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Dann war die ganze Leitung angelegt und die Hähne waren eingeschraubt; das Wasser spritzte mit großer Kraft in das Becken. Grindhusen hatte sich an anderer Stelle die notwendigen Werkzeuge geliehen, so daß wir die verschiedenen Löcher da und dort zumauern konnten, und als wir ein paar Tage später auch den Graben zum Brunnen wieder zugeworfen hatten, war unsere Arbeit auf dem Pfarrhof beendigt. Der Pfarrer war zufrieden, er erbot sich, an dem roten Pfosten ein Plakat anzuschlagen, daß wir Meister im Anlegen von Wasserleitungen seien. Da es aber schon spät im Jahre war, und der Frost jederzeit kommen konnte, hatte dies keinen Wert mehr für uns. Statt dessen baten wir ihn, sich im Frühjahr unser zu erinnern!

Wir zogen nun zum Nachbarhof hinüber, um Kartoffeln zu ernten. Vorher aber hatten wir noch versprechen müssen, uns im Pfarrhof wieder sehen zu lassen, wenn es sich gerade so gäbe.

An dem neuen Platz waren viele Leute, wir teilten uns in die Arbeit und hatten es schön und lustig. Aber das Ganze sollte kaum länger als eine Woche dauern, dann waren wir wieder frei.

Eines Abends kam der Pfarrer zu uns herüber und bot mir einen Platz als Knecht auf dem Pfarrhof an. Das Angebot war gut, und ich dachte einige Zeit darüber nach, entschloß mich dann aber doch, es abzuschlagen. Lieber wollte ich umherstreifen und mein eigener Herr bleiben, die Arbeit tun, die sich gerade bot, im Freien schlafen und mir selbst ein klein wenig zum Rätsel sein. Ich hatte hier auf dem Kartoffelacker einen Mann kennengelernt, mit dem ich mich zusammentun wollte, wenn Grindhusen und ich uns trennten. Der neue Mann war ein Gleichgesinnter und soviel ich von ihm sah und hörte, begriff ich auch, daß er ein guter Arbeiter war; Lars Falkberget hieß er, weshalb er sich Falkenberg nannte.

Jung-Erik war unser Vormann und Leiter bei der Kartoffelernte und fuhr den Ertrag ein. Er war ein schöner, zwanzigjähriger Bursche, reif und zuverlässig für sein Alter und stolz als Sohn des Hofes. Es herrschte wohl ein Einverständnis zwischen ihm und Fräulein Elisabet vom Pfarrhof, denn sie kam eines Tages zu uns auf das Feld und plauderte eine gute Weile mit ihm. Als sie ging, richtete sie auch ein paar Worte an mich: Oline fange nun an, sich mit der Wasserleitung daheim abzufinden.

Und Sie selbst? fragte ich.

Aus Höflichkeit gab sie mir zwar eine kurze Antwort, aber ich sah, daß sie sich in kein Gespräch mit mir einlassen wollte.

Sie war so schön gekleidet, sie hatte einen neuen hellen Mantel um zu ihren blauen Augen .....

Am nächsten Tag wurde Erik ziemlich schwer verletzt, das Pferd ging mit ihm durch, schleifte ihn über Wiesen und Felder und schleuderte ihn endlich gegen einen Zaun. Er war übel zugerichtet worden und spuckte Blut. Auch als er sich nach einigen Stunden etwas erholt hatte, spuckte er noch Blut. Nun wurde Falkenberg als Fuhrmann eingestellt.

Ich heuchelte Teilnahme an dem Unglück und war stumm und finster wie die anderen, aber ich fühlte keine Trauer. Irgendwelche Aussichten hatte ich bei Fräulein Elisabet nicht, nein, allerdings; aber er, der bei ihr über mir stand, war aus dem Wege geräumt.

Am Abend ging ich auf den Friedhof und setzte mich hin. Wenn jetzt nur Fräulein Elisabet käme! dachte ich. Eine Viertelstunde verging, dann kam sie. Ich erhob mich plötzlich, ganz schlau tat ich als wolle ich fliehen, schien aber hilflos verwirrt und ergab mich darein. Da jedoch verließ mich meine Schlauheit, ich wurde unsicher, weil sie mir so nahe war, und sagte:

Erik, denken Sie, gestern ist ihm ein Unglück zugestoßen.

Ich weiß, sagte sie.

Er wurde verletzt.

Ach ja, er wurde verletzt. Warum erzählst du mir von ihm?

Ich glaubte ..... Nein, ich weiß nicht. Aber er wird natürlich wieder gesund, sicherlich. Dann wird wohl alles wieder gut.

Freilich, freilich.

Pause.

Es klang so, als hätte sie mich nachgeäfft. Plötzlich sagte sie und lächelte dabei:

Du bist ein sonderbarer Kauz. Warum gehst du immer diesen weiten Weg und setzt dich an den Abenden hierher?

Das ist mir eine kleine Gewohnheit geworden. Ich vertreibe mir die Zeit bis zum Schlafengehen.

Und du hast keine Angst?

Ihr Scherz machte mich freier, ich fühlte wieder Grund unter den Füßen und antwortete:

Das ist es ja gerade, ich möchte das Gruseln wieder lernen.

Das Gruseln? Du hast also dieses Märchen gelesen?

Ich weiß nicht mehr. Mir ist wohl einmal ein Buch in die Hände geraten.

Pause.

Warum willst du nicht Knecht bei uns werden?

Ich würde dazu nicht taugen. Ich will mich jetzt mit einem anderen Kameraden zusammentun, wir wollen wandern.

Wo wollt Ihr hin?

Das weiß ich nicht. Nach Osten oder Westen. Wir sind Wanderer.

Pause.

Das ist schade, sagte sie. Ich finde, das solltest du nicht tun ... Nein, wie, sagtest du doch, steht es mit Erik? Deshalb kam ich hierher.

Er ist krank, es steht gewiß ziemlich schlecht um ihn, aber —

Glaubt der Doktor, daß er durchkommen wird?

Das glaubt er sicherlich. Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.

Na, dann gute Nacht also.

Wer doch nun jung und reich und schön und berühmt und mit den Wissenschaften vertraut wäre ..... Dort geht sie .....

Bevor ich den Friedhof verließ, fand ich einen brauchbaren Daumennagel, den ich zu mir steckte. Ich wartete ein wenig, starrte nach allen Seiten und lauschte, — alles war still. Niemand rief: der gehört mir!


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