Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der Entdecker

Obschon wir sehr daran zweifelten, daß an der ganzen Küste von Guinea ein günstigerer Ort zur Erbauung eines Forts zu finden wäre, wollte ich dennoch nichts Schriftliches mit den Eingeborenen von Accada abmachen, bevor ich nicht die Häuptlinge von Tres Puntas, an die ich abgeschickt und mit denen ein Jahr vorher schon Kapitän Blonck einen Vertrag geschlossen hatte, gesprochen und ihr Gebiet gesehen hätte.

Ich fuhr deshalb mit den beiden Kapitänen und Ingenieuren an Land, die Nacht dort zu verbringen und bei Tagesanbruch nach Tres Puntas zu fahren. Die Eingeborenen waren sehr höflich und brachten uns nach Möglichkeit unter. Als wir des Morgens uns erhoben hatten, versprachen sie uns, beim Bau des Forts jede Hilfe zu leisten, worauf wir ihnen einen silbernen Degen zum Pfande ließen, daß wir wiederkommen würden.

Noch in der Ausfahrt trafen wir den Faktoreileiter von Bautry mit einem Boot und vielen kleinen Kanus. Als wir ihn nach dem »Wohin« fragten, gab er zur Antwort: »Ich bin vom Generaldirektor nach Accada gesandt, hier so lange zu wohnen, bis die Faktorei fertiggestellt ist. Der Häuptling von Accada hat mich dazu abgeholt.« Damit fuhr er an Land und ließ auf einem der Häuser die holländische Flagge hissen. Als wir uns so betrogen sahen, fuhren wir ihm nach und verwiesen den Schwarzen ihre Untreue, die uns herzlich gern behalten hätten und uns die Halbinsel zum Bau schenken wollten, wofern wir begehrten, uns nebenden Holländern bei ihnen niederzulassen. Weil wir auf dieses Anerbieten nicht eingehen konnten, fuhren wir an unser Schiff. Bei Anbruch der Dunkelheit aber brachen wir wieder nach Tres Puntas auf.

Uns war zwar die Gegend bekannt, in der jene drei Häuptlinge hausten, mit denen Kapitän Blonck seinen Vertrag geschlossen hatte, nicht aber ihre Dorfschaften. So ruderten wir denn beim Morgengrauen an Land, stiegen über hohe Berge, arbeiteten uns durch dichtes Buschwerk hindurch und gelangten endlich in eine weite Ebene, wo wir viele fruchtbare Bäume, jedoch nur eingefallene und verlassene Negerhütten fanden. Wir glaubten, unsere Schaluppe würde uns längs der Küste folgen, sie war aber am Landungsplatz liegengeblieben, weswegen wir vor Durst fast verschmachteten. Die Sonne brannte so heiß, daß wir es nicht eine Stunde mehr hätten aushalten können, wenn nicht Kapitän Blonck von ungefähr eine Quelle in den Felsen entdeckt hätte. Daran erlabten wir uns; trotz aller Bemühungen fanden wir im übrigen jedoch nichts als Verwüstungen. Endlich wurden wir eines hohen Berges gewahr, der eine halbe Meile von uns entfernt lag. Weil die andern uns vor Erschöpfung nicht folgen konnten, machte ich mich mit dem Kapitän allein weiter auf den Weg, in der Hoffnung, Schwarze anzutreffen, die uns Nachricht von den Häuptlingen geben könnten. Diese Hoffnung trog aber; wir fanden nichts als ein großes, zerstörtes Negerdorf, das uns wunderliche Gedanken machte. Während wir nun den Berg einer genauen Musterung unterzogen — er schien uns zur Erbauung eines Forts sehr günstig —, kamen gegen zwanzig mit Musketen bewaffnete Neger den Berg hinauf, die uns berichteten, daß alle Bewohner dieser Gegend durch die Neger von Adom vertrieben und erschlagen worden wären, welches Schicksalgewiß auch unsere drei Häuptlinge betroffen hätte. Damit gingen sie ihren und wir unsern Weg.

Als wir wieder zu den Unsrigen gelangt waren, berichteten wir ihnen von unsern Erkundungen und sandten einen Neger zu unsrer Schaluppe, mit dem Entschluß, kommenden Tages die Lage des Berges und die ganze Situation noch genauer zu erforschen. Unterdessen stiegen wir alle, um einigermaßen Kühlung zu haben und uns vor der Grausamkeit der unerträglichen Hitze zu bergen, bis an den Hals ins Wasser und fingen mit bloßen Händen viele Fische, die uns, kaum daß wir sie ans Land trugen, von den Raubvögeln gleichsam unter den Händen weggenommen wurden. Deswegen mußte einer nach dem andern bei den Fischen mit bloßem Degen Schildwache halten. Endlich kam unser Fahrzeug, konnte aber wegen der großen Sturzseen nicht landen, sondern wir mußten ihm bis an die Klippen entgegengehen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit meinen beiden Ingenieuren und Kapitän de Voß an Land, die Situation des Berges genau zu erkunden und ihn zu vermessen. Als das geschehen, sahen wir 1000 Schritt vom Berge einen kleinen Fluß, zu dem wir gingen und in dem wir beim Loten herrliche Austern in großer Menge fanden. Unterdessen sahen wir neun bewaffnete Neger auf uns zukommen, die uns ausführlich berichteten, wie die drei Häuptlinge ums Leben gekommen und die Einwohner vertrieben worden waren.

Weil wir nun den Berg zur Erbauung einer Festung für sehr günstig gelegen erkannt hatten, beriet ich mich mit den beiden Kapitänen und Ingenieuren darüber, und wir beschlossen, ohne fernere Weitläufigkeiten hier Fuß zu fassen. Ich ließ daher die Soldaten zusammentreten, stellte ihnenvor, daß wir willens wären, hier ein Fort zu errichten, und fragte sie, wer von ihnen Lust hätte, hier eine Zeitlang in Garnison zu bleiben. Darauf meldeten sich unter gewissen Bedingungen sämtliche.

Also zogen wir nach einem Salut von fünf Schüssen unter Trommeln und Pfeifen an Land und erfuhren hier, daß zwei Häuptlinge uns auf dem Berge erwarteten. Mit fliegender Fahne marschierten wir bergan, die Häuptlinge kamen uns entgegen, nötigten uns in eine Hütte, hier gab ich ihnen mein Vornehmen kund, und nach wenigen Worten erklärten sie ihr Einverständnis. Noch am selben Tage ließ ich sechs Feldkanonen auf die Spitze des Berges schleppen, was ohne Hilfe der Eingeborenen unmöglich gewesen wäre; denn der Berg war hoch und der Weg schwierig. Ich ließ mir selber ein Zelt aufschlagen und blieb über Nacht am Lande.

Am folgenden Tage, dem 1. Januar 1683, brachte Kapitän de Voß die große Kurfürstlich Brandenburgische Flagge vom Schiff, die ich alsbald unter Trommeln und Pfeifen aufholen, mit allen unter Gewehr stehenden Soldaten begrüßen und an einem hohen Flaggenstock aufziehen ließ, während ich zugleich mit fünf scharf geladenen Feldstücken das Neue Jahr salutierte; jedes der Schiffe antwortete ebenso, und ich dankte wiederum mit drei Schüssen. Und weil Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht Name in aller Welt groß ist, nannte ich den Berg den »Großen Friedrichs-Berg«. Diesen Tag bauten sich unsere Soldaten ihre Baracken, und ich ließ durch die Neger für mich und meine Offiziere auch eine lange Baracke errichten. Inzwischen berief ich die beiden Häuptlinge zu mir ins Zelt, gab ihnen mein Vorhaben nochmals zu verstehen und begehrte, mich ihrer Treue durch einen Eid zu versichern. Sie antworteten, ich brauchtedaran nicht zu zweifeln, sofern ich mit ihnen »Fetisch« trinken würde, daß auch wir es treu mit ihnen meinten, sie nie verlassen und sie gegen ihre Feinde verteidigen wollten. Als ich einwilligte, wurde eine Schale Branntwein gebracht und Schießpulver hineingerührt. Daraus mußte ich die »angenehme« Gesundheit zu trinken anfangen, die beiden Häuptlinge folgten und beschmierten mit dem Reste den umstehenden Schwarzen die Zunge, damit auch sie treu bleiben möchten. Nach Verrichtung dieser herrlichen Zeremonie beschenkte ich die Häuptlinge und ihre Untergebenen reichlich, in der Meinung, ich würde nicht mehr nötig haben, noch weitere Präsente auszuteilen. Allein, die Zeit hat mich nachmals eines andern belehrt. Am selben Tage brachten wir noch zwei Sechspfünder auf den Berg.

Den nächsten Tag ward von den Ingenieuren das Fort abgesteckt. Die Neger schafften Palisaden heran, und meine Soldaten stellten sie auf. Während wir noch an unsrer Arbeit waren, meldete sich bei uns ein Häuptling aus Axim, der eine holländische Flagge bei sich hatte, mit dem Auftrage von dem dortigen Faktoreileiter, diese Flagge auf dem Berge wehen zu lassen, wofern wir noch nicht dort Fuß gefaßt. Er mußte aber, wie er gekommen, wieder abziehen.

Täglich passierten viele Häuptlinge mit ihren Leuten den Berg, weil eine Straße über ihn führte; sie machten fast alle bei uns ihren Besuch und beschenkten uns mit einer Schüssel Reis oder ein paar Hühnern, wofür ich meinerseits Gegengeschenke und vor allem ihnen Branntwein zu trinken geben mußte. Einige zogen weiter, andere blieben bei uns und bauten sich Hütten am Berge zwischen unseren. Zum Kommandanten des Forts ernannte ich Kapitän Blonck, der darauf den »Morian« unter das Kommandovon Kapitän de Voß stellte und auf dem Berge bei uns Quartier bezog. Kurz darauf kam ein englisches Schiff; es war das erste, das unsere Flagge mit Kanonenschüssen begrüßte und bei uns ankerte. Kapitän de Voß ging dann mit dem »Morian« nach Kap St. Apollonia, um dort Handel zu treiben.

Ich kann nicht unterlassen, hier der Freigebigkeit der Schwarzen zu gedenken, wenn ich sie beschenkt oder ihnen etwas versprochen hatte. Sie fuhren alsdann behend zur Erde, ergriffen ein Stückchen Holz, oder was sie sonst erwischen konnten, und steckten es mir zum Zeichen der Dankbarkeit in die Hand. Wenn sie mir nun ein Huhn oder eine Schüssel Reis brachten, wollte ich mich auch ihrer Mode bedienen. Aber das wollten sie nicht gelten lassen: sie waren vielmehr der Ansicht, solcher Brauch sei nur bei den Schwarzen, nicht aber auch bei den Weißen Mode!

Des andern Tages warf ein dänisches Kaperschiff bei unserer Festung Anker und begrüßte sie mit fünf Schüssen. Ich fuhr zu ihm, erquickte meinen Geist mit gutem Zerbster Bier und übernachtete hernach im »Kurprinzen«. Als ich im besten Schlafe lag, berichteten mir meine Leute die Ankunft einer heimlichen Gesandtschaft, die mich sprechen wollte. Weil aber den Schwarzen nicht allzeit zu trauen ist, zumal des Nachts nicht, ich auch den Grund dieses nächtlichen Besuches nicht erraten konnte, gab ich ihnen zunächst keine Audienz. Als sie mir aber keine Ruhe ließen, nahm ich ein paar Pistolen unter den Rock und ließ sie vor. Ich erkannte in ihnen Eingeborene aus Accada, die mich überreden wollten, unsern Berg zu verlassen und bei ihnen ein Fort zu erbauen. Als ich sie wegen ihrer Untreue tadelte, sprach der Gesandte: »Herr, sieh, hier bin ich ein Häuptling, dieser ist mein Bruder, da ist seine Frau und sein Kind;die lasse ich dir als Geiseln. Begehen wir eine Untreue an dir, so tue ihnen, was dir gefällt.« Ich beschied sie auf den andern Tag wieder, da ich erst über ihr Angebot Rat halten mußte. Wir teilten ihnen dann mit, sie müßten sich gedulden, bis wir übers Jahr mit unseren Schiffen wiederkämen; dann ließe sich darüber reden, was in dieser Sache zu tun wäre.

Folgenden Tags brachte ich den Vertrag zu Papier, den ich mit den Häuptlingen geschlossen; es wohnten nunmehr deren vierzehn auf dem Berge, und sie hatten mehrmals darauf gedrungen. Als ich ihnen von der Gesandtschaft aus Accada Mitteilung machte, waren sie noch mißtrauischer und hatten Furcht, wir könnten sie im Stich lassen. Deshalb berief ich sie in mein Zelt, begab mich mit dem Kommandanten Blonck und ihnen zu Tisch, setzte ihnen noch einmal die einzelnen Punkte des Vertrags auf portugiesisch auseinander und verlangte, sie sollten diese Punkte beschwören. Sie forderten zunächst bestimmte Waren, wofür sie uns den Berg und die Umgegend zu Eigentum verkaufen wollten. Dann ließ ich eine Schale mit Branntwein, Wermutextrakt und Violensaft zubereiten, nahm einen Löffel zur Hand und fragte den Ältesten, ob er gewillt sei, Fetisch zu trinken. »Ja, ich trinke,« sagte er, »die Punkte, die man mir vorgelesen hat, zu halten, unter dieser über uns wehenden Flagge zu leben und zu sterben. Breche ich meinen Eid, so lasse mich der große König im Himmel augenblicklich sterben.« Einige der Häuptlinge wollten zwar Fetisch trinken, könnten aber, sagten sie, mit den Ihrigen nicht vor Verlauf von 3, 4–6 Monaten den Berg beziehen, was die andern nicht zugeben wollten. Nachdem sie nun alle den Eid geleistet, nahm der älteste Häuptling die Schale in die Hand und begehrte: Ich sollte nebst dem Kommandanten ihnenallen schwören, sie wider ihre Feinde zu beschirmen und in keiner Not zu verlassen, ihnen Weib und Kind nicht fortzunehmen oder zu verkaufen und sie namentlich gegen die Holländische Kompagnie zu verteidigen. Wir versprachen ihnen, das alles zu halten, ausgenommen, wenn sie den Holländern Anlaß zu einem Eingriff gäben oder etwas entwendeten. Damit steckte mir der Häuptling einen Löffel voll des Tranks in den Hals, daß ich sechs Wochen davon genug hatte. Dann kam der Kommandant an die Reihe, der scherzweise äußerte, wenn er nicht die Frauen und Kinder nehmen solle, so müßten sie ihm ein Weib geben. Sogleich fiel ihm einer der Häuptlinge in die Rede: Wenn wir nach Landesbrauch uns verheiraten wollten, so würden sie uns ihre Töchter geben. Wir nahmen das Anerbieten im Scherz an, beschenkten die Häuptlinge und ließen sie ziehen.

Andern Tags ließ sich der Faktoreileiter von Axim bei mir melden, er habe einen Auftrag auszurichten. Als ich ihn zu mir entbieten ließ, kam er feierlichst mit zwei Fähnlein angezogen. Ich sandte ihm einen der Ingenieure entgegen mit der Bitte, er möchte doch seine Begleitung und die Fahnen unten am Berge lassen; denn der Berg vertrüge nicht mehr als eine Fahne. Er gab dem Ansuchen auch statt. Als meine Soldaten in Reih' und Glied standen und die Trommeln und Pfeifen ertönten, stieg der Herr Gesandte den Berg herauf. Er trug einen scharlachenen Rock mit durchbrochenen, silbernen Knöpfen; auf der Schulter, am Hut und Degen hatte er einen großen Busch von Bändern, wie ihn die alten Klopffechter zu tragen pflegten. Unter dem Rocke zeigte sich ein leberbraunes Kamisol, blautaftene Hosen und an einem fleischfarbenen Gürtel ein langes, grünes Degengehenk. Die Schuhe waren gestickt und dieStrümpfe von weißer Seide. Wären noch mehr Farben bei den Pariser Krämern zu finden gewesen — ich wette, er hätte sie sich auch auf den Leib gehängt. Hinter ihm schritten seine zwei Assistenten fast in gleicher Livree. Darauf folgten acht Schwarze, die auf ausgehöhlten kleinen Elefantenzähnen eine seltsame Musik vollführten, zu der ein Kerl auf einer kleinen Trommel mit einem krummen Haken den Takt schlug.

Der Herr Gesandte stieg den Berg hinauf.

Der Herr Gesandte stieg den Berg hinauf.

Das klang so, als wenn bei uns auf den Dörfern die Hirten zur Christmesse blasen. Nachdem ich den vornehmen Herrn ins Fort genötigt hatte, ließ er sich durch einen Schwarzen entkleiden, damit wir auch die goldenen Knöpfe, die er an Hemd und Hosen trug, zu sehen bekämen. Er erlabte sich dann an einem Trunk Weins und brachte schließlich einen Protest zum Vorschein. Ich fertigte ihn aber kurz ab, indem ich erklärte: »Wir haben dieses Gebiet von den Schwarzen gekauft«; wollten sie dagegen protestieren, so möchten sie das in Berlin tun. Würde er aber mit seiner Kompagnie unser Freund bleiben, so wollten wir ihm von unserer Seite alle Gegenfreundschaft erzeigen. Andernfalls stände ihnen frei, zu tun, was sie nicht lassen könnten. Hierauf ward noch etlichemal getrunken, und dann verabschiedete er sich.

Allmählich begannen meine Leute, einer nach dem andern, krank zu werden. Ich arbeitete so lange mit den Schwarzen, bis auch mich die schwere Landseuche (Malaria) durch ein grausames Fieber niederwarf. Als das Fieber auf einen Tag etwas nachgelassen, kamen unsere Häuptlinge mit ihren Frauen und brachten mir und dem Kommandanten unsere Bräute. Es waren Kinder von 9 Jahren, und sie waren mit allerlei Farben bemalt. Ich mußte mich in meinem Schlafpelze mit dem Kommandanten zu Tische setzen, undunsere Zukünftigen nahmen neben uns Platz. Ein rechtes Hochzeitsmahl wurde zugerichtet, und daß der Wein nicht fehlen durfte, kann man sich wohl denken. Die Männer saßen dabei nach Landesbrauch abseits und tranken treulich auf den Branntwein los. Hernach wurden uns unsere Bräute von den Eltern übergeben und empfohlen. Unterdessen begannen die Frauen mit solchem Geschrei zu tanzen, daß ich gezwungen ward, die angenehme Gesellschaft zu verabschieden und mich wieder zu Bett zu begeben. Weil unsere Bräute kein Portugiesisch verstanden, ließen wir ihnen durch meinen Jungen sagen, sie sollten jetzt nur wieder nach Hause gehen; wenn wir sie nötig hätten, würden wir sie schon holen lassen. Meine Krankheit machte mir viel zu schaffen; mein schwarzer Engel besuchte mich täglich, was freilich meistenteils deswegen geschah, den hungrigen Magen zu füllen und etwas geschenkt zu bekommen.

Diese grimmige Landseuche nahm so überhand, daß von 40 Mann nicht mehr als ihrer 5 Wacht tun konnten. Wir andern lagen alle zu Bette. Ich war oft besinnungslos und raste, der Kommandant, die Ingenieure, der Feldscher und alle Soldaten konnten sich nicht rühren. Täglich starb einer und so schleunig, daß man tagsüber nichts zu tun hatte als Gräber zu machen. Mich selbst hatte man schon zweimal für tot gehalten. Ich war in so elendem Zustande, daß die Häuptlinge alle ihre Mittel versuchten, mir zu helfen. Als ich einmal in tiefer Ohnmacht lag, kam einer mit einem Haufen Riemen, an denen eiserne Nägel hingen; die zählte er über meinem Kopfe hin und her und sprach dazu bestimmte Worte, die meine Leute nicht verstehen konnten. Ein anderer segnete mich mit einem Ei. Ein dritter brachte einen jungen Hund, in den er all meine Krankheit bannte; hinterher ertränkte er das Tier. Unterdessen fraß der Tod die beidenIngenieure, den Sekretär, einen Sergeanten, zwei Matrosen und vier Soldaten.

Die angefangene Arbeit blieb liegen, weil auch unsere zwei Zimmerleute krank waren. Endlich kam der »Morian« zurück. Von dem nahmen wir 15 Matrosen an Land, die nebst einigen noch gesunden Soldaten das Wohnhaus und die Baracken fertigstellten und die Palisadenumzäunung mit Erde ausfüllten.

Kaum war unser Werk getan, da schickte der Häuptling von Axim seinen Sohn und ließ uns warnen, wir möchten gute Wache halten. Denn die Neger von Adom wollten uns binnen zwei Tagen mit drei- bis viertausend Mann überfallen. Mir war bei der Sache nicht wohl zumute. Waren wir doch nur ungefähr fünfzig Mann, die vom Schiffe mitgerechnet, und zweihundert wohlbewaffnete Schwarze.

Am nächsten Tage kamen in aller Frühe unsere Häuptlinge mit der Bitte, wir möchten doch ihr Weib und Kind, Hab und Gut ins Fort nehmen; denn der Feind wäre schon da. Zugleich hörten wir auch etliche tausend Mann unweit im Gebüsch mit ihren Musketen knallen. Wir hatten uns auch fertiggemacht und unsere Kanonen mit Kartätschen geladen. Da nun der Feind, der vielleicht meinte, wir sollten vor Schreck davonlaufen, unter stetem Schießen näher rückte, befahl ich, mit einem Sechspfünder unter sie zu schießen. Die Kugel schlug recht in den größten Haufen ein. Damit hatte der Krieg ein Ende; denn die Mohren können nichts weniger als das grobe Geschütz vertragen. Sie hörten auf zu schießen und flohen in aller Eile. Unsere Schwarzen setzten ihnen noch ein gut Stück Weges nach.

Die Kugel schlug recht in den größten Haufen ein.

Die Kugel schlug recht in den größten Haufen ein.

Als nun der »Krieg« beendet und unsre Festung in Verteidigungszustand versetzt war, stellte ich den Kommandantenals solchen den Soldaten vor, nahm Abschied von meiner Truppe und den Häuptlingen und begab mich, noch schwer krank, auf den »Morian«. Alle Leute zweifelten an meinem Wiederaufkommen, da ich einem Toten ähnlicher sah als einem Lebendigen. Und was das ärgste war: ich kam in ein Schiff, das nichts anderes hatte als verschimmelte Zwiebäcke, dreißig Pfund verdorbenen Stockfischs, verdorbenes Fleisch und faule Erbsen. Davon konnte ein Kranker nicht genesen. Dieser Proviant benahm mir selbst und allen meinen kranken Leuten die Hoffnung. Aber Gott verläßt die Seinen nicht. Nachdem wir voneinander Abschied genommen, beabsichtigten wir, über den Äquator zu schiffen. Zu der Kranken Glück trieb aber ein ungünstiger Wind uns längsder Küste nach der Insel St. Thomas, wo wir uns mit Schweinen, Hühnern, Zuckerrohr, Kokosnüssen und andern Erfrischungen reichlich versehen konnten, die uns auch unsre Gesundheit wiederherstellten.

Bald nach Antritt seiner Regierung faßte GeorgIII.von England den Entschluß, Schiffe auf Entdeckung unbekannter Länder auszusenden, um dadurch die Ausbreitung des englischen Handels zu befördern. Wir, die wir im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität leben, können uns kaum vorstellen, welche Schwierigkeiten sich der Ausführung solches Planes damals entgegenstellten. Ein Segelschiff ist einzig und allein auf den Wind als die Quelle eigener Fortbewegung angewiesen. Widrige Winde werfen es aus seinem Kurs, halten es im Hafen fest oder fern von ihm, lassen es zum Spielball gefährlicher Strömungen und der Brandung werden. Monate-, ja, jahrelang war der Seefahrer oft von aller Kultur wie abgeschnitten: die unsichern politischen Verhältnisse und Völkerrechtsanschauungen mußten ihn so in jedem Schiff anderer Nationen einen zu fürchtenden Feind sehen lassen; Kaperschiffen aller seefahrenden Völker waren die Meere erwünschte Jagdgebiete. Zur Unkenntnis der Erdkunde, die sie ja durch ihre Fahrten erst erhellen sollten, gesellten sich für die kühnen Seefahrer die Schwierigkeiten der Verpflegung: der Skorbut, jene bei ausschließlichem Genuß von gepökeltem Fleisch und Konserven und dem Mangel frischer Pflanzennahrung auftretende Blutkrankheit, raffte sie zu Hunderten dahin. Auf Cooks (spr. kuhks) zweiter Reise um die Welt (1772), auf der die beiden berühmten deutschen Naturforscher und Philosophen Johann Reinhold und Georg Forster (Vater und Sohn) seine Begleiter waren, nahm man deshalb — das mag hier der Kuriosität halber erwähnt sein — sechzig große Faß Sauerkraut und die kurz vorher in England erfundenen, aus frischem Rindfleisch, Knochen und Abfall verfertigten »Bouillonkuchen«, wir würden heut sagen: Bouillonwürfel, mit gutem Erfolge mit.

Der erste der Entdecker, deren Berichte hier nach dem Werke von John Hawkesworth (spr. hohksuöß) mitgeteilt sind, Kapitän Samuel Wallis (spr. uohls), trat seine Weltumseglung am 22. Juli 1766 von Plymouth (spr. plimmes) aus auf dem »Dolphin«(d. h. »Delphin«) an, einem »Kriegsschiff sechsten Ranges«, das 24 Kanonen führte, und dessen Bemannung aus 3 Offizieren, 37 Unteroffizieren und 150 Mann bestand. Ihn begleitete anfänglich Kapitän Philipp Carteret (spr. kahtert) auf der Schaluppe »Swallow« (spr. suollo, d. h. »Schwalbe«), der aber von der Magalhaensstraße (spr. machaljahngs) an ein besonderes Ziel verfolgte. Nachdem Wallis zunächst Patagonien einen Besuch abgestattet hatte, wandte er sich mit nordwestlichem Kurs der Südsee zu und entdeckte neben einigen kleineren Inseln der Paumótugruppe am 18. Juni 1767 Tahiti oder Otaheite, das er »Königs GeorgIII.-Insel« nannte. Die Entdeckung schildert unser Bericht, dem wir nur noch hinzufügen wollen, daß die Insel bereits im Jahre 1605 von dem spanischen Seefahrer Pedro Fernandez de Quiros gesehen worden war. Auf seiner weiteren Fahrt fand Wallis noch einige kleine Inseln südlich der Samóa- und in der Gilbert- und Marshall-(spr. mahschell-)Gruppe auf. Seine Reise endete auf den Marianeninseln, von wo aus er über Batavia und das Kap der Guten Hoffnung am 13. August 1768 England wieder wohlbehalten erreichte.

Unser zweiter Bericht erzählt von einem Besuche des Kapitäns Cook auf Tahiti. Der Anstoß zu dieser Reise ging von der »Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften« zu London aus, die im Februar 1768 dem Könige den Wunsch aussprechen ließ, zur Beobachtung des für das Jahr 1769 zu erwartenden »Venusdurchgangs«, d. h. des Vorüberziehens des kleinen Planeten Venus vor der Sonnenscheibe, eine Expedition in die Südsee zu entsenden, um auf einer günstig gelegenen Insel dort das wichtige astronomische Ereignis beobachten zu können. Der König willfahrte dem Wunsche der gelehrten Gesellschaft, und die Admiralität stellte die Bark »Endeavour« (spr. endiwe, d. h. »Streben«) zur Verfügung, ein Schiff von dreihundertundsiebzig Tonnen, das ursprünglich für den Kohlenhandel bestimmt und ein ausgezeichneter Segler war. Das Kommando darüber wurde dem damaligen Leutnant in der Königlichen Marine James (spr. djehms) Cook übertragen. Dieser nachmals berühmteste aller englischen Entdecker war damals schon vierzig Jahre alt.

Als Sohn eines Landarbeiters am 27. Oktober 1728 in dem Dörfchen Marton (Grafschaft York, Nordengland) geboren, hatteCook nur den einfachsten Schulunterricht genossen und war dann mit 13 Jahren zu einem Hutmacher und Krämer in die Lehre gekommen. Dieser selbstgewählte Beruf gefiel ihm aber nicht: schon nach einem Jahre entlief er seinem Lehrherrn und wurde Schiffsjunge auf einem Kohlenschiffe. Als solcher machte er Reisen nach Petersburg und Norwegen mit und wußte sich dabei das Geld für den Unterricht in der höheren Nautik (Schiffahrtskunde) zu ersparen und zum Untersteuermann aufzurücken. Den im Jahre 1755 zwischen England und Frankreich ausbrechenden Krieg um die nordamerikanischen Kolonien machte er als Vollmatrose auf einem Kriegsschiffe mit und kehrte erst 1759 wieder nach England zurück. Durch Fürsprache seines bisherigen Kapitäns erhielt er nunmehr die Stellung eines »Master« (spr. mahste, d. h. Lotsen) auf der »Mercury« (spr. mökjuri, d. h. »Quecksilber«). Jetzt hatte er, zitiere ich Hennigs Darstellung, Gelegenheit, seine glänzenden Fähigkeiten, seine große Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit in der Aufnahme von Seekarten zu beweisen, die seine späteren Entdeckungen zugleich zu einem wertvollen Erwerb der geographischen Wissenschaften machen sollten. Die Zuverlässigkeit seiner Aufnahmen im St. Lawrence- (spr. lorenz-) Strom und -Golf, die den Flottenangriff auf die Stadt Quebec (spr. kwibek) vorbereiten halfen, ist um so bemerkenswerter, als die Arbeit angesichts des Feindes, teilweise bei Nacht, ausgeführt werden mußte, und rechtfertigte das Vertrauen, das sich in seiner Versetzung an Bord des Admiralschiffes aussprach. Hier trieb er — im strengen Winter der nordamerikanischen Küste — die für seinen Beruf so notwendigen mathematischen und astronomischen Studien. Nach der Eroberung von Neufundland (1762) kehrte er für ein paar Monate in die Heimat zurück und vermählte sich hier mit Elisabeth Battes, einer Kaufmannstochter. Er wurde bald wieder nach Neufundland zurückberufen, und im vierjährigen Vermessungsdienste hier erweiterte und festigte er seine nautischen und astronomischen Kenntnisse. Seine Arbeiten trugen ihm die Beförderung zum Leutnant und die Berufung zur Führung der wissenschaftlichen Expedition zur Beobachtung des Venusdurchganges ein.

Auf der mit 10 Kanonen und 12 Drehbassen für die Fahrt ausgerüsteten »Endeavour« befanden sich außer der 84 Mann starken Besatzung der Astronom Green (spr. grihn), der gemeinsammit Cook die Beobachtung machen sollte, der junge Gelehrte Josef Banks, ein wohlhabender Mann, der aus Liebe zu den Naturwissenschaften die gefahrvolle Reise mitmachte und als seinen Assistenten den schwedischen BotanikerDr.Solander, einen Schüler Linnés, bei sich hatte. Diesen beiden Forschern verdankt, nebenbei bemerkt, die Naturwissenschaft die Kenntnis einer großen Anzahl von Pflanzen und Tieren, die auf den von Cook entdeckten Inseln gefunden wurden. Dem hier mitgeteilten Hawkesworthschen Berichte liegen so neben Cooks eigenen Aufzeichnungen auch die Tagebücher von Banks zugrunde.

Am 26. August 1768 lichtete die »Endeavour« in Plymouth die Anker und steuerte über Madera und Rio de Janeiro (spr. riu de janehru) zunächst nach Feuerland, wo interessante Beobachtungen an den Eingeborenen, der Tier- und Pflanzenwelt gemacht wurden. Über Kap Horn ging es dann nach dem im Jahr zuvor entdeckten Tahiti, um hier den Venusdurchgang zu beobachten. Das Leben auf Tahiti schildert nach dem Bericht von Cook und Banks unser »Südsee-Idyll«; Cook hatte Befehl, nach Erledigung des astronomischen Auftrags weitere Entdeckungen in der Südsee anzustellen. So wandte er sich denn nach genauer Vermessung und Umschiffung Tahitis und Auffindung der übrigen Gesellschaftsinseln südwestlich, um das Südmeer nach dem schon im Altertum vermuteten großen »Südkontinent« abzusuchen. Am 13. August 1769 entdeckte er eine der Inseln der Tubuai-Gruppe und richtete seinen Kurs dann auf Neuseeland. Durch Umsegeln, wobei er im Januar 1770 die nach ihm benannte Cookstraße entdeckte, stellte er fest, daß Neuseeland aus zwei Inseln besteht. Er richtete hierauf seinen Kurs westlich nach der Ostküste Australiens und landete am 28. April in der von ihm nach den zahlreichen hier gefundenen Gewächsen benannten »Botany-Bai« (spr. bŏteni, d. h. Botanik). Der Küste entlang nach Norden ziehend, am großen Barrierriff beinahe scheiternd, fand er am 21. August die Torresstraße wieder auf, jene Durchfahrt zwischen Australien und Neuguinea, die von dem kühnen Steuermann des schon erwähnten Spaniers de Quiros, Luis Vaez de Torres, im Jahre 1605 den Namen empfangen hatte, der wissenschaftlichen Welt und den Seefahrern des 18. Jahrhunderts aber nicht mehr bekannt war. Von Neuguinea aus segelte die »Endeavour« nach Batavia und über das Kap der GutenHoffnung nach England zurück, wo er am 12. Juli 1771 vor Dover Anker warf. »Unser Tauwerk und die Segel«, schrieb Cook schon Mitte Juni in sein Tagebuch, »waren jetzt so schlecht, daß täglich das eine oder das andere in Stücke ging.«

Die außerordentlichen Erfolge Kapitän Cooks brachten es mit sich, daß er bald von neuem mit einer Weltumseglung beauftragt wurde. Die Aufgabe, die man ihm nunmehr stellte, galt der Erforschung des sagenhaften, sich angeblich bis zum 30. Grad südlicher Breite erstreckenden »Südkontinents«. Trotzdem Cook auf der ersten Reise, bis zum 40. Grad südlicher Breite vorstoßend, nirgends ein Festland gefunden hatte, glaubte man in den Kreisen der Geographen doch nach wie vor (s. a. u.), es müsse wie im Norden der Erdhalbkugel auch in ihrem Süden ein großes Festland vorhanden sein — »zur Erhaltung des notwendigen Gleichgewichts,« wie Georg Forster in seiner Würdigung der Verdienste Cooks launig spottet, »um, ich weiß nicht welch ein Überschlagen unsres Planeten zu verhüten«. Cooks Instruktion lautet demnach, die Sommermonate der südlichen Halbkugel (d. h. also unsre Wintermonate) zu Entdeckungen in der Richtung auf den Südpol anzuwenden, die stürmischen, trüben Wintermonate aber zu genauerer Erforschung der kürzlich entdeckten Südseegebiete zu benutzen. Fände er keinen Südkontinent, so sollte er, so nahe dem Südpol als nur möglich, ostwärts fahren, bis er die Erdkugel umsegelt hätte.

Wieder wählte Cook wie bei seiner ersten Reise aus Gründen der Zweckmäßigkeit gut segelnde und geringen Tiefgang habende, dabei verhältnismäßig sehr geräumige Kohlenschiffe für die Fahrt. Das größere, 462 Tonnen haltende und mit 16 Kanonen bestückte Schiff, die »Resolution« (spr. resolljŭhschn, d. h. »Entschluß«) führte er selber. Er hatte 112 Mann Besatzung, und an Bord befanden sich die schon erwähnten beiden deutschen Naturforscher Reinhold und Georg Forster, der Astronom Wales (spr. uéhls) und der Landschaftsmaler Hodges (spr. hŏdjs). Am Kap der Guten Hoffnung kam noch der schwedische Naturforscher Andreas Sparrmann dazu. Das kleinere Begleitschiff, die »Adventure« (spr. edwĕntsche, d. h. »Abenteuer«), stand unter dem Befehl des Kapitäns Fourneaux (spr. furnoh).

Am 13. Juli 1772 verließen die beiden Schiffe Plymouth und segelten über das Kap der Guten Hoffnung hinaus in die südlichenPolargegenden. Hier trennte ein Sturm die Schiffe, die sich der Verabredung gemäß erst in Neuseeland wieder vereinigten. Die folgenden Südsommer immer wieder mit neuen Vorstößen ins Südliche Eismeer zubringend, entdeckte Cook nach der Rückkehr in die Südsee am 23. September 1773 die Cook- oder Hervey-Inseln (spr. hérweh); am 1. Oktober fand er die von dem Holländer Abel Tasman 1643 entdeckten Tonga-Inseln, am 11. März 1774 die Osterinsel und am 8. April die Marquesasgruppe (spr. markēsas) wieder auf. Im Juli und August des Jahres stieß er auf die von de Quiros und kurz vorher von dem Franzosen Bougainville (spr. bŭgängwil) schon gesehenen Neuen Hebriden, und am 4. September entdeckte er Neukaledonien. Die Rückkehr führte über Feuerland und das Kap der Guten Hoffnung, und am 30. Juli 1775 ließ die »Resolution« auf der Reede von Spithead (spr. spítthed) die Anker fallen. Die »Adventure«, die die Verbindung mit dem Hauptschiff bei der zweiten Ankunft auf Neuseeland endgültig verloren hatte, war schon ein Jahr früher heimgekehrt.

Das Ergebnis dieser zweiten Reise, die zugleich die erste Weltumseglung von Westen nach Osten darstellt, hat Cook beim Verlassen des Polargebiets in seinem Tagebuch folgendermaßen zusammengefaßt: »Ich habe jetzt die Umseglung des Südlichen Meeres in hoher Breite ausgeführt (er war bis über den 70. Breitengrad hinausgedrungen) und essodurchquert, daß keinerlei Raum mehr für das Vorhandensein eines Festlands bleibt — abgesehen von der Nähe des Pols außerhalb des Schiffahrtsbereiches. Indem ich das Tropenmeer (Südsee) zweimal besuchte, habe ich nicht nur die Lage einiger früherer Entdeckungen festgelegt, sondern auch manche neue gemacht und, wie ich glaube, in diesem Gebiet wenig mehr zu tun übriggelassen. So schmeichle ich mir denn, daß der Zweck der Reise in jeder Hinsicht vollständig erfüllt, die Südhalbkugel genügend erforscht und der Suche nach einem südlichen Kontinent, der so lange die Aufmerksamkeit der Seemächte auf sich gezogen und eine Lieblingstheorie der Geographen aller Zeiten gebildet hat, endgültig ein Ziel gesetzt ist«[1].

Diese zweite Entdeckungsfahrt gab Cooks Namen europäische Berühmtheit. Der König ernannte ihn zum Postkapitän und verlieh ihm dazu eine mit einem Ehrensolde verbundene Stelle. Die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften wählte ihn zu ihrem Mitgliede und schmückte ihn mit der goldenen Medaille. Aber mehr als alles andere zeigen uns den Weltruhm Cooks zwei Schriftstücke, die freilich erst nach seinem unerwarteten und damals auch in Europa noch unbekannten Tode veröffentlicht wurden. Zwischen England, Amerika und Frankreich war 1775 der Krieg um die Unabhängigkeit der ehemals englischen Kolonien Nordamerikas entbrannt: am 4. Juli 1776 hatten die dreizehn vereinigten Staaten unter Leitung Washingtons (spr. uŏschingtn) und Franklins (spr. fränklin) ihre Unabhängigkeit erklärt. Cook, der, wie wir gleich erfahren werden, 1776 seine dritte Entdeckungsreise angetreten hatte, war dem Kriegsbrauche nach also als Feind Frankreichs und Amerikas zu betrachten. Deshalb erließ der französische Marineminister, als Cooks Rückkehr nach Europa zu erwarten stand, auf Anregung des großen Staatsmannes Turgot (spr. türgo) im März 1779 folgenden Befehl an alle französischen Schiffskommandanten: »Da Kapitän Cook, der an Bord der >Resolution< im Juli 1776 Plymouth verließ, um an den Küsten, auf den Inseln und in den Meeren von Japan und Kalifornien Entdeckungen zu machen, im Begriff ist, nach Europa zurückzukehren und solche Entdeckungen von allgemeinem Nutzen für alle Nationen sind, so ist es des Königs Wille, daß Kapitän Cook wie der Befehlshaber einer neutralen und verbündeten Macht behandelt werden soll, und daß alle Kapitäne, die diesem berühmten Seefahrer begegnen, ihm die diesbezüglichen Befehle des Königs vorzeigen.« Gleichzeitig sandte Benjamin Franklin, damals Gesandter der Vereinigten Staaten zu Paris, ein ähnlich lautendes Schreiben an alle Schiffskommandanten der amerikanischen Flotte, mit der Aufforderung, »den so berühmten Seefahrer und Entdecker mit aller möglichen Höflichkeit und Güte zu behandeln und ihm als gemeinsamem Freunde der Menschheit allen Beistand zu leisten, dessen er etwa benötige«.

Das Ziel der dritten Entdeckungsreise Cooks war die Auffindung eines für den Handel so wichtigen kürzeren Weges nach Japan, China und Indien: die Aufsuchung einer nördlichen Durchfahrtaus dem Atlantischen in den Stillen Ozean. Man wußte es Cook nahezulegen, sich mit diesem Plane, auf dessen Ausführung eine Prämie von 20000 Pfund Sterling gesetzt war, eingehend zu befassen, und er war nicht der Mann danach, vor den großen, unleugbaren Gefahren dieses Planes — er sollte sich auch dem Nordpol soweit als möglich nähern — zurückzuschrecken[2]. So ging er denn noch vor Ablauf eines Jahres, nämlich am 12. Juli 1776, von neuem mit der »Resolution«, die für die neue Bestimmung besonders sorgfältig ausgerüstet war, unter Segel. Als Begleitschiff wurde ihm diesmal die »Discovery« (spr. diskăweri, d. h. »Entdeckung«) unter dem Befehl des Kapitäns Clerke (spr. klák) mitgegeben, die nach ähnlichen Prinzipien gebaut und ausgerüstet war.

An Bord hatte die »Resolution« einen interessanten Gast. Kapitän Fourneaux hatte nämlich bei seiner Heimfahrt einen jungen Eingeborenen von Uliĕtēa (Gesellschaftsinseln) namens Omai an Bord genommen und nach England gebracht. Der junge, liebenswürdige Südsee-Insulaner hatte in der Londoner Gesellschaft begeisterte Aufnahme gefunden, war überreich mit allen erdenklichen Dingen beschenkt worden und sollte nun zu seinen braunen Landsleuten zurückkehren, um ihnen »die erhabensten Begriffe von der Macht und Großmut der britischen Nation beizubringen«. Omai vergoß zwar bittere Tränen beim Abschied von seinen englischen Freunden, verriet aber doch ebenso unzweifelhaft seine helle Freude, wieder nach Ulietea zurückkehren zu dürfen. Man hatte den Schiffen ferner als nützliches Geschenk für die Südsee-Insulaner verschiedene Haustiere wie Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Getreide- und Gartenpflanzensamen mitgegeben, wie denn Cook schon auf seiner vorherigen Reise mehrfach die Eingeborenen durch solche Gaben zur Viehzucht und zum Getreidebau (allerdings mit geringem Glück) zu veranlassen versucht hatte. Hohe Menschlichkeit und tiefes Verständnis für die Eigenarten fremder Völker ist ja überhaupt einer der schönsten Züge imCharakterbilde dieses bedeutendsten aller englischen Entdecker, ein Charakterzug, der hell aufleuchtet auch aus der hier mitgeteilten Schilderung des Kapitäns James King von der Ermordung Cooks.

Über das Kap der Guten Hoffnung und die kurz zuvor von dem französischen Seefahrer Kerguelen (spr. kĕrgeläng) entdeckten gleichnamigen Inseln ging die Reise nach Tasmanien und Neuseeland; ein paar Inseln im Cook-Archipēl (griech. = Inselmeer) und am 24. Dezember 1777 die nördlich des Äquators gelegenen Weihnachtsinseln wurden bei weiteren Fahrten aufgefunden. Dazu kam als wichtigste Entdeckung am 18. Januar 1778 die der Sandwich (spr. ßänduitsch) oder Hawáii-Inseln. Cook wählte diese Gruppe als Stützpunkt für die nunmehr beginnende Suche nach der nördlichen Durchfahrt. Etwa unter dem 45. Breitengrad traf er zuerst auf die nordwestamerikanische Küste und gelangte dann unter heftigen Stürmen und mancherlei Gefahren nach Alaska und zu den Alëūten. Durch das Beringmeer nordwärts vorstoßend und schon am Eingang der Beringstraße zwang ihn eine unüberwindliche, nach dem Süden treibende Eismauer zur Umkehr. Um die erzwungene Muße nicht ungenutzt zu lassen, kehrte er nach Hawaii zurück, und hier fand er am 14. Februar 1779 den gewaltsamen Tod, wie unser Bericht schildert.

Die Eingeborenen hatten in Cook anfänglich eine Gottheit, den wiederkehrenden Geist eines verstorbenen großen Häuptlings, gesehen, wofür ja auch seine weiße »Leichen«farbe[3]zu sprechen schien. Mancherlei Vorfälle trugen dazu bei, diesen göttlichen Nimbus zu zerstören: die Häuptlinge, die ihren Einfluß sinken fühlten, schürten eine Gegenbewegung. Mißverständnisse, aus der Unkenntnis der Sitten und der religiösen Anschauungen der Eingeborenen beruhend, ließen die Flamme der Empörung immer heller auflodern, und so kam es zu dem beklagenswerten Ende des großen Entdeckers. Ein Obelisk bezeichnet heute die Stelle, wo er den Tod fand.

Nach seinem Tode versuchte Kapitän Clerke, der das Kommando auf der »Resolution« übernommen hatte, noch einmal einen Vorstoß zur Entdeckung der nördlichen Durchfahrt. Er war vom Glück wenig begünstigt und starb auf der Rückfahrt nach Kamtschatka. Kapitän King, der ursprünglich als Navigationsoffizier und ausgezeichneterAstronom an Bord der »Resolution« gewesen war, und Kapitän Gore führten dann die Schiffe über China und das Kap der Guten Hoffnung in die Heimat zurück, wo sie erst am 22. August 1780, nach einer Abwesenheit von mehr als vier Jahren also, eintrafen.

Mußte nun auch damit der Versuch der Auffindung eines neuen Handelsweges nach Ostasien und Indien als gescheitert betrachtet werden, so hatte die letzte Entdeckungsreise Cooks doch andrerseits die Aufmerksamkeit der englischen Kaufleute auf die nordwestamerikanische Küste als auf ein besonders aussichtsreiches Pelzhandelsgebiet hingelenkt. Von den Versuchen, sich diesen bedeutenden, freilich, wie sich herausstellte, von den Russen schon vorher besetzten Markt zu erschließen, erzählt der hier mitgeteilte Bericht des Kapitäns Meares (spr. mihrs) von seiner Unglücksfahrt dorthin.

In eine andre Zeit und ein andres Erdgebiet versetzt uns die Schilderung, die der famose kurbrandenburgische MajorOtto Friedrich v. d. Groebenvon seiner Reise nach der Küste Westafrikas im Jahre 1682 hinterlassen hat. Im Auftrage Friedrich Wilhelms des Großen Kurfürsten sollte er dort eine Kolonie gründen, d. h. eine Festung erbauen, und wie er diesen Auftrag ausführte, was er an den Küsten Guineas erlebte, das hat er in seiner »Guineischen Reisebeschreibung« mit köstlichem Humor und guter Beobachtungsgabe aufgezeichnet.

Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugendjahre fern von der Heimat, am Hofe Friedrich Heinrichs von Oranien, seines Verwandten, des großen Kriegsmannes und Statthalters der Niederlande, verlebt. Die Eindrücke, die er hier in Holland von dem Reichtum und der Macht empfing, den Seehandel und der Besitz blühender Kolonien einem Volke zu verleihen vermögen, sind auf ihn sein ganzes Leben hindurch wirksam geblieben. »Seefahrt und Handlung sind die vornehmsten Säulen eines Staats«, wurde schon früh sein volkswirtschaftlicher Leitsatz. Als Friedrich Wilhelm 1640 zur Regierung kam, fegte über Deutschland noch der Dreißigjährige Krieg dahin. Kämpfe gegen die Polen, mit den Schweden und Franzosen ließen den Kurfürsten erst rund 40 Jahre später zur Ausführung seiner Kolonialpläne kommen. Der holländische Reeder Benjamin Raule war es, der, in brandenburgischeDienste getreten, Friedrich Wilhelm vorschlug, Handelsfahrten nach Afrika zu unternehmen. Im Herbst 1680 stachen das »Wappen von Brandenburg«, eine Fregatte von 22 Kanonen, und der »Morian«, eine solche von 18 Kanonen, in See nach Westafrika. Die größere Fregatte wurde trotz des Friedens von den Holländern an der Guineaküste genommen, dem »Morian« aber gelang es unter Führung des Kapitäns Philipp Pietersen Blonck an der Goldküste, in der Nähe des Dreispitzenkaps, mit drei unabhängigen Negerhäuptlingen am 16. Mai 1681 einen vorläufigen Handelsvertrag abzuschließen und einen zur Anlage einer Festung geeigneten Ort zu erwerben. Die Negerhäuptlinge erhielten, nebenbei bemerkt, dafür: »2 Stück indischen Stoffs, 1 Rapier, 1 Hut, 2 zinnerne Schüsseln, 2 Faden (= 4m) türkischen Stoff, 1 Kleidchen« und endlich die brandenburgische Flagge, »womit sie erweisen könnten, daß sie S. Kurfürstliche Durchlaucht für ihren Herrn angenommen haben«. Um diesen Vertrag nutzbar zu machen, wurde auf Raules Betreiben im März 1682 die »Afrikanische Kompagnie« begründet, gewissermaßen eine »Gesellschaft mit beschränkter Haftung«, deren Grundkapital ganze 50 000 Taler betrug, und im Juli eine militärische Expedition unter Führung des Majors v. d. Groeben nach Westafrika entsandt.

Der Kurfürst hätte keine glücklichere Wahl treffen können: Groeben war ein an Kriegserfahrungen reicher, für seine Zeit hochgebildeter Offizier, dazu ein weitgereister Mann, der sich schon manchen Wind um die Nase hatte wehen lassen. Noch nicht 17 Jahre alt, unternahm er in Gemeinschaft mit einem polnischen Obersten eine achtjährige Reise, die durch Italien zunächst nach Malta führte. Von hier aus ließ er sich als Freiwilliger auf einem gegen die Türken kreuzenden Kaperschiff anwerben. Aus dem Beuteerlös — er war übrigens gleich im ersten Treffen verwundet worden — bestritt er die Kosten einer Reise durch Palästina. Auf der Rückkehr nach Deutschland ward sein Schiff von den Türken genommen; er entkam mit knapper Not, gelangte nach Tripolis und schloß sich einer Karawane nach Ägypten an. Auch die Rückreise von Ägypten aus war reich an Gefahren und Kriegsabenteuern: wiederum wurde Groeben bei einem Kampfe mit Seeräubern verwundet. Wir finden ihn hernach für kurze Zeit in spanischen Diensten, und mit den Spaniern durchzog er ganz Italien. AufAnweisung seiner Eltern besuchte er dann zu weiterer Ausbildung Frankreich, England und Holland. Den endlich in die Heimat Zurückgekehrten zog der Große Kurfürst an seinen Hof, und dem erst Fünfundzwanzigjährigen vertraute er die Leitung der Expedition nach Guinea an.

Schildern wir noch in Kürze schließlich den Fortgang der brandenburgischen Kolonisation. Zum Fort »Groß-Friedrichsburg« gesellten sich 1684 das benachbarte Fort »Dorothea« und etwas später die Forts »Taccarary« und »Sophie Luise«, alle in derselben Gegend gelegen. Die fortgesetzten Feindseligkeiten der Holländer taten dem brandenburgischen Unternehmen aber bald viel Abbruch. Sie kaperten die Schiffe und überfielen, allerdings erfolglos, 1687 die Forts. Die »Afrikanische Handelskompanie« hielt sich noch ohne rechte Lebenskraft bis zum Regierungsantritt Friedrich WilhelmsI., der das ganze Unternehmen für 6000 Dukaten an die Holländer verkaufte. — Als im Jahre 1884 die deutsche Korvette »Sophie« in der Gegend des einstigen Forts »Groß-Friedrichsburg« landete, zeigten die Eingeborenen den Offizieren die Trümmerstätte. Aus dem Schutte grub man die alten Brandenburgischen Geschützrohre hervor. Sie werden heute in der Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses aufbewahrt, die letzte Erinnerung an die erste deutsche Kolonie in Afrika.

Dr.Adolf Heilborn.


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