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Im Walde. Petter, einer von den Knechten, hat uns den Weg gezeigt.

Als wir allein miteinander sprachen, war Falkenberg durchaus nicht so dankbar dafür, daß die gnädige Frau uns Arbeit verschafft hatte. Das ist nicht so dankenswert, sagte er, hier sind die Arbeiter anscheinend rar. Falkenberg war übrigens kein großartiger Holzfäller, ich hatte von anderen Orten in der Welt meine Erfahrungen und konnte zur Not hier die Arbeit leiten. Womit Falkenberg auch ganz einverstanden war.

Jetzt begann ich an einer Erfindung herumzubasteln.

Bei den gewöhnlichen Baumsägen müssen die Arbeiter schief auf dem Boden liegen und die Säge nach derSeitehinziehen. Das ist der Grund, weshalb man keine größere Tagesleistung erreicht, und weshalb immer so häßlich abgeschnittene Baumstümpfe in den Wäldern stehen. Mit einem konischen Auswechselungsapparat, der an der Wurzel des Baumes festgeschraubt würde, müßte es möglich sein, die Säge auf die gewöhnliche Art und Weise hin und her zu ziehen, und doch mit der Wirkung, daß das Blatt wagrecht schnitte. Ich begann die einzelnen Teile einer solchen Maschine zu zeichnen. Am meisten Kopfzerbrechen machte mir der leichte Druck, den das Blatt der Säge brauchte. Man konnte ihn vielleicht durch eine Feder erzeugen, die man wie eine Uhr aufzog, vielleicht aber auch durch ein Gewicht. Das Gewicht wäre am einfachsten gewesen, aber der Druck wäre dann immer der gleiche geblieben. Und je tiefer die Säge eindringen würde, desto schwerer und schwerer würde sie gehen und darum einen desto geringeren Druck erfordern. Eine Stahlfeder dagegen würde mit dem Eindringen des Schnittes immer lockerer werden und also stets mit der richtigen Kraft drücken. Ich entschloß mich für die Feder. Wahrhaftig, du wirst diesen Apparat zustande bringen! dachte ich. Und das wird die größte Tat deines Lebens sein.

Ein Tag verging wie der andere, wir fällten neunzöllige Stämme, entasteten sie und schälten sie ab. Die Verpflegung war reichlich und gut, wir nahmen kalten Mundvorrat und Kaffee mit in den Wald und bekamen abends, wenn wir heimkehrten, warmes Essen. Dann wuschen wir uns und machten uns schön, um besser auszusehen als die Knechte, und saßen in der Küche, wo eine große Lampe brannte und die drei Mädchen sich aufhielten.

Falkenberg wurde Emmas Schatz.

Dann und wann hören wir eine Welle des Wohllauts vom Flügel herüberdringen, dann und wann kommt die gnädige Frau in ihrer Mädchenhaftigkeit und mit ihrer beglückenden Freundlichkeit zu uns. Wie war es heute im Wald? konnte sie sagen; habt Ihr den Bären gesehen? Eines Abends aber dankte sie Falkenberg für die gute Arbeit, die er am Flügel geleistet habe. Was — wirklich? Falkenbergs verwittertes Gesicht wurde vor Freude verschönt, und ich war gleichsam stolz auf ihn, als er die bescheidene Antwort gab: Ja, ich fand selbst, daß es ein wenig besser wurde.

Entweder hatte ihn die Übung geschickter gemacht, oder die gnädige Frau war ihm dafür dankbar, daß er ihren Flügel nicht verdorben hatte.

Falkenberg zog jeden Abend meine guten Kleider an. Es wäre jetzt natürlich nicht mehr angegangen, sie zurückzunehmen und selbst zu tragen; jeder würde geglaubt haben, ich hätte sie nur von meinem Kameraden geborgt.

Du kannst die Kleider behalten, wenn ich Emma dafür bekomme, sagte ich im Scherz.

Ja, nimm sie, antwortete Falkenberg.

Es wurde mir klar, daß Falkenberg gegen sein Mädchen kühler geworden war. Ach, Falkenberg hatte sich verliebt, wie ich. Nein, was für Knaben waren wir doch!

Ob sie wohl heute Abend auch wieder zu uns herauskommt? konnte Falkenberg im Wald sagen.

Und ich erwiderte:

Ich bin nur froh, daß der Kapitän so lange fort ist.

Ja, antwortete Falkenberg. Paß auf, wenn ich höre, daß er nicht gut gegen sie ist, dann setzt es aber was.

Dann geschah es einmal eines Abends, daß Falkenberg ein Volkslied sang. Und immer noch war ich stolz auf ihn. Die gnädige Frau kam heraus, er mußte sein Lied wiederholen und noch ein zweites singen. Seine schöne Stimme erfüllte die Küche, und Frau Falkenberg sagte erstaunt: Nein aber — so etwas habe ich ja noch nie gehört.

Da fing mein Neid an.

Haben Sie singen gelernt? fragte sie. Kennen Sie die Noten?

Ja, antwortete Falkenberg, ich war in einem Verein.

Hier aber hätte er antworten sollen: Nein, leider habe er nichts gelernt, dachte ich.

Haben Sie schon einmal jemand vorgesungen? Hat Sie schon jemand gehört?

Ja, ich habe bisweilen bei den Tanzunterhaltungen gesungen und dann bei einer Hochzeit.

Aber hat Sie jemand gehört, der sich darauf verstand?

Nein, das weiß ich nicht. Doch, ich glaube schon.

Ach, singen Sie noch etwas.

Falkenberg sang.

Es wird noch so weit kommen, daß er eines Abends in die Stube darf, und daß ihn die gnädige Frau auf dem Flügel begleitet, denke ich. Ich sagte:

Verzeihung, kommt der Herr Kapitän nicht bald?

Doch? antwortete Frau Falkenberg fragend. Warum?

Es ist wegen der Arbeit.

Habt Ihr schon alles gefällt, was angezeichnet ist?

Nein, das nicht, aber. Nein, durchaus nicht, aber —

Nun —! sagte Frau Falkenberg und dabei kam ihr ein Gedanke. Ich weiß nicht — Wenn es sich um das Geld handelt .....

Ich griff zu und antwortete:

Ja, vielen Dank.

Falkenberg sagte nichts.

Ja, liebe Leute, das müßt Ihr nur sagen. Bitte schön! sagte sie und gab mir das Geld, das ich verlangt hatte. Und Sie?

Nichts. Vielen Dank, erwiderte Falkenberg.

Mein Gott, wie ungünstig ich nun wieder dastand, wie klein ich wurde. Und Falkenberg, dieser schändliche Kerl, der dasaß und so reich war und keinen Vorschuß brauchte! Noch heute Abend werde ich ihm die Kleider vom Leibe reißen und ihn ganz nackt ausziehen!

Was natürlich doch nicht geschah.


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