4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.

4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.

Von Itaituba flußaufwärts ist der Tapajóz fast unerforscht. Die Dampfschiffahrt findet hier ihr Ende, und die kartographisch nicht aufgenommenen Gewässer bereiten nun ernstlich auf das weite, unbekannte Innere vor. Nachdem wir unser Gepäck, die Lebensmittelvorräte und die Lagerausrüstung vom Flußdampfer in das Batalõe umgeladen hatten, verließen wir am 14. Mai die kleine, aber saubere Niederlassung, die von der Mündung des Tapajóz 240 Kilometer flußaufwärts abliegt. Noch kamen wir an einem Ort namens Itapeu vorüber, dann hatten wir, wenige Stunden nach der Abfahrt von Itaituba, alle Anzeichen der Zivilisation hinter uns gelassen.

An beiden Ufern zogen sich stellenweise dichte Wälder aus mächtigen Bäumen hin, im Hintergrund aber, besonders gegen Südwest zu, erhoben sich steile Felsen aus rotem Sandstein und dschungelbewachsene Hügel. Sie bildeten den Abfall des wenig erforschten Tapajózplateaus, das sich über eine weite Fläche hin ausdehnt: westlich bis zum Tal des Madeiraflusses, während es gegen Süden in das Plateau von Grosso übergeht, im Innern des Kontinents. Es wird niemals überschwemmt. Spätere Forschungen zeigten, daß das niedere Plateau, dessen Durchschnittserhebung über den Meeresspiegel etwa 250 Meter beträgt, aus einem unermeßlichen Wald riesenhafter Bäume besteht, überall durchflochten von der Cipó oder Mordrebe. Das Unterholz steht abergegen alle Erwartung viel weniger dicht als in den niedern Flußtälern.

Frauen bei der MehlbereitungHalbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“.⇒GRÖSSERES BILD

Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Marmorierte Oberfläche des FlussesMoiré auf dem Amazonas.An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie gelbes Moiréband aus.⇒GRÖSSERES BILD

Moiré auf dem Amazonas.An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie gelbes Moiréband aus.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Kilometer nach Kilometer glitt das Kanu friedlich auf dem stillen, breiten Fluß dahin oder wurde durch Stromschnellen gezogen und mit Stangen fortgestoßen. Solche Stromschnellen befinden sich in der Nähe von Bella Vista und São Luis, von wo an eine Dampferverbindung vollkommen unmöglich wäre, da unmittelbar hinter dieser kleinen, unbedeutenden Niederlassung der Fluß durch Felsen und Stromschnellen gänzlich gesperrt ist. Das stundenlange Herumsitzen in verkrampfter Stellung, wie sie in einem schwerbeladenen Kanu allein möglich ist, wäre unerträglich geworden, hätten nicht zuweilen zackige Felsen, die schroff aus dem Wasser aufstiegen, Abwechslung in die eintönige Fahrt gebracht. Um die Felsen herum bildeten sich Wirbel von beträchtlicher Stärke. Für etwas aber war ich von ganzem Herzen dankbar, nämlich die Abwesenheit der Insektenschwärme, die auf manchen Flüssen des Amazonengebiets die Tage zu einer einzigen Qual und die Nächte kaum weniger peinigend machen. Dieser Vorteil wurde freilich durch die unbeschreiblich ekelhaften Gewohnheiten meiner beiden Begleiter aufgewogen. Es war zum erstenmal, daß ich allein durch die Wildnis mit Angehörigen einer Mischrasse reiste, deren Vokabular, abgesehen von einem halb brasilianischen, halb indianischen Lokalpatois, aus nicht mehr als 50 wunderlichen englischen Worten bestand, die sie im Dienst der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom aufgeschnappt hatten.

Wir umgingen die Apuéfälle, die eigentlich aus einer Reihe von Stromschnellen bestehen, wo der Fluß sich durch Felsenengen in einer anscheinend wilden und verlassenen Gegend hindurchzwängen muß. Sieben Tage später, am 23. Mai, bekamen wir einige Indianer auf einer kleinen sandigen Strandstelle des Westuferszu Gesicht. Da wir gern einen Führer angeworben hätten, der die Eigentümlichkeiten und Gefahren der folgenden Flußstrecke kannte, wandten wir den Bug des Kanus gegen das Ufer. Fast augenblicklich verschwanden die bronzefarbigen Gestalten im Buschdickicht und erschienen auch nicht wieder, obwohl wir einen glänzenden Fußring und einige Perlenschnüre als Geschenke auf den Strand legten und das Kanu in den Fluß zurückstießen. Zwei Stunden warteten wir, dann legten wir von neuem an, da es uns unklug schien, die Geschenke bei unserm beschränkten Vorrat zu opfern, ohne dafür einen Führer zu bekommen. Kaum hatten wir sie wieder im Kanu geborgen, als ein Pfeil über unsere Köpfe schwirrte, worauf wir keine Zeit verloren, in die Mitte des Flusses zurückzurudern.

Ungefährer Berechnung nach hatten wir nun etwa 220 Kilometer von den ersten Stromschnellen an zurückgelegt, die die Dampfschiffahrt auf dem Oberlauf dieses prächtigen Flusses wirklich unmöglich machen. Der durchschnittliche Fortschritt betrug also stündlich nur ungefähr 3 Kilometer. Die Gründe für die Langsamkeit unseres Weiterkommens lagen einmal darin, daß wir viel Zeit hatten damit zubringen müssen, das schwer beladene Kanu durch die schäumende Flut zu ziehen, oft bis zur Brust im Wasser stehend, oder es um Hindernisse herum über Land zu tragen; zum zweiten in den voraufgegangenen Regengüssen flußaufwärts, so daß wir eine ungewöhnlich starke Strömung beständig gegen uns hatten.

Die Uferbänke waren an mehreren Stellen unterwaschen. Während der Hochwasserzeit, gegen Ende Juni, entstehen hier Überschwemmungsseen von 50 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite, weil das Hochwasser des Amazonenstroms die Gewässer der Nebenflüsse zurückstaut. Bei unserm spätern Rückzug den Tapajóz hinab war die Fahrt auf diesen Riesenseen wegen der herumschwimmendenBaumstämme und anderer Hindernisse weder sicher noch leicht.

Der übliche Regenguß, der seit Antritt der Fahrt uns alltäglich heimgesucht hatte, blieb am 25. Mai aus. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien weit oben auf der breiten schimmernden Wasserfläche ein winziger schwarzer Punkt. Zuerst dachten wir, es wäre ein ungewöhnlich großer Baumstamm, bald aber konnten wir Ruder in der Sonne glänzen sehen, und unsere Spannung wurde immer stärker. Schnell kam das Batalõe auf der reißenden Strömung näher, und in weniger als fünfzehn Minuten war es bei uns. Nachdem wir die Boote in die Mitte des Flusses gelenkt hatten, legten wir uns Bord an Bord. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich mich einem andern weißen Reisenden in dieser weltentlegenen Gegend gegenübersah.

Dr.Cabral, ein eifriger Sammler und Forscher im Amazonengebiet, hatte einige Wochen auf dem Oberlauf des Tapajóz zugebracht und einen Punkt etwa 250 Kilometer weiter flußaufwärts erreicht, jenseits der großen Stromschnellen, die den Fluß in zwei Abschnitte teilen. Sein Kanu war schwer beladen mit dem, was er in dieser wundervollen Gegend gesammelt hatte. Nun kehrte er mit den Früchten seines Fleißes zur Zivilisation zurück. Dieser unerschrockene Reisende, der damals schon länger als 10 Jahre im Amazonengebiet zugebracht hatte, starb, wie ich erst kürzlich erfuhr, am Fieber in einer winzigen Niederlassung an der Grenze von Peru. Teile seiner Sammlungen befinden sich in Pará, Rio und São Paulo. Ich verdanke ihm nicht wenig Auskünfte über die Sitten der Mundurucusindianer.

Es war mein erstes Zusammentreffen mit diesem außerordentlichen Mann. Später hatte ich das Glück, in Manáos mehrere Tage in seiner fesselnden Gesellschaft während eines unfreiwilligen Ruheaufenthalts zu verleben. Ausgestattet mit einer wunderbarwiderstandsfähigen Konstitution in einem hageren aber zähen Körper und mit weit über das Wissen eines gewöhnlichen Arztes hinausreichenden wissenschaftlichen Kenntnissen hatte er, entweder allein oder mit Eingeborenen, Tausende von Meilen der ungeheuren Wildnis auf Dschungelpfaden längs der schweigenden Flüsse durchwandert, stets gänzlich seiner Aufgabe hingegeben, neue Stücke der Fauna und Flora des Amazonengebiets seiner Riesensammlung einzuverleiben. Da er als Arzt die Schmerzen und Leiden der Indianer lindern konnte, stand er in freundschaftlichen Beziehungen mit vielen wilden Stämmen der entlegenen Fluß- und Waldgebiete; trotzdem wäre auch er beinahe öfter das Opfer ihres angeborenen Mißtrauens gegen den Weißen geworden. Einmal wurde er von einem Stamm von Konibosindianern an den Ufern des Ucayaliflusses vergiftet, ein anderes Mal in den Maloccas eines Nambiquarastammes am Juruenafluß gefangengehalten und mit martervollem Tod bedroht, wenn der Häuptling nicht genesen würde, den er heilen sollte.

Dr.Cabral ließ sich nicht überreden, die Nacht über auf dem Ufer zu lagern, in dessen Nähe wir zusammengetroffen waren. Wäre es später am Tag gewesen, nach vollbrachter Arbeit, so würde ich vielleicht mehr Erfolg gehabt haben. Er gab mir gewisse Auskünfte über das Quellgebiet des Tapajóz, die ich in der beigedruckten Kartenskizze verwendet habe. Unsre eigenen Reiseabsichten gingen lange nicht so weit. Nachdem wir die beiden Kanus ans Ufer gebracht und an einem überhängenden Baum angebunden hatten, unterhielten wir uns eine Stunde in gebrochenem Englisch und schlechtem Portugiesisch. Dann sahen wir das Batalõe des großen Reisenden wieder im Dunst des Tropenflusses verschwinden. Monate später traf ich einen Angehörigen des berühmten Indianeramts von Brasilien unter sehr ähnlichen Umständen gerade zur rechten Zeit — aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Reisetag nach dem andern verstrich auf dem Tapajóz, ohne daß unsre Mühen durch entsprechende Fortschritte belohnt worden wären. Meine Befürchtungen wuchsen, da unsere Vorräte an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln beständig abnahmen, die auf den Flüssen des Amazonengebiets nur schwer zu ergänzen sind. Ich wußte, daß meine Begleiter sich oft wochenlang von Früchten und Reptilien zu nähren pflegten. In ihrem Plane lag es, weiterzufahren und nebst neuen Kautschukwäldern eine Durchfahrt durch den kleinen Martinhofluß in den Madeira aufzufinden, ohne Rücksicht auf die Ernährungsweise und eine mögliche Erkrankung an der Geißel dieser Gebiete, der Beri-Beri-Seuche, die durch Unterernährung entsteht. Mir, als Neuling in diesen Gebieten, widerstand nichts so sehr als die Vorstellung, mich von Reptilien nähren zu müssen. Bisher hatte ich niemals Schildkröten, Affen, Eidechsen und Käfer gegessen. Einige Monate später hatte ich von all diesen widerwärtigen Speisen, Käfer ausgenommen, gekostet, aber nie gelang es mir, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ausgenommen hiervon ist Schildkrötenfleisch, das im Amazonengebiet als Leckerbissen gilt.

Etwa 300 Kilometer von den Apuéfällen gelangten wir am 28. Mai zu einem Indianerdorf an einer Biegung eines Igarapé. Durch Verteilung von Geschenken gelang es uns, das Mißtrauen zu beschwichtigen, das, wie es scheint, allen Reisenden von den Amazonenindianern entgegengebracht wird. Diese Flußbewohner erwiesen sich als zum Stamm der Mundurucus gehörig. Sie waren bis auf eine kleine Schürze gänzlich unbekleidet und hatten die Farbe dunkler Bronze. Ihre Maloccas bestanden aus Blättern und Zweigen und sahen wie riesige Bienenkörbe aus. Alle Arbeit scheint von den Weibern verrichtet zu werden, während die Männer entweder auf die Jagd gehen oder, Speer, Bogen und Pfeile schnitzelnd, faul herumliegen. Aus großen Schalen pflegen sieeine sonderbare Mischung zu trinken, die hauptsächlich aus Mandioka bereitet wird. Im übrigen ist mit ihnen ganz gut auszukommen.

Wer einer kunstreichen Tatauierung ermangelt, scheint nicht heiraten zu dürfen. Erreichen die Knaben ein gewisses Alter, das ich auf vierzehn Jahre schätze, so wird diese Verschönerung zwangsweise an ihnen vorgenommen. Während unserer dritten Nacht unter den Eingeborenen, als der Mond geisterhaft über den schwarzen Baumwänden stand und auf dem breiten Fluß wie Silber schimmerte, ertönte plötzlich der Lärm einer Art von Tamtam. Später fand ich, daß er durch Stockschläge auf den hohlen Stamm eines Baumes hervorgebracht wird, der Manguaré heißt. Ich sprang aus dem kleinen Zelt, das auf der Uferbank errichtet war. Auf dem Boden kauerte eine Gruppe von Indianern, während zwei von ihnen einen entsetzt aussehenden Jungen in ihrer Mitte festhielten. Der Medizinmann, der auch das Amt des Oberpriesters zu versehen schien, murmelte mit monotoner Stimme Worte vor sich hin und rührte gleichzeitig mit beiden Händen in einem irdenen Krug herum. Dazu schlugen die Weiber die Hände zusammen, stampften mit den Füßen und sangen. Der nackte Junge wurde auf den Boden gelegt, der Medizinmann näherte sich ihm und begann, seinen Körper mit einem leuchtenden Rot zu tatauieren. Die Farbe wird aus den Samen des Achiote (Bixa Orellana) gewonnen. In den Strahlen des Mondes sah sie wie Blut aus.

Obwohl die Körperverdrehungen des Jungen verrieten, daß er Qualen ausstand, gab er doch keinen Laut von sich, wenn der Büschel aus Palmnadeln, mit dem die Operation ausgeführt wurde, in sein Fleisch eindrang. Länger als eine Stunde ging das so fort, dann verkündete ein lautes Geschrei der Weiber, daß dieser Teil der Zeremonie zu Ende war. Der Junge stand auf underhielt einen Bogen, Pfeile und einen Speer. Hierauf wurde ein junges Mädchen in den Kreis gebracht, das sich heftig sträuben mußte, was von seiten des neugebackenen Kriegers mit grotesken Kraftäußerungen erwidert wurde. Neben mehreren Strichen und Klecksen trug er nun einen kleinen blutroten Alligator auf seiner Brust. Er ergriff das Mädchen bei den Haaren und zog sie gegen eine neuerrichtete Hütte. In der Nähe des niedern Eingangs ließ er sie los, fing sie aber sogleich wieder, als sie davonrannte. Diesmal führte er sie in den Kreis der kauernden Wilden, nachdem ihr Widerstand offenbar gebrochen und Untertänigkeit erzwungen war.

Wie lange diese Feierlichkeit noch gedauert haben würde, ist schwer zu sagen, weil in diesem Augenblick schwere, schwarze Wolken über den Mond zogen und Wald und Fluß in Finsternis hüllten. Fast gleichzeitig ertönte das Klatschen der Regentropfen auf den Blättern. Ich eilte auf mein Zelt zu, das ich nur undeutlich unterscheiden konnte, obwohl es keine sieben Meter entfernt war. Das Prasseln des Regens wurde bald zu einem lauten Toben. Blendende Blitze erhellten das dunkle Dschungeldickicht, und der Donner rollte über die Wasserfläche. In einer halben Stunde war das Gewitter vorüber, und ein weißer, wallender Nebel stieg aus der üppigen Vegetation auf. Bei solchen Gelegenheiten bedarf der reisende Weiße in den Urwäldern des Amazonas einer starken Dosis Chinin und eines wasserdichten Schlafsacks.

Die Mundurucus bilden einen der volksreichsten und ausgebreitetsten Indianerstämme im Gebiet des Amazonenstroms. Im Jahre 1788 vernichteten sie ihre Erbfeinde, die Muras, in einer großen Schlacht in den Wäldern des Tapajóz-Madeira-Plateaus. Einige Stämme leben seit über hundert Jahren im Frieden mit den Weißen, andere, die in den Urwäldern hausen, sind heutenoch unbekannt. Erkrankt einer von den Indianern hoffnungslos, so wird er von weiteren Leiden durch seine Verwandten erlöst. Auch Eltern werden von ihren Kindern oft auf diese wirksame Weise ins Jenseits befördert, wenn sie, infolge von Alter und Kränklichkeit, an den Freuden dieses Lebens nicht mehr teilzunehmen vermögen. Viele der Stämme sind noch recht kriegerisch. Sie bilden Unterfamilien und haben eigene Namen, wie z. B. die Guaribos oder Affenindianer. Ihre Sprache ist der Tupidialekt, und ihre Methoden der Jugenderziehung haben ihnen den Namen der Spartaner des Amazonenstroms eingebracht. Von anderen Stämmen in der Nähe werden sie Paiguize, Kopfjäger, genannt. Das bezieht sich aber heutzutage nur noch auf die Abteilungen, die in den weitentlegenen, unerforschten Wäldern hausen.

Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise nach den Fällen des oberen Tapajóz fort. Ehe ich das Indianerdorf verließ, gelang es mir, einen Alligatoren zu schießen, der sofort von den Mundurucus abgezogen und zerteilt wurde. Sie verwenden das Fleisch zu verschiedenen Zwecken. Ein Teil wird als Leckerbissen verzehrt; das Fett dient als Massagemittel gegen alle möglichen Krankheiten, und die Zähne werden von den Weibern aufgereiht und als Halsketten getragen.

Die Mauern des Waldes schlossen sich um den Fluß zusammen, und mehrere Tage lang war uns kaum ein Blick auf die Gegend darüber hinaus vergönnt. Eines Nachts lagerten wir auf dem Ostufer an einem Punkt, wo der Hauptfluß sich verengt und ein kleines Flüßchen sich mit ihm vereinigt. Ich hätte gerne unsere genaue Lage in dieser weiten und anscheinend verlassenen Gegend festgestellt und suchte unter meinen Notizen nach irgendeiner Erwähnung dieses Punktes durch andere Reisende. Aber ich fand nichts, so weit meine Aufzeichnungen reichten, weder bei Wickham oder Herbert Smith, der 1878 den Tapajózfluß hinaufgefahrenwar, noch auf den englischen Landkarten. Es handelt sich also wohl um einen der vielen unbenannten kleinen Flüsse dieses wilden Landes.

Dies mag einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, einen Fluß in dem Labyrinth der Wasserwege des Amazonas ohne ein charakteristisches Kennzeichen auf dem Land festzustellen. Ebenso schwer ist es, eine auch nur einigermaßen zuverlässige Routenkarte anzulegen, die den Reisenden aus den Arbeiten ihrer Vorgänger Vorteil zu ziehen gestatten würde. Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit bei Forschungsreisen im entlegenen Amazonengebiet. Eigentlich ist so gut wie nichts vorhanden, was auf systematischen Aufnahmen beruhte, weil es denen, die in diese Gebiete vordrangen, an den nötigen wissenschaftlichen Instrumenten fehlte, die sie auch gar nicht hätten mitführen können, selbst wenn sie sie besessen hätten. Der Mangel an eingeborenen Trägern und die daraus sich ergebende Notwendigkeit, das Gepäck auf ein Mindestmaß zu beschränken, macht vieles, was geleistet worden ist, für geographische Zwecke nutzlos. Was im Amazonengebiet ausgerichtet wurde, ist fast völlig das Ergebnis individueller und meistens vereinzelter Leistungen, unter Bedingungen, gegen die die Forschung in Afrika nur ein Kinderspiel war.

Um ähnliche Erwägungen handelt es sich beim Wiedererkennen der verschiedenen Indianerstämme. Wahrscheinlich wohnen an 400 Eingeborenenstämme auf den zweieinhalb Millionen Geviertkilometer unbekannten Landes, das die Quellgebiete der Flüsse des Amazonas umgibt. Alle diese Stämme leben in kleinen Familiengruppen, die bei den nichtigsten Meinungsverschiedenheiten sich trennen, die sich durch Heiraten vermischen, durch die schlechte Behandlung der Kautschuksammler, besonders jenseits der Grenzen Brasiliens, versprengt und durch mörderische Kriege gegeneinander dezimiert werden. Viele sind Nomaden, und diegeringe Bevölkerungsdichte des Gebiets ermöglicht es diesen Familiengruppen, nach Belieben umherzuziehen und zu jagen, ohne durch benachbarte Stämme darin beschränkt zu werden. Dazu kommt noch die Verwirrung durch die Masse der Stamm- und Nebenstammnamen, der portugiesischen, phonetischen und Geschlechtsbezeichnungen, so daß jeder Versuch einer Klassifikation völlig hoffnungslos ist. Alles, was getan werden kann, beschränkt sich auf gewissenhafte und folgerichtige Beobachtung durch die Forscher, die in einen oder mehrere Teile dieses unvorstellbar ausgedehnten Gebiets eindringen, in dieses Land der dichten, düstern Wälder, verschlungenen Flüsse und Stromschnellen und der weiten, offenen „Campos“, der Heimat geheimnisvoller Indianerstämme, von denen viele das Vorhandensein von Weißen nicht einmal ahnen. Davon wird später noch die Rede sein. Im vorliegenden Werke erhalten die einzelnen Stämme die Namen, unter denen sie in ihren jeweiligen Wohngebieten bekannt sind.

Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6 Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar, daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500 Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte, trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch wegen einer niedern Hügelkette,die offensichtlich dem Weiterlauf des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um weiterzukommen.

Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado), einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war, erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.

Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der Fahrt ausruhen.

An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster, und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille. Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu, das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses, die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden gewesen.

Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften Itauba (Acrodiclidium itauba) hatten wir das Lager aufgeschlagen. Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz. Die Luft war schwül und drückend,von einer feuchten Kühle nach der großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern, die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit verloren.

Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen. Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines aufgestörten Alligators geraten.

Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich, während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen, und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders dieSimia mycetesoder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche, auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein halbmenschliches Geschrei ausstößt.

Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von flußaufwärts der rhythmische Schlag vonRudern hören, begleitet von gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.


Back to IndexNext