»wollten wir alle zusammen schmeißenwir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«
»wollten wir alle zusammen schmeißenwir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«
»wollten wir alle zusammen schmeißen
wir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«
Wenn wir es denn aber trotz allem und allem unter unseren Augen so frech fortgeführt sehen, so gehört es sich, daß sich jederrechtlicheMann wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut zu heißen. Das Ausland möge erfahren, daß diedeutsche Nationunschuldig ist an diesem Werk, und keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es einzelnen Fürsten einbringen mag. Hammerschlag auf Hammerschlag folge auf das Gewissen der Vertreter deutscher Nation, bis sie endlich wach gerüttelt werden – sie sollen sich wenigstens nicht beklagen dürfen, daß man sie nicht geweckt hätte.
Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als er das hell erleuchtete Portal betrat, an welchem ein gallonirter Portier und ein sehr einfach gekleideter Polizeidiener – zur Wache, daß das heilige Spiel nicht etwa gestört würde – auf Posten standen. Der Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock sah – er schien ihm für die Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber neben ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte Französin frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußteindessen, welchen Zauber in einem solchen Fall ein Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich zahm gewordene Portier schmunzelte auch so vergnügt darüber hinweg, daß seinem Eintritt nichts weiter im Wege stand.
Wenige Secunden später befand er sich, von dem jetzt dienstbaren Geist willig geleitet, im Lesecabinet, aus dem eine Thür unmittelbar in den großen Spielsaal führte.
Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen, ein langbeiniger Engländer, der gewissenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und ein Paar andere Badegäste, die gleichgültig und aus Langeweile die verschiedenen continentalen Zeitungen durchblätterten.
Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür, die in den Spielsalon führte, aber anfangs nur halb, um erst einen Ueberblick über die verschiedenen Gestalten zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden, als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten bunten Lappen. Wer kümmerte sich von allen denenum den einzelnen Fremden, wenn er nicht selber als stark Spielender – mit Glück oder Unglück blieb sich gleich – ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch nahm.
Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die einzelnen Gesichter derselben mustern zu können – aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden Physiognomien, unter denen sich nur hie und da die kalten speculirenden Züge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler, auszeichneten. Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von diesen saß sogar neben dem Croupier – es war der Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib, tief decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem Brillantschmuck; andere drängten, jede Weiblichkeit bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur unwillig Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in wilder Hast auf eine Nummer zu schieben.
Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin, und wie er sich langsam selber um den Tisch bewegte, entging kein irgendwo eingeschobener Kopf seinem forschendem Auge. Da hörte er auch in einem kleinerenNebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte: »le jeu est fait« – denen lautlose Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle blieb, denndortstand Kornik – bleich wohl jetzt, von der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hängend – aber unverkennbar derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den verrätherischen Schnurrbart abzurasiren, oder sein Haar anders zu tragen, er mußte sich heute Abend hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille fehlte.
Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen nutzlose Angst, denn derSpielerhatte nur Augen für die vor ihm abgezogenen Karten – weiter existirte in diesem Moment keine Welt für ihn. Vorsichtig zog sich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er sich im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.
Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich was er wollte – derartige kleine Zwischenfälle kamen gar nicht etwa so selten in diesen Spielhöllenvor – und überraschte dabei den Portier auf das angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke – er sah gar nicht nach, was – in die Hand drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend möglich Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand sich übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter Spieler hatte sich wohl schon dann und wann einmal, zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil in rascher Flucht gesucht, und dagegen mußten die Herren freilich geschützt werden. Wenn auch einRaub, war das Geld doch eingesetzlichgewonnener, und die Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen Schutz zu überwachen.
Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen noch lange nicht genug, um ihn länger, als unumgänglich nöthig war, sich selber zu überlassen; er war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise durch die Finger geschlüpft, während er ihn eben so sicher geglaubt wie gerade jetzt. Aber er selber kannte die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig, um zu wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen hatte, als in einem schönen Weibe, und als er in Begleitung des Polizeidieners jenes Zimmer wieder betrat, stand Kornik noch eben so fest und regungslos,eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, an seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.
Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht im geringsten. Er wußte, daß ihm sein Opfer nicht mehr entgehen konnte, und hielt es für viel gerathener, den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne Brille nahm er ab.
»Welcher ist es denn?« flüsterte ihm der dicht hinter ihm gehende Polizeidiener zu. Hamilton machte eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand und trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er stand jetzt so nahe bei ihm, daß seine Schulter die des Polen berührte, der aber nicht daran dachte, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen.
Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen vielleicht 40 oder 50 Louisd'or auf dem grünen Tisch – er ließ den Satz stehen, die Karten fielen und der Croupier zog mit seiner hölzernen Schaufel das Gold ein.
Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten Fluch schob sich Kornik seine Geldtasche vor, um wahrscheinlich neue Summen auf die trügerischen Blätter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich lauter Stimme sagte:
»Sie sind mein Gefangener, im Namen der Königin.«
Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein Antlitz zu und Leichenblässe deckte im Nu seine Züge, als er das nur zu wohl gemerkte Gesicht des Mannes aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht für ein Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem Blick desselben kalt und ruhig begegnend, sagte er:
»Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt – stören Sie mich nicht,« und in die Geldtasche greifend, wollte er, ohne den Fremden weiter zu beachten, sich wieder über den Tisch beugen, als sich Hamilton aber, seiner Sache zu gewiß, an den Polizeidiener wandte und sagte:
»Verhaften Sie den Herrn – ich werde Sie augenblicklich auf das Bureau begleiten.«
»Keine Störung hier, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief plötzlich ein kleines hageres Männchen, das schon bei den ersten Worten an den Spieltisch getreten war. »Wenn Sie etwas mit einander auszumachen haben, ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer zu treten.«
»Ich werdeSienicht um Erlaubniß fragen, wenn ich Ihre Wirthschaft hier für einen Augenblick unterbreche,« sagte Hamilton trotzig – »ich habeein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.«
»Dann führen Sie ihn ab, Polizeidiener,« sagte der Kleine in seinem braunen Rock ruhig – »oder ich mache Sie für jede Unordnung hier verantwortlich.«
»Ich habe mit den Herrn nichts zu thun,« rief der Pole trotzig, »was wollen Sie von mir? – lassen Sie mich los.«
Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die beiden, und die Spieler zogen ihr Geld ein, weil sie vielleicht einen Kampf und dadurch die Sicherheit ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider eine Menge von Menschen, die das dort aufgethürmte Geld fürgestohlenhielten, und sich wenig Gewissen daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.
»Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,« drängte aber jetzt nochmals der kleine Braune, »Sie sind dort vollkommen ungestört – Jean, Bertrand hierher – sorgen Sie für Ordnung.«
Der Pole warf den Blick umher; er sah sich augenscheinlich nach einem Weg zur Flucht um, aber Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine Schraube gefaßt und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber drohender Stimme:
»Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist für Sie unmöglich.Sie sind mein Gefangener; ergeben Sie sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr, und Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.«
Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole den drohenden Worten nicht fügen wolle, und fast unwillkürlich zuckte er mit der Hand empor. Aber ein umhergeworfener Blick mußte ihn überzeugen, daß er mit Gewalt nichts ausrichten könne, denn eine Menge von Neugierigen, die sich im benachbarten Salon umhergetrieben, hörten kaum die in einem Spielsaal ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrängten, und den einzigen Ausgang vollständig verstopften.
Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd aber mit voller Ruhe sagte der Mann:
»Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin Graf Kornikoff, hier ist mein russischer Paß, und ich stelle mich damit unter den Schutz unseres Gesandten. Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und wird dessen Unterthanen nicht ungestraft beleidigen lassen.«
Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner Brusttasche und hielt es Hamilton vor.
»Es kann sein,« sagte dieser, »daß Ihr Paß in Ordnung ist. Die gefährlichsten Charaktere habengewöhnlich die besten Pässe. In dem Falle werden Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen, da ich bereit bin, Ihnen vollständige Genugthuung zu geben, wenn ich Sie ohne hinreichenden Grund verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber zugeben, daß man, auch selbst mit einem guten Paß versehen, doch stehlen kann, und auf die Klage eines Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.«
»Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen dabei die Verantwortung für alle Folgen,« sagte der kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig – »aber Sie sehen doch ein, daß Sie hier das Spiel und Vergnügen völlig dabei unbetheiligter Herren und Damen nicht länger stören dürfen. Herr Polizeicommissar, ich bitte Sie, daß Sie diesem Unfug ein Ende machen, oder ich werde mich morgen ernstlich bei der Behörde deshalb beklagen.«
Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen, und Hamilton, der ihn an seiner Uniform erkannte, frug ihn leise:
»Wer ist denn dieser kleine Tyrann?«
»Einer der Spielpächter,« sagte der Mann mit einem verächtlichen Blick auf den Braunen, und setzte dann laut hinzu, »beklagen Sie sich bei wem Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hierwohl noch erlauben, unsere Schuldigkeit zu thun, selbstwennIhre achtbare Gesellschaft einen Augenblick gestört werden solle. Und Sie, mein Herr,« wandte er sich an den Gefangenen, »folgen Sie uns jetzt auf das Bureau – ich werde die Sache dort untersuchen.«
»Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht den geringsten Wiederstand geleistet habe,« sagte der Pole ruhig – »kommen Sie, meine Herren. Ich wünsche noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je eher wir diese fatale Sache beendigen, desto besser.«
Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang zu – die Leute gaben ihm Raum und wenige Secunden später standen sie am Ausgang des Kurhauses.
»Es wäre besser, wir legten ihm Handschellen an,« sagte Hamilton, sich zu dem Polizeicommissar überbiegend.
»Er kann uns hier nicht entschlüpfen,« erwiederte dieser kopfschüttelnd – »und ich möchte keine Gewaltmaßregeln gebrauchen, bis ich die Sache näher untersucht habe.«
Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen zwei Polizisten dahin – dicht hinter ihm folgte Hamilton mit dem Commissar, und eine Anzahl von Neugierigen schloß sich dem Zuge an, um zu sehen,was die Sache für ein Ende nähme. So schritten sie langsam durch den Kurgarten dem kleinen viereckigen Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke liegt, und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu wünschen, als diese Scene bald zu Ende gebracht zu sehen.
»Haben wir noch weit?« frug er einen der ihn escortirenden Leute.
»Oh bewahre,« sagte dieser, indem er mit dem ausgestreckten Arm auf das vor ihnen liegende Gebäude zeigte, »das ist das Haus.« In demselben Moment stieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer Schlag, jedenfalls mit einem sogenannten »life preserver« geführt, schmetterte ihn bewußtlos zu Boden, während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über die schmale Brücke hinüber eilte.
Aber er hatte flüchtigere Füße hinter sich. Wie ein Tiger auf seine Beute, so schoß Hamilton hinter ihm drein, und noch ehe er das Ende der Brücke erreichte, streckte er schon den Arm aus, um ihn am Kragen zu packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung getriebene Verbrecher, und einen Revolver vorreißend, drückte er ihn gerade auf die Brust seines Verfolgers ab.
Hamilton wäre verloren gewesen, aber zu seinemGlück versagte die Schußwaffe, und ehe Kornik zum zweiten Male abdrücken konnte, schmetterte ihn der Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst damit begnügte sich dieser nicht, und mit einer ganz außerordentlichen Gewandtheit faßte er ihm beide Hände, legte sie zusammen und wenige Secunden später knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen in ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er seinen Gefangenen sicher hatte.
»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, »das war doch gut, daß Sie schneller laufen konnten.«
»Wenn SiemeinemRath gefolgt wären, konnte uns das erspart werden,« meinte Hamilton finster, »denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem schlechten Zündhütchen.«
»Er hat schießen wollen?«
»Dort liegt der Revolver – Sie sehen, daß Sie es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun haben.«
»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter – er ist fest und sicher. Sein Sie nur so gut und lassen ihn jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam bringen.«
Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des armen – oh so wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte er sie unter seinem falschen Namen getäuscht? – ihrer Familie heimlich vielleicht entführt? – alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten, wie verworfen mußte er dann – wie elend sie, die arme Unschuldige, Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, – wo er wenn auch selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer über sie gebracht – ihr auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen, und von dem Augenblick an fühlte er sich auch wieder ruhiger und zufriedener.
James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift,war ein seelensguter Mensch mit weichem, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichem Herzen. Er hatte dabei – in den glücklichsten und unabhängigsten Verhältnissen erzogen – noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuschungen und Wiederwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und ohne Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so rechtlich und brav, und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mögen, bis auch der letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht vertraute er da diesen lieben treuen Augen – wie glücklich fühlte er sich selbst, daß esihmverstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und tüchtigen, aber auch vollkommen rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu werden. Er schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch nur verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken – wie niedrig mußte sie von ihm denken! – aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich – wenn ersichinihreStelle dachte, würde er genau so gehandelt haben.
Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nurvon den ersten furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen Catastrophe zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem zauberischen Wesen noch einmal gegenüber.
Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben, denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug war sie noch; – wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an den Körper denken?
Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus, aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lächelnd die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:
»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient habe, mir diese zarte Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht verlassen haben könnte, da erSiemir zugeführt.«
»Verehrte –liebeFrau,« sagte Burton bewegt, »sein Sie unbesorgt. Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir am besten thun können, um – das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu machen, das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um mir das zu erleichtern, muß ich Sie aber bitten, mir IhrvollesVertrauen zu schenken. Nur dann bin ich im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie die zweckmäßigsten sein würden. Daß es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon können Sie sich versichert halten.«
»MeinvollesVertrauen soll Ihnen werden,« sagte die junge Frau, leicht erröthend – »aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen alles erfahren – und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben ihr auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte – »erzählen Sie mir vorher ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann, daß sein GeständnißIhnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an mir selber dabei gehandelt.«
»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen – »schon vorher theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige Erzählung auf Sie machte –«
»Vorher,« sagte die junge Frau – »und in der entsetzlichen Aufregung, in der ich mich befand, tönten die Worte nur wie Donnerschläge an mein Ohr – ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und vieles ist mir dabei unklar geblieben – besonders, welche Spur Siejetztvon dem Verbrecher haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen, und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«
Der Bitte, währenddieseAugen so treu und vertrauend in die seinen schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar Bedürfniß geworden, sich – ihr gegenüber – seines bisherigen eigenen Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, daß er mit der Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. Auch von dem Schmuck selber wußte er nichts, als was ihm Hamilton darüber beiläufig mitgetheilt.
»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die derErzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war – »wo jener Betrüger – dem Gott verzeihen möge, was er an mir gethan, und wie er michdoppeltverrathen hat – wo jener Betrüger geflohen ist, haben Sie noch Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«
»Allerdings,« sagte Burton – »Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser Kornik hatte außerdem viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im Leben, daß schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der größten und raffinirtesten Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, jeden möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und nachher, wenn ihnen alles nach Wunsch geglückt, sich selber auf die plumpste Weise dabei verrathen.«
»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurück?«
»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch fehlt mir darüber jede Gewißheit. Er wird mir unter allen Umständen in der nächsten Zeit schon telegraphiren,denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu bleiben, bis er zurückkehrt.«
»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte – mit hierher bringt?«
»Ich zweifle kaum – aber auch darüber bin ich nicht im Stande, Ihnen eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein, daß Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen wird, denn er versteht sein Fach aus dem Grunde.Hater die Spur gefunden, so ist Mr. Kornik auch verloren.«
Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde – und wer konnte es ihr verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann, der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie leise:
»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, verehrter Herr – und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dannverdienter die Strafe, die ihn erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auchIhrHaus betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem, was er an mir und meinem zukünftigen Leben verbrochen.«
»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug Burton und erröthete dabei fast selber über die Frage.
»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche – »was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn zuerst mein Bruder eingeführt – es mögen jetzt zwei Monate sein – und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz – sein angemaßter Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich – wie selig ihn mein Besitz machen würde, und ich – war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«
Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend, fort:
»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charaktermeines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten – aber es legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in Frankfurt – einer freien deutschen Stadt – unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich folgte ihm auch hierher – immer noch als Braut – nicht als Gattin« – setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu – »und ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr folgte als jenem Teufel.«
Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt, ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm willenlos überließ.
»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme – »so brauche ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war ja dann nur zu Ihrem Heil.«
»Ihnenverdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:
»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein – die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich – übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«
»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.
»Gewiß,« rief Burton – »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe ich nach Haus – wie heißen Ihre Eltern, mein bestes Fräulein – was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«
»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«
»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht gesollt – aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire – und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben – schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich – wie es schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte – »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, untermeinemSchutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen lassen.«
»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt – »womit habe ich das alles verdient?«
»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person herbeizuschaffen.
Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die schon einige Jahre in England zugebracht und – wenn sie sich auch nicht auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer Gesellschafterin für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein Zurückweisen derselben zur Unmöglichkeit wurde.
Den übrigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer unbeschreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm, als wenn er bei seiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr nichts fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewaltmußte er sich davon zurückhalten, sie nicht weiter zu belästigen.
Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine Unmasse von Sachen für sie eingekauft, um sie zu zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr Zartgefühl verletzt – er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu wissen, daß das arme verlassene Wesen jetzt jemand habe, gegen den es sich aussprechen konnte, und er begnügte sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der Zeit vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, denn es ließ sich dort niemand blicken, und die andere Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.
Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, so war er doch bis über die Ohren in seine reizende Landsmännin verliebt.
Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher Stunde wieder auf, aber erst um zwölf Uhr wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse geschlafen hätte.
Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, aber – sie sah nicht so wohl aus wie gestern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wennauch nur leicht schattirte Ringe – sie schien auch zerstreut und unruhig und Burton, voller Zartgefühl, glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß sie allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder. Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen mußte.
Jetzt aber, mit der Furcht, daß sie erkranken könne – und nach all den letzten furchtbaren Aufregungen schien das wahrlich kein Wunder – wich er fast gar nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber, der eigentlich alles wissen soll, wußte nicht aus dem wunderlichen Fremden klug zu werden.
Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend die neue Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf, um sie nach dem Befinden der jungen Dame zu fragen.
»Sie scheint ungemein aufgeregt,« lautete die Antwort derselben – »sie hat keinen Augenblick Ruhe, und wohl zehn Mal schon gesucht mich fortzuschicken, um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.«
»Mein liebes Fräulein,« sagte Burton, dadurch nur noch viel mehr beunruhigt – »ich bitte Sie recht dringend, sie nicht einen Augenblick außer Acht zulassen. Stoßen Sie sich nicht an das geringe Salär, was Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude sein, Ihnen jede Mühe nach meinen Kräften zu vergüten.«
»Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen Kräften steht,« sagte das junge Mädchen freundlich – »die Dame wird gewiß mit mir zufrieden sein. Verlassen Sie sich auf mich – ich werde treulich über sie wachen.«
So verging der Abend und nur noch einmal schickte Miß Benthouse zu Mr. Burton hinüber, um zu hören, ob er noch keine Nachricht bekommen habe. Er mußte es wieder verneinen und wäre gern noch einmal zu ihr geeilt, aber Elisa sagte ihm, daß sich die junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um besser ruhen zu können, und er durfte sie da nicht stören.
Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte sich eben zu Bett begeben, als es an seiner Thür pochte. Er öffnete rasch, denn er fürchtete eine Botschaft, daß sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert hätte, aber es war nur der Diener des Telegraphenamtes, der ihm – unter dem Namen, mit dem er sich in das Fremdenbuch eingetragen – eine Depesche brachte. Sie mußte von Hamilton sein.
Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen,aber freilich gewichtigen Worte, von Ems aus datirt:
»Ich habe ihn – morgen früh komme ich – Hamilton.«
»Gott sei Dank,« rief Burton jubelnd aus, »jetzt nehmen die Leiden dieses armen Mädchens bald ein Ende.«
Am nächsten Morgen ließ er sich schon in aller Frühe erkundigen, wie Miss Benthouse geschlafen hätte – sie schlief noch, und Elise kam selber heraus, um ihm das zu sagen. Gern hätte er sie auch jetzt die Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch den Telegraphen bekommen, aber er fürchtete, das durch eine Fremde zu thun – er wollte es ihr lieber selbst sagen, wenn er sie um zwölf Uhr wieder besuchte.
Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frühstückte er unten und las die Zeitungen.
So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerückt, und unzählige Mal hatte er schon nach der Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen, um noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen, als es stark an seine Thür pochte, und auf sein lautes »Walk in« – diese sich öffnete undHamiltonauf der Schwelle stand.
»Well Sir,« lachte dieser, »how are you?«
»Mr. Hamilton,« rief Burton, fast ein wenig bestürzt über die so plötzliche Erscheinung des Mannes. »Schon wieder zurück? – das ist fabelhaft schnell gegangen.«
»So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht, Sir, als ob es Ihnen zu schnell gegangen wäre,« lächelte Hamilton. »Aber ich habe wirklich Glück gehabt – die Einzelheiten erzähle ich Ihnen jedoch später und nur für jetzt so viel, daß ich ihn in Ems beim Spiel erwischte und ihn dort auch fest und sicher sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund, die er verreist oder verspielt, oder zum Theil auch wohl hier seiner Donna zurückgelassen hat, fand sich noch alles Geld glücklich bei ihm, was jetzt unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist – Apropos – die Dame haben Sie doch noch hier?«
»Allerdings,« sagte Burton etwas verlegen, »aber Mr. Hamilton, mit der Dame –«
»Machen wir natürlich keine Umstände,« unterbrach ihn Hamilton gleichgültig, »und schaffen sie einfach nach England zurück. Dort mögen die Gerichte dann das saubere Pärchen confrontiren. Mr. Burton, ich gebe Ihnen mein Wort, ich wäre meines Lebens nie wieder froh geworden, wenn ich diesen Hauptlump, diesen Kornik nicht erwischt hätte. Haben Siedenn indessen bei der Person hier etwas gefunden, und hat sie nicht auch etwa Lust gezeigt, durchzubrennen?«
»Mein lieber Mr. Hamilton,« sagte Burton jetzt noch verlegener als vorher – »ich habe – während Sie abwesend waren, eine Entdeckung anderer Art gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, daß die – junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig ist.«
»Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in Nr. 7?« frug Hamilton rasch und fast wie erschreckt.
»Allerdings,« bestätigte Burton, »aber nicht als Gefangene. Miss Jenny Benthouse ist die Tochter eines englischen Geistlichen – ihr Vater wohnt in Islington – sie wurde von jenem Burschen unter seinem falschen Namen und unzähligen Lügen entführt, und ich – werde sie jetzt ihren Eltern zurückgeben.«
»So?« sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht aufmerksam zugehört hatte, während es aber wie ein verstecktes Lächeln um seine Lippen zuckte – »aber bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollständige Toilette gemacht. Wollten Sie ausgehen?«
»Nein – auf keinen Fall eher wenigstens, als bis wir uns über diesen Punkt verständigt haben.«
»Gut, dann bin ich gleich wieder da« – und mitden Worten glitt er zur Thür hinaus und unten in den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.
»Sind Sie beschäftigt?« redete er den einen an.
»Ich stehe vollkommen zu Befehl.«
»Schön – dann haben Sie die Güte und bleiben Sie bis auf weiteres in der ersten Etage, wo Sie Nr. 7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte dort eine Dameausgehenwollen – Sie verstehen mich – so rufen Sie mich, so rasch Sie möglicher Weise können, von Nr. 26 ab. Sie haben doch begriffen, was ich von Ihnen verlange?«
»Vollkommen.«
»Gut – es soll Ihr Schade nicht sein – der Portier unten braucht übrigens nichts davon zu wissen – und indessen schicken Sie mir einmal einen Kellner mit einer Flasche Sherry und zwei Gläsern und einigen guten Cigarren auf Nr. 26.«
Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe hinauf, horchte einen Augenblick an Nr. 7, wo er zu seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und kehrte dann zu Mr. Burton zurück, der mit untergeschlagenen Armen, und offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer auf und ab ging.
»Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zuhaben,« sagte er – »ich hörte wenigstens eben Stimmen in ihrem Zimmer.«
»Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton,« bat ihn James Burton, »wir müssen über diese Sache, die das höchste Zartgefühl erfordert, erst ins Klare kommen, nachher ist alles andere, was wir zu thun haben, Kleinigkeit.«
»Sehr gut,« sagte Hamilton – »ah, da kommt auch schon der Wein. Bitte, setzen Sie nur dorthin. Mr. Burton, Sie müssen mich entschuldigen, aber ich habe unterwegs solch nichtswürdiges Zeug von Cigarren bekommen, daß ich eine ordentliche Sehnsucht nach einem guten Blatt fühle – nehmen Sie nicht auch eine? – und ein Glas Wein thut mir ebenfalls Noth, denn ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden geschlafen und überhaupt eine abscheuliche Tour gehabt.«
»Und wie erwischten Sie diesen Kornik?«
»Das alles nachher – jetzt bitte erzählen Sie mir einmal vor allen Dingen, welche wichtige Entdeckung Sie hier indeß gemacht haben,« und mit den Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils zurecht, zündete seine Cigarre an und sippte an seinem Wein.
Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es war fast, als ob er nicht recht wisse, wie er eigentlichbeginnen solle. Aber der Beamtemußtealles erfahren, erdurfteihm nichts verschweigen, schon Jennys wegen, und nach einigem Zögern erzählte er jetzt dem Agenten die ganzen Umstände seines Zusammentreffens mit der jungen Dame, und gerieth zuletzt dabei so in Feuer, daß er selbst die kleinsten Umstände mit einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er sich selber gar nicht zugetraut hätte.
Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur den Namen von Jennys Vater ließ er sich genau angeben und notirte ihn, und während James Burton weiter sprach, nahm er Dinte und Feder, schrieb etwas in sein Taschenbuch und riß das Blatt dann heraus. Auf demselben stand nichts weiter als eine telegraphische Depesche, die also lautete:
Burton und Burton, London. Existirt in Islington Reverend Benthouse – religiöser Schriftsteller – ist ihm kürzlich eine Tochter entführt – Antwort gleich. Hamilton.
Mr. Burton dann um Entschuldigung bittend, daß er ihn einen Augenblick unterbreche, stand er auf und verließ das Zimmer. Am Treppengeländer rief er den Lohndiener an.
»Geben Sie diese Depesche an den Portier zur augenblicklichen Besorgung auf das Telegraphenamt.Hier ist der Betrag dafür und das für den Boten. Nichts bemerkt bis jetzt?«
»Nicht das Geringste.«
»Gut –Siebleiben auf Ihrem Posten.«
Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurückgekommen war, nahm er seinen alten Platz wieder ein und ließ seinen Gefährten ruhig auserzählen, ohne ihn auch nur mit einem Wort darin zu stören. Erst als er vollkommen geendet hatte und der junge Mann ihn mit sichtlicher Erregung ansah, um sein Urtheil über die Sache zu hören, sagte er ruhig:
»Und wissen Sie nun,my dear Sir, welches der gescheuteste Streich war, den Sie in der ganzen Zeit meiner Abwesenheit gemacht haben?«
»Nun?« frug Burton gespannt.
»Daß Sie der jungen Dame eine Gesellschafterin gegeben haben.«
»Ich durfte sie nicht so lange allein und ohne weibliche Begleitung lassen,« rief Burton rasch.
»Nein,« sagte Hamilton, und ein eigenes spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen – »sie wäre Ihnen sonst schon am ersten Tage durchgebrannt, gerade wie ihr Begleiter mir.«
»Mr. Hamilton –«
»Mr. Burton,« sagte Hamilton ernst, »zürnenSie mir nicht, wenn ich vom Leben andere Anschauungen habe als Sie, glauben Sie einem Manne, der in diesen Fach mehr Erfahrungen gesammelt hat, als Sie vielleicht für möglich halten. Danken Sie aber auch Gott, daß ich gerade Ihnen jetzt zur Seite stehe, denn Sie wären sonst von einer erzkoketten und durchtriebenen Schwindlerin überlistet worden und hätten nachher, außer dem Schaden, auch für den Spott nicht zu sorgen gebraucht.«
»Mr. Hamilton,« sagte Burton gereizt, »Sie mißbrauchen Ihre Stellung gegen mich, wenn Sie unehrbietig von einer Dame sprechen, die gegenwärtig untermeinemSchutze steht.«
»Mein lieber Mr. Burton,« sagte Hamilton vollkommen ruhig – »lassen Sie uns vor allen Dingen die Sache kaltblütig besprechen, denn die Polizei darf, wie Sie mir zugestehen werden, keine Gefühlspolitik treiben.«
»Die Polizei ist gewohnt,« sagte Burton, »in jedem Menschen einen Verbrecher zu suchen.«
»Bis er uns nicht wenigstens das Gegentheil beweisen kann,« lächelte Hamilton – »aber jetzt lassen Sie mich auch einmal reden, denn Sie werden mir zugeben, daß ichIhremBericht ebenfalls mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt bin.«
»So reden Sie, aber hoffen Sie nicht –«
»Bitte verschwören Sie nichts, bis Sie mich nicht gehört haben.« Und ohne seines Begleiters Unmuth auch nur im Geringsten zu beachten, erzählte er ihm jetzt seine Verfolgung des flüchtigen Verbrechers, sein Auffinden desselben und dessen Gefangennahme. Er setzte hinzu, daß Kornik, nachdem man die bedeutende Summe von Banknoten und andere hinreichende Beweise für seine Schuld bei ihm gefunden, völlig gebrochen gewesen war und alles gestanden hatte. Ebenso sagte er aus, daß er mit einer jungen Dame, Lucy Fallow, von London geflüchtet sei, obgleich er von dem Raub des Brillantschmucks nichts wissen wollte.
»Und legen Sie den geringsten Werth auf das Zeugniß eines solchen Schurken?« frug Burton heftig.
»Was die Aussage über den Brillantschmuck betrifft, nein,« erwiederte ruhig der Polizeimann, »denn ich bin fest davon überzeugt,daßer darum gewußt hat, und erwartete sogar, denselben bei ihm zu finden. Er fand sich aber auch nicht einmal in der Reisetasche, die der Herr, wie sich später auswies, beim Portier des Kurhauses deponirt hatte. Die Dame hat ihn also noch jedenfalls in Besitz.«
»Aber ich habe Ihnen ja schon dreimal gesagt,daß ich nicht alleinihrenKoffer, sondern auch den dieses Kornik bis auf den Boden durchwühlt habe und nicht das geringste Schmuckähnliche hat sich gefunden, als eine Korallenschnur mit einem kleinen Kreuz daran – ein Andenken ihrer verstorbenen Mutter.«
Hamilton pfiff leise und ganz wie in Gedanken durch die Zähne.
»Mein bester Mr. Burton,« sagte er dann, »auf Ihr Durchsuchen der Koffer, in Gegenwart jener Sirene, gebe ich auch keinen rothen Pfifferling – ich werde das Ding selber besorgen.«
»Und ich erkläre ihnen, Mr. Hamilton,« sagte Burton mit finster zusammengezogenen Brauen, »daß Sie dasnichtthun werden. Sie haben Ihren Auftrag erfüllt; der Verbrecher ist geständig in Ihren Händen, und meine Gegenwart dabei nicht länger nöthig, so werde ich denn, noch heut Nachmittag, in Begleitung der jungen Dame, die Rückreise nach England antreten.«
»Mit der Vollmacht für ihre Verhaftung in der Tasche,« lächelte Hamilton.
»Diese Vollmachten,« rief Burton leidenschaftlich, indem er die beiden Papiere aus der Tasche nahm, in Stücke riß, und vor Hamilton niederwarf, »sindauf eineVerbrecherinausgestellt, nicht auf Miss Benthouse. Da haben Sie die Fetzen und jetzt stehe ich frei und unabhängig hier und will sehen, wer es wagen wird die junge Dame zu beleidigen.«
Hamilton erwiederte kein Wort. Schweigend erhob er sich, las die auf den Boden geworfenen Stücke auf, legte sie in ein Packet zusammen und steckte sie in seine Tasche.
»Ist das Ihr letztes Wort, Mr. Burton?« sagte er endlich, indem er vor dem jungen Manne stehen blieb – »wollen Sie sich nicht erst einmal die Sache eineNachtruhig überlegen? Bedenken Sie, in welche höchst fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenüber kämen, – von Lady Clive und den englischen Gerichten gar nicht zu reden – wenn es sich späterdochherausstellen sollte, daß Sie sich geirrt haben.«
»Es ist mein letztes Wort,« sagte der junge Mann bestimmt; »denn ich muß meine Schutzbefohlene diesem schmähligen Verdacht entziehen, der auf ihr lastet. Um 4 Uhr 20 geht der Schnellzug nach Köln ab; diesen werde ich benutzen, und es versteht sich von selbst, daß ich auch jede Verantwortung für diesen Schritt einzig und allein trage.«
Hamilton war aufgestanden und ging mit raschenSchritten in dem kleinen Gemach auf und ab. Endlich sagte er ruhig:
»Sie wissen doch, Mr. Burton, welchenDoppelauftragichvon London mit bekommen habe und wie ich, wenn ich danach handle, nur meine Pflicht thue.«
»Das weiß ich, Mr. Hamilton,« sagte Burton, durch den viel milderen Ton des Polizeimannes auch rasch wieder versöhnend gestimmt, »und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihnen deshalb keinen Groll nachtragen werde. Aber auch mir müssen Sie dafür zugestehen, daß ich – wo mir keine Pflicht weiter obliegt – mein Herz sprechen lasse.«
»Es ist ein ganz verzweifeltes Ding, wenn das Herz mit dem Verstande durchgeht« – sagte Hamilton trocken.
»Haben Sie keine Furcht, daß das bei mir geschieht.«
»So erfüllen Sie mir wenigstens die Bitte,« wandte sich Hamilton noch einmal an den jungen Mann, »den ersten Schnellzug nicht zu benutzen und den Abend abzuwarten. Ich habe vorhin nach London telegraphirt – warten Sie erst die Antwort ab, Mr. Burton; es ist auch Ihres eigenen Selbst wegen, daß ich Sie darum ersuche.«
»Ich bin alt genug, Mr. Hamilton,« lächelte James Burton, »auf mein eigenes Selbst vollkommengut Acht zu geben. Es thut mir leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können, denn mir brennt der Boden hier unter den Füßen. Um 4 Uhr 20 fahre ich und werde dann daheim meinem Vater Bericht abstatten, mit welchem Eifer und günstigem Erfolg Sie hier unsere Sache betrieben haben. In London hoffe ich Sie jedenfalls wiederzusehen.«
Es lag eine so kalte, abweisende Höflichkeit in dem Ton, daß Hamilton die Meinung der Worte nicht falsch verstehen konnte: Mr. Burton wünschte allein zu sein und Hamilton sagte, ihn freundlich grüßend:
»Also auf Wiedersehen, Mr. Burton,« und verließ dann, ohne ein Wort weiter, das Zimmer.
James Burton sah nach seiner Uhr – es war schon fast zwei geworden, ohne daß er Jenny gesehen – was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne einen Moment länger zu säumen, griff er nach seinem Hut und eilte hinab.
Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und her, der stehen blieb, als er auf die Thür zuging. Er hielt aber einen Moment davor, ehe er anklopfte, denner hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger zu sein schien. War das Jenny? – hatte vielleicht Hamilton gewagt? – er klopfte rasch an. Es war jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging die Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen wer klopfe. Sie öffnete, als sie den jungen Mann erkannte.
Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen beschäftigt, als er das Zimmer betrat, und erröthete leicht, aber sie begrüßte ihn desto freundlicher und gab auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende Antwort.
Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny frug jetzt, mit ihrem alten, gewinnenden Lächeln:
»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen? Ich wußte vor langer Weile gar nicht, wasichangeben sollte und habe deshalb meine Sachen wieder zusammengepackt.«
»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich von Ihnen entfernt, Miss Jenny,« sagte Burton herzlich, »sondern eine wichtige Verhandlung, die ich mit unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«
»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder Blutstropfen wich dabei aus ihrem Gesicht, und sovielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch die Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.
»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton erstaunt. »Die Erinnerung an jenen Elenden, den jetzt seine gerechte Strafe ereilen wird, mag Ihnen peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild vor Ihre Seele treten.«
»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich gewaltsam sammelnd – »oh, wenn ich nur das Schreckliche vergessen könnte?«
»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der junge Mann, »sondern der Unglückliche hat auch sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half ihm auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise derselben in seinem Besitz fand?«
»Und jetzt?«
»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich, »Mr. Hamilton, der mit allen nöthigen Papieren dazu versehen ist, wird seine Weiterbeförderung nach England übernehmen. Ich selbst reise heute Nachmittag mit dem Schnellzug nach London ab, und da Sie Ihren Koffer schon gepackt haben,« setzte er lächelnd hinzu – »so biete ich Ihnen, mein werthes Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem Schutz nach England zurückzukehren.«
»Sie wollten –«
»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,« sagte James Burton herzlich, »und ich bürge Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich unternommen – trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit leisem Trotz hinzu.
»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie begleiten dürfe?« fragte rasch und mißtrauisch die Fremde.
»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin mein eigener Herr und inmeinerBegleitung steht Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach Paß oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«
»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth entgegenstreben?« sagte das junge Mädchen demüthig – »ich vertraue Ihnen ganz.«
»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton bewegt, »und Sie sollen es nicht bereuen. Jetzt aber lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige zu ordnen, denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung, wie Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. Sie müssen mir auch schon gestatten, für die kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu spielen. Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er ihre Verlegenheit bemerkte – »ich gleiche das späterschon alles mit Ihrem Herrn Vater wieder aus, und werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden komme. Also auf Wiedersehen, Miss – aber beeilen Sie sich ein wenig, denn wir haben kaum noch anderthalb Stunden Zeit bis zu Abgang des Zuges,« und ihre Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch das Zimmer.
Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und seine Sachen gepackt hatte, wollte er noch einmal Hamilton aufsuchen, um von diesem Abschied zu nehmen. Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. Der Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt.
Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich ihm gegenüber nicht recht behaglich; zu reden hatte er überdies weiter nichts mit ihm, und was Kornik betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise nach dem Continent mitgemacht, um die Identität seiner Person zu bestätigen – jetzt, mit all den vorliegenden Beweisen und dem eigenen Geständniß des Verbrechens war seine Anwesenheit unnöthig geworden.
Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit den nöthigen Vorrichtungen rasch genug – jetzt waralles abgemacht und in Ordnung, und ebenso fand er Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen aus, und drehte sich rasch und fast erschreckt um, als er die Thür öffnete.
»Sind Sie fertig?«
»Und gehen wir wirklich?«
»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und bis wir am Bahnhof sind und unser Gepäck aufgegeben haben, wird die Zeit auch ziemlich verflossen sein – Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte – »Ihre Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch genommen, als ich selbst vermuthete, so bitte ich denn, dieses für Ihre Mühe als Erinnerung an uns zu betrachten. Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das junge Mädchen dankend und erröthend verbeugte – indem er die Klingelschnur zog – »mag der Hausknecht Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke wartet schon auf uns, und ich will selber recht von Herzen froh sein, wenn wir erst unterwegs sind.«
Draußen wurden Schritte laut – es klopfte an.
»Herein!« rief Burton – die Thür öffnete sich und auf der Schwelle, seinen Hut auf dem Kopf, stand– Hamilton und warf einen ruhigen, forschenden Blick über die Gruppe.
Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons Zügen, aber sein Auge haftete jetzt fest auf der jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz eine Aschfarbe überzog.
»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der Polizist mit eisiger Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen oder ungewünscht erscheinen sollte, aber meine Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr – Sie sind mein Gefangener, im Namen der Königin!«
»IhrGefangener?« lachte Burton trotzig auf, aber Hamilton trat zur Seite und drei Polizeidiener standen hinter ihm, während er auf Burton zeigend, zu diesen gewandt, fortfuhr:
»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn auf sein Zimmer oder bewachen ihn hier, bis Ihr Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen, denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß – im schlimmsten Fall aber brauchenSieGewalt, und jene Dame dort –«
Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den Eintritt des nur zu rasch wiedererkannten Reisegefährten bemerkt, und im ersten Moment war es wirklich, als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegungunfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren Blicke auf sie fielen, schien es auch, als ob sie erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe sie Jemand daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, neben dessen Thür sie stand, warf diese zu und schob den Riegel vor.
»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie uns nicht entwischt,« rief Hamilton rasch, indem er nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr öffnen konnte – »und alarmiren Sie die Leute unten, daß sie vor den Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«
»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen Rede stehen!« rief Burton außer sich »–wergiebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«
»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er vergebens versuchte, die Thür aufzudrücken – »von einemRechtist hier vorläufig gar keine Rede. Sie weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir später ab.«
»Aber ich dulde nicht –« rief Burton und wollte sich zwischen ihn und die Thüre werfen, um die Geliebte zu schützen.
»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener, ein Paar baumstarke Burschen, indem sie ihnmit ihren Fäusten packten – »nicht von der Stelle, oder es setzt was.«
»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt, »was geht hier vor?«
»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an sie wendend in deutscher Sprache – »beunruhigen Sie sich nicht – gar nichts wasSiebetreffen könnte. Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen aber sagen, daß jene DamekeineBegleitung weiter nach England braucht, da ich das selber übernehmen werde. – Ah, da ist der Herr Commissär – Sie kommen wie gerufen, verehrter Herr – das hier,« fuhr er fort, indem er auf James Burton zeigte – »ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet, von wo aus sie uns aber ebenfalls nicht mehr entwischen kann.«
»Kornik? – ich?« rief Burton, indem er sich wie rasend unter dem Griff der Polizeidiener wand – »Schuft Du – ich selber bin hergekommen, jenen Kornik zu verhaften.«
»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton ruhig in englischer Sprache.
»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burtonwie außer sich – »das Papier, das ich Dir vor die Füße warf.«
Hamilton achtete gar nicht auf ihn.
»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten wendend – »jener Herr da, dem ich von England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. Sie haben meine Instruktionen und Vollmachten gelesen. Sie werden Sorge dafür tragen, daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt dieDameherbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren nahm er den dicht neben ihm stehenden kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher Kraft und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese vor dem schweren Stoß zusammenbrach. Im nächsten Moment griff er durch die gemachte Oeffnung hindurch und schloß die Thür von innen auf.
Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar keinen Versuch zur Flucht gemacht. Sie stand, ihre Mantille fest um sich her geschlungen, mitten in der Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend, sagte sie:
»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie zu einer Lady auf solche Art ins Zimmer brechen?«
»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ichbin noch nicht fest überzeugt, ob ich es hier wirklich mit einerLadyzu thun habe. Vor der Hand sind Sie meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss Lucy Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines Juwelendiebstahls.«
»Und welche Beweise haben Sie für eine so freche Lüge?« rief das junge Mädchen verächtlich.
»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt, da ihm der Ueberfall gelungen war, wieder ganz in seinem Element – »Herr Commissär, haben Sie die Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«
»Sie stehen draußen.«
»Bitte, rufen Sie die beiden herein – ich wünsche die Gefangenegenaudurchsucht zu haben, ob sie den bewußten Schmuck an ihrem Körper vielleicht verborgen hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«
Eine handfeste Frau – die Gattin eines der Polizeidiener, trat jetzt ein, von einem anderen jungen Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter, gefolgt, beide aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck nichts zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat jetzt wieder das Zimmer, in dem Burton dem englisch sprechenden Commissär seine eigene Stellung erklärte und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daßzweiunschuldige Menschen in so niederträchtigerWeise behandelt würden. Seine Erklärung aber, die er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber zerrissen habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand sich in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und die Thatsache, die er nicht läugnen konnte oder wollte, daß Hamilton wirklich ein hochgestellter Polizeibeamter in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der Commissär zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den Instruktionen handeln zu können, die er von oben empfinge, und ersuchte Mr. Burton dann in seinem eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig zu fügen, da sonst für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten entstehen könnten.
Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer führen lassen, als Hamilton zurückkehrte und den Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben, hier zu bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung sei.
Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der Dame auf das genaueste zu revidiren; obgleich sich aber, in einem geheimen Gefach darin, eine Menge der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, waren die gesuchten Brillanten doch nicht dabei. Auch in Korniks Koffer ließ sich keine Spur davon entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nichthaben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht war, also gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei sich trug. Außerdem wußte Hamilton genau, daß sie – wenigstens seitdem er zurückgekehrt war – kein Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es wahrscheinlich am Körper versteckt.
Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte, während der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mädchens gestattet wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und brachte nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden hatten. Sie überreichte es dem Commissär, der es öffnete und englische Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten von 100 Pfund Sterling waren darunter.
»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte – »von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer untersuchen müssen, in daß sich Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder das andere in Sicherheit zu bringen.«
»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte dieFrau des Polizeidieners kopfschüttelnd – »in alle Polster hineingefühlt und die Gardinen ausgeschüttelt, selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau nachgesehen. Es steckt nirgends was.«
»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür klopfend, denn er war nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge Mädchen, das zur Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Haß entgegen. Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoßen, um hinreichend Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder – auch hinter den Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. Er fand nichts, aber er ruhte auch nicht – der Teppich zeigte nicht die geringsten Unebenheiten. – Er rückte das Sopha ab und fühlte daran hin – aber es ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.
Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite demFenster zugewandt, nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter auf. Während er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr, streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.
»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine Finger einen fremdartigen Gegenstand trafen – »ob ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise benutzen würden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu den »Grünen« gehörten – was haben wir denn da? – eine reizende Kette und da hängt auch ein Ohrring darin – da wird der andere ja wohl auch nicht weit sein – es kann nichts helfen, der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt hier verderbe« – und er riß, ohne weitere Rücksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus, bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, kam mit dem Werg zu Tag.
»Leugnen Sie jetztnoch, Madame?« sagte Hamilton,indem er sich aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt. Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster, wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen konnten, sprühten Feuer.
»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär entgegen.
»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton ruhig – »aber ist denn der Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?«
»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.«
»Gott sei Dank – jetzt treffen alle Beweise zusammen,« rief Hamilton aus. »Ich ersuche Sie indeß, Herr Commissär, diese junge Dame insehrgute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden gehetzt.«
»Haben Sie keine Angst – wir werden das saubere Pärchen sicher verwahren.«
»DenHerrnkann ich Ihnen vielleicht abnehmen,« lächelte der Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat und dort die für ihn eingetroffene Depeschein Empfang nahm. Er erbrach sie und las die Worte: