2. Aufbruch ins Innere.

2. Aufbruch ins Innere.

Das Reisen abseits der gebahnten Pfade — sei es nun in arktischen oder in tropischen Gebieten — erfordert weit mehr sorgsame Überlegung, Erfahrung und Vorbereitung, als dem Uneingeweihten vielleicht nötig erscheinen möchte. Keine zuverlässigen topographischen Karten sind für wenige Mark in der nächsten geographischen Buchhandlung erhältlich; man kann sich keinen Führer mieten, der schon früher „da war“. Besondere und sorgfältig verpackte Nahrungsmittel müssen für die Gesamtdauer der jenseits aller Zivilisation verlaufenden Reise mitgeführt werden, wobei allen nicht vorauszusehenden Zufällen Rechnung zu tragen ist. Dann kommt das, was am meisten zu fürchten ist: die Möglichkeit einer Erkrankung. In Hinsicht darauf möchte ich ein genaues Studium der amerikanischen Methoden homöopathischer Heilweise und unblutiger Wundbehandlung empfehlen. Sie haben sich in Verbindung mit einigen wenigen chemischen Präparaten und Heilmitteln in Tabloidform als das bei weitem Praktischste und Wirksamste bewährt.

Solche Schwierigkeiten zu verschweigen und ohne weiteres mitten in die Urwälder des Amazonas hineinzuspringen würde eine völlige Irreführung bedeuten. Es wäre, als schilderte man den schließlichen Sieg oder die Niederlage, ohne den voraufgegangenen Feldzug zu erwähnen. Pionierarbeit in unerforschte oder selbst halberforschte Gegenden stellt wirklich einen Feldzuggegen alle Mächte der Natur dar, ob man sie allein oder als Mitglied einer größeren Expedition ausführt. Früher oder später wird jeder Pionier, dem jenseits der Zivilisation die Wochen und Monate in mühevoller Arbeit verstreichen, jede Kraft und List der Natur gegen sich gerichtet sehen. Ob der Feind stark oder schwach ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, die sorgfältige Überlegung und Entschlußfähigkeit erheischen. Die Entfernung von der Verpflegungsbasis, Verbindungslinien, Klima, feindselige Eingeborene und tausend andere Umstände wollen in Betracht gezogen sein.

Wer eine gewöhnliche Landkarte betrachtet und weiß, daß es nur einer fünfzehntägigen Seereise über den südatlantischen Ozean auf einem Schiff der Booth-Linie bedarf, um von Liverpool nach Pará zu gelangen, der Stadt und dem Hafen an der Einfahrt in das Flußlabyrinth, das unter dem verallgemeinernden Namen „Amazonas“ bekannt ist, möchte glauben, daß nun er und sein Gepäck sich im Ausflugsbereich wilder tropischer Dschungeln und kannibalischer Indianerstämme befinden. Das ist aber keineswegs der Fall. Die eigentliche Reise gegen das Unbekannte zu beginnt erst in Pará und mag irgendwo in 5000 Kilometer Entfernung ihr Ende finden. Allerdings kann man den tropischen Urwald stellenweise in wenigen Stunden von Pará aus leicht erreichen, aber als einzige Wilde wird man wahrscheinlich nur die in dem schönen Indianermuseum abgemalten zu Gesicht bekommen. Einige Stämme wilder Indianer hausen jedoch in den Wäldern am obern Tocantinsfluß, wohin man in etwa sechs Tagen von Pará aus gelangen kann.

Hier dürfte ein allgemeiner Überblick über das Land am Platze sein, das wir nun betreten sollen. Zur Belehrung der Geographiebeflissenen. Es gibt drei Zonen im Amazonengebiet: die bekannte, die wenig bekannte und die unbekannte. Die ersteumschließt das Gebiet — abgesehen von den Tropenwäldern —, das das Delta und den untern Amazonenstrom einsäumt, mit zahlreichen Inseln und Pará als Hauptstadt; ferner die überaus zahlreichen Pflanzungen und kleinen Niederlassungen an beiden Ufern des Hauptstroms und an gewissen Punkten der hauptsächlichen Nebenflüsse. Zu der wenig bekannten Zone gehören die mehr oder weniger zugänglichen Urwälder, die von den Seringueros oder Sammlern wildwachsenden Kautschuks aufgesucht werden. Es sind im allgemeinen die Dschungelstreifen an den für Barkassen und Niederwasserdampfer schiffbaren Flüssen. Um die Zone des Unerforschten zu erreichen, hat der Reisende die ersten beiden Gürtelzonen zu durchwandern, oft in einer Breite von vielen hundert Kilometern. Dann erst betritt er die ungeheuern Waldflächen, die die Quellgebiete fast jedes Nebenflusses des Amazonenstroms umgeben oder sich zwischen diesen fadenähnlichen Flußstraßen ausdehnen.

Eine Linie zu ziehen, um die Grenzen der Vorposten der Zivilisation zu bezeichnen, dürfte unmöglich sein. Denn nur selten geht ihr Einfluß über einige Kilometer der unmittelbaren Nachbarschaft der zahlreichen kleinen Niederlassungen hinaus. Das bezieht sich zwar auf den jungfräulichen Urwald mit seinen Fiebern, Tieren, Vögeln, Reptilien, Insekten und Sümpfen, aber nicht immer auf die Stämme der Eingeborenen. Um richtige Wilde anzutreffen, von denen manche noch kaum in der Steinzeit leben, hat man weit abseits in diesem Riesenland herumzusuchen. Die Indianer, die an den Ufern der von Barkassen befahrenen Flüsse wohnen, zeigen meist gewisse Zeichen der Zivilisation. Vielleicht nur ein schmutziges Hemd oder einen eingebeulten Hut. Aber nichtsdestoweniger wird schon in ihrem Äußern sichtbar, daß die Tage uneingeschränkter Wildheit, der Kriegszüge, der Kopfjägerei, unheimlicher Zeremonien und des Hasses gegen den weißenMann für sie vorüber sind. Die Bitte um Geschenke ertönt da, wo früher das Schwirren des vergifteten Speers zu hören war.

Im entlegenen Hinterland des weiten Amazonengebiets jedoch und im Herzen der halbdunklen Urwälder leben noch viele wilde Stämme in gänzlicher Unkenntnis einer Welt, die sich außerhalb des anscheinend endlosen Meers tropischer Wildnis befindet. Diese abgelegenen Dschungeln von Zentralpunkten wie Pará am Unterlauf, Manáos am Oberlauf des Amazonenstroms und Iquitos am Marañon (peruanischer Amazonenstrom) zu erreichen, erfordert gewöhnlich eine Reise von 300 bis 3000 Kilometer auf Flußdampfern mit geringem Tiefgang, dann im Kanu und schließlich zu Fuß in den dunklen Urwald hinein.

Infolge der Schwierigkeit, eingeborene Kanuleute und Träger zu bekommen, sowie die Vorräte an Produkten der Zivilisation auf dem Wege zu ergänzen, muß das Gepäck jeder Art viel mehr beschnitten werden, als etwa in Innerafrika mit Sicherheit und Zweckmäßigkeit für verträglich gehalten würde, wo eingeborene Arbeitskräfte leicht zu beschaffen sind. Die weitere Erzählung wird dem Leser die Schwierigkeiten und Entbehrungen deutlich machen, von den Gefahren ganz zu schweigen, die diese unvermeidliche Verringerung des Nötigsten weit unter das für tropische Forschungen sonst Unentbehrliche mit sich bringt. Mehr als einmal mußte die Gesundheit drangegeben und selbst das Leben aufs Spiel gesetzt werden.

Nach angenehmer Überfahrt von Liverpool aus erreichte ich Pará, wo ich jede mögliche Unterstützung fand, nicht nur von seiten der englischen Kolonie, sondern auch der Beamten des brasilianischen Staates. Sie waren buchstäblich unermüdlich in ihrem Bestreben, mir die letzten und zuverlässigsten Informationen zu verschaffen. Aber da diese meine erste Reise im Amazonenland mich vom obern Tapajózflußgebiet aus in die unbekannten Wäldervon Matto Grosso führen sollte, war nur wenig Sicheres zu erfahren. Ich möchte wissen, ob ein Reisender Forschungen in eine übelberüchtigte Gegend jemals angetreten hat, ohne feierliche Warnungen vor den drohenden Gefahren zu empfangen? Wann hätte er jemals die Verantwortung für etwa eintretende Widerwärtigkeiten auf die eigene Kappe nehmen dürfen? Jedenfalls wurde meine Stimmung nicht gerade verbessert, wenn ich während einer Woche eines schwelgerischen, an Unterhaltungen und neuartigen Anregungen reichen Lebens in Pará eine feierliche Warnung zum tausendstenmal über mich ergehen lassen mußte. In einer schwachen Stunde ließ ich mich aber dennoch überreden, die Ausrüstung und Vorbereitungen auf der Isla des Onças oder Jaguarinsel einer Art von Prüfung zu unterziehen. Nach diesem erfreulichen Fleck Erde sollte ich, mein Gepäck und meine beiden Halbblut-Indianer durch einen Freund gebracht werden, der eine der vielen kleinen Dampfbarkassen sein eigen nannte.

Wie ich später erfuhr, war das nur ein Manöver, um mich zu veranlassen, meine Absichten zu ändern und mich mit Dampferfahrten auf den schiffbaren Flüssen zu begnügen. Die Jaguarinsel ist in malerischer Hinsicht ein Paradies, aber mit Recht verrufen wegen der Größe und Blutdürstigkeit der dort lebenden Insekten. Die beiden Mischlinge, die ich als Führer mitgenommen hatte, willigten nur unter der Bedingung ein, mich auf der langen Reise zu begleiten, daß sie ihrerseits die Erlaubnis bekämen, nach neuen Gummiwäldern zu suchen, die sie dann während der nächsten Saison auszubeuten beabsichtigten. Diese Übereinkunft wurde später die Ursache erheblicher Unannehmlichkeiten für mich, als wir die Zivilisation weit im Rücken hatten.

An den Kauf eines Batalõe oder Eingeborenenkanus mit einem Palmstrohdach über dem Stern zum Schutz vor äquatorialer Sonne und vor Regen sollte erst in Itaituba herangetretenwerden, etwa 240 Kilometer den Tapajóz flußaufwärts. Die Reise von Pará bis zu diesem Vorposten der Zivilisation am Rande des Unbekannten konnten wir auf einem der kleinen Niederwasserdampfer des „Amazon-Navigation-Service“ zurücklegen.

Die Vorbereitungen waren nun vollendet, aber noch folgte eine unvermeidliche Verzögerung von zehn Tagen, ehe der Flußdampfer nach Itaituba abgehen sollte. Währenddem hatte ich reichlich Gelegenheit, Pará und seine Bewohner kennenzulernen. Der dreitägige Aufenthalt auf der Jaguarinsel ermöglichte mir, mein wasserdichtes Zelt und die Lagerausrüstung zu erproben. Auch mit den Bewohnern des dortigen Dschungels wurde ich noch besser bekannt — wenigstens soweit sie den fliegenden, summenden, krabbelnden und stechenden Klassen angehörten.

Über Pará möchte ich nur wenig sagen, da ich keinen Führer dieser Tropenstadt des nördlichen Brasilien hier geben will. Ein sehr weitverbreiteter Irrtum muß jedoch aufgeklärt werden. Pará liegt nicht am eigentlichen Amazonenstrom, sondern wurde auf dem niedern, flachen rechten Ufer des Flusses erbaut, von dem es den Namen trägt, etwa 130 Kilometer südlich des Äquator. Der Gesundheitszustand der Stadt hat sich dank sanitärer Maßnahmen in den letzten Jahren wesentlich gehoben, und die einst verheerenden Fieberkrankheiten sind bedeutend zurückgegangen. Malaria ist bei längerem Aufenthalt noch immer häufig, aber es gibt kaum eine Gegend auf der Welt, die sich eines beständigen Sommers erfreut, wo diese Krankheit unbekannt wäre. Das früher so gefürchtete gelbe Fieber wurde gänzlich zum Erlöschen gebracht, und Pará ist jetzt eine recht gesunde und moderne tropische Stadt.

Es ist eine Stadt mit elektrischen Straßenbahnen, einem guten europäischen Hotel und Morgen- und Nachmittagszeitungen. Die Beliebtheit dieser Zeitungen ist in hohem Maße durch die beständige Hitze bedingt, die während der Mittagsstunden amdrückendsten ist. In der Mehrzahl der hunderttausend Einwohner bringt sie einen Zustand der Erschlaffung hervor, bis der kühle Seewind ungefähr um 4 Uhr nachmittags einsetzt. Er hält bis zum Einbruch der Nacht an und macht die letzten Tagesstunden zur Arbeit geeignet. Sobald aber die Dunkelheit sich völlig auf die weißen Häuser und schwankenden Palmen herabgesenkt hat, bringt der nächtliche Landwind eine feuchte Kühle von den großen Wäldern über die ausgedörrte Erde und das Grün dieser prächtigen tropischen Stadt. Das Summen und Surren der Käfer und Insekten nimmt mit dem Scheiden des Tageslichts ab. Feuerfliegen schwirren wie winzige schwebende Sterne durch das dunkle Blätterwerk der Praça da Republica und des schönen, etwas weiter entfernten Bosque.

Im hellen Sonnenlicht eines tropischen Morgens wirkt das alte Pará mit seinen engen Gassen und farbigen Häusern unansehnlich und ein wenig verwahrlost, aber die moderneren Stadtteile besitzen mehrere schöne Straßen und Plätze mit palmenreichen Gärten und Denkmälern. An den Ankerplätzen und Kais liegen Schiffe vieler Nationen und seltsam aussehende Fahrzeuge. In der Nähe des Flusses befindet sich der prächtige Frei-Caetano-Brandão-Platz mit seinen Gärten. Breite Wege zwischen tropischen Anpflanzungen umkreisen das Denkmal des würdigen Bischofs, nach dem der Platz benannt ist. Die Praça da Republica bildet das Zentrum des gesellschaftlichen abendlichen Lebens der Stadt. In ihrer Nähe liegen das besuchteste Kaffeehaus und das Theater, schöne Steinbauten von klassischer Architektur. Das Theater ist nicht ständig geöffnet für wechselnde Truppen wie in England oder den Vereinigten Staaten, sondern nur dann, wenn eine reisende Konzertgesellschaft oder eine italienische Operntruppe Pará besuchen. Schauspiele werden nur selten gegeben. Die Brasilianer, Portugiesen, Italiener sowie die Mischlingsbevölkerungsind Liebhaber der Musik. Das merkt man sogar in den entlegenen Niederlassungen und Kautschukplantagen, wo die Töne einer Violine nicht selten nach Sonnenuntergang erklingen. Die beiden Treffplätze der englischen Kolonie sind der Klub und das Straßenrestaurant des Grand Hotel. Während man Eisgetränke oder ein schwelgerisches Diner zu sich nimmt, kann man alle Farbennuancen der einheimischen Gesellschaft im Schatten der riesigen Mangobäume an sich vorüberziehen sehen.

Viele Gebäude Parás sind im modernen Stil erbaut. Der Regierungspalast, die Kathedrale, das Krankenhaus und die Privathäuser mit ihren mächtigen Steinsäulen, alle fast begraben unter Schlingpflanzen und exotischen Blumen, brauchen hier nicht besonders erwähnt zu werden. Die hauptsächlichen Villenvorstädte sind Mosquerio, Chapeo Virado, Nazareth und São Jeronimo. Die beiden letzteren haben Straßenbahnverbindung mit dem Geschäftsviertel der Stadt. Da Pará vom Handel mit Kautschuk abhängig ist, der aus den Wäldern und Pflanzungen am untern Amazonenstrom kommt, hat es in den letzten Jahren, seit dem starken Fallen des Weltmarktspreises für Gummi, schlechte Zeiten durchgemacht. Aber der Anbau von Kakao und andern Rohprodukten wie auch das Aufstapeln und Verschiffen von brasilianischen Nüssen haben Arbeitslosigkeit und Elend wieder etwas ausgeglichen. Pará-Gummi ist auf der ganzen Welt berühmt, obwohl kaum zu sagen ist, warum er so genannt wird, da verhältnismäßig nur wenig im Staate Pará selbst gesammelt wird. Die Haupterzeugungsplätze in Brasilien befinden sich weiter oberhalb am Amazonenstrom und seinen großen Nebenflüssen, in dem weitausgedehnten, nicht sehr entwickelten Staate Amazonas. Gewaltige Massen bringt der Riesenstrom auch aus dem weit entfernten Bolivia und dem nordöstlichen Peru.

Als ich kürzlich in Pará war und an dem ersten Entwurf desvorliegenden Buches arbeitete, erneuerte ich meine Bekanntschaft mit dem Rev. Miles Moß, dem englischen Kaplan für das Amazonengebiet. Einer seiner Kirchensprengel befindet sich in Porto Velho, das etwa 3200 Kilometer entfernt ist! Mr. Moß ist ein leidenschaftlicher Mottenjäger und besitzt eine wunderbare Sammlung. Oft verbringt er die Nacht auf einer Plattform im Dschungel, die zwischen den oberen Ästen eines Baumes errichtet ist, vierzehn Meter über dem Erdboden. Mittels zweier starker Lichtquellen werden die Insekten angelockt. In dunkeln, feuchten Nächten schwirren Tausende von Motten, Nachtwespen, fliegenden Käfern, Gottesanbeterinnen und Fliegen jeder Art um die Plattform, angezogen vom Lichtschein in den Baumkronen. Wenn der strahlende Mondschein der Tropen die dunklen Wälder erhellt, sind die Jagdergebnisse jedoch nicht so glänzend. Zuweilen stellen sich auch unheimliche Besucher ein wie Affen, Baumschlangen und riesige haarige Spinnen, oder der Jäger befindet sich plötzlich in kleinen Wolken lästiger Schnaken. Mr. Moß hat viele Reisen den Amazonenstrom und Madeirafluß hinauf und hinab vollführt, nicht weniger als sechsmal das Innere Perus besucht und kürzlich drei neue Arten der Habichtsmotte (Isognathus) entdeckt, eine in Pará, eine in Manáos und eine in Pernambuco. Zum ersten Male war ich vor Jahren, in Lima, mit diesem gelehrten und leidenschaftlichen Naturforscher zusammengetroffen.

Eine herrliche Tropennacht fand mich im Stern einer kleinen Barkasse sitzen, die mich, die beiden Mischlinge, Fernando und Alberto, Gepäck und Lagerausrüstung zu dem von Mangroven umsäumten Strand der Jaguarinsel über die Bucht hinübertrug. Die breite Fläche des Flusses glitzerte im Schein des Mondes, unser winziges Fahrzeug schnitt wie durch silbernen Schaum, und die laue Wärme der Nacht tauchte das Bild in ihren Zauber. Meine Gedanken wanderten. Während ich zurückgelehnt meineLieblingsbegleiterin, eine „Comerziale“, liebkoste und die dunklen Wälder auf allen Seiten betrachtete, begann ich über die Zukunft nachzugrübeln: Würde es mir gelingen, tief in jene so abweisend aussehenden Wälder einzudringen, deren Umrisse sich hart von dem gelben Licht abhoben? Ich dachte an die unbekannten Gefahren und Schauspiele, die mich auf fernen Flüssen erwarteten; das Vorhandensein merkwürdiger und vielleicht feindlicher Indianerstämme; die Möglichkeiten, fast allein auf mich angewiesen, die noch Tausende von Meilen entfernten Sumpf- und Urwaldregionen zu erreichen.

Obwohl ich gerade kein Neuling im Reisen abseits der gewöhnlichen Straße war, muß ich gestehen, daß mir in jener Nacht das Herz klopfte, als ich die Lichter der Stadt allmählich immer undeutlicher werden sah. Stärker klopfte es als zu irgendeiner Zeit während der folgenden Monate voll von Mühen und Gefahren. Wie eine Last senkte sich die Größe und Verlassenheit dieser Unendlichkeit von Pflanzenwuchs und Gewässer niederdrückend auf meine Seele. Ich wußte, daß sie sich nach beinahe jeder Richtung mehr als 3000 Kilometer ausbreitete. Die menschlichen Leistungen schienen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtigkeit zu enthüllen, gehalten gegen die eindrucksvolle Ungeheuerlichkeit der Natur. Die Unermeßlichkeit der Wälder und Flüsse des Amazonas erfüllte mich mit Schrecken.

Möglich, daß ein augenblickliches Versagen der menschlichen Fähigkeiten, hervorgerufen durch das plötzliche Bewußtwerden der schrankenlosen Einsamkeit, manche rätselhafte Tragödien verschuldet hat, denen Forschungsreisende und Pioniere in unbewohnten Teilen der Erdoberfläche erlagen. Es ist bekannt, daß Leute auf den winterlichen Schneefeldern der Wildnisse Kanadas und Alaskas wahnsinnig werden, wenn sie zu lange von der Gesellschaft ihrer Mitmenschen getrennt sind. Auf der großen Paciencia-Ebene undin der Wüste von Atacama in Chile gaukelt die menschliche Phantasie Trugbilder und vermeintliche Stimmen in nächster Nähe vor. Unglückliche, die man auffand, nachdem sie über die unendliche trügerische Fläche dieser Saharas des Südens gewandert waren, hatten entweder den Verstand verloren oder waren nackt und tot.

Ich kannte solche Geschichten, und sie fielen mir ein, während wir über die Parábucht fuhren. Es handelt sich dabei nicht um Anfälle körperlicher oder geistiger Schwäche, sondern um ein gemeinsames Erbe der menschlichen Zivilisation, das die Menschen in den Städten sich zusammendrängen läßt, während das offene Land der Freiheit und der Sonne verlassen liegt und nur wenigen zur Heimat wird.

Im Schatten der Mangroven verschwand das Licht des Mondes, als die Barkasse plötzlich in das Dunkel eines schmalen Wasserlaufs einfuhr, der die Mitte der Insel durchzieht. Solche Wasserläufe heißen in der Tupisprache Igarapés; Igara bedeutet Kanu, Pé Pfad. Hohe Bäume strebten auf allen Seiten wie Mauern aus dem phantastisch verschlungenen Pflanzengewirr empor. Die Sterne verloschen und das Licht wurde trübe. In einem Augenblick waren wir von der Außenwelt der lebendigen Menschen in die schweigende, dumpfe Einsamkeit des großen tropischen Waldes versetzt worden. Ein leichter Schauder lief mir über den Rücken, und ich lachte laut, um den Zauber zu brechen. Später, in den Tiefen der unbekannten Dschungeln, erinnerte ich mich dieses Schauders und des alten Aberglaubens, der mit ihm verbunden ist.


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