34.
In Gedanken versunken gehe ich die Rathausstraße hinunter, bleibe eine Weile bei den Droschkenkutschern stehen und beobachte die Türe des Hotels Viktoria. Aber es ist ja wahr, sie ist heute abend bei Verwandten. Dann gehe ich ins Hotel und spreche mit dem Portier.
Doch, Frau Falkenberg ist zu Hause. Zimmer Nummer zwölf, im ersten Stock.
Sie ist also nicht ausgegangen?
Nein.
Reist sie bald ab?
Sie hat nichts gesagt.
Ich gehe wieder hinaus, und die Kutscher schlagen mit einem Bitte-schön das Schutzleder zurück. Ich wähle einen Wagen und steige ein.
Wohin wollen Sie fahren?
Wir bleiben hier stehen. Ich nehme Sie stundenweise.
Die Kutscher stellen sich wieder zusammen und flüstern, der eine meint dies, der andere jenes: er will das Hotel beobachten, wahrscheinlich ist seine Frau drinnen bei einem Handlungsreisenden.
Ja, ich beobachte das Hotel. In manchen Zimmern ist Licht und mir kommt plötzlich der Gedanke, daß sie vielleicht oben an einem Fenster stehen und mich sehen könnte. Warten Sie ein wenig, sage ich zu dem Kutscher und gehe wieder ins Hotel.
Wo ist Nummer zwölf?
Im ersten Stock.
Und gehen die Fenster nach der Rathausstraße?
Ja.
Dann war es also doch meine Schwester, die mir zuwinkte, sage ich und lüge, um am Portier vorbeizukommen.
Ich gehe die Treppe hinauf, und um mir keine Zeit zu lassen wieder umzukehren, klopfe ich sofort an, sowie ich die Nummer gefunden habe. Keine Antwort. Ich klopfe noch einmal an.
Ist es das Mädchen? fragte es drinnen.
Ich konnte nicht Ja antworten, meine Stimme würde mich verraten haben. Ich drückte die Klinke nieder, die Türe war verschlossen. Sie hatte wohl befürchtet, daß ich kommen würde, vielleicht hatte sie mich auch auf der Straße gesehen.
Nein, es ist nicht das Mädchen, sage ich und höre, wie die Worte fremdartig zittern.
Ich warte eine lange Zeit und lausche; ich höre es drinnen rascheln, geöffnet aber wird nicht. Da klingelt es zweimal kurz aus einem der Zimmer zum Portier hinunter. Das ist sie, denke ich, sie ruft dem Mädchen, sie ist unruhig. Ich entferne mich von ihrer Türe, um ihr nicht Unannehmlichkeiten zu bereiten, und wie dann das Mädchen kommt, gebe ich mir den Anschein, als wollte ich hinuntergehen. Ich höre das Mädchen sagen: Ja, es ist das Mädchen. Und höre, wie die Türe geöffnet wird.
Nein nein, sagt das Mädchen wieder, es war nur ein Herr da, der eben hinunterging.
Erst wollte ich ein Zimmer im Hotel nehmen, aber das widerstrebte mir, sie gehörte nicht zu den Frauen, die sich ein Stelldichein mit einem Handlungsreisenden gaben. Als ich zum Portier hinunterkam, sagte ich im Vorbeigehen, daß sich die gnädige Frau offenbar schlafen gelegt habe.
Dann gehe ich wieder hinaus und setze mich in den Wagen. Die Zeit vergeht, eine Stunde vergeht, der Kutscher fragt mich, ob ich nicht friere? Doch ja, ein wenig. Ob ich auf jemand warte? Ja ..... Er reicht mir eine Decke vom Bock herunter, und da er so freundlich ist, gebe ich ihm ein Trinkgeld.
Die Zeit vergeht. Stunde auf Stunde vergeht. Die Kutscher tun sich keinen Zwang mehr an, sondern sagen untereinander, ich ließe das Pferd zuschanden frieren.
Es half wohl auch nichts mehr. Ich bezahle den Wagen, gehe heim und schreibe folgenden Brief:
Ich durfte Ihnen nichtschreiben, würden Sie mir wenigstens erlauben, Sie wieder zu sehen? Ich werde morgen nachmittag um fünf Uhr im Hotel vorsprechen.
Sollte ich eine frühere Stunde festsetzen? Aber das Licht des Vormittages ist so hell. Wenn ich erregt werde und mein Mund zuckt, nehme ich mich wohl schrecklich aus.
Ich brachte den Brief selbst ins Viktoria und ging wieder heim.
Eine lange Nacht. Oh, wie lang waren diese Stunden! Jetzt, da ich schlafen und mich stärken sollte, um für den anderen Tag frisch zu sein, konnte ich es nicht. Der Tag graute, und ich stand auf. Nach einer langen Wanderung durch die Straßen taumle ich wieder heim, lege mich hin und schlafe ein.
Die Stunden vergehen. Als ich aufwache und zur Besinnung komme, stürze ich in meiner Angst sofort ans Telephon und frage, ob Frau Falkenberg abgereist sei.
Nein, sie ist nicht abgereist.
So wollte sie also Gott sei Dank nicht vor mir fliehen, denn sie mußte meinen Brief schon seit langem erhalten haben. Nein, nur die Zeit war gestern abend ungünstig gewesen, das war alles.
Ich esse und lege mich wieder schlafen. Als ich aufwache, ist es schon Mittag vorbei, wieder eile ich ans Telephon und läute an.
Nein, die gnädige Frau ist nicht abgereist. Aber sie hat gepackt. Sie ist jetzt ausgegangen.
Sofort mache ich mich fertig, fahre gleich in die Rathausstraße und beobachte das Hotel. Im Laufe einer halben Stunde kommen und gehen viele Leute durch das Tor des Hauses, aber sie ist nicht darunter. Es ist jetzt fünf Uhr und ich gehe zum Portier hinein.
Frau Falkenberg ist abgereist.
Abgereist?
HabenSietelephoniert? Im selben Augenblick kam sie und holte ihren Mantel. Aber ich habe einen Brief für Sie.
Ich nehme den Brief und ohne ihn zu öffnen frage ich nach dem Zug.
Der Zug geht um vier Uhr fünfundvierzig, sagt der Portier und sieht auf seine Uhr. Jetzt ist es fünf Uhr.
Eine halbe Stunde hatte ich vergeudet, weil ich vor dem Hotel wartend gestanden hatte.
Ich setze mich auf eine Treppenstufe und starre zu Boden. Der Portier spricht noch immer mit mir. Er hat wohl begriffen, daß die Dame nicht meine Schwester war.
Ich sagte der gnädigen Frau, daß soeben ein Herr telephoniert habe. Aber sie antwortete nur, sie habe keine Zeit, ich solle Ihnen diesen Brief geben.
War eine andere Dame bei ihr, als sie abreiste?
Nein.
Ich stehe auf und gehe fort. Als ich auf der Straße bin, öffne ich den Brief und lese:
Siedürfenmich nicht mehr verfolgen —
Ganz schlaff stecke ich ihn in die Tasche. Er setzte mich nicht in Erstaunen, machte keinen neuen Eindruck auf mich. Echt weibliche, hastige Worte; der ersten Eingebung folgend, unterstrichen und Gedankenstrich .....
Da verfalle ich darauf, zu Fräulein Elisabet zu gehen und dort anzuklingeln; noch hatte ich diese letzte Hoffnung. Ich höre, wie die Glocke drinnen bei meinem Druck auf den Knopf surrt und stehe da und lausche wie in eine brausende Wüste hinein.
Fräulein Elisabet ist vor einer Stunde abgereist.
Und erst ist es Wein und noch mehr Wein und dann wird es Whisky. Und dann werden es ungeheure Mengen von Whisky. Und dann wird eine Sauferei von einundzwanzig Tagen daraus, wobei sich ein Vorhang über mein irdisches Bewußtsein senkt. In diesem Zustand kommt mir eines Tages der Gedanke, einen Spiegel mit einem lustigen, vergoldeten Rahmen in eine Hütte auf dem Land zu senden. Er sollte einem kleinen Mädchen namens Olga gehören, das ebenso zutraulich und unterhaltend war wie ein kleines Kalb.
Ja, denn ich habe immer noch meine Neurasthenie.
In meinem Zimmer liegt die Maschine. Ich kann sie nicht mehr aufstellen, die größeren Holzteile sind in einem Pfarrhof auf dem Lande zurückgeblieben. Meinetwegen, meine Liebe zu dieser Maschine ist abgestumpft. Meine Herren Neurastheniker, wir sind schlechte Menschen, und zu irgendeiner Art von Tieren taugen wir auch nicht.
Schließlich wird es mir wohl eines Tages zu langweilig werden, noch länger bewußtlos zu sein, und ich reise abermals hinaus auf eine Insel.
Im Verlag Albert Langen, München begann in neuer Ausgabe zu erscheinen:
Knut Hamsun
Gesammelte Werke
in zwölf Bänden
Besorgt und herausgegeben von J.SandmeierUmschlag- und Einbandzeichnung vonErich SchillingAuf feinstem holzfreiem Papier gedruckt
Einteilung der Gesamtausgabe:
Bd. 1. Romane (Hunger. Mysterien) / Bd. 2. Romane (Redakteur Lynge. Neue Erde) / Bd. 3. Romane (Pan. Victoria. Schwärmer) / Bd. 4. Romane (Benoni. Rosa) / Bd. 5. Romane (Unter Herbststernen. Gedämpftes Saitenspiel. Die letzte Freude) / Bd. 6. Romane (Im Märchenland. Unter dem Halbmond. Kinder ihrer Zeit) / Bd. 7. Romane (Die Stadt Segelfoß) / Bd. 8. Romane (Segen d. Erde) / Bd. 9. Romane (Die Weiber am Brunnen) / Bd. 10. Novellen. / Bd. 11. Moderne Dramen. / Bd. 12. Kostümdramen.
Der erste Band
ist soeben erschienen. Bd. 2 bis 12 erscheinen in schneller Folge, wenigstens zwei Bände im Jahr, so daß die Ausgabe spätestens im Herbst 1926 vollständig vorliegen wird.
Seine während des Weltkriegs begonnene Ausgabe der Gesammelten Werke Knut Hamsuns hat der Verlag Albert Langen seinerzeit nicht weitergeführt, weil die durch die damaligen Verhältnisse bedingte kriegsmäßige Ausstattung ihm selbst nicht genügte. Auch die bisherigen Übersetzungen schienen ihm einer endgültigen deutschen Ausgabe des großen Dichters noch nicht im vollen Maß würdig zu sein. Nach langer und sorgfältiger Vorbereitung beginnt nun der Verlag mit der Herausgabe einer Gesamtausgabe, die innerlich wie äußerlich die höchsten Ansprüche befriedigen muß. Sie ist auf holzfreiem Papier von bester Qualität gedruckt und solid und sehr schön in Ganzleinen gebunden. Die neue Übersetzung von J. Sandmeier hält sich treuer als die bisherige an das Hamsunsche Wort, schmiegt sich allen Feinheiten seiner Sprache an und gibt dabei ein Deutsch von edler Schönheit. Erst in dieser vollendeten Übertragung ist Hamsun uns Deutschen restlos zu eigen geworden. Was uns damit geschenkt wird, braucht man heute niemand mehr zu sagen. Dieser größte, tiefste und persönlichste unter den lebenden Dichtern aller Völker gehört der Welt. Sein Ruhm mußte ihm nicht erst durch den Nobelpreis bestätigt werden, den er im vorigen Jahre empfing. Gebührt hätte er ihm schon viel früher. — Wenn die Gesammelten Werke eines Autors von Ruf erscheinen, so will das gemeinhin bedeuten, daß dieser Autor ein Fertiger und in irgend einer Beziehung bereits klassisch sei, daß seine Bücher die Abgeschlossenheit des Lebenswerkes erreicht haben. Für Knut Hamsun stimmt das und stimmt es auch wieder nicht. Gerade seine beiden letzten Bücher „Segen der Erde“ und „Die Weiber am Brunnen“ haben bewiesen, wie sehr dieser Sechziger immer noch der Verwandlung, der Entwicklung fähig ist, in wie starkem Maße und in wie hohem Sinn er ein Werdender bleibt. Trotzdem ist Hamsun heute schon Klassiker, Klassiker in der Gestaltung unserer Zeit, die er, so völlig abgewandt von allen Zeitfragen seine Kunst sich auch gibt, erlebt und fühlt wie kein zweiter, und deren innerstes Wesen sich in seinen Büchern mit einer Eindringlichkeit widerspiegelt wie nirgend sonst in der zeitgenössischen Literatur. — Der vorliegende erste Band bringt die beiden frühen Romane „Hunger“ und „Mysterien“, Bekenntniswerke von hinreißender Wucht, noch von den Düsternissen Dostojewskis umfangen, und dennoch in jeder Zeile ganz der junge, um Leben wie um Kunst gleich leidenschaftlich ringende Knut Hamsun.
Einzelausgaben der Werke von Knut Hamsun aus dem Verlag von Albert Langen: