Chapter 6

Als er sich umwandte, stieß man ihm den Dolch in den Rücken.

Als er sich umwandte, stieß man ihm den Dolch in den Rücken.

So fiel unser großer, vortrefflicher Befehlshaber. Nicht zu frühzeitig für ihn selbst, für ihn, dessen Leben eine Reihe großer, glänzender und glücklicher Unternehmungen war, und der die Vollendung der großen Aufgabe, zu der ihm die Vorsehung das Leben gab, noch erlebte. Nur den Genuß des Ruhms, den er bereits errungen hatte, entriß ihm der Tod. Diejenigen aber, die sich auf seine weise Führung voll Zuversicht verließen, denen seine teilnehmende Sorge ihre Beschwerden erleichterte und Trost in Mühseligkeiten gab, fühlten seinen Verlust tief und bejammerten ihn unaussprechlich. Wer könnte auch unseren Schrecken und die allgemeine Bestürzung ausmalen, die auf diesen so furchtbaren und unerwarteten Schlag folgte?

Wie schon erzählt worden ist, wurden vier von den Seesoldaten, die Kapitän Cook begleitet hatten, durch die Eingeborenen auf dem Platze getötet; die übrigen nebst ihrem Leutnant Philipps warfen sich ins Wasser und retteten sich schwimmend unter dem Schutze des unablässigen Feuerns ihres Bootes. Bei dieser Gelegenheit gab Leutnant Philipps einen auffallenden Beweis von Tapferkeit und Liebe zu seinen Leuten. Er hatte kaum das Boot erreicht, als er einen von den Seesoldaten, der nicht sonderlich schwimmen konnte, mit den Wellen kämpfen und so in großer Gefahr sah, von den Feinden ergriffen zu werden. Sogleich sprang er, obwohl er selbst stark verwundet war, zu seinem Beistand ins Wasser, und wennschon er dabei einen so heftigen Steinwurf an den Kopf bekam, daß er selbst beinahe untergesunken wäre, ergriff er den Soldaten und brachte ihn in Sicherheit.

Unsere Leute in den Booten, die während des ganzen Vorganges nur etwa 20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit lang ein heftiges Feuer,um ihren unglücklichen Kameraden, im Fall noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu geben, und in derselben Absicht wurden auf der »Resolution« einige Kanonenschüsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum Weichen gebracht wurden, eilten fünf von unseren jungen Kadetten in Booten zum Ufer, wo sie die Körper ihrer Landsleute leblos auf der Erde liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der Leichen für zu gefährlich, ließen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurück.

Sobald man sich von der allgemeinen Bestürzung, die dieser unglückliche Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte, erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmöglich kann ich meine Unruhe während der ganzen Dauer dieses Vorfalles schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua befanden, konnten wir deutlich sehen, daß sich ein ungeheurer Haufe auf dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitän Cook gelandet war. Auch hörten wir das Musketenfeuer und bemerkten außerordentliche Verwirrung unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote aber vom Lande abstoßen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmöglich, bei so befremdlichen Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wußte außerdem, daß der Kapitän durch einen langen, ununterbrochen glücklichen Fortgang seiner Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel Zutrauen zu ihnengefaßt hatte, daß ich immer fürchtete, er möchte einmal in einem unglücklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schöpfen zu können, durch die es bedingt wurde.

Das Volk, das in großer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man sah und hörte, zu erklären sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich das erste Musketenfeuer hörte, sie brauchten nicht unruhig zu werden; ich wünschte auf alle Fälle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben wir, bis die Boote an Bord zurückgekehrt waren. Als aber Kapitän Clerke durch sein Fernrohr bemerkte, daß wir von den Eingeborenen umringt waren, befürchtete er, sie möchten uns angreifen, und ließ mit zwei vierpfündigen Kanonen auf sie feuern. Glücklicherweise taten die Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer großen Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnußbaum, unter dem eine Anzahl von ihnen saß, in der Mitte durch, und die andere zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand. Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, daß sie sich in völliger Sicherheit befänden, war ich über diese feindliche Maßnahme äußerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt würde, sogleich ein Boot an Kapitän Clerke und ließ ihm sagen, ich stünde bis jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber in der Folge die Umstände nötigen sollten, mein Betragen gegen sie zu ändern, so würde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, daß er uns Beistand leisten möchte. Wir erwarteten nunmehr die Rückkehr des Bootes mit größter Ungeduld. Nach einerViertelstunde, die wir unter der quälendsten Angst und Ungewißheit zubrachten, kam einer der Offiziere und bestätigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe. Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als möglich abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu schicken. Während der langen Zeit hatte auch unser Freund Kärikia von einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war, Kapitän Cooks Tod erfahren und kam bekümmert und niedergeschlagen zu mir, um zu fragen, ob das wahr sei.

Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefährlich. Unser Leben stand auf dem Spiel, und überdies handelte es sich auch um den Ausgang der ganzen Unternehmung und um die Rückkehr unserer Schiffe. Der Mast der »Resolution« und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich gewesen wäre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste Neigung geäußert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr ungewiß, welchen Einfluß die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua auf sie haben würde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache oder das unglückliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen, sie antreiben möchte, die gegenwärtige vorteilhafte Gelegenheit zu benützen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich glaube die Nachricht von Kapitän Cooks Tode nicht, und bat zugleich den Kärikia, er möchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die übrigen Priester in ein großes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie für den äußersten Fall zu sichern, teils um sie in der Nähe zu haben und mich womöglich ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen zu können. Nunmehr postierteich die Seesoldaten auf die Höhe des Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der »Resolution«, um Kapitän Clerke unsere gefährliche Lage zu schildern. Sobald ich das Ufer verließ, griffen die Eingeborenen unsere Leute mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die Seesoldaten schon feuern hörte. Ich kehrte daher unverzüglich an das Ufer zurück und fand, daß die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an und verstärkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene große Haufen, die längs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald kühner, und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen längs dem Ufer fortgekrochen waren, zeigten sich plötzlich am Fuß des Marai, um ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugänglichen Orte zu erstürmen. Sie ließen sich auch nicht eher vertreiben, als bis wir mehrmals gefeuert und einen getötet hatten. Einer von diesen Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurückkehrte, um den Leichnam eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mußte sich nach Preisgabe des Leichnams zurückziehen. Nach einigen Minuten kam er wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn zum dritten Male blutend und entkräftet zurückkehren. Als ich erfuhr, was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so daß jener ruhig seinen Freund forttragen konnte.Kaum war ihm dies gelungen, als er selbst niederstürzte und starb.

Da nunmehr eine ansehnliche Verstärkung von beiden Schiffen gelandet war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurück. Hierdurch erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob sie zum Frieden zu bewegen wären, und um ihnen vorzuschlagen, daß meine Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen würfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man ließ uns ungestört den Mast in See stoßen und die Segel nebst den astronomischen Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten, nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin, die uns aber keinen Schaden taten.

Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte. Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle, und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann, daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil, den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern, noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre Erwartung,nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte. Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können, wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer Furcht oder Schwäche hätten erklären können.

Zur Empfehlung friedlicher Maßregeln ward hingegen mit Recht angeführt, das Unglück sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige Freundschaft und Güte der Eingeborenen gäbe ihnen ein Anrecht auf unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit, Kapitän Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien müsse, selbst um den Diebstahl gewußt zu haben. Das Betragen seiner Frau und der Häuptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick der bewaffneten Soldaten des Kapitäns und der kriegerischen Zurüstungen in der Bucht bei ihnen verursacht haben müsse. Diese letzteren wären dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen beiden Teilen stattgehabt hätte, so wenig angemessen gewesen, daß die Eingeborenen dem Anscheine nach begründetes Recht haben konnten, sich der Entführung ihres Königs zu widersetzen — wie man von einem Volke, das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten dürfen. Außer diesen menschlichen Gründen führte man noch andre an, die die Klugheit an die Hand gab. Wirlitten Mangel an Wasser und anderen Erfrischungen, und an dem Vordermast müsse man noch eine ganze Woche arbeiten, ehe er aufgerichtet werden könne. Der Frühling nähere sich nun allmählich, und wir dürften die Fortsetzung unserer Unternehmungen am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachsüchtiger Streit könne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern auch eine unvermeidliche Verzögerung in der Ausrüstung der Schiffe veranlassen.

Kapitän Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich überzeugt war, daß unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrücklichen Beweis unsers Unwillens besser Genüge geschehen wäre, war ich doch nicht unzufrieden, daß mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine außerordentliche Menge Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so kühn, sich den Schiffen bis auf Pistolenschußweite zu nähern und uns durch verschiedene verächtliche und herausfordernde Gebärden zu beschimpfen. Die Matrosen konnten nur mit großer Mühe abgehalten werden, ihre Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maßregeln entschlossen hatten, ließen wir die Kanus unangefochten zurückkehren.

Unserm Entschluß gemäß erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in bestimmtesten Ausdrücken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe, die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womöglich eine Zusammenkunft mit den Häuptlingen durchzusetzen. Gelänge dies, so sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem aber den unseres Kapitäns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung sollte ich ihnenmit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als bis wir angegriffen würden, und unter keinen Umständen landen.

Ich verließ die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem Strande näherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, daß wir feindlich empfangen werden würden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung, die Frauen und Kinder zogen sich zurück, die Männer legten ihre Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen. Wir wurden auch gewahr, daß sie seit diesem Morgen an dem Platze, wo Kapitän Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen hatten, vermutlich weil sie fürchteten, wir möchten sie von dieser Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an, Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich nunmehr einsah, daß alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen, fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu gegenseitigem Vertrauen gäbe, so ließ ich die bewaffneten Boote halten und näherte mich allein mit einer weißen Fahne in der Hand. Diese ward, wie mir zu meiner großen Zufriedenheit das Freudengeheul der Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten sogleich von der Berglehne zurück, wohin sie sich geflüchtet hatten. Die Männer warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

Kapitän King näherte sich mit einer weißen Fahne in der Hand.

Kapitän King näherte sich mit einer weißen Fahne in der Hand.

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrücken schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, daß Koah unbegreiflich kühn und zuversichtlich mit einer weißen Fahne in der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es für nötig, dieses Zeichen des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er bewaffnet, was mein Mißtrauen nicht gerade verringernkonnte. Schon lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt. Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen. Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrügerischen Anschläge hatten ihre Aussage bestätigt. Das alles nebst dem empörenden Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine große Rolle gespielt hatte, erregten in mir, als ich ihm so nahe saß, den größten Abscheu gegen ihn. Und als er mit erheuchelten Tränen zu mir kam, um mich zu umarmen, hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, daß ich mich nicht abhalten ließ, die Spitze seines »Pahua« oder Dolches, den er in der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm, ich sei gekommen, des Kapitäns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu erklären, wenn er nicht sogleichausgeliefert würde. Er versicherte mir, es werde sobald als möglich geschehen, und er selbst wolle sich darum bemühen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts vorgefallen sei, um ein Stückchen Eisen, sprang in die See und rief, indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wären wieder gute Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der größten Unruhe Koahs Rückkehr. Während dieser Zeit waren die übrigen Boote dem Ufer so nahe gekommen, daß sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem Teil der Eingeborenen in ein Gespräch hatten einlassen können, wobei wir erfuhren, der Leichnam sei in Stücke geschnitten und landeinwärts geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld über Koahs Verzögerung durchblicken zu lassen, drangen die Häuptlinge in mich, ich möchte ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Körper solle uns unverzüglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen wollte. Als sie sahen, daß ich mich durchaus nicht bereden ließ, an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir würden uns so bequemer unterhalten können, das Boot zwischen einige Felsen zu ziehen, wo sie es von den übrigen hätten abschneiden können. Diese List ließ sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die Verhandlungen für immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam, der ein besonderer Freund des Kapitäns Clerke und der Offiziere des »Discovery« war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir, Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und alswir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschränkte er die beiden Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wußte, was hier weiter zu tun wäre, schickte ich einen Leutnant zu Kapitän Clerke, um ihm Nachricht von allen Vorfällen zu geben und ihm sagen zu lassen, daß ich sehr zweifelte, ob die Eingeborenen ihr Wort halten würden, da sie, anstatt über das Vergangene betrübt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen ihres letzten Vorteils wären und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte uns den Befehl, an Bord zurückzukehren und vorher den Einwohnern bekanntzugeben, daß der Ort zerstört werden würde, wofern der Leichnam am nächsten Morgen nicht ausgeliefert würde.

Als sie merkten, daß wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die beschimpfendsten und verächtlichsten Gebärden zu reizen. Einige von unseren Leuten sagten auch, sie könnten verschiedene Eingeborene in den Kleidern unserer unglücklichen Gefährten umhergehen sehen. Unter anderm bemerkte man auch, daß einer von ihren Häuptlingen den Hirschfänger unseres ermordeten Kapitäns schwenkte, und daß eine Frau die Scheide der Waffe hoch hielt. Allerdings mußte ihnen unser Betragen eine schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie konnten wohl nur wenig Sinn für die Beweggründe der Menschlichkeit haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitän Clerke von den gegenwärtigen Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten Maßregeln getroffen, das Schiff vor einem nächtlichen Überfall zu schützen. Die Bootewurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß die Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Güter weiter ins Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, daß sie wegen des ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben. Und noch wahrscheinlicher ist es, daß man damals die Leichname unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir später an der Insel Molokai vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezündet, der einer benachbarten Insel erklärt worden sei. Das stimmt auch mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln überein, wo die Häuptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des Volkes immer durch nächtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestört und hörten nur Geheul und Klagen vom Ufer her schallen. Früh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis, mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten zu dürfen. Daß er gerade nach mir fragte, läßt sich leicht erklären. Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen für Kapitän Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem Irrtum beharren ließ, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei, hätte ich den Befehl übernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat, fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitäns. Da er mir nur mit Ausflüchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurückund würde ihn mit deutlichen Äußerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben, wenn nicht Kapitän Clerke es für alle Fälle besser befunden hätte, die anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewöhnlichen Achtung zu begegnen.

Der verräterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen nichtssagenden Geschenken zurück. Da er jederzeit alle Teile des Schiffes mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß wir zur Verteidigung bereit seien. Er war äußerst zudringlich in seiner Bitte, daß Kapitän Clerke und ich ans Ufer kommen sollten, und schob die Verzögerung der Auslieferung der Leichname ganz auf die anderen Häuptlinge. Doch versicherte er uns, alles würde nach unseren Wünschen geschehen, wenn wir uns zu einer mündlichen Unterredung mit Terriobu bewegen ließen. Allein, seine Aufführung war zu verdächtig, als daß wir bei ruhiger Überlegung in seine Bitte hätten willigen können. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus dem wir seine Lügenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nämlich, der alte König habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitän Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu einer Höhle begeben, in die man nur durch Seile hinabkönne. Hier ist er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben, während welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurückkehrte, drängten sich seine Leute, die sich vor Tagesanbruch in großen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfüllung unserer Drohung und schienen dabei völlig entschlossen,uns die Spitze zu bieten. Den ganzen Morgen über hörten wir in verschiedenen Gegenden der Küste in die Trompetenschnecke blasen und sahen große Haufen von Eingeborenen über die Hügel kommen. Kurz, aller Anschein war so beunruhigend, daß wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu können. Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenüber Boote aus, um einen Überfall von dieser Seite zu verhüten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten machten, hielten wir neue Beratungen ab, was für Maßregeln wir nunmehr ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des Mastes nebst den übrigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts stören zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen Rückgabe der Leichname fortzusetzen.

Den größten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, daß die Zimmerleute daran arbeiten konnten. Außerdem mußten die nötigen Veränderungen in den Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung fiel nunmehr Kapitän Clerke zu, der sich an Bord der »Resolution« begab und den rangältesten Leutnant zum Kapitän der »Discovery« ernannte.

Die Eingeborenen ließen uns ungestört. Als die Nacht anbrach, wurde die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hörten wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Männer darin, die sogleich »Tinni« riefen; denn so sprach man hierzulandemeinen Namen King aus. Sie wären Freunde, sagten sie, und brächten mir etwas, das dem Kapitän Cook gehöre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Füßen und schienen äußerst erschrocken. Glücklicherweise war keiner verwundet; die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des Tabumannes erwähnthabe, und der Kapitän Cook bei den geschilderten Feierlichkeiten beständig begleitet hatte und sich, obgleich er auf seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewöhnlichen Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Tränen den Verlust des »Orono« und sagte dann, er bringe einen Teil seines Körpers. Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bündel dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, das uns ergriff, als wir darin ein Stück Menschenfleisch von 9–10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von dem Körper noch übrig sei. Das übrige habe man in Stücke zerschnitten und verbrannt. Terriobu und die anderen Häuptlinge besäßen aber den Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt sähen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.

Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, als wir ein Stück Menschenfleisch erblickten.

Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, als wir ein Stück Menschenfleisch erblickten.

Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt wurden, zu erfahren, was man mit den übrigen Leichen gemacht habe. Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch von den Knochen gelöst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus fragten, ob sie nichts davon gegessen hätten, bezeigten sie sogleich bei dem bloßen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein Europäer hätte fühlen können, und erkundigten sich sehr traurig, ob das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und anscheinender Furcht zu wissen, wann der »Orono« wiederkommen, undwie er sie bei seiner Rückkehr behandeln werde. Auch andere taten später oftmals diese Frage, und der Glaube, daß Kapitän Cook wiederkommen werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn überein, das immer bewies, daß sie ihn für ein höheres Wesen hielten.

Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gäste, bis am Morgen an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem König oder den Häuptlingen zu Ohren käme, könnte er die traurigsten Folgen für die ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wären sie genötigt gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und müßten aus demselben Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurückkehren. Sie entdeckten uns auch, daß die Häuptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu rächen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unversöhnlichster Feind sei und nebst den übrigen eifrig eine Gelegenheit wünsche, gegen uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von ihnen, daß bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten, darunter 5 Befehlshaber, gefallen wären. Zu unserm großen Leidwesen waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte getötet, darunter drei Männer ebenfalls von hohem Rang.

Gegen 11 Uhr verließen uns unsere beiden Freunde und waren so vorsichtig, daß sie baten, unser Wachtboot möchte sie bis jenseits der »Discovery« begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr geraten könnten, entdeckt zu werden. Wir gewährten ihnen ihre Bitte und erfuhren zu unserer Freude, daß sie sicher und unentdecktans Land gekommen wären. Den Rest dieser Nacht hörten wir so wie in der vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und früh am Morgen besuchte uns Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die Äußerungen unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, ärgerte es mich, daß es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter fortzuführen, weil er zuletzt glauben konnte, wir ließen uns wirklich von seinen Scheinheiligkeiten betrügen.

Unsere Lage war sehr ungünstig und unbequem geworden. Von den Absichten, um derentwillen wir bis jetzt ein so friedliches Betragen fortgesetzt hatten, war nicht eine einzige erreicht worden, und auf unsre Forderungen hatte man uns in keiner Weise befriedigende Antwort gegeben. Zu einem Vergleich mit den Eingeborenen war noch gar kein Anschein vorhanden; denn sie hielten sich immer in so großer Menge am Strande auf, als wollten sie jeden Landungsversuch zurückschlagen. Und dennoch war diese Landung unausbleiblich notwendig geworden, da wir es nicht länger verschieben durften, unsern Wasservorrat zu ergänzen.

Gleichwohl muß ich zu Kapitän Clerkes Rechtfertigung bemerken, daß ein Angriff für uns nicht ohne Gefahr gewesen wäre. Dies ließ die große Zahl der Eingeborenen und die Entschlossenheit vermuten, womit sie uns erwarteten. Andrerseits würde es uns mit Hinsicht auf die Fortsetzung unsrer Reise äußerst empfindlich gewesen sein, wenn wir auch nur einige Leute verloren hätten. Wenn wir hingegen unsre Drohungen erst später erfüllten, hatten wir, abgesehen von der Geringschätzung des Mutes, die ein solches Zögern den Insulanern einflößen mußte, den Vorteil, daß sie sich zerstreuten. Schon heute gingen, als sie uns in unserer Untätigkeit verharren sahen, große Haufen von ihnen über die Berge zurück, nachdem sie vorher auf ihren Schneckengeblasen und uns auf alle Art herausgefordert hatten. Diejenigen, die zurückblieben, waren aber deswegen nicht weniger verwegen und unverschämt. Einer von ihnen hatte sogar die Frechheit, sich dem Schiffe bis auf einen Büchsenschuß zu nähern, einige Steine nach uns zu schleudern und Kapitän Cooks Hut über seinem Kopf zu schwenken, indes seine Landsleute am Ufer über seine Kühnheit jauchzten und ihn aufmunterten. Unser Schiffsvolk raste bei dieser Beschimpfung vor Wut. Und die ganze Mannschaft kam auf das Achterdeck, um zu bitten, daß man sie nicht länger zwingen möchte, diese wiederholten Beleidigungen zu dulden. Sie wandten sich insbesondere an mich, damit ich ihnen von Kapitän Clerke die Erlaubnis auswirken möchte, bei der ersten vorteilhaften Gelegenheit den Tod Cooks rächen zu können. Als ich dem Kapitän dieses meldete, befahl er mir, einige Kanonenschüsse auf die Eingeborenen am Ufer feuern zu lassen, und versprach der Mannschaft, wenn sie am folgenden Morgen in ihrer Beschäftigung am Wasserplatze gestört würde, solle sie völlige Freiheit haben, die Feinde zu züchtigen.

Es ist sonderbar, daß die Eingeborenen, noch ehe wir unsere Kanonen richten konnten, vermutlich aus der Geschäftigkeit, die sie auf dem Schiffe wahrnahmen, unsere Absicht erraten und sich hinter ihre Häuser und Mauern zurückgezogen hatten. Wir mußten also einigermaßen aufs blinde Ungefähr schießen. Indes tat das Feuer dennoch alle davon erhoffte Wirkung. Denn kurz nachher ruderte Koah sehr eilig zu uns und sagte, daß einige Personen, darunter Maiha-Maiha, ein vornehmer Häuptling und Blutsfreund des Königs, getötet worden wären.

Bald nach Koahs Ankunft schwammen zwei Knaben mit langen Spießen in der Hand von dem Marai her an unser Schiff. Als sie ziemlich nahe waren, fingen sie einenfeierlichen Gesang an, dessen Inhalt sich auf die letzte traurige Begebenheit zu beziehen schien, wie wir aus dem oft wiederholten Worte »Orono« und ihrem Hindeuten auf den Platz, wo Kapitän Cook erschlagen worden war, schließen mußten. Sie setzten ihren klagenden Gesang 12 oder 15 Minuten lang fort und blieben während der Zeit immer im Wasser. Nachher gingen sie an Bord der »Discovery«, gaben ihre Speere ab und schwammen dann nach kurzem Aufenthalt ans Ufer zurück. Wer sie geschickt hatte, und was der Sinn dieser Feierlichkeit war, konnten wir nie erfahren.

In der Nacht wurden die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln zur Sicherung der Schiffe getroffen. Als es finster ward, kamen unsere beiden Freunde der vorigen Nacht wieder. Sie versicherten uns, die Häuptlinge hätten ihre feindliche Absicht keinesfalls aufgegeben, obgleich sie diesen Nachmittag durch die Wirkung unseres Geschützes außerordentlich erschreckt worden wären, und gaben uns den Rat, auf unsrer Hut zu sein.

Am folgenden Tag gingen die Boote beider Schiffe an Land, um Wasser zu füllen. Die »Discovery« legte sich nahe an den Strand, um sie bei der Arbeit zu decken. Wir bemerkten bald, daß die Nachricht, die uns die Priester gegeben hatten, nicht unbegründet sei. Denn die Eingeborenen schienen entschlossen, uns auf alle Weise zu schädigen, ohne sich selbst in große Gefahr zu begeben.

Auf dieser ganzen Inselgruppe liegen die Dörfer meistens nahe der See, und der umliegende Boden ist von 3 Fuß hohen Mauern eingeschlossen. Wir glaubten anfangs, diese sonderten nur die verschiedenen Besitzungen ab. Nunmehr entdeckten wir aber, daß sie ihnen als Verteidigungswerke gegen feindliche Einfälle dienen und wahrscheinlich gar keine andere Aufgabe haben. Sie bestehen aus lockerenSteinen, und die Eingeborenen sind sehr gewandt, diese aufs schnellste aus einer Lage in die andere zu bringen, um die Brustwehr so zu verändern, wie es die Angriffsrichtung erfordert. Am Abhang des Berges, der über die Bucht hervorragt, gibt es kleine Höhlen von ansehnlicher Tiefe, deren Eingang ähnlich durch eine solche Mauer geschützt war. Hinter diesen Brustwehren hielten sich die Eingeborenen beständig versteckt und beunruhigten unsere Leute am Wasserplatze mit Steinwürfen, und die wenigen Soldaten, die wir am Lande hatten, waren nicht imstande, sie durch ihr Musketenfeuer zu vertreiben. Unter diesen Umständen hatten unsere Leute genug zu tun, um für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, so daß sie während des ganzen Vormittags nur eine Tonne Wasser füllen konnten. Man sah nun ein, es sei unmöglich, diese Arbeit zu verrichten, ehe nicht die Eingeborenen weiter zurückgetrieben wären, und es ward den Kanonen der »Discovery« Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Dies ward auch mit wenigen Schüssen erreicht, und unsere Leute landeten nun ungehindert. Dessenungeachtet kamen die Eingeborenen bald wieder zum Vorschein und fingen ihre gewöhnlichen Angriffe an, so daß man es für notwendig hielt, einige zerstreute Häuser unweit der Mauer, wo sich die Eingeborenen verborgen hielten, in Brand zu stecken. Es tut mir weh, gestehen zu müssen, daß sich unsere Leute dabei zu unnötiger Grausamkeit und Verwüstung hinreißen ließen.

Man hatte, wie gesagt, befohlen, nur einige zerstreute Hütten zu verbrennen; wir erstaunten also sehr, als wir das ganze Dorf in Feuer aufgehen sahen. Ehe noch ein Boot das Ufer erreichen konnte, um der Verheerung Einhalt zu tun, standen auch die Wohnungen unserer Freunde, der Priester, in Flammen. Zu meinem großen Verdruß hielt mich diesenTag eine Unpäßlichkeit an Bord zurück. Die Priester hatten immer unter meinem besonderen Schutze gestanden. Unglücklicherweise aber hatten die heute diensttuenden Offiziere wenig Gelegenheit gehabt, das Marai zu besuchen, und kannten die Lage des Ortes zu wenig. Wäre ich zugegen gewesen, so hätte ich vielleicht Mittel gefunden, die kleine Priesterschaft vor dem Verderben zu bewahren.

Als sich die Eingeborenen aus dem Brande retten wollten, wurden einige von ihnen erschossen, und zweien von ihnen schnitten unsere Leute die Köpfe ab und brachten sie mit sich an Bord. Einen von den Gefallenen beklagten wir sehr. Er war an den Bach gekommen, um Wasser zu schöpfen. Einer von den Seesoldaten schoß auf ihn, traf aber nur seinen Flaschenkürbis. Diesen warf der Insulaner sogleich von sich und suchte zu entfliehen. Man verfolgte ihn bis in eine der oben beschriebenen Höhlen, deren Bestimmung wir eben durch diesen Vorfall kennenlernten. Keine Löwin hätte ihre Jungen mutiger verteidigen können als er sein Leben. Zuletzt fiel er aber, nachdem er zweien unsrer Leute lange widerstanden hatte, über und über mit Wunden bedeckt.

Um diese Zeit ward ein älterer Mann gefangengenommen und gebunden in ebendemselben Boot, in dem die Köpfe seiner beiden Landsleute lagen, an Bord geschickt. Nie habe ich einen so heftigen Ausdruck des grauenvollsten Schreckens gesehen, als in dem Gesichte dieses Mannes, aber auch nie einen so plötzlichen Übergang zur grenzenlosesten Freude, als man ihn losband und sagte, er könne unbehindert gehen. Sein nachheriges Betragen bewies uns seine Dankbarkeit; denn er brachte uns mehrmals Geschenke an Lebensmitteln und leistete uns verschiedene andere Dienste.

Bald nachdem das Dorf niedergebrannt war, sahen wir einen Mann über den Berg kommen, den fünfzehn biszwanzig Knaben mit weißen Tüchern und grünen Zweigen in der Hand begleiteten. Ich weiß nicht, wie es zuging, daß diese friedliche Gesandtschaft von einer unserer Abteilungen mit Flintenschüssen empfangen wurde. Dies hielt sie indessen nicht auf, vielmehr setzte sie ihren Weg fort, und der diensthabende Offizier eilte zeitig genug herbei, um eine zweite Salve zu verhüten. Als sie näher kamen, sahen wir, daß es unser trefflicher Freund Kärikia war, der bei dem Brande die Flucht ergriffen hatte, jetzt aber zurückkehrte und an Bord der »Resolution« geführt werden wollte.

Als er ankam, war er sehr ernst und gedankenvoll. Wir versuchten, ihm begreiflich zu machen, daß wir notwendig das Dorf hätten in Brand stecken müssen, wobei denn seine und seiner Brüder Wohnungen ohne unsere Absicht mit verzehrt worden wären. Er verwies uns unsern Mangel an Freundschaft und Dankbarkeit. Wir erfuhren erst jetzt, welch einen großen Verlust die Priester durch uns erlitten hätten. Er sagte uns, im vollen Vertrauen auf mein Versprechen und auf die Versicherungen der Männer, die uns die Überreste des Kapitäns abgeliefert, hätten die Priester ihr Vermögen nicht wie die übrigen Einwohner tiefer ins Land geschafft, sondern ihre wertvollsten Güter nebst allem, was sie von uns gesammelt gehabt, in ein Haus nahe dem Marai zusammengetragen, wo es zu ihrem großen Jammer vor ihren Augen ein Raub der Flammen habe werden müssen.

Als er an Bord gekommen war, hatte er die Köpfe seiner Landsleute auf dem Verdeck liegen sehen. Dieser Anblick war für ihn so empörend, daß er ernstlich bat, man möchte sie über Bord werfen, was auch auf Kapitän Clerkes Befehl augenblicklich geschah.

Des Abends kehrte die Abteilung, die Wasser schöpfte, zurück, ohne weiter beunruhigt worden zu sein. Die folgende Nacht war äußerst traurig; denn am Lande ertönten das Geschrei und die Klagen lauter als jemals. Unser einziger Trost dabei war die Hoffnung, daß wir künftig nie wieder Gelegenheit zu solcher Strenge haben würden.

Den nächsten Morgen kam Koah wie gewöhnlich an die Schiffe. Da wir aber nicht mehr nötig hatten, uns Zurückhaltung aufzuerlegen, hatte ich völlige Freiheit, ihm gebührend zu begegnen. Als er sich daher während seines üblichen Gesanges dem Schiffe näherte und mir ein Schwein und einige Bananen anbot, befahl ich ihm, nicht näher zu kommen, und drohte ihm, wenn er sich je wieder sehen ließe, ohne die Gebeine Kapitän Cooks mitzubringen, solle er sein nie gehaltenes Versprechen mit dem Tode büßen.

Er schien von diesem Empfange nicht gedemütigt zu sein, sondern kehrte ans Ufer zurück, wo er sich zu einem Haufen seiner Landsleute gesellte, die unsere Arbeiter beim Wasserschöpfen mit Steinen warfen. Diesen Morgen fand man auch den Leichnam des jungen Menschen, der sich gestern so tapfer verteidigt hatte, am Eingang der Höhle. Ein paar von unseren Leuten deckten eine Matte über ihn und bemerkten kurz nachher, daß ihn einige Männer auf den Schultern forttrugen und auf dem Wege einen Trauergesang anstimmten.

Als die Eingeborenen sahen, daß wir ihre Beleidigungen nicht aus Mangel an Mitteln, uns zu rächen, so lange geduldet hatten, hörten sie endlich auf, uns länger zu beunruhigen, und am Abend kam ein Häuptling namens Eappo, ein Mann von höchstem Ansehen, der uns bisher nur selten besucht hatte. Er brachte uns Geschenke von Terriobu und bat uns in dessen Namen um Frieden. Wir nahmen die Geschenkean und schickten ihn mit der alten Antwort zurück, daß die Insulaner auf keinen Frieden hoffen könnten, bis wir die Gebeine unseres toten Kapitäns zurückerhalten hätten. Wir erfuhren von diesem Manne, daß das Fleisch von allen Leichnamen unsrer Leute nebst den Rumpfknochen verbrannt worden sei. Die Gliedmaßenknochen der Seeleute wären unter die geringeren Klassen der Vornehmen verteilt worden, die des Kapitäns hingegen den ersten Häuptlingen zugefallen, so daß ein großer »Erih« den Kopf, ein andrer das Haar, Terriobu aber die Lenden, die Hüften und die Arme erhalten hätte. Als es dunkel ward, näherten sich verschiedene Eingeborene mit Wurzeln und Früchten, und Kärikia schickte uns zwei ansehnliche Geschenke an Lebensmitteln.

Der 19. Februar verging größtenteils mit Botschaften zwischen Kapitän Clerke und Terriobu. Eappo gab sich viele Mühe, es dahin zu bringen, daß einer von unsern Offizieren an Land gehen möchte, und erbot sich, unterdessen als Geisel zu bleiben. Man hielt es aber nicht für ratsam, auf diesen Vorschlag einzugehen. Hierauf verließ er uns mit dem Versprechen, er wolle am folgenden Tage die Gebeine bringen. Übrigens erfuhren die Leute, die am Wasserplatz beschäftigt waren, nicht mehr den geringsten Widerstand von den Eingeborenen, die ungeachtet unsres vorsichtigen Betragens sich wieder ohne das geringste Mißtrauen unter uns mischten. Am 20. hatten wir die Freude, bei guter Witterung den Vordermast wieder aufrichten zu können. Dies Geschäft war indessen sehr beschwerlich und mit Gefahr verknüpft, da unsere Stricke so verfault waren, daß sie mehr als einmal dabei rissen.

Zwischen 10 und 12 Uhr sahen wir eine Menge Volks in einer Art von feierlicher Ordnung den Berg herunterkommen,der sich hinter der Bucht erhebt. Ein jeder von ihnen trug ein oder zwei Stück Zuckerrohr auf der Schulter und Brotfrucht, Yamswurzeln und Bananen in der Hand. Zwei Trommelschläger, die vor ihnen hergingen, steckten bei ihrer Ankunft am Strande eine weiße Fahne auf und rührten darauf ihre Trommeln, während die übrigen einer nach dem andern herantraten und ihre Geschenke niederlegten und dann in derselben Ordnung wieder zurückgingen. Bald nachher zeigte sich Eappo in seinem langen befiederten Mantel und trug mit großer Feierlichkeit etwas auf seinen Händen herbei. Er setzte sich auf einen Felsen und machte ein Zeichen, daß man ihm ein Boot zusenden möchte. Da Kapitän Clerke vermutete, daß Eappo die Überreste Kapitän Cooks brächte, fuhr er selbst zu ihm hin, um sie in seiner Schaluppe in Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, in einem andern Boote zu folgen. Als wir am Ufer anlegten, kam Eappo in die Schaluppe und überreichte dem Kapitän die Gebeine, die in eine Menge schönes neues Zeug gewickelt und mit einem bunten Gewande aus schwarzen und weißen Federn bedeckt waren. Nachher begleitete er uns zur »Resolution«, ließ sich aber nicht bewegen, an Bord zu kommen, wahrscheinlich weil er aus einem Gefühl von Schicklichkeit nicht bei der Öffnung des Bündels zugegen sein wollte. Wir fanden darin den größten Teil der Gebeine unseres unglücklichen Kommandanten. Den folgenden Morgen kam Eappo mit des Königs Sohn und brachte die übrigen Gebeine Kapitän Cooks, außerdem die Läufe seiner Flinte, seine Schuhe und einige Kleinigkeiten. Eappo bemühte sich, uns zu überzeugen, daß Terriobu und er selbst den Frieden wünschten, und daß sie uns den besten Beweis, der in ihrer Macht stünde, hiermit gegeben hätten. Er setzte hinzu, sie würden sich gewiß weit früher zu diesem Schritte bereitgefunden haben, wenn nicht die anderen Häuptlinge, die noch unsere Feinde wären, sie daran gehindert hätten. Er beklagte mit einiger Wehmut den Tod der sechs Vornehmen, die wir erschossen hatten, und von denen einige unsere besten Freunde gewesen. Das Boot hätten uns Parias Leute entwendet. Vermutlich hatte er sich durch den Raub für den Schlag rächen wollen, den er von unsern Leuten empfangen hatte. Tags darauf habe er es in Stücke hauen lassen. Die Gewehre der Seesoldaten, die wir auch zurückgefordert hatten, wären unwiederbringlich verloren, weil das gemeine Volk sich ihrer bemächtigt hätte. Bloß die Knochen des Befehlshabers wären als Eigentum des Königs und der Erihs aufbewahrt worden.

Wir konnten nun nichts weiter tun, als unserm großen, unglücklichen Befehlshaber den letzten Dienst erweisen, und schickten deshalb Eappo mit dem Auftrag ab, er solle Sorge tragen, daß die ganze Bucht mit dem Tabu belegt würde. Nachmittags versenkten wir die Gebeine, nachdem wir sie in einen Sarg gelegt und das Begräbnisgebet verlesen hatten, unter kriegerischen Ehrenbezeigungen ins Meer. Die Welt mag beurteilen, welche Gefühle wir in diesem Augenblicke hatten. Diejenigen, die dabei zugegen gewesen sind, können mir das Zeugnis geben, daß ich außerstande bin, sie zu schildern.

Am 22. Februar sah man den ganzen Vormittag kein Kanu in der Bucht, da das Tabu, womit Eappo sie tags zuvor auf unser Verlangen hatte belegen lassen, noch nicht aufgehoben war. Endlich kam Eappo zu uns. Wir versicherten ihm, daß wir nun vollständig befriedigt seien, und daß die Erinnerung an alles Vergangene mit dem »Orono« begraben sei. Nachher baten wir ihn, er möchte das Tabu aufheben und den Eingeborenen bekanntmachen, sie solltenuns wie gewöhnlich Lebensmittel bringen. Die Schiffe waren denn auch bald von Kanus umringt; viele Vornehme kamen an Bord und bezeigten uns ihre Trauer über das Vorgefallene und ihre Freude über die Wiederherstellung des Friedens. Mehrere von unseren Freunden, die uns nicht besuchten, schickten uns Schweine und andere Lebensmittel zum Geschenk.

Da nun alle Anstalten, in See zu stechen, getroffen waren, erteilte Kapitän Clerke den Befehl, die Anker zu lichten, weil er besorgte, es möchte einen schlechten Eindruck machen, wenn das Gerücht von diesen Vorfällen früher zu den benachbarten Inseln käme als wir selbst. Gegen 8 Uhr abends schickten wir die Eingeborenen alle an Land zurück, und Eappo nebst dem freundschaftlichen Kärikia nahmen gerührt Abschied von uns. Wir lichteten darauf die Anker und steuerten aus der Bucht, und als wir längs der Küste hinfuhren, erwiderten die Eingeborenen, die sich dort in großen Haufen versammelt hatten, unser letztes Lebewohl mit allen Äußerungen ihrer Zuneigung und Freundschaft.


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