9.
Der Brunnen war fertig, der Graben ausgehoben und der Rohrleger gekommen. Er wählte sich Grindhusen zum Helfer aus, und ich wurde angestellt, den Weg für die Rohre vom Keller bis hinauf in die zwei Stockwerke des Hauses zu bahnen.
Eines Tages, während ich unten im Keller am Graben arbeitete, kam die Pfarrerin zu mir herunter. Ich rief ihr zu, sie möge sich vorsehen, aber sie ließ sich nicht stören. Hier ist doch kein Graben? fragte sie und deutete auf eine Stelle. Und hier wohl auch nicht? Schließlich trat sie doch fehl, glitt aus und rutschte in den Graben zu mir herab. Da standen wir. Es war nicht hell bei uns, und für sie, die aus dem Tageslicht kam, war es ganz dunkel. Sie tastete den Graben ab und sagte:
Wie kann ich jetzt wieder hinaufkommen?
Ich hob sie hinauf. Das war nicht schwer, sie war so schlank, obwohl sie die Mutter eines großen Mädchens war.
Das muß ich sagen, rief sie und schüttelte die Erde von ihrem Kleid ab, das war eine rasche Abfahrt ... Du mußt mir einmal im ersten Stock bei etwas behilflich sein, willst du? Aber wir müssen warten, bis mein Mann im Annex ist, er liebt Veränderungen nicht. Wann werdet Ihr hier auf dem Hof fertig?
Ich nannte eine Zeit, eine Woche oder so.
Wohin werdet Ihr von hier aus gehen?
Auf den Nachbarhof. Grindhusen hat zugesagt, dort Kartoffeln auszugraben .....
Dann ging ich in die Küche hinauf und sägte mit einer Stichsäge ein Loch in den Boden. Fräulein Elisabet mußte, während ich mit Sägen beschäftigt war, ebenfalls etwas in der Küche erledigen und, obwohl sie einen Widerwillen gegen mich empfand, überwand sie sich, sprach einige Worte zu mir, blieb stehen und sah ein wenig bei der Arbeit zu.
Stell dir vor, Oline, wenn du nur noch einen Hahn aufzudrehen brauchst! sagte sie zu dem Mädchen.
Aber Oline, die schon alt war, sah keineswegs entzückt aus. Es sei sündhaft, das Wasser bis in die Küche zu führen, fand sie. Zwanzig Jahre lang habe sie das nötige Wasser ins Haus getragen, was sollte sie dann jetzt tun?
Dich ausruhen, meinte ich.
Ausruhen? Der Mensch ist doch wohl zum Arbeiten geschaffen.
Und an deiner Aussteuer nähen, sagte das Fräulein lächelnd.
Das war jungmädchenhaft gesprochen, aber ich war ihr dankbar, weil sie an unserem gemeinsamen Gespräch teilnahm und eine Zeitlang in der Küche blieb. O Gott, wie gewandt wurde ich, und wie treffend sprach ich und führte mich wie ein Junger auf. Ich weiß es heute noch gut. Plötzlich aber schien Fräulein Elisabet darüber nachzudenken, daß es sich nicht für sie schicke, noch länger bei uns zu bleiben, und sie verließ uns.
Am Abend ging ich wieder, wie schon früher so oft, auf den Friedhof; als ich aber sah, daß das Fräulein schon vor mir dort war, trollte ich mich fort und ging in den Wald. Nachher dachte ich: Jetzt wird sie sicher ganz gerührt sein über meine Bescheidenheit und wird sagen: Der Ärmste, das war nun ein feiner Zug von ihm! Dann fehlte nur noch, daß sie mir in den Wald nachkommen würde. Überrascht würde ich mich dann von meinem Stein erheben und grüßen. Dann würde sie etwas verlegen werden und sagen: Ich ging hier nur vorbei — es ist ein so schöner Abend — was treibst du hier? Ich sitze nur so da, antworte ich und komme mit meinen unschuldigen Augen gleichsam von weit her. Und wenn sie hört, daß ich am späten Abend nur so dasitze, dann begreift sie, daß ich eine tiefe Seele und ein Träumer bin, und dann verliebt sie sich in mich ....
Auch am nächsten Abend war sie auf dem Friedhof, und der eitle Gedanke flog mir durch den Kopf: sie geht mir nach! Als ich aber näher zu ihr hinsah, zeigte es sich, daß sie an einem Grab beschäftigt war. Sie war mir also nicht nachgegangen. Ich schlich mich wieder zu dem großen Ameisenhaufen im Wald und beobachtete die Tiere, solange ich sehen konnte; später saß ich da und hörte zu, wie die Tannenzapfen und Vogelbeertrauben zur Erde fielen. Ich summte, flüsterte und dachte, dann und wann mußte ich aufstehen und der Kälte wegen ein wenig auf und ab gehen. Die Stunden vergingen, die Nacht kam, ich war ganz verliebt, ging barhäuptig und ließ mich von den Sternen anstarren.
Wie spät ist es? konnte Grindhusen fragen, wenn ich in die Scheune kam.
Elf Uhr, erwiderte ich dann. Obwohl es oft schon zwei und drei Uhr morgens war.
Findest du endlich, daß es Zeit ist, schlafen zu gehen? Ach, zum Teufel, weckt einen der Mensch, wenn man gerade so schön eingeschlafen ist!
Grindhusen wirft sich auf die andere Seite herum und schläft gleich wieder ein. Grindhusen hatte es leicht.
Ach, wie sich doch ein bereits alternder Mann zum Narren macht, wenn er verliebt ist. Und wollte nicht gerade ich das Exempel statuieren, daß es möglich sei, Ruhe und Frieden zu finden?