17. Die Konibosindianer am Ucayali.
Man soll die menschenfressenden Indianer in den Wäldern des obern Amazonenstroms nicht schlechthin als Kannibalen bezeichnen können, da ihre Mahlzeiten von Menschenfleisch dem Wunsch zuzuschreiben sind, der Vorzüge ihrer Opfer teilhaftig zu werden, indem sie sie verzehren, und nicht einer besonderen Vorliebe für diese Art der Nahrung. Die Frage wird aber verwickelt, wenn etwa ein menschenfressender Südseeinsulaner seine Leidenschaft für Menschenfleisch nicht viel anders erklärt als ein Bewohner von Clapham oder Hoboken seine Leidenschaft für Roastbeef, nämlich damit, daß es ihm Kraft verleiht. Und dazu kommt nun noch ein Kaschibo-Indianer mit der Behauptung, wenn er einen Feind verzehre, gehe die Körperkraft des Toten in ihn über.
Ich bin mir wohlbewußt, daß da noch andere Unterschiede vorliegen, aber sie sind so geringfügig, daß man besser daran täte, für alle praktischen Zwecke jeden als Kannibalen zu bezeichnen, der Menschenfleisch ißt, ohne die Beweggründe zu beachten, die ihn leiten. Der Grund einer Verworfenheit und deren Grad sollten für eine allgemeine Klassifikation nicht ausschlaggebend sein, da sonst vieles, was über das Fehlen des Kannibalismus im Amazonengebiet geschrieben wurde, gänzlich irreführend sein würde. Viele Tausende von Geviertmeilen der Wälder sind noch von Indianern bewohnt, die zu diesem Hang neigen, und an erster Stelle unter ihnen stehen die Kaschibos- und Nonuyasstämme.
Nach einem längeren Aufenthalt in Iquitos bot sich endlich eine Gelegenheit, in das Gebiet dieser Wilden vorzudringen, daswestlich von den Flußläufen des Ucayali und Pachitea mitten in den Dschungeln liegt. Um diese Flüsse zu erreichen, bedarf es einer Reise von einigen Tagen in der Barkasse von Iquitos aus, da sie die Wasserstraßen zwischen dem Amazonenstrom, den Anden und dem Pazifischen Ozean bilden. Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst bei der Einfahrt in die beiden Flüsse, wo sich die schweigenden, verfilzten Urwälder über Hunderte von Meilen nach jeder Richtung bis zum unerforschten, nebelerfüllten Horizont hin ausbreiten.
So undurchdringlich sind die Wälder, daß ein Vorstoß von beispielsweise 300 Kilometer jede Zeit bis zu einem Jahr beanspruchen mag, wobei eine Anzahl Weghauer und Träger Voraussetzung sind. Der Ruf der Stämme, die diese Gebiete bewohnen, ist so schlimm, daß es schwierig, wo nicht unmöglich wäre, in den halbzivilisierten Indianerniederlassungen längs der Ufer der Hauptflüsse irgendeine Hilfeleistung zu erlangen. Die dichten Urwälder allein zu betreten, würde sichern Tod bedeuten. Ein deutscher Naturforscher, der es versuchte, ist niemals zurückgekehrt. Die Gebeine eines Kautschuksammlers von Mashishea wurden erst kürzlich neben einer Feuerstelle in den Waldebenen von Sacramento gefunden. Mr. Whaley aus San Juan wurde von den Indianern ermordet, weil er trotz wiederholter Warnungen in ihr Gebiet eindrang, und der Deutsche Kroehle, der unter den Kaschibos lebte und sie photographierte, starb schließlich an den Wunden, die er durch ihre Pfeile erhalten hatte. Die Geschichte der Versuche, dieses Gebiet zu erschließen, berichtet noch viele ähnliche Tragödien. Weiter im Süden, wo die Flüsse Perené und Ené sich zum Tambo vereinigen, widersetzen sich die Ungoninos, ein Zweig des großen Kampasvolkes, dem Durchqueren ihres Gebietes durch Weiße. Obwohl sie keine Menschenfresser sind, müssen doch die Maultierzüge und Kanus, die auf dem Weg von denAnden nach Iquitos die Wälder berühren, um ihr Gebiet einen Umweg machen. Jeder Versuch, es zu durchqueren, würde unweigerlich ins Verderben führen. Diese kurzen Angaben mögen die Schwierigkeiten veranschaulichen, einen Weg in die abgelegeneren Wälder abseits von den Hauptflüssen zu finden.
Einwohner des Matto GrossoZwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen Caripunasmädchen.
Zwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen Caripunasmädchen.
Sogenannte 'Vampirindianer'Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern.Der Häuptling trägt einen Kopfschmuck, ist der größte Mann des Stammes und mißt fast 2½ Meter. Die Speere haben eine Länge von über 3 Meter.⇒GRÖSSERES BILD
Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern.Der Häuptling trägt einen Kopfschmuck, ist der größte Mann des Stammes und mißt fast 2½ Meter. Die Speere haben eine Länge von über 3 Meter.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
Der Ucayali ist ein breiter Fluß mit glasigem, grünlichgrauem Wasser, einer schnellen Strömung und vielen gefährlichen Strudeln zwischen weit auseinanderliegenden, nebelverhüllten, mit niedrigem Gestrüpp bedeckten Ufern. So stark ist die Strömung, daß Barkassen und andere Fahrzeuge bei der Bergfahrt sich stets nach Möglichkeit am dschungelbedeckten Ufer herumdrücken. Hin und wieder trifft man auf Stellen mit frischgrünem Sumpfgras, aus dem weißgefiederte Reiher und rot und schwarze „Soldados“ in Scharen aufsteigen.
Die Sonnenuntergänge auf diesem breiten Fluß können an Großartigkeit nur mit denen auf dem Madeira verglichen werden. Rote und violette Wolkenballen, aus denen feurige Strahlen himmelwärts emporschießen, spiegeln sich in jeder Einzelheit auf der glasigen Oberfläche des Flusses. So lebhaft sind solche Lichteindrücke, daß der Wald sich dagegen in braune und schwarze Töne verwandelt.
Von Zeit zu Zeit fährt man an einem kleinen Kanu vorüber, in dem ein Cocama-Indianer mit erhobener Lanze steht, bereit, den Pirarucúfisch aufzuspießen, wie er in Peru genannt wird. Er ist der größte Süßwasserfisch der Welt und erreicht oft ein Gewicht von über 100 Kilogramm und eine Länge von fast 2 Meter. Das Fleisch wird auf ähnliche Weise gepökelt und eingesalzen wie das des Kabeljaus und bildet für alle Flußanwohner ein wichtiges Nahrungsmittel. Die getrocknete Zunge gleicht einer Feile und wird von den Eingeborenen des Amazonengebiets zum Feilen benutzt. Unter andern Fischen, die von denIndianern gefangen werden, ist der Tucanaré und die Piranha oder Flußhai. Auf einigen der Sandbänke weiter flußabwärts findet sich die amazonische Schildkröte (Podocnemis expansa), eine Abart, die aber meistens von der gewöhnlichen Schildkröte nicht unterschieden wird. Die Indianer verfolgen sie erbarmungslos, nicht nur ihres Fleisches, sondern auch der Eier wegen. Sie ist eins der größten Geschöpfe ihrer Art auf der Welt und bildet für alle Flußanwohner, Europäer wie Eingeborene, ein marktgängiges Nahrungsmittel. In gewissen Flüssen kommt sie noch zu Tausenden vor und liefert neben der Nahrung ihre Schale, die als Gefäß für den Hausgebrauch dient. Die Schildkröten legen ihre Eier in den weichen, heißen Sandbänken ab, sobald sie nach den großen jährlichen Überschwemmungen wieder aus dem Wasser auftauchen. Da die Eingeborenen das genau wissen, liegen sie beständig auf Wache, und kaum ist das Legegeschäft beendigt, reißen sie die Eier aus den Löchern, die von der Schildkröte als Nest gemacht werden. Im Ucayali kommt aber der Flußdelphin häufiger vor als die Schildkröte. Auch Alligatoren gibt es in Menge. Sie werden ihres Fettes wegen getötet, das zu einer merkwürdigen Art Massage bei vielen Leiden, besonders Rheumatismus, gebraucht wird.
In der Umgegend der kleinen Niederlassung von Sarayacu, am Westufer des Ucayali, liegen mehrere Konibosdörfer. Eines von ihnen, am Ufer, ist von halbzivilisierten Indianern bewohnt, die sich als Kanuführer auszeichnen. In andern, weiter ins Land hinein, hausen noch wilde, aber dem Weißen nicht mehr offen feindlich gesinnte Stämme.
Ich verließ die Barkasse mit meinen beiden Cocamaboys, denselben, die mich den Chimbiri-Yacu hinauf begleitet hatten, und mietete ein Kanu von einer alten Missionsstation. Dann ging’s in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Sarayacu trägt und viele Meilen weit ins Land hineinführt gegeneine niedere Hügelkette zu, über die nicht viel bekannt ist. In der Nähe von Sarayacu zweigt er vom Ucayali ab.
Es würde wohl sehr schwierig gewesen sein, die Lage der Hütten der weiter flußaufwärts wohnenden Konibos zu bestimmen und hinzukommen, wäre es mir nicht gelungen, einen Führer des gleichen Stammes, der in dem halbzivilisierten Dorf am Ucayali lebte, zu überreden, mit uns zu kommen. Den „zahmen“ Indianer dazuzubringen, einen Weißen zu seinen wilden Stammesbrüdern zu geleiten, ist außerordentlich schwierig und hat nur Erfolg, wenn man sich an einen Vermittler wendet, der das Vertrauen beider besitzt. In meinem Fall war das der alte Pater in Sarayacu, der sich der Leiber der wilden und der Seelen der halbzivilisierten Indianer annimmt.
Nach zwei Tagen auf diesem verseuchten kleinen Fluß, dessen dichtbewaldete Ufer dem Sonnenlicht kaum Zutritt gewährten, schlugen wir am frühen Nachmittag schon das Lager auf und ließen den Führer mit dem Kanu vorausfahren, um den Indianern unsere Ankunft anzuzeigen und ihnen zu erklären, daß wir Freunde wären und Geschenke mitbrächten. Diese Nacht wurde eine der schlimmsten, die ich je im Amazonengebiet zugebracht hatte. Zu den Moskitos gesellte sich die Qual von Hitzbläschen auf dem ganzen Körper, so daß ich keine fünf Minuten stillzuliegen vermochte. Aber glücklicherweise sind in diesem Sonnenland die Stunden der Finsternis nur kurz. Nach dem Frühstück kehrte der Führer zurück und eröffnete uns, daß wir zu dem Dorf fahren dürften, das nur etwa 3 Kilometer weiter den seichten Fluß hinauf zu liegen schien.
Das Dorf der Konibos bestand aus vier Rohrhütten ohne Seitenwände, die auf rohen Plattformen erbaut waren. Jede Hütte gab ungefähr 15 Leuten Obdach. Ungleich andern Wilden an den entlegenen Flüssen dieses Riesengebiets drängten sich dieKonibos nicht zusammen, als wir landeten, sondern standen unbeholfen umher und betrachteten uns mit unverhülltem Mißtrauen. Doch tauten sie ein wenig auf, als ich eine Handvoll Taschenmesser aus meinem Rucksack hervorholte, und damit hatte ich Gelegenheit, sie mir etwas genauer anzusehen.
Die zahllosen Kinder waren gänzlich unbekleidet, Männer und Weiber aber trugen ein grobes, braunes „Kusma“, d. h. ein aus einem Stück bestehendes Gewand mit einem Loch für Kopf und Hals. Sie hatten die Farbe dunkler Bronze und ihre Gesichter waren mit roten und schwarzen Streifen bemalt, was einen höchst abscheulichen Anblick bot. Die jüngern Kinder aber, die nicht auf solche Weise bemalt waren, sahen ganz anständig aus. Das Haar der Männer und Weiber war lang und wurde durch ein Rohrband um den Kopf festgehalten. Einer der Männer, anscheinend ein Häuptling, trug einen Metallring durch die Nase und eine Vogelfeder im Haar.
In auffallendem Gegensatz zu der glatten Haut der Ocainas war die dieses Stammes mit Pickeln, Bläschen und Geschwüren wie übersät. Ob das von den Stichen der Moskitos und „Piums“ herrührte, kann ich nicht sagen. Auch die Körper der Kinder waren in diesem Zustand und wie mit einer trockenen Flechte bedeckt. Außer dem Einsammeln von Sarsaparille, das in den umliegenden Wäldern wild wächst, scheinen sie mit Arbeit sich nicht viel abzugeben. Die kleinen Pflanzungen dicht beim Dorf waren in trauriger Verfassung und ließen sich vom Busch zuerst kaum unterscheiden.
Die Konibos sprechen die „Pana“sprache fast aller Stämme der peruanischen Montaña. Der Ruf ihres verräterischen und blutdürstigen Charakters geht auf das Jahr 1695 zurück, als sie einen Franziskanermissionar, namens Rieter, ermordeten. Seitdem wurden immer wieder von Zeit zu Zeit Versuche gemacht, sie zu zivilisieren, aber fast in jedem Fall endigten sie mit Mord. Dieam Ucayali Wohnenden nennen sich Christen, doch deckt nur ein dünner Firnis die Instinkte des Wilden.
Bei diesem Stamm ist es Sitte, die Alten und Schwachen umzubringen. Den Sohn dünkt es eine Wohltat, seinen Vater oder seine Mutter zu ertränken, zu erwürgen oder zu vergiften, wenn sie nicht mehr imstande sind zu fischen, zu jagen oder die Nahrung zu bereiten. Ein altes Weib fiel mir auf, das darauf bedacht schien, besondere Geschäftigkeit an den Tag zu legen, so daß ich mich des Lachens nicht hätte enthalten können, wäre sie nicht mit solchem Ernst bei der Sache gewesen. Als ich mit dem Pater in Sarayacu darüber sprach, erzählte er mir von dem grausamen Brauch, und nun wurde mir der Grund der komischen Geschäftigkeit klar. Kinder mit einem Abszeß am Fuß wurden in den Fluß geworfen, weil sie für den Augenblick nicht gehen konnten. Als wir das Dorf der Konibos verließen, versteifte sich das alte, ausgedörrte, nur aus Haut und Knochen bestehende Weib darauf, fast bis zum Bauch ins Wasser zu waten, um unserm Kanu einen letzten Stoß zu versetzen. Ich freute mich, als ich später von dem schrecklichen Brauch hörte, daß sie die meistbegehrte Gabe erhalten hatte: eine Schachtel mit Steck- und Nähnadeln, Nägeln und Angelhaken. Vielleicht wird sie sich damit noch die paar Jahre ihres Daseins erkaufen können, an dem sie so sehr zu hängen schien.
Nach der Rückkehr nach Sarayacu kaufte ich das Kanu und erreichte bei dem Mestizen-Kapitän der Barkasse, die am folgenden Tag den Ucayali hinauffuhr, daß er mich ins Schlepptau zu nehmen versprach. Meine Absicht war, das Dampfboot vor Bocca Pachitea, einige Meilen oberhalb der kleinen Niederlassung von Mashishea, zu verlassen. Es sollte flußaufwärts fahren, solange die Tiefe des Wassers es erlaubte, um vier weitere in allen Farbennuancen spielende Passagiere am nächsten Punkt zu demAndenübergang nach dem Pazifischen Ozean abzusetzen. Am Westufer des Ucayali zieht sich eine besonders wilde Gürtelzone entlang, die von den Kaschibos oder Vampirindianern bewohnt wird. Um in dieses Gebiet einzudringen, bedurfte ich eines Kanus, und da es nicht viele Niederlassungen am Ucayali gibt, mußte ich eins mitnehmen.
Nur wenig Bemerkenswertes ereignete sich während der Reise den Ucayali hinauf, der die gewöhnliche Route zwischen dem Amazonenstrom und dem Pazifischen Ozean bildet. Die einzigen Ansiedlungen längs dieses 800 Kilometer langen Flusses und seines halb erforschten Gebiets sind: Contamana, ein hübscher, kleiner Ort am Ufer, und Mashishea, wo sich eine drahtlose Station befindet. Einige Meilen unterhalb mündet der Rio Aquaitia in den Ucayali. Von hier aus sind sowohl nach Westen wie nach Osten die Wälder völlig unerforscht, wo mehrere wilde Stämme, darunter die menschenfressenden Kaschibos, ihre Wohnsitze haben. Das Wort „Kaschibo“ bedeutet in der Panasprache „Vampir“, und die Indianer verdanken diesen Namen ihren blutdürstigen Neigungen.
An einem Punkt auf dem Westufer, auf 8° südlicher Breite, vertauschte ich die Barkasse mit dem Kanu, das bis dahin recht bequem im Schlepptau mitgeführt worden war. Nachdem ich aber die Vorräte und meine beiden Cocamaboys hinübergebracht hatte, ging es leider so tief, daß ich zu meinem Bedauern gezwungen war, dem Mestizen-Kapitän eine beträchtliche Menge jener „Extras“ anzuvertrauen, die abseits der Zivilisation soviel bedeuten. Aber es ging nun einmal nicht anders, und so winkten wir dem kleinen Dampfer ein Lebewohl zu und paddelten einer Öffnung im niedern Dschungel der übelberüchtigten Pampas Sacramento entgegen, wo der kleine Aquaitiafluß in den Ucayali mündet.
Dieser Fluß hat weiter keine Bedeutung. Er ist der letzte kleinewestliche Nebenfluß, ehe die Bocca Pachitea erreicht wird, und liegt nach Angabe der ausgezeichneten Karten des peruanischen Innenministeriums auf 8° südlicher Breite. Etwa 30 Kilometer lang windet sich der Aquaitia gegen Südsüdwesten durch eine sehr flache, tiefliegende, mit Palmdschungeln bedeckte Gegend. Während des ersten Tags und der folgenden Nacht waren die Moskitos so blutdürstig, daß selbst die Kleider keinen Schutz vor ihnen gewährten. Hätte ich nicht ein Kopfnetz und Stulphandschuhe bei mir gehabt, so wäre ich schimpflich wieder nach dem offenen Ucayali umgekehrt. Auf keiner meiner Reisen in verschiedenen Weltteilen hatte ich solche Qualen zu überstehen wie diesmal durch diese kleinen, teuflischen Geschöpfe. Hand- und Fußgelenke, Arme, Hals und Gesicht waren so zerstochen und verschwollen, daß ich kaum die Kleider anzubehalten vermochte und Schwierigkeiten hatte, nicht durch beständiges Kratzen mich der Gefahr einer Blutvergiftung auszusetzen. Während dieser fürchterlichen 24 Stunden schliefen wir im Kanu, über dessen ganzen Innenraum wir das Moskitonetz gezogen hatten. Auch meine beiden Cocamas litten unter der Moskitoseuche, wenn auch weit weniger als ich selbst. Jedenfalls schienen sie froh, bei Anbruch der Nacht unter das schmutzige, weiße Netz kriechen zu dürfen.
Das Schlafen mit Moskitonetz und Stulphandschuhen machte die Hitze noch unerträglicher. Gegen den Abend des zweiten Tags wurde die Luft aber etwas freier, und das wahnsinnig machende Gesumme ließ beträchtlich nach. Der seichte Fluß wurde nun noch seichter und verbreiterte sich zu einem Miniatursee, der nicht ohne Schwierigkeit zu befahren war. In dieser Nacht schlugen wir das Lager auf, aber ein richtiges Ausruhen war ausgeschlossen wegen der Gefahren, die von den wilden Stämmen drohten, deren Gebiet wir jetzt betreten hatten.