25.

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Eine merkwürdige Neuigkeit erwartete mich: Falkenberg hatte sich beim Kapitän als Knecht verdungen.

Dieses Ereignis warf unsere Verabredung über den Haufen und machte mich einsam. Ich vermochte das Ganze nicht zu begreifen. Aber ich konnte ja auch noch morgen darüber nachdenken. Es wird zwei Uhr nachts, und immer noch liege ich wach da und friere und denke. In dieser ganzen Zeit war es mir unmöglich gewesen warm zu werden, endlich aber gerate ich in Hitze, ich liege in vollem Fieber da ..... Wie sie Angst hatte, gestern, sie wagte nicht, mit mir auf der Landstraße zu essen, und schlug die ganze Zeit die Augen nicht zu mir auf .....

Als ich in einem klaren Augenblick daran denke, daß ich durch meine Unruhe Falkenberg noch aufwecken werde und vielleicht irre reden könnte, beiße ich die Zähne zusammen und springe auf. Ich ziehe meine Kleider wieder an, taumle die Treppe hinunter und laufe in großen Sätzen über die Felder. Nach einer Weile werde ich in den Kleidern warm, ich schlage die Richtung zum Walde ein, zu unserem Arbeitsplatz, und Schweiß und Regen rinnen mir über das Gesicht. Wenn ich jetzt nur die Säge finde, damit ich mir das Fieber aus meinem Körper herausarbeiten kann; das ist eine alte, von mir erprobte Kur. Ich finde zwar die Säge nicht, dafür aber meine Axt, die ich am Samstag abend versteckt hatte, und beginne Bäume zu fällen. Es ist so dunkel, daß ich beinahe nichts sehen kann; aber ich taste dann und wann den Schnitt ab und fälle auf diese Weise mehrere Bäume. Ich triefe von Schweiß.

Als ich genügend erschöpft bin, verstecke ich die Axt am alten Platz; es beginnt zu tagen, und ich laufe heim.

Wo bist du gewesen? fragt Falkenberg.

Ich will nicht, daß er von meiner Erkältung gestern erfährt und vielleicht in der Küche davon spricht, deshalb murmle ich nur, ich wisse nicht genau, wo ich gewesen sei.

Du bist wohl bei Rönnaug gewesen, sagte er.

Ich antwortete Ja, ich sei bei Rönnaug gewesen, wenn er es doch schon erraten habe.

Da war wohl nichts weiter zu erraten, sagte er. Ich für meinen Teil werde nie wieder so etwas tun.

Bekommst du jetzt Emma?

Ja, es sieht so aus. Es ist wirklich ärgerlich, daß du nicht auch hierbleiben kannst. Dann hättest du vielleicht eine von den anderen bekommen können.

Und er spinnt das weiter aus, daß ich vielleicht eines von den anderen Mädchen, welche mir eben gefiele, hätte nehmen können, daß aber der Kapitän keine Verwendung mehr für mich habe. Ich solle morgen nicht einmal mehr in den Wald gehen ..... Weit weg, wie hinter einem Meer von Schlaf, das auf mich zukommt, höre ich Falkenbergs Worte.

Am Morgen ist mein Fieber fort, ich bin ein wenig matt, bereite mich aber doch darauf vor, in den Wald zu gehen.

Du brauchst deinen Arbeitsanzug nicht mehr anzuziehen, sagt Falkenberg. Ich habe es dir doch schon gesagt.

Ach ja, es stimmte ja! Aber ich ziehe ihn doch an, weil die andern Kleider so naß sind. Falkenberg ist ein wenig verlegen, weil er sich von mir getrennt hat; aber er entschuldigt sich damit, daß er geglaubt hätte, ich wolle auf dem Pfarrhof bleiben.

Ja, dann gehst du also nicht mit ins Gebirge? frage ich.

Hm. Nein, schwerlich. Du verstehst wohl selbst, ich habe es satt in der Welt umherzustreunen. Und ich bekomme es nirgends besser als hier.

Ich gebe mir den Anschein, als mache mir das nicht so sehr viel aus und interessiere mich plötzlich für Petter. Der arme Kerl, es sei doch schlimm für ihn, daß er jetzt hinausgeworfen werden solle und heimatlos werde.

Heimatlos! erwidert Falkenberg. Wenn er genau so viel Wochen hier krank gelegen hat, als er nach dem Gesetz berechtigt ist, dann fährt er wieder nach Hause. Er ist ein Bauernsohn.

Dann erklärt Falkenberg, er fühle sich nur noch wie ein halber Mensch, seit wir uns voneinander trennen sollen. Wäre es nicht wegen Emma, würde er dem Kapitän jetzt durchbrennen.

Sieh her, sagte er, die kannst du nun haben.

Was ist das?

Die Zeugnisse. Ich werde nunmehr keine Verwendung dafür haben, dir aber können sie einmal aus einer Klemme helfen. Wenn du vielleicht einmal ein Klavier stimmen willst.

Er reicht mir die Papiere und den Stimmschlüssel.

Da ich aber Falkenbergs gutes Gehör nicht habe, sind diese Dinge wertlos für mich, und ich sage daher, ich könne eher einen Schleifstein stimmen als ein Klavier.

Da kann sich Falkenberg nicht halten vor Lachen und fühlt sich sehr erleichtert, weil ich zum Schluß noch so lustig bin .....

Falkenberg ist fortgegangen. Ich habe Zeit, mich noch ein bißchen zu dehnen und zu strecken und lege mich in den Kleidern aufs Bett, ruhe mich aus und denke. Na, unsere Arbeit war ja zu Ende, wir hätten ja doch fortreisen müssen, ich konnte nicht erwarten, eine Ewigkeit noch hier bleiben zu dürfen. Das einzige, was außer aller meiner Berechnung gelegen hatte, war, daß Falkenberg zurückblieb. Wenn doch ich diese Stellung bekommen hätte, ich würde für zwei gearbeitet haben! Konnte ich nicht Falkenberg bestechen, daß er von seinem Plan abging? Wenn ich es genau betrachtete, hatte ich sogar geglaubt, beim Kapitän ein Unbehagen darüber zu bemerken, daß dieser Arbeitsmann, der denselben Namen trug wie er, auf dem Hof umherging. Aber ich hatte mich offenbar geirrt.

Ich grübelte und grübelte. Soviel ich wußte, war ich doch ein guter Arbeiter gewesen und hatte dem Kapitän niemals einen Augenblick der Arbeitszeit für meine Erfindung gestohlen .....

Ich schlafe wieder ein und erwache durch Schritte, die die Treppe heraufkommen.

Noch ehe ich mich im Bett aufrichten konnte, stand der Kapitän in der Türe.

Bleiben Sie nur liegen, sagte er freundlich und wollte wieder gehen. Na, da ich Sie nun schon einmal geweckt habe, können wir vielleicht abrechnen?

Danke. Wie der Herr Kapitän es wünscht.

Ich will Ihnen etwas sagen, sowohl Ihr Kamerad wie auch ich meinten, Sie würden sich auf dem Pfarrhof verdingen und da ..... Und jetzt ist es auch mit dem guten Wetter vorbei, und man kann im Wald nicht mehr arbeiten; übrigens sind auch nicht mehr viel Bäume übrig. Was ich sagen wollte: ich habe mit Ihrem Kameraden abgerechnet, ich weiß nicht, ob .....?

Ich bin natürlich mit der gleichen Bezahlung zufrieden.

Ihr Kamerad und ich haben uns darüber geeinigt, daß Sie ein wenig mehr für den Tag bekommen sollten.

Davon hatte Falkenberg kein Wort zu mir gesagt, das hatte sicher der Kapitän sich ausgedacht.

Ich habe mit ihm ausgemacht, daß wir halb und halb teilen, sagte ich.

Aber Sie waren doch der Vorarbeiter. Selbstverständlich müssen Sie fünfzig Öre mehr für den Tag haben.

Als ich sah, daß meine Weigerung nicht anerkannt wurde, ließ ich ihn rechnen, wie er selbst es wollte, und nahm mein Geld in Empfang. Ich sagte, es sei mehr als ich erwartet hätte.

Der Kapitän entgegnete:

Das freut mich. Und ich möchte Ihnen auch noch gerne dieses Zeugnis für gut ausgeführte Arbeit geben.

Und er reichte mir das Papier.

Er war ein rechtschaffener und ordentlicher Mann. Von der Wasserleitung, die im Frühjahr gebaut werden sollte, erwähnte er nichts mehr, er hatte wohl seine Gründe dafür, und ich wollte ihn daher nicht gerne damit belästigen.

Er fragte:

Und jetzt gehen Sie also zum Eisenbahnbau?

Nein, ich weiß noch nicht recht.

Na, soso, dann also schönen Dank für Ihre Hilfe.

Er ging zur Türe.

Ich elender Kerl konnte nicht länger an mich halten und fragte:

Der Herr Kapitän wird wohl auch später keine Arbeit für mich haben, im Frühjahr?

Ich weiß nicht, wir müssen sehen. Ich ..... Es kommt darauf an. Wenn Sie in diese Gegend kommen ..... was werden Sie mit Ihrer Maschine machen?

Wenn ich bitten dürfte, daß sie hier stehen bleiben kann —

Selbstverständlich.

Als der Kapitän gegangen war, setzte ich mich auf das Bett. Na, jetzt war’s also aus; ja ja, Gott sei mit uns Allen! — Es ist neun Uhr, sie ist aufgestanden, sie geht dort drüben in dem Haus umher, das ich hier vom Fenster aus sehen kann. Nun aber fort.

Ich suche mein Bündel hervor und packe ein, ziehe meine nasse Wolljacke über die Bluse und bin fertig. Aber ich setze mich wieder hin.

Emma kommt und sagt:

Bitte schön, das Essen ist fertig!

Zu meinem Schrecken trägt sie meine Decke über dem Arm.

Und dann läßt die gnädige Frau fragen, ob das nicht deine Decke ist?

Meine? Nein. Ich habe meine Decke hier im Bündel.

Emma geht mit der Decke wieder fort.

Ich konnte sie doch nicht als mein Eigentum anerkennen, mochte der Teufel sie holen! ..... Sollte ich hinuntergehen und essen? dann konnte ich mich gleichzeitig verabschieden und mich bedanken. Das würde nicht auffallen.

Emma kommt mit der Decke wieder zurück und legt sie schön zusammengefaltet auf einen Hocker.

Wenn du jetzt nicht gleich kommst, wird der Kaffee kalt, sagte sie.

Warum legst du die Decke dorthin?

Die gnädige Frau hat gesagt, ich solle sie hier hinlegen.

Na, vielleicht gehört sie Falkenberg, murmle ich.

Emma fragt:

Gehst du jetzt fort von uns?

Ja, da du gar nichts von mir wissen willst.

Ach du! sagt Emma und wirft den Kopf zurück.

Ich gehe mit ihr hinunter und in die Küche; während ich am Tisch sitze, sehe ich den Kapitän in den Wald gehen. Ich freue mich darüber, daß er fort ist; vielleicht kommt jetzt die gnädige Frau heraus.

Ich esse und stehe dann vom Stuhl auf. Sollte ich ohne weiteres gehen? Natürlich. Ich sage also den Mädchen Lebewohl und füge bei jeder noch einen kleinen Scherz hinzu.

Ich sollte wohl auch der gnädigen Frau Lebewohl sagen, aber .....

Die gnädige Frau ist drinnen, ich werde —

Emma geht hinein, bleibt einen Augenblick fort und kommt wieder.

Die gnädige Frau hat Kopfweh und hat sich aufs Sofa gelegt. Aber ich soll dich von ihr grüßen.

Auf Wiedersehen! sagen alle Mädchen, als ich gehe.

Ich trage mein Bündel unter dem Arm und verlasse den Hof. Plötzlich fällt mir die Axt ein, Falkenberg wird sie vielleicht vermissen und nicht finden können. Da gehe ich zurück, klopfe an die Küchentüre und gebe wegen der Axt Bescheid.

Während ich den Weg hinuntergehe, wende ich mich ein paarmal um und sehe nach den Fenstern des Hauptgebäudes zurück. Dann ist das Haus außer Sicht.


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