8. Ins Herz des tropischen Urwalds.

8. Ins Herz des tropischen Urwalds.

Als wir früh am folgenden Morgen dicht am Ufer dahinfuhren, kam aus dem Gebüsch ein knurrender Laut und man hörte Zweige brechen. Im nächsten Augenblick bekam ich zum erstenmal den amazonischen Tiger, den Jaguar, zu Gesicht. Das Gebüsch und das hohe Schilfgras teilten sich gegenüber dem Kanu, und der König des südamerikanischen Großwilds erschien für einige Sekunden, offenbar geblendet vom Licht. Keine 10 Meter von uns entfernt stand er da. Vom Hellgelb des Fells hoben sich die pechschwarzen Streifen und Flecken prächtig ab. Es war unmöglich, die volle Größe des Tieres zu schätzen, da nur Kopf, Brust und Vorderpranken in dem hohen Gras und verfilzten Ufergebüsch sichtbar wurden. Der Jaguar knurrte und verschwand sofort wieder, als er uns mit erhobenem Kopf gewittert hatte. Meine beiden Indianer hätten ihn gern verfolgt, aber die begrenzte Zeit und unsere beschränkten Vorräte verboten es. Auf späteren Reisen jedoch glückte es mir, eine solche Jagd mitzumachen. Die Turasindianer fangen den Jaguar in einer aus Gras geflochtenen Schlinge, die auf dem Wechsel verborgen wird, den die Tiere betreten, wenn sie, meist bei Sonnenuntergang, sich an den Fluß oder ein Wasserloch zur Tränke begeben. Das Ende des Grasseils, das in die Schlinge ausläuft, ist so an einem heruntergezogenen Ast befestigt, daß das gefangene Tier buchstäblich gehängt wird. Das Fell wird nicht zu Kleidern verwendet, sonderndient als Decke in den Hütten oder als Schutz gegen die tropischen Regengüsse. Gegen Speere auf der Jagd sind die Indianer eingenommen, weil durch die zahlreichen Stiche das Fell beschädigt wird.

Es gibt wohl kaum einen schöneren Anblick als den des amazonischen Waldes aus der Nähe besehen. Von den breiten Flüssen aus, dem Amazonenstrom selbst, dem Tapajóz, Madeira oder Ucayali macht er den Eindruck einer fast ungebrochenen und sehr eintönigen Mauer aus verschwommenem Grün — eines Vegetationschaos. Bei näherer Bekanntschaft jedoch entfaltet er den ganzen Zauber seiner Schönheit. Über den Fluß breiten sich in tausendfältigem Widerspiel der Wasserfläche zahllose Palmenarten: die bis zu 15 Meter hohe Miritypalme mit ihren großen fächerähnlichen Wedeln und rotleuchtenden Fruchtbüscheln; die graziöse Caranápalme mit ihren Dornen am Stamm und an den Blättern; die Jupatipalme mit ihren federartigen Blütenmassen, die über die lichtern Stellen des Flusses ihre Schatten werfen; die Bandpalme Jacitará (Desmoncus), die flechtenartig an den Stamm fast jedes der Baumriesen sich anklammert. Mächtige, silberweiße Stämme heben sich von der dunkeln Blätterwand ab und breiten, wie riesenhafte grüne und rote Schirme, ihre Kronen hoch über das unendliche grüne Meer. Neben der Assaipalme, die wie ein Rohr vom leisesten Luftzug bewegt wird, erhebt sich stark und bejahrt die Tucumápalme. Grüngefaserte Seile hängen in Schlingen von den höchsten Ästen, und Orchideen, Cattleyen und andere Arten heben ihre Blüten aus feuchten und üppigen Höhlungen. Sinkt dann die Sonne im Westen, so wandelt sich das Grün der Wälder in Gold, Rot, Dunkelbraun und Violett, bis es endlich in geisterhafter Schwärze erstirbt.

Träge flossen die Tage in dem leichten Rindenkanu unter dem Palmstrohschutzdach dahin, denn es war die Zeit des Hochwassersund gab keine Strömung. Der mächtige Amazonenstrom, dessen Gewässer selbst den Atlantischen Ozean über 300 Kilometer weit von seiner Mündung färben, zwingt allen Nebenflüssen seinen Willen auf, sogar solchen wie dem Gy-Paraná, der fast 1600 Kilometer vom Hauptstrom abliegt und fast 3000 Kilometer vom Gestade des Meeres! Er zwingt sie, ihre Gewässer zurückzuhalten, bis er selber weit genug gefallen ist, um sie aufnehmen zu können. Dadurch werden unermeßliche Flächen überflutet. Fast zwei Tage lang fuhren wir über ruhige Seen und durch überschwemmte Urwälder. Die eigenartige Stille dieses weiten überschwemmten Dschungelgebiets ist höchst eindrucksvoll. Jedes Anzeichen von Leben scheint sich aus Land und Bäumen zurückgezogen zu haben. Die schnatternden Affen, die lärmenden Papageien und Araras, die Spieß- und Pampashirsche, die sonst durch das brechende Unterholz streifen, der sein Weibchen lockende Tapir, das im Schmutz wühlende Wildschwein, der herumscharrende Ameisenfresser, die in Höhlen wohnenden Gürteltiere — sie alle flüchten vor den steigenden Fluten, und selbst die Vögel streifen über das dunkelgrüne Blätterdach ohne Schrei und Gesang. Nur die sumpfliebenden Schlangen, die Fischottern und Alligatoren, die gefürchteten elektrischen Aale und die Wolken von Insekten scheinen sich im Dunst der Gewässer und des Moders wohlzufühlen.

So schlich Stunde um Stunde dahin in Sonnenhitze und Schweigen. Überall um uns der Wald, aus der Grenzenlosigkeit des stagnierenden Wassers emporsteigend. Dann wieder lange Nächte im Kanu in verkrampfter Haltung, während der gelbe tropische Mond hinter den hohen Bäumen stand und sonderbare Schatten auf das Brackwasser warf. So niedergedrückt fühlte ich mich, daß ich mehr als einmal, in Augenblicken der Schwäche, laut redete, um den Eindruck der schauerlichen Verlassenheit zu vertreiben. Diese überschwemmten Flächen, die zuweilen 50 bis zu250 Geviertkilometer bedecken, sind so häufig in den niedern Flußtälern, daß die beiden Turas, schweigend und unbewegt wie nordamerikanische Indianer, weiterpaddelten, ihre kärgliche Nahrung zu sich nahmen, schliefen, und gleichmütig nach dem tiefen Wasser Ausschau hielten, das das Bett des Flusses anzeigt.

Gegen Mittag des zweiten Tages in diesem Riesensumpf ereignete sich ein Zwischenfall, der unsere kleine Expedition beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Von einem überhängenden Ast fiel eine Schlange ins Boot, während die Ruderer in der Mittagshitze ausruhten. Tod durch Schlangenbiß ist so häufig unter den nackten und daher ungeschützten Eingeborenen, daß meine beiden Indianer in ihrer Hast, von dem sich krampfhaft ringelnden grünen Ding wegzukommen, beinahe das Kanu zum Kentern brachten. Sie zogen die Gefahren vor, die unsichtbar unter dem brüheartigen Wasser lauerten und sprangen über Bord.

So einfach war es nicht, den gefährlichen Eindringling unschädlich zu machen. Es war eine Louro Machaco oder Papageienschlange, so genannt wegen ihrer wunderschönen grünen Farbe. Ich quetschte sie mit einer schweren Kiste gegen die Bordwand und beförderte sie dann durch einige Schläge mit dem Paddel ins Jenseits. Die Haut wurde ihr als Siegestrophäe abgezogen.

Nach einer solchen Aufregung wird die erschlaffende Hitze des amazonischen Waldes erst recht fühlbar. Meine dünne Kleidung war vom Schweiß buchstäblich wie aus dem Wasser gezogen. Zu der körperlichen Unbehaglichkeit kam noch der seelische Schock bei dem Gedanken, wie nahe wir daran gewesen waren, durch das Kentern des Kanus Ausrüstung und Vorräte einzubüßen. Die verhältnismäßig unbedeutende Anstrengung rief eine krankhafte Abgespanntheit hervor, die einige Stunden anhielt und mich zur Einnahme einer Extradosis Chinin veranlaßte, was zuzeiten im entlegenen Amazonengebiet für Leben und Tod entscheidend ist.Wir befanden uns nun mitten im Sumpf- und Flußgebiet des oberen Madeiratals, dem Lieblingsaufenthalt des Alligators und der Anakonda. Exemplare dieser Riesenschlange von zwölf Meter Länge waren in den dem Madeira benachbarten Seen und Sümpfen oberhalb Porto Velho gefangen worden. Die Eingeborenen behaupten, daß einige dieser überfluteten Dschungelstrecken im Kanu nur unter Todesgefahr zu befahren sind, die von diesen riesigen Reptilien droht. Die Haut der Anakonda ist gewöhnlich bräunlich oder schwarz und gelb gestreift. Sie erdrückt ihre Beute, indem sie sie in ihren Umschlingungen zusammenpreßt, bis die Knochen gebrochen sind. Dann soll sie Affen, Jaguare, Tapire und Ameisenfresser fast im ganzen verschlingen können. Ein Mensch, den sie einmal in solcher Umschlingung gefangen hat, hat kaum noch eine Hoffnung auf Rettung.

Der Vorfall mit der Schlange ist an sich durchaus nichts Ungewöhnliches auf Reisen im Amazonengebiet. Aber den beiden Turas brachte er die Eingeborenensagen von der „Mae de Agua“, der „Mutter des Wassers“, wieder in Erinnerung, die sich zweifellos auf Anakondas oder ähnliche Ungeheuer beziehen. Eine Zeitlang ängstigten sie sich vor allem, was nur einigermaßen diesem Schrecken der Sümpfe glich, ob das Licht des Tages, Dämmerung oder Mondschein herrschte. Was mich selber betrifft, so war ich zu sehr damit beschäftigt, mich gegen die Insektenpest zu verteidigen, als daß ich mich ähnlichen Gedanken hätte hingeben können. Sie machte jede Stunde des Tags und der Nacht zu einer endlosen Qual, aber wenigstens wurde ich dadurch davon abgehalten, an weit größere jedoch weniger unangenehme Bestien zu denken.

Am vierten Tag erschienen höhergelegene Stellen, und wir landeten, um dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen, machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchseaus ihrem behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt. Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.

Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen, durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen hatten.

ItogapukmädchenItogapukmädchenItogapukmädchen.Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch einschneiden.Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks auf dem linken Bild deutlich sichtbar.

Itogapukmädchen

Itogapukmädchen

Itogapukmädchen.Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch einschneiden.Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks auf dem linken Bild deutlich sichtbar.

Häuptlinge der Itogapuk vor einer GemeinschaftshütteDie drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses neuentdeckten Stammes.⇒GRÖSSERES BILD

Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses neuentdeckten Stammes.⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war, deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil siemit ihrem zu einer knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun. Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen betrachtet würden.

Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber, als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte. Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit, daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.

Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen Namen finden konnte, habe ich ihn auf derKartenskizze (S. 149) als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte. Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen. Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter Indianer nicht zu entdecken gewesen war.

Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt, auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.

Bald war das kleine wasserdichte Zelt aufgeschlagen, ein Feuer von den trockenen Kernspänen umgefallener Bäume angezündet und das schwelgerische Mahl bereitet, bestehend aus gesalzenem Konservenfleisch, Früchten, Biskuits und schwarzem Kaffee. Nachdem ich ihm alle Ehre angetan hatte, legte ich mich auf die wasserdichte Decke, um zu rauchen, auszuruhen und nachzudenken, ehe ichdie üblichen Eintragungen über das am letzten Tag Geleistete in mein Notizbuch machte. Die Sonne strahlte in tiefem Rot und Gelb und verlieh der Landschaft etwas vom Geist des tropischen Waldes. Als ich noch ein Knabe war, hatte ich einmal in einem Wanderpanorama ein treues Bild vom ersten Lager Sir H. M. Stanleys am Ufer der innerafrikanischen Seen (mit allerlei Gepäck) gesehen, und das stieg nun ungerufen aus den Tiefen des aufgespeicherten Unterbewußten vor meinem Geist empor. Sah man vom See ab, so fand sich hier in der amazonischen Wildnis eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Vorstellungen des Künstlers von Innerafrika.

In diesem Lager war es, wo meine Pläne einen völligen Schiffbruch erlitten. Als ich die Schulden der beiden Turas zahlte und sie damit in meinen Dienst nahm, hatten sie sich bereit erklärt, in den Wäldern umherzukundschaften, um mit den in der Umgebung lebenden oder jagenden Wilden in Verbindung zu kommen. Nun weigerten sie sich glatt, diesen Teil des Programms auszuführen, indem sie erklärten, sie würden dabei umgebracht und aufgefressen, da die betreffenden Stämme ihrem eigenen Stamm ebenso wie allen Weißen feindlich gesinnt wären. Dies zusammen mit dem Verlust von Lebensmitteln schien die Expedition zu einem plötzlichen und unheilvollen Abschluß zu bringen. Die beiden durch Drohungen oder mit Gewalt in die Wälder zu treiben, wäre natürlich schlimmer als nutzlos gewesen, und das Versprechen einer Belohnung hatte nur Mißtrauen und Widerspenstigkeit zur Folge.

Unter solchen Verhältnissen schien es unangebracht, noch weiter flußaufwärts zu fahren. Das Lager zu verlassen und mich selbst in dem umliegenden Wald auf die Suche zu machen, hätte bedeutet, das Unheil geradezu herauszufordern. Ließ ich die beiden Indianer allein, so mochten sie Verrat planen oder sich, was weit wahrscheinlicher war, in ihrer Furcht flußabwärts davonmachen. Dann hätteich mich allein, vielleicht ohne Lebensmittel, einer Reise von 250 Kilometer einen schwierig zu befahrenden Fluß hinab gegenübergesehen, mit weit überschwemmten Flächen oder Seen und feindlichen Indianern in den Wäldern auf der ganzen Rückzugslinie. Später stellte sich heraus, daß meine Boys alte Kriegspfade anderer Stämme wiedererkannt hatten.

Es liegt viel Wahrheit in dem Spruch, daß Notwendigkeit die Mutter der Erfindung ist. Während ich auf dem Rand des Kanus saß, um mich zu einem würdelosen Rückzug zu entschließen, kam mir ein Einfall, der das Problem schließlich löste. Ich bewaffnete mich mit der Flinte und der elektrischen Taschenlampe, legte einige Kleinigkeiten, darunter mein letztes Taschenmesser, in das Kanu und wartete die Nacht hindurch auf die Rückkehr der Indianerdiebe. Mehrere Male kamen Geräusche aus dem dichten Busch, der das Lager umgab, und die Versuchung war groß, die Taschenlampe anzuknipsen. Wer einmal eine Nacht unter ähnlichen Umständen durchwacht hat, weiß, wie lang die Stunden scheinen und wie unerträglich die Spannung allmählich wird.

Als der Mond aufstieg und sein Licht über die Landschaft warf, schien die Gelegenheit vorüber, aber ich setzte doch die Wache fort, wenn ich auch Augen und Gehör nicht mehr so anzustrengen brauchte. Stunde um Stunde verrann langsam, und im feuchten Dunst überfiel mich ein unangenehmes und Unheil kündendes Frösteln. Dann zeigten sich die ersten helleren Streifen der Dämmerung; der ungesunde Nebel verschwand von den Uferbänken, hielt sich aber noch in den üppigen Buschdickichten. Der Wald erwachte zum Leben. Durch und durch entmutigt und erschöpft kroch ich auf die wasserdichte Decke und vergaß bald die Suche nach neuen Menschenrassen.


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