„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“

„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er durch die Finger zog, aufzublicken.

„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr, ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie begreifen?“

„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.

„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:

„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das, sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“ er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen, daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt schicke. Sie verstehen?“

„Ja!“ — stöhnte der todtbleiche Mann.

„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“

„Und doch wollen Sie reisen?“

„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er mit einem schlauen Zwinkern.

„Jetzt verstehe ich wirklich Alles —“

„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben heißt...“

Der Kranke athmete schwer.

Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig... Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie davon.“

„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.

„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“

Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:

„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“

Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:

„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst. Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank abwesend ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren, oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried allein... Sie begreifen?“

„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.

„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen, entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider. Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“ Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.

„Jetzt ist mir Alles klar — das unglückselige Weib —“ stöhnte der Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm die Brust zerreißen.

Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“ fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Geschichte, freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.

In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der Laternanzünderin zu:

„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat halt viel Geld gehabt.“

Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede mit den Worten:

„So mein ich. — Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist, von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist, das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer — alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“

Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener legten, die in dem Kreise lebten.

„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu klagen.

So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.

„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“ fragte die Spitalwärterin entrüstet.

„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.

„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die Neuigkeit rasch weiter.

Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen. Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun geworden.

Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die Glasglocke schwirrten.

„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“ dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.

Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Annaschaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende Schüssel sammt vier Gläsern.

Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:

„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“

Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen Finger.

„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.

„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne Sorge, nicht wahr?“

„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte. Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.

„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische gleiten.

Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.

„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel ausreißen, dann geht es schneller.“

Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.

Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese. Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:

„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch ausreißen, die Hex’.“

Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht: „Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam, lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr, daß sie hell auflachte...

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Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen Mädchen giebt.

„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried, und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist, so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch, aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den Trennungsschmerz abkürzen wollte.

Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte, da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht hinausweinte und immer wieder rief:

„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“

Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zufrieden in ihrem Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:

„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“


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