13. Ein geheimnisvoller Felsentempel.

13. Ein geheimnisvoller Felsentempel.

Im mittleren Amazonengebiet ist Manáos der gegebene Knotenpunkt des Stromsystems, ebenso wie Pará für den Unterlauf der Flüsse. Erst jenseits der Grenze Perus verlegt er sich von Manáos nach Iquitos, und da hat auch der Amazonenstrom einen andern Namen angenommen. Zuerst heißt er Solimões und dann, nach Überschreiten der brasilianisch-peruanischen Grenze, Marañon. Iquitos liegt jedoch über 1600 Kilometer von Manáos entfernt, und von ihm ist vorläufig noch nicht die Rede. Wir befinden uns im Land der Riesenentfernungen, wo jeder Ortswechsel nur mit Hilfe der Karte anschaulich gemacht werden kann.

Nach wenigen Rasttagen in Manáos entschloß ich mich, einen weitern Vorstoß in das Herz der brasilianischen Wildnis zu unternehmen, und zwar diesmal nach Norden in das wenig bekannte Gebiet an der Grenze Venezuelas, ehe ich zu längerer Ruhe nach Europa zurückkehrte. Mein Entschluß, den Rio Negro und Rio Branco hinaufzufahren, entsprang verschiedenen verführerischen Aussichten. Zuerst einmal war mir Förderung meiner Absichten versprochen worden, wenn ich zur Staatsdomäne von S. Marcos am wenig bekannten Rio Uraricoera gelangen würde; zweitens hatte ich genug von den düsteren Wäldern und sehnte mich nach den ungeheuern, unbekannten Flächen, die nördlich des dritten Breitengrades vorhanden sein sollten. Dort gab es Indianer eines völlig von jenem der dichten Dschungeln verschiedenen Typs, denkürzlich entdeckten „Felsen der Inschriften“, die Kristallberge und die unerforschten Steppen des Amazonenstroms.

Landkarte des Rio-Branco-GebietesSkizze der Steppen des Rio Branco.⇒GRÖSSERES BILD

Skizze der Steppen des Rio Branco.⇒GRÖSSERES BILD

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Der Flußdampfer, auf dem ich mich am 12. September einschiffte, war sehr klein und hatte nur wenig Tiefgang. So langsam war seine Fahrt gegen die Strömung, daß Stunden auf dem offenen, sonnenhellen, blauschwarzen Rio Negro verflossen, ohne daß unser Fortschritt recht bemerkbar wurde. Die weißen Häuser und Türme von Manáos, die ihm einen östlichen Anstrich verleihen, schimmerten im Licht der sinkenden Sonne, überragt von der grüngoldenen Kuppel des nutzlosen Theaters und eingefaßt von der frischen tropischen Vegetation und den Klippen aus rotem Sandstein. Dahinter wogte es wie Feuer um den untergehenden Sonnenball über den unbekannten Wäldern des brasilianischen Guayana. Träge kämpften wir uns gegen die schnelle Strömung an S. Raymundo vorüber, der hübschen, kleinen und durch seine Wäscherinnen berühmten Vorstadt von Manáos, an der drahtlosen Station und endlich an dem Igarapé vorbei, der durch überschwemmte Wälder zu den Fällen von Tarumá führt. Und dann ging’s hinaus in die nachtverhüllte Wildnis auf dem sternenhellen Fluß.

Nirgends im Amazonengebiet spiegeln sich die zahllosen Lichtpunkte des indigoblauen Himmelsgewölbes in gleicher Pracht auf der ruhigen Oberfläche der Flüsse wie auf den schwarzen Wassern des Rio Negro. Zuzeiten ist die Wirkung geradezu zauberhaft. In stillen, mondlosen Nächten ist man von Sternen wie umgeben. Solange noch der Widerschein der Schiffslichter auf dem Wasser liegt, ist der Eindruck schwächer; zu später Stunde aber, wenn sie abgeblendet sind, ist’s, als schwebte man langsam durch einen sternenerfüllten Raum.

Auf diesen Flußdampfern speist man unter einem Schutzdach auf dem Hinterdeck, und wäre die Verpflegung nur einigermaßen gut, so könnten solche Reisen auf den stärker befahrenen amazonischenFlüssen von und bis zu der Endstation ganz gemütlich und außerordentlich unterhaltend sein. Die Speisekarte besteht mit wenigen Unterschieden aus in Baumwollsamenöl gebratenen Eiern, schwarzem Kaffee und Farinha, einem wie Sägemehl schmeckenden, aus Mandioka bereiteten Brei, Konservenfleisch, Goyabagelee und getrockneten Süßwasserfischen. So geht es, je nachdem, tage- oder wochenlang fort in der beständigen Hitze der Wälder und Flüsse und nimmt der sonst landschaftlich wundervollen Fahrt jeden Reiz. Die Reise wird so zu einer Frage der Ausdauer, einer Vorprüfung für die unendlich größern Entbehrungen, wenn das „Mutum-Mutum“, wie die halbzivilisierten Indianer das Dampfboot nennen, erst Hunderte von Meilen hinter uns liegt und die Wildnis uns aufgenommen hat mit ihren Ansprüchen an Kraft, Zähigkeit und Unverdrossenheit, mag auch alles noch so sorgfältig vorbereitet und organisiert worden sein.

Die Landschaft am Rio Negro ist gänzlich verschieden von der an den meisten amazonischen Flüssen. Im Osten begleiten seinen Lauf Hügelketten, im Westen viele überschwemmte Wälder. Die Hügel erheben sich über die in den breiten Fluß vorspringenden Sandsteinklippen und kleiden sich in das Grün der tropischen Vegetation, das beständig andere Töne annimmt. Nach Süden und Westen schaut man meilenweit über den wilden, unerforschten Dschungel, die Heimat unbekannter Stämme, deren Jagdgründe und Maloccas sich meistens in weiter Ferne in den düstern Wäldern befinden, die wie dunkle Wellen den dunstigen, blaugrauen Horizont umsäumen. In diese Richtung erstrecken sich viele lange Igarapés, und weit draußen trifft das Auge auf glänzende Flecken, die verraten, daß sich dort namenlose Waldseen befinden. Erklimmt man einen der Hügel, so fliegt der Blick über unendliche Strecken tropischer Wälder, was in diesem unermeßlichen Gebiet von fünf Millionen Geviertkilometer sonst nur selten in Flußnähe der Fall ist.

Vorübergehend halten wir an einigen Caboclohütten und Lehmziegelhäusern namens Tauapersassu und Ayrao und endlich an dem trübseligen und verwahrlosten Städtchen Moura, 274 Kilometer von Manáos. Fast gerade gegenüber der verfallenen Niederlassung mischen die Gewässer des Rio Branco ihre weißen Streifen und Flecken in die schwarze Flut des Rio Negro. Er ist noch weitere 400 Kilometer bis Santa Isabel schiffbar, aber während der Niederwasserzeit von Dezember bis März nur für Dampfboote mit sehr kleinem Tiefgang. Jenseits Santa Isabel beginnen dann zahlreiche Stromschnellen und gefährliche Felsriffe.

In Moura heißt es entweder den Dampfer mit der staatlichen Barkasse „Amazonia“ vertauschen oder sich ein Batalõe verschaffen für die lange Fahrt den Rio Branco flußaufwärts, dessen starke Strömung der Schiffahrt erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Nur langsam geht es vorwärts. Im Unterlauf des Flusses gibt es allerlei Hindernisse wie bewaldete Inseln, gewundene „Furos“ (Flußarme) und Brackwasserseen. Zu beiden Seiten hat man den tropischen Wald, dessen Bäume ihre mächtigen Äste über den Fluß breiten. Selbst mit Hilfe der Karte und des Kompasses ist es nicht leicht, sich im richtigen Fahrwasser zu halten. Oft gehen Stunden verloren, wenn man einen der verschlungenen Wasserwege verfolgt, der schließlich nur wenige Kilometer oberhalb wieder in den Hauptfluß einmündet.

Das Ästuar, einige Kilometer oberhalb Moura, bildet eine prächtige, mit bewaldeten Inseln bedeckte Wasserfläche. Jenseits begleiten den Fluß 350 Kilometer lang die Mauern der immergrünen Wälder, die nur einmal am rechten Ufer, 250 Kilometer von Moura, einen Ausblick auf die Serras do Barauana gewähren. Bis oben hinauf dicht bewachsen unterbrechen sie die Eintönigkeit der Landschaft. Dann kommt die kleine Niederlassung von Vista Alegre, wo die von Manáos durch die Wälder geplanteStraße einmal ihr Ende am Rio Branco finden soll. Der Bau geht jedoch nur langsam vorwärts und ist, obwohl er vor vielen Jahren begonnen wurde, erst bis Campos Salles gediehen, einige dreißig Kilometer über Manáos hinaus.

Am Nordufer beugten sich hier zwei große Bäume über den Fluß, die über und über mit den merkwürdigen Nestern von Stärlingen besetzt waren. Fast von jedem Zweig hingen sie herab. Der Eingang zu den Nestern dieser eigenartigen Tiere befindet sich am Boden, von wo ein Gang nach oben zu dem Brutplatz des Weibchens führt. Diese Stärlinge sind fröhliche kleine Geschöpfe, die den ganzen Tag singen und zwitschern. In der Nähe war ein Baum, von dem nicht weniger als drei große, bienenkorbähnliche Wespennester herabhingen.

Etwa 30 Kilometer über Vista Alegre hinaus ist das Fahrwasser durch die gefährliche Cachoeira (Stromschnelle) Bemqueror unterbrochen, doch kann man sie sowohl durch den Furo do Cuyubim umfahren als auf dem Landweg über die Serra Caracarahy umgehen. Hat man erst diesen schwierigen Abschnitt hinter sich, so liegt der Weg frei bis Boa Vista, ungefähr 100 Kilometer jenseits der Stromschnellen. Der Wald wird nun lichter, bis endlich in weiter Ferne unendliche Ebenen wie ein wogendes Meer erscheinen. Kommt man aus dem feuchten Zwielicht der tropischen Wälder und hat nun vom hohen Ufer aus plötzlich die durch kleine Palmeninseln durchbrochenen Flächen bis zum Horizont vor sich, so ist’s, als träte man aus dem Düster eines Treibhauses auf ein frischgrünes Feld hinaus.

Mit Wonne atmete ich die Luft der amazonischen Steppen ein, die wie eine Seebrise nach einem Londoner Nebel auf mich wirkte. Obwohl Gruppen von Bäumen und selbst kleine Dschungelstreifen erst verschwanden, als die Ultima Thule des Amazonengebiets erreicht war, weit oben an den Flüssen Parimé und Surumú, hatteich doch endlich die dunstigen Wälder, ungesunden Flüsse und moskitoverseuchten Sümpfe hinter mir, und ungehemmt von den grünen Gefängnismauern durfte der Blick in die Weite schweifen.

Die kleine Niederlassung Boa Vista, etwa 700 Kilometer von Manáos entfernt, besteht aus vielleicht 130 Gebäuden, die eine ungepflasterte und unbeleuchtete Straße bilden. Es ist eine hinterwäldlerische Ansiedlung. Die meisten Häuser sind aus Luftziegeln und „Taipa“ gebaut und haben Zink- oder Strohdächer. Ich hielt mich hier nur so lange auf, als erforderlich war, mein Gepäck in die Barkasse umzuladen, die schon wartete und mich nach S. Marcos und den Uraricoera flußaufwärts bringen sollte bis zu seiner Vereinigung mit dem Parimé auf 3° 20′ nördlicher Breite.

Auf der Staatsdomäne von S. Marcos, die vom Indianeramt verwaltet wird, traf ich mehrere Offiziere. Nach Ergänzung der Vorräte fuhren wir westwärts in den Uraricoera ein. Den Ufern des schmalen Flusses entlang befinden sich zahlreiche Farmen, auf denen hauptsächlich Viehzucht auf den Steppen ringsum getrieben wird. Außer den ausgedehnten Staatsdomänen, wo man Macuxyindianer als Viehhirten beschäftigt, wären hier zu nennen die Facendas des Oberst Bento Brazil und des Commendadore Araujo am Pariméfluß. Dorthin ging meine Reise, um den geheimnisvollen Felsen der Inschriften zu untersuchen. Dann wollte ich über die offenen „Campos“ den obern Surumú erreichen.

Über die Reise den Uraricoera und Parimé flußaufwärts brauche ich nur wenig zu sagen, um zu schildern, wie ich die Tage hinbrachte. Der Uraricoera ist auf beiden Ufern umsäumt von kleinen Gruppen von Palmen und andern Bäumen, zwischen denen sich weite Ausblicke auf die wellenförmige Steppe und auf namenlose Serras bieten. Der Parimé ist ein schnell dahinströmender kleiner Fluß, dessen Quelle in einer Kette hoher unerforschter Berge fern am Horizont liegt. Da er damals mit Barkassen nicht befahrenwerden konnte, mußte dieses Beförderungsmittel gegen Pferde vertauscht werden. Beamte der benachbarten Fazenda stellten sie mir liebenswürdigerweise zur Verfügung zusammen mit einigen wenig anmutig aussehenden indianischen Vaqueros, die zugleich als Führer dienen sollten.

Kopfjäger in TarnbemalungMandaño-Indianer vom obern Napo.Diese Indianer sind Kopfjäger. Die scheckige Bemalung mit Pflanzenfarben macht sie im Dickicht schwer erkennbar.⇒GRÖSSERES BILD

Mandaño-Indianer vom obern Napo.Diese Indianer sind Kopfjäger. Die scheckige Bemalung mit Pflanzenfarben macht sie im Dickicht schwer erkennbar.⇒GRÖSSERES BILD

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FestbemalungIhr „Gesellschaftskleid“.Bemalung eines Ocainamädchens.⇒GRÖSSERES BILD

Ihr „Gesellschaftskleid“.Bemalung eines Ocainamädchens.⇒GRÖSSERES BILD

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Der wenig bekannte Felsblock, den zu sehen ich so weit gereist war, befindet sich in einiger Entfernung vom Alto Parimé und steigt wie ein gigantischer Ballon aus der ebenen Steppe. Er ist so abgelegen, daß die Annahme wohl richtig ist, daß er der heilige Felsentempel der großen Indianerstämme war, deren Jagdgründe sich hier vor 600 Jahren ringsum ausbreiteten.

Es ist kaum möglich, ein Gefühl scheuer Ehrfurcht zu unterdrücken, wenn man von der Steppe her in den Schatten dieses ungeheuren Blocks reitet. In mancher Hinsicht ähnelt er den merkwürdigen Matoppos in Rhodesia, nur ist er viel größer. In seiner Riesenhaftigkeit gibt er das überwältigende Gefühl einer Allmacht, die allein fähig war, diesen kolossalen abgerundeten Felsbrocken hierher auf eine sich nach jeder Richtung auf Meilen und Meilen eben ausdehnende Fläche zu versetzen.

Ein schmales Felsband führt spiralenförmig um die Basis der überhängenden Masse. Auf einer Seite befindet sich eine Höhle, die einer Kavallerieschwadron Unterkunft bieten würde. Offenbar war hier der Tempel der alten indianischen Götter, und auf dem Steinaltar sind zweifellos viele blutige Opfer dargebracht worden. Hoch oben an der Außenwand ist eine augenscheinlich künstliche, schmale, merkwürdige Plattform, von der ein Abstieg jetzt jedoch nicht mehr durchführbar zu sein scheint. Über dreißig Meter unter ihr erhebt sich eine natürliche ebene Steinterrasse. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß von dem luftigen Altar auf unbekannte Weise die Menschenopfer auf die Steinterrasse im Angesicht der unten versammelten Indianerstämme herabgestürzt wurden.

Die Seiten dieses sicherlich größten Felsblocks der Erde sind ausgewittert und verfärbt von der tropischen Sonne und den Regenfluten der Jahrhunderte. Aber außer den tief in den Felsen eingegrabenen Inschriften, von denen ich auf Seite 179 einige wiedergebe, weiß man wenig Sicheres über seine Geschichte und seinen Zweck. Daß er einst ein großer Tempel war, ist zweifellos und wird von den Macuxy-, Uapirkanas- und Jarikunasindianern bestätigt, den mächtigsten Stämmen, die jetzt die Umgebung bewohnen.

Diese Nacht lagerte ich im Schatten des großen Felsentempels. Alle Stunden der Finsternis waren erhellt von den lautlosen tropischen Blitzen. Zuweilen war das Stampfen der Hufe flüchtender Rinderherden weit draußen in der Steppe zu hören, sonst nicht einmal das leise Flüstern des Windes im Grase. Eine Stille wie nicht von dieser Welt. Im Zucken der blauen Blitze am unerforschten Horizont enthüllte sich jedesmal die ungeheure schwarze Felsmasse. Nur schwer ließ sich die Phantasie zügeln, die nachtverhüllten Flächen ringsum mit nackten Gestalten in geisterhaften Zeremonien zu bevölkern. Der Schlaf floh mich, trotzdem der mühselige Ritt in der großen Hitze des Tags mich erschöpft hatte. Als die ersten roten Streifen der Dämmerung über die gebrochenen Linien der Steppe hinzitterten, war ich froh zu essen, aufzupacken und von dem unheimlichen Felsblock wegzukommen, dessen eigentümlich farbgesprenkelten Flächen im rosigen Licht des Morgens wie von Blut trieften.

Verschiedene FelszeichnungenZeichnungen am „Felsen der Inschriften“.⇒GRÖSSERES BILD

Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“.⇒GRÖSSERES BILD

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Der Überdruß an allem, was sich „amazonisch“ nannte, hatte mich fest in seinem Griff. Jede Bewegung schien eine Anstrengung, die den letzten Nerv meiner Willenskraft in Anspruch nahm. Während ich vor mich hindöste, war es, als ob der Boden unter den Hufen meines Pferdes verschwände, bis ich wieder mit einem quälenden Ruck zu mir selber kam. Gehirn und Muskeln waren wiegelähmt, aber einen wirklichen Schmerz fühlte ich nicht. Dieser äußerste Lebensüberdruß brachte nur eine Empfindung des Ekels hervor und leichtes Kopfweh. Wer aus den tropischen Wäldern kommt und deren erschlaffende Luft unter beständigem Schweißverlust monatelang eingeatmet hat, muß auf diese merkwürdige Reaktion gefaßt sein. Ob man sie über Fluß und Meer verläßt, über die luftigen Pässe der Anden oder die offenen Steppen am Rio Branco, hat wenig zu bedeuten. Das Ergebnis ist fast stets das gleiche: mehrere Tage einer unwiderstehlichen Schwere und eines Überdrusses, die nicht viel ausmachen, wenn man auf einem Deckstuhl herumfaulenzen kann, aber während der glühenden Mittagsstunden im Sattel inmitten der ozeangleichen Weiten der steinigen, wellenartigen Steppe zu einer wirklichen Qual werden.

Als die Sonne in düsterer Glut hinter den dürren Hügeln unterging, beschleunigte ich den Marsch meiner kleinen Kavalkade. Sie bestand aus drei Leuten und fünf Pferden, von denen zwei nur als Packpferde zum Tragen der Zeltausrüstung mitgeführt wurden. Obwohl unser Ziel am Surumú weniger als 100 Kilometer entfernt war, wurde es uns doch bald klar, daß wir es nicht vor Einbruch der Nacht erreichen würden, da wir einen kleinen, aber schwierig zu überschreitenden Fluß zu queren hatten. So schlugen wir wieder das Lager auf den offenen Campos auf, während es die ganze Nacht durch blitzte. Am nächsten Tag gelangten wir zu dem Posten des Indianeramts an den Flüssen Surumú und Cotinga.

Die kleine weitentlegene Station dient zur Zivilisierung der Macuxy-, Jarikunas- und Uapirkanasindianer. Sie sind eine uninteressante, aber recht umgängliche Gesellschaft. Da sie vorzügliche Reiter sind, verwendet die Regierung sie als Viehhirten, um die Herden auf den offenen Flächen dieses großen, einsamen Landes zu hüten. Eine Schule für die Indianerkinder ist derStation angegliedert, und die wunderlichen kleinen Geschöpfe sehen sich zum erstenmal in der Geschichte ihrer Rasse den Einschränkungen von Kleidern und Schulstunden unterworfen.

Jenseits dieses letzten Vorpostens einer Halbzivilisation liegen die unbekannten Ketten der Serra Pacaraima an der Grenze Venezuelas. Die niedrige Kette der wellenförmigen Hügel, die nur selten die Höhe von 500 Meter überschreiten, ist mit Gebüsch bedeckt, aber sonst breitet sich nach allen Richtungen über Tausende von Geviertkilometer die Steppe aus. Es ist ein ungeheures, unbevölkertes Land unermeßlicher Möglichkeiten. Von den wenigen dort wohnenden Indianern sieht man nicht viel, ehe man die Hügelkette überstiegen und die Wälder auf der Seite Venezuelas betreten hat. Dort bewachen noch heute die Punabi- und Brüllaffenindianer die Annäherungslinien an die unerforschte Quelle des großen Orinoko, und noch weiter nördlich hausen andere ebenso kriegerische Stämme um den heiligen Berg „Sipapo“.

Unter den Grenzern und Schmugglern hört man viel von Gold, Diamanten und kostbaren Steinen, die am Surumú, Cotinga, Majery und andern Flüssen des wilden Landes gefunden werden. Auf 4° 15′ nördlicher Breite erhebt sich am Cotinga eine kleine Bergkette, die die Lokalbezeichnung „Serra das Crystaes“ (Kristallberge) trägt. Sie wurden mir geschildert als „ein Fundort von weißen, blauen und roten Kristallen“. Diamanten hat man an den Ufern des Cauamé gefunden, aber dieser und viele andere Flüsse sind gänzlich unerforscht und scheinen für wissenschaftliche Untersuchungen ein glänzendes Feld zu bieten, und zwar mit weit weniger Gefahr für Leben und Gesundheit, als mit der Erforschung der großen Wälder im Süden unvermeidlich verbunden ist.

Als ich auf meiner Rückkehr zum Rio Branco an der Mündung des Uraricoera vorüberkam, verbrachte ich eine Nacht im Lager Raoul Rabeques, des berühmten „R. R.“ der französischen Forschung.Er hatte seine Untersuchungen am Uaupésfluß beendigt und war an den Rio Branco heraufgekommen, ehe er in die Berge seines geliebten Jura zurückging. 450 Kilometer jenseits des letzten Vorpostens der Zivilisation hatte er am Oberlauf des geheimnisvollen und wenig bekannten Uaupés eine schwere Malaria überstanden. Der Amazonenstrom selbst ist ganz gesund, und in Städten wie Pará und Manáos hat man von Malaria nichts zu fürchten, aber die entlegenen Flüsse und Sümpfe sind außerordentlich malariagefährlich, besonders, wenn die Gewässer aus den überschwemmten Wäldern wieder ablaufen. Dieser verhältnismäßig junge Forscher hatte sich zu lange in den Fiebergegenden aufgehalten und trug die unverkennbaren Zeichen an sich, daß er nur noch eine große Reise ins Unbekannte vor sich habe, obwohl er einen lebhaften und vergnügten Eindruck machte. Er starb etwa sechs Monate später auf See nach einem Besuch in Rio de Janeiro.

Von Rabeque erfuhr ich interessante Einzelheiten über die Uaupésindianer, mit denen er während seines acht Monate währenden Aufenthalts in den Wäldern in nahe Berührung gekommen war. Die Wilden an diesem entlegenen und von Stromschnellen unterbrochenen Fluß, einem Nebenfluß des oberen Rio Negro, sind zuweilen großgewachsen, haben die Hautfarbe hellen Kupfers und schwarzes Haar, das sie vorn kurzgeschnitten und über den Rücken herabhängend in einen langen Schwanz geflochten tragen. Ihre Hütten sind die größten Gemeinschaftshäuser der Welt. Einige sind über 50 Meter lang, 25 Meter breit und 12 Meter hoch. Die Dachstützen bestehen aus glatten, runden Baumstämmen. In einer dieser Riesenmaloccas spielen sich die seltsamen Zeremonien ihrer Juripariverehrung ab. Bis zu 40 Familien leben in einer Hütte. Jede besitzt ihre Feuerstelle und ihre eigenen Gerätschaften, untersteht aber den Befehlen eines Unterhäuptlings. Sie schlafen in Netz- und Federhängematten und bearbeitenkleine Anpflanzungen von Kassave, Yams und Tabak. Ihre Kanus bestehen aus einem einfach ausgehöhlten Baumstamm, sind bis zu 10 Meter lang, aber im schnellfließenden Wasser kaum zu brauchen.

Die Männer haben zuweilen eine Art Schürze, die Weiber aber, die keineswegs häßlich sind, gehen vollständig nackt. Alle Krieger tragen um den Hals an einer Kette von schwarzen Perlen einen zylinderförmigen weißen Stein, dessen Größe je nach dem örtlichen Rang des Trägers verschieden ist. Das Oberhaupt des Hauses heißt „Tischana“. Sein Amt ist erblich, solange seine Söhne es den besten Jägern des Stammes gleichzutun vermögen.

Das Uaupé- oder Uaupécarevolk, wie es auch heißt, teilt sich in 21 Unterstämme, die 15 verschiedene Dialekte sprechen. Jeder Stamm hat einen Namen, der zu seinen hauptsächlichsten Gewohnheiten oder Gebräuchen in Beziehung steht. So gibt es Tapuras (Tapirs), Tucunderas (Ameisen), Banhunas und Cubeus (Menschenfresser), Tucanos (Tukans), Piriacurus (Fische), Pesas (Netze) und noch andere, die alle das malariaverseuchte, gewundene Flußtal bewohnen.

Die Sitte verbietet Zwischenheiraten unter ihnen. Kann ein Mädchen nicht im Kampf mit einem benachbarten Stamm erbeutet werden, so muß der Heiratslustige sie aus gewissen Stämmen des Uaupévolks nehmen, in die hineinzuheiraten gestattet ist. Diese sind friedliche Ackerbauer, während die kriegerischen Stämme von gegenseitigen Raubzügen oder der Brandschatzung benachbarter Indianerstämme leben.

Der Fluß und die Indianer tragen offenbar ihren Namen von einem kleinen Vogel „Uaupé“ oder „Glanzkopf“, der seines schöngefärbten Köpfchens wegen so heißt. Stirbt ein Uaupé, so wird der Leichnam den Raubvögeln überlassen, bis sie ihn zum Skelett abgenagt haben. Die Knochen werden dann zu Pulver zerrieben,mit einem berauschenden Getränk vermischt und von allen Verwandten getrunken. Diesem widerlichen Brauch liegt die Vorstellung zugrunde, daß „es besser ist, sich im Innern eines Freundes als eines Insekts oder Reptils zu befinden“.

Die Waffen der Uaupés bestehen aus Lanzen, Blasrohren, Bogen, vergifteten Wurfspießen, Wurfpfeilen, Pfeilen und Keulen. In mancher Hinsicht scheinen sie den Ocainas zu ähneln, die ich später am Putumayo traf, da sie, nach Rabeque, sich auch am ganzen Körper zwei- oder dreimal des Tags mit gewissen Blättern abreiben.

Das Interessanteste an den Uaupés, weil einzig dastehend, ist vielleicht ihre Verehrung des Juripari, die in den wenigen Religionen und Mythologien anderer amazonischer Stämme kein Gegenstück hat. Es gibt bei ihnen Zauberdoktoren oder „Payés“, aber sie glauben weder an einen Gott noch an einen unsichtbaren Schöpfer. Alle sind diesen Payés untertan, und sogar die Kinder werden streng überwacht und müssen eine Art Katechismus lernen, der nichts enthält als eine Aufzählung ihrer Naturbeobachtungen.

Der Mittelpunkt ihrer rohen Kultur ist eine Art Teufelsgottheit, namens Juripari, und die ganze Religion ist auf einen Geheimdienst gegründet. Ungefähr sechsmal im Jahr wird in einer der Riesenmaloccas das Fest des Juripari begangen. Aus verschiedenen gegorenen Früchten bereitet man ein berauschendes Getränk in ungeheuren Mengen und vermischt es mit zu Pulver gestoßenen menschlichen Gebeinen. Die Payés legen ihre grotesk bemalten Masken an und führen unter dem Klang von Bambusflöten, unheimlichem Geschrei und allerhand Körperverdrehungen eine Art Prozession durch den Wald. Vernehmen die unverheirateten Weiber des Stammes die „Juriparimusik“, so fliehen sie in die Wälder und warten auf ein Zeichen, das sie herbeiruft. Inzwischen versammeln sich die jungen Männer, um sich einergewissen Operation zu unterziehen, bei der kein junges Mädchen zusehen darf.

Wenn das vorbei ist, ziehen die älteren Männer und Weiber in den Wald und holen die unverheirateten Mädchen, die auf sie gewartet haben. Oft sind sie Gefangene von andern Stämmen. Sie werden in die Malocca geleitet und nach einer Untersuchung durch die Payés ihren betreffenden Gatten nach irgendwelchen geheimnisvollen Regeln übergeben. Der Bräutigam beschreibt genau den Mädchentyp, den er zu heiraten wünscht, mit allen körperlichen Vorzügen, auf die er Wert legt, ehe er noch die Gefangenen gesehen hat. Etwa ebenso, wie auch die Europäer ihrer Vorliebe für große, kleine, blonde oder brünette Frauen Ausdruck geben. Der Unterschied ist nur, daß die Payés bis ins kleinste gehende Einzelheiten verlangen, ehe sie zur Verteilung schreiten. Ist kein Mädchen vorhanden, das den Forderungen des Heiratslustigen in jeder Hinsicht entspricht, so muß er bis zum nächsten Fest warten oder bei den Stämmen, in die einzuheiraten ihm gestattet ist, selbst auf die Suche gehen und die Gefangene dann zu einer neuen Feierlichkeit mitbringen. Geburten verlaufen fast schmerzlos und ohne Beschwerden für die Mutter, weil an den Mädchen schon von früher Kindheit an gewisse Operationen vollzogen werden. Erblickt ein Mädchen die heiligen Zeremonien des Juripari, die vor den Masken der Teufelsgottheit am Beginn des Festes stattfinden, so muß sie einen grausamen Tod durch Gift erleiden.

In der Londoner Times war vor einigen Jahren zu lesen, daß zwei Missionare die unsagbaren Greuel des Juriparidienstes abzuschwächen hofften, indem sie die heiligen Kultsymbole und Messer dem versammelten Stamm zu Gesicht brächten. Es gelang ihnen auch durch eine List, die Gegenstände der Stammesverehrung dem allgemeinen Anblick darzubieten. Die Weiber flohen entsetzt, und in einer Beratung der Payés ward entschieden, daß zur Besänftigungder erzürnten Götter von den Mädchen, die die heiligen Symbole erblickt hatten, jedes zehnte durch Gift sterben müsse. Der schauerliche Beschluß gelangte sofort zur Ausführung. Die Leichen wurden in riesigen irdenen Urnen verschlossen und unter der Maske des Juripari begraben. Natürlich gibt es verschiedene Symbole dieses seltsamen Kults, aber bisher haben so selten Weiße auch nur einem Teil der Zeremonien beigewohnt, daß sehr wenig darüber bekannt ist. Der Juriparidienst bildet noch heute zum größten Teil eins der unenthüllten Geheimnisse der großen Wälder.


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