11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes.
Wen sein Beruf in die dämmerigen Wälder führt, zu den verseuchten Sümpfen oder an die entlegenen kochheißen Flüsse dieses geheimnisvollen Landes der Einsamkeit und unvorstellbaren Ausdehnung, der betrachtet den großen Amazonenstrom selbst etwa geradeso, wie die Neuyorker oder Londoner während einer Hitzwelle den Hudson oder die Themse ansehen. Es gibt dort, sowohl in Pará als in Manáos, winzige Strandplätze mit Badegelegenheiten, Landhäusern und Dampferausflügen. Zuweilen kann es geschehen, daß ein Jaguar das Picknick stört, ein Alligator neben der Barkasse auftaucht oder ein elektrischer Aal das Bad unterbricht. Aber die Kühle des großen Stromes und ein frisches Lüftchen machen sich überall geltend, und außerdem gibt es Eisgetränke, richtige Speisen, ein Dach, ein Bett und menschliche Gesellschaft.
In solcher Weise stand Manáos einladend vor meinem Geist, die kleine Dschungelstadt am äußersten Rand der Zivilisation, als ich aus den Gebieten der Flüsse Mutum und Gy-Paraná zurückkehrte. Irgendwie sehnte ich mich nach einer guten Mahlzeit, einem Bad und der Möglichkeit, ein wenig zu plaudern. Schon die Vorstellung eines geeisten Getränks machte mich schwindlig, und so hielt ich mich nur so lange in Humaitá auf, um es gründlich satt zu bekommen, weil erst nach viereinhalb Tagen der nächste Dampfer flußabwärts abfahren sollte. Als ich endlich das weißgetünchteZimmer mit seinen Ameisen und Spinnen verließ und an Bord ging, faulenzte ich, las, badete, aß und nahm alle die Eisgetränke zu mir, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte. Mein Wunsch, mich in Manáos auszuruhen, verblaßte schnell, und als ich in Manicoré erfuhr, daß ein höchst angesehener Amazonese eine Expedition den Aripuananfluß hinaufschickte, verschwand er ebenso eilig aus meiner Seele wie mein kaum noch respektables Gepäck vom Dampfboot. Zwei Tage später saß ich mit drei Begleitern in einem großen Batalõe und fuhr um die Aripuananinsel herum in die verborgene Mündung dieses wundervollen Flusses gleichen Namens ein. Die Roosevelt-Rondon-Expedition hatte ihn 1913 in seiner ganzen Länge befahren, unser Ziel aber waren die noch immer unerforschten Urwälder seitlich des Hauptflusses unter 8° 17′ südlicher Breite. Beamte des Indianeramts befanden sich damals auf der Suche nach wilden Stämmen, die an den Ufern eines kleinen Flusses, namens Madeirinha, wohnen sollten, und das Batalõe mit seiner Caboclo-Bemannung brachte ihnen und einer abgelegenen Pflanzung die notwendigen Vorräte.
Unwiderstehlich zog es mich dahin, weil ich auf all meinen Karten und unter meinen Notizen nichts über diesen Fluß finden konnte, noch irgendeine Andeutung, daß schon europäische Reisende jene „leere“ Gegend erforscht hätten. Theodore Roosevelt und General Rondon vom brasilianischen Überland-Telegraphen-Dienst, die beiden prächtigen Pioniere der Wildnis, deren Leistungen viel zu wenig bekannt sind, waren 1913 den Fluß hinaufgefahren und offenbar auch an der Mündung des Madeirinha vorübergekommen, aber genauere Nachforschungen schienen sie in diesem Gebiet nicht gemacht zu haben. Also bot sich jetzt eine Gelegenheit, die ohne lebenslängliche Reue nicht vernachlässigt werden durfte.
Karte des Madeira-GebietesSkizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira.⇒GRÖSSERES BILD
Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
Landkarte, westlicher Teil (E-Books)Westlicher Teil der obigen Karte
Westlicher Teil der obigen Karte
Landkarte, östlicher Teil (E-Books)Östlicher Teil der obigen Karte
Östlicher Teil der obigen Karte
Über die mühselige Reise von 360 Kilometer den Aripuananflußaufwärts werde ich nicht viel berichten. Wer sich für seine niemals auch nur vom leisesten Lüftchen bewegte Wasserfläche interessiert, die ununterbrochenen Ufermauern tropischer Wälder, seine Stromschnellen, die stellenweise Lücken in das Blättermeer reißen, seine beständig in der dampfheißen, stagnierenden Luft umherschwirrenden Moskitos und die beinahe nicht vorhandene Uferbevölkerung, wird glänzende Schilderungen davon an andern Orten finden. Was ich selber hinzufügen könnte, wären nur Beschwerden über persönliches Unbehagen und Erzählungen von schwierigen Überlandumgehungen einiger Stromschnellen und von fast unaufhörlicher Arbeit beim Rudern und Stechen gegen die Strömung. Die Aufgabe des vorliegenden Buches besteht in der Schilderung wilder Indianerstämme im entlegenen Amazonengebiet. Berichte über die Schwierigkeiten des Ortswechsels von einer Zone zur andern mit allem Drum und Dran dürfen den Charakter des Buches nicht in den einer langweiligen und ereignislosen Reisebeschreibung verwandeln. Der Raum gestattet nur kurze Erwähnungen des Kommens und Gehens, gerade so viel als nötig ist, den Zusammenhang der Ereignisse zu wahren.
Am 30. Juli verließen wir die Aripuananinsel auf 5° 22′ südlicher Breite und bewältigten die 360 Kilometer in achtzehn Tagen. Bald nach der Vereinigung mit einem großen Fluß, auf 7° 32′ südlicher Breite, kam eine Reihe gefährlicher Stromschnellen, die öfter als einmal schwere Arbeit bei der Entladung des Kanus erforderten. Wenige Kilometer weiter zeigte sich eine anscheinend verlassene Barraca. Dann folgten noch weitere Stromschnellen, und endlich war die Mündung des kleinen Madeirinha in den Hauptfluß erreicht, auf 8° 17′ südlicher Breite.
Der kleine Fluß hatte eine flaschengrüne Farbe und wand sich durch den dichten, düstern Urwald. Stellenweise hingen die mächtigen Äste wie Schirme über unsern Köpfen, und das Kanu glittwie auf einem Spiegel im grünlichen Halbdunkel dahin. Stundenlang hielten wir Ausschau nach dem Lager des Offiziers des Indianeramts mit seinen Leuten, und endlich entdeckten wir es auf einer kleinen Lichtung halbverborgen hinter dem Walddickicht. Der unerschrockene Beamte nahm mich liebenswürdig auf und erklärte mir, wie er es machte, um mit den Wilden des Landes in freundschaftliche Berührung zu kommen. Er hatte bereits ihre Kriegspfade einige Kilometer weit in die hier besonders dichten Wälder hinein begangen. Auf einen seiner Cabocloleute war mit Pfeilen geschossen worden, aber bis jetzt hatte man noch keinen Indianer zu Gesicht bekommen.
Wir schlugen neben der kleinen, nur vorläufigen Station unser Lager auf, und zum erstenmal seit der Abfahrt aus Manicoré erfreute ich mich einer wirklichen Nachtruhe, da ich keine Wache zu halten brauchte. Während der nächsten beiden Tage ereignete sich nichts Besonderes, doch stiegen meine Hoffnungen, weil der Offizier die Überzeugung aussprach, daß sich ein gänzlich unbekannter Stamm in den umgebenden Wäldern aufhalte. Dies bewahrheitete sich schneller, als wir erwartet hatten. Am dritten Tag näherten sich zwei Wilde den Geschenken, die verführerisch an den Bäumen hingen. Sie wurden von einem der Leute der Station überrascht, der sich jedoch in Sicherheit zu bringen vermochte. Er kam ins Lager und erzählte von Indianern mit Federkronen auf den Köpfen, riesigen Speeren und aus Holz verfertigten Bändern über beiden Schultern.
Diese Nachricht verursachte ziemliche Aufregung. Denn aus der Beschreibung des Mannes schien mit Sicherheit hervorzugehen, daß wir auf der Schwelle zu einer Entdeckung waren. Diese Art Jagd auf Indianer oder, besser gesagt, Anlockung erfordert nicht nur gute Nerven, sondern auch Geduld. Ein Versuch, gleich auf die erste Begegnung hin die Maloccos der Indianer aufzufinden, hätteden ganzen Erfolg in Frage gestellt und wäre vielleicht für uns alle verhängnisvoll geworden. In den Tiefen der Wälder hätten zwei Weiße mit einigen unzuverlässigen Caboclos gegen einen wilden Indianerstamm nur wenig ausrichten können, der zudem im Dschungelkrieg geschickt und erfahren war.
Während der nächsten acht Tage war von den Indianern nichts zu sehen noch zu hören, und das Warten ging uns gehörig auf die Nerven, da wir nicht wußten, ob sie nicht einen überraschenden Angriff planten. Am Morgen des neunten Tages brachten wiederholte wilde Schreie aus dem halbdunkeln Dickicht das ganze Lager in Bewegung. Wir hielten sie für Freundschaftsrufe und beantworteten sie demgemäß. Denn die meisten amazonischen Indianer pflegen sich nur dem Feind schweigend zu nähern. Aber nichts ereignete sich in der nächsten halben Stunde, obwohl das Geschrei alle paar Minuten von beiden Seiten seinen Fortgang nahm.
Endlich teilten sich die Blätterwände an verschiedenen Stellen zugleich und sechs bronzefarbene Gestalten, mit langen Lanzen bewaffnet, erschienen im Halbkreis auf der winzigen Lichtung. Sofort ward es augenscheinlich, daß sie zu einem neuen Stamm oder einer Unterfamilie gehörten. Keiner der sechs hatte die schiefe Augenstellung oder die mongolischen Gesichtszüge, die sonst bei den amazonischen Wilden auffallen. Ihr Haar war rings um den Kopf in dicke Fransen geschnitten und mit kleinen Rohrsplittern verziert. Um die Lenden, Fuß- und Handgelenke, Arme und Schultern trugen sie Rohr- oder Schilfbänder, von denen am Oberarm Federn wie Epauletten abstanden. Abgesehen von diesem seltsamen Schmuck, Halsketten aus Samenkörnern und einer Unzahl schwarzer, gemalter Ringe um die Beine waren sie völlig nackt.
Der Offizier bedeutete ihnen in der Tupisprache, ihre Lanzen, Bogen und Pfeile abzulegen. Da sie das nicht zu verstehenschienen, legte er ruhig seine Flinte auf den Boden. Nach einigen Minuten des Zauderns folgten sie seinem Beispiel und erhielten darauf zahlreiche Geschenke, die ihre ein wenig grausamen Augen buchstäblich zum Glitzern brachten. Aber Tanzen, Schreien oder andere Freudenbezeigungen unterließen sie, wie ich sie bei den Parintintins beobachtet hatte.
Das Charakteristischste an diesen Indianern waren ihre blutunterlaufenen Augen und durchbohrten Oberlippen, was beides, wie ich später erfuhr, mit kannibalischen Gebräuchen zusammenhängt. Ihre Pfeile waren mit Vogelfedern verziert und hatten breite Holzspitzen, die nicht in Gift getaucht worden waren. Von andern eigenartigen Schmuckgegenständen trugen sie Rohrringe am zweiten Finger und Schlingen aus dünnen Schnüren um Nacken und Lenden, die sich über der Brust kreuzten. Ungleich allen sonstigen Stämmen, die ich bisher gesehen hatte, schlugen sie sich nicht wie Affen auf die Brust, um ihr Vergnügen zum Ausdruck zu bringen, sondern zeigten eine unbefangene und würdige Haltung.
Nach einer langen pantomimisch geführten Unterhaltung, in die wir einige Tupiworte mischten, die sie zu verstehen schienen, zogen sie mit Geschenken beladen wieder ab. Ich dachte bei mir, daß die Hälfte dieser Geschenke für sie völlig nutzlos war, da sie Dinge wie Löffel und Gabeln aus Aluminium doch nicht zu gebrauchen wußten. Wahrscheinlich würden sie mit Steinen zu Speerspitzen verarbeitet werden. Aber schließlich war nun doch ein Anfang gemacht, was keineswegs so einfach ist, als es sich hier gedruckt ausnimmt.
Mehrere Tage verstrichen, ohne daß die Indianer wieder erschienen. Dann drang von neuem Geschrei aus der Tiefe des schweigenden Waldes, aber diesmal in größerer Stärke. Daraus ging hervor, daß freundschaftliche Beziehungen hergestellt und daß weitere Indianer gekommen waren, um Geschenke zu empfangen.Aber auch so mußte sorgsam alles vermieden werden, was sie hätte beleidigen oder erschrecken können. Niemand ist empfindlicher als der Wilde, wenn er zum erstenmal mit Weißen zusammentrifft. Mißtrauen und Argwohn sind in jedem Blick, jeder Gebärde erkennbar. Für den Augenblick mag Staunen oder Furcht an ihre Stelle treten, aber vorherrschend sind jene beiden Gefühle, und was alles an Vorsicht angewendet werden muß, um plötzliche Ausbrüche der Leidenschaft zu verhindern, ist nicht allein drollig, sondern kann nur von einem Psychologen gewürdigt werden.
Kaum waren die Indianer aus dem dunkeln Wald hervorgekommen und fast geheimnisvoll auf der Lichtung erschienen, als auch schon deutlich wurde, daß ihr Besuch diesmal einen feierlicheren Charakter trug. Sie standen in einer Gruppe um drei aus ihrer Mitte, die durch zahlreichere Perlen, Federn und Bänder ausgezeichnet waren. Wie ich später erfuhr, bildeten sie das Häuptlingstriumvirat des Stammes. Neben dem eigentlichen Häuptling scheint ein Medizinmann und ein Jäger im gleichen Rang zu stehen. Sie haben die erste Auswahl unter den Weibern und entscheiden über Krieg und Frieden. Nachdem wir uns durch Zeichen, Zeichnungen auf einem Stück reingefegten harten Erdbodens und einige Tupiworte mühselig genug zu verständigen versucht hatten, stellte sich heraus, daß ihr Stammesname „Itogapuk“ lautete. Damals wußten wir mit diesem Wort durchaus nichts anzufangen, aber später erfuhren wir, daß wir hier einen neuen Stamm oder eine neue Familie der menschlichen Rasse in diesen großen und geheimnisvollen Wäldern entdeckt hatten.
Die Maloccas der Itogapuks befanden sich weniger als eine „Sonne“ weiter flußaufwärts am kleinen, seichten Madeirinha. Roosevelt zufolge wurde er zufällig von einem indianischen Seringuero entdeckt, der im Dienst des Senhor Caripé stand, des Kautschukkönigs am Aripuanan. Der Mann verirrte sich in denWäldern am Gy-Paraná, und entdeckte den Madeirinha, nachdem er achtundzwanzig Tage im dichten Dschungel umhergeirrt war und von Früchten, Palmschößlingen und Nüssen gelebt hatte.
Als die Unterhaltung unter Aufwand von viel Geduld und Scharfsinn so weit gediehen war, hielten wir es für richtig, Geschenke auszuteilen. Es war bemerkenswert, mit welcher Gier sich sogar die jungen Leute dieses unbekannten Stammes auf die kleinsten Metallgegenstände stürzten. Als Gegengaben erhielten wir bereitwillig von den Indianern Kronen aus Ararafedern, Halsketten aus Samenkörnern und verzierte Jagdspeere.
Während dieser Austausch von Geschenken und Freundschaftsbezeigungen langsam vor sich ging, gelang es mir, von einem jungen Krieger, der nicht älter als 15 Jahre sein konnte, die Einwilligung dazu zu bekommen, seinen Schmuck genau besichtigen zu dürfen. Außer der Oberlippe war seine Nasenscheidewand durchbohrt; durch das Loch hatte er ein kurzes Stück Stroh gesteckt. Der Lendengürtel bestand aus einer Art Baumrinde und verbarg eine dünne Schnur, die zum Schutz eines gewissen Körperteils diente. Die Fußringe aus Bambus klapperten nur beim Tanzen, und dann wurden die Bänder um den Arm herabgeschoben, um zusammen mit den Gelenkbändern ein Geräusch hervorzubringen. Am merkwürdigsten war ein Holzring am Mittelfinger, der offenbar als Amulett gegen böse Einflüsse getragen wird. Später ist mir eingefallen, daß die hölzernen Beinringe auch dazu dienen könnten, die untern Teile der Beine vor den Bissen und Stichen größerer Insekten und Reptilien zu schützen. Denn man darf nicht vergessen, daß der Mangel an Großwild im Vergleich mit Afrika durch die Verschiedenheit und den Blutdurst kleinerer Tiere, Insekten und Reptilien wieder ausgeglichen wird. Es ist für den Weißen gleichwie für den Eingeborenen unmöglich, einige Kilometer in den Wäldern umherzuwandern, ohne an mehreren Stellen zerbissenund zerstochen zu werden von Ameisen, Piums, Sandflöhen, Moskitos, Sandfliegen, Spinnen oder andern Insekten oder Reptilien. Der junge Itogapuk hatte an den Oberschenkeln und am Rücken Geschwüre, verursacht von der widerwärtigen Bernefliege, die ihre Eier in die Stichwunden absetzt.
Gegen Sonnenuntergang zogen die Indianer wieder ab, ohne die genaue Lage ihres Dorfes anzugeben. Das bedeutete für mich eine große Enttäuschung, da ich dadurch vor der Entscheidung stand, entweder nach sechs Tagen mit dem Batalõe den Aripuanan hinab zurückzufahren oder in dieser abgelegenen Gegend für unbestimmte Zeit zu bleiben, bis ein neues Vorratsboot die 360 Kilometer des gefährlichen Flusses heraufkommen würde. Das konnte Monate dauern, und die Umstände erlaubten mir keine so lange Abwesenheit, wenn ich noch weitere Reisen in diesem wunderreichen, aber ungeheuer ausgedehnten Gebieten vor der Rückkehr nach Europa unternehmen wollte.
Ich sollte jedoch nicht lange enttäuscht bleiben, denn zwei Tage darauf erschienen sechs Indianer und zwei kleine Jungen im Lager, nachdem sie sich mit den üblichen Rufen angekündigt und ihre Waffen am Rand der Lichtung niedergelegt hatten. Bisher hatten sie ihre Weiber im Hintergrund gehalten, aber jetzt merkten wir bald, daß irgendwo im Wald ganz in der Nähe die Weiber auf ein Zeichen ihrer Herrn warteten, ob sie ohne Gefahr ins Lager der Weißen kommen könnten. Augenscheinlich konnten die Itogapuks ebensowenig wie die Parintintins verstehen, warum wir unsere Weiber und Töchter nicht in den Wald mitgenommen hatten. Nach einer befriedigenden Erklärung unsererseits verschwanden die Wilden für eine halbe Stunde. Dann wiederholte sich der Austausch von Ankündigungs- und Willkommrufen, und etwa ein Dutzend Gestalten zog auf die Lichtung. Endlich hatten sie ihr Weibervolk mitgebracht, womit sie anzeigten, daß nun ein Zustanddes Vertrauens herrschte, und daß wir bald die Maloccas dieses bisher gänzlich unbekannten Stammes zu Gesicht bekommen sollten.
Die Itogapukmädchen sehen entschieden besser aus als die Männer. Mehrere hatten eine ein wenig hellere Hautfarbe. Sie waren völlig nackt bis auf einen Rindengürtel und ähnliche Verzierungen, wie sie die Männer trugen. Wie es scheint, wird bei den Weibern dieses Stammes nur die Oberlippe durchbohrt, aber nicht die Nasenscheidewand. Sie entfernen, ungleich den Männern, alle Haare vom ganzen Körper, was bei den Weibern aller amazonischen Stämme allgemein üblich zu sein scheint. Zuerst hielten sie sich hinter ihren Männern und Vätern und zeigten sich sehr scheu. Aber Geschenke nahmen sie bereitwillig aus den Händen der Weißen entgegen, was die Parintintins nie getan hatten.
Nachdem sie uns eine Zeitlang neugierig beschaut und untereinander Meinungen ausgetauscht hatten, fragten sie, warum unsere Haut weiß wäre und ob wir Kleider trügen, weil es in unserer Heimat heißer sei als in „Emelene“? Wir vermuteten, daß dies die Eingeborenenbezeichnung für den Madeirinha oder kleinen Madeira sei, aber was der Name bedeutete, konnten wir nicht herausbringen. Etwa eine halbe Stunde hielten sie sich im Lager auf und waren schon im Begriff, mit ihren Geschenken wieder abzuziehen, als wir ihnen begreiflich machten, daß wir nun auch ihre Maloccas sehen wollten, nachdem sie unsere besucht hatten. Ihnen diesen Wunsch auseinanderzusetzen, bedurfte trotz seiner Einfachheit geraumer Zeit und verursachte viel Hin- und Herreden unter ihnen, als sie ihn endlich verstanden hatten. Doch schließlich willigten sie ein, am nächsten Tag zurückzukehren und uns zu ihren Maloccas zu führen.
Nachdem wir nun den Stammesnamen der Wilden kannten, saßen wir noch lange in der Nacht um das Lagerfeuer, das zur Beleuchtung und zum Kochen diente, und besprachen, ob dieItogapuks ein eigenes Volk bildeten oder eine Unterfamilie einer der großen ursprünglichen Gruppen wären. Obwohl eine Entscheidung bei dem Fehlen endgültiger Beweismittel nicht getroffen werden konnte, schien doch die Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß dieser merkwürdige Stamm in Wirklichkeit die Unterabteilung einer oder der andern der beiden großen amazonischen Rassen bildet: der kriegerischen Parintintins und der ebenso wilden Nambiquaras, zwischen deren Wohngebieten die Itogapuks in düstern Urwäldern hausen. Ihre Sprache war uns damals noch fremd, obwohl gewisse Worte in Tupi, das dem Guarani ähnlich ist, verstanden worden zu sein schienen. Nach Gestalt, Farbe und Haar ähnelten die Itogapuks den Parintintins, aber ihr Körperschmuck glich weit mehr dem der Nambiquaras. Spätere Untersuchungen verstärkten die Annahme zugunsten der Nambiquaras, aber nebenher gibt es auch schwerwiegende Gründe für die Annahme, daß sie einen Zweig des wilden Nomadenstammes der Arara bilden. Das Indianeramt in Manáos führt sie gleichwohl amtlich als besonderen Stamm unter dem Namen der Itogapuks.