Drittes Kapitel.Eine Staatsvisite.

»Guten Morgen, Kathrin',« sagte Hans und streckte ihr die Hand entgegen, »haben uns ja seit gestern Morgen nicht einmal gesehen.«

»Guten Morgen, Hans,« sagte das junge Mädchen freundlich, auch ihm die Hand reichend, »ja, wenn man freilich so wichtige Geschäfte hat. Nun, ist Alles gut abgelaufen?«

»Alles, Kathrin', schön Dank für die Nachfrage,« sagte der Hans. »Die Eltern haben eingewilligt, und das Lieschen ist meine Braut. Hoffentlich haben wir in vier Wochen Hochzeit. Da müssen wir auch zusammen tanzen.«

Die Kathrine stand vor dem Pflegebruder, dessen Hand sie noch gefaßt hielt, und sah ihn mit ihren großen blauen Augen recht voll und treuherzig an. Wie er aber endete, drückte sie ihm die Hand herzlich und sprach mit leiser, aber bewegter Stimme: »Da wünsch'ich Dir recht von Herzen Glück dazu, und möge Gottes Segen auf Euch ruhen immerdar – auf Dir und auf Deiner jungen Frau.« Damit zog sie die Hand aus der seinen, wandte sich ab und verließ das Zimmer wieder. Hans sah ihr nach.

»Was hat nur die Kathrin'?« sagte er, »sie war ordentlich gerührt.«

»Sie hat ein weich' Gemüth,« sagte die Mutter, mit dem Kopf nickend, »und hängt an uns Allen mit großer Liebe. Da ist's denn wohl natürlich, daß ihr bei einem so wichtigen Ereigniß etwas weich um's Herz wird. Ja, Ihr Mannsleute nehmt das Alles nur so leicht hin und denkt nicht weiter darüber nach. Laß mir die Kathrin' zufrieden, das ist ein wacker Ding, und ich hab' sie gerade so lieb, als wenn sie meine eigene Tochter wäre.«

Der Hans nahm seinen Hut vom Nagel und ging hinaus an seine Arbeit. Er hatte doch richtig so lange da drinnen gesessen, daß die Knechte im Felde draußen schon wieder an der Arbeit waren, als er hinauskam. Das ärgerte ihn und er hieb jetzt wacker auf die Pferde ein, um das Versäumte nachzuholen. Es war aber auch kein Wunder, denn was gingen ihm nicht für eine Menge von Dingen im Kopf herum!

Der Vater hielt Wort, und das that er immer. Er schrieb noch an dem nämlichen Morgen an seinen Freund in Kreuzberg, schickte außerdem noch eine Abschrift von seines Sohnes Taufschein ein, den er sich von ihrem Pfarrer in Dreiberg und von dem Schulzen beglaubigen ließ, und theilte dem Gerichtshalter dort in aller Kürze mit, um was es sich hier handele. Dann bat er ihn, er möchte doch, wenn irgend möglich, den Heimathschein mit der nächsten Post einschicken und ihm auch dazuschreiben was er ausgelegt hätte, damit er's ihm gleich zurückzahlen könne. Der alte Barthold blieb nicht gern Jemandem etwas schuldig.

Der Brief war ihm ein wenig sauer geworden, denn das Schreiben gehörte gerade nicht zu den Dingen, die er sehr gern that, oder zu denen er sich drängte, aber es hatte eben sein müssen, und jetzt war's, Gott sei Dank, fertig und abgemacht. Wenn die Postkutsche heut' Abend durch Dreiberg kam, nahm der Conducteur den Brief schon mit hinein in die Stadt und gab ihn dort auf. Nachher ging er direct nach Kreuzberg ab.

Aber heute gab's noch mehr zu thun, denn wie die Sachen nun einmal standen, erforderte es auch dieArtigkeit nicht allein, sondern der Gebrauch, daß die Eltern des Bräutigams den Eltern der Braut einen Besuch abstatteten, und wenn es auch der alte Barthold lieber auf den nächsten Sonntag verschoben hätte, erstlich der Arbeit und dann auch seines Reißens wegen, ließ sich das doch nicht gut einrichten. Sonntags hatte der Traubenwirth auch immer soviel zu thun und das Haus voller Gäste, daß man ihm und den Seinen erschrecklich unbequem gekommen wäre. Besprechen hätte man außerdem gar nichts können, und da mußte denn schon ein Wochentag dazu genommen werden.

Uebrigens wurde auch daheim indessen nichts versäumt, denn der Hans blieb ja zu Haus und bei den Knechten, und auf die übrige Wirthschaft paßte schon die Kathrine; auf die durften sie sich fest und sicher verlassen. Die Mutter war ebenfalls damit einverstanden, und gleich nach dem Mittagbrod, die Dorfuhr hatte noch nicht Eins geschlagen, ließ der alte Barthold sein kleines steierisches Wägelchen vorrücken und die Braunen einspannen, der Großknecht mußte in seinem Sonntagsrock auf den Bock, und fort ging die Reise den Feldweg nach Wetzlau hinüber.

Eine Vergnügungstour war die Fahrt eigentlich nicht gut zu nennen, denn kein Mensch in der Welt konnte sich ein Vergnügen daraus machen, eine guteGlockenstunde auf einem solchen Weg und einem kleinen Wagen ohne Federn durchgerüttelt und geschüttelt zu werden. Aber die Bauern trugen selber die Schuld daran, daß diese Straße in einen derartigen Verfall gerieth, denn obgleich sich beide Dörfer willig zeigten, daran zu bauen, lag es nur an einer erbärmlichen Kleinigkeit, daß die Arbeit unterblieb und von Jahr zu Jahr aufgeschoben wurde. Zwischen Wetzlau und Dreiberg schnitten nämlich die Fluren nicht in gleicher Hälfte ab. Die Dreiberger hatten vielleicht eine Strecke von zwei Morgen Land über die Hälfte, und obgleich sie sich erboten, die Straße, die von beiden Dörfern gleich stark benutzt ward, zu gleichen Hälften zu übernehmen, gingen die Wetzlauer doch nicht darauf ein, sondern verlangten, daß die Dreiberger soweit bauen müßten, wie ihre Grundstücke reichten. Nachgeben that selbstverständlich kein Theil, und so ruinirten sie lieber Jahr aus Jahr ein ihre Pferde und Geschirre, nur dieser unbedeutenden, kleinen Strecke wegen.

Der alte Barthold, obgleich es ihm sonst wahrlich nicht auf einige zwanzig Thaler mehr oder weniger ankam, war dabei gerade so schlimm, wie die Anderen, und mit dem Bewußtsein, daß er selber mit schuld an dem heillosen Wege sei, murrte er auch unterwegsmit keiner Sylbe und ertrug alle die Stöße und Puffe, die er bekam, mit wahrhaft christlicher Geduld. Sein Trost blieb ja auch dabei, daß die Wetzlauer genau dieselben Puffe bekämen, und denen, wie er sich innerlich sagte, geschah es vollkommen recht. Sie verdienten es gar nicht besser. Nur die arme Frau stöhnte und ächzte, und wenn manchmal ein ganz außergewöhnlich kräftiger Stoß kam, daß sie die Zähne aufeinander beißen mußte, klagte sie wohl mit einem kurzen Stoßgebet: »O du grundgütiger Vater! so gleich nach Tische!«

Es hat aber Alles sein Ende, auch der schlechteste Weg. Es schlug gerade Zwei in Wetzlau, als sie, zur Abwechselung der bisherigen Fahrt, auf das Dorfpflaster kamen, wo sie auch noch, da sie das Chausseehaus passiren mußten, Chausseegeld bezahlen durften.

»Ich muß doch einmal Federn an den Wagen machen lassen,« sagte Barthold, als sie hier endlich etwas bessere Straße erreichten, denn draußen hätte er gar nicht reden dürfen, aus Furcht, einmal die Zunge zwischen die Zähne zu bekommen, »der Weg ist gar nicht so schlecht, aber der Karren stößt so.«

»Mir thut ordentlich der Hals weh,« sagte die Frau, »jetzt freu' ich mich nur auf den Rückweg.«

Alle weiteren Bemerkungen wurden aber hier kurzabgebrochen, denn eben lenkten die Pferde wiehernd in den Thorweg der goldenen Traube ein, und in der inneren Thür stand auch schon der Wirth, Christoph Erlau, der ihnen sein Käppchen entgegenschwenkte, während Lieschen, die in der Küche beschäftigt gewesen war, wie der Blitz in ihr Kämmerchen hinaufhuschte, denn so konnte sie sich den neuen Schwiegereltern doch nicht zeigen, und so wäre sie gerade am allerhübschesten gewesen, denn Frau wie Mädchen sehen, sie mögen selber denken, was sie wollen, doch immer am hübschesten im Hauskleid aus. Aber der Geschmack ist eben verschieden, und man behauptet ja, daß sich nicht darüber streiten lasse.

Jetzt, nachdem Hansens Eltern ausgestiegen und hinein in die »beste Stube« geführt waren, begannen nun vor allen Dingen eine Menge von Förmlichkeiten, die in den höchsten Cirkeln nicht weitschweifiger und unbehülflicher sein konnten, als hier in der sonst so schlichten Familie. Aber es soll nur um Gotteswillen Niemand glauben, daß jenes Ungethüm, die sogenannte »Etiquette«, an irgend einem fürstlichen Hofe steifer und unnachsichtlicher gehandhabt würde, als in irgend einer Bauernfamilie, sobald sich eine passende und außergewöhnliche Gelegenheit dazu findet. Da bestehen ganz genau bestimmte und festgestellte Formen, wasgesagt werden muß und wie es gesagt werden muß, wohin man sich setzt und wie man sich setzt, und was endlich vorgesetzt werden soll, und wie die Hausfrau zu dem Vorgesetzten zu nöthigen hat, daß es einen einfach schlichten Menschen zur Verzweiflung bringen könnte. Das einzige Gute hat es, daß es nicht so lange dauert, wie bei Hofe, denn da ist es den Leuten ein natürlicher Zustand, in dem sie sich bewegen, sie würden eine andere Existenz für unmöglich halten; hier dagegen ist es ein unnatürlicher, gewaltsam hervorgerufener, der wohl eine Zeit lang anhält, sich aber zuletzt selber verarbeitet – und plötzlich finden sich die Leute wieder in ihrem gewöhnlichen, natürlichen Fahrwasser, ohne daß sie eigentlich merken, wie sie dahin gekommen sind.

So ging es auch hier. Zuerst wurden die Gäste also in die »beste Stube« geführt, die natürlich, wie alle »besten Stuben«, kalt und ungemüthlich aussah, denn ein Ort, in dem man sich wohl und behaglich fühlen soll, muß bewohnt sein und nicht blos zum Staat gehalten werden. Dann fuhr die Wirthin, nachdem eine Menge steife, nichtssagende Redensarten gewechselt waren, aus und ein, um heranzuschleppen, was Küche und Keller boten. Daß die Gäste gerade eben vom Essen kamen, war gar keine Entschuldigung,und nun ging das Nöthigen los, in dem die Frau Erlau wirklich Außerordentliches leistete. Endlich kam auch Lieschen in ihrem Sonntagsstaat, aber viel schöner geschmückt durch das liebliche Erröthen den neuen Verwandten gegenüber, das ihren Augen einen ganz eigenen Glanz verliehen.

Nun kannten sich die beiden Familien schon seit längerer Zeit und waren sonst wohl manchmal zusammengekommen und hatten miteinander gelacht und geplaudert. Jetzt aber, wo sie sich durch die Verlobung der Kinder um soviel näher traten, schien es ordentlich, als ob sie das weit eher entfremdet hätte, so steif und unbehülflich standen sie sich gegenüber, und Lieschen besonders, sonst voller Leben, ja oft ausgelassen lustig, konnte fast kein Wort über die Lippen bringen. Aber ein Bann lag auf ihnen Allen: das Bewußtsein, daß dies ein »Staatsbesuch«, daß es eine Form sei, der Genüge geleistet werden müßte, und der ließ sich so schnell nicht wieder abschütteln, der mußte erst ordentlich verdampfen.

Der Wirth war aber nicht der Mann, der sich lange einem solchen Zwang beugte, und da sich auch Barthold nicht wohl dabei fühlte – die Frauen wären den ganzen Tag darin sitzen geblieben – so trat bald eine Aenderung zum Besseren ein. Die nöthigen Redensartenvon Ehre und Freude und Hoffnung einer solchen Verbindung etc. etc. waren gewechselt, was von Speisen noch vertilgt werden konnte, war vertilgt, und der Wirth brachte jetzt, während Lieschen den Kaffee und Kuchen besorgte, Cigarren. Da war es ordentlich, als ob mit dem aufsteigenden Dampf derselben der böse Zauber bräche, der auf ihnen Allen gelegen.

Die beiden Männer kamen bald auf ein Gespräch über Vieh und Felder, was sie Beide interessirte; dadurch lenkten die Frauen auf ihre Wirthschaftsangelegenheiten ein, und im Handumdrehen war die noch vor Kurzem so steife hölzerne Gesellschaft in ihre natürlichen Bewegungen, ja selbst in den natürlichen Ton ihrer Stimmen zurückgefallen, und die Unterhaltung floß von da an leicht und ungezwungen.

Auch Lieschen thaute auf, und durch das wirklich Matronenhafte der sonst gar noch nicht so alten Mutter ihres Bräutigams angezogen, setzte sie sich zu ihr und plauderte bald mit ihr so frei und herzlich von der Leber weg, als ob sie von Kindheit auf miteinander bekannt und befreundet gewesen wären. Das aber schmeichelte der Frau Barthold auch; Lieschen sah dabei in ihrer städtischen Kleidung so vornehm und »ansehnlich« aus, daß jene ordentlich stolz auf ihrezukünftige Schwiegertochter wurde und nicht satt werden konnte, ihr zu wiederholen, wie sehr sie sich freue, sie zur Tochter zu bekommen und ihrem Sohne eine solche Frau geben zu können. Dabei unterließ sie freilich auch nicht, alle die Tugenden und Vorzüge ihres eigenen Hans aufzuzählen, und Lieschen fand da wohl eben soviel Freude daran, ihr zuzuhören.

Den beiden Männern wurde es aber bald zu eng in der Stube. Bauern halten nie lange in einem Zimmer aus, denn die freie Luft ist ihnen Bedürfniß, und während die Frauen noch beim Kaffee sitzen blieben, gingen die Männer miteinander hinunter auf den Hof und in die Ställe und, da die Pferde gerade nahebei ackerten, auch einmal ein Stück hinaus auf das Feld.

Ihr Weg führte sie dicht hinter dem Pfarrgarten vorbei, und weil es Barthold einfiel, daß er Hansens Taufschein eingesteckt hatte, konnten sie den hier eben so gut gleich abgeben. Hier stand dem alten Barthold auch eine Ueberraschung bevor, denn der Geistliche schien gar nicht gewußt zu haben, daß Hans katholisch sei; zu einer »gemischten Ehe« schüttelte er aber bedenklich den Kopf und bedeutete den alten Barthold, daß er unter keinen Umständen ein Aufgebot erlassen könne, bis er nicht vom General-Superintendenten einen sogenannten Dispens gelöst hätte.

Der Alte wollte schon über die neue Schwierigkeit wild werden, allein der Traubenwirth nahm ihn unter den Arm und sagte, als sie wieder draußen im Feld waren: »Macht Euch keine Sorge Barthold, ein Dispens vom Consistorium ist schon zu erlangen, und geben sie ihn nicht, nun dann fahren wir hinüber nach Gotha und lassen die jungen Leute da trauen. Dort sind sie vernünftiger. Das junge Paar kann dann gleich seine Hochzeitsreise nach der Wartburg machen,« fügte er lächelnd hinzu.

Mit diesem Trost schlug sich der alte Barthold denn auch bald die ärgerlichen Gedanken aus dem Kopf, noch dazu, da sie hier in offenes Land und zu ein Paar neugekauften Pferden des Wirthes kamen, für die er sich ganz besonders interessirte. So verging ihnen die Zeit rasch, bis der Dreiberger Bauer plötzlich merkte, daß die Sonne schon bald am Horizont stand, und erschreckt ausrief: »Aber Wetter noch einmal, wir haben uns bei dem Herrn Pfarrer zu lange aufgehalten, und ich muß machen, daß ich wieder zu meiner Alten komme, die wird sonst böse. Im Dunkeln möcht' ich auch nicht gerade den Weg nach Dreiberg zurückfahren.«

»Es sind ein paar böse Stellen drin,« sagte der Wirth.

»Na, es geht,« meinte Barthold störrisch, »aber mein Wägelchen ist nicht so recht drauf eingerichtet, und die Frau könnte brummen. Wann kommt Ihr denn eigentlich einmal nach Dreiberg hinüber?«

»Ich weiß nicht, ob ich die Woche noch kann,« sagte der Wirth, »denn morgen haben wir hier eine große Kindtaufe im Orte, wo bei mir getanzt wird, und am Sonnabend bringe ich meine Alte doch nicht aus dem Haus. Wenn's aber irgend möglich zu machen ist, so rutschen wir den Freitag doch noch hinüber.«

»Rutschen?« dachte Barthold, mit dem Weg in der Erinnerung, aber er sagte nichts, und die beiden Männer schritten jetzt wieder dem Wirthshaus zu.

Ueber die Aussteuer der Brautleute war heute noch kein Wort gesprochen worden, obgleich der Wirth darauf gewartet hatte. Anfangen davon mochte er aber auch nicht, und Barthold hielt es nicht für schicklich, das gleich bei der ersten Begegnung vorzunehmen. Wenn der Traubenwirth zu ihm nach Dreiberg kam, dann wollten sie das wohl bald in Ordnung bringen. Schneller jedenfalls, als die Geschichte mit dem Consistorium, die ihm doch im Kopf herumging.

Der Großknecht hatte jetzt Auftrag bekommen, einzuspannen, und der Wagen hielt bald darauf vorder Thüre, aber die beiden Frauen, die im Anfang den Mund kaum öffnen wollten, waren jetzt warm geworden und in ein Gespräch über ihre Kinder hineingerathen, aus dem sie sich nicht wieder herausfinden konnten. Barthold stand schon lange, mit Hut und Stock in der Hand, neben der Thür und hielt die Klinke.

»Na, Alte, kommst Du?«

»Gleich, Vater, gleich – das glaub' ich, Ihr Männer seid immer gleich fertig mit Anziehen. Ihr setzt den Hut auf und damit basta. Und nicht wahr, Frau Erlau, Sie machen uns recht bald das Vergnügen, damit Sie auch einmal sehen können, wie wir da draußen eingerichtet sind? O, es soll Ihrem Lieschen schon bei uns gefallen, daran zweifle ich keinen Augenblick.«

»Wenn so ein paar Frauen in's Schwatzen kommen,« lachte Barthold gutmüthig vor sich hin, »da reißt's nachher gar nicht wieder ab. Wir kommen heute nicht mehr weg. Habt Ihr Betten genug im Haus, Erlau?«

»Betten genug,« schmunzelte dieser.

»Die brauchen wir für heute nicht!« rief aber die Alte, sich gewaltsam losreißend. Sie hatte die letzten Worte gehört. Doch das Lieschen kam jetzt noch herbei,dem sie einen Kuß und noch einen und noch einen geben mußte, und endlich war sie mit Allem fertig. Unten knallte der Großknecht mit der Peitsche, daß die Fensterscheiben klirrten. Jetzt saßen sie im Wagen, und nun sollte es noch einmal an ein Abschiednehmen und Handdrücken gehen; dem aber machte der Großknecht ein Ende. Ein kleiner Peitschenschlag traf das Handpferd, und hinaus rasselte der Wagen aus dem Thorweg, ein kurzes Stück auf der Chaussee hin, eben genug, um das Chausseehaus wieder zu passiren, und bog dann in den Feldweg ein, ehe die Frau nur von ihrem Mann Alles erfahren hatte, was er mit dem Herrn Pfarrer vorhin gesprochen. So neugierig sie aber darauf war, eine Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, sobald sie in den Feldweg einlenkten, und alle weiteren Erklärungen mußten für daheim aufgeschoben werden.

Am Freitag kam der Traubenwirth mit seiner Frau zur Gegenvisite nach Dreiberg. Die beiden Väter saßen dann wohl eine Stunde lang oben zusammen allein in des Alten Stube – aber nicht etwa trocken, denn Barthold hielt darauf, einenganz vorzüglichen Ungarwein in seinem Keller zu haben – und kamen nachher wieder, Beide seelenvergnügt, und wie es schien vollkommen einig, zu den Frauen hinunter, um dort Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen.

Am nächsten Sonntag war Hans natürlich den ganzen Tag drüben in Wetzlau in der Traube, und dort holten sich die beiden jungen Leute eine Landkarte vor und zeichneten sich darauf die Reise nach Gotha zusammen ab. Was kümmerten sie sich um das Consistorium.

Merkwürdige Zeit nahm sich übrigens der Herr Generalsuperintendent, an den die Eingabe zuerst gemacht war; denn die ganze nächste Woche verging, ohne daß er auch nur das Mindeste hätte von sich hören lassen. Das war aber noch das Wenigste, es traf auch keine Antwort von Schlesien ein, und Hans wußte schon vor lauter Ungeduld gar nicht mehr, was er angeben sollte. Endlich, am Sonnabend Mittag, die Familie saß gerade bei Tische, kam ein Brief mit dem preußischen Gerichtssiegel.

»Nun endlich!« rief Hans jubelnd und sprang von seinem Stuhl auf, »das hat lange gedauert.«

»Hm,« meinte der Vater, der den Brief kopfschüttelnd befühlte und dabei nach seiner Brille suchte,denn das Schreiben kam ihm viel zu dünn vor, als daß irgend ein Document darin eingeschlossen sein konnte, »seit ich die Geschichte mit dem Consistorium gehört, habe ich ordentlich Angst bekommen, daß hier ebenfalls etwas der Quere gehen könnte; aber das ist doch nicht gut möglich, denn das Amt geht es doch nichts an, ob wir Katholiken oder Protestanten sind.«

Jetzt hatte er seine Brille gefunden, setzte sie auf, öffnete den Brief und sah hinein.

»Nun, ist der Schein nicht drin?« frug Hans rasch und mißtrauisch.

»Drin ist nichts,« sagte der Vater, »aber wir wollen erst einmal sehen, was der Gerichtshalter schreibt. Vielleicht ist es blos eine Anweisung an die hiesigen Gerichte, ihn hier auszustellen; das wäre auch das Kürzeste.«

»Was brauch' ich überhaupt einen Heimathschein?« sagte Hans, »wenn ich nur eine Heimath habe, denn so ein Wisch giebt mir doch keine. Nun, was schreibt der Gerichtshalter?«

»Da werde der Henker d'raus klug,« rief der alte Barthold, indem er den Brief – er enthielt kaum zehn Zeilen – auf den Tisch warf, seine Brille abwischte und wieder in die Tasche steckte.

»Nun?« rief Hans, das Schreiben aufgreifend.

»Du wärst in Preußen gar nicht heimathberechtigt, wenn auch da geboren, denn ich wäre mit Dir, als Du noch minderjährig gewesen, in das Ausland ausgewandert, und ich und meine Kinder hätten dadurch unser Heimathsrecht in Preußen aufgegeben.«

»Ja, aber Du lieber Gott, wo soll er denn da einen solchen Schein herbekommen?« rief die Mutter, »sie müssen ihm ja den geben, er ist ja doch dort geboren.«

»Es steht auch noch drunter, daß der Junge in Preußen nie seiner Militärpflicht nachgekommen wäre und schon deshalb nicht als preußischer Unterthan betrachtet werden könnte.«

»Und was liegt dran?« rief Hans, den Brief trotzig auf den Tisch zurückwerfend, »irgendwo muß ich zu Haus gehören, das sieht ein Kind ein, und wenn Preußen nichts von mir wissen will – ei, dann müssen sie mir hier einen solchen Wisch geben. Siehst Du wohl, Vater, hättest Du mich nur gleich in die Stadt hineinreiten lassen, so wäre jetzt Alles abgemacht, und nun geht die Geschichte noch einmal von vorn an. Hier haben wir unsern Grund und Boden, und hier gehören wir also auch her. Was kümmert uns Preußen?«

»Na, ich will's wünschen,« sagte der alte Barthold,der auf einmal merkwürdig mißtrauisch gegen alles das geworden war, was Behörden eigentlich thun müssen und was sie wirklich thun. »Da ist's aber doch besser, ich fahre selber in die Stadt; denn wenn Du auch jetzt gingst, so müßte ich später doch selber hinein, und da würde nur noch mehr Zeit damit verloren. Außerdem kann ich dann gleich einmal mit zum General-Superintendenten gehen und sehen, wie die Sache mit dem »Dispens,« glaub' ich, nannt' es der Pfarrer in Wetzlau, steht. Die nehmen sich auch eine bärenmäßige Zeit. Heute käm' ich freilich zu spät hinein, und morgen ist Sonntag, wo alle Gerichte geschlossen sind; aber den Montag Morgen mit Tagesanbruch fahre ich weg. Bis dahin mußt Du Dich schon noch geduldigen, Hans. Es kann eben nichts helfen.«

Der alte Barthold ging hinauf in seine Stube, um sein Mittagsschläfchen zu halten, und die Mutter hatte draußen noch zu thun. Hans war am Tische sitzen geblieben, stützte den Kopf in die Hand und sah finster brütend vor sich nieder. Katharine trat in's Zimmer und ging hindurch in die Kammer, um reine Milchtücher herauszunehmen. Als sie nach einer Weile zurückkam, saß der Hans noch immer in der nämlichen Stellung; er hatte sie gar nicht gehört.

Katharine trat leise auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Hans!«

»Bist Du's, Kathrin,« sagte Hans und sah zu ihr auf. »Willst' was?«

»Weiter nichts, als daß Du nicht mehr so traurig bist. Habe nur ein klein wenig Geduld, es macht sich ja Alles, und das Lieschen wird bald Deine Frau werden. Ihr seid ja nachher auch für das ganze lange Leben beisammen, und bei so einer langen Zeit kann's ja doch auf die paar Tage nicht ankommen.«

»Ich bin nicht traurig, Kathrin,« sagte Hans, indem er sich die lockigen Haare aus der Stirn warf, »nur ärgerlich, ärgerlich über die Gerichte, über das Consistorium, über die Pfarrer, über die Gerichtshalter, über mich – ei, über die ganze Welt!«

»Ueber mich auch, Hans?« fragte Kathrine, und sah ihn mit ihren hellen Augen so treuherzig an.

»Ueber Dich? – nein, Kathrin',« sagte Hans, ihre Hand nehmend und drückend, »weshalb sollt' ich über Dich böse sein? Du bist immer so lieb und gut, und wenn's an Dir läg', so hätt' ich meine Papiere gewiß schon lange und könnt' morgen Hochzeit machen.«

»Du darfst mir's glauben, Hans, ja,« erwiderte Katharine, und sah ihn dabei recht ernst und wehmüthig an. »Wenn's an mir läg', solltst Du nichteinen Augenblick warten dürfen, um glücklich zu werden. Aber der Vater wird's auch schon allein fertig bringen,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. »Es geht nun einmal so entsetzlich langsam mit den Gerichten, und Nachbars Margareth hat mir erzählt, daß eine Schwester von ihr, die in die Stadt hinein heirathete, über zwei Jahr hat warten müssen, weil ihr Bräutigam immer und immer die Papiere nicht bekommen konnte.«

»Da würde ich wahnsinnig, wenn das mir passirte,« rief Hans.

»Nun, so schlimm wird's schon nicht werden,« lächelte das junge Mädchen. »Hab' nur guten Muth und mach' wieder ein freundlich Gesicht. Siehst Du, wenn Du traurig bist, dann sieht's gleich im ganzen Hause schwarz aus, und – man ist's auch eigentlich gar nicht an Dir gewöhnt. Aber ich muß fort; Joseph und Marie! da draußen steht schon die Rese und wartet auf mich,« und mit den Worten huschte sie mit den Leintüchern, die sie noch immer unter dem Arm hielt, aus der Thür.

Hans stand auch auf. Es war ebenfalls Zeit geworden, daß er wieder hinaus an seine Arbeit ging, und nur das Böse dabei, daß er sich bei der Arbeit nicht einmal die Gedanken aus dem Kopf schlagenkonnte, denn der Aerger wollte ihm gar nicht aus dem Sinn, und beim Pflügen hatte er erst recht Zeit, darüber nachzugrübeln.

Sonderbar; die Liebe zu Lieschen und der Schmerz, daß er ihr noch so lange nicht angehören solle, hatten eigentlich mit seinen Gefühlen weit weniger zu thun, als der Aerger über diese albernen Weitläufigkeiten. Es war aber auch wieder ganz natürlich, denn nichts kann einen Menschen mehr ärgern und verdrießen, als wenn er einem bestimmten Ziel entgegenstrebt, ja schon in Armesbereich nahe gekommen ist und dann durch eine Menge von Hindernissen davon zurückgehalten wird. Sind diese Hindernisse der Art, daß man sie selber mit eigener Kraft und Ausdauer bewältigen kann, ei, dann ist es etwas Anderes; dann wird unser Geist, unsere ganze Thätigkeit dadurch in Anspruch genommen, und wir haben sogar nachher noch einmal so viel Freude an dem Gewonnenen, denn nichts macht uns glücklicher, als was wir uns selbst verdient und errungen haben. Sind solche Hemmnisse dagegen der Art, daß wir nichts, gar nichts auf der Gotteswelt dawider thun können und nur immer warten und warten müssen, dann mögen sie wohl einen nur etwas lebhaften Menschen zur Verzweiflung treiben, und Hans war allerdings lebhafter Natur. Seine Geduld zu erproben,bekam er aber jetzt Gelegenheit, denn er schien dazu gerade auf das rechte Capitel gerathen zu sein: eine Eingabe an ein Consistorium und ein Heimathschein. Selbst für den urgeduldigen Deutschen ist es ein Meisterstück, die beiden Dinge ruhig abzuwarten.

Der nächste Tag war wieder ein Sonntag, und Hans ritt natürlich gleich nach dem Frühstück nach Wetzlau hinüber. Zugleich nahm er aber auch eine Einladung mit dorthin für die Familie Erlau, denn am Dienstag – den Montag wollte der Alte überdies in die Stadt – war seines Vaters Geburtstag und zugleich sein Hochzeitstag, und der wurde immer daheim nicht allein festlich, sondern sogar feierlich begangen. Er ließ auch sein Pferd tüchtig ausgreifen und trabte noch rasch in den Thorweg zur goldenen Traube hinein, ehe er den Braunen einzügelte.

Drinnen im Hausflur, an dem links das Schenkzimmer für die Fuhrleute und Handwerker, rechts die »Gaststube« für vornehmere Gäste lag, führte hinten gegen den Hof zu die offene Treppe in den ersten Stock. Dort stand Lieschen unten an der Treppe und einjunger, sehr elegant gekleideter Herr, mit dem Hut in der Hand, neben ihr und schien sich nach etwas zu erkundigen. Wie sie Hans aber hereintraben sah, ließ sie den jungen Herrn gleich stehen, rief ihm nur noch ein paar Worte zu, daß er ihren Vater da drüben in der Stube träfe, und sprang dann an das Pferd, um ihrem Bräutigam die Hand hinauf zu reichen und guten Morgen zu sagen.

»Wer war denn der Fremde, Schatz?« sagte Hans, als er sein Pferd dem Hausknecht übergeben hatte und mit Lieschen in die obere Stube ging.

»Ich weiß es nicht, Hans,« lautete die Antwort, »ein fremder Herr, der bei uns ein paar Tage wohnen will. Er gehört, glaub' ich, mit zu den Vermessern, die jetzt das Zusammenlegen der Felder beginnen sollen. Der Vater hat auch den Kopf voll damit. Aber das ist brav, daß Du so früh gekommen bist, da haben wir heute den ganzen langen Tag vor uns. Wie ist's, hast Du Deinen Heimathschein?«

»Ach, sprich mir nicht davon,« sagte Hans verdrießlich, »es verdirbt mir den ganzen, schönen Tag. Der Vater muß noch morgen deshalb in die Stadt. Wenn er mich nur hineinließe; ich wollte denen da drinnen schon die Meinung sagen.«

»Ja, und nachher steckten sie Dich ein,« lachteLieschen, »und Du bekämst ihn gar nicht. Nein, da laß Du doch lieber den Vater gehen, der setzt mit Ruhe und Vernunft mehr durch, als Du mit Hitze und Poltern. Aber jetzt hol' ich Dir erst etwas zum Frühstücken, und nachher gehen wir ein wenig hinunter in den Garten.«

»Aber kein Wort mehr über den Heimathschein,« rief Hans ihr nach.

»Keine Sylbe.«

Der Vertrag wurde gehalten, und spät am Abend, nach einem vergnügt verlebten Tag, ritt Hans nach Dreiberg zurück.

Am nächsten Morgen fuhr der Vater in die Stadt, hatte indeß auch noch Nichts ausgerichtet, als er gegen acht Uhr Abends wieder ziemlich erschöpft zurückkam. Die Herren nahmen seine Angaben allerdings sämmtlich zu Protokoll, versicherten ihn aber auch, die Sache könnte nicht übers Knie gebrochen werden. Trotzdem solle er, wenn irgend möglich, noch in dieser Woche Bescheid erhalten.

Der alte Barthold wäre übrigens beinah noch übel gefahren. Anfangs wollte er daheim mit der Geschichte nicht recht laut werden, nach und nach kam aber doch Alles heraus. Er hatte nämlich dem Einem der Leute auf dem Gericht, den er für einen untergeordnetenBeamten gehalten, weil er gar so schäbig ausgesehen, einen harten Thaler in die Hand drücken wollen, um die Sache ein wenig zu beschleunigen, und nachher war das ein Gerichtsassessor gewesen. Der alte Barthold schüttelte jetzt noch mit dem Kopf, wenn er daran dachte was der für ein Gesicht gemacht, und wie er ihn angesehen hatte. Es war aber dennoch gut abgelaufen.

Auf den nächsten Tag fiel die Geburtstagsfeier; Erlau's hatten zugesagt zu kommen – Lieschen auch mit, natürlich – und das Haus in Dreiberg war von unten bis oben mit Blumen und grünen Reisern geschmückt, daß man in lauter Lauben treppauf und treppunter ging. Und wie hatte die Mutter heute aufgetafelt, und als Traubenwirths endlich kamen, ließ sie es sich auch nicht nehmen, die Braut selber herumzuführen in Haus und Wirthschaft, und ihr Alles zu zeigen, wo sie einmal später als Herrin schalten sollte.

Und wie geputzt das Lieschen heute war, und was für ein schönes schwerseidenes Kleid es anhatte, und wie es sich auch darin zu benehmen wußte! Mutter Barthold war eigentlich zuerst ein Bischen verlegen gewesen und hatte sich gar nicht ordentlich getraut sie Du zu nennen, denn sie sah eigentlich wie eine recht vornehme Dame aus. Aber den Hans genirte dasgar nicht. Er nahm sie beim Kopf und küßte sie ab, als ob sie ein Kattunfähnchen angehabt hätte, und die Mutter Barthold stand nur immer in Todesangst dabei, daß er ihr vielleicht einmal auf das lange, kostbare Kleid treten möchte. Er konnt's beinah gar nicht verhindern.

Bei Tisch saß Vater Barthold, als Geburtstagskind und Hochzeiter, mit seiner Frau oben an der Tafel, und neben der Mutter saß der Traubenwirth und neben dem Vater dessen Frau, während unten am Tisch Hans zwischen seiner Pflegeschwester und Lieschen seinen Platz hatte, und eine vergnügtere Tischgesellschaft hat es wohl seit langer Zeit nicht gegeben.

Merkwürdig war aber der Unterschied zwischen den beiden jungen Mädchen, und Vater Barthold, der ihnen gerade gegenüber saß, war vielleicht der Einzige, der es bemerkte oder wenigstens so darauf achtete, denn er mußte immer und immer wieder dorthin sehen und die Beiden mit einander vergleichen.

Katharine war das echte Bild eines deutschen Mädchens, mit nicht zu hellblonden Haaren und so tiefblauen Augen, daß man gar nicht satt werden konnte hinein zu schauen, wenn Einem der Blick einmal begegnete. Um die wirklich zart geschnittenen Lippen lag dabei ein unbeschreiblicher Zug von Sanftmuthund Milde, ja auch wohl von stiller Ergebenheit, und wenn sie lächelte, konnte man gar nicht anders, als ihr gut sein. Und doch war sie eigentlich keine Schönheit, denn Lieschen war viel, viel schöner.

Lieschens Gesicht war wirklich mehr als hübsch, es war schön, in seiner Regelmäßigkeit und edlen Form, und die dunkelbraunen Augen funkelten den an, mit welchem sie sprach, als ob es ein paar Brillanten gewesen wären. Wundervolles kastanienbraunes Haar hatte sie auch, und wußte es auf eine gar so geschickte Weise zu tragen. Mutter Barthold hatte sich schon den ganzen Morgen im Stillen den Zopf angesehen, um nur heraus zu bekommen, wie er geflochten und aufgesteckt wäre. Dabei war ihr Benehmen, wenn auch immer mädchenhaft, doch frei und ungezwungen, was sie jedenfalls in der Stadt gelernt hatte, und wenn sie lachte, zeigte sie zwei Reihen Zähne, wie Perlen, so regelmäßig und weiß.

Es war ein »wahres Prachtmädel«, wie der alte Barthold bei sich meinte. Wahrhaftig, er konnte es seinem Sohne nicht verdenken, daß er sich die zur Frau gewählt. Aber zu seinen Beobachtungen wurde ihm auch nicht lange Zeit gelassen, denn der Traubenwirth, der in derlei Dingen außerordentlich gewandt war und einen prächtigen Humor hatte, stand auf undbrachte mit so künstlich und komisch gesetzten Worten einen Toast auf den Vater Barthold und auf die Mutter aus, daß sich Alle am Tisch halbtodt darüber lachen wollten. Und dann klangen die Gläser zusammen, und der feurige Ungarwein stieg der kleinen Gesellschaft bald in's Blut und brachte Leben selbst in die Ruhigsten. Sogar Katharine, die sonst nie derlei starke Getränke berührte, hatte ein volles Glas davon geleert, weil sie mit Hans und dem auf ihrer anderen Seite sitzenden Traubenwirth ein paar Mal, erst auf den Vater, dann auf die Mutter und dann auf die Brautleute, anstoßen mußte – und zurückstehen konnte sie doch nicht bei einer solchen Gelegenheit. Wenn sie aber auch still blieb, bekamen doch ihre Wangen einen rötheren Schein und ihre Augen einen höheren Glanz, und der alte Barthold, der das bemerkte, nickte ihr freundlich zu und rief über den Tisch hinüber: »So recht, Kathrine, zeig den Leuten auch einmal, daß Du in Ungarn gewesen bist und seine Weine trinken kannst. Heute ist unser Ehrentag, und da muß Alles fidel und lustig sein.«

Hans besonders war ganz glücklich über seine wunderhübsche Braut. So gut hatte sie ihm noch gar nicht gefallen, wie heute Abend, und er konnte sich nicht satt an ihr sehen. Jedes Stückchen, das siean sich hatte, musterte er, und dann mußte er ihr immer wieder in die dunkeln Augen schauen. Wie die blitzten und funkelten!

»Wo hast Du denn die schöne Rose her?« frug er sie da einmal, und zeigte auf die Blume, die sie vorn an der Brust trug. »Es ist schon so spät im Jahre; in unserem Garten blühen schon lange keine Rosen mehr.«

»Die hab' ich geschenkt bekommen,« sagte Lieschen neckend. »O, andere Leute können auch galant gegen mich sein.«

»So?« lachte Hans, »wohl von dem jungen Herrn, der da neulich an der Treppe bei Dir stand?«

»Und wenn's von dem wäre?« frug Lieschen und sah ihn dabei gar so schelmisch an, »wärst Du eifersüchtig?«

»Nein,« sagte Hans treuherzig, »wenigstens auf den geschniegelten und gebügelten Burschen noch lange nicht. Aber Du brauchst die Rose gar nicht,« fuhr er leiser fort, »Deine Backen haben ein viel schöneres Roth, Du siehst gar so hübsch aus, Lieschen.«

Lieschen wurde jetzt noch viel röther, als die Blume war, und dann flüsterte sie Hans etwas zu, worüber dieser lachte, und nachher lachten sie Beide mit einander und plauderten den ganzen Abend.

Am schlechtesten kam eigentlich die arme Katharine dabei weg, denn um die kümmerte sich Niemand. Hans, ihr Nachbar zur Rechten, schwatzte natürlich nur mit seiner Braut, und der Wirth an ihrer Linken hatte soviel mit seiner Nachbarin, der Mutter Barthold, und dem alten Barthold zu reden, daß er an das stille Mädchen neben sich auch nicht denken konnte. Freilich durfte sie auch nicht immer sitzen bleiben und mußte viel aufstehen, um bald dies bald Jenes zu besorgen, und da war es denn recht gut, daß sie Niemand vermißte. Unbemerkt stand sie von ihrem Platz auf, unbemerkt nahm sie ihn wieder ein, und so wurde auch Niemand dadurch gestört.

So lange blieben sie aber am Tische sitzen und so spät wurde es an dem Abend, bis sie Alles gesehen und besprochen hatten, daß Barthold unter keiner Bedingung zugab, sie dürften heute noch an den Heimweg denken. Ja, wenn es andere Leute von Wetzlau gewesen wären, denen hätte er den Heimweg im Dunkeln schon gegönnt, aber seine künftige Schwiegertochter und ihre Eltern wollte er nicht daran wagen, und so gern der Traubenwirth heut Abend noch zu Haus gewesen wäre, er durfte eben nicht fort.

Und was für Betten machte die Mutter jetzt, mit Katharinens Hülfe, für die lieben Gäste zurecht, einewahre Welt von Federn, jedes einzelne, daß einem ordentlich der Athem ausging, wenn man hineinsprang und darin versank! Ein anderer Mensch als ein deutscher Bauer hätte auch gar nicht darin schlafen können. Aber der Ungarwein half, und Punkt zehn Uhr lag Alles in tiefer Ruhe.

Am nächsten Morgen freilich brachen die Wetzlauer früh auf, denn allzu lange konnten und durften sie nicht von daheim wegbleiben. Im Haus selber gab es jetzt auch viel zu thun mit Aufräumen, Ordnen und Reinigen. Ein solches Fest mußte nicht spät in den nächsten Tag hineinreichen, und es war schon eine tüchtige Arbeit, nur das grüne Werk wieder alles hinauszuschaffen und das Haus blank zu kehren. Um acht Uhr Morgens war aber auch das Letzte beseitigt und Katharine unten in der Stube beschäftigt, das zweite Frühstück für den Vater und Hans herzurichten, daß sie es gleich bereit fänden, wenn sie vom Feld herein kämen.

»Nun, Kathrine,« sagte die Mutter, die in der Stube an ihrem Spinnrad saß, denn müßig konnte sie nun einmal nicht sein, »wie hat Dir denn gestern dem Hans seine Braut gefallen? Du hast mir ja noch kein Wort darüber gesagt. Gelt, das ist ein sauber Mädel?«

»Ei gewiß, Mutter,« sagte das junge Mädchen, ohne sich aber dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, »das ist gar eine stattliche Maid und so hübsch und so vornehm. Mit der wird der Hans Ehre einlegen.«

Die Mutter nickte mit dem Kopf, erwiderte aber nicht gleich etwas darauf, denn sie dachte eben über das Wort »vornehm« nach. Sonderbar, es war ihr auch fast so vorgekommen, als ob Lieschen fast ein bischen zu vornehm für eine wirkliche Bäuerin wäre, wenn es ihr auch noch nicht recht klar geworden. Die Wirthstochter ging im Grunde genau wie eine Stadtdame gekleidet und trug auch so ein neumodisch Ding, eine Crinoline nannten sie's ja, daß die Röcke nach allen Seiten hinausstanden. In den Kuhstall konnte sie mit den Kleidern auf keinen Fall gehen. Aber daheim führte sie ja doch auch die Wirthschaft und war so tüchtig und fleißig dabei, und bei der Arbeit würde sie gewiß schon andere Kleider haben. Wie hübsch hatte sie auch ihr Haar geflochten; viel Zeit ging da freilich drauf, wenn sie das hätte jeden Morgen so machen wollen, oder sie mußte eben ein bischen früher aufstehen.

Die Frau saß eine ganze Weile in tiefen Gedanken, und das Rädchen schnurrte dabei, daß es eineLust war. Katharine sprach ebensowenig; es gab heute Morgen gar so viel zu thun.

»Aber ein gutes Herz hat sie gewiß,« brach die Frau plötzlich wieder das Schweigen, und die Worte fuhren ihr eigentlich nur da so heraus, wo sie gerade in ihren Gedanken stehen geblieben war, »Ihr Beiden werdet gewiß recht gut mitsammen auskommen.«

Katharine erschrak ordentlich, denn genau an dasselbe hatte sie eben auch gedacht und sich in dem Augenblick die nämliche Frage gestellt, der die Mutter jetzt Worte gab: Wie würde es werden, wenn die junge Frau in das Haus zog und die Wirthschaft selber übernahm? Würde diese auch so lieb und gut mit ihr sein wie die Mutter? Oder würde sie selber überhaupt hier noch nöthig bleiben? Ob sie dann gut mitsammen auskämen? O gewiß; aber wenn nicht? Dann mußte die Fremde doch natürlich das Haus verlassen, ihre Heimath, und hinausziehen zu fremden Leuten. Und wäre es nicht besser gewesen, wenn sie das gleich vom Anfang an und freiwillig gethan hätte, ehe die Verhältnisse sie dazu zwangen? O gewiß, in vielen, vielen Stücken wäre es besser gewesen.

»Meinst Du nicht, Kathrine?« frug die Mutter noch einmal, da ihr das Mädchen, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nicht gleich eine Antwort gab.

»Ich? ei, gewiß, Mutter,« sagte Katharine jetzt schnell, »warum denn nicht? Ich will sie gewiß lieb haben, wie eine Schwester – wenn sie mich nur noch im Hause brauchen können,« setzte sie leiser hinzu und erschrak fast, als die Worte heraus waren.

Die Mutter sah rasch zu ihr auf, so rasch, daß ihr der Faden abriß, denn daß die Katharine daran denken könnte, je ihr Haus zu verlassen, daran hatte sie selbst im Leben noch nicht gedacht. War es denn nicht ihre eigene Tochter geworden durch die langen, langen Jahre?

»Unsinn, Kathrine,« sagte sie aber auch gleich darnach kopfschüttelnd und nahm den Faden wieder auf. »Dich sollten sie nicht brauchen können? Und wenn sie Dich nicht brauchten, glaubst Du, daß mein Alter und ich Dich missen möchten? Sprich mir nicht wieder solch Zeug, Mädel, oder Du bekommst es mit mir zu thun. Uebrigens ließ Dich Hans auch gar nicht fort, denn wie lieb Dich der hat, weißt Du, und daß er überall Deine Partie nimmt. Nein, Schatz,« setzte sie gutmüthig hinzu, »mit uns bleibt's beim Alten, ob Du zu der jungen Frau passest oder nicht. Außer –« und sie nickte ihr dabei freundlich zu, »Du müßtest denn einmal von uns fortziehen wollen, wie das Lieschen jetzt bald aus der ElternHause zieht, dann freilich mit unserem besten Segen, Kind.«

»Du lieber Gott, Mutter,« sagte Katharine, und ein Seufzer hob dabei unwillkürlich ihre Brust, »damit hat's Zeit. Wenn Ihr mich nicht früher loswerdet, müßt Ihr mich wahrscheinlich bis an meinen Tod bei Euch behalten.«

»Denkst Du eher zu sterben, als wir, Kathrine?« lächelte die Frau wehmüthig.

»Wir wollen nicht vom Sterben reden, Mutter,« sagte Katharine, ging auf die Mutter zu und drückte ihr herzlich die Hand, »wann's kommt, kommt's. Es war nur so eine dumme Redensart von mir. Seid mir nicht böse drum.« Und sich rasch abdrehend, verließ sie das Zimmer.

Die Mutter sah ihr wohl eine Minute kopfschüttelnd nach, dann nahm sie ihren wieder und wieder abgerissenen Faden noch einmal auf und spann emsig weiter; allein das eben Besprochene konnte sie doch nicht aus dem Kopfe bringen; es ging ihr immer darin herum.

»Arme Kathrine,« dachte sie dabei, »das Kind hat Sorge, daß es aus dem Haus muß, wenn die neue Hausfrau einzieht; aber da kennt es mich und meinen Alten schlecht. Du bleibst, das weiß ich, oderich ging selber mit aus dem Hause,« nickte sie leise vor sich hin, und mit dem Entschluß schnurrte das Rädchen noch viel schärfer als vorher.

War aber Hans schon ungeduldig und bös geworden, wie es ihm die ersten acht und vierzehn Tage mit den nöthigen Papieren nicht fördern wollte, so bekam er nachher noch eine weit vortrefflichere Gelegenheit, seine Langmuth auf die Probe zu stellen, denn Jenes schien nur der Anfang gewesen zu sein von dem Herüber- und Hinüber-Spiel.

Erstlich erklärte der General-Superintendent, nachdem er die Eingabe des alten Barthold einen vollen Monat im Haus gehabt, daß er in der ganzen Sache gar nichts thun könne, die müsse doch noch vor das Consistorium gebracht werden, wo man sie dann in gemeinschaftlicher Sitzung berathen würde. – Und dann war der Heimathschein noch immer nicht eingetroffen.

Wie der alte Barthold, der jetzt schon fünf Mal wegen der einen Eingabe in der Stadt gewesen, diesmal wieder nach Hause kam, mocht' er's dem Hansgar nicht sagen, was für einen Erfolg er gehabt. Hans sah es ihm aber doch am Gesicht an, und wenn in dem Augenblick eine Revolution ausgebrochen wäre, Hans hätte sich mit in den dicksten Haufen geworfen, nur um seine Wuth erst einmal an den »Gerichtsschreibern« und den »Pfaffen«, wie er ein hohes Consistorium sehr unehrerbietig nannte, auszulassen.

Und der Heimathschein erst – was für eine Masse Papier die Leute in der Stadt schon in der Angelegenheit verschrieben hatten, nur um herauszubekommen, welcher Fleck in Deutschland ihm nachher bescheinigte, daß er überhaupt da sei und das Recht habe, hier oder dort einmal Ansprüche an das Gemeindearmenhaus zu machen. Es war ganz erstaunlich, und man hätte nun glauben sollen, sie wären auf dem Gericht selber bös geworden über die entsetzliche Mühe und Arbeit, die es ihnen machte; aber Gott bewahre. Immer gut gelaunt blieben sie dabei, und wenn der alte Barthold auf seinen verschiedenen Streifzügen in der Stadt bei ihnen anfrug, wie denn die Sache mit dem Heimathschein stände, so schlugen sie erst eine Menge von Büchern nach, – und jetzt hätten sie's eigentlich auch schon aus dem Kopf wissen können – und lachten und meinten dann, er möchte einmal in sechs Wochen wieder nachfragen.

Doch wie könnte ich dem Leser einen Begriff von all den Weitläufigkeiten, Laufereien, Schreibereien, Scheerereien und Quälereien geben, die nur das eine Wort »Heimathschein« in sich begreift! Hat er's selber schon einmal durchgemacht, so kennt er's, und nickt nur traurig mit dem Kopf, wenn er daran zurückdenkt. Hat er's aber noch nicht durchgemacht, dann glaubt er's nicht einmal und denkt, man übertreibt, nur um den Gerichten eins anzuhängen.

Unsere Gesetze sind wohl ganz schön und auch gewiß gerecht, es ist nur der Henker, daß eine große Anzahl von Menschen ihre ganze Lebenszeit daran verwenden muß, um einzig und allein herauszuklügeln, wie sie zu verstehen sind. Und wenn sie dann nachher nur noch einerlei Meinung wären, aber Gott bewahre. Die Einen sagen: dies Gesetz bedeutet das, und das ist darunter gemeint, und die Anderen rufen nachher: Aber du mein Himmel, es fällt ihm ja gar nicht ein, gerade das Gegentheil ist darunter verstanden; und bis dann nicht ein Dritter dazu kommt, von dem man auch nicht recht fest überzeugt ist, ob er's genau weiß und sagt: Du hast Recht und Du hast Unrecht, zahlt der ruhige Staatsbürger, für den sie eigentlich gemacht sind, der aber gar nichts davon versteht, ganz einfach vierteljährlich seine Kosten und bekommt nachherein schriftliches Urtheil zugeschickt, mit dem er indeß wieder zu einem Andern gehen muß, um nur zu verstehen, was da in deutscher Sprache geschrieben ist.

Das nennt man nachher einen Proceß, und wer ihn gewinnt, hat Glück.

Bei einem Heimathschein ist wenigstens das eine Gute, daß man die Schreibereien nicht alle zu bezahlen hat – das Gericht thut das zu seinem eigenen Vergnügen – aber Hans bekam den seinigen wenigstens die ersten drei Monate nicht, und es half nichts, daß sich sein Vater und der Traubenwirth in der Stadt erboten, Bürgschaft zu leisten, soviel sie haben wollten, daß er keiner hiesigen Gemeinde einmal zur Last fiele. »Das ginge nicht,« meinten die Herren vom Gericht, vom Kreisgericht bis zum Ministerium hinauf. Vor allen Dingen müßte jetzt erst einmal ausgeforscht werden, wohin Hans eigentlich gehöre, und wieder wurden Briefe nach Preußen und Ungarn geschickt und Acten hinübergesandt und von dort einverlangt; das war aber auch Alles. In der Sache selber blieb's beim Alten, und die Hochzeit konnte natürlich noch immer nicht stattfinden, denn der Pfarrer durfte vorher nicht einmal das Aufgebot erlassen.

Hans war außer sich, denn nun kam auch nochdie Ernte dazwischen, wo sich, des schlechten, unsicheren Wetters wegen, die Arbeit so häufte, daß er oft nicht einmal Sonntags hinüber nach Wetzlau konnte.

Es war an einem solchen Sonntagsabende, sie hatten den ganzen Tag eingefahren und eben das letzte trockene Fuder hereingebracht und abgeladen, als er in die Stube kam, seinen Hut in die Ecke, sich auf einen Stuhl warf und, den Kopf in die Hand stützend, sich und sein Geschick verwünschte.

»Ich wollt' ich wär' todt,« rief er aus, »todt und begraben und weg von der Erde, daß ich nur das Elend nicht mehr länger ansehen müßte; und viel länger halt' ich's überdies nicht aus, denn Gift und Galle bringen mich doch über kurz oder lang in's Grab. Giebt es denn in der ganzen Welt einen Menschen, der mehr Unglück hat als ich?«

»Aber Hans, um Gottes willen, versündige Dich nicht,« bat die Mutter, doch der Vater sagte:

»Du sprichst wie ein Kind, Hans, und solltest Dich schämen. Sind das Reden für einen erwachsenen Menschen? Kannst Du's ändern, kann ich's ändern? Haben wir nicht bis jetzt Alles gethan, was in unseren Kräften stand, um Dir über die Schwierigkeit hinauszuhelfen, und hat es sich machen lassen mit all unserer Mühe? Wer also trägt die Schuld?«

»Seid nicht bös, Vater,« rief Hans, »ich weiß ja wohl, daß Ihr keine Schuld dabei habt, 's ist auch nur allein mein ewiges Unglück, das ich mit Allem habe, was ich nur anfasse.«

»Hans,« sagte der alte Barthold ernst, »wenn ich Deiner Jugend nicht die unbedachten Worte zu gute hielte, würde ich jetzt ernstlich böse auf Dich werden. Was hast Du denn schon für wirkliches Unglück im Leben gehabt, und weißt Du denn überhaupt ob es ein Unglück ist, daß Deine Heirath jetzt hinausgezögert wird?«

»Aber Vater –«

»Ihr junges Volk,« sagte der Vater ernst, ohne sich irre machen zu lassen, »beurtheilt immer Alles nur nach dem Augenblick, ob es Euch paßt oder nicht. Was paßt, wird ruhig hingenommen, als ob es nicht anders sein könnte; was nicht paßt, ist ein Unglück, eine Verfolgung des Schicksals, eine Ungerechtigkeit, und wie die Faseleien alle heißen. Es geschieht nichts umsonst! Wenn Du einmal älter bist, wirst Du mir das aus eigener Erfahrung bestätigen. In dem gewaltigen Weltgebäude fällt kein Sperling vom Dache ohne den Willen des Höchsten, und so wunderbar greift Alles in einander, daß wir nur staunen und anbeten können, wenn wir die Wirkung sehen. Daßuns armen unbedeutenden Menschenkindern aber nicht verstattet ist, den lieben Gott in seiner geheimen Werkstätte zu belauschen und die einzelnen Fäden zu sehen, mit denen er die Geschicke der Menschen leitet, darüber bist Du unzufrieden. Du willst auch gleich wissen, warum das und das so ist, und weshalb Du gerade nicht auf der Stelle Deinen Willen haben kannst.«

»Ach, Vater,« brummte der junge Bursch verdrießlich vor sich hin, »das ist Alles schon recht, aber soll ich nicht die Geduld verlieren, wenn ich sehe wie mir mein ganzes Leben verbittert wird, blos einer albernen Weitläufigkeit wegen, die mit ein paar Federstrichen abgemacht wäre? Ich habe, was ich zum Leben brauche, und kann eine Frau ernähren, Lieschen ist mir gut, Ihr und Lieschens Eltern habt eingewilligt, und Monate lang könnten wir schon unseren neuen Hausstand haben; aber nein, da strecken lauter Leute, die mir nicht ein Stück Brod geben, wenn ich an der Straße verhungere, die Finger dazwischen und schreien: Nein, das geht nicht, die hohe Obrigkeit will's nicht, der liebe Gott nicht! Ist denn das nicht um den Verstand zu verlieren?«

»Wahre das Bischen was Du hast, mein Junge!« sagte der Alte trocken, »Du weißt nicht, wie Du's noch 'mal im Leben brauchen kannst.«

Und damit war das Gespräch über den Gegenstand für heute abgebrochen, aber die Sache wurde darum nicht anders, denn wieder vergingen Wochen, ohne daß weder von der geistlichen noch weltlichen Behörde ein Entscheid gekommen wäre. »Sie müssen warten,« lautete die jedesmalige Antwort, »eine solche Sache läßt sich eben nicht über's Knie brechen,« und dabei blieb's, einmal wie allemal.

Der arme Hans ging wirklich in Verzweiflung umher, und er glaubte oder bildete es sich auch wohl nur ein, daß Lieschen jetzt selber ungehalten über die Verzögerung würde und es ihn entgelten ließe. Es wollte ihm wenigstens so vorkommen, als ob sie lange nicht mehr so freundlich, so herzlich mit ihm sei, wie in früherer Zeit, wenn er sie drüben in Wetzlau aufsuchte, und welchen anderen Grund hätte sie dazu in der Welt haben können, als die verwünschte Heimathsangelegenheit? Er konnte sich nicht mehr helfen, er mußte Jemanden deshalb um Rath, um seine Meinung fragen, und Niemand schien ihm dazu passender als seine Pflegeschwester. Niemand war es auch wohl.

»Sei nicht thöricht, Hans,« sagte ihm diese aber freundlich, »Deine eigene üble Laune macht Dich Alles schwarz sehen; Du wirst drüben in Wetzlaugerade so mürrisch und verdrießlich ausgeschaut haben wie hier, und daß das arme Lieschen sich darüber nicht glücklich fühlen konnte, willst Du sie nun auch noch entgelten lassen. Ist das recht?«

»Und glaubst Du wirklich, Kathrine, daß mich Lieschen recht von Herzen lieb hat und nicht bös auf mich werden würde, wenn's auch noch länger dauert?«

»Ich glaub's gewiß, Hans,« sagte das junge Mädchen, aber mit recht leiser Stimme. »Es kann ja –« sie hielt plötzlich an, sah vor sich nieder und fuhr dann fort: »Bist Du denn schuld an der Verzögerung? Sie wird nur eben auch traurig sein, daß es so lange dauert, ehe sie – ihr Glück an Deiner Seite findet.«

»Was wolltest Du vorher sagen, Kathrine? Du meintest ›es kann ja –‹«

Katharine erröthete leicht, aber sie sagte: »Ich bringe das was ich sagen will, nicht immer so mit den rechten Worten heraus, aber gemeint ist's gut, Hans, das darfst Du mir glauben.«

»Ich glaub Dir's, Kathrine,« sagte Hans, drückte ihre Hand, während er ihr mit der Linken über die blonden Haare strich, und ging dann hinaus in den Stall, um nach seinen Pferden zu sehen.

Katharine setzte sich auf denselben Stuhl, auf demHans vorher gesessen hatte, stützte den Kopf in die Hand und schaute nach der untergehenden Sonne hinüber, die da drüben am Berghang die Kieferstämme mit ihrem rothen Gluthenschein übergoß und ihr blitzendes Licht in den Fenstern des Pfarrhauses wiederspiegelte.

Der Herbst rückte heran und die Zeit der Kirmeß, und die erste sollte in Dreiberg abgehalten werden. Am nächsten Sonntag wurde sie »angetrunken«, und Hans durfte deshalb nicht so lange als gewöhnlich in Wetzlau bleiben. Aber er kehrte heute mit fröhlichem Herzen heim, denn Lieschen hatte geweint, als er ihr von seinem Verdacht erzählte, daß sie ihn nicht mehr so lieb habe, und war ihm dann um den Hals gefallen, und ihre Küsse brannten ihm noch auf den Lippen.

Der »Mosje aus der Stadt« wohnte freilich noch immer in der goldenen Traube und hatte mit ihnen an einem Tisch gegessen – was er alle Tage mit Lieschen und ihren Eltern that, da er sich bei ihnen in Kost gegeben. Der Herr war auch sehr aufmerksam gegen seine Braut gewesen, und eigentlich gefiel das Hans nicht recht, aber es ließ sich auch nicht gut etwasdagegen sagen. Das Zusammenlegen der Felder, besonders bei den verwickelten Eigenthumsverhältnissen in Wetzlau, war keine Arbeit, die sich eben in vierzehn Tagen abthun ließ, und das andere Wirthshaus im Dorf dabei so schlecht, daß ein anständiger Mensch dort nicht gut wohnen konnte. Jener Fremde – Herr von Secklaub hieß er – mußte also wohl oder übel in der Traube wohnen und essen, und daß er sich artig gegen die Tochter vom Haus betrug, konnte Hans ebenfalls nicht gut übelnehmen. Weit eher hätte er Grund dafür gehabt, wenn das Gegentheil der Fall gewesen. Lieschen sprach aber auch in der Zeit, da Hans in Wetzlau war, keine zehn Worte mit jenem Herrn, und als sie ihm auch noch zusagte, daß sie seine Platzjungfer auf der Kirmeß zu Dreiberg sein wollte, hatte er alles Andere darüber vergessen – selbst den Heimathschein und das hohe Consistorium – und galoppirte so fröhlich und guter Dinge, wie er lange nicht gewesen war, nach Hause zurück.

Und heute Abend wurde die Kirmeß wirklich in Dreiberg angetrunken, wie man diese Feierlichkeit dort nennt; d. h. die jungen Burschen aus dem Orte kamen im Wirthshaus zusammen und behandelten die sehr wichtige Angelegenheit, wer die Kirmeß eigentlich von ihnen halten, d. h. bezahlen sollte. Zu dem Zweckmußten sich drei von ihnen zu sogenannten Platzburschen erbieten, die es übernahmen die sämmtlichen Kosten zu tragen, oder wenigstens dafür gut zu sagen. Erreichte die Einnahme nachher die Kosten nicht, so hatten sie aus ihrer Casse darauf zu legen, was daran fehlte.

Es versteht sich von selbst, daß sich immer die wohlhabendsten Burschen im Dorfe dazu erboten, und Hans war heute der Erste, der sich zu einem derselben meldete. Nach einigem Herüber- und Hinüberreden, denn die Sache kostete manchmal viel Geld, fanden sich auch noch die beiden Anderen, und jetzt mußte Jeder seine Platzjungfer nennen.

Das ging ebenfalls rasch genug: Hans nahm natürlich seine Braut, ein anderer Bauerssohn aus Dreiberg erklärte, seine Platzjungfer solle Barthold's Katharine sein, und der dritte hatte sich des Schulmeisters Tochter ausgesucht.

Nun kamen noch einige geschäftliche Angelegenheiten, denn die Platzburschen hatten auch für die Musik, die ganze Kirmeß durch, zu sorgen, wie sie ebenfalls während der Zeit Freibier halten mußten. Auf morgen Abend aber wurde, wie das jedes Mal so geschieht, das Ständchen angesetzt, das die Platzburschen ihren gewählten Mädchen geben, und ein Abgesandterder Stadtmusikanten, die gewöhnlich auf den Kirchweihen spielen, war schon zu dem Zweck herausgekommen, um die nöthigen Anordnungen zu hören und die Stärke des Orchesters mit den Platzburschen zu besprechen.

Gewöhnlich hatten diese nun immer zwölf »Musikanten« zu ihrem Tanz und Vergnügen gehalten, Hans aber bestand auf zwanzig, ohne den Kapellmeister, weil er die Sache glänzend durchgeführt haben wollte, und als die Anderen, der Kosten wegen, darauf nicht eingingen, erbot er sich die Ueberzähligen aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen. Der »Stadtmusikant« bekam dann gleich Befehl, morgen Abend um sieben Uhr mit seiner »Bande« an Ort und Stelle zu sein, und die beiden anderen Platzburschen – Lieschen wußte ja schon, daß sie gewählt sei, und kannte den dabei beobachteten Gebrauch – brachen jetzt auf, um ihren Platzjungfern die zugedachte Ehre anzuzeigen.

Katharine sträubte sich erst. Sie war bis jetzt nur dann zu Tanz gewesen, wenn Hans mit ihr ging, aber Hans redete ihr selber zu und bat sie, es seinet- und Lieschens wegen anzunehmen, das sich gewiß freuen würde, mit ihr da zusammen zu sein. Außerdem konnte sie es nicht einmal gut ausschlagen, ohne den jungen Burschen gröblich zu beleidigen. Er wäre gewiß nichtwenig von den Cameraden ausgelacht worden. So nahm sie es denn an, und die Mutter, die stolz darauf war, daß sie ihre Katharine zur Platzjungfer gewählt, hatte alle Hände voll zu thun, um den gehörigen Putz für sie herzurichten, denn Katharine sollte dem Barthold'schen Haus wahrhaftig keine Schande machen.

Die eigentliche Kirmeß fing erst in vier Wochen an, am nächsten Abend aber mußte den Platzjungfern, mit dem vollen Musikcorps, das Ständchen gebracht werden, und es ist dann Sitte, daß die Mädchen die Burschen sowohl, als die Musikanten mit Kaffee, Kuchen, Wurst und Brod tractiren. Da sie aber doch nicht gut bei allen dreien essen und trinken konnten, suchten sich die Burschen gewöhnlich zum Halteplatz den Ort aus, wo sie auf ein gutes »Tractament« rechnen konnten, und das war hier im Ort natürlich sicherer bei Barthold, als beim Schulmeister zu finden. Des Schulmeisters Tochter wurde deshalb, sowie die Musik eingetroffen war, zuerst heimgesucht, und das ganze Dorf lief zusammen, als das mächtige Musikcorps mit Pauken und Trompeten in die stille Nacht hineinwirbelte und einen ganz heillosen Lärm machte. Dann nahm der Tänzer Bärbel's, denn so hieß das junge Mädchen, diese an den Arm, und nun zog derTrupp zu Barthold's hinüber, um dort den musikalischen Spectakel von neuem zu beginnen.

Der alte Barthold ließ sich aber nicht »lumpen«. Aufgetragen war in der großen unteren Stube, was Küche und Keller nur liefern konnten, und wie sie sich dort ganz gehörig »gestärkt« ging der Zug – ohne die Mädchen natürlich – in einem Strich nach Wetzlau hinüber, denn der Traubenwirth war auch nicht zu verachten.

Das galt aber, wie gesagt, nur als das Vorspiel des Ganzen, denn vier Wochen später begann am Dienstag die wirkliche Kirmeß, die drei Tage dauerte, Freitag und Sonnabend war Ruhe, und am Sonntag wurde dann die sogenannte Nachkirmeß gehalten.

Am ersten Kirmeßtag aber ist es Sitte, daß die Platzburschen ihre Mädchen mit Musik abholen, und Hans natürlich hatte es sich etwas kosten lassen, um das seiner würdig in's Werk zu setzen. Er selber, mit dem üblichen Strauß im Knopfloch und einem anderen kleineren mit einem wehenden rothen Band daran am Hut, eröffnete an dem Morgen den Reigen, da Wetzlau am weitesten entfernt lag und er also sein Mädchen zuerst herüberbringen mußte. Er ritt seinen Braunen, ein prächtiges munteres Pferd, und dahinter kam ein mit Guirlanden und Büschen geschmückterLeiterwagen, auf den die ganze Musik gepackt war. Hinter dem Leiterwagen aber fuhr der Großknecht den kleinen steierischen Wagen leer hinüber, um darin die Platzjungfer, seine Braut, mit ihren Eltern abzuholen. Früh um sechs Uhr brachen sie auf. Lieschen war auch schon gerüstet und prangte im prachtvollen Schmuck der Platzjungfer, mit Blumen am Mieder und im Haar und einem carmoisinrothen Seidenband in den dunklen Locken, genau dieselbe Farbe wie es ihr Platzbursche, der Hans, trug, was ihr gar so reizend stand.

Die Eltern wollten auch, und zwar nur für heute mitfahren, denn drei Tage, so lange wie die Kirmeß dauerte, konnten sie nicht gut von Hause wegbleiben. Der alte Erlau zog es aber doch vor mit seiner Tochter den eigenen kleinen Wagen zu benutzen und sich nicht dem »Räderwerk« des Dreiberger Bauern anzuvertrauen.Erhatte jetzt Federn an seinem Wagen.

Dem Zug, dem sich noch ein Dutzend junge Burschen von Wetzlau anschlossen, folgte auch Herr von Secklaub, auf einem prachtvollen Rappen, seinem eigenen Pferd. Er schien sich ebenfalls einmal die Dreiberger Kirmeß mit ansehen zu wollen, und eingeladen war ja Jeder, der kommen wollte.

Die Gäste, d. h. der Traubenwirth mit seiner Familie, stiegen natürlich bei Barthold's ab, wo auchschon die anderen Platzburschen warteten, um Katharine abzuholen.

Und wie lieb Katharine heut aussah! Sie war in die Bauerntracht ihres Ortes gekleidet, und unwillkürlich flog Hansens Blick von ihr zu Lieschen, um zum ersten Mal die Beiden mit einander zu vergleichen. Lieschen war städtisch gekleidet, wie sie immer ging, heut aber wär' es Hansen fast lieber gewesen, sie hätte auch die Bauerntracht getragen. Es hätte mehr zu dem Ganzen gepaßt, so aber sah sie aus, als ob sie nicht recht dazu gehöre und nur zum Besuch herausgekommen wäre, und das war sie doch nicht. Er hatte sie auch wirklich darum bitten wollen, es aber wieder vergessen; was kam denn überhaupt auf die Tracht an? Woraus das Kleid nur gewebt war, das sie trug? dachte er dabei; es sah prächtig aus, mit hineingewirkten Blumen und Zierrathen, und die Blumen – künstlich gemachte, ihr Strauß und Kopfputz – die waren wirklich herrlich und so natürlich, daß man hätte daran riechen mögen – Moosrosen und Nelken stellten sie vor, weil sie, zu dem Band passend, roth sein mußten. Wo hatte sie nur so rasch die kostbaren Blumen herbekommen? – Lieschen war unbestritten das schönste Mädchen im Dorfe, und während des ganzen Festes, und obgleich sie mit Allen auf dasHerzlichste und Unbefangenste sprach, hatten die beiden anderen Platzburschen doch einen ordentlichen Respect vor ihr, was jedenfalls die städtische kostbare Kleidung bewirkte, und doch war sie ja auch nur eines Bauern Tochter.

Viel heimischer wurde es ihnen dagegen bei Katharine zu Muthe, die mit ihrem kleidsamen kurzen Rock, den bunten Zwickelstrümpfen, dem geputzten Mieder und ihrem einfachen Kornblumenkranz im Haar, der zu dem blauen Band paßte, ganz wie die Kornblume gegen die Moosrose abstach, aber doch auch wieder in ihrer Art gar wunderhübsch und lieblich aussah.

Ob sie sich in Lieschens Nähe gedrückt fühlte? sie schien heute lange nicht so heiter und fröhlich als sonst, während in Lieschens Augen das Vergnügen über das zu erwartende Fest ordentlich funkelte und sie in einem fort lachte und Hans über sein ehrbar steifes Wesen als Platzbursche neckte.

Jetzt war auch des Schulmeisters Tochter abgeholt, ein einfaches, doch auch gar liebes Mädchen, das einen weißen Strauß in den dunklen Haaren und am Mieder, und ein weißes Band in den Locken trug, und der Zug ging nun zur Kirmeßstange vor der Kirche. Hier tanzten erst die drei »Platzpaare« drei Tänze im Freien, welches Recht ihnen allein zustand, dann zogdie ganze fröhliche Schaar auf den festlich geschmückten Tanzboden in das Wirthshaus.

Und das ging jetzt lustig da oben zu, denn ein solches Musikcorps war noch nicht im Ort gewesen, so lange Dreiberg stand. Das schmetterte durch den Saal, daß die Tanzlust sich aller Gäste bemächtigte. Die ersten drei »Reihen,« wie man es dort nennt, gehörten aber wiederum den Platzpaaren, die damit gewissermaßen die Kirmeß eröffneten; aber als die erst getanzt waren, hatte Jeder freien Zutritt, d. h. er mußte sich vorher bei den Platzburschen um fünf Groschen ein Band lösen, das er dann, wie eine Eintrittsmarke, im Knopfloch trug. Das berechtigte ihn zu freiem Tanz und freiem Bier bis zum Abendbrod.

Nach den drei ersten »Reihen« oder Tänzen hatten die Platzjungfern, für die ganze Kirmeßzeit, das Recht, sich ihre Tänzer selber auszusuchen, wenn sie eben Extratouren tanzen wollten. Nur der Platzbursche, der sich die Maid gewählt, konnte einspringen wann er wollte und einen Tanz verlangen – und das verstand sich auch von selbst und war ganz in der Ordnung.

Hans tanzte aber vor der Hand nur die ersten Reihen mit Lieschen, denn als erster Platzbursche bekam er zu viel zu thun, um neu Hinzukommende, die sich dem Tanz anschließen wollten, mit Bändern zu versehen, und Lieschen hatte sich nach ihm Herrn von Secklaub, der sich auch ein Band gelöst, ausgesucht, und zwar für zwei Tänze hintereinander. Dann forderte sie die beiden anderen Platzburschen auf, und darauf wieder Herrn von Secklaub. Aber auch aus der Stadt waren ein paar Bekannte herausgekommen, denen sie diese Gunst gewährte, und sie versäumte keinen einzigen Reihen bis zum Abendbrod.

Katharine hielt sich mehr zurück, obgleich sie es auch nicht gut vermeiden konnte, den und jenen aufzufordern. Mit den anderen Platzburschen mußte sie natürlich auch einmal tanzen, und Hans, der heut ganz wild und ausgelassen war, schwang sich mit ihr lustig im Kreise.

»Mach' kein so traurig Gesicht, Kathrin,« sagte er dabei zu seiner Tänzerin, »die Leute glauben Dir's ja sonst gar nicht, daß Du fidel bist, und warum sollten wir heute nicht alle fidel sein; es ist ja Kirmeß!«

»Ich bin ja lustig Hans,« sagte sie leise, ganz glücklich jetzt. »Hab' ich denn wirklich so ernst ausgesehen?«

»Wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel,« lachte der junge Bursche, »aber sieh nur, wie der Mosje da drüben, der mit von Wetzlau gekommen ist, die langen Beine herumwirft. Er will uns hier auf dem Dorfe zeigen wie man tanzen muß, aber wir wollen einmal sehen ob er aushält, wenn's erst einmal in die dritte Nacht hineingeht. Da wird er wohl auf dem Rücken liegen und alle Viere strecken. Das weiß der liebe Gott, die Stadtleute haben gar kein Mark in den Knochen.«

»Wie hübsch Lieschen tanzt!« sagte Katharine.

»Ja,« meinte Hans, »aber man sieht's gar nicht vor den langen Kleidern. Ich weiß nicht, die Stadtmoden gefallen mir doch lange nicht so gut wie unsere Tracht. Du siehst viel hübscher aus, Kathrine, mit Deinen kurzen Röcken.«

Katharine war blutroth geworden, doch der Tanz auch gerade aus und Hans wurde zu einer neuen Bändervertheilung abgerufen, da er vor dem Abendbrod dies Geschäft übernommen hatte, und bis um neun Uhr, wo es zum Essen ging, kam er nur noch ein einziges Mal zum Tanzen, dann wurde er ja aber auch von seinem Amte abgelöst und konnte sich ganz seinem Vergnügen überlassen.

Natürlich führte jeder Bursche sein Mädchen zuTische, und die Platzpaare saßen obenan, Hans mit Lieschen in der Mitte, und die anderen Beiden rechts und links, und wenn auch eben nicht viel gegessen ward, getrunken wurde desto mehr. Der Tisch brach aber trotzdem fast unter den verschiedenen Speisen, und Kalbsbraten, Schweinebraten, Truthahn, Gans, Enten, Hühner und Schinken, deckten mit einer Menge von Zuspeisen und süßen und sauern Sachen die Tafel wirklich von einem Ende bis zum anderen. Der Bauer, so mäßig er sonst lebt, hält etwas darauf, daß bei solchen Gelegenheiten die Speisen gut und hauptsächlich in Masse da sein müssen. Und hier war es noch besondere Ehrensache, daß es auf ihrer Kirmeß an nichts fehle, damit die Burschen, die von anderen Dörfern herüber gekommen waren, sich nicht am Ende später über die Festgeber lustig machten.

Es war überhaupt eine eigene Sache mit dem Besuch von anderen Dörfern, und dieser, wenn auch gestattet, doch immer nur mehr geduldet als gern gesehen. Mit dem größten Vergnügen konnten die Burschen kommen, mit trinken und mit tanzen, aber sie durften kein Mädchen »aus unserem Dorfe« besonders auszeichnen, oder gar Abends heimführen wollen. Nachher gab es böses Blut. Die Burschen wurden dann, zwar nicht gerade von den Platzburschen,aber von den Uebrigen, geneckt und gehänselt. Man spielte ihnen jeden Schabernack, den man nur gelegentlich anbringen konnte, und setzten sie sich zur Wehr oder nahmen sie nicht Alles gutmüthig hin, dann kam es auch wohl zu Thätlichkeiten, und der Tanzboden verwandelte sich plötzlich aus einem Lust- in einen Kampfplatz. Es geschah aber doch verhältnißmäßig selten, denn die fremden Burschen wußten schon, wie sie sich zu benehmen hatten, und die »hiesigen« hielten ebenfalls soviel als möglich mit solchen »letzten Hülfen« zurück, weil sie ja doch auch manchmal die Nachbardörfer besuchten, wo ihnen alsdann hätte Aehnliches widerfahren können.


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