FUSSNOTEN:[A]Die Manglaren oder Mangrovebäume sind ein Seegewächs, denn sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln bespühlen kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hält sich zwischen ihnen auf als Krabben und Mosquitos.
[A]Die Manglaren oder Mangrovebäume sind ein Seegewächs, denn sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln bespühlen kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hält sich zwischen ihnen auf als Krabben und Mosquitos.
[A]Die Manglaren oder Mangrovebäume sind ein Seegewächs, denn sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln bespühlen kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hält sich zwischen ihnen auf als Krabben und Mosquitos.
An dem Santiago-Flusse in Ecuador, tief im Walde drinnen, von Palmen- und Bananenhainen umgeben, liegt das kleine Binnenstädtchen Concepcion so malerisch und freundlich, wie sich nur etwas denken läßt.
Dicht unter demselben mündet der, kurz vorher den Cachavi aufnehmende Bogota in den breiteren und tieferen Santiago, und vermittelt, wenn auch nur durch Canoes, die Verbindung mit der reichsten Provinz des Innern, mit Imbaburru und deren Hauptstadt Ibarra, während der Santiago durch die Tola-Mündung mit dem Meer in direkter Verbindung steht und nach Norden hinauf sogar, durch die Taja-Lagune, einen breiten und bequemen Wasserweg nach dem Pailon und der dort neu angelegten englischen Colonie und deren Hafen bildet. Den meisten und lebendigstenVerkehr unterhielt es aber doch mit dem fast nur von Negern bewohnten Cachavi und den dortigen Golddistrikten, und wenn auch der Handel mit dem Innern nur durch Lastträger betrieben werden konnte, da nicht einmal ein Maulthierpfad durch den Wald führte, war der Umsatz doch nicht unbedeutend und die Leute befanden sich wohl und in guten Umständen.
Der Santiago sowohl, wie der Bogota fließen aber auch durch ein reiches, unendlich fruchtbares Land, und breite ausgedehnte Baumwollen- und Zuckerrohrfelder mit weiten Cacao- und Bananenanpflanzungen (sogenannten Platanaren) geben Zeugniß, welch' reichen Ertrags der Boden dort fähig ist, und wie er die geringste Arbeit tausendfältig lohnt. Sie sind auch ziemlich dicht besiedelt, wenn auch nicht von den Ureinwohnern des Landes, die sich in den feuchten und heißen Niederungen dieser Gegend nicht so wohl zu fühlen scheinen, als weiter oben in den kühleren Bergen und an den rasch quellenden Gebirgswässern. Möglich aber auch, daß sie von den Negern, mit denen sie überhaupt nicht gern Gemeinschaft halten, zurückgedrängt wurden.
Als nämlich mit der Abschüttelung des spanischen Joches die Leibeigenen der spanischen Provinzen freigegeben und für ewige Zeiten frei erklärt wurden, dazerstreuten sie sich — besonders in Ecuador und Neu-Granada — vorzugsweise über dies Terrain und wurdenHerrendes dortigen Bodens, dessen Sclaven sie bis jetzt gewesen waren. Ueberall am Santiago und Bogota legten sie Estancien an, rodeten den Wald aus, und pflanzten Bananen, Cacao, Kaffee und Zuckerrohr, und wenn sie jetzt auch nach ihrer Bequemlichkeit arbeiteten, und nicht mehr vom Tagesanbruch bis in die späte Nacht Hacke und Schaufel führen mußten, so dankte ihnen der Boden doch mit verschwenderischer Hand für die geringe Mühe, die sie auf seine Pflege verwandten, und wo sie nicht ebenreichwurden, hatten sie doch vollauf zu leben.
Welche Bedürfnisse kannten sie denn auch, die sie nicht hier mit Leichtigkeit beschaffen mochten. Ihre Wohnungen waren um weniges besser, als die, in denen sie früher von ihren Herren einquartirt worden, ihre Kleidung — eine baumwollene Hose und ein eben solches Hemd mit einem selbst geflochtenen Strohhut blieb dieselbe, und was sie an Nahrung brauchten und wünschten, lieferte das Land.
So bildeten sie bald, in diesen Distrikten wenigstens, die große Majorität des Staates und es gab Dörfer, wo sie sich sogar ihren Alkalden aus eigener schwarzer Mitte wählten.
Nur die Stellen der Gobernadores und Friedensrichter besetzte die Regierung mit denHijos del pais— das heißt nicht etwa den eigentlichen »Söhnen des Landes,« den Indianern, sondern mit den Abkömmlingen der spanischen Raçe, die auch solche Plätze viel besser zu verwerthen und auszubeuten verstanden.
Ecuador war allerdings eine Republik, aber es wäre deshalb der obersten Staatsbehörde doch nicht im Traum eingefallen, dem Volk in seinen eigenen Richtern eineMajoritätzu gestatten.
Auch Concepcion war zu einem sehr großen Theil von Negern bewohnt. Nichts destoweniger blieben aber in dieser größeren Stadt dieWeißenin der Majorität, wo sie schon durch ihre Farbe den Stand der Honoratioren vertraten. Ueberhaupt hat derNegernur in sehr seltenen Fällen — so geschickt er oft in mechanischen Arbeiten sein mag — Talent zumHandel. Es fehlt ihm der Speculationsgeist, und die verschiedenen Läden befanden sich deshalb sämmtlich in der Hand von Weißen. Eben so waren — wie sich das von selbst versteht — der Geistliche, der Alkalde und der Schullehrer Abkömmlinge der spanischen Raçe, und selbst ein italienischer Schneider hatte sich dort etablirt; und sich — wie das gewöhnlich diese Art von Professionisten thun — zu einer der erstenpolitischen Größen und zu einer entschiedenen Opposition der bestehenden Regierung aufgeschwungen.
Señor Rigoli, wie der kleine, sehr lebendige Mann hieß, hing nämlich mit Leib und Seele an der Quitenischen Regierung, während der Alkalde und Geistliche besonders — Beide von dem gegenwärtigen Usurpator des Südens, dem Mulattengeneral Franco eingesetzt — für diesen nach allen Kräften zu wirken suchten.
Rigolis Feinde behaupteten allerdings, nur der Geist des Widerspruchs hätte den kleinen Italiener in diese politische Richtung geworfen, denn ohne Widerspruch konnte er nicht existiren: aber er leugnete dies vollkommen, und würde dadurch jedenfalls seine beste Kundschaft in den Honoratioren der Stadt verloren haben, wenn sie eben nicht gezwungen gewesen wären, bei ihm arbeiten zu lassen. Er hatte nämlich keinen Concurrenten im Ort, als einen Neger, der Alles verdarb, was er unter die Scheere bekam, aber dafür auch zu den leidenschaftlichsten Anhängern Francos gehörte und alle Augenblicke neue Gerüchte über die gewonnenen Siege des Mulattengenerals verbreitete.
Uebrigens war diese politische Meinungsverschiedenheit bis jetzt sehr harmlos verlaufen, denn Theil an den großen Kämpfen ihres Vaterlandes konntendie Bewohner von Concepcion nicht nehmen, dafür lagen sie von dem Hauptplatz der Action zu weit entfernt, und völlig abgeschieden und aus dem Weg in ihrem reizenden Thal. Aber es würzte doch die Unterhaltung, und wenn Rigoli Abends in der PosadaeineFlasche Tschitscha getrunken und eine zweite vor sich hatte, hielt er so lange politische Reden, bis er seine Gegner — wenn auch nicht überzeugte, doch wenigstens zu Paaren trieb, und zuletzt gewöhnlich das Schlachtfeld allein behauptete.
So lebhaft aber derartige Debatten fast jeden Abend geführt wurden — und in der letzten Zeit lebhafter als je, da sich ein Franco'scher Offizier hier aufhielt, was aber nicht vermochte, den kleinen muthigen Mann der Nadel einzuschüchtern — so still lag Concepcion während der heißen Stunden des Tages, wenn die Häuser keinen Schatten mehr warfen und die breiten Bananenwipfel ihre sonst vom leichtesten Luftzug bewegten Fächerblätter still und regungslos hielten. Dann ließ sich auch kein lebendes Wesen mehr auf der Straße blicken und in den luftigen, auf Pfählen gebauten Häusern, schaukelten die Bewohner derselben in ihren Hängematten, oder lagen ausgestreckt auf dem Boden unter ihren Mosquitonetzen.
Nicht weit von der Plaza, freundlich genug gelegenund von bunt blühenden und duftigen Akazien halb versteckt, wie von einer einzelnen Cocospalme überragt, stand ein kleines, niederes und düsteres Gebäude, aus festen, eisenharten Stämmen aufgeführt, und die Fenstereinschnitte — und welches andere Haus hatte hier überhaupt Fenster, wo alle Wände offen lagen — mit dicken eisernen Gittern verwahrt.
Es war die »colabozo«, das Gefängniß Concepcions, und in der That gewöhnlich leer und offenstehend, aus dem Grund vielleicht, damit ein Jeder hinein gehen, und sich den unheimlichen dumpfigen Raum betrachten könne. Heute aber schien sie verschlossen und fest verriegelt, und draußen an der schweren Thür auch noch mit einem riesigen Vorlegeschloß gesichert, denn der »Schließer« konnte doch nicht immer davor sitzen, eines einzigen lumpigen Gefangenen wegen.
In dem Gefängniß aber, die Stirn gegen das Gitter gepreßt, lehnte ein junger, bis zum Gürtel nackter Neger, und hielt mit dem einen, durch die Stäbe hinausgestreckten Arm die Hand eines bildhübschen Negermädchens, das vor seiner Zelle stand und in der Linken ein bunt gewürfeltes Tuch mit Gaben hielt, die sie dem Gefangenen wahrscheinlich mitgebracht.
»Armer José,« klagte dabei das Mädchen, indem ihr die großen hellen Thränen in die Augen traten— »daß es dahin mit Dir kommen mußte. Oh was hast Du nur verbrochen, daß sie Dich in den schrecklichen Kerker werfen konnten!«
»Verbrochen,mi corazon— Nichts,« seufzte der junge Bursch. »Nichts auf der Welt weiter, als daß ich Dich, nach jahrelanger Abwesenheit, wieder einmal sehen wollte. — Nur deshalb nahm ich an der Tola-Mündung das Canoe, und weil ich Einzelner nicht so stark rudern konnte, als die vier starken Cajapas-Indianer, holten sie mich hier ein und ich muß jetzt büßen.«
»Aber die Sclaverei ist ja doch bei uns aufgehoben,« rief das Mädchen heftig, — »Mutter und Vater waren schonfreieMenschen, und die Gesetze verbieten den Weißen, Sclaven zu halten.«
»Die Gesetze,« zischte der junge Bursch trotzig zwischen den Zähnen durch, — »wer hat die Gesetze gegeben, als nur die Weißen, und sie machen damit, was sie wollen. Was bin ich anderes als der Sclave jenes Guajaquilenen? Er hatte mir Geld geborgt, und ich muß es jetzt abverdienen.«
»Oh José,« sagte da das Mädchen mit leisem, wie schüchternem Vorwurf im Ton, aber einem gar so lieben und herzlichen Blick — »weshalbhastDu von ihm geborgt? — konntest Du denn das böse, häßlicheTrinken nicht lassen, womit Du uns Beide jetzt unglücklich gemacht?«
Der junge Bursche senkte beschämt den Kopf.
»Du hast Recht,querida«, sagte er leise — »ich war schlecht und leichtsinnig, aber schon seit langen Monden trinke ich nicht mehr, und arbeite fleißig — doch was hilft es mir. Wir ziehen ununterbrochen von Ort zu Ort, und die Arbeitstage, die er mir dem Gesetz nach gestatten muß, nützen mir Nichts, denn für wen soll ich arbeiten auf der Reise?«
»Und wie viel bist Du ihm schuldig?« frug das Mädchen ängstlich.
»Ich weiß es nicht,« seufzte der junge Bursch — »er schreibt sich Alles auf, was er mir giebt, und soviel hat mir der Alkalde gesagt, daß ich für 40 Dollars ein ganzes Jahr für ihn arbeiten muß —«
»Und ist es soviel?«
»Ich glaube es nicht — was hat er mir denn gegeben? Die dürftigste Kleidung, ein paar Stangen Taback und schon seit langen Monden keinaguardientemehr. — Ich trinke nicht — nie mehr — ich habe es Dir versprochen, Eva.«
»Dann laß mich dafür sorgen, daß Du frei wirst, José,« sagte das junge Mädchen, und frohe Zuversicht leuchtete aus ihren Augen. »Ich habe das letzteJahr viel, recht viel gearbeitet. Ich habe den Leuten Lebensmittel in die Minen gefahren, und selber ein wenig Gold gegraben, auch bei unserem Alkalden in Cachavi geschafft, Tag und Nacht, wie seine Frau krank war und sich nicht selber helfen konnte. Das Geld liegt in Cachavi — ich hole es. — Was brauchenwires auch, wir sind beide kräftig und gesund, und können uns schon auch ohne das eine Heimath gründen.«
»Aber wie willst Du nach Cachavi hinauf kommen, Herz?« frug der junge Bursch, — »der Fluß ist reißend, und allein wärst Du nie im Stande, ein Canoe über die Stromschnellen zu bringen.«
»Mein Bruder ist hier,« sagte das Mädchen — »er lernt ein Handwerk bei einem Weißen. — Der ist gut — der wird ihm erlauben, daß er mir helfen darf, und wenn wir heute Abend fortfahren, können wir morgen schon oben sein.«
»Dein Bruder ist schwächlich —«
»Aberichbin stark,« rief das junge Mädchen lächelnd — »hab' kein Sorge, José, ich bringe Dir Hülfe, und wenn Du mir nur versprichst, nie mehr zu trinken, so können wir bald ein neues und schönes Leben beginnen.«
»Oh wie von Herzen gern verspreche ich Dir das,aber — der Weiße giebt mich nicht wieder los, und hat mir schon gesagt, daß er mich, wenn er wieder nach Concepcion zurückgekehrt, an den Padre verkaufen will, und der bekommt immer Recht. — Hält er nicht schon seit sieben Jahren drei Sclaven in seinem Haus, und sind sie je im Stande gewesen, sich frei zu kaufen?«
»Dann gehe ich zu dem Meister Rigoli,« sagte das Mädchen entschlossen — »er ist gut — er wird mir helfen und der Präsident selber nicht leiden, daß sie hier die Gesetze unter die Füße treten, die er zum Besten unseres Stammes gegeben hat. Er will ja keineSclavenim Lande leiden — alle Menschen sollen frei und gleich sein.«
»Ach Du mein liebes Herz,« seufzte da José, »was weiß der Präsident von uns armen Schwarzen in Concepcion, und ist es nicht gerade einer seiner Offiziere, dem ich angehöre? Glaubst Du denn, daß ermirgegendenbeistehen würde?«
»Laß Du mich nur machen,« lächelte aber das junge Mädchen zuversichtlich, »Señor Rigoli bringt Alles in Ordnung, und ich und mein Bruder fahren indessen, so rasch uns die Ruder treiben können, den Strom hinauf, um das Geld zu holen. Stromabwärts geht's ja nachher wie der Wind, und in einem halben Tag bin ich vom Cachavi hier unten.«
»Du treues Herz, — und Alles das meinethalben.«
»Und hier habe ich Dir indessen auch etwas mitgebracht,« fuhr das junge Mädchen fort, indem sie das Tuch zu ihm emporhob. Aber sie fand bald, daß sie es, dickgefüllt wie es war, nicht durch die Stäbe brachte, und begann deshalb rasch es auszupacken.
»Hier,« sagte sie, indem sie ihm die einzelnen Sachen hinein reichte — »sind in ihren Blättern gekochte Bananen — hier etwas geröstetes Schweinefleisch — ich konnte Dir nicht soviel bringen, sie fordern einen so hohen Preis dafür — hier hast Du Erdnüsse und rothen Pfeffer, und die Chokolade habe ich selbst für Dich gerieben und da« — fügte sie leise hinzu — »ist auch etwas Geld. — Es ist nicht viel,« lächelte sie wehmüthig, »aber ich habe ja auch immer gespart und gespart, damit wir dereinst ein kleines Häuschen bauen und uns ein Stück Vieh und ein paar Hühner anschaffen könnten. — Aber schau nicht so traurig d'rein, José — wenn wirbeide zusammenarbeiten, gehts ja auch nachher so viel rascher und irgendwo am Bogota oder Santiago wird sich ja wohl noch ein Plätzchen für uns finden, wo wir uns eine Stelle urbar machen können.«
»Du wackeres, wackeres Kind, wie soll ich Dir das je danken?« sagte José gerührt.
»UndhastDu es mir nicht schon gedankt?« erwiderte wehmüthig das junge Mädchen — »lebte denn ein Mensch auf der weiten Welt, der die arme Waise nach der Eltern Tode lieb hatte, und für sie und ihren Bruder sorgte, wie Du?«
»Und washab'ich gethan?«
»Viel — sehr viel,« sagte das Mädchen rasch — »Du hast mir dieHoffnungfür dieses Leben erhalten, denn als wir die Mutter begraben hatten, war es mir, als ob ich mich auch in das stille Grab legen müßte, und nie, nie im Leben wieder froh werden könnte. — Und Alles, Alles wäre auch nachher gut gegangen, wenn nur das böse Trinken — aber ich will Dir jetzt keine Vorwürfe machen, José,« unterbrach sie sich rasch — »Du hast mir ja versprochen, daß es nie, nie mehr geschehen soll, und jetzt gilt es nur, Dich aus Deiner Sclaverei zu befreien.«
»Du willst schon fort?«
»Ich muß — die Zeit vergeht, vorher aber habe ich noch mit meinem Bruder und seinem Lehrmeister zu sprechen, und nachher muß ich suchen, daß ich ein Canoe geborgt bekomme. Aber das krieg' ich schon,« setzte sie lächelnd hinzu, »denn alle Menschen sind jetztgut mit mir, weil sie sehen, daß ich brav und fleißig bin. Also mit Gott, José — aber ich komme noch einmal zu Dir zurück, und bringe Dir dann auch ein paar Cocosnüsse zum Trinken mit. Die Señora Bastiano hat deren viele in ihrem Garten, und erlaubt mir schon ein paar zu pflücken.«
»Mein liebes, liebes Herz.«
»Hab' guten Muth,« lachte da das Mädchen, die den Geliebten nicht wollte merken lassen, wie weh ihr selber um's Herz war, »bald bring' ich Hülfe und dann brauchen wir uns nicht mehr zu trennen — Lebe wohl José« — und mit beiden Armen sich kraftvoll an dem Gitter emporhebend, brachte sie ihren Mund über die unterste Eisenstange, drückte einen Kuß auf seine Lippen, und lief dann flüchtigen Schrittes durch die Straßen hinab.
In einer der Hauptstraßen der kleinen Stadt, und in einem, ebenfalls auf Pfählen gebauten Eckhaus, lebte und schneiderte Meister Rigoli mit drei Lehrjungen, die er sich, wie er meinte, nur angenommen hatte, um seinen täglichen Aerger nicht zu vermissen,denn alle Arbeit mußte er doch selber thun — und that sie auch wirklich, weil ihm Niemand — weder in der Politik noch in der Schneiderei — etwas recht machen konnte.
Rigoli war aber trotzdem von Herzen ein seelensguter Mensch, der nie Jemandem wissentlich ein Unrecht gethan hätte, aber auch eben so wenig ein Unrecht an anderen Menschen leiden konnte. Ein so bescheidenes Metier er dabei trieb, so fürchtete ihn selber der Alkalde, denn er hatte — was man so im gewöhnlichen Leben zu nennen pflegt — Haare auf den Zähnen, und war dabei viel gescheuter und belesener als der Alkalde selber — wozu allerdings nicht viel gehörte.
In dieser Tageszeit schienen aber auchseinegeistigen Kräfte erschöpft zu sein, denn inmitten seiner Lehrlinge, die Nadel in der Hand, ein neu zugeschnittenes Kleidungsstück vor sich auf den Knien, war er eingenickt, und als Eva geräuschlosen Schrittes die zu seiner Werkstätte aufführende Leiter hinanstieg und dabei ihr schüchternes »Ave Maria« murmelte, um ihre Gegenwart bemerkbar zu machen, hörte sie dasselbe von keiner Seele beantwortet — denn die Jungen schliefen ebenfalls.
Sie blieb einen Augenblick auf der Leiter stehen,und während sie sich mit den nackten, vollen Armen auf die niedere Schwelle stützte, von wo aus sie den ganzen inneren Raum mit den Augen überfliegen konnte, zuckte ein leichtes Lächeln über ihre wirklich schönen Züge. Aber es war auch nur ein Moment, denn rasch kam wieder das Gefühl ihrer eigenen, unglücklichen Lage über sie, und daß sie keine Zeit versäumen dürfte, wenn sie den Geliebten wirklich retten wollte.
Mit lauter Stimme wiederholte sie deshalb ihr meldendes »Ave Maria,« das der kleine Rigoli aber, noch halb im Schlaf, mit einem sehr profanen »Caracho, Señor,tres varas—no es possible—« beantwortete.
Durch seine eigenen, laut herausgestoßenen Worte erwachte er indeß vollkommen, und sich im ersten Augenblick erstaunt umsehend, — er begriff augenscheinlich nicht gleich was mit ihm vorgegangen — überzeugten ihn die schlafenden Lehrlinge an seiner Seite doch rasch genug von dem Thatbestand. Er machte sich selber und einen neben ihm sitzenden dicken und entsetzlich schwitzenden Mulattenjungen auch rasch dadurch munter, daß er diesem eine derbe Ohrfeige steckte, die ihn blitzschnell auf die Füße brachte. Die Anderen erwachten dadurch ebenfalls und griffen rasch undmechanisch nach ihrer fallengelassenen Arbeit, während der Meister kopfschüttelnd sagte:
»Ob das faule Volk nicht jede Gelegenheit benutzt! Caramba, Señores, ich werde Euch auf den Pelz kommen, wenn Ihr mir nicht besser aufpaßt! — He meine kleine Eva —entra, Schatz,entra. — Was bringstDumir? ist der Wollkopf, Señor Bastiano, wieder nicht mit seinem Rock zufrieden?«
»Ach Señor,« sagte das junge Mädchen, indem sie der Aufforderung Folge leistete und die letzten Stufen der Leiter emporstieg, neben der sie sich dann am Boden niederkauerte — »mit einer Bitte für mich selber komm ich diesmal.«
»Mit einer Bitte, Schatz? — nun laß hören.«
»Daß Ihr mir auf zwei Tage den Bruder borgen möget, um ein Canoe nach Cachavi hinauf zu rudern.«
»Ihr Beiden? — aber wozu? was wollt ihr denn oben?« frug Rigoli kopfschüttelnd.
Eva schwieg einen Augenblick und sah still und ängstlich vor sich nieder. Endlich faßte sie sich ein Herz und erst mit leiser, dann immer festerer Stimme erzählte sie dem kleinen gutmüthigen Italiener ihre einfache Leidensgeschichte. Das Schicksal des Geliebten, den jener Francosche Offizier — trotzdem daß die Gesetzedie Sclaverei verböten, als Sclave halte, und hier in das Gefängniß geworfen habe, weil er nur auf wenige Tage nach Cachavi hinauf gewollt, wo er sie selber zu finden geglaubt. Jetzt aber gedenke der Weiße den armen Joséwieder mit fort von hier zu nehmen, Gott nur wisse wohin, daß sie ihn vielleicht nie im Leben wieder zu sehen bekomme, und sie selber wolle jetzt nach Cachavi hinauf, um von dort ihr mühsam gespartes und bei dem Alkalden hinterlegtes Geld zu holen und den Geliebten frei zu kaufen.
Der kleine Rigoli hatte der Erzählung aufmerksam zugehört, und im Anfang wohl seine Arbeit wieder dabei aufgenommen und weiter genäht, aber je mehr er sich in die Sache hinein dachte, desto empörter wurde er, und die neben ihm liegende Scheere aufgreifend rief er, als Eva geendet:
»Da haben wir die Geschichte, und dieser Lump von Alkalden wagt es, mir von Freiheit und Gesetzlichkeit zu reden; Sclaverei, wie sie im Buche steht — Unterdrückung des Volkes, Mißbrauch der Amtsgewalt, ungerechtfertigte Einkerkerung, Veräußerung der Menschenrechte — aber ich weiß weshalb. Eben dieser selbe Señor Cerro, der hier mit seinem gelben, nichtswürdigen Gesicht herumläuft und sich einen Francoschen Offizier nennt, hat diesem hergeregneten Alkaldendie Stelle verschafft, und jetzt hocken sie mitsammen unter einer Decke — der Padre nicht ausgenommen, und glauben,siekönnen die Herren und Meister hier im Lande spielen. Da wollen wir aber einen Riegel vorschieben,« fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang, und sich den etwas heruntergerutschten Hosenbund wieder in die Höhe zog. »Dieser kleine blutgierige Wütherich, dieser Franco, hatunshier oben Nichts zu befehlen, sonst wäre er längst mit seinen Soldaten hierher gekommen und gegen Quito marschirt, und dasselbe Recht, wasderhat, Präsident zu sein, habe ich auch, wenn ich auch nicht schwarz bin und Haare statt Wolle auf dem Kopfe habe. — Und jetzt komm einmal, Eva — jetzt wollen wir dieser obersten Gerichtsbarkeit einmal einen Besuch abstatten, daß ihr die Augen übergehen sollen.«
Und damit hatte er seine Toilette beendet, stülpte sich seinen kleinen Panamahut auf und schritt der Leiter zu.
Das arme Negermädchen war eine bestürzte Zuhörerin des Ganzen gewesen, denn wenn sie auch die einzelnen Ausdrücke und deren Sinn nicht verstand, begriff sie doch so viel, daß der kleine Schneidermeister ihrer obersten Gerichtsbehörde zu Leibe wollte, und daß sie dabei Zeuge sein sollte. WennderMannaber, der die Macht hatte, ihren Geliebten in's Gefängniß zu werfen, böse gemacht wurde, welches furchtbare Unglück konnte er über sie Alle verfügen, und mit zitternder Stimme bat sie:
»Oh Señor, macht den Herrn Alkalden nicht böse, oder er sperrt uns Alle mit einander ein, und dann hat JoséNiemanden in der Welt mehr, der ihm helfen kann.«
»Micheinsperren?« lachte aber jetzt Meister Rigoli bei dem Gedanken laut auf — »mich, den einzigen Schneider, den sie in der ganzen Stadt haben? — Das Mädchen ist himmlisch! — Nein, mein Schatz, da hab' keine Furcht. So viel Verstand hat unser Alkalde denn doch noch — wenn ich auch nicht fürmehreinstehen möchte, und daß erDirNichts thut, das laß meine Sorge sein. Und jetzt komm, arbeiten kann ich doch nichts mehr mit den Gedanken um das allgemeine Wohl im Kopf, und nun wollen wir einmal sehen — und wo ichEuchSchlingel wieder schlafend finde, wenn ich zurück komme, statuire ich ein Exempel an Euch — ob wir die oberste Gerichtsbehörde nicht überzeugen können, daß wir in einer Republik leben, und freie Bürger sind — komm.«
Und ohne ihr weiter Zeit zu einem Einwand zu lassen, kletterte er voran die Leiter hinunter und schrittdann, von dem zitternden Mädchen dicht gefolgt, die Straße hinauf, der Wohnung des Alkalden zu.
Es war allerdings jetztkeineBesuchszeit in den Tropen, und der würdige Friedensrichter denn auch noch mitten in seiner Siesta, welche er in der, nach dortiger Landessitte kurz geschlungenen Hängematte halb sitzend, halb liegend verträumte. Rigoli schien aber nicht gesonnen, sich bei Kleinigkeiten und leeren Ceremonialformen aufzuhalten. Den Neger, der ihm unten den Aufgang verweigern wollte, schob er einfach bei Seite und hatte denn auch die Genugthuung, ihr gesetzliches Oberhaupt bald völlig erwacht, wenn auch nicht eben sehr erfreut, in der Hängematte sitzen zu sehen, um zu hören was er verlange.
»Ich habe Sie gestört, Señor Alkalde,« sagte der kleine Mann, der den Sturm allein versucht hatte, denn Eva wäre unter keiner Bedingung zu bewegen gewesen, ihm dahinauf zu folgen.
»Das haben sie allerdings, Señor Rigoli,« versicherte der Alkalde mit einem nichts weniger als freundlichen Gesicht, »und die Sache muß in der That sehr wichtig sein, daß Sie einem Manne, der ununterbrochen von schweren Geschäften geplagt ist, die einzige kleine Ruhe seiner Siesta kürzen.«
»Bitte um Verzeihung, Señor,« sagte Rigoli ohneweitere Umstände, »aber die Sache ist allerdings wichtig, denn es handelt sich hier darum, ob wir noch ein Gesetz im Lande haben, oder nicht.«
»Lieber Meister Rigoli,« sagte der Alkalde, durch die Anrede in seiner Laune eben nicht gebessert — »ich bin schon so ziemlich daran gewöhnt, daß Sie sich fortwährend um Sachen bekümmern, die Sie eigentlich gar Nichts angehen. Was ist nun wieder?«
»Die Sache, Señor,« sagte der kleine Italiener gereizt, »gehtjedenBürger an, denn wenn ich unter einer despotischen Regierung hätte leben wollen, so wäre ich lieber in meiner eigenen Heimath geblieben.«
»Sie hätten wirklich besser daran gethan.«
»Meinen Sie?« rief Rigoli ärgerlich, »aber wir wollen uns nicht wieder zanken,« setzte er ruhiger hinzu. — »Die Sache selber ist auch zu ernst, denn sie betrifft unserer Aller Freiheit — die Menschenrechte eines ganzen Volkes, die hier — vielleicht ohne Ihr Wissen — verletzt werden.«
»Da wäre ich doch begierig — aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, Señor.«
»Mit Vergnügen,« sagte Señor Rigoli, der sich um Alles nicht hätte etwas vergeben mögen. — »Und nun zur Sache: Sie wissen doch, daß hier ein Neger im Gefängniß sitzt.«
»Ich habe ihn selber einsperren lassen. Er war seinem Herrn entlaufen,« sagte der Alkalde ruhig.
»So besteht also in Ecuador, trotz den dagegen erlassenen Gesetzen, noch immer die Sclaverei?« rief Rigoli rasch.
»Bitte um Verzeihung,« erwiderte der Alkalde — »er ist nicht der Sclave, sondern nur der Diener seines Herrn, bis er diesem die schuldige Summe abgearbeitet hat.«
»Wenn ich also irgend Jemandem ein paar Thaler schuldig bin — oder umgekehrt, Señor Alkalde,« sagte der kleine Schneider, »wennmirJemand einen ähnlichen Betrag schuldete, so wäre ich eben so berechtigt, den besagten Herrn inDienstzu nehmen und ihn — wenn er nicht gehorchte, einsperren zu lassen, wie?«
Der Alkalde bekam einen etwas rothen Kopf, denn die Frage war zu deutlich gestellt gewesen, als daß er sie nicht hätte auf die 52 Dollars beziehen sollen, die er selber dem vor ihm Sitzenden noch schuldete.
»Señor,« sagte er, aber doch etwas verlegen, »Sie vergessen, daß ein solches Gesetz nur für Neger und frühere Sclaven Kraft haben kann; es ist wenigstens noch nie auf einen Caballero angewandt worden, oder könnte auf ihn angewendet werden.«
»Und das nennen Sie eine Republik.«
»Bah, sein Sie vernünftig — einen Unterschied muß es nun einmal in der Welt geben, und wo man keine Schwarze hat, bildet, wie Sie mir selber erzählt haben, ein Theil derWeißendas Proletariat.«
»Aber ich habe gehört, daß jener Señor, der sich einen Francoschen Offizier nennt, und eher aussieht wie ein durchgegangener Schulmeister, die Absicht haben soll, seinenDiener, wenn Sie denn so wollen, zu verkaufen?«
»Er kann ihn nichtverkaufen,« bemerkte der Alkalde kopfschüttelnd, »das würde direkt gegen die Gesetze verstoßen, aber er mag ihn an einen Anderen, der ihm die ausgelegten Gelder zurückerstattet,abtreten.«
»Danke Ihnen — und ist das etwas Anderes alsverkaufen?«
»Lieber Freund,« sagte der Alkalde, dem das Gespräch unangenehm wurde, »ländlich, sittlich — Sie sind mit unseren Gebräuchen noch zu wenig bekannt, um die inneren Triebfedern zu erkennen, durch welche die Staatsmaschine in Gang gehalten wird.«
»Und nennen Sie eineUmgehungder Gesetze eine innere Triebfeder?«
»Es war ein Irrthum, dessen sich die Gesetzgeber schuldig machten,« bemerkte der Ecuadorianer trocken,»die Sclaverei völlig abzuschaffen, und wir thun nur unsere Schuldigkeit, wenn wir den einmal begangenen und unwiderruflichen Fehler soviel als möglich gut zu machen suchen.«
»Caracho!« rief der kleine Italiener, »das heißt ehrlich gesprochen, und eigentlich hätte ich einen anderen Namen dafür. — Aber damit kommen wir nicht zur Sache. Unter welchen Bedingungen wird der gefangene Neger wieder freigegeben?«
»Sobald er seine eingegangene Schuld bezahlt,« lautete die Antwort. »Derartige Leute benutzen aber höchst selten die ihnen durch unser Gesetz verstatteten drei freien Tage in jeder Woche, um für sich selber zu arbeiten, und ihre eingegangenen Verpflichtungen abzutragen.«
»Und wie kann er arbeiten?« rief Rigoli rasch, »wenn sein Herr die ganze Zeit mit ihm im Lande umherzieht, und ihm die Feiertage nicht einmal anrechnet, um seine Heimath zu besuchen?« — Der Alkalde zuckte die Achseln.
»Das ist allerdings ein Punkt,« sagte er, »den das Gesetznichtvorgesehen hat, denn ich sehe keine Möglichkeit um einencaballerozu zwingen, ruhig an einer Stelle zu bleiben, damit der ihm verschuldete Diener Geld in der Nachbarschaft verdienen kann.«
»Und wie viel beträgt des Burschen Schuld jetzt?«
»Soviel ich weiß einige vierzig Thaler,« erwiderte der Richter — »jedenfalls über ein Jahrlohn — und wenn es nureinund vierzig sind, hat er ein Recht ihn zur Arbeit anzuhalten.«
»Und wenn das Geld in einigen Tagen bezahlt wird?«
»Ich weiß doch nicht recht,« sagte der würdige Richter etwas verlegen, »ob der Señor damit gezwungen werden kann, seine Rechte auf dieJahresarbeitdes Burschen aufzugeben, denn er hat keine weiteren Zinsen von dem ausgelegten Capital.«
»So? —daswollen wir denn aber einmal sehen,« rief der kleine Italiener, in vollem Ingrimm von seinem Stuhl emporspringend. — »Wenn das die neuen Gesetze sind, die der verdammte Mulattengeneral in unserem Lande geben will!«
»Señor Rigoli,« unterbrach ihn der Alkalde erschreckt, »wissen Sie, daß Sie von unserer höchsten Obrigkeit sprechen, und ich eigentlich gezwungen wäre —«
»Zum Henker mit unserer ganzen Obrigkeit,« beharrte aber der unverbesserliche kleine Schneider, der nicht den geringsten Respekt, weder vor dem Präsidenten noch vor dem Alkalden zeigte. — »Wenn es denn somit uns steht, dann will ich doch sehen, ob nicht dasVolkeinmal gelegentlich die Sache in die Hand nehmen kann, und woSiedann bleiben, Señor, und der Padre mit Einschluß Ihres Franco'schen Generals, darauf bin ich nachher selber neugierig.«
»Señor Rigoli, Sie werden mich noch zwingen, ernstere Maßregeln mit Ihnen zu ergreifen.«
»Ach Papperlapapp,« sagte der Italiener verächtlich, »drohen gilt nicht, aber das versichere ich Sie, Señor, wird das Geld herbeigebracht, und der Schwarzenichtfreigelassen, dann zettele ich Ihnen hier eine Negerrevolution an, die sich gewaschen hat, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir die Francosche Wirthschaft nicht auch bei der Gelegenheit auseinanderjagen können.«
»Señor Rigoli!« rief der Alkalde und fuhr aus seiner Hängematte in die Höhe, aber der kleine Italiener nahm keine Notiz mehr von ihm, stülpte seinen Hut auf und verließ ohne Weiteres das Haus.
In ängstlicher Furcht hatte indessen das arme Negermädchen unten auf den Erfolg der Unterredunggewartet, und die lauten, ärgerlichen Stimmen oben konnten sie wahrlich nicht dabei beruhigen. — Jetzt endlich kam der weiße Mann zurück — aber er sah erhitzt und ärgerlich aus. Sie wagte nicht einmal ihn zu fragen, welche Hoffnung sie fassen dürfe. Der kleine Italiener ließ sie aber nicht lange in Ungewißheit.
»Nimm Deinen Bruder, Schatz,« sagte er, »und mache daß Du nach Cachavi zurückkommst und Dein Geld holst — ich würde es Dir selber borgen, aber die Lumpen hier zahlen so schlecht, daß man kaum landesübliche Münze genug für Bananen und Chocolade im Haus behält. Hast Du ein Canoe?«
»Noch nicht, Señor,« sagte das Mädchen schüchtern; »aber die Señora Bastiano borgt mir gewiß das ihrige.«
»Gut dann; Du könntest meines kriegen, aber am Bug ist ein Stück herausgebrochen, und muß erst wieder gemacht werden — das soll aber jetzt gleich geschehen, denn ich weiß nicht, wie bald ich es selber brauchen werde. Wann willst Du fort?«
»Gleich, Señor — der Weg ist weit,« sagte das junge Mädchen, »sobald ich nur das Canoe habe.«
»Noch eins — wie viel Geld hast Du denn eigentlich, Schatz?«
»Es werden wohl 46 Dollars sein,« erwidertezitternd das arme Kind — »glauben Sie, daß es genug ist, um den armen Josézu befreien?«
»Genug? sicher!« rief der kleine Italiener, sich vergnügt die Hände reibend — »und sag' dem Alkalden in Cachavi nur, zu welchem Zweck Du es willst, und daß sie hier Deinen Liebsten als Sclaven halten, dem Gesetz zum Trotz. — Und wenn Du zurückkehrst, so komme gleich zu mir, und ich bringe die Sache in Ordnung, darauf kannst Du Dich verlassen. Verstanden?«
»Oh wie soll ich Euch je dafür danken, Señor?«
»Danken? für was?« brummte der kleine Mann vor sich hin — »wenn ich Dir das Geld geben könnte, hättest Du Ursache dafür — so nicht — mach' nur, daß Du fort kommst.«
Eva ließ sich das nicht zweimal sagen, und flog die Straße hinab der Wohnung der »Señora Bastiano«, einer würdigen Negerdame, zu. Allerdings machte diese noch einige Schwierigkeiten, denn sie wollte morgen oder übermorgen selber nach dem Pailon hinüber fahren, um dort einige alte Freunde zu besuchen, da ihr aber das junge Mädchen fest versprach, bis spätestens übermorgen wieder zurück zu sein, ließ sie sich endlich erbitten, und kaum zwei Stunden später, nachdem Eva noch von José Abschied genommen, undseine Seele mit freudiger Hoffnung erfüllt hatte, saßen die beiden Geschwister, Eva und ihr Bruder Tonio, im Canoe, ruderten den Santiago hinab, bis zu der nächsten Landspitze und bogen dann in den Bogota ein, um hier ihre beschwerliche und ermüdende Fahrt gegen die Strömung zu beginnen.
Aber Eva kannte keine Ermüdung; der freundliche Italiener hatte die beiden Geschwister auch noch außerdem mit Mundvorrath versehen, daß sie nirgends anzulaufen brauchten. Frisches Wasser quoll ebenfalls um sie her, denn bis hierher reichte die Fluth des Meeres nicht, und rüstig und unverdrossen ruderten sie bis zu der Mündung des Cachavi, wo dann die Strömung des wohl kleineren, aber viel reißenderen Flusses so mächtig wurde, daß sie zu ihren Stangen greifen mußten. Aber unermüdlich arbeiteten sie vorwärts, die ganze Nacht hindurch und noch stand am nächsten Tage die Sonne hoch am Himmel, als sie das kleine Negerstädtchen, wo früher ihre Eltern gewohnt, erreichten.
Eva hatte hier keine Schwierigkeit, das ersparte Geld von dem Alkalden zu bekommen, denn diese Leute speculiren nicht mit den ihnen anvertrauten Capitalien. Das Geld hing wohlverwahrt in einem Beutel von weißem Baumwollenzeug an einer etwas verstecktenStelle unter dem Dach und war rasch herbeigeholt; aber der Alkalde, ein alter greiser Neger, der früher selber Sclave gewesen, und durch das Emancipationsgesetz befreit worden, hatte mehr von der Welt gesehen, als das junge Mädchen, und schien dem unerfahrenen Kinde nur ungern den mühsam genug verdienten und aufgespeicherten Schatz anzuvertrauen.
Er kannte die Leute, die sichcaballerosnennen, durch und durch, und wäre am liebsten selber mit nach Concepcion hinab gefahren, um bei dem dortigen Alkalden die Sache in Ordnung zu bringen — aber es ging nicht. Seine Frau war wieder krank und eine Tochter lag am Fieber darnieder, und dann erwarteten sie jetzt auch mit jedem Tage die indianischen Träger von Ibarra, die ihnen eine Menge neuer Waaren bringen sollten, bei deren Verkauf er jedenfalls zugegen sein mußte. Kurz es ging eben nicht an, und er mußte das junge Mädchen ihrem Schicksal überlassen.
Diese wäre am liebsten auch gleich an dem nämlichen Abend wieder aufgebrochen, um auch nicht eine Stunde so werthvoller Zeit zu versäumen, aber ihr überdieß schwächlicher Bruder war durch die ungewohnte Anstrengung so erschöpft, daß er einer Nacht Schlaf nothwendig bedurfte. Der Alkalde selber litt ebenfalls nicht, daß sich das junge Mädchen so übermäßiganstrenge, sie mußte deshalb bei ihm übernachten, aber mit Tagesgrauen war sie wieder auf, röstete für sich und Tonio ein paar Bananen zu Frühstück und Mittagessen, und ging dann selber zu dem Canoe hinab, um dieses, das die Nacht über stets hoch an Land hinaufgezogen werden mußte, da der Fluß oft so plötzlich steigt, flott zu bekommen.
Ihr Bruder packte indessen oben die Bananen ein, und der alte Alkalde war selber mit zum Fluß gekommen, um nachzusehen, daß sie ihr Geld gut verwahre, und ihr Glück auf die Reise zu wünschen.
Dem jungen Mädchen war bei der Arbeit — das Canoe allein über das Geröll in's Wasser zu schieben — warm geworden, und sie hatte ihr leichtes Oberkleid ab und in's Canoe geworfen, der kurze dünne Kattunrock reichte ihr dabei kaum bis über's Knie. Aber ihr Gesicht strahlte vor Freude, denn heute noch — heute, konnte sie den Geliebten befreien, durfte ihn selber aus seinem dumpfen Kerker in die liebe Gottesnatur hinausführen, und das Herz hätte ihr fast zerspringen mögen vor Lust und Seligkeit.
Mit viel geringerem Eifer kam ihr Bruder, von dem Alkalden begleitet, zum Ufer herunter. Ihm wäre es weit lieber gewesen, wenn er hier oben, in seiner Vaterstadt, ein paar Rasttage hätte machendürfen, und von der übermäßigen Anstrengung gestern thaten ihm außerdem noch die Arme weh.
Eva sah, wie er nur zum Ufer herabkam, seine betrübte Miene und lachte ihn fröhlich an.
»Da, setz' Dich vorn hinein in's Canoe und mach' es Dir bequem, Tonio — ich brauche Dich heute nicht zum Rudern, denn der Fluß trägt uns allein schon rasch zu Thal.«
»Und hier ist Dein Geld, Mädel,« sagte der Alkalde, indem er der jungen Dirne den Beutel reichte, »verwahre es gut und laß es nicht in's Wasser fallen.«
»Ich bin ja doch kein Kind mehr, Señor,« sagte die Jungfrau, indem sich ein leises Erröthen über ihre dunklen Züge stahl, »seht — hier schlag' ich es fest in das Tuch, und wenn ich auch schwimmen müßte, so kann's nicht verloren gehen.«
Damit nahm sie sich ein seidenes, buntes, aber schon lange verblichenes Tuch, das ihr Joséeinmal in früherer Zeit geschenkt, vom Hals, faltete das Geld hinein, verband die beiden Enden dicht mit im Canoe liegenden Bast und schlug es sich dann um die schlanke Hüfte. — »So — undnocheinen Knoten, und nun dürft Ihr sicher sein, daß ich es nach Concepcion bringe.«
»Dann mit Gott, mein Kind,« sagte der alteNeger. »Du bist ein rechtschaffenes und braves Mädchen, und verdienst dereinst glücklich zu werden. Hast Du Deinen Joséaber befreit, dann bleibe nicht in Concepcion zwischen den vielen Weißen — sie hassen uns, wenn sie sich's auch nicht immer merken lassen. — Kommt herauf zu uns nach Cachavi — zu verdienen giebts hier immer, und daß Du an mir einen treuen Freund hast, weißt Du ja.«
»Dank Euch, Señor — Dank Euch recht vom Herzen — ich werde die freundlichen Worte nie vergessen, die Ihr zu der armen Waise gesprochen,« sagte die Jungfrau, — »und Gott nur weiß, wie bald wir Eure Hülfe in Anspruch nehmen müssen. Geht aber Alles gut, und bleibt Joséund ich gesund, dann hoff' ich, gründen wir uns auch unseren eigenen Heerd, ohne irgend Jemandem zur Last zu fallen. Wir sind Beide jung und kräftig und der Herr da oben wird ja weiter helfen. — Alles in Ordnung, Tonio?«
»Alles, Eva,« sagte der junge Bursch, der sich behaglich vorn in dem Canoe ausstreckte — »stoß ab, daß wir vielleicht in der Hitze ein Bischen in den Schatten fahren können.«
Das Mädchen trat, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dem Canoe hinaus in die klare Fluth, um das schwanke Fahrzeug von den letzten Steinen, aufdenen es noch auflag, los zu heben, als ein scharfer, gellender Schrei vom oberen Theil des Stromes niederschallte, und rasch in dem Dorfe selber an mehreren Stellen beantwortet wurde.
»Halt, Mädel! Halt!« rief der alte Alkalde rasch und erschreckt — »die Wasser kommen. Hab' ich es mir doch fast gedacht, denn es donnerte tüchtig gegen Morgen, und oben in den Gebirgen ist ein starker Regen gefallen.«
»Desto rascher kommen wir hinab,« lachte aber das tollkühne Ding, indem sie ihr Canoe mit starker Hand in den Strom hineinstieß, und selber nachsprang.
»Caramba, Eva,« rief ihr Bruder erschreckt, indem er sich mit beiden Armen an dem Rand des Canoe emporrichtete. — »Du willst doch nicht etwa fahren, wenn die Wasser kommen?«
»Und warum nicht?«
»Das ist Thorheit, Mädel!« schrie der Alkalde, indem er selber in die Fluth hineinsprang, um das Canoe noch zu erfassen und zurückzuziehen.
»Zu spät!« lachte aber Eva, indem sie ihr Ruder schon gegen die Steine gesetzt hatte, und das schlanke Boot mit scharfem Druck in den Strom hinaustrieb. — »Wir können ja auch Beide schwimmen, und schlägt das Canoe gar um, bringen wir's schon wieder in dieHöh'. Adios, Señor, adios! Habt keine Sorge um uns. Ich weiß ein Ruder zu führen. Hei, da kommt die Woge! Jetzt, Tonio, liege still und rühre und rege Dich nicht. — Adios, Señor, auf Wiedersehen in Cachavi!«
Vom Strande nieder stürzten eine Masse schwarzer Gestalten nach dem Flußufer, um ihre dort angebundenen Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen, denn rasend schnell steigt oft das Wasser in diesem kleinen, den mächtigen Bergen entquellenden Strome. Unten im Thal ist vielleicht das schönste, sonnigste Wetter, und das Wasser des Cachavi selber, so klar wie Krystall, murmelt still dahin in der eingeengten Bahn. Aber weiter oben hat der Sturm seinen Tanz gehalten, und die Wolken haben ihre Sturzfluth über die Hänge entladen, an deren steilen Abdachungen nieder Bach an Bach in die Hauptader hinabspringt. Den Lehm aber wuschen sie mit, und nicht allmählig wächst der Fluß dann an, nein, so gewaltsam und mit einem Guß, wie ihm die Massen zugetheilt wurden, so wälzt er sie in einer hohen, lehmfarbenen Woge die Bahn entlang, und hinter dieser braust und kocht schäumend die Sturmfluth, nicht selten Felsblöcke aus ihrem Bett drängend und mit sich fort führend.
Sie kann auch nicht heimlich nahen. Schon vonweitem hört man ihr dumpfes Brausen, und wie sie die Bäume schüttelt und Busch und Strauchwerk tief hineintaucht in ihre kochenden Wogen; wahrhaft unheimlich sieht es aus, wenn die hohe gelbe Welle sich überstürzend in den klaren Strom hineinpeitscht, und wenn sie, darüber hinrollend, die zurückgelassene Fluth in flüssigen Lehm verwandelt.
Der Fluß steigt in einem solchen Falle oft drei bis vier Fuß in wenigen Minuten und führt mit Pfeilesschnelle auf seiner Oberfläche dahin, was er sich losgespült. Indianer und Schwarze aber, die an seinem Ufer wohnen, flüchten, wenn sie sich gerade in ihren Canoes befinden, in wilder ängstlicher Eile an Land und ziehen ihre Fahrzeuge hinter sich her, bis sie dieselben in sicherer Entfernung von den rasenden Wassern wissen.
Nun wußte der alte Alkalde allerdings, daß ein Mensch, wenn er sein Ruder gut gebrauchen konnte, wohl im Stande wäre, die Mitte der Strömung zu halten, und aufkochende Wirbel zeigten immer schon voraus, wo ein vom Wasser kaum bedeckter Felsen ihm hätte Gefahr bringen können. Aber das schwache Mädchen — warsieim Stande, das Canoe zu steuern, und wenn ihr die Kraft gebrach — sie kannte die Gefahr gar nicht, von einer solchen Fluth erfaßt zu werden,gegen die keine Menschenkraft im Stande gewesen wäre anzuschwimmen. Wenn ihr Kopf gegen einen Felsen traf —
Aber zu spät kamen alle Warnungen und Zurufe; das tolle Mädchenwolltenicht hören, und hochaufgerichtet, das Ruder im Wasser haltend, das Antlitz aber der heranstürmenden gelben Woge zugewandt, um ihr mit voller, ungeschwächter Kraft entweichen zu können, stand sie da. Sie wußte, daß die Gefahr schon halb vorüber war, sobald sie nur die erste hohe Welle verhindert hatte ihr die Fluth in das Canoe zu werfen — jetzt kam sie heran — das Ruder setzte sie ein, daß es sich von dem Drucke bog — fort schnellte das Canoe, hinter ihr die gelbe drohende Masse — aber das Wasser, das so vorausdrängte, hob das Hintertheil des leichten Fahrzeugs, jetzt faßte es die Woge und drohte den Bug vorn in den Grund zu bohren, Tonio stieß einen Angstschrei aus, und hielt sich krampfhaft an dem Bootrand fest.
»Gewonnen!« jubelte da die wilde Schifferin, indem sie den linken Arm emporwarf, aber keine Zeit blieb ihr jetzt weitere Zeichen zu geben, denn ihre ganze Gewandtheit erforderte die Regierung des Bootes, das sie mit kundiger Hand inmitten der furchtbaren Strömung zu lenken wußte.
Und es war ein wunderbar schönes, wenn auch wildes Bild.
Hochaufgerichtet im Canoe, den schlanken, üppigen und rabenschwarzen Oberkörper nackt bis zum Gürtel, mit jeder Muskel in voller Thätigkeit, stand die Jungfrau. Das wollige, in kleine Zöpfe geflochtene Haar flatterte im Wind, die dunklen, seelenvollen Augen glühten im Triumph über ihr gewonnenes Wagestück, die vollen rothen Lippen hatte sie trotzig aufgeworfen, daß zwei Reihen perlengleicher Zähne sichtbar wurden, und das lange Ruder mit voller Sicherheit, und dadurch auch mit Ruhe führend, glitt sie wie eine schwarze Najade über die schäumende Fluth.
Die zum Strome hinabgesprungenen jungen Männer hatten ihr anfangs erschreckt und sprachlos nachgesehen, denn keiner von allen zweifelte daran, daß die erste und schwerste Sturzfluth auch ihr Schicksal besiegeln und das Canoe rettungslos senken und füllen müßte. Wie es sich aber hob und sank und wieder hob, und die schlanke Gestalt des Mädchens fest und unerschüttert in ihrem Nachen stehen blieb, da donnerte ein lauter Jubelruf der Bewunderung und des Beifalls hinter ihr her, und ein leichtes Lächeln flog über ihre schönen Züge, als er ihr Ohr erreichte. — Aber schon hatte sie die nächste Biegungdes Stromes erreicht — wie ein Pfeil glitt der Kahn, von der stürzenden Fluth getragen, dahin — ihr Ruder begegnete der Kraft, die sie an das jenseitige Ufer zu werfen drohte — sie hielt die Mitte des Stromes, und wenige Secunden später war auch der Schrei schon in weiter Ferne verhallt, und hoher, mächtiger Urwald umgab sie an allen Seiten.
Tonio, der kleine schwarzbraune Bursche, dem aber der Muth der Schwester vollständig gebrach, hatte mit Entsetzen sich zum Theilhaber eines Wagestücks machen sehen, das ihm die krause Wolle zu Berge trieb. Mit beiden Händen fest an den Rand des Canoes geklammert, erwartete er auch nichts Geringeres, als dieses sinken und umdrehen zu sehen, wobei sie selber dann, wenn sie an's Ufer schwimmen wollten, gegen die noch immer hier und da aus der gährenden Fluth vorragenden Felsböcke geschleudert und elend zerschellt werden würden. Er war sich auch in dem Augenblick wirklich noch nicht einmal recht klar, ob die Schwester ihr Fahrzeug muthwillig in den Strom hinausgestoßen, oder ob die Sturzfluth sie in ihrem wilden Ansturm vom Ufer losgerissen habe, und das Canoe jetzt, grimmig spielend, seinem Verderben entgegen wirbelte. — Aber es behielt seine Richtung — es schwankte wohl unter den nachpressendenWellen und tanzte auf und ab, aber der schlanke Bug vermied sorgfältig jede Gefahr, die ihm durch Felsen oder treibendes Holz drohen konnte und hoch und aufgerichtet, mit den blitzenden Augen jeden gefährlichen Punkt bewachend und ihm ausweichend, stand Eva im Rücktheil des Bootes.
Die ersten Wellen hatten dabei wohl ihre Spritzkämme an Bord gesandt und eine Menge Wasser hineingeworfen, das gleich anfangs keine Zeit blieb zu beseitigen. Jetzt aber war die erste Gefahr überwunden, und sich völlig bewußt der weiteren Fahrt auch ruhig begegnen zu können, wandte sie ihre Aufmerksamkeit auch wieder dem Boote zu.
»Komm, Tonio,« sagte sie lachend, »rutsch ein Stückchen weiter zurück zu mir, daß ich das Wasser im Canoe unter die Füße bekomme. Was fürchtest Du Dich, Muchacho, Du weißt ja doch, daß ich ein Canoe zu führen verstehe.«
»Ja, aber Eva,« klagte der Knabe, indem er jedoch dem Befehl Folge leistete, »was fiel Dir denn auch ein, in den Strom hinauszustoßen, wo die Fluth kam. Wenn ich das vorher gewußt hätte, wär' ich gewiß nicht mit Dir gefahren.«
»Du bist gar nicht wie ein Junge, Tonio,« sagte das junge Mädchen lachend, indem sie den rechtenFuß im Canoe feststellte, und dann mit dem linken das im Canoe stehende Wasser faßte, und es so gegen ihr rechtes Bein schnellte, daß es hoch aufspritzend über Bord flog. Mit sechs, acht Streichen hatte sie das kleine Fahrzeug vom Wasser klar, und das bischen Nässe, das zurückblieb — bah, was schadete das den bloßen Füßen der Maid; ja, es kühlte sie eher, indem es darüber hinwusch.
Aber jetzt erforderte der Fluß auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit, denn noch war er nicht hoch genug gestiegen, um die darin liegenden Stromschnellen völlig auszugleichen, und vor ihr lag eine Stelle, in der die gelbe Fluth gurgelte und zischte, und überall verrätherische, unter dem Wasser lauernde Felsen kündete.
»Setz' Dich, Eva,« bat Tonio, »wenn das Canoe einen Stein streift, fliegst Du hinaus und kannst Dir Schaden thun.«
»Wenn ich sitze, seh' ich die Felsen nicht,« entgegnete aber die wackere Bootführerin, »hab' keine Angst, Herz, ich führe Dich sicher hindurch. Ist es denn das erste Mal, daß ich durch solches Wasser steuere?«
Im nächsten Moment brodelte und schäumte die Fluth um den Bug und wie es die Wellen faßten,rieb der flache Boden ein paar Mal auf den glatten Steinen. Aber Eva hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie dem Bruder versicherte, sie führe durch, was sie begonnen. Jetzt lag das Ruder zwischen ihren Füßen und mit einer leichten, aber zähen Stange, die sie aufgegriffen, lenkte sie den Lauf des Canoes so geschickt, daß es auch nicht ein einzig Mal die Seite den gefährlichen Stellen bot. Blitzesschnell aber schoß das leichte Fahrzeug in den aufgeregten Wassern seine Bahn dahin, und Secunden brauchten sie dazu, um Stellen zu passiren, gegen die sie gestern noch, mit Anspannung aller ihrer Kräfte halbe Stunden lang anarbeiten mußten.
Erst aber nur einmal eine einzige Legua zurückgelegt, und die Gefahr war vorüber; das Wasser fing an sich wieder zu beruhigen — es stieg wohl noch, aber nur langsam, und mit unermüdeter Kraft trieb Eva ihren Nachen weiter.
Nur ein einziges Mal landeten sie auch unterwegs, und zwar an einer Stelle, wo ein alter Neger, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, den Urwald gelichtet und einen Platanar angelegt hatte, und der Alte ließ sie nicht fort, ehe sie nicht einen Becher Chokolade bei ihm getrunken hatten. Aber dann ging es auch weiter, und Tonio mußte jetztebenfalls sein Ruder nehmen, um noch rascher das Ziel zu erreichen.
Am Cachavi selber trafen sie überhaupt wenig gelichtete Punkte — das tiefer gelegene Land war fruchtbarer, und als sie den ruhigern Bogota erreichten, schien es ordentlich, als ob sie die Wildniß hinter sich gelassen hätten. Noch mußten sie allerdings weite Strecken Wald passiren, aber dann lichtete sich dieser plötzlich, und die breitblätterigen Bananen schüttelten ihre edel geformten Wipfel bis dicht über die, steil unter ihnen abfallende Uferbank. Hochstämmige Cocospalmen ragten mit ihren gefiederten Kronen über die darunter versteckten Wohngebäude der Menschen, und Cacao- und Baumwollenpflanzungen bewiesen, daß auch derfreieNeger, wo ihm zu seiner Entwicklung nur Raum gegeben wird, dem Boden mehr abzuringen weiß, als er zu seinem eigenen Bedarfe braucht.
Aber wenig genug beachtete das junge Mädchen diese Anfänge der Civilisation, diese Zeichen regen Fleißes, und nur dann und wann haftete ihr Blick hier und da auf einer freundlicher gelegenen Hütte, aus deren Schattenbäumen vielleicht eine Fülle goldiger Orangen hervorleuchtete, während zahmes Vieh am Ufer des Flusses weidete, denn so hatte sie sich ihre eigene Heimath oft und oft in stillen Stundenausgemalt, und ein schwerer Seufzer hob dann wohl ihre Brust, wenn sie daran dachte, wie lange sie Beide — sie und ihr José, wohl noch hart und bitter arbeiten müßten, ehe sie das ersehnte Ziel erreicht. — Aber der Arm ruhte dabei auch keinen Augenblick — je näher sie der Mündung des Bogota in den Santiago kamen, desto schärfer griff sie aus, denn jede Viertelstunde, die sie hier versäumte, verlängerte ja auch die Kerkerhaft des Geliebten.
Endlich sah sie das breite, klare Wasser des schönen Stromes vor sich — um die Landzunge bog der Bug ihres Canoes, und dort voraus schimmerten wieder die weißen Häuser von Concepcion im Sonnenlicht.
Oh wie bog sich ihr Ruder gegen die Strömung des Santiago jetzt an, um die kurze Strecke dort hinüber zurückzulegen, und wie trieb sie den Bruder an, den sie bis jetzt so viel als möglich geschont, um sie in dieser letzten kurzen Fahrt zu unterstützen. Er theilte ihre Eile gar nicht, denn dort wartete nur wieder die Werkstatt des kleinen Italieners auf ihn, der er gar so gern noch eine kurze Zeit entgangen wäre — aber die Schwester ließ ihn nicht. Aus allen Kräften mußte er sich in's Ruder legen, und kaum berührte ihr Canoe den Sand, unterhalb der Stadt, als sie auch schonmit flüchtigem Satz an's Land sprang, Tonio die Sorge um das Canoe überlassend.
Kaum nahm sie sich dabei Zeit, ihr Oberkleid wieder umzuwerfen, so drängte es sie, dem Geliebten die Kunde seiner baldigen Freiheit zu bringen, und rasch hatte sie auch das Gefängniß erreicht, aber — ein eisiges Gefühl ergriff ihr Herz, als sie das niedere, unheimliche Gebäude schon von weitem erblickte, denn — die Thür stand offen. — Hatten ihn dieWeißenfrei gelassen, oder war er —
Ueber den Plan schlenderte der Schließer des Gebäudes, ein alter mürrischer Neger mit einem, von den Blattern ganz zerrissenen Gesicht. — Sie kannte ihn.
»Oh Pedro!« rief sie ihn mit zitternder Stimme an — »wo — wohin habt Ihr Joségethan?«
»José?« antwortete der Alte mürrisch — »sein Herr ist mit ihm heute Morgen den Strom hinab gefahren. — Was weiß ich, wohin.«
Eva's Herzblut stockte bei der furchtbaren Kunde. — So war alle Mühe und Aufopferung umsonst gewesen und José — der unglückliche José auf's Neuefür sie verloren. Im ersten Augenblick stand sie auch wirklich regungslos und keines Gedankens fähig an derselben Stelle, nur von dem Gefühl ihres Unglücks, ihrer Verlassenheit erfüllt, und der alte Pedro war lange in den Schatten seiner eigenen Wohnung zurückgekehrt, ehe sie einen neuen Entschluß fassen konnte, was nun zu thun — wie zu handeln.
Rigoli — der kleine freundliche Weiße — er blieb jetzt ihre einzige Hoffnung, und wenige Minuten später stand sie in seiner Wohnung.
Der Italiener war allerdings auf's Aeußerste überrascht, sie schon wieder in Concepcion zu sehen, und wollte es kaum glauben, daß sie in der Zeit nach Cachavi hinauf und wieder zurückgerudert sein könne. Aber das mitgebrachte Geld, das sie ihm zeigte, ließ keinen Zweifel mehr, und Rigoli, der indessen den Gefangenen nicht aus den Augen verloren, erging sich nun erst für kurze Zeit in einer Reihe der lästerlichsten Verwünschungen gegen den schuftigen Guajaquilenen, jenen Francoschen Offizier, und gegen den Alkalden selber, der mit ihm jedenfalls unter einer Decke stecke. Eva, die ihn dabei mit keiner Sylbe unterbrach, erfuhr nun, daß er gestern noch einmal bei dem Alkalden gewesen sei, und dort einen heftigen Auftritt mit diesem gehabt habe, als er hörte, daß sich der angeblicheOffizier zur Abreise bereit mache. Er verlangte, daß dieser die Rückkunft des abgesandten Boten erwarten solle, der abgegangen wäre um die Summe für den Loskauf des Gefangenen herbeizuholen — ja er erbot sich sogar selber Bürgschaft für die Zahlung des Geldes zu leisten — Alles aber vergebens. Der Guajaquilene behauptete, daß er seinenDienerjetzt gerade nothwendig brauche, da er an den Pailon hinüber und von dort durch den Wald wieder nach Concepcion zurückkehren wolle. Er wisse aber nicht, ob er dort sicher einen Träger bekommen könne. Wenn er zurückkehre und das Geld wirklich bezahlt werde, so ließe sich weiter über die Sache sprechen.
»Und kehrt der Weiße wirklich hierher zurück?«
»Der Teufel trau' ihm!« rief Rigoli heftig aus — »möglich ist's, aber sicher in keinem Fall, denn was ich mir über die Sache denke, so ist dieser vorgebliche Franco'sche General weiter Nichts als ein ganz gewöhnlicher Landspeculant, der die Gegend hier abschnüffeln will, ob er irgendwo einen vortheilhaften Kauf machen kann, ohne Schwielen dabei in die Hände zu bekommen. Wenn er den Joséaber hier nicht an den Padre abtreten darf, so verkauft er ihn unterwegs, wo er die erste beste Gelegenheit bekommt, und ein paar hundert Dollars daran verdienen kann. Dienöthigen Papiere sind ja leicht genug fabricirt, und wenn er dem armen Jungen, der natürlich weder schreiben noch lesen kann, etwas von baldiger Freiheit vorschwatzt, malt der sein Zeichen unter irgend einen Wisch, den er ihm vorlegt.«
»Armer José,« hauchte das zitternde Mädchen.
»Wenn wir einen anderen Alkalden hätten, als diesen Holzklotz von einem Menschen,« zürnte der kleine Italiener, »so wäre so etwas ganz unmöglich gewesen. Aber mache einmal etwas gegen diesen — ich hätte bald was gesagt. Er blieb dabei, daß kein Gesetz des ganzen Staates irgend einen weißen und freien Mann zwingen könne, seine Reise aufzuschieben, und fort ist er jetzt an den Pailon — ich hab' ihn nicht halten können.«
»Und wenn ich ihm dort das Geld für Josébrächte,« rief das Mädchen plötzlich, von einem neuen Gedanken ergriffen, »müßte er ihn dort nicht frei geben?«
»Hm,« sagte Rigoli — »aber Du kannst nicht allein an den Pailon gehn — Du kennst ja Niemand dort.«
»Die Señora Bastiano fährt heute oder morgen dorthin ab. Sie befahl mir ihr Canoe rasch zurückzubringen, weil sie es für die Reise brauchte. — Sienimmt mich mit — und ist auch bekannt dort und geachtet —«
»Geachtet? — hm,« sagte der kleine Schneider, der seine ganz eigene Idee darüber hatte, wie geachtet die dicke Negerin wohl in der, jetzt von lauter Fremden besetzten Ansiedlung sein würde. Aber er mochte dem armen Kinde auch das Herz nicht unnöthiger Weise vielleicht schwer machen und sagte endlich:
»Nun, versuchen kannst Du's immer, Schatz — Schaden wird's nicht thun, ob's Dir aber hilft — Gott weiß es. Säßen wir hier nur nicht so weggesetzt aus der Welt, ich ginge — straf mich dieser und jener, meiner Seel' selber zum Präsidenten, und wenn es selbst dieser blutige Franco wäre, und schenkte ihm einmal ein Glas reinen Wein ein; aber von hier aus müßte ich erst nach Tomaco in Neu-Granada, und dort auf das Dampfboot passen, und wo das Geld dazu hernehmen, wo keiner der hiesigen Lumpe Geld genug im Sack hat, auch nur den Stoff für seine Hosen zu bezahlen.«
»Lebt wohl, Meister Rigoli,« sagte Eva herzlich — »und habt Dank — vielen Dank für die Mühe, die Ihr Euch meinetwegen gegeben. Ich werde es Euch nie vergessen.«
»Bah Mädel,« sagte der kleine gutmüthige Mann,»reden wir nicht weiter davon. Ich wollte ich könnte Dir mehr helfen. Aber laß gut sein, jetzt — geh erst mit Deiner dicken Señora an den Pailon, und wenn Du dann zurückkommst und Nichts ausgerichtet hast —«
»Aber sie müssen ihn doch freilassen, wenn ich das Geld für ihn bezahle.«
»Na ich setze ja nur den schlimmsten Fall — gewiß müßen sie, wenn ihre Gesetze nicht lauter Lügen sein sollten — aber ich meine ja nur so — wenn Du trotz alle dem Nichts ausrichten solltest, dann komm wieder zu mir hierher und — ich weiß dann freilich selber noch nicht, was ich gleich thun werde, aber einen Skandal giebts, darauf kannst Du Dich verlassen — einen Mordskandal, und das Andere — wollen wir dann eben abwarten. Schon gut, Mädel, schon gut, — mach' jetzt, daß Du zu Deiner Señora Bastiano hinüber kommst. Apropos, wo ist denn Dein Bruder eigentlich — ah, da kommt er eben angekrochen. Na! der wird schön müde sein von der Parforcetour. Du hast den Teufel im Leibe. Nun er mag heute schlafen und sich ordentlich ausruhen, daß er mir morgen wieder frisch bei Kräften ist.«
Wie in einem Traum stieg das arme Mädchen die Leiter hinab und eilte dem Hause der Patronin zu, vonder allein sie jetzt noch Hülfe und Unterstützung hoffte. Die alte würdige Dame war übrigens den Augenblick bereit, sie mitzunehmen, aber für heute Abend war an den Aufbruch nicht mehr zu denken. Sie hatte das Canoe gar nicht so rasch zurück erwartet — sie mußte ja damit geflogen sein — einige Provisionen mußten auch noch eingelegt, und einige Abschiedsbesuche gemacht werden — Morgen früh aber jedenfalls — je früher desto besser, um die Morgenkühle noch zu benutzen, und dann wollten sie den Señor schon kriegen, der einen freien Mann zum Sclaven herabwürdigte.Siekannte alle Familien am Pailon — brave ehrenwerthe Leute, mit denen sie in intimster Verbindung stand — die ließen sie nicht im Stich, und Eva konnte ganz ruhig sein, auf dem Rückweg hätten sie ihren Josémit im Canoe.
Das Mädchen brannte vor Ungeduld, aber die Señora Bastiano war nicht aus ihrem Gleis zu bringen, und es blieb eben bei der Abfahrt auf den nächsten Morgen.
Schon vor Tag war Eva munter und unten an der Landung, um das kleine Canoe in Stand zu setzen und ja keine Zeit zu versäumen — aber es half ihr Nichts. Eine Reise nach dem Pailon war für die würdige Dame, die nur selten aus ihren vier Pfählenkam, eine viel zu wichtige Begebenheit, um sie so leichthin anzutreten. Die dazu nöthigen Vorbereitungen mußten mit der ihrem Stande würdigen Ordnung getroffen werden. Dabei hatte sie sich überlegt, daß das kleine Canoe ein solches Auftreten aber unmöglich mache, und deshalb beschlossen, ein größeres zu miethen.
Dem lagen nun allerdings keine Schwierigkeiten entgegen, denn große Canoes gab es in Concepcion genug, und ein solches war bald herbeigeschafft, aber es erforderte einige Zeit, ehe eine hübsch und vollständig schattige Laube in dem Heck desselben aufgebaut werden konnte, und wenn auch Eva unermüdlich Bananenblätter und Stäbe herzutrug, und die Arbeiter zur Eile antrieb, so wurde es doch fast zehn Uhr, ehe sie Alles in Stand hatten, und die Señora gerufen werden konnte.