Siebentes Capitel.In Cachavi.

FUSSNOTEN:[D]El perdidonennen die Ecuadorianer einen ziemlich großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch in der Wildniß verirrt wäre, und um Hülfe riefe.

[D]El perdidonennen die Ecuadorianer einen ziemlich großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch in der Wildniß verirrt wäre, und um Hülfe riefe.

[D]El perdidonennen die Ecuadorianer einen ziemlich großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch in der Wildniß verirrt wäre, und um Hülfe riefe.

In Cachavi herrschte große Aufregung, und Niemand dachte heute an's Arbeiten. DieMännermußten nämlich einen wichtigen Fall berathen, über den indeß dieFrauenschon lange einig waren, und — während sich die Ehegatten in dem breiten Gerichtsgebäude sammelten, überall auf den Straßen in kleinen Gruppen standen.

Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht José's von seinem weißen Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva wie José hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen Vorgänge treu und einfach erzählt, und um seinen Schutz gebeten, wenn sie bis hierher verfolgt werden sollten.

Der Fall kam übrigens zu einer höchst ungünstigen Zeit, denn erst gestern war ein Canoe von der Tolamündung eingetroffen, wo sie Nachricht von Esmeraldas gehabt haben wollten, daß General Franco von Guajaquil aufgebrochen wäre, Bodegas genommen hätte, und jetzt gegen Quito marschire, um sich das ganze Land zu unterwerfen. Wenn er Siegerblieb — und die Berichte, die seine Anhänger hierher gesandt, ließen kaum einen Zweifel darüber — so schickte er einen Theil seiner Schwärme auch jedenfalls in diesen entlegenen Theil des Landes, und was hatten sie dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen Offiziere Partei genommen?

Die Frauen sind in der ganzen Welt über solche Combinationen erhaben. Bei ihnen spricht das Herz dasersteWort, und nur der Augenblick entscheidet ihre Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest entschlossen, den armen jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und was Eva betraf — ei!denhätten sie sehen wollen, der ihr in ihrer eigenen Vaterstadt ein Leides that, und daß sie dem pockennarbigen Mulatten einen Lanzenstich versetzt — der hatte denStrickverdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei Nacht und Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflüchtet, um der gerechten Strafe für seine Missethaten zu entgehen.

In dem Gerichtssaal tagten indeß die Männer, und eine wunderliche Versammlung war es, der der Alkalde präsidirte. Aber kein Mulatte fand sich unter ihnen, lauter ächte, rabenschwarze Söhne Aethiopiens, wenn auch wohl Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saßen, lagen und standen in dem Raum umherund rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle, ohne Ausnahme, waren nackt bis auf den Gürtel, und selbst das dichte, fest zusammengekräußte Wollenhaar verschmähte einen Hut.

Eva und José waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der hier Anwesenden zweifelte, daß sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen. Der Alkalde selber hatte ja auch das Geld für Eva in Verwahrung gehabt, und ihr es erst vor wenigen Tagen ausgehändigt. Er wußte genau, wie viel es gewesen, und was sie damit gewollt.

Der Alkalde, eine schlanke, muskulöse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf und etwas Cavalièrem in seinem ganzen Wesen, wie denn überhaupt diefreienNeger — selbst in den Sklavenländern die Sklaven, wenn sie sich am Sonntag ihre eigenen Herren wissen — sehr gern die Bewegungen und Manieren der Weißen nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange Rede gehalten, worin er beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine Zuhörer dadurch in völliger Ungewißheit ließ, zu welcher Seite er sich eigentlich schlug, und welche Meinungsiehaben sollten. Es war dabei schmählich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein Lüftchen regte sich, das die Temperatur hätte nur in etwas abkühlen können.

Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten und festesten Dächer flechten konnte, nahm da endlich das Wort und sagte:

»Was zerbrechen wir uns denn den Kopf über ungelegte Eier. Das Wettermädel hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil er den José mit der Macheta todtschlagen wollte — soweit ist Alles in Ordnung. Wenn wir uns hier im Walde nichtselberhelfen, wer soll es sonst thun? und daß sie dem schurkischen Mulatten einen Denkzettel gegeben, oder ihn auch meinetwegen todt gestochen hat, ist nur ein Gewinn für die Colonie. — Daß aber der José ein Recht hatte wegzugehen, wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist außer aller Frage, und wenn ihn der Señor zurückhaben will, mag er einfach herkommen und beweisen, daß er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen wir wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abquälen.«

Der Vorschlag klang viel zu vernünftig, als daß ihm nicht alle Uebrigen hätten beistimmen sollen. Der Alkalde schüttelte zwar mit dem Kopf; im Grunde genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der Hand auf sich beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur dem Augenblick. DieSitzung war also damit geschlossen, und die Frauen erfuhren wenige Minuten später zu ihrer Genugthuung, daß José und Eva vor der Hand in Cachavi bleiben könnten. — Wenn noch etwas in der Sache geschehen solle, so möchten's die Herren in Concepcion anfangen.Siewollten weiter nichts damit zu thun haben.

So vergingen zwei Tage, ohne daß man etwas von dem unteren Strom gehört hätte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue Waare bringen sollten, waren nämlich immer noch nicht eingetroffen, und allerlei dumpfe Gerüchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt. Waren sie verunglückt? — böse Ströme hatten sie unterwegs zu passiren — oder sollte sich der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz Imbaburru gezogen haben, daß sie dem Feinde in die Hände gefallen? Es wäre ein harter Schlag für das kleine Städtchen gewesen, denn viele der Einwohner würden unter dem Verlust gelitten haben.

Man beschloß endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden — oder vielmehr zwei, denn ein Einzelner würde nie den Wald auf irgend eine Entfernung betreten — um sich Gewißheit zu verschaffen, und zweider Männer wurden gemiethet, und noch an dem nämlichen Tage in die Wildniß hinein gesandt, die Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen trennte.

An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.

In Concepcion war nämlich der Weiße mit Nero's Leiche und dem anderen Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der Mörderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen Boten nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort beizugebenden Wache überliefert zu bekommen.

Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Der Alkalde hielt es nach der neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal für nöthig, auf's Neue bei den Einwohnern anzufragen — oder seine Frau entschied vielmehr für ihn, denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von Concepcion, gleich so energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich rasch so viele dunkle, drohende Gestalten, daß der arme Teufel froh war, wie er wieder in seinem Canoe saß, und ungeschädigt das Negerdorf im Rücken hatte.

Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit gegen die bestehende Autoritätgewesen, und der Alkalde selber hätte vielleicht gewünscht, seine eigene Ehehälfte etwas weniger leidenschaftlich dabei zu sehen, aber die Sache war einmal geschehen, und ließ sich nicht mehr ändern, und da das ganze Dorf der Abfertigung beistimmte, brauchte er auch die Verantwortung nicht allein zu tragen.

Herrschte denn überhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? — war das Land nicht in Aufruhr und offenem Bürgerkrieg begriffen, und wußte denn irgend Einer von Allen — in Cachavi sowohl wie in Concepcion — wer jetzt Präsident im Lande sei — und wenn er es sei, wie lange? War es Franco noch, dann allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz desselben, um sich den Rücken zu decken, und konnte in dem Fall auch wohl eine Rechtsverletzung inseinemSinne strafen, falls Franco's Truppen in der That das Land besetzten, oder der Mulattengeneral Geld genug schickte, um Soldaten hier für ihn anzuwerben — war das aber nicht der Fall, so hätte es ihm schwer werden sollen, sich von der Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, unddenZeitpunkt konnten sie eben ruhig abwarten.

Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde von Concepcion. Dieser Señor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier auftrat,verlangte, wie er erklärte, nicht mehr als seinRecht, und da er selber von Franco'schen Behörden in seine Stelle eingesetzt worden,konnteer das nicht gut vernachlässigen, ohne die Franco'sche Regierung auf den Fuß zu treten. Jetzt aber weigerten ihm die verwünschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam, und was blieb ihm da anders übrig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Der mußten sie sich ja dann auch fügen, oder offene Rebellion erklären, was derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation, wie sie von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch eben so leicht wieder umgestoßen werden konnte.

Es galt also, einen raschen und entschiedenen Entschluß zu fassen, denn dieser Señor Cerro drohte mit einem Bericht an den General Franco, und dermußtevermieden werden. Also überraschte denn der Alkalde die Bewohner Concepcions am nächsten Morgen mit einem Aufruf an die Nationalgarde, und verbreitete dabei — um sich den Rücken zu decken — die Kunde in dem kleinen Ort, daß General Franco Quito genommen habe, jetzt gegen Ibarra vorrücke, und einen Theil seines Heeres über San Pedro und Malbucho an den Bogota senden werde, um sich von der Loyalität seiner Unterthanen zu überzeugen.

Das wirkte wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel für Viele, die bis jetzt geglaubt hatten, der Revolution des übrigen Landes viel zu fern zu sein, um je darunter leiden zu können, und deshalb auch, obgleich im Herzen vollkommen Quitenisch gesinnt, doch General Franco's Partei anerkannten — nur eben der Bequemlichkeit wegen. Aber was ließ sich thun? — Gehorchten sie dem Aufruf nicht, und überschwemmten die Franco'schen Banden wirklich das Land, dann durften sie sich auch fest darauf verlassen, als Mißliebige denuncirt, und von den Freibeutern nach Herzenslust gebrandschatzt zu werden. Wohl oder übel holten sie also alle ihre halbverrosteten Waffen herbei, und um zehn Uhr Morgens lagen vier Canoes mit Bewaffneten, und das fünfte mit dem Alkalden, Señor Cerro, und sämmtlichen Dienern der Gerechtigkeit reisefertig an der Landung, und setzten sich zusammen in Bewegung stromauf.

An ihnen vorbei aber glitt ein anderes, leichtes Canoe, von vier stämmigen Negern gerudert, und am Steuer saß der kleine italienische Schneider, der die Aufforderung, zur Nationalgarde zu stoßen, mit Hohn zurückgewiesen hatte, und jetzt auf eigene Faust die Reise machte.

Als ihn der Alkalde bemerkte, schien er nicht übelLust zu haben, den kleinen contrairen Fremden zu arretiren, denn es ahnte ihm, daß der Bursche, wenn er vor ihnen einträfe, da oben böses Blut machen würde. Ehe er aber mit seinem Entschluß völlig im Reinen war, passirte das Canoe schon das vorderste des Zuges, und an ein Einholen desselben war nicht mehr zu denken. Daß der kleine, nichtswürdige Italiener aber nicht warten würde, wenn er ihn anriefe, wußte er vorher, und durfte sich auch deshalb nicht einmal mit einem solchen Versuch blamiren.

Des Alkalden Befürchtung war aber auch sehr gerechtfertigt, denn Rigoli hatte kaum von der Anklage und dem Unternehmen der tapferen Ecuadorianer gehört, als er auch augenblicklich beschloß, dem entgegen zu arbeiten. Seine Neger entwickelten dabei einen wahren Feuereifer, ihn vorwärts zu bringen, und am nächsten Morgen mit Tagesanbruch landete er schon in Cachavi, während die schweren Canoes der Bewaffneten, obgleich sie ebenfalls die halbe Nacht gearbeitet hatten, doch endlich beilegen, und Tageslicht abwarten mußten.

Es mochte elf Uhr Mittags sein, als sie das Negerdorf in Sicht bekamen, und sie sahen sich dabei eben nicht angenehm überrascht, die Landung Mann an Mann mit den herkulischen, halbnackten Einwohnernbesetzt zu finden, die dabei noch Lanzen, Machetas, Musketen und eine Masse anderer gefährlicher Werkzeuge in Händen hielten.

Was jetzt thun? — der Alkalde wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, und hätte sich damit begnügt, einen Bericht an die Regierung in Guajaquil abzufassen, daß das Land im Aufstande wäre, und General Franco eine Armee zum Schutz der beleidigten Autorität herbeisenden möge — aber Señor Cerro ließ ihn nicht.

»Glauben Sie doch nur nicht,« rief er ihm zu, »daß sich diese sclavischen Hunde ernstlich widersetzen werden — lassen Sie uns hier unten landen, und in geschlossenen Colonnen hinaufmarschiren, und zeigen sie den geringsten Widerstand, so schießen wir das ganze Nest in Brand.«

»Ja, Señor,« sagte der Alkalde verlegen, »aber sie haben nur schon gezeigt, daß sie Widerstand leistenkönnen. Ihre eigene Erfahrung —«

Der Ecuadorianer knirschte die Zähne zusammen, wenn er an den Moment dachte, wo er vor einemMädchendie Flucht ergriffen, und die Erinnerung daran diente wahrlich nicht dazu, ihn zu besänftigen.

»Vorwärts,« rief er; »bei der geringsten Widersetzlichkeit feuert Ihr zwischen den nackten Trupphinein — wir wollen ihnen die schwarzen Felle pfeffern, und ich übernehme jede Verantwortung, die daraus für Sie entstehen könnte.«

Der Nationalgarde von Concepcion blieb in der That weiter nichts übrig, als wenigstens zu landen, wenn sie sich nicht auf ewige Zeiten lächerlich machen, und dem Gespött der Neger aussetzen wollte. Die Canoes wurden deshalb an das steinige Ufer gelenkt, und die Besatzung derselben sprang, ohne daran im Geringsten verhindert zu werden, auf trockenen Boden.

Etwas unterhalb der Stadt, und gerade der Kirche gegenüber befanden sie sich hier; als sie aber das eigentliche und hohe Ufer erklommen, waren sie auf's Aeußerste erstaunt, auch nicht einen der Feinde mehr zu sehen. Wie in den Boden hinein schienen diese verschwunden, und Señor Cerro rief triumphirend aus:

»Nun, Señor, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt? Wo sind die feigen Canaillen jetzt geblieben? Zeigen Sie ihnen Ernst, und Keiner von Allen wagt auch nur, Ihnen frech in's Auge zu sehen.«

»Da kommt der Alkalde.«

»Der alte Wollkopf?«

»Er wird wahrscheinlich unterhandeln wollen.«

»Fertigen Sie ihn kurz ab, das ist das Beste; keine Unterhandlungen mit Rebellen.«

Der Alkalde dachte anders darüber; der alte Neger war aber jetzt schon zu dicht herangekommen, um ein weiteres Gespräch zu gestatten, und wie er sich auf etwa zehn Schritte genaht hatte, sagte er ruhig:

»Señor Alkalde, können Sie mir vielleicht erklären, weshalb die Boote mit den Bewaffneten hier an unserer friedlichen Stadt landen? Ich hoffe doch nicht, daß der Bürgerkrieg bis in unser stilles Asyl gedrungen ist.«

»Señor Alkalde,« erwiderte der Ecuadorianer sehr förmlich, »die Ursache kennen Sie wahrscheinlich. Es handelt sich hier um die Auslieferung einer Mörderin, und die Zurückgabe eines entlaufenen und contractbrüchigen Dieners. Machen Sie keine Schwierigkeiten,amigo, denn die Gesetze müssen in Kraft gehalten werden, und es sollte mir wahrhaft leid thun, wenn ich gezwungen würde, von der mitgekommenen Macht Gebrauch zu machen.«

»Señor Alkalde,« erwiderte der alte Neger da, aber vollkommen ruhig — »ich glaube fest, daß wir noch Alles in Frieden beilegen können, wenn Sie nicht eben zu sehr auf IhreMachttrotzen, und Recht und Gesetz auch für uns gelten lassen.«

»Das versteht sich von selbst,« rief der Alkalde aus Concepcion rasch.

»Schön,« sagte der Alte, der übrigens keine Waffe in den Händen trug, »dann können wir Ihnen den Beweis liefern, daß das arme Mädchen, welches Sie eines Mordes anklagen, nur in einem Akt der Nothwehr handelte, als sie jenen nichtsnutzigen Mulatten, der den Tod schon zehnmal verdient hatte —«

»Sie stach ihn meuchelmörderisch nieder,« schrie Señor Cerro dazwischen. —

»Ueber den Haufen stieß,« fuhr der alte Neger ruhig fort. »Und was den weggelaufenen Diener betrifft, für den jener Herr da die Auslösungssumme schon in der Tasche hat, und nicht wieder herausgeben wollte, so braucht er uns nur die Beweise zu liefern,wofürihm José 120 Dollars schuldet, und wenn die Belege alle richtig sind, soll ihm entweder das noch fehlende Geld ausgezahlt werden, oder er seinen Diener zurückbekommen. Finden Sie das nicht in der Ordnung?«

»Gegen das Letzte ließe sich allerdings nichts —«

»Und glaubt Ihr Canaillen,« schrie der Ecuadorianer in voller Wuth heraus, »daß ich mich zwingen ließe,einem NegerContracte vorzulegen? Beim ewigen Gott, es ist weit in Ecuador gekommen, aber dem wollen wir ein Ende machen. — Gebt Ihr die beiden Verbrecher gutwillig heraus oder nicht?«

Der alte Neger antwortete ihm gar nicht — er hob beide Hände trichterförmig an den Mund, und stieß einen eigenthümlichen, aber durchdringenden und lauten Ton damit hervor. — Und überall umher wurde es lebendig — den Fluß herunter, den sie von hier aus deutlich übersehen konnten, kamen plötzlich noch vier Canoes mit bewaffneten Negern — selbst den Strom herauf ruderten zwei mit Anstrengung aller ihrer Kräfte, und aus allen Häusern quollen — jedenfalls dem verabredeten Zeichen gehorchend — Massen von dunklen, drohenden Gestalten, ohne sich jedoch im Geringsten feindlich zu gebehrden. Nur den Platz schlossen sie in einem weiten Bogen vollständig ein, wo die Canoes von Concepcion gelandet waren, und der dortige Alkalde bemerkte zu seinem Entsetzen, daß ihre eigenen Fahrzeuge unten im Fluß von den beiden stromauf kommenden Canoes vom Ufer gelöst, und an die andere Seite hinüber geführt wurden, was ihnen natürlich jeden Rückzug abschnitt.

Zu gleicher Zeit ertönte aber aus dem Walde des anderen Ufers ein gellender, langgezogener Schrei, der jedoch nicht in Verbindung mit den hier getroffenen Vorbereitungen zu stehen schien, denn die Neger selber stutzten und horchten dort hinüber, aber nicht lange.

»Die Indianer kommen!« jubelte eine Stimme, und bald antwortete ein wildes, tobendes Jauchzen dem Meldungsruf von da drüben. — Das aber brachte die tapferen Schaaren von Concepcion, die sich hier überhaupt sehr in der Minderzahl sahen, ganz außer Fassung.

»Die Indianer kommen?« Hatten diese verzweifelten Schwarzen auch noch die wilden Horden des Innern zu ihrer Hülfe herbeigerufen?

»Señor,« rief der Alkalde den alten Neger ängstlich an, »ich mache Sie für jedes Blutvergießen hier verantwortlich. — Wir sind als friedliche Boten des Gesetzes zu Ihnen gekommen —«

»Derist verantwortlich,« sagte der alte Mann ruhig, »der den ersten Schuß abfeuert, oder die erste Lanze wirft.«

»Aber Sie haben unsere Canoes wegnehmen lassen.«

»Zu Ihrer Abreise stehen Ihnen dieselben immer wieder zur Verfügung,« lächelte der Alte — »aber wer kommt da?« unterbrach er sich plötzlich rasch und selber erstaunt, als sein Blick nach dem jenseitigen Ufer hinüberflog — »Soldaten?«

»Das sind die Truppen des General Franco!« rief der Alkalde von Concepcion jubelnd aus — »VivaFranco! Viva Franco!« schrie er dabei, aber ziemlich vereinzelt, denn beide Parteien waren in diesem Augenblick gleich gespannt, ob sie von dorten her Freund oder Feind zu erwarten hätten.

Das Dickicht da drüben wurde in der That in diesem Augenblick lebendig, und Gewehre blitzten in der Sonne — und braune, aber uniformirte Burschen sprangen die Uferbank hinab, und in das seichte Wasser hinein, um den Fluß zu durchwaten.

»Viva Franco!« schrie der Alkalde noch einmal in einem Uebermaß von Entzücken. — »Das sind die Truppen des tapferen Generals!«

»Viva Flores!« donnerte aber in dem Augenblick von dort drüben der Gegengruß herüber, daß der Magistratsperson das letzte Wort vor Angst in der Kehle stecken blieb. — »Franco, der schuftige Dieb, ist verjagt,Floresel viva!«

»El viva!« jubelten da die Neger, die sich von allen Seiten zum Ufer drängten — »el viva! —el viva!«

Und »Flores el viva« schallte es jetzt sogar aus den Reihen der Concepcionsleute selber, die gar nicht daran dachten, die usurpirten Rechte des Mulattengenerals zu vertheidigen, wo sie noch dazu die Uebermacht auf Flores Seite sahen.

Der Alkalde war indessen rasch gefaßt.Waskonnteihmhier geschehen? Huldigte das Volk der, wie es schien, siegreichen Quitenischen Regierung, welchen Grund hätteerdann gehabt, sich dem nicht anzuschließen? Und wie er sich nur von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, Quitenische Soldaten von dieser Seite her marschiren zu sehen, wo er jene furchtbare Wildniß wußte, stimmte er plötzlich lustig in den Ruf mit ein.

Alles drängte indessen dem Ufer zu, das die durch das Wasser watenden Soldaten jetzt erreicht hatten, und dabei sehr erfreut schienen, hierkeineFeinde, sondern Bundesgenossen zu finden. Da erhob sich plötzlich am unteren Theil des Flusses ein Lärm, der aber nur von ein paar einzelnen Menschen ausgehen konnte.

»Caracho!« hörten sie eine Stimme in wildem Fluch — »was haltet Ihr mich fest? — was habe ich mit Euch zu schaffen?«

»Du mit uns wohl nichts, mein Schatz,« lachte dagegen des kleinen Italieners Stimme; »aberwirdagegen so viel mehr mitDir. Was hast Du denn ausgefressen, daß Du auf einmal Fersengeld geben willst?«

»Was ist dort? — Wen habt Ihr da?« frug jetztder Quitenische Offizier, der seine Leute rasch gesammelt hatte, weil er noch immer nicht recht wußte, wie er mit den Bewohnern dieser Gegend stand. Das Vivarufen allein hielt er noch für keine genügende Bürgschaft.

»Weiter Niemanden, Señor,« sagte da der kleine, herbeikommende Schneider, während seine vier Neger den Gefangenen schon fest gefaßt, und ihm in aller Eile die Hände auf dem Rücken zusammen geschnürt hatten — »als einen Herrn, der sich für einen Franco'schen Offizier ausgiebt, und unterderFirma einen ganzen Haufen voll Unheil angerichtet hat.«

»Señor Cerro,« rief aber der fremde Offizier erstaunt, »das ist ja ein eigenes Zusammentreffen. AlsoSiesind ein Franco'scherOffizier?«

»Ich kenne Sie nicht, Señor,« sagte der Gebundene finster; »aber wennSiewirklichQuitenischerOffizier sind, so verlange ich wenigstens als Kriegsgefangener behandelt, und nicht in den Händen dieser Schufte gelassen zu werden.«

»Hoho, Señor,« schrie Rigoli lebendig, »wir werden Dir gleich Deinen Schädel weich klopfen, wenn Du Deine Zunge nicht im Zaume hältst.«

»Ich glaube, Sie sind in ganz richtiger Verwahrung, Señor,« erwiderte aber kalt der Quitener. —»Das ist kein Offizier,compañeros,« wandte er sich dann an die Leute, »sondern ein Schuft, der in Guajaquil, als eine Art Kammerdiener des Mulattengenerals, einen bedeutenden Diebstahl beging, und dann flüchtig wurde. Durchsucht ihn doch einmal, vielleicht finden wir noch eine Anzahl Juwelen bei ihm, die damals vermißt wurden.«

»Sieh einmal an,« lachte der Italiener — »das Geldsäckchen der armen Eva hatte er auch noch, das habe ich aber schon in Sicherheit gebracht — nun, vielleicht finden wir noch mehr.«

Cerro machte einen verzweifelten Versuch, seine Banden zu zerreißen, aber die Neger hielten ihn wie in einem Schraubstock. Er wurde zu Boden geworfen, und bald fand sich denn auch, daß er in einem um den Leib geschnallten Geldgürtel eine Anzahl werthvoller Steine und Golddoublonen versteckt trug.

Indessen hatten die Bewohner von Concepcion Kunde aus dem Innern von den Neugekommenen, wie auch von den sie begleitenden indianischen Lastträgern erfragt, und als sie jetzt die Bestätigung erhielten, daß der kleine Tyrann Franco schon vor drei Wochen aus Guajaquil verjagt und zu Schiff getrieben, das ganze Land aber in den Händen des QuitenischenGenerals Flores, und der Bürgerkrieg wirklich beendet sei, kannte der Jubel keine Grenzen.

Natürlich war jetzt von einer Verfolgung oder Bestrafung José's keine Rede mehr. Der »Señor Cerro« blieb gebunden in den Händen der Polizei, um ihn in den nächsten Tagen durch den Sumpf nach Ibarra, und von da nach Quito zu schaffen, wo er den ordentlichen Gerichten übergeben werden sollte. Der würdige Alkalde von Concepcion aber war ebenfalls machtlos geworden, und die Bürger der kleinen Stadt luden den Offizier mit seinen Leuten jetzt auf das Herzlichste ein, mit ihnen nach Concepcion hinab zu fahren, und dort den Sieg der gerechten Sache solenn zu feiern.

Rigoli war einer der lebhaftesten bei dieser Einladung, und ruhte auch nicht eher, bis er den Offizier, um den Zug mit ihm zu eröffnen, allein und an der Spitze seiner Flotte in seinem Canoe hatte, das er jetzt mit einer, in dem dortigen Laden zusammengekauften und rasch genähten ecuadorianischen blau, roth und gelben Flagge schmückte.

Aber er vergaß in seinem Jubel auch nicht das arme, junge Paar, das so viel Leid ausgestanden. Noch in der nämlichen Woche kehrte er nach Cachavi zurück, und vier Wochen später bezogen José und Eva einen kleinen, reizenden Rancho, unmittelbar unter derStelle, wo der Cachavi in den Bogota mündet, mit Orangenbäumen vor dem Hause, und ein paar wehenden Cocospalmen, wie einem schon angepflanzten Platanar. Die Hochzeit aber wurde in Cachavi ausgerichtet, und Rigoli tanzte darauf, zum Jubel der Neger, die sich über den kleinen fidelen Burschen vor Lachen ausschütten wollten, mit der jungen Frau die erste Marimba.

Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in den Tropen finden, daß ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner Kaffeepflanzung nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt außerdem schon etwa 4500 Fuß über der Meeresfläche, von drei bis sechs Uhr Abends war der gewöhnliche, fast immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen, der die Erde abgekühlt und die Bäume und Pflanzen mit seinem erfrischenden Segen überschüttet hatte, und die Luft kühl und labend. Hoch am Himmel stand das südliche Kreuz, und ein wunderbarer Blüthenduft wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen Kampongs oder Dörfer zu uns herüber.

Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns, und der Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier munteren Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und unsere Cigarren rauchend und im Fond zurückgelegt,genossen wir mit voller Lust den wahrhaft wundervollen Abend.

So erreichten wir endlich die Höhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit den Kaffeegebäuden, Mühlen und Trockenhäusern lag, von denen wir selber etwa noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen eigenen dumpfen Ton zu hören glaubte, und in demselben Moment auch die Pferde unruhig wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Straße gehalten werden.

»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. —

»Tau, Tuwan!« sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und achselzuckend — aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel bleiben, denn kaum waren die Thiere, wenn auch noch schnaubend und blasend, wieder dazu gebracht worden anzuziehen, als plötzlich das laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser Ohr schlug und die Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die Höh' bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und ihnen in die Zügel zu fallen.

Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie still standen, aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu denken, da sie sichalle im Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das in der Dunkelheit lösen und in Ordnung bringen konnten, ertönte ein neues Brüllen der verwünschten Bestie, worauf sie es ärger als zuvor trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann so furchtbar hinten auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von dort herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun die Pferde zu verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg abschoben und zertrümmerten.

Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn ein; da er aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und halb lachend, halb fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:

»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen füttert.«

»Dem Tiger?« —

»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig. Das ist aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und ich muß sie todtschießen, denn die Pferde wollen mirNachts gar nicht mehr in die Nähe der Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von dort herüberweht und ihnen die Witterung zuträgt.«

Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach dem Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen, damit sie die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten natürlich viel lieber die kurze Strecke nach dem Hause zugehen, als daß wir uns noch einmal der Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.

Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei gerufenen Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann und die kleinen Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen begannen. Das aber war jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu werden, wir selber schritten rasch auf dem breiten, gut gehaltenen Weg den Häusern zu, und erfuhren am andern Morgen, daß die Eingeborenen wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden gebraucht hatten, um die erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.

Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm denselben Streich schon einmalgespielt hatte, als er vor einigen Tagen mit seiner Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht anders geschehen konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach Batavia hinab, wo er den Tiger hätte gut genug an eines der heimkehrenden Schiffe verkaufen können, war zu lang und unbequem, auch kostspielig, und ich selber wurde zum Executor bestimmt.

Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig, oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt von den Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur aus etwa 4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz eignet sich aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten, denn erstens ist es zäh, und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen wollen, und sticht sie in das Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als einen oder zwei Versuche machen, ihr Gefängniß zu durchbrechen.

Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger getödtet werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte Nacht so furchtbar gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß siegefürchtet zu haben schienen, er würde sich wirklich frei machen, und dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten, ehe er sich in seinen Wald zurückzog. — Der Tiger mußte jetzt übrigens den Zorn und die Ungeduld, die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag lang ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der stachligen Zunge.

Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und geschmeidig, mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf ihn zu und dicht an seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte sich womöglich noch dichter auf den Boden nieder, legte die Ohren zurück, fletschte die Zähne und knurrte leise und tief, wie ein ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile — seine Augen waren ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich einen Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr er plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die Stäbe an. Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht hinein, sondern schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß ihm meine Gegenwart unbequem sei.

Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um den Käfig versammelt, undnur die Frauen wichen scheu zurück, als das gereizte Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt, daß er uns seinen Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in seine alte Stellung zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb mir seitwärts zugewandt, als ob er in mir seinen schlimmsten Feind ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich auch fest überzeugt, daß er mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. — So freilich mußte er sich das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn sicher genug.

Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige Thier im Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem Gesicht nach vorn und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit einem hölzernen Zapfen verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu einem sicheren Schuß.

Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich auch nicht lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite zurücktreten, weil ich nicht wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals noch führte — ich bin auf der Jagd aber vollkommen davon zurück gekommen — nicht doch vielleicht durch den Schädel schlagen und auf der anderen Seite nochUnheil anrichten konnte. Die neugierigen Burschen waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz in der Nähe, den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor der Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem Raubthier die Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.

Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen jetzt zu ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte, gab ich mein Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten, zog den Pflock heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die Malayen nicht gedacht. Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen, aber daß er todt sei und keinem Menschen auf der Welt mehr schaden könne, wußte ich nur allein, die Malayen schienen wenigstens von einem so raschen und nicht von der geringsten Bewegung begleiteten Tod noch keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die Klappe geöffnet, ja wie ich nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder Flucht und mit lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.

Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der Tiger todt und unschädlichsei. Erst als ich mich nicht weiter um sie kümmerte und den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und anfing ihn abzustreifen, kamen sie wieder schüchtern näher und lachten nun selber, in ihrer gutmüthigen Weise, über ihre Furcht. Keiner aber legte mit Hand an, und sie ließen mich meine Arbeit ganz allein vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter hatte und mir nun von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie auszuspannen und dann in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar von ihnen daran den Körper aufzuschlitzen.

Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn daß sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft bestätigen hören. Sie nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers heraus, das sie in kleine Stücke schnitten und unter einander vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah, verschluckten auch ein paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle, und nur mein letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht einen Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst nach einigen Minuten ohne dasselbe zurück.

Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauchbedeute, denn zum Sattessen hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die Bissen zu klein gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt, mit dem Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem Herzen des Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen. Rasch setzte er aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle ich nicht glauben — und dabei saß ihm das frische Blut noch in den Mundwinkeln.

Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? — Und machen wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von Dingen, die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht halten, wie wir jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte, und wir wollen nur nicht selber eingestehen, das wirAlleBalken im Auge tragen.

Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit dem Stück vom Herzen denMuthdes Tigers gewinnen wollen; es giebt nämlich auf der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere Bestie, als gerade den Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur, wenn er sie aus dem Hinterhalt überfallen kann, nie und nimmer offen und Gesicht in Gesicht. Heimlich schleicht er herbei und liegt auf der Lauer, um irgend ein Stück Wild oderauch vielleicht ein Rind zu erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden Menschen schreckt ihn empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java wirklich vonMenschenhört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.

Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen, nimmt er, wenn er nicht länger fliehenkann, den Kampf an, und dann freilich ist er ein gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste von allen wilden Bestien, weil seine Gewandtheit seiner furchtbaren Kraft gleich kommt.

Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde aus einer fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu durchbrechen, und er muß es, wenn er nicht damit hinübergesprungenist, doch wenigstens hinübergehoben haben, wozu kaumvierMenschen im Stande gewesen wären — und draußen trug er es im Rachen fort. Aber Märchen sind es auch wieder, wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag seiner Tatze einen Büffel betäube und zu Boden werfe. Nur wenn erihm auf den Nacken springen kann, ist dereinzelneBüffel verloren, und den dortigenbantingsoder wilden Rindern mit ihren spitzen Hörnern, die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem Wege gehen, und nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.

Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten hie und da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen Tiger wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen Vegetation schon lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort gepflanzten Cocos- und Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie gestanden. Und doch wird von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen, und dann selbst nur durch Zufall, ein Tiger im Wald angetroffen und erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand. Nur in Gruben wird er gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein Europäer ein von der Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts dabei anzusitzen und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den Eingeborenen erbeuteten Fellemüssendabei an die Regierung eingeliefert werden und der Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie von früher fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.

Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große Rolle und besonders seinen Krallen — außer der Wirkung, die das frisch verzehrte Herz ausüben soll — trauen sie noch eine besondere Kraft zu, oft sehr zum Aerger der Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst gewonnene Felle gern vollständig erhalten wollen. Die Eingeborenen stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer nur irgend habhaft werden können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag abstreifte und zum Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem nämlichen Abend sämmtlich.

Die Menschen gewöhnen sich — und es ist das eine merkwürdige Thatsache — mit der Zeit selbst an das Wunderbarste, so daß sie es zuletzt nicht einmal der Mühe werth halten, mehr darüber nachzudenken. Wir sehen die Sonne auf- und untergehen, die Pflanzen keimen und wachsen, das Meer ebben und fluthen — sehen Winter und Sommer kommen, den Baum aus einem Kern, den Schmetterling aus einer Raupe, den Lieutenant aus einem Wickelkind entstehen, und bemerken die Verwandlung nicht einmal mehr, die für uns etwas Alltägliches geworden.

So staunen wir auch wohl anfangs neue Erfindungen an und bewundern die Kraft des Dampfes und Elektro-Magnetismus — aber nicht lange, dann benutzen wir sie und können uns kaum noch denken, daß es eine Zeit gegeben hat, in der sie nicht gekannt war.

Ebenso geht es mit althergebrachten Gewohnheiten und Sitten. Kommt ein Europäer in ein tropisches Land, so ist er ganz erstaunt, dort auf einmal einer Race zu begegnen, die vollkommen nackt in der Welt herumläuft, und will sich halb todt lachen, wenn sich der König eines fremden Volkes zu ihm auf die Erde setzt und ihn um etwas Tabak anspricht; aber kaum lebt er vier Wochen unter den Leuten, so sieht er weder die Nackten mehr, noch findet er etwas Außerordentliches in der Herablassung Sr. Majestät.

Genau so geht es uns mit der Sclaverei.

Wenn sie noch nie bestanden hätte und ein Mensch sich dann erfrechen wollte, einen zweiten, der eine andere Hautfarbe hat, als er, und nicht ganz so »gebildet« ist, zu zwingen, für ihn umsonst zu arbeiten, während er in der nämlichen Zeit dessen Frau und Kinder an einen Dritten verkaufte, so wären wir außer uns und hielten das mit Recht für eine Scheußlichkeit und Niederträchtigkeit. Jetzt aber sind wir so gewohnt, von Negersclaven und deren Versteigerung zu hören, daß die meisten Menschen bis vor kurzer Zeit gar nichts Absonderliches mehr in der Sache fanden. Ja, in den Ländern, wo die Sclaverei wirklich bestand, wurde sogar das Recht der Weißen, schwarze Sclaven zu halten, in den Schulen gelehrt, undGeistliche entblödeten sich nicht, die heilige Schrift zu mißbrauchen, um ein solches Verbrechen als von Gott selber eingesetzt hinzustellen.

Daß wir die Baumwolle theurer bezahlen müssen, wenn es einmal keine Sclaven mehr giebt, steht wohl fest, denn der Arbeiter verlangt dann seinen verdienten Lohn, aber das Rechtlichkeitsgefühl civilisirter Menschen hat sich endlich dahin ausgesprochen, daß ein wenn auch durch Jahrtausende geübter Brauch doch ein Mißbrauch und eine Niederträchtigkeit sein könne, und während in Rußland die Leibeigenen freigegeben wurden, traten in Nordamerika Hunderttausende unter Waffen, um ihr Vaterland von der Schmach zu befreien, zu den Sclavenstaaten gezählt zu werden.

Es fällt mir indessen hier nicht ein, eine Abhandlung über die Sclaverei, ihre Nichtberechtigung oder Berechtigung zu schreiben. Der gesunde Sinn des Volkes hat längst darüber entschieden und sie für ein Verbrechen erklärt — wenn es auch selbst in Deutschland noch einige Menschen giebt, die sie vertheidigen und mit schalen Phrasen ihre Existenz als nothwendig darzustellen suchen. Ich selber möchte hier dem Leser nur eine kurze Schilderung der Zustände geben, in denen ich Neger in den verschiedenen Welttheilen getroffen habe, und eine solche Zusammenstellung istimmer insofern interessant, als sie einen Vergleich zuläßt.

Von der Heimath der Neger will ich nicht reden. Leute, die mit deren Vaterland genau vertraut sind, haben das schon viel besser gethan, als ich es im Stande wäre. Nach Allem aber, was man von ihnen hört und sieht, scheint es, daß sie dort, wo sie mit den Weißen noch nicht in nähere Berührung kamen, wie das auch bei den Indianern der übrigen Welttheile der Fall ist, harmlos und gastfrei sind und eben nicht mehr arbeiten, als sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen.

Dann kommen die Europäer zu ihnen. Portugiesische Sclavenhändler durchziehen das Land, die Gier nach Reichthümern wird in ihnen erregt, alle Leidenschaften werden wachgerufen und zu Verbrechen gesteigert, und dann werfen sich die Weißen in die Brust und sagen: »Was für thierische Völker sind das! Kann sie Gott der Herr für etwas Anderes erschaffen haben, als den Weißen durch ihre Körperkraft zu dienen?«

Wir wollen uns diese thierischen Völker betrachten, wie sie in anderen Ländern der Erde leben, wohin sie aber nur durch die Weißen selber gebracht wurden.

Die eingeborenen Afrikaner sind nämlich keine seefahrende Nation, woran auch vielleicht die ungünstige Beschaffenheit ihrer Küsten die Schuld trägt. Nur die ihnen zunächstliegenden wenigen Inseln haben sie bevölkert und sie entweder ganz besetzt, oder sich mit den Ureinwohnern vermischt, wie z. B. auf der Westküste von Madagascar.

Daß die Eingeborenen Australiens eine Mischlingsrace von Aethiopiern und Malayen sein sollten, ist nur eine Phantasie Blumenbach's. Die australischen Schwarzen sind ein unzweifelhafter Urstamm, und nie hat ein Aethiopier oder Neger deren Küsten, außer auf einem Schiffe der Weißen, betreten.

Auch im ostindischen Archipel, ja selbst in dem ihnen gegenüberliegenden Arabien finden wir keine Spur von ihnen als freien Einwanderern. Sie sind nur als Sclaven dort hinüber geschleppt, während sie von den an ihren Küsten landenden Abkömmlingen der kaukasischen Race weiter und weiter in das innere Land zurückgedrängt wurden.

Wenn sie aber nicht selber zur See gehen wollten, so gab man ihnen Passage, und die Spanier und Portugiesen, nachdem sie in Amerika die gutmüthigen Indianer unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten, erschlagen oder zu Tode geknechtet hatten, mußtenschon Sclaven dort hinüber führen, um die Arbeit zu thun, die das faule Seeräubergesindel nicht selber verrichten mochte.

Nordamerika folgte, und wie sich der Reis-, Baumwollen- und Zuckerrohrbau als ergiebig zeigte, schaffte man Neger dort hinüber, die nicht allein die Felder bestellen mußten, sondern auch einen einträglichen Handelsartikel bildeten.

Die Sclaven werden nun überall, wo man sie hält, nur in seltenen Fällen wirklich schlecht behandelt, denn es liegt im eigenen Interesse des Besitzers, sie gesund und bei Kräften zu erhalten. Sie dürfen deshalb ebensowenig, wie ein Pferd oder Stier, überarbeitet werden, und die Hauptkunst eines ordentlichen »Sclavenzüchters« besteht darin, so viel Arbeit aus ihnen herauszubekommen, als sie leisten können, ohne sie dabei zu schädigen.

Es giebt Ausnahmen — ich kenne auch selbst aus den Vereinigten Staaten Beispiele von boshafter, ausgesuchter Grausamkeit — Geschichten, wie sie selbst Mrs. Beecher-Stowe nicht schlimmer erdacht hat, die doch das Mögliche darin leistete, aber es sind das doch nur Ausnahmen. Im Ganzen hatten sie ihre bestimmte Arbeitszeit und ihre ihnen angemessene Kost, auch die nöthige Kleidung, und die meistenHerren gaben ihnen auch noch einen Gartenplatz, um darin für sich selber zu arbeiten. Die Vertheidiger der Sclaverei sagen nun: »Was will so ein Neger mehr? Ist er nicht viel besser daran, als unsere deutschen Armen, die, wenn sie krank und elend werden, verhungern können, ohne daß sich ein Mensch um sie bekümmert? Der Herr muß seinen Sclaven erhalten, auch wenn er nicht arbeitet.«

Das ist wahr, und die gezwungene Arbeit bleibt das geringste Elend der Sclaven — das furchtbarste ist der Verkauf.

Eine Negerfamilie hat über Tag ihre Arbeit gethan, ihr Herr ist gut und milde mit ihnen, sie werden freundlich behandelt, aber — er liegt krank in seinem Haus. Wenn er morgen stirbt, wird das Gut mit seinem Inventar, zu dem die Sclaven gehören, verkauft, und was wird dann aus ihnen? Jetzt noch sitzen Vater und Mutter mit ihren Kindern beisammen — wie lange noch? Die Gesetze verboten freilich, daß in den Staatsauctionen die Familien getrennt wurden; aber wer kaufte die Neger auf den Auctionen? Nur herumreisende Yankees, denn kein anständiger Südländer würde sich zu dem schmutzigen Geschäft eines Sclavenhändlers hergegeben haben; nur diese Menschenclasse, die der freie Norden und dort hauptsächlichder kleine Complex der eigentlichen Yankeestaaten, Massachusets, Connecticut und Vermont liefert. Die aber machten sich auch kein Gewissen daraus, Familien zu trennen und das Weib von dem Gatten, Kinder aus dem Arme der Eltern zu reißen. Es war einmal ihr Geschäft, für das ja auch sogar mancher deutsche Gelehrte seine Lanze einlegte und, wenn auch unbewußt, seine Rechtmäßigkeit vertheidigte.

Das ist das Furchtbare im Leben des Negersclaven, daß er nie und zu keiner Stunde seiner eigenen Familie sicher ist, daß er, wenn er sein Kind auf den Arm nimmt und es herzt und küßt, nicht weiß, ob nicht schon morgen ein frecher, tabakkauender Weißer, von den Gesetzen beschützt, den Arm danach ausstreckt und er es nie, nie wiedersieht. Fragt die Aermsten unserer Armen, fragt die unglücklichen Erzgebirger, die sich in ungünstigen Jahren von faulen Kartoffeln nähren und nicht einmal genug vonderNahrung haben, ob sie mit ihm tauschen möchten!

Aber sonst geht es den Negern gut.

Es ist gerade so, als ob ich von einem Menschen sage: »Er hat freilich die Schwindsucht — aber sonst geht es ihm gut.«

Ein glücklicher Leichtsinn half dem Volk übrigens das oft Unerträglichste wirklich zu ertragen. Ja, manhörte wohl dann und wann einmal von dem Selbstmord einer Mutter, der man ihr Kind geraubt und die sich in den Strom gestürzt; auch hat dann und wann ein junger Bursch aus thörichter Eifersucht einen Aufseher erschlagen und ist natürlich deshalb gehangen worden. Aber war das nicht Wahnsinn, mußte er denn nicht wissen, daß die Sclavinnen alle Eigenthum ihres Herrn sind, und keines der Mädchen dem Aufseher odernigger-drivereine kleine Gefälligkeit weigern konnte, wenn sie nicht die Hölle auf Erden haben wollte?

Wie vergnügt die jungen Leute trotzdem zur Arbeit gingen! Es lag ihnen einmal im Blut, und wenn man sie so zusammen schwatzen und lachen hörte, hätte man kaum glauben können, daß eine einzige Sorge ihr Leben trübe?

Der Neger hat ungemein viel Sinn für das Komische und Niemand in der Welt kann herzlicher und lauter lachen, als ein Neger. Ihr Jaw! Jaw! Jaw! hört man oft unglaubliche Strecken weit, und sie biegen sich dabei zurück und zeigen ein paar Reihen von Zähnen, die an blendender Weiße Nichts zu wünschen übrig lassen. Musik und Tanz lieben sie ebenfalls leidenschaftlich, und das einfachste Instrument genügt, um eine ganze Plantage auf die Füße zu bringen.Oft und oft habe ich die Arbeiter bewundert, die an der Levée von New-Orleans die schweren Baumwollenballen und Zucker-»hogsheads« an Bord der Schiffe wälzen. Besonders das letztere Geschäft treiben sie systematisch.

Es giebt nämlich kaum eine schwerere Arbeit, als solch ein großes Zuckerfaß zu rollen, denn es ist nie vollständig gefüllt. Der schwere Zucker fällt dadurch fortwährend nach unten, so daß stets das ganze Gewicht gehoben werden muß. Je schwerer die Arbeit aber, desto lauter und lustiger geht es dabei zu, und man soll nur einmal die acht Mann, die gewöhnlich zu einem großen Faß gebraucht werden, sehen, wie sie dabei hüpfen und springen und im Tact ein munteres Lied singen. Wie am Bord der Schiffe bei schweren Arbeiten, macht auch hier Einer den Vorsänger, der irgend eines ihrer oft schwermüthigen, oft ausgelassenen Negerlieder singt, in das dann, beim Ende eines jeden Verses, der Chor in lauter jubelnder Lust einfällt. Aber noch nicht genug, der Vorsänger ist auch zugleich Vortänzer, und während er jetzt mit triefender Stirn gegen die ungefüge Last anarbeitet, springt er plötzlich zurück, tanzt, während er die zwei letzten Strophen seines Verses singt, um die Arbeitenden und das Faß her, und wirft dann mitdem Refrain seine Schulter wieder gegen das riesige Hogshead.

So finden wir sie in den Sclavenstaaten, während sie in der Freiheit ganz andere, viel gesetztere Menschen werden und ihrer Arbeit mit großem Eifer, aber weit ruhiger obliegen, den fröhlichen leichtherzigen Sinn aber auch da nicht verleugnen.

In den nördlichen Staaten der Union leben Tausende und Tausende von freien »Farbigen«, wie sie sich dort selbst bezeichnen, denn sie setzen eine Ehre darin, nicht etwa Schwarze oder gar Neger und noch schlimmer Nigger genannt zu werden, da das Wort Nigger eins ihrer eigenen und ärgsten Schimpfworte ist. Sie belegen ihre Race auch deshalb nur mit dem Namencoloured peopleoder farbiges Volk, und der Unterschied zwischen ihnen und den Weißen wird mita white ladyunda coloured ladyodera white gentlemanunda coloured gentlemanausgedrückt.

Nun fand man sie allerdings in vielen Gewerken vertreten; sehr selten wird man aber einen der Race als Drechsler, Blechschmied, Uhrmacher &c. antreffen, selbst Kaufleute und Händler wurden sie nur in Ausnahmsfällen. Dagegen monopolisirten sie schon früher in allen nordischen Städten Amerikas sowohl, wieselbst im Süden die sogenanntenbarbershopsoder Barbierläden, in denen auch stets zugleich frisirt wird. Sämmtliche Köche und Kellner in den großen Hotels,Oystershopsund anderen Anstalten sind ebenfalls »coloured men« und keine Musikbande besteht fast von den Canadischen Seen nieder bis zum Cap Horn an der Südspitze des Festlandes, wo nicht ein Neger oder Mulatte die große Trommel schlüge oder Cymbeln und Triangel bearbeitete.

Auch an Bord von Schiffen sind sie meist Köche und Stewards, seltener Matrosen, nie aber konnten sie als Steuermann fahren und können es wahrscheinlich noch nicht, denn kein weißer amerikanischer Matrose würde sich von ihnen etwas befehlen lassen.

Merkwürdig ist überhaupt die grenzenlose Verachtung, mit welcher die farbigen Leute, selbst in ihren lichtesten Abkömmlingen, von den weißen Nordamerikanern behandelt wurden, ehe ihre Emancipation erklärt war. Sie hatten im Theater ihre bestimmten Plätze, auf der Eisenbahn ihre besonderen Wagen, sie mußten in den Straßen jedem Weißen ausweichen, wenn sie sich nicht augenblicklicher Züchtigung aussetzen wollten, und nur in neuerer Zeit scheint man den Versuch gemacht zu haben, sie inAllemden weißen Bürgern der Union gleichzustellen, ja ihnensogar das Stimmrecht zu verleihen, und es bleibt abzuwarten, wie lange das gut thut. Es wird aber sehr schwer sein, die alten Vorurtheile so mit einem Mal zu beseitigen, denn der Weißehaßtenicht allein den Neger — das hätte sich ändern lassen —, nein erverachteteihn auch, und ein derartiges Gefühl ist unendlich schwer in Achtung zu verkehren. Geschah doch sogar das Außerordentliche vor einigen Jahren in einem der ersten Hotels Bremens, einerdeutschenStadt, wo ein Violinenvirtuos, ein Mulatte und ein durchaus gebildeter junger Mann, die Tafel auf Geheiß des Wirthes verlassen mußte, weil die dort das Haus zahlreich frequentirenden amerikanischen Schiffscapitaine drohten, das Hotel in Verruf zu erklären, wenn derNiggernicht entfernt würde.

Jetzt ist die Sclaverei im Norden aufgehoben, und das einzige Land des amerikanischen Continents, wo es noch (außer in einem kleinen Theile Guianas) Negersclaven giebt, ist Brasilien. Dorthin wird auch noch — trotz aller dem entgegenlaufenden Gesetze — ein lebhafter Negerhandel von der afrikanischen Küste getrieben. Man scheint übrigens die Sclaven in Brasilien — so weit ich nämlich darüber urtheilen kann, — ziemlich gut zu behandeln, und die Regierung thut auch ihr Möglichstes der Verbreitung der Sclavereientgegenzutreten. Verbietet man doch sogar den deutschen Colonisten dort Sclaven zu halten. Die Neger verleugnen aber auch dort ihr leichtes Blut nicht und verrichten die schwersten Arbeiten unter Singen und Lachen. So sah ich einst vier Neger ein Pianino in Rio-Janeiro durch die Straßen tragen, und zwar auf ganz eigenthümliche, dort aber stets gebräuchliche Weise. Sie trugen das ziemlich schwere Instrument an den vier Ecken auf den Köpfen, und keuchten nicht etwa ihren Weg entlang, sonderntanzten. Einer von ihnen hatte eine Art von Castagnetten, mit denen er den Tact angab, und während sie mit lauter, jubelnder Stimme und außerordentlich vergnügten Gesichtern eines ihrer tollen Lieder sangen, tanzten sie dabei im wahren Sinn des Worts auf dem breiten Trottoir hin und verdrehten ihre Körper in der wunderlichsten Art.

In sämmtlichen Republiken des amerikanischen Continents sind die Negersclaven freigegeben, denn mit Recht hielten es die damaligen Gesetzgeber einer Republik für unwürdig, alle Menschen frei und gleichberechtigt zu erklären, und doch dabei die eine bestimmte Race in Banden und Knechtschaft zu halten. An der ganzen Westküste Amerikas, wie auch in den La Plata-Staaten, giebt es, dem Gesetz nach, keinenSklaven mehr. Wo aber wäre schon ein Gesetz gegeben worden, das nicht der Eigennutz und die Habgier der Menschen zu umgehen und kraftlos zu machen gewußt!

Das Gesetz in Ecuador und Peru sagt ausdrücklich, daß dort kein Neger mehr als Sclave gehalten und verkauft werden darf, und doch geschieht Beides noch bis zu dieser Stunde, wenn auch in beschränktem Maße, aber noch dazu vor Gericht und von den Gesetzen unterstützt. Das Wie? ist leicht erklärt. Die Neger sind Alle frei, aber — Contracte haben, zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, volle Gültigkeit. Die Neger sind, wenn nicht zur Arbeit gezwungen, ziemlich faul, und Viele von ihnen auch dem Trunk ergeben. Haben sie gar kein Geld mehr, so arbeiten sie, und Weiße finden sich überall, die ihnen Vorschuß geben. Hat der Neger aber von einem Weißen erst einmal Vorschuß bis zu einer Höhe von vierzig Dollars erhalten, dann kommt der Gläubiger zu den Schwarzen und sagt: »Hör' einmal, lieber Freund, das geht nicht mehr. Was Du mir schuldig bist, kannst Du allerdings nach und nach abarbeiten, aber Du mußt mir jetzt hier diesen Schein unterschreiben, daß ich vierzig Dollars an Dich zu fordern habe und Du mir dafür ein Jahr dienen willst. Was Du indessen brauchst,geb' ich Dir.« Der Schwarze unterschreibt nun den Schein und tritt in den Dienst des Weißen, dessen Sclave er von dem Augenblick ist, denn in nur sehr seltenen Fällen wird er wieder frei. Was er nämlich indessen an Kleidern und Schuhwerk braucht, oder an Branntwein haben will, giebt ihm sein neuer Herr bereitwillig, zu von ihm selbst festgestellten Preisen, und sorgt dadurch schon dafür, daß er bis zum Ende des Jahres wieder die alten vierzig Dollars Schulden hat.

Auch ein förmlicher Verkauf ist dabei nicht ausgeschlossen, wenn dieser auch unter einem anderen Namen stattfindet. Ein Anderer zahlt nämlich dem Gläubiger die Schuldsumme vor Gericht, und eine Kleinigkeit mehr privatim, wenn verlangt, und der Sclave — wechselt seinen Herrn.

In Ecuador haben sich die befreiten Sclaven meist in das niedere Land gezogen und dort ganze Districte besiedelt. In den mächtigen Niederungen, besonders an den Ufern der verschiedenen Ströme, sind förmliche Niederlassungen von ihnen gegründet, und man kann dort tagelang reisen ohne einen anderen Menschen als einen Neger oder Mulatten zu treffen. So fand ich am Cachavi (einem kleinen Strom, der sich in den Santiago ergießt und durch diesen mit demPailon in Verbindung steht) eine völlige kleine Negerrepublik. Sie hatten dort einen schwarzen Alcalden und schwarze Beamte und nur ein einziger weißer Händler, ein Italiener, lebte zwischen ihnen.

So war es an der ganzen Westküste aufwärts, während auch im Süden die Ufer des Guajaquilstroms meistens von Schwarzen besetzt und bebaut waren, die dort Platanare- und Cacaopflanzungen angelegt hatten, während die Weißen den Handel zwischen ihnen vermittelten.

Anders stellte sich das Verhältniß in Peru, wo es kein niederes sumpfiges Land giebt, das ihnen, wie in den nördlicheren Staaten, allein überlassen blieb. Dort halten sich die Schwarzen in der Nähe von Lima, oder selbst in der Stadt auf — eben nicht zum Nutzen der öffentlichen Sicherheit — und es giebt kaum ein frecheres, vorlauteres Volk in der weiten Welt, als diese freigesprochenen Neger Perus. Ganze Vorstädte bevölkern sie dort, und während die Regierung die jungen Leute meist unter die Soldaten steckte, sind doch noch genug übrig geblieben, um die Straßen unsicher zu machen. Nicht mit Unrecht legte man nämlich den Schwarzen einen großen Theil jener Straßenräubereien zur Last, die in der unmittelbaren Nähe Limas verübt wurden und ihren Höhepunkt erreichten,als die Todesstrafe aufgehoben wurde. Die Gefängnisse waren nämlich so beengt, daß man die Verbrecher gar nicht alle darin unterbringen konnte, und es ist wohl nicht blos eine Fabel, wenn die Peruaner behaupten, daß man damals, wenn die Zellen gefüllt waren und neue Sträflinge eingeliefert wurden, die hinausließ, die am längsten gesessen hatten. Erst als Präsident Castilla im Jahre 1860 die Todesstrafe nothgedrungen wieder einführte und zugleich ein riesiges Zellengefängniß mit furchtbaren Behältern im Bau begann, nahmen die Verbrechen etwas ab, wenn sie auch nicht ganz aufhörten.

Und tragen die Schwarzen allein an diesen Verbrechen die Schuld? Ich glaube kaum. Befreite Sclaven nur waren es, die das gewonnene Gut, ihre Freiheit, misbrauchten, weil sie nie gelernt hatten es zu schätzen, und wahr ist das Wort:


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