»Du bist vermählt?« rief Alexandrine erstaunt, fast erschreckt aus.
»Vermählt– ja,« sagte Eduard bitter und leise vor sich hin, »mit der Tochter eines Schuhmachers, die, als ich sie kennen lernte, bei einem deutschen Apotheker – in Diensten stand –«
Alexandrine erwiederte kein Wort – sie war todtenbleich geworden, und ihre Gestalt zitterte – sie mußte sich auf den Stuhl niedersetzen, neben dem sie stand.
»Jetzt wißt Ihr Alles,« fuhr er dann leise fort – »mein Weib ist gegenwärtig mit unserem Kind bei ihren Eltern in Tanunda und erwartet mit Sehnsucht meine Rückkehr nach Australien. – Meine dort übernommene Pflicht zwingt mich, dahin zurückzukehren, denn – ich darfEuchhier keine Schande machen.«
»Oh Eduard, Eduard, hast Du denn gar nichtmehr an uns gedacht?« klagte da seine Schwester; »mußtest Du Dich denn mit Gewalt von Allem losreißen, was Dir noch lieb und theuer war auf der Welt – hatten wir das um Dich verdient?«
»Es ist zu spät darüber jetzt zu klagen,« sagte ihr Bruder finster – »was ich mir aufgebürdet, muß ich tragen, und wie es mein Herz auch hier nach Deutschland ziehen und hier halten mag, mein selbstgeschaffenes Schicksal zwingt mich in jenen fernen Welttheil zurück.«
Graf Galaz hatte in der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Er stand mit der Schulter an den Pfeiler der Gartenthür gelehnt, die Arme untergeschlagen, die Augen, so lange Eduard sprach, fest und forschend auf diesen geheftet. Jetzt schaute er still und überlegend vor sich nieder.
»Und ist das Dein fester Wille?« sagte er endlich leise.
»Was Anderes soll ich –kannich thun?«
»Laß uns Zeit zum Ueberlegen Eduard,« erwiederte da der Graf ruhig, »denn die Sache ist in der That zu wichtig, um über's Knie gebrochen zu werden. – Ich will es mir indessen überdenken – ich will mit Deiner Schwester darüber reden, ich – muß mir selber erst klar darüber werden, denn ich kannDir gestehen, Du hast uns überrascht – ich war auf etwas Derartiges nicht vorbereitet.«
Eduard wollte etwas erwiedern, aber er vermochte es nicht. Er ging auf Graf Galaz zu und drückte ihm die Hand, küßte seine Schwester und verließ dann rasch das Zimmer. Draußen befahl er sein Pferd zu satteln, und ritt gleich darauf hinaus in den Wald.
Auch Galaz blieb nicht daheim – er ließ sich die neu gebrachten Pferde einschirren, und ging indessen, während Alexandrine auf dem Sopha saß und still weinte, mit raschen Schritten im Saale auf und ab – aber keins von ihnen sprach ein Wort. Erst als der Diener meldete es sei vorgefahren, und dann wieder die Thür schloß, trat er zu seiner Gattin und sagte herzlich:
»Sorge Dich nicht, Alexandrine; es kann noch Alles gut werden – lasse mir nur Zeit zum überlegen – Dein Bruder ist in treuen Händen, sei versichert.«
»Mein guter Rudolph, oh, der arme, arme Eduard!«
»Banne die trüben Gedanken, Schatz, ich bin bis um 12 Uhr wieder zurück; bis dahin wird auch Eduard vielleicht da sein, und wir halten dann Familienrath.«
»Und was denkst Du, daß er möglicher Weise thun kann?«
»Noch weiß ich Nichts, Kind – gar Nichts. Der Kopf wirbelt mir nur von dem Gehörten; das muß erst klar werden und sich sichten; alles Andere findet sich ja dann leicht. Leb wohl indessen, und laß mich wieder ein freundliches Gesicht sehen, wenn ich zurück komme.«
Ein freundliches Gesicht – Du großer Gott, der armen Frau war das Herz recht voll und schwer, als sie ihr Gatte verlassen hatte, denn wohl sorgte sie sich um den Bruder, den sie so – wenigstens für sie in Deutschland – verloren glaubte. – Und waskonnteihr Gatte dabei thun? – Das Band lösen, das ihn dort fesselte? – Scheidung? – aber was hatte das arme Weib verbrochen, die vielleicht mit aller Liebe an ihm hing. – Der Kopf schmerzte sie vom vielen Sinnen, und sie mußte sich gewaltsam aufraffen. Sie wollte sich beschäftigen – sie wollte lesen – es ging Alles nicht – an waskonntesie anders denken, als an das, was jetzt ihr ganzes Herz erfüllte. Erst in der Musik fand sie zuletzt eine Erleichterung, um die langen, langen Stunden hinzuweilen, die noch zwischen jetzt und der Entscheidung lagen.
Um ein Uhr kehrte Graf Galaz zurück, gleich nachihm, fast mit ihm zugleich, Eduard. Er sah bleich und angegriffen aus und drückte, als er in's Zimmer trat, seiner Schwester bewegt die Hand.
»Eduard,« sagte da der Graf, »es bedarf keiner weiteren Vorrede, denn daß uns Beide Dein künftiges Schicksal, seit dem Augenblick wo Du uns Dein Geheimniß entdecktest, ausschließlich beschäftigt hat, versteht sich von selbst. Es bleiben Dir aber nur zwei Wege, das seh' ich ein, und wenn es Dir irgend möglich wäre, würde ich Dir rathen, den einen einzuschlagen, denn natürlich möchten wir Dich doch gern in unserer Nähe behalten.«
»Und der ist?« fragte Eduard leise und scheu.
»Scheidung,« erwiederte ruhig der Graf, »und zwar nicht allein Scheidung Deiner selbst, sondern auch Deiner Frau wegen.«
»Meiner Frau?«
»Allerdings. Dukannstnicht daran denken nach Australien zurück zu gehen. Wie ich Dich jetzt hier kenne, nach Allem was ich von Dir gesehen, würdest Du Dich dort namenlos elend fühlen. Auch die Verbindung selber läge Dir jetzt wie eine Last auf, und hinderte Dich an all Deinen Bewegungen. Früher ja, in Deinem tollköpfigen Sinn, mit dem Vaterland vollständig zu brechen, hast Du das nicht so gefühlt –ja im Gegentheil erweckte vielleicht gerade die Gründung eines eigenen Heerdes, mit einer Frau, die Deine Arbeit theilen mußte – Dein Selbstgefühl, und Du fandest darin einen Ersatz für das Aufgegebene. Jetzt ist das anders. Kehrtest Du jetzt in jene Verhältnisse zurück, so würdest Du Dich elend fühlen und damit Dein armes Weib auch elend machen – und wolltest Du sie herüber kommen lassen – sage Dir selbst, ob Du mitderVerwandtschaft hier bei all unseren Freunden einen Verkehr halten könntest. Jetzt empfängt Dich Alles mit offenen Armen, aber dann – der Stand, die geringe Bildung Deiner Frau würde sich augenblicklich verrathen, und hat sie nur ein klein wenig Gefühl, so müßte sie sich selber unglücklich fühlen, wenn sie sieht, daß sie Dich durch das Zusammenleben mit Dir unglücklich macht.«
»Und der andere Weg?« frug Eduard mit einem tiefen Seufzer.
»Der andere,« sagte der Graf, »ist der, daß Du Deine Frau herüber kommen läßt und mit ihr auf Dein Gut in Schlesien ziehst, um dort, abgeschlossen von der Welt, zu leben. – Dann freilich bist Du für uns verloren, und, einen gelegentlich kurzen Besuch abgerechnet, würden wir wenig von einander zu sehen bekommen. Aber selbst dort bleibst Du dem ausgesetzt,daß sich die benachbarten Gutsherren von Dir zurückziehen – die Männer weniger als die Frauen, denn jeder Stand, mein Freund – wir ändern nun einmal die Welt nicht – hat seinen Stolz, und hält auf seine Rechte.«
»Und sind solche Vorurtheile nicht thöricht? – schlecht?« rief Eduard bewegt aus.
»Sie haben ihre Berechtigung,« erwiederte ruhig der Graf. »Ich selbst halte die Menschenrechte des gemeinen Arbeiters so hoch, als meine eigenen, aber – ich verkehre trotzdem nicht gesellschaftlich mit ihm, weil sein Bildungsgrad dem meinen nicht behagt, weil seine Angewohnheiten und Sitten mir nicht inmeinemgewöhnten Leben zusagen – nicht etwa aus dem Grund, weil ich ihn geringer achtete. Erstlich kann ich mich nicht mit ihm überdasunterhalten, wasmichinteressirt, dann raucht er einen sehr schlechten Tabak und spukt in die Stube – lauter Dinge, die mir fatal sind und mir Ekel verursachen. Er gebraucht auch keinEau de Cologne– obgleich er es manchmal nöthig hätte; kurz, ich fühle mich nicht in seiner Gesellschaft behaglich und ihm geht es mit mir genau so. Glaube auch um Gottes Willen nicht, daßunserStand allein dieses Vorurtheil hat; bis zu den untersten Schichten der menschlichen Gesellschafttriffst Du das nämliche – »Gleich und gleich gesellt sich gern« ist ein altes vortreffliches Sprichwort und wir müssen dafür büßen, wenn wir es vernachlässigen. Folgst Du also meinem Rath, so setzt Du Dich in Güte mit der Familie auseinander. Du hast die Mittel, sie vollständig und reichlich zu entschädigen, ja ihnen für Sorgen und Noth, die sie vielleicht bis jetzt gehabt, einen Wohlstand zu schaffen. Das bist Du ihnen auch schuldig und wirst nicht knausern.«
»Und sein Kind?« rief da Alexandrine, die bis jetzt mit ängstlich erregten Zügen den Worten des Gatten gelauscht hatte – »oh, wie hart, wie grausam Ihr Männer seid! Und das arme Wesen, das ihm ihre Liebe gegeben, ihm ihr ganzes Leben geweiht hat, gilt Euch nichts weiter, als daß man ihr Schmerz und Sehnsucht mitGeld– mit einem »Wohlstand« abkaufen könne?«
»Und weißt Du einen anderen Ausweg, Alexandrine?«
»Wäre es denn nicht möglich die Frau zu uns herauf zu ziehen?« rief bittend die Gräfin, »sollte Eduard so tief gegriffen haben, seine Gattin aus dem rohsten, unformbarsten Material zu wählen?«
Eduard schwieg und sah seufzend vor sich nieder.
»Also wirklich,« stöhnte die Schwester, »aber sobeschreib' uns Deine Frau,« rief sie plötzlich, von einer neuen Hoffnung belebt – »Du hast uns noch kein Wort über sie gesagt – beschreib' sie, wie sie ist – wie Du sie lieben lerntest – wie sie Dein Herz gewann. Sie mag von niederem Stande sein,« fuhr sie lebendig fort, »und doch hat man Beispiele, daß sich gerade Frauen in selbst ungewohnte Verhältnisse leicht und ungeahnt rasch hinein fanden. – Sie hat doch ein hübsches, freundliches Gesicht?«
»Lieb und gut,« sagte Eduard bewegt, »ihre Züge sind nicht grob oder bäuerisch, eher fein, ja fast edel – ihre Hände, trotz der harten Arbeit, die sie gethan, weiß und zart. Sie hat blondes Haar und treue blaue Augen und ist schlank und hoch von Wuchs.«
»Wo stammt sie her?«
»Ihr Geburtsort ist Landau. Aber täusche Dich nicht, Alexandrine,« setzte er hinzu, »aus einemKindeläßt sich ein ander Wesen formen, nicht aus einer erwachsenen Frau. Sie kennt Nichts von der Welt, als daß sie zur Arbeit von Jugend auf bestimmt war; sie hat Schreiben und Lesen gelernt, und ein klein wenig Rechnen: dies, mit ihrem Katechismus, bildete ihre einzige Erziehung. Sie singt wie eine Lerche, aber lachte laut auf, als ich ihr die ersten Noten zeigte und ihr erklären wollte, daß das Töne wären. – Auch inanderer Weise hab' ich es versucht – es that mir im Herzen weh, sie so in Unwissenheit hinleben zu sehen; ich verschaffte mir Bücher und wollte sie zum Lesen bringen – aber umsonst. Ja, kleine fade Geschichten und Schnurren las sie wohl einmal und lachte herzlich darüber, aber sie bekam es rasch wieder satt, warf das Buch fort, sagte das sei Faullenzen, und sprang singend an ihre Arbeit.«
Alexandrine hatte ihm schweigend zugehört, und während er sprach, haftete ihr Auge ernst und wehmüthig an seinen Zügen.
»Und nun?« sagte sie, während sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust entrang – »was hast Du selbst beschlossen, denn Dir vor Allen gebührt die Entscheidung für Deinen künftigen Lebensweg.«
»Ich weiß es selber nicht,« stöhnte Eduard – »ich fühle, daß Rudolph Recht hat, und doch zieht mich mein Herz dorthin zurück, wo ich nie wieder glücklich werden kann. Wollte Gott, ich wäre todt.«
»Das ist der Ausruf feiger Verzweiflung,« sagte der Graf kalt, »schäme Dich, Eduard, in Deine Seele hinein. Erst im Unglück beweist sich der Mannesmuth, im Sturm der tüchtige Seemann, und wer da zaghaft das Ruder aus den Händen läßt, verdient nichts Besseres, als daß er eben zu Grunde geht.«
»Aber was soll ich thun?«
»Sei ein Mann.«
»Und mein Kind?«
»Vom achten Jahre an gehört es dem Vater. Sie wird es Dir auch nicht vorenthalten, wenn ihr des Kindes Wohl am Herzen liegt. Ist es Knabe oder Mädchen?«
»Ein lieber, herziger Knabe, der der Mutter sprechend ähnlich sieht.«
»Und von dem soll sie sich trennen?« sagte Alexandrine bewegt.
»Noch lange nicht, mein Herz,« erwiederte ihr Gatte – »noch viele Jahre soll sie es bei sich behalten, bis sie selber anfängt, sich um seine Erziehung zu sorgen. Dann erst übernimmt der Vater dieselbe, und enthebt sie dadurch einer Last und Verantwortlichkeit.«
»EinerLast,« wiederholte die Frau wehmüthig – »oh wie wenig versteht Ihr Männer doch das Herz einer Mutter. – Einer Last – als ob uns ein Kind eine Last sein könnte. Aber Eines bedenke wohl, Eduard –wasDu auch thust, handle nie, daß es Dir zu einem Vorwurf für Dein späteres Leben wird.«
»Aber Alexandrine,« rief ihr Gatte.
»Gott ist mein Zeuge,« sagte die Gräfin bewegt, »wie glücklich es mich machen würde, Eduard bei uns zu behalten, aber – ich möchte dieses Glück nicht mit der Ruhe seines Gewissens erkauft haben.«
»Und soll er sein Weib unglücklich machen,« rief ihr Gatte, »indem er sie in Kreise und Verhältnisse führt, in denen sie sich elend fühlenmuß? Willst Du die Verantwortung tragen, wenn sie ihn selber anklagt, sie aus ihrer Sphäre gerissen zu haben? –«
»Oh mein Gott!« stöhnte die Frau.
»Ueberlaßt mir das Ganze,« sagte der Graf freundlich, »ein Dritter ist da immer weit besser im Stande ruhig und kaltblütig zu handeln, als die dabei Betheiligten. Was ist ihr Vater für ein Mann, Eduard?«
»Ein ehrlicher braver Handwerker,« erwiderte Benner, »bieder und derb, aber auch natürlich roh und rücksichtslos, doch mit viel praktischem Verstand, soweit es eben sein Geschäft und auch den Ackerbau betrifft. Er hat in seiner Jugend hart gearbeitet, um etwas vor sich zu bringen, und da er das erreicht, scheint sich sein Fleiß, anstatt das Gewonnene zu genießen, verdoppelt zu haben.«
»Er liebt das Geld?«
»Mein Himmel, es ist für alle diese Leute dashöchste Ziel – nicht etwa des Geldes selber wegen, sondern weil sie Alles damit erreichen können. Der alte Peters ist nicht schlimmer und nicht besser, als die Uebrigen, aber so herzlich ich Dir für Deine treue Liebe danke, Rudolph, in dieser Sache mußt Du mir selber das Handeln überlassen.«
»Du willst selber schreiben?«
»Lass' mir Zeit – es darf nicht übereilt werden – ich kann mein Weib nicht so bitter kränken, mich nicht so rasch, so plötzlich von ihr trennen.«
»Und was willst Du sonst thun?«
»Ihr schreiben, daß ich noch nicht hier abkommen könne, daß vielleicht noch längere Zeit vergehen würde, ehe ich im Stande wäre, zu ihr zurückzukehren, ja daß es vielleicht die Umstände nöthig machten, noch Jahr und Tag hier auszuharren.«
»Das bleibt eine Galgenfrist, denn die Zeit verfliegt.«
»Lass' sie sich erst an die Trennung gewöhnen,« bat Eduard – »laß mich selber erst klar mit mir werden. Daß es ihnen indessen da drüben an nichts fehlt, soll meine Sorge sein.«
»Du bist noch unentschlossen?«
»Ja – Du weißt nicht, mit welcher Liebe Henriette an mir hängt. Was geschehenmuß, mag dieZeit bringen, aber ich bin nicht im Stand ein Band freiwillig und so rasch zu lösen, das ich selber geknüpft und in dem ich mich einst glücklich fühlte.«
»Und hast Du wirklich noch eine Idee, wieder nach Australien zurückzukehren?« fragte Graf Galaz erstaunt.
»Ich weiß es nicht,« erwiderte unentschlossen der junge Mann – »jetzt nicht – nicht in nächster Zeit – ich bleibe bei Euch – ich könnte jetzt nicht einmal fort, wo mir so viel zu ordnen, einzurichten bleibt. Lass' mir Zeit, Rudolph, ich bitte Dich dringend darum.«
»Ich dränge Dich nicht,« sagte der Graf ruhig – »besser für alle Theile wäre es freilich, so rasch als möglich zu einem Verständniß zu kommen, denn Nichts ist peinlicher, als eine solche Ungewißheit, ein solches Schwanken. Aber ich bin auch damit einverstanden, daß Du Dich noch erst ein wenig mehr in unsere Verhältnisse einlebst. Was dann geschehenmuß, geschieht doch. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß wir derWeltgegenüber Nichts von der Sache erwähnen; wir wollen nicht muthwillig ihre Vorurtheile herausfordern.«
Eduard von Benner hatte sich dadurch sein Loos erleichtert, daß er sich offen gegen seine Verwandten ausgesprochen; er brauchte jetzt kein Geheimniß vor ihnen zu verbergen, aber in der Sache selber war freilich noch immer Nichts damit geändert – gebessert worden. Nur Zeit hatte er gewonnen – Zeit um zu grübeln und zu brüten und unentschlossen zwischen dem zu schwanken, wohin ihn die Pflicht zog, und dem, wozu ihn die Verhältnisse, seine ganze gesellschaftliche Stellung in der Welt trieben.
Er vergaß aber dabei nicht sein Weib und Kind, und hielt wenigstens insofern Wort, daß er für ihr materielles Wohl sorgte. Er schickte Geld hinüber und entschuldigte sein Zögern. Er erhielt auch Antwort, obgleich er noch in keinem Brief seine Adresse hinübergesandt. Der gefällige Becher vermittelte das stets durch seine »Consularverbindungen«. Der Brief kam richtig an – aber er konnte sich nicht darüber freuen. Wohl gab er ihm Kunde, daß sich Frau und Kind gesund befanden und nach ihm mit treuer Liebe sehnten, aber – er war entsetzlich unorthographisch geschrieben und auf grobem Schreibpapier, die Oblatemit einemSix pencezugedrückt – Er verbrannte den Brief, damit er nicht zufällig in andere Hände fiele.
Arme Henriette, und so viele, viele Mühe hattest Du Dir gegeben, diese Zeilen zusammen zu bringen, und so viele heiße Thränen dabei geweint, und Dich doch so sorgfältig dabei gehütet, daß keine von allen auf das Blatt fiel, um Deinem Eduard keinen Kummer zu bereiten.
Und die Zeit verging – Schon waren 18 Monate verflossen, seit er deutschen Boden wieder betreten hatte, und in seinem Verhältniß zu Australien keine andere Veränderungen eingetreten, als daß seine Geldsendungen reichlicher – seine Briefe aber dahin spärlicher und kürzer wurden.
In dieser Zeit, während er sich den geselligen Freuden der Nachbarschaft mit Leib und Seele hingab, ward ein Unterschleif entdeckt, den sein Verwalter auf dem schlesischen Gut gemacht hatte, und es war nöthig geworden, die Sache dort selber an Ort und Stelle zu untersuchen und in Ordnung zu bringen. Da zu dem Gut nicht unbedeutende Jagd gehörte, so entschloß sich Graf Galaz ihn zu begleiten, und ihre Abwesenheit wurde auf vier bis sechs Wochen festgestellt.
Gräfin Alexandrine blieb in dieser Zeit allein auf Schloß Galaz zurück und es war am zweiten Tag, nachdem sie ihr Gatte und Bruder verlassen hatten, als der Haushofmeister in ihr Zimmer trat und meldete, es sei ein Mann und eine Frau draußen, die den Herrn Baron von Benner zu sprechen wünschten.
»Ein Mann und eine Frau?«
»Ja ein alter Mann, ein wunderlicher Kauz, und eine junge nette Frau – Bauersleute jedenfalls –«
»Von Bennersberg vielleicht,« sagte die Gräfin – »es wird irgend eine Klagesache sein. Sie müssen jetzt warten bis mein Bruder zurückkehrt – wollen sie ihm aber schreiben, so werd' ich den Brief befördern.«
»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann, »sie sind nicht von Bennersberg; ich glaubte es anfangs auch und frug sie darnach; sie sehen aber fremdländisch aus, und der Alte sagte immer statt ja auf englischyes.«
Die Gräfin erschrack. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sie, aber wäre es möglich gewesen? Sie mußte sich abwenden, um ihre Bewegung zu verbergen, trat an's Fenster und sah hinaus. Der alte Diener wartete ruhig bis sie wieder mit ihm sprach.
»Ich will sie doch einmal selber sprechen, Cornelius,«sagte sie endlich – »wer weiß denn was sie wollen. Führt sie zu mir herein, und daß wir, so lange sie bei mir sind – nicht gestört werden.«
»Sehr wohl, Frau Gräfin.« Die Thür schloß sich wieder hinter ihm und Alexandrine blieb in heftiger Aufregung zurück. Wenn Eduards Frau – aber war es denkbar, daß sie die weite Reise gewagt haben sollte – wie kam sie nur auf den Gedanken – und doch wieder – ein alter Bauer der englische Wörter gebrauchte – wenn nun der Vater – Draußen wurden Stimmen laut – »Also Frau Gräfin wird sie genannt?« hörte sie Jemanden sagen, dann öffnete sich geräuschlos die weite Thür und die Gemeldeten traten, während der Haushofmeister ehrfurchtsvoll auf die Gräfin zeigte, und die Thür dann wieder hinter ihnen schloß, in das hohe, durch schwerseidene Gardinen halbverhangene Gemach.
Der alte Bauer war auch wohl draußen noch ziemlich unbefangen gewesen, denn er »wollte Nichtsbetteln,« wie er zu dem Haushofmeister sagte, und hätte mit dem Herrn von Benner »nur ein Wort zu reden«. Anders wurde ihm aber doch zu Muthe, als er in das prachtvolle, halb dunkle Gemach auf den weichen Teppich trat, auf dem er seine eigenen Schritte nicht mehr hörte, und ihm jetzt unwillkürlich das Gefühlkam, er ginge absichtlich so leise, um Niemanden zu stören. Und dann die hohe schöne Frau, die ihm gegenüber stand, und deren großes klares Auge so forschend auf ihm und seiner Begleiterin haftete. Draußen hatte er auch genau gewußt, was er sagen wollte – hier drinnen fiel's ihm nicht gleich wieder ein. Seine Begleiterin schien aber noch viel mehr verlegen, als er selber, denn ängstlich und verstört hielt sie sich hinter ihm, und seinen Rockschooß mit der linken Hand fest, und da er selbst vollkommen still schwieg, flüsterte sie ihm scheu zu:
»SprechtIhr, Vater – ich bring kein Wort über die Zunge.«
»Wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr von mir,« sagte da Alexandrine mit ihrer weichen und doch so volltönenden Stimme. Das gab dem Alten sich selber wieder – es war doch ein menschlicher Laut, und mit einer Art von Kratzfuß, der aber auf dem Teppich hängen blieb, erwiederte er:
»Mit Verlaub, Frau Gräfin, von Ihnen Nichts; nur den Herrn von Benner wollten wir sprechen.«
»Meinen Bruder?«
»Yes« erwiederte der Mann, »der alte Herr da draußen – wahrscheinlich Ihr Mann – sagte uns schon, daß Sie die Frau Schwester wären, er meinteaber, er wäre nicht zu Hause – der Herr von Benner nämlich, und da – da wollten wir nur fragen, wann er wieder kommt, Frau Gräfin.« –
»Und kann ich es nicht an ihn ausrichten,« sagte Alexandrine, die sich Gewalt anthun mußte ruhig zu bleiben – »er ist verreist, und es kann vier bis sechs Wochen dauern, ehe er wieder kommt –«
»Alle Teu– bitte um Entschuldigung,« sagte der Mann erschrocken, »es fuhr mir nur so heraus – das ist aber eine schöne Bescheerung. Nun sind wir den weiten schmählichen Weg hergekommen –«
»Und woher, wenn ich fragen darf,« hauchte die Gräfin, aber so leise, daß er die Worte kaum verstand.
»Woher? – ih, man blos vom anderen Ende der Welt,« sagte der Bauer – »von Australien.«
»Von Australien! – und das – das ist Euere Tochter?«
»Na, Sie wissen's ja wohl schon, Frau Gräfin,« sagte der Alte jetzt treuherzig – »wenn Sie die Schwester vom Eduard sind, so müssen wir ja verschwägert sein – s'ist seine Frau, die Jette, die's vor Jammer und Sehnsucht nicht mehr da draußen aushalten konnte.«
Alexandrinens Blick haftete fest auf den schüchternenaber jetzt todtenblassen Zügen der jungen, bildhübschen Frau.
»Und Du bist den weiten, weiten Weg gekommen, um ihn aufzusuchen?« sagte sie endlich gerührt – »Du armes, armes Kind!«
»Na nu?« rief der Alte erschreckt – »es ist – es ist ihm doch nicht etwa was passirt?«
»Nein, beruhigt Euch – er ist wohl und gesund,« sagte Alexandrine.
»Na und sonst?« frug der alte Schuhmacher mißtrauisch. »Die Jette hat's nicht mehr daheim gelitten – vor Spott und Neid konnt' sie es nicht mehr aushalten, und wenn ich hier,« fuhr er sich in dem Zimmer umschauend fort, »die vornehme Wirthschaft sehe, so, so kommts mir beinah auch so vor, als ob die Nachbarn da draußen doch am Ende –«
Alexandrine hörte gar nicht was er sprach. Ihre Blicke hingen an der lieben, herzigen Gestalt der jungen Frau, und auf sie zugehend und ihr die Hand entgegenstreckend, sagte sie mit tiefem Gefühl:
»Und so lieb hast Du den bösen Menschen, daß Du das weite Meer nach ihm durchschifftest?«
»DenbösenMenschen?« rief Henriette erschreckt, aber doch auch wieder von dem freundlichen Ausdruck in den Zügen der so stattlichen Dame angezogen.»Glaubt es nicht, Frau Gräfin, er ist wirklich gut, und wer weiß denn, was ihn abgehalten hat, daß er nicht heim zu seinem Weib und Kind kommen konnte.«
»Und wo ist Dein Kind? – lebt es?«
»Lebt es? großer Gott!« rief die Frau erschreckt, »wird's nicht leben, der liebe kleine Bursch, der so gewachsen ist, daß ihn sein Vater kaum mehr kennen mag.«
»Und wo ist er jetzt? hast Du ihn daheim gelassen?«
»Meinen kleinen Bursch?« sagte die Frau, indem sie lächelnd den Kopf schüttelte – »glaubt Ihr Frau Gräfin, daß ich von Australien fortgegangen wär' unddenzurück gelassen hätt'? Im Leben nicht.«
»Aber wo hast Du ihn jetzt?«
»Im Wirthshaus drunten im Dorf ist er,« sagte die Frau, die bei der Erinnerung an ihr Kind die bisherige Scheu vergaß – »die Wirthin scheint eine gar liebe, gute Frau, und die versprach mir, auf den kleinen Kerl Acht zu geben, bis wir wieder vom Schloß herunter kämen.«
»Yes, Frau Gräfin, so ist's,« bestätigte aber auch der Vater – »wußten's ja nicht, wie uns Ihr Bruder empfangen würde, da er von der Jette doch wohl Nichts mehr wissen will, denn wie ich sehe, ist er jetztwieder ein vornehmer Herr geworden. Ich wollt' auch nicht her, aber das Kind ließ eben keine Ruh. Tag und Nacht weinte sie und jammerte, und – da that ich ihr endlich den Willen, und jetzt wird sie wohl wieder mit gebrochenem Herzen zurückgehen können – nach Australien.«
»Und glaubst Du das auch, Henriette?« sagte die Gräfin, die bis dahin kein Auge von der Frau verwandt, so daß diese, durch das scharfe Anschauen beschämt und furchtsam den Blick vor ihr zu Boden schlug.
»Gott weiß es,« seufzte aber die junge Frau recht aus tiefster Brust, »seine Briefe sind freilich kürzer geworden mit jedem Mal – gut und lieb wie immer, aber so kurz. Er hatte mir nicht viel mehr zu schreiben und schickte mir nur Geld – viel Geld – viel mehr als ich brauchte und haben wollte. Da litt mich's nicht länger – da quält' ich den Vater bis auf's Blut, bis er mit mir ging, und jetzt –«
»Und jetzt, Henriette?«
»Jetzt will ich den Eduard fragen,« sagte die Frau leise, »ob er noch was von mir und dem Kinde wissen will, oder – ob er sich unser schämt, wie mir's der Apotheker in Tanunda prophezeiht hat, daß es so kommen würde und müsse, und nachher –«
»Und nachher, Henriette?«
»Dann geh ich mit dem Vater und dem Kind wieder heim,« sagte die junge Frau leise »und – Gott wird weiter helfen.«
»Ist das Dein Ernst, Henriette?«
»Ja Frau Gräfin.«
»Und weshalb nennst Du mich Frau Gräfin?«
»Sind Sie denn das nicht?«
»Aber wenn ein Mädchen einen Mann geheirathet hat,« sagte Alexandrine, ihr ruhig in's Auge sehend, »und der Mann hat eine Schwester, so nennt sie die Schwester doch wohl gewöhnlich nicht bei ihrem Titel, sondern bei ihrem Vornamen – und ich heiße eigentlich Alexandrine.«
»Ja – aber Frau Gräfin,« sagte Henriette bestürzt, denn sie verstand nicht, was die Dame damit meinte, »das – das ist wohl so beiunsernLeuten Gebrauch, aber –«
»Und bin ich nicht Eduards Schwester, Henriette?«
»Ja – ja,« sagte die junge Frau bewegt und ein paar große helle Thränen glänzten in ihren Augen – »Sie sind schon Eduards Schwester, aber ich – ich – ich weiß ja nicht, ob ich Eduards Frau mehr bin.«
Da hielt sich die Gräfin nicht länger.
»Henriette,« rief sie, »mein liebes, liebes Kind,« und die bestürzte Frau umfassend und an sich pressend, drückte sie ihr heiße Küsse auf Stirn, Mund und Augen.
»Ja, was wär denn das?« sagte der alte Schuhmacher, auf's Aeußerste erstaunt – »Sieküssen das Mädel, und der eigene Mann –«
»Ueberlaßt das mir, Alter,« lächelte die Gräfin unter Thränen, indem sie ihm die Hand hinüberreichte – »wollt Ihr Euer Kind glücklich sehen?«
»Das ist eine kuriose Frage für einen Vater,« sagte der alte Schuhmacher, »aber – nehmen Sie mir's nicht übel, Frau Gräfin, bis jetzt sah ich noch Nichts, was darauf hinzeigt. Ist der Herr Eduard wirklich verreist?«
»Seit vorgestern; er hatte keine Ahnung, daß Sie kommen könnten.«
»Das glaub' ich wohl,« lächelte der alte Mann, »denn geschrieben haben wir Nichts davon; aber wie er das viele Geld schickte, meinte die Jette, das könne man nicht besser anwenden, als zu einer Reise hierher. Ob sie recht gehabt hat? – wer kann's wissen. Wenn er aber wirklich noch was von ihr wollte, hätte er ihr da nicht selber geschrieben, sie solle herüber kommen, er hielt's nicht länger ohne sie aus? Gott bewahre;kein Wort davon. Ja, geschickt hat er reichlich, fehlen sollt' es ihr an Nichts – aber daß ihr dadurch gerade Alles fehlte, daran scheint er nicht gedacht zu haben. Jetzt macht er nun auch noch so lange Reisen, und wie soll's da werden? Ich kann nicht so lange von daheim wegbleiben und mich noch Monate lang hier hersetzen – das kost' auch ein schmähliches Geld.«
Alexandrine hielt die junge schüchterne Frau noch immer in ihrem Arm, und ihr in das gute treue Auge sehend, sagte sie herzlich:
»Und wollt Ihr uns Euer Kind hier zurück – wollt Ihr esmirüberlassen, wenn Ihr wieder von uns geht?«
»Ihnen, Frau Gräfin?« sagte der alte Mann erstaunt, »und nicht Ihrem Mann? – Aber ich sehe freilich schon wie es ist,« setzte er, langsam mit dem Kopf nickend hinzu – »sovornehm habe ich mir den Eduard nicht gedacht, ich hätte ihm auch sonst im Leben das Mädel nicht gegeben, und insolcheZimmer paßt sie nicht hinein – würde sich auch nie wohl und glücklich darin fühlen. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob der Eduard wiedermit unshinauswollte auf's Dorf, aber wenn er dazu Lust hätte, wär' er schon lang gekommen. Es gefällt ihm hier besser, und wie's da werden soll, das weiß ich selber nicht.«
»Und glaubst auch Du nicht, Henriette,« sagte die Gräfin jetzt zu der jungen Frau, »daß Du Dich wohl und glücklich in solchen Räumen fühlen könntest?«
»Fremd ist's schon,« sagte die Frau schüchtern – »und Alles viel zu schön und reich – Unsereins ist nicht daran gewöhnt. Ich fürcht', ich paß nicht hinein, und der Eduard wird keine Freud' an mir erleben. – O wär er doch nie so reich geworden und arm geblieben wie er war, wie gern, wie gern hätt' ich hart und schwer arbeiten wollen, mein ganzes Leben lang.«
»Aber der Eduard,« sagte da die Gräfin, während sie das junge Weib zu sich auf das Sopha niederzog, und immer noch ihre Hand in der ihren hielt, »hat doch auch Anfangs nicht in Euer Leben gepaßt. Er war nur gewohnt so zu leben, wie wir es hier thun, und hat sich doch später in die schwere Arbeit hineingefunden, nicht wahr, Henriette?«
»Ei gewiß,« rief die Frau lebendig – »wacker hat er geschafft, wie der beste Knecht, von Morgens bis Nachts –«
»Und weshalb?«
»Weshalb? ei,« meinte die Frau erröthend – »der Vater konnte uns auch grad nicht so viel mitgeben, und da wir doch was vor uns bringen wollten, mußten wir schon zugreifen.«
»Also Dir zu Lieb, Herz, hat er ein ganz ungewohntes Leben angegriffen und wacker durchgeführt, nicht wahr?«
»Gern hat er mich schon gehabt,« sagte die junge Frau verschämt, »und ich ihn auch,« setzte sie herzlich hinzu, »denn er war brav und gut, und rechtschaffen fleißig.«
»Und würdest Du nun nicht –« fuhr Alexandrine fort, »auch aus Liebe zu ihm, dasselbe fürihnthun wollen, was er fürDichgethan?«
»Ich versteh' Euch nicht,« sagte Henriette, die Redende groß ansehend, »aber so viel weiß ich, daß es Nichts auf der Welt giebt, was ich nicht aus Liebe zu ihm thun würde – selbst wieder heimkehren,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu – »wenn das das Einzige ist, was er von mir verlangt.«
»Ich glaube Dir's,« sagte die Gräfin gerührt, »aber so Schweres soll Dir hoffentlich nicht vorbehalten bleiben – doch weshalb setzt Ihr Euch nicht, Freund,« wandte sie sich an den Alten – »wir haben noch viel mitsammen zu reden und bleiben noch länger bei einander.« Damit drückte sie auf die neben ihr stehende Klingel und gleich nachher betrat der Haushofmeister wieder das Zimmer.
»Ist keiner von den Dienern da?«
»Zu Befehl, Frau Gräfin,« sagte der alte Cornelius, »aber da Sie ungestört sein wollten, blieb ich selber im Vorzimmer.«
»Ich danke Euch – schickt mir aber jetzt einmal Einen von ihnen hinunter in das Wirthshaus – die Babette mag mitgehen und das Kind heraufbringen, das unten bei der Wirthin gelassen ist – den Knaben, und sorgt zugleich dafür daß das Gepäck dieser Leute hier ins Schloß heraufkommt – die Rechnung unten soll gleich abgemacht werden.«
»Unser Gepäck hier in's Schloß?« sagte der alte Schuhmacher erstaunt – »ja was wär denn das?«
Die Gräfin winkte dem Haushofmeister zu und dieser verschwand geräuschlos durch die Thür. Der alte Schuhmacher kam aber aus seinem Erstaunen gar nicht heraus, denn bis jetzt hatte er mit der größten Verwunderung den ehrfurchtsvoll an der Thür stehenden alten Herrn betrachtet, den er Anfangs sogar für den Herrn vom Hause gehalten, weil er gar so ehrwürdig und vornehm aussah, und doch konnte das nur ein Diener sein, und dann überraschte ihn der eben gegebene Befehl – bei dem sie nicht einmal gefragt wurden – auf das Vollständigste.
»Es kann Nichts helfen,« lächelte Gräfin Alexandrine aber, sobald der Haushofmeister die Thür wiederin's Schloß gedrückt hatte, »Ihr müßt es Euch schon gefallen lassen, eine kleine Weile bei mir auszuhalten, bis wir Alles gehörig besprochen und verabredet haben, und Henriette geht dann hoffentlich gar nicht wieder nach Australien zurück.«
»Und was soll ichhier?« sagte die junge Frau wehmüthig, »waskannich hier thun und schaffen?«
»Und was thuich?« lächelte Alexandrine.
»Ja Sie,« sagte die junge Frau kopfschüttelnd – »Sie sind vornehm und haben viel gelernt, was aber weiß ich, ich armes dummes Ding. Eduard fühlte das auch wohl, und hat sich früher schon oft Mühe mit mir gegeben – aber es ging nicht – ich hatte andere Dinge im Kopf und er mußte es zuletzt aufgeben.«
»Und wenn Eduard Dir zu Liebe nun in dem fremden Lande hart gearbeitet hat,« sagte die Gräfin, ihr voll ins Auge sehend – »wenn er einBauerwurde Deinetwegen und Axt und Pflug führen lernte, würdest Du nichtihmzu Liebe auch das hier inseinerHeimath lernen wollen, was ihn, in den Verhältnissen in denen er sich jetzt befindet, allein glücklich mit Dir machen kann.«
»Ach wie gern – wie gern,« rief Henriette – »aber wer wird sich jetzt noch mit mir armen Wesendie Mühe nehmen, es mir zu zeigen, und hab' ich überhaupt Verstand genug dafür?«
»Das laßmeineSorge sein, Henriette,« sagte Alexandrine mit tiefem Gefühl. »Als ich Dich noch nicht kannte, hat der Gedanke an Dich mir vielen, vielen Kummer bereitet – ich dachte Dich mir anders, als Du bist. Jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich Dich bei mir habe, zieht auf's Neue die Hoffnung in meine Seele ein.«
»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht.«
»Du wirst Alles verstehen lernen,« lächelte die Gräfin, »Alles, denn an Deinen Augen, an Deinem ganzen Wesen sehe ich, daß Du gelehrig bist; was Dir aber dabei schwer fallen sollte, das wird die Liebe trotzdem leicht überwinden – aber da kommt Dein Kind!« rief sie, vom Sopha aufspringend, als sie draußen die Stimmen hörte, und gleich darauf auch das Zimmer geöffnet wurde, in dem Babette mit dem Kind erschien; »oh, was für ein lieber, kleiner, herziger Bursch ist das. Es ist gut, Babette – ich werde klingeln, wenn ich Sie wieder brauche, für jetzt wollen wir den kleinen Herrn schon allein versorgen.«
Alexandrine war glücklich in dem Gedanken an das Glück, das sie andern bereiten wollte, und hattejetzt so viel zu sorgen und anzuordnen, daß ihr der Tag wie im Flug dahin ging.
Vor allen Dingen wurde dem alten Schuhmacher Schweigen aufgelegt – er war überhaupt nicht gesprächiger Natur, aber er besaß doch, wenn auch keine wirkliche Bildung, den, diesen Leuten sehr oft im hohen Grade eigenen Mutterwitz und gesunden Menschenverstand. Alexandrine hatte ihn auch bald durchschaut, und rasch entschlossen den Weg mit ihm einzuschlagen, der sie am sichersten mit ihm zum Ziel führen konnte: die reine unverfälschte Wahrheit. Sie schilderte ihm mit kurzen Worten die Verhältnisse wie sie wirklich standen – sie theilte ihm ihren Plan mit, der Tochter eine Stellung in der Gesellschaft zu erringen, und dadurch dem Bruder sein Glück zu wahren, und der alte Mann hatte Menschenkenntniß genug, um rasch zu sehen, daß er hier sein Kind wenigstens in treuen und guten Händen wußte.
Er selber wurde jetzt für kurze Zeit in einem kleinen Gartenpavillon – allerdings etwas zum Erstaunen der Dienerschaft – einquartiert, während Henriette mit ihrem Kind ein paar Zimmer in der unmittelbaren Nachbarschaft der Gräfin selber angewiesen bekam.
So vergingen vierzehn Tage, dann bestellte die Gräfin ihren Reisewagen und fuhr mit ihren Gästennach der Residenz, wo sie acht Tage blieb – aber sie kehrte allein wieder zurück und erwartete jetzt, ihrem gewöhnlichen Leben folgend, ruhig die Rückkunft ihres Gatten und Bruders.
Die Jagd in Schlesien hatte sich so ergiebig gezeigt, und die gesellschaftlichen Verhältnisse dort schienen so angenehm gewesen zu sein, daß die beiden Herren, noch etwas später als erwartet, zurückkehrten, und dann wieder beide – Graf Galaz daheim und Eduard auf Bennersberg (wo er sich häuslich niedergelassen) von ihren indeß aufgehäuften Arbeiten lebhaft in Anspruch genommen wurden.
Alexandrine war indeß in Ungewißheit gewesen, ob sie ihren Gatten in ihr Geheimniß einweihen solle oder nicht. Sie scheute sich zwar ihm irgend etwas zu verschweigen und hatte es in Wirklichkeit noch nie gethan, aber sie wußte auch daß gerade er mit dem, was sie gethan, nicht einverstanden sein würde, weil er von vornherein die Möglichkeit eines günstigen Erfolgs bestritt. »Es war,« wie er sich oft geäußert, wenn sie ihm früher von einem solchen Plan sprach»nur ein Experiment, das zu unangenehmen Conflicten führen mußte, und deshalb lieber unterblieb.«
Außerdem hatte er andere Pläne mit Eduard, denn allein in aristokratischen Kreisen erzogen, wenn auch von weichem und selbst tiefem Gemüth – hielt er es für völlig undenkbar, daß sich eine gewöhnliche Magd je aus der Sphäre erheben könne, in die sie das Schicksal geworfen. Nicht die Mesalliance fürchtete er dabei, die Mischung altadligen und bürgerlichen Blutes – guter Gott, die neuere Zeit brachte nur zu viele derartige Beispiele, wo sich selbst Prinzen nicht scheuten, einer braven Bürgerstochter oder einer gefeierten Künstlerin ihre Hand zu reichen – aber das Plebejische verletzte ihn, das Gemeine im Umgang, und das hielt er sich fern, soviel das immer möglich war.
Um so schwieriger war es jetzt für sie, mit ihrem Plan hervorzutreten, da sie selber noch nicht den geringsten Beweis für einen auch nur möglichen Erfolg hatte. Noch blieb Alles Vermuthung – Hoffnung eines günstigen Gelingens, und Jahre lang hätte sie dann gegen seine Zweifel ankämpfen müssen. – Sie entschloß sich endlich, das allein Begonnene auch auf eigene Hand durchzuführen und ihren Gatten erst in das Geheimniß zu ziehen, wenn sie sich ihresErfolges sicher fühlte – ja vielleicht selbst dann noch nicht einmal.
Uebrigens wäre dasselbe fast ohne sie verrathen worden, denn der Graf erfuhr bald nach seiner Rückkunft durch seinen Kammerdiener von der Bewirthung des Bauernpaares durch seine Gattin. Mit keiner Ahnung übrigens, wer es gewesen sein könne, frug er sie selbst darum, und Frauen – wenn sie nicht sprechenwollen– sind selten um eine Ausrede verlegen.
»Der Bruder meiner Amme, mit seiner Tochter,« sagte sie ruhig – »er war vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert, hatte es aber draußen nicht aushalten können und kehrte jetzt in die Heimath zurück. Er war sehr niedergeschlagen über seine getäuschten Hoffnungen und das arme Kind dauerte mich besonders.«
»Und wo sind sie jetzt?«
»Wieder in ihrer Heimath.«
Es wurde nicht wieder davon gesprochen; den Grafen interessirten die Leute auch wirklich zu wenig, um sich mit ihnen noch länger zu beschäftigen, und da man nichts weiter von ihnen hörte, waren sie auch bald in Galaz selber vergessen.
So verging ein Jahr und Alexandrine bekam indessendie Nachricht, daß Henriettens Vater wieder in Süd-Australien angelangt sei, um dort sein kleines Gut nicht ganz vernachlässigt zu sehen. Sie hatte aber mit ihm schon die Abrede getroffen, daß er das, für Henriette hinausgesandte Geld nur regelmäßig in Empfang nehmen und darüber quittiren solle. Auch in anderer Weise war dafür gesorgt, Eduard fortwährend in dem Glauben zu erhalten, daß Henriette selber noch in Australien sei, denn sie schickte die Briefe für ihren Gatten zuerst an ihren Vater, wonach sie dann Bechers Gewissenhaftigkeit empfohlen und pünktlich zurück nach Deutschland befördert wurden.
Graf Galaz drang in der Zeit mehrmals in den Schwager, seine Scheidung in Australien zu betreiben und sich mit dem alten Schuhmacher auseinander zu setzen. Es war das um so mehr nöthig geworden, da er seine Besuche in dem Hause des Comthurs häufiger wiederholte, und Galaz behauptete fest, Hedwig sei ihm so zugethan, daß es nur seiner Werbung bedürfe, um ihr freudiges Ja zu erlangen.
Eduard verbrachte eine trübe, sorgenvolle Zeit, aber er weigerte sich dem Verlangen zu willfahren. Er malte sich den Schmerz Henriettens aus, wenn ein solcher Brief dort eintreffen sollte, und überhaupt unentschlossen in seinem ganzen Character, verzögerte ereinen so entschiedenen Schritt von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Aber auch das gesellige Leben der Heimath wob immer fester seinen Reiz um ihn. Schon konnte er es nicht mehr entbehren, und den Gedanken nach Australien zurückzukehren, verwarf er immer, so rasch er nur in ihm aufstieg.
Und wie lieb und gut lauteten dabei fortwährend die Briefe seiner Frau, die aber jetzt viel spärlicher als früher kamen und ihn auch ihrem Inhalt nach in Staunen setzten. Sie enthielten allerdings noch ebenso viele orthographische Fehler als früher, ja vielleicht noch mehr, denn er wußte bestimmt, daß sie früher einzelne Worte richtig geschrieben hatte, die jetzt sonderbare Fehler zeigten. Aber die Handschrift war eine ganz andere, festere geworden, obgleich es auch jetzt an Kleksen im Brief nicht fehlte – ein Zeichen, daß die Schreiberin noch immer mit der Feder nicht umzugehen wußte – und manche Buchstaben und Worte bös verschoben waren. Auch die Gedanken, die sie verriethen, zeigten oft von tiefem innigen Gefühl, das er ihr wohl immer zugetraut, aber von dem er doch nie geglaubt hatte, sie würde es so aussprechen können. – Und dann wieder ihre naiven, fast kindlichen Wendungen dazwischen.
Früher hatte ihm außerdem der Schmerz weh gethan,der aus jeder ihrer Zeilen sprach; der Schmerz der Trennung von ihm, die Trauer um seine Abwesenheit. Alle ihre Briefe waren fast nur Klagen gewesen. Das hatte sich ganz geändert; sie bat ihn wohl, doch bald, recht bald zu ihr und dem Kind zurück zu kehren, aber dann wieder schrieb sie ganz heiter, erzählte ihm Anecdoten von Bekannten und beklagte sich nur darüber, daß er ihr fehle, nicht über ihre Einsamkeit. – Und wie viel wußte sie über das Kind zu sagen, über den kleinen prächtigen Kerl, der jetzt anfange, dem Vater so ähnlich zu sehen, und auch schon immer nach ihm verlange und frage, ob denn der »böse Papa« noch nicht zurückkehren und mit ihm spielen wolle.
Nach solchen Briefen wurde es ihm zu eng im Haus – er mochte sich nicht selber gestehen,wasihn quäle, er mochte sich über die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen machte, nicht klar werden und ritt dann immer weit hinaus in die Nachbarschaft, um sich zu zerstreuen.
Heute war wieder ein Brief eingetroffen und wie er ihn gelesen und in sein geheimes Fach eingeschlossen, ließ er sich sein Pferd satteln und beschloß, nach Galaz hinüber zu reiten.
Auf dem Wege dahin passirte er des ComthursSchloß – die »Enkelburg« wie es scherzhafter Weise von den Bekannten und bald auch überhaupt in der Umgegend genannt wurde. Er fühlte das Bedürfniß freundliche Gesichter zu sehen – Musik zu hören – mit einem Wort, eine Zerstreuung zu haben, die ihn von seinen eigenen Gedanken abzog und lauter Jubel hatte ihn bis jetzt immer empfangen, wenn er in den Park des gastlichen Hauses einritt.
Auch heute gab er seinem Pferd die Sporen, als er, den Kiesweg hinabreitend, schon von Weitem die lichten Kleider der Damen auf der Terrasse erkannte. Er glaubte auch den alten Herrn selber gar nicht daheim zu finden, da dieser vor einigen Tagen nach der Residenz gefahren war und erst morgen oder übermorgen zurückerwartet wurde. – Als er aber – auf dem breiteren Weg war er völlig in Sicht des Hauses gewesen und mußte auch von dort aus gesehen sein – um ein dichtes Bosquet herumritt und nun gerade auf die steinerne Treppe zu hielt, sah er, daß die Damen von der Terrasse verschwunden waren, und nur der Comthur stand dort und schien ihn zu erwarten.
Das fiel ihm allerdings schon auf, aber wer wußte denn, was die Gesellschaft plötzlich konnte in den Saal gelockt haben; er überlegte wenigstens nicht lange, sprang aus dem Sattel, warf seinem Reitknechtdie Zügel zu, und stieg die breiten niederen Granitstufen hinauf.
»Schon wieder aus der Residenz zurück?« rief er dem alten Herrn freundlich zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte – »das ist brav von Ihnen. Wo finden Sie auch dort ein Plätzchen, so lieb und heimlich wie die Enkelburg.«
Der alte Herr nahm die dargebotene Hand, aber er schien befangen. Es war etwas vorgefallen, von Benner sah das auf den ersten Blick, aber konnte er selber damit in Verbindung stehen? – unmöglich.
»Allerdings,« sagte der Comthur, aber einsylbig – »es ist sehr freundlich hier.«
»Und wo sind die Damen? ich dächte doch, ich hätte sie vorhin auf der Terrasse gesehen. –«
»Die Damen – Sie müssen sie entschuldigen – es war gerade Besuch da – eine Schneiderin – sie haben mit ihrer Toilette zu thun –«
»So hab' ich hier gestört?«
»Nicht im Mindesten –«
Eduard versuchte, ein oder das andere Gespräch anzuknüpfen, der Comthur antwortete sehr höflich, aber einsylbig. Er blieb noch eine Zeitlang neben ihm sitzen, in der Hoffnung, die Damen zurückkommen zu sehn – aber Niemand kam und es war augenscheinlich,daß sich der alte Herr ebenfalls nicht behaglich dabei fühlte. Benner empfahl sich deshalb bald wieder und ritt langsam und ganz in seine Gedanken vertieft, nach Galaz hinüber.
Was in aller Weltkonnteda nur vorgefallen sein? Er begriff es nicht, aber der alte sonst so freundliche und joviale Mann zeigte sich so merkwürdig verändert, daß es ihm auffallenmußte. In Galaz angekommen, erzählte er es seinem Schwager, und dieser sah, während er mit ihm sprach, sinnend und ernst vor sich nieder; erwiederte auch kein Wort darauf. Endlich sagte er:
»Kennst Du einen Herrn von Krowsky?«
»Krowsky? – gewiß,« rief Eduard rasch – »wir waren zusammen in Australien.«
»Hm – und er weiß um – Deine Verhältnisse?«
»Allerdings,« nickte Eduard bestürzt, denn ein Verdacht stieg in ihm auf.
»Er ist jetzt zurückgekehrt,« sagte Galaz; »mit seinen Verwandten ausgesöhnt, hält er sich seit etwa vierzehn Tagen in der Residenz auf – der Comthur hat ihn dort kennen gelernt.«
Eduard war aufgesprungen und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab.
»Und deshalb hätten die Damen mich gemieden?«murmelte er endlich bitter vor sich hin – »nur auf das Gerücht einer Mesalliance hin?«
»Mein lieber Eduard,« sagte Galaz, »erinnere Dich, was ich Dir schon früher über diesen Gegenstand gesagt habe. Dukennstunsere Verhältnisse und willst sie ignoriren – wozu? Hedwig hat Dich wirklich gern, und daß ihrdieseNachricht keine Freude machen konnte, ist doch wohl natürlich.«
»Und Du glaubst in der That, daß er durch Krowsky Alles erfahren hat?«
»Nicht allein das, sondern daß es auch schon in der ganzen Nachbarschaft bekannt ist. Kannst Du Dich wirklich nicht zu einem entscheidenden Schritt entschließen, so bleibt Dir nichts übrig, als wieder auf einige Zeit zu verreisen. Andere Interessen nehmen dann die Aufmerksamkeit der Leute in Anspruch und bis Du zurückkehrst, denkt man nicht mehr daran oder urtheilt milder darüber. Jedenfalls hat es den Reiz der Neuheit verloren. Du selber kommst auch vielleicht indessen auf andere Gedanken.«
Eduard sträubte sich gegen den Gedanken, dem Urtheil der Welt so gewissermaßen zu entfliehen, aber Alexandrine selber redete ihm zu, und er entschloß sich endlich, dem Rath zu folgen.
Er reiste ab und zwar zuerst wieder auf sein schlesischesGut, dann nach Italien und Aegypten – aber er entfloh dem Wurme nicht, der in ihm nagte – seinem Gewissen, und wieder und wieder stand Henriettens Bild vor seinen Augen, sah er sein liebes herziges Kind, wie es am letzten Abend die Aermchen um seinen Nacken schlang. Und sollte er wieder zurück nach Australien? Er besaß jetzt Geld genug, um sich das Leben auch dort angenehm zu machen; seine kühnsten je gehegten Pläne waren noch weit übertroffen und er hätte zahlreiche Stationen anlegen und ein angesehener Mann in jenem Welttheil werden können.
Und sollte erjetztfort, wo die »hochadlige Sippschaft« dann vielleicht höhnisch gesagt hätte, er sei der öffentlichen Meinung gewichen, sobald er gemerkt, daß sein Geheimniß verrathen worden? Nein, wahrlich nicht, jetztdurfteer Europa nicht verlassen, und erst mußte er ihnen beweisen, daß erihreMeinung nicht achtete und sein Leben nie darnach regeln würde. Was er dann später that, sollte wenigstens nicht von dem Urtheil der Gesellschaft abhängig sein.
Er fühlte sich ruhiger, als er diesen Entschluß gefaßt, weil er sich einredete, er habe ihn seiner Charakterstärkezu verdanken – und doch war es nur seine Charakterschwäche, die so lange nach einer Ausrede suchte, um ihn nicht seine Pflicht thun zu lassen, biser endlich eine leidlich glaubbare gefunden hatte. Dann war er zufrieden, er konnte wieder eine Weile in dem alten Gleis fortleben, ohne von seinem Gewissen außergewöhnlich belästigt zu werden – alles Spätere fand sich von selbst.
Aber die Zeit fliegt. Was Du thun willst und mußt, thue bald, denn nur zu rasch verstreicht die erbettelte Frist, und immer schwerer kommt es Dir dann an.
Es war das Nämliche mit Eduard von Benner; über acht Monate hatte er sich wieder in der Welt herumgetrieben – zwecklos – freude- und ruhelos, jetzt kehrte er nach Bennersberg zurück, und weilerdie Ursache vergessen oder vielmehr den Sinn dafür betäubt hatte, die ihn hinaus in die Fremde gejagt, glaubte er thörichter Weise, daß das Nämliche mit den Anderen geschehen war.
So lange er fort gewesen, hatte man allerdings wenig mehr von ihm und der bekannt gewordenen »Heirath mit einer Dienstmagd« gesprochen – denn Krowsky schien das Schlimmste erzählt zu haben, kaum aber kehrte er zurück, so suchte die Gesellschaft den noch nicht halb verbrauchten Stoff wieder auf das Eifrigste hervor, und Eduard von Benner fand bald, wie er mit seinen früheren »Freunden« stand.
Die Herren schienen nicht so sehr davon berührt zu sein, und ihn häufiger zu entschuldigen. Lieber Gott, in Australien, wie sie meinten, wen heirathete man denn da nicht, um die Langeweile zu tödten. Entschieden anders aber dachten die Damen darüber, und wo er sich wieder blicken ließ, konnte ihm nicht entgehen, wie kalt höflich und förmlich man gerade da gegen ihn geworden war, wo man ihm früher die meiste Herzlichkeit bewiesen.
Früher überall ausgezeichnet, sah er sich jetzt zurückgesetzt, und auf ihn selber konnte das nicht verfehlen, seinen ertödtenden Einfluß auszuüben. So lebendig und liebenswürdig er sich sonst in der freundlichen Umgebung gezeigt, so kalt und gemessen wurde er jetzt, wo er sich aller Orten zurückgestoßen oder doch vernachlässigt sah. Eskonnteihm nicht entgehen, daß er nirgends mehr einwillkommenerGast war, und die Folge blieb nicht aus – er fühlte sich unglücklich.
Selbst Graf Galaz war nicht mehr so warm und herzlich gegen ihn wie früher, denn er ärgerte sich über die »Unentschlossenheit« seines Schwagers, die das nicht abschütteln wollte, wasseinerMeinung nach allein sein ganzes Lebensglück zerstörte – die unwürdige Verbindung in dem fremden Land.
Nur Alexandrine, seine Schwester, blieb sich immer gleich, immer lieb und gut gegen ihn, immer freundlich. Sie tröstete ihn, wenn seine Stirn von Sorge und Mißmuth gefurcht war, sie spielte ihm seine Lieblingslieder von Mendelssohn und Schubert und brachte es bald dahin, daß er sich nur in ihrer Nähe wohl und glücklich fühlte. – Aber auch das währte nicht lange, selbst sie konnte nicht mehr die Wolken von seiner Stirn halten, und eine finstere Schwermuth schien sich seiner bemächtigt zu haben.
Dieser Zustand hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, als wieder ein Brief aus Australien von seiner Frau eintraf. Er trug aber diesmal keinen englischen Stempel, sondern kam aus der Residenz und die auf der Adresse befindlichen Worte »Durch Güte« zeigten an, daß er wohl durch Einlage gekommen, vielleicht mit Depeschen des eifrigen Consuls Becher.
Und wie gut, wie herzlich lautete der Brief; keine Klage fand er darin, kein Wort der Trauer – nur Dank für die vielen Beweise von Liebe, die er ihr gesandt, und die Sehnsucht nach dem fernen Gatten, aber durch eine Engels-Geduld gemildert.
Eduard empfing den Brief auf Galaz, und mit dem offenen Schreiben in der Hand, betrat er seiner Schwester Zimmer. Sein Auge strahlte aber dabeivon Freude, seine ganze Gestalt schien gehoben, und mit leuchtenden Augen schritt er auf die Schwester zu, reichte ihr den Brief und rief:
»Da lies – und bin ich nicht ein Thor, daß ichhierFreundschaft und Liebe suchen will, wo mich dort offene Arme und treue Herzen erwarten – ersehnen? Die Worte sind unorthographisch geschrieben, ja, aber eine treue Hand hat sie gestellt – der Styl ist schlecht, aber jeder Satz macht die Fibern meines Herzens beben.«
Alexandrine las schweigend den Brief und ihn dann ihrem Bruder zurückgebend, sagte sie leise:
»Wie lieb und gut – die arme, arme Frau. Wie lange ist es jetzt her, Eduard, daß Du von Australien fort bist – Zwei Jahre, nicht wahr?«
»ZweiJahre?« rief ihr Bruder leidenschaftlich, »vierJahre sind es, daß ich die Meinen nicht gesehen, und zu einer Ewigkeit ist mir die Zeit geworden.«
»Vier Jahre – es ist eine lange Zeit – und wie wird sich Henriette indeß nach Dir gesehnt haben. Dir freilich mag sie rasch genug verflossen sein, denn das gesellige Leben, das Du dort ganz entbehren mußtest, hat Dich doch sehr in Anspruch genommen. Ich sehe jetzt auch wohl selber ein, daß es zu viel von Dir verlangt gewesen wäre, ihm für immer zu entsagen.Wozu der Mensch einmal von Jugend auf erzogen ist, das verwächst mit seinem inneren Selbst, und er kann es nicht so leicht abschütteln ohne sich unglücklich – wenigstens außer seiner Sphäre zu fühlen.«
»Und glaubst Du wirklich, daß ich an diesem Leben hänge?« rief Eduard erregt aus, »glaubst Du wirklich, daß mich dies schale Treiben, das Ihr die »Gesellschaft« nennt, auf die Länge der Zeit fesseln und halten könnte?«
»DasschaleTreiben?« sagte Alexandrine lächelnd, »in dem Du Dich so lange wohl gefühlt?«
»Wohl gefühlt? ja, weil ich taub und blind gegen mein eigenes Herz war,« rief ihr Bruder – »aber weißDeine Weltden inneren Werth eines Menschen zu schätzen, und urtheilt sie etwa nach einem anderen Maaßstab, als der äußeren Form?«
»Du denkst jetzt anders über die Gesellschaft, als vor kurzer Zeit.«
»Oh, daß ich immer so gedacht hätte,« sagte Eduard leise, »viel, viel Schmerz wäre meinem braven Weib erspart geblieben. Aber es ist noch nicht zu spät,« setzte er rasch hinzu, »noch kann ich gut machen, was ich gefehlt, und beim ewigen Gott, ich werde es.«
»Was willst Du thun, Eduard?«
»Das, was ich schon lange hätte thunsollen,« sagte der Mann entschlossen – »nach Australien zurückkehren und dort von nun an meiner Familie leben. Noch heute fahre ich in die Residenz, um meine Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen, Deinem Bruder übergebe ich den Verkauf meiner Güter, und dann bindet mich Nichts mehr an Deutschland.«
»Nichtsmehr?« sagte Alexandrine herzlich.
»Und hast Du selber mir nicht zugeredet, so zu handeln?«
»Du hast Recht, Eduard,« sagte die Schwester freundlich. »Gott sei Dank, daß Du endlich indieBahn eingelenkt bist. Aber verfalle auch jetzt nicht in das Extreme und übereile in diesem Augenblick nicht, was Du bis dahin – vielleicht zu lang – verzögert hast.«
»Und kann ich da übereilen?«
»Ja,« erwiderte ruhig die Schwester – »Du magst allerdings so rasch Du willst in die Residenz fahren und dort Rücksprache mit Deinem Banquier nehmen; je eher das geschieht, desto besser; dann aber kehre hierher zurück und ordne selber, gemeinschaftlich mit Rudolph, Deine Angelegenheiten. Rudolph ist überhaupt nicht Geschäftsmann genug, um ihm das Alles so vollständig zu überlassen und würde sich auchnur unbehaglich unter einer solchen Verantwortung fühlen. Wann geht das nächste Schiff?«
»Ich weiß es nicht, aber ich werde heute Morgen noch deshalb nach England schreiben und die Antwort – da ich nicht sagen kann wo ich sein werde, wenn sie eintrifft, – hierher adressiren lassen.«
»Thue das nur,« nickte die Schwester befriedigt vor sich hin – »und wann willst Du in die Residenz?«
»Gleich auf der Stelle.«
»Galaz kann Mittag zurück sein.«
»Ich kann ihn nicht mehr erwarten. Ich weiß auch, daß er mit meinem Plan nicht ganz einverstanden sein wird, und möchte seinen Einwürfen ausweichen.«
»Fürchtest Du sie?«
»Nein – ich bin fest entschlossen. Die Gesellschaft hier hat mich wie einen Verfehmten ausgestoßen – überall habe ich Anspielungen und spöttische Bemerkungen hören müssen, und war doch nie im Stande dieser ver – dammten Höflichkeit gegenüber irgend eine wirkliche Beleidigung zu constatiren. Dem will ich ein Ende machen. Ob ich glücklich werde – ob ich mich dort glücklich fühlenkann, Gott weiß es, aber ich will mir wenigstens nicht neben den geheimen und versteckten Vorwürfen der Welt, auch noch selbersagen müssen, sie verdient zu haben. – Leb wohl, Alexandrine.«
»Und auf ein recht baldiges, frohes Wiedersehen.«
Vierzehn Tage waren nach Eduard's Abreise verflossen und in Schloß Galaz blieb es in der Zeit ziemlich einsam, da der Graf selber viel mit der Expropriation einiger Grundstücke zu thun hatte, durch welche ein Schienenweg gelegt werden sollte. Die Bahn hatte hier gerade sein bestes Jagdterrain durchschnitten, und er gab sich die größte Mühe, ihr eine andere Richtung anzuweisen, ja erbot sich sogar, eine andere Strecke weit unter dem Taxationspreis herzugeben – aber vergebens. Die Techniker der Bahn erklärten, daß ihre angegebene Linie beibehalten werden müsse, aus den und den Gründen, und deshalb auf den Wildpark keine Rücksicht genommen werden könne. Der Graf fuhr selber nach der Residenz, um an höchster Stelle seinen Einfluß geltend zu machen; es blieb Alles umsonst. Das practische Leben bohrt sich nach und nach überall in die alten Vorrechte hinein; das Geld gewinnt einen immer höheren Rang über Adelsbriefeund Stammbäume, und Graf Galaz mußte zu seinem nicht geringen Verdruß erleben, daß ein Gutachten von bürgerlichen Leuten über den speciellen Fall ausgestellt, mehr galt und berücksichtigt wurde, als sein ganzer Einfluß werth war.
Eben nicht in bester Laune kehrte er nach Galaz zurück, und das konnte nicht dazu beitragen sie zu verbessern, daß er eine Equipage mit Extrapost fand, die auf seinem Hof vorgefahren war. Also Besuch.
»Wer ist angekommen?« frug er den Diener, der hinaus sprang um seinen Wagenschlag zu öffnen.
»Frau Baronin von Fermont mit einer anderen Dame.«
»Mit wem?«
»Kenne sie nicht, Herr Graf. Sie sprechen nur Französisch.«
Graf Galaz stieg in sein eigenes Zimmer hinauf und schien nicht übel Lust zu haben, sich dort abzuschließen. Frau von Fermont war aber eine so liebenswürdige Frau und so befreundet mit ihnen, daß es sich nicht gut umgehen ließ sie zu sehen. Außerdem erzählte ihm auch sein Kammerdiener, daß die Damen ein paar Koffer mitgebracht hätten, also aller Wahrscheinlichkeit einige Tage hier verweilen würden. Es ließ sich nicht ändern, er mußte ihnen seine Aufwartungmachen. Außerdem wurde auch das Diner sehr bald servirt und da noch Besuch aus der Nachbarschaft dazu kam, ein alter Obrist von Berdow mit Frau und Tochter, so blieb die kleine Gesellschaft dort den Abend zusammen und es wurde geplaudert und musicirt bis spät in die Nacht hinein.
»Und wie gefällt Dir Frau von Ostenburg?« sagte Alexandrine zu ihrem Gatten, als die von Berdow's das Gut verlassen und Frau von Fermont mit ihrer Begleiterin sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten.
»Das ist ein reizendes Frauchen,« sagte der Graf, »eine wunderhübsche Erscheinung und dabei so liebenswürdig, daß man ihr auf den ersten Blick gut sein muß. Stammt sie denn aus Frankreich?«
»Allerdings – weshalb?«
»Sie spricht das Französische so sonderbar.«
»Sie spricht vortrefflich.«
»Ja; doch mit einem so eigenthümlichen Accent, der ihr aber reizend steht.«
»Und singt wie eine Nachtigall.«
»Sie hat eine magnifique Stimme, und würde auf jeder Bühne Furore machen. Ist sie mit Fermonts verwandt?«
»Ich glaube; ihr Gatte stand in der österreichischenArmee und ist bei Solferino geblieben – ein Rittmeister von Ostenburg.«
»Arme Frau – so jung und schön und schon einen solchen Verlust erlitten. Uebrigens wird sie wohl nicht lange Wittwe bleiben, denn an Bewerbern kann es ihr bei den jungen Leuten gewiß nicht fehlen. Der alte Obrist selbst war schon ganz entzückt von ihr – Apropos, ich habe vorhin auch einen Brief von Eduard auf meinem Zimmer gefunden – er wird morgen herüber kommen.«
»Das freut mich.«
»Wenn er nur die unglückselige Idee aufgäbe, nach Australien zurück zu gehen. Erkannsich ja dort nicht glücklich fühlen. Der hat sich auch seine Carrière recht muthwillig selbst verdorben.«
»Und wenn er nun seine Frau zu uns herüber brächte, glaubst Du nicht, daß sie sich in unser Leben, in unsere Verhältnisse finden würde?«
»Nie,« sagte Graf Galaz kopfschüttelnd – »glaube mir, mein Kind, derartige Frauen mögen gut und brav und häuslich sein und das Glück eines Mannes in ihrem eigenen Kreis begründen können, aber sie sind wie Hauslauch, der nur auf Mauerwerk und Dächern wächst; sie verlangen einen ganz bestimmten und engbegrenzten Boden für ihre Existenz. Man sollum Gotteswillen nicht versuchen, sie zu veredeln – es würde nie eine Rose daraus werden.«
Am nächsten Tag traf Eduard ein und suchte den Schwager auf dessen Zimmer auf. Er hatte ebenfalls gehört, daß fremde Damen zum Besuch da wären, und fühlte sich nicht in der Stimmung, ihnen zu begegnen. Der Graf war aber gerade zu den Damen hinüber gegangen, und zwar hatte ihn Alexandrine, als sie den Bruder in den Hof einfahren sah, herüber rufen lassen. Es wurde musicirt und Frau von Ostenburg hatte zugesagt, ihm einige Lieder zu singen.
Eduard schickte einen Diener hinüber, um dem Grafen seine Ankunft wissen zu lassen. Alexandrine ließ ihrem Bruder aber sagen, Graf Galaz könne jetzt nicht fort, und er selber sei den Damen schon angemeldet, er möge also rasch Toilette machen und in den Salon kommen.
Es war ihm nicht recht; eine Weigerung wäre aber unartig gewesen; Frau von Fermont kannte er überdieß selber recht gut und seufzend fügte er sich in das Unvermeidliche.
Als er den Salon betrat, saß Frau von Ostenburg gerade am Instrument und sang eine spanische Romanze, die sie sich selber begleitete – Graf Galaz stand neben ihr und wandte die Notenblätter um, undFrau von Fermont saß mit Alexandrine rechts auf dem Sopha. Alexandrine stand auf, ging dem Bruder leise entgegen und gab ihm die Hand, auch Frau von Fermont reichte ihm die ihrige und nickte ihm freundlich zu; aber es wurde kein Wort gesprochen, um den Gesang nicht zu stören und die Schritte selber blieben auf dem weichen Teppich überhaupt unhörbar.
Die Romanze war die Klage eines andalusischen Mädchens, das um den Geliebten trauerte, der gegen die Mauren zu Felde gezogen und sie allein gelassen hatte, und die Stimme der Sängerin zitterte, als sie leise, nur von gedämpften Accorden begleitet, das Gebet zur Jungfrau Maria um Schutz für den Fernen, sang. So ergreifend waren die Töne dabei, daß der überhaupt leicht empfänglichen Alexandrine die hellen Thränen in die Augen stiegen und selbst Eduard sich von dem wehmüthigen Lied ergriffen fühlte.