28.

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Ein kleines Mädchen im Konfirmandenalter saß am Tisch und nähte, sonst war niemand in der Stube. Als ich um Obdach fragte, antwortete sie mit der größten Zutraulichkeit. Ja, sie wolle fragen, worauf sie in den kleinen Raum nebenan ging. Ich rief ihr nach, es würde mir genügen, wenn ich nur hier am Ofen sitzen bleiben dürfe, bis es Tag werde.

Kurz darauf kam das Mädchen mit ihrer Mutter zurück, die noch an ihren Kleidern band und knöpfte. Guten Abend. Sie sei nicht so recht darauf eingerichtet, jemand über Nacht zu behalten, aber ich könne gerne in der Kammer schlafen.

Und wo schlafen Sie dann selbst?

Ach, es sei ja bald Tag. Das Mädchen müsse übrigens noch eine Zeitlang nähen.

Was nähe sie denn? Ein Kleid?

Nein, nur einen Rock. Sie solle ihn morgen in die Kirche anziehen, habe es aber nicht zugelassen daß die Mutter ihr helfe.

Ich bringe meine Nähmaschine herbei und sage im Scherz, ein Rock mehr oder weniger sei keine Sache für ein Ding wie dieses hier! Ich wolle es ihr zeigen!

Ob ich etwa ein Schneider sei?

Nein, ich verkaufe Nähmaschinen.

Ich ziehe die Gebrauchsanweisung hervor und lese, wie wir uns anzustellen haben. Das Mädchen hört lernbegierig zu, sie ist noch ein Kind und ihre dünnen Finger sind von dem Stoff, der abfärbt, ganz blau geworden. Diese blauen Finger sehen so ärmlich aus. Ich hole deshalb den Wein hervor und lade die beiden ein, mit mir zu trinken. Dann nähen wir wieder, ich sitze mit der Gebrauchsanweisung da, und das Mädchen handhabt die Maschine. Sie findet, daß es glänzend gehe und ihre Augen leuchten blank.

Wie alt sie sei?

Sechzehn Jahre. Im vorigen Jahr sei sie konfirmiert worden.

Wie sie heiße?

Olga.

Die Mutter steht da und sieht uns zu und zeigt ebenfalls Lust, auf der Maschine zu nähen, aber so oft sie das tun will, sagt Olga: Paß auf, Mutter, daß du nichts daran verdirbst! Als wir abspulen müssen und die Mutter einen Augenblick das Schiffchen in die Hand bekommt, hat Olga wieder Angst, es könne etwas daran verdorben werden.

Die Frau stellt den Kaffeekessel aufs Feuer und beginnt zu kochen, es wird behaglich und warm in der Stube, diese einsamen Menschen sind sorglos und vertrauensvoll und Olga lacht, wenn ich etwas Komisches über die Maschine sage. Es fiel mir auf, daß keines von ihnen fragte, wieviel die Maschine koste, obwohl sie doch zu verkaufen war, das lag so vollkommen außerhalb ihrer Reichweite. Aber sie fanden es wunderhübsch, sie arbeiten zu sehen.

Eigentlich sollte sie eine solche Maschine haben, die Olga; denn sie stellt sich gut an.

Die Mutter antwortet, sie müsse erst warten, bis sie hinausgekommen sei und eine Zeitlang gedient habe.

Solle sie denn fort und dienen?

Ja, das hoffe sie doch. Sie habe noch zwei andere Töchter, die dienten. Die ließen sich gut an, Gott sei Dank. Olga werde ihre Schwestern morgen in der Kirche treffen.

An der einen Wand hängt ein kleiner zerbrochener Spiegel, an der anderen sind einige billige Bilder von Soldaten auf Pferden und von Fürstenpaaren in großem Staat. Da eines dieser Bilder alt und zerfetzt ist und die Kaiserin Eugenie vorstellen soll, errate ich, daß es nicht erst vor kurzem gekauft ist. — Woher stammt das Bild?

Daran könne sie sich nicht mehr erinnern. — Doch, mein Mann hat es wohl einmal bekommen, sagt sie dann.

Hier in der Gegend?

Wenn ich mich nicht täusche, stammt es von Hersaet, wo mein Mann in seiner Jugend gedient hat, antwortete sie. Es ist vielleicht dreißig Jahre her.

Ich habe einen kleinen Plan im Kopf und sage deshalb:

Dieses Bild ist sehr wertvoll.

Als die Frau glaubt, ich wolle sie zum Narren halten, untersuche ich das Bild und erkläre steif und fest, daß dies keine billige Malerei sei.

Die Frau ist durchaus nicht dumm und sagt nur: soso, ob ich das meine? Es habe hier gehangen, seit die Hütte erbaut worden sei. Das Bild gehöre übrigens Olga, schon als sie noch ganz klein war, habe sie es als ihr Eigentum bezeichnet.

Ich tue mystisch und sachverständig und frage, um so recht in die Sache einzudringen:

Und Hersaet, wo liegt das?

Hersaet liegt in der Nachbargemeinde, es sind zwei Meilen bis dorthin. Der Lensmann wohnt dort .....

Der Kaffee ist fertig, und Olga und ich ruhen aus. Jetzt sind nur noch die Haken anzunähen. Ich frage, ob ich die Bluse sehen dürfe, die sie zu dem Rock tragen solle und es zeigt sich, daß es keine richtige Bluse ist, sondern ein gestricktes Tuch. Aber sie hat von ihrer einen Schwester eine abgelegte Jacke bekommen, und diese Jacke soll über das Ganze angezogen werden und alles verstecken.

Olga wächst so sehr in dieser Zeit, daß es keinen Sinn hat, ihr vor dem nächsten Jahr eine richtige Bluse machen zu lassen, höre ich.

Olga näht die Haken an, und das ist bald geschehen. Nun ist sie so schläfrig, daß man es ihr ansieht, und ich befehle ihr deshalb mit gemachter Würde, zu Bett zu gehen. Die Frau fühlt sich verpflichtet, aufzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten, obwohl ich auch sie bitte, sich wieder schlafen zu legen.

Ja, nun mußt du dem fremden Mann recht schön für seine Hilfe danken, sagt die Mutter.

Und Olga kommt her und gibt mir die Hand. Ich benutze die Gelegenheit und schiebe sie in die Kammer hinein.

Gehen Sie nun auch schlafen, sage ich zur Mutter. Ich werde doch nicht mehr mit Ihnen schwätzen, denn ich bin müde.

Da sie sieht, daß ich mich beim Ofen ausstrecke und mir meinen Sack als Kissen zurechtschiebe, schüttelt sie lächelnd den Kopf und geht.


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