Das Kriegswesen

Bündnisse, wie sie die übrigen Völker so oft untereinander abschließen, brechen und wieder erneuern, gehen die Utopier mit keinem Volke ein. Wozu denn ein Bündnis? sagen sie. Genügen nicht die natürlichen Bande der Menschen untereinander? Wer diese nicht achtet, sollte der sich etwa durch Worte gebunden fühlen? Zu dieser Ansicht kommen die Utopier wohl besonders dadurch, daß in jenen Ländern Bündnisse und Verträge der Fürsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten werden. Und in der Tat ist in Europa, und zwar vor allem in den Teilen, wo christlicher Glaube und christliche Religion herrschen, die Majestät der Verträge überall heilig und unverletzlich, teils infolge der Gerechtigkeit und Redlichkeit der Fürsten selbst, teils infolge der Ehrerbietung und Scheu der Geistlichkeit gegenüber, die selber keine Verpflichtung auf sich nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, die aber auch sämtlichen übrigen Fürsten befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu erfüllen, dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht fürwahr meinen sie, es müßte höchst schimpflich erscheinen, wenn die Bündnisse jener Männer Treu und Glauben vermissen ließen, die in besonderem Sinne »Gläubige« heißen. In jener neuen Welt dagegen, die von der unsrigen fast weniger noch durch den Äquator als durch Lebensweise und Sitten geschieden ist, kann man sich auf Verträge überhaupt nichtverlassen. Je zahlreicher und feierlicher die Formalitäten sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet ist, um so schneller wird er gebrochen, weil es keine Mühe macht, seinen Wortlaut zu verdrehen. Die Leute dort setzen nämlich einen Vertrag bisweilen ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch niemals auf Grund so fester Bindungen zu fassen, daß sie nicht durch irgendeine Masche entschlüpfen und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott und Hohn treiben könnten. Wenn sie solch eine hinterlistige Gesinnung, ja solch einen Lug und Trug in einem Vertrag von Privatleuten fänden, so würden sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, das sei ein Verbrechen, das den Galgen verdiene, und natürlich gerade die Leute, die sich rühmen, ihren Fürsten selber dazu geraten zu haben. Die Folge davon ist, daß entweder die gesamte Gerechtigkeit nur als eine niedrige Tugend des gemeinen Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des Königs duckt, oder daß es zum mindesten zwei Arten von Gerechtigkeit gibt. Die eine kommt dem gemeinen Manne zu, geht zu Fuß, kriecht am Boden und ist ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um nirgends eine Umzäunung überspringen zu können. Die andere ist die Tugend der Fürsten, erhabener als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand auch freier, die sich alles erlauben darf, was ihr gefällt.

Diese Treulosigkeit der Fürsten in jenen Ländern, die ihre Verträge so schlecht halten, ist meiner Meinung nach auch der Grund, daß die Utopier grundsätzlich keine abschließen; möglicherweise aber würden sie ihre Ansicht ändern, wenn sie hier lebten.Freilich erscheint es ihnen überhaupt als ein unheilvoller Brauch, ein Bündnis einzugehen, mag es auch noch so gewissenhaft gehalten werden. Denn es veranlaßt die Völker zu der Annahme, daß sie zu gegenseitiger Feindschaft im öffentlichen wie im privaten Leben geschaffen seien und daß sie mit Fug und Recht gegeneinander wüten, falls nicht Bündnisse dem im Wege stehen, gerade als ob keinerlei natürliche Gemeinschaft zwei Völker miteinander verbände, die nur ein winziger Zwischenraum, sei es ein Hügel oder ein Bach, trennt. Ja, selbst wenn Verträge abgeschlossen sind, so erwächst daraus nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; es bleibt vielmehr immer noch die Möglichkeit, den anderen zu übervorteilen, soweit man es aus Unbedachtsamkeit bei der Festsetzung des Wortlauts unterlassen hat, mit genügender Vorsicht eine Bestimmung mit aufzunehmen, die jene Möglichkeit ausschließt. Die Utopier aber sind im Gegenteil der Meinung, man dürfe niemanden als Feind betrachten, der einem kein Unrecht getan hat. In ihren Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie ein Bündnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges Wohlwollen stärker und fester aneinander als durch Verträge, durch die Gesinnung stärker und fester als durch Worte.

Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so dauerndab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Völker zuwider halten die Utopier nichts für so unrühmlich wie den Ruhm, den man im Kriege gewinnt. Mögen sie sich nun auch beständig an dafür festgesetzten Tagen in der Kriegskunst üben, und zwar nicht bloß die Männer, sondern auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstüchtig zu sein, so beginnen sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, vergelten und rächen können. Jedoch greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn das, worum der Streit geht, zwar zurückgefordert, aber noch nicht zurückgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen wird. Dazu entschließen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und zwar mit noch weit größerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung gefallen lassen müssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam esauch zu dem Kriege, den die Utopier kurz vor unserer Zeit für die Nephelogeten gegen die Alaopoliten führten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkräften und dem Haß beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der Nachbarvölker gesellten und der dadurch so blutig wurde, daß die blühendsten Völker zum Teil stark erschüttert, zum Teil schwer heimgesucht wurden und immer ein Übel aus dem anderen entstand. Das Unglück endete schließlich mit der Versklavung und Unterwerfung der Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen – die Utopier kämpften nämlich nicht für ihre eigenen Interessen –, die Nephelogeten aber waren in der Blütezeit der Alaopoliten keineswegs mit diesen zu vergleichen gewesen.

Mit solchem Nachdruck rächen die Utopier ein ihren Freunden zugefügtes Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie nämlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbuße an Geld und Gut dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, daß mit dem Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, daß sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbürger nicht etwaweniger am Herzen als die ihrer Genossen; über deren Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbuße schwer zu leiden haben, da diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbürgern dagegen nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, überdies nur von daheim reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne überflüssigem Gut – sonst könnte man es ja nicht ins Ausland ausführen –, so daß der einzelne den Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier auch eine zu große Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu rächen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch am Lebensbedarf deutlich zu spüren bekommt. Wird jedoch einer ihrer Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mißhandelt oder gar getötet, so lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von einer sofortigen Kriegserklärung abzuhalten. Die Ausgelieferten bestrafen sie für ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit Sklavenarbeit.

Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdruß, sondern sie schämen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit, auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen sie laut damit, feiern aus diesem Anlaß von Staats wegen einen Triumph und errichten ein Siegesdenkmal, als hättensie eine Heldentat vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rühmen sie sich nämlich immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen außer dem Menschen vermocht hätte, das heißt mit den Kräften des Geistes. Denn mit den Kräften des Körpers, so sagen sie, führen Bären, Löwen, Eber, Wölfe, Hunde und die übrigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit überlegen, aber alle zusammen übertreffen wir an Geist und Vernunft.

Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu erreichen, was sie schon früher hätten erreichen müssen, um sich den Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmöglich ist, so nehmen sie an denen, die sie für schuldig halten, eine so grimmige Rache, daß der Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhält. Das sind die Ziele, die sie sich für ihr Vorhaben stecken und die sie rasch zu erreichen suchen, aber so, daß sie mehr darauf bedacht sind, die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie sogleich nach der Kriegserklärung heimlich und zu gleicher Zeit an den Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind, Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in großer Zahl anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Fürsten umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Köpfe einzelner Personen, die sie in denselben Anschlägen namentlich anführen. Das sind die Männer, die sie nächst dem Fürsten selber für die Urheber des Planes halten, den man gegensie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch für den Mörder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Höhe dem, der ihnen einen von den Geächteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die Geächteten selbst durch die gleichen Belohnungen und außerdem durch die Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So kommt es schnell dahin, daß jene auch die anderen Menschen mit Argwohn betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in größter Furcht und nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als einmal vorgekommen, daß die Geächteten zu einem großen Teil und vor allem der Fürst selber von denen verraten wurden, auf die sie die größte Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen Verbrechen. Für diese Prämien setzen die Utopier auch keine bestimmte Höhe fest. Indem sie vielmehr die Größe der Gefahr bedenken, zu der sie verleiten, bemühen sie sich, sie durch die Höhe der Belohnungen aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine unermeßliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche Landgüter an ganz sicheren Orten in den Ländern ihrer Freunde, und zwar als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Völker als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen, ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dünken sich auch klug, weil sie auf diese Weise die größten Kriege ohne jeden Kampf völlig zu Ende bringen, und sogar humanund mitleidsvoll, weil sie mit dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wären, teils aus den Reihen der Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl, daß jene einen Krieg nicht aus freien Stücken anfangen, sondern weil die blinde Leidenschaft ihrer Fürsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese Weise nicht weiter, so säen und nähren sie Zwietracht, indem sie dem Bruder des Fürsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier die Nachbarvölker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja Königen niemals fehlt.

Haben sie diesen Völkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfügung, Hilfskräfte aus den Reihen ihrer Bürger jedoch nur ganz spärlich; denn diese sind ihnen so außerordentlich lieb und wert, und sie schätzen sich gegenseitig so hoch, daß sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen Fürsten austauschen würden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte Menge sie einzig und allein für diesen Zweck aufbewahren, geben sie von Herzen gern hin; sie könnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es vollständig aufbrauchten. Denn außer dem Reichtum im Inland besitzen sie ja noch, wie früher erwähnt, bei den meisten Völkern des Auslands einen unermeßlichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn überall Söldner an, vornehmlichaus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg ziehen.

Diese wohnen 500 Meilen östlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild, wie sie sind, lassen sie deutlich merken, daß sie inmitten von Wäldern und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein kräftiger Volksstamm, unempfindlich gegen Hitze, Kälte und Anstrengung, unbekannt mit allen Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert für den Ackerbau, nachlässig in Wohnung und Kleidung und nur für die Viehzucht interessiert. Zu einem großen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in großer Zahl außer Landes und bieten sich für wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht. Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie verstehen. Für ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur unter der Bedingung, daß sie am nächsten Tage auf seiten des Feindes stehen dürfen, falls dieser ihnen höheren Sold bietet; ebenso kehren sie dann am übernächsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt, wieder zurück. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu einem großen Teile auf beiden Seiten kämpfen. So werden täglich Blutsverwandte, bisher Söldner der gleichen Partei und einander die besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in feindlicheHeere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen haben und nicht mehr an ihre frühere Freundschaft denken. Dabei veranlaßt sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als daß zwei feindliche Fürsten sie für ein paar lumpige Geldstücke gemietet haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, daß sie sich durch die Erhöhung des täglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nämlich mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer Verschwendung, die gleichwohl armselig ist.

Dieses Volk kämpft für die Utopier gegen alle Welt, weil niemand anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nämlich die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst nützlich zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu mißbrauchen. Nötigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und setzen sie an den gefährlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein großer Teil von ihnen niemals wieder zurück und kann die versprochenen Belohnungen gar nicht anfordern. Den Überlebenden aber zahlen die Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu ähnlichen Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nämlich nicht danach, wie viele von ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen, das größte Verdienst um die Menschheit erwerben würden, wenn sie den Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichenund ruchlosen Volkes gründlich säubern könnten.

Nächst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkräfte desjenigen Volkes, für das sie zu den Waffen greifen, und die Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie ihre Mitbürger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres. Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, daß beide nur als Privatleute gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfähig ist; wird er jedoch gefangengenommen oder fällt er, so tritt der eine von jenen beiden gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit nicht in den bunten Wechselfällen der Kriege infolge einer Gefährdung des Führers das ganze Heer in Unordnung gerät. In jeder Stadt hebt man Freiwillige aus; man preßt nämlich niemanden wider seinen Willen zum Kriegsdienst außerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der Überzeugung ist, daß einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man die Feiglinge dieser Art im Falle körperlicher Tauglichkeit auf die Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen Festungen, von wo sie nicht ausreißen können. Sie müssen sich vor ihren Kameraden schämen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine Möglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft durch höchste Not zu mutigen Männern. So wenig aber einerseits ein Utopier wider seinenWillen zu einem auswärtigen Kriege fortgeschleppt wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Männern ins Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrücken, stellt man an der Front mit ihren Männern in eine Reihe; außerdem hat ein jeder Kämpfer seine Kinder, Verwandten und Angehörigen um sich, damit sich diejenigen einander aus nächster Nähe beistehen können, die die Natur am stärksten zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die höchste Schmach ist es für einen Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder für einen Sohn, seinen Vater zu überleben. Infolgedessen kämpft man, wenn es zum Handgemenge kommt und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhüten, in eigener Person kämpfen zu müssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen können; wenn es sich jedoch nicht vermeiden läßt, daß sie selber mitkämpfen, so nehmen sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug zurückgehalten haben, solange es möglich war. Und beim ersten Angriff gehen sie nicht mit wildem Ungestüm vor; vielmehr wächst ihre Stärke langsam und allmählich und je länger der Kampf dauert. Dabei sind sie so unbeugsamen Sinnes, daß sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht schlagen lassen; denn das beruhigende Bewußtsein, daß ein jeder daheim zu leben hat, sowie die Befreiung von der quälenden Sorge um das Los ihrer Nachkommen – eine Besorgnis, die sonst überall einen tapferenSinn lähmt, – machen die Kämpfer hochgemut, so daß sie den Gedanken, sich besiegen zu lassen, als unwürdig von sich weisen. Außerdem flößt ihnen ihre militärische Erfahrung Zuversicht ein, und schließlich spornt sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so wertlos, daß sie es blindlings vergeuden, noch so übertrieben wertvoll, daß sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern, wenn die Ehre dazu rät, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jünglinge, die sich dazu verschworen und geweiht haben, den feindlichen Führer zum Gegner; auf ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und aus der Ferne wie aus der Nähe gehen sie auf ihn los, und in einem langen und lückenlosen Keil – denn die wegen Ermüdung ausfallenden Kämpfer werden beständig durch frische ersetzt – stürmen sie gegen ihn an. Nur selten kommt es vor, daß er nicht niedergestochen wird oder daß er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gerät, es sei denn, daß er sich durch die Flucht rettet.

Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen. Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, daß sie bei alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar zurückbehielten. Wenn daher ihre übrigen Verbände geschlagen sind und sie erst mit dem letzten den Sieg errungenhaben, so lassen sie die Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als daß sie sich dazu entschließen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbänden ihrer Truppen zu verfolgen. Sie vergessen nämlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war völlig besiegt; die Feinde jubelten über ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im Hinterhalt aufgestellt, die auf günstige Gelegenheiten lauerten. Sie griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwärmten und es in voreiliger Sorglosigkeit an der nötigen Vorsicht fehlen ließen, plötzlich an und veränderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt hatten, aus den Händen und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger.

Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit größerer Schlauheit zu legen oder mit größerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man könnte meinen, sie träfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu fliehen, könnte man meinen, sie dächten an nichts weniger. Fühlen sie sich nämlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil, so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder täuschen den Feind durch irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmählich und in so guter Ordnung zurück, daß es ebenso gefährlich ist, sie während des Abrückens anzugreifen wie während des Anstürmens. Ihr Lager befestigen sie überaus sorgfältig mit einem sehrtiefen und breiten Graben, wobei sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine Tagelöhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor dem Wall Wache halten, um plötzliche Überfälle abzuwehren. Und so legen die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an.

Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lästig. Denn in voller Ausrüstung schwimmen zu lernen, gehört zu den Anfangsgründen der militärischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen sie Pfeile, die sie mit großer Kraft und zugleich mit bester Treffsicherheit abschießen, und zwar nicht bloß zu Fuß, sondern sogar vom Pferde aus. Im Nahkampf aber führen sie keine Schwerter, sondern Äxte, die durch ihre Schärfe oder Schwere tödlich verwunden, je nachdem man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die fertigen Maschinen halten sie mit größter Sorgfalt geheim, damit sie nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders darauf, daß sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschließen, halten sie so gewissenhaft, daß sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn siegereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwüstungen an; auch brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafür, daß nach Möglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil sie der Ansicht sind, daß sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist. Städte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie erst erobern müssen, plündern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen Bürger, die die Übergabe zu verhindern gesucht haben, erwürgen, während sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevölkerung, die nicht mitgekämpft hat, wird kein Haar gekrümmt. Wenn die Utopier erfahren, daß einige Bürger zur Übergabe geraten haben, so machen sie ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie die Kosten nicht ihren Freunden auf, für die sie sie aufgewendet haben, sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld, das sie dann für ähnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehört und einen nicht geringen Ertrag bringt.

Derartige Einkünfte haben die Utopier jetzt bei vielen Völkern; sie sind aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie einige von ihren Mitbürgern als sogenannte Quästoren, die in dem fremden Landeprächtig leben und in der Art großer Herren auftreten. Aber trotzdem bleibt noch viel Geld übrig, das in die Staatskasse fließt, soweit es die Quästoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen wollen, was sie häufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und kaum jemals kommt es vor, daß sie den ganzen Betrag zurückverlangen. Von dem erwähnten Grund und Boden übereignen die Utopier einen Teil denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so großen Gefahr aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe.

Greift irgendein Fürst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit starken Kräften außerhalb ihres Landes entgegen; denn weder führen sie ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so schlimm, daß sie die Utopier zwingen könnte, fremde Hilfstruppen auf ihre Insel zu lassen.

Die religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der Insel, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht bloß als Gott, sondern sogar als höchsten Gott. Aber der weit größte und zugleich weitaus klügere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur anein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches göttliches Wesen, das über menschliches Begriffsvermögen erhaben ist und dieses ganze Weltall erfüllt, und zwar als tätige Kraft, nicht als körperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein erweist man göttliche Ehren. Mit den Anhängern dieser Lehre stimmen auch alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte überein, daß sie aneinhöchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses göttliche Wesen nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras. Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, daß die einzelnen ihn verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein möge, das er persönlich für das Höchste hält, es sei doch durchaus dasselbe Wesen, dessen göttliche Macht und Majestät allein nach der übereinstimmenden Überzeugung aller Völker der Inbegriff aller Dinge ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der Mannigfaltigkeit abergläubischer Vorstellungen frei und lassen ihre Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint, vernünftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wären die übrigen religiösen Vorstellungen schon längst nicht mehr vorhanden, wenn nicht alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu wechseln, zufällig widerfährt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des Himmels aufgefaßt würde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan ahndenwolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen, Lehre, Art und Wundern gehört hatten und ebenso von der staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Märtyrer, deren freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit zu Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nächsten kam. Gleichwohl möchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen, daß sie gehört hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen Lebensweise seiner Jünger Gefallen gefunden und sie sei bei den Zusammenkünften der echten Christen noch heutigestags üblich. Von welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht wenige zu unserem Glauben über und ließen sich mit dem geweihten Wasser taufen. Leider war unter uns vieren – nur so viele waren wir noch, da zwei gestorben waren – kein Priester. Infolgedessen müssen die Utopier, wenn sie auch im übrigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den Genuß der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester spenden dürfen. Doch sind sie sich über deren Wert und Bedeutung klar und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie erörtern bereits lebhaft die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer aus ihren Reihen gewählt und zum Priester ernannt werden kann. Und es schien so, als hätten sie die Absicht, einen zu wählen, aber bei meiner Abreise war das noch nicht geschehen.

Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu übertritt, unbehelligt. Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde während meiner Anwesenheit verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten, öffentlich über die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei geriet er allmählich so in Hitze, daß er sich bald nicht mehr damit begnügte, das, was nur uns heilig ist, über alles andere zu stellen. Er verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie unheilig und bezeichnete ihre Anhänger als ruchlose Gotteslästerer, die es verdienten, in die Hölle zu kommen. Wenn einer lange öffentlich so redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und, wenn er für schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung; denn unter ihre ältesten Bestimmungen rechnen sie die, daß niemand von seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nämlich gleich anfangs erfahren, daß die Eingeborenen vor seiner Ankunft beständig Religionskämpfe miteinander geführt hatten; er hatte auch beobachtet, daß bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln für das Vaterland kämpften und daß ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er Religionsfreiheit für jedermann fest und bestimmte außerdem, wenn jemand auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so dürfe er es nur in der Weise betreiben, daß er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf Vernunftgründen aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Wortenzerpflücke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu überzeugen, so solle er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreißen lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestüm vor, so bestrafen ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf Utopus nicht bloß im Interesse des Friedens, den, wie er sah, beständiger Kampf und unversöhnlicher Haß von Grund aus zerstörten, sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er wagte es auch nicht, über die Religion so ohne weiteres eine Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewißheit darüber, ob Gott nicht doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es für eine Anmaßung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen verlangte, daß alle seine persönliche Ansicht über die Wahrheit teilten. Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und sollten alle anderen wertlos sein, so würde sich dann schließlich einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache nur mit Vernunft und Mäßigung betreibe. Kämpfe man aber mit Waffen und Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die Saaten zwischen Dornen und Gestrüpp, da gerade die schlechtesten Menschen am hartnäckigsten seien. Daher ließ Utopus diese ganze Frage unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte. Nursollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Würde der menschlichen Natur so weit vergessen, daß er annehme, die Seele gehe zugleich mit dem Körper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde Zufall und nicht die göttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen für seine Missetaten und Belohnungen für seine Tugenden. Wer das Gegenteil annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand tierischer Körperlichkeit herunterdrückt; weit weniger noch rechnen sie ihn zu ihren Mitbürgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten würde er sich nicht im geringsten kümmern, wenn ihn nicht die Furcht davon abhielte. Wer sollte nämlich daran zweifeln, daß ein solcher Mensch danach trachten würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er dadurch seine persönlichen Wünsche befriedigen kann, da er ja über die Gesetze hinaus nichts mehr fürchtet und über den Tod hinaus nichts mehr erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und überträgt ihm auch kein öffentliches Amt. So wird er allenthalben als ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die Überzeugung der Utopier ist, daß es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lügen zu, die in ihren Augen an Betruggrenzen und ihnen deshalb überaus verhaßt sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen, jedoch nur vor der großen Masse. Sonst nämlich, in einem geschlossenen Kreise von Priestern und ernsten Männern, lassen sie es nicht bloß zu, sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft weichen.

Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten Fehler – man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht ganz unbegründet ist und sie selbst nicht bösartig sind – und meinen, auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an Würde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher Glückseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nämlich fast alle fest davon überzeugt, daß den Menschen eine unbegrenzte Glückseligkeit bevorsteht. Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber, wenn jemand stirbt; sie müßten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreißt. Das halten sie nämlich für ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender Strafe vor dem Ende zurückschaudere. Außerdem wird sich nach ihrer Meinung Gott nicht über die Ankunft eines Menschen freuen, der auf seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und widerstrebend hinschleppen läßt. Vor einem solchen Sterben entsetzen sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in Trauer und allerStille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem den Seelen der Verstorbenen gnädigen Gott, er möge dem Heimgegangenen seine Sünden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert, sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine Seele liebevoll dem großen Gott. Schließlich verbrennt man den Leichnam mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine Denksäule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeißelt sind. Nach der Rückkehr von der Beisetzung unterhält man sich über Lebenswandel und Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei häufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende.

Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der Utopier für die Lebenden ein überaus wirksamer Anreiz zur Tugend und zugleich für die Verstorbenen eine höchst willkommene Verehrung. Sie denken sich nämlich, daß die Heimgegangenen bei den Gesprächen über sie zugegen sind, wenn auch unsichtbar für das schwache Auge der Sterblichen. Einerseits nämlich würde es gar nicht mit ihrer Glückseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt wären, und anderseits wäre es undankbar von ihnen, wenn sie überhaupt keine Sehnsucht mehr empfänden, ihre Lieben wiederzusehen, mit denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschätzung verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie die übrigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als abnehmen. Die Utopier glauben demnach, daß die Toten unter den Lebendenweilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und infolgedessen gehen sie mit größerer Zuversicht an ihre Geschäfte, gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat abschrecken.

Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen Aberglaubens, die andere Völker gewissenhaft beachten, legen die Utopier gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darüber lustig. Wunder dagegen, soweit sie ohne jede natürliche Veranlassung geschehen, verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche Wunder kommen in Utopien, wie es heißt, häufig vor, und in wichtigen und zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit großer Zuversicht und unter Veranstaltung eines großen Betfestes und erwirken auch ein Wunder.

Für eine Gott wohlgefällige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schöpfer spendet. Doch gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um keinerlei Erkenntnis der Natur bemühen und Muße überhaupt nicht kennen: nur durch Betätigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist, erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glückseligkeit nach dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen bessern Wege aus, reinigen Gräben, bringen Brücken in Ordnung, stechen Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fällen und zersägen Bäume, fahren auf ZweigespannenHolz, Feldfrüchte und andere Dinge in die Städte und benehmen sich nicht nur in der Tätigkeit für die Allgemeinheit, sondern auch in der für Privatleute wie Diener und sind noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mühsame, schwierige und schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung, Widerwille und Verzweiflung die meisten zurückschrecken, nehmen sie willig und fröhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Muße, sie selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterlaß, ohne jedoch Dank dafür zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um ihre eigene dafür zu rühmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen, desto größere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich völlig des Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens verwerfen sie als schädlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mühselige Arbeit nur die Freuden des künftigen Lebens zu erlangen. Die Anhänger der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmähen die Kräfte nicht, die von der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu müssen und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergnügen, das sie in keiner Beziehung von der Arbeit abhält, ist ihnen willkommen. Das Fleisch vierfüßiger Tiere schätzen sie schon aus dem Grunde, weil sie von einer solchen Nahrung eine bessereKräftigung zu jeder Arbeit erwarten. Die Anhänger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier klüger, die der anderen dagegen frömmer. Die letzteren würde man auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines beschwerlichen Lebens auf Gründe der Vernunft stützen wollten; so aber betrachtet man sie wegen ihrer religiösen Beweggründe mit Ehrfurcht und Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nämlich ängstlicher als vor irgendeiner unbedachten Äußerung über die Religion. Derart also sind die Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache als »Buthresken« bezeichnen, was etwa unserem Worte »Mönche« entspricht.

Die Priester der Utopier sind außerordentlich fromm und deshalb sehr gering an Zahl. Es gibt nämlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn, entsprechend der Zahl der Gotteshäuser, außer in Kriegszeiten. Dann aber ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen zurück, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die Überzähligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden; bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewählt, und zwar wie die übrigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begünstigungen vermeiden will; die Weihe der Gewählten vollzieht dann ihr eigenes Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt als eine große Schande, wenn jemandvon ihnen wegen seines schlechten Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die Befugnis zu einer Maßregelung und Bestrafung von Übeltätern nur dem Bürgermeister und den übrigen Amtspersonen zu, nur daß die Priester ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Sünder kennenlernen, vom Gottesdienst ausschließen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr fürchtet; denn sie macht völlig ehrlos und erweckt eine geheime religiöse Furcht, die den Sinn zerrüttet, da die so Bestraften auch nicht hinsichtlich ihres Körpers lange ohne Sorge sein können. Wenn sie nämlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue überzeugen, werden sie festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft.

Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Händen der Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden nämlich den größten Fleiß darauf, den noch zarten und empfänglichen Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind von großem Nutzen für die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat zerfallen läßt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder aus verkehrten Anschauungen entstehen.

Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet, soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom Priestertum nicht ausgeschlossen;aber eine Frau wird seltener gewählt und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behörde genießt nämlich bei den Utopiern größere Ehre, und zwar in dem Ausmaße, daß ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem öffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er überlassen. Die Utopier halten es nämlich für Sünde, den mit Menschenhand zu berühren, und wäre er auch ein noch so schlimmer Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer geweiht ist. Diesen Brauch können sie leichter einhalten, weil ihre Priester so gering an Zahl sind und mit so großer Sorgfalt ausgewählt werden. Kommt es doch nur selten vor, daß ein Mann, der, aus der Zahl der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tüchtigkeit zu so hoher Würde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet. Sollte es aber bei der Unbeständigkeit der menschlichen Natur immerhin einmal vorkommen, so braucht man davon für die Allgemeinheit durchaus keinen Schaden von großer Bedeutung zu befürchten, da die Zahl der Priester nur gering ist und sie außer ihrem Ansehen keinerlei Macht besitzen. Die Utopier beschränken aber die Zahl ihrer Priester deshalb so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so große Verehrung erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, daß sie seine Ehre vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es für schwierig halten, viele Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind, für dessen Würde eine nur mittelmäßige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht.

Die Wertschätzung der Priester ist bei den auswärtigenVölkern nicht geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche hervor, den ich auch für den Ursprung dieser Wertschätzung halte. Während nämlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kämpfen, halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen in ihren geweihten Gewändern auf den Knien. Die Hände zum Himmel erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg für ihr Volk, aber um einen Sieg, der für beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wüten gegen die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewänder berührt, schützt auch, was ihm sonst noch gehört, vor jeder kriegerischen Gewalttat. Infolgedessen genießen die Priester bei allen Völkern ringsum eine so große Verehrung und so viel wirklich majestätisches Ansehen, daß die Schonung, die sie vom Feinde für ihre Mitbürger erwirkten, oft nicht geringer war als die, die sie bei diesen für den Feind erreicht hatten. So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plünderung heranstürmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das Blutvergießen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen, daß es ihre Person nicht für heilig und unverletzlich gehalten hätte.

Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle Anfangstage heißen auf utopisch »Cynemerner« und die Schlußtage »Trapemerner«, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlußfeste bedeutet.

Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht bloß mit großer Kunst gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in der Baukunst zurückgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren Meinung nämlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und gleichsam unsicheres Licht dagegen trägt zur Sammlung des Geistes und zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht überall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und vielfältigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines göttlichen Wesens. Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hören, was nicht für alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen seiner Sekte etwa eigentümlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb seiner vier Wände; den öffentlichen Kult dagegen führt man in einer Form durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher ist auch kein Götterbild im Tempel zu sehen, so daß es jedem freisteht, unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persönlichen Glauben gemäß vorstellen will.Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an, sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle übereinstimmend das eine Wesen göttlicher Majestät bezeichnen, welcher Art es auch sein mag. Die Gebete, die in Utopien abgefaßt werden, sind auch alle derart, daß sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persönlichen Glauben zu verstoßen.

Im Tempel kommen die Utopier an den Schlußfesttagen abends zusammen, ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott für den Segen zu danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser Festtag ist, gespendet hat. In der Frühe des nächsten Tages – denn das ist dann ein Anfangsfesttag – strömt das Volk in den Tempeln zusammen, um für das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser Feier beginnen wollen, Glück und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den Schlußfesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren Männern und die Kinder ihren Eltern zu Füßen und bekennen ihnen ihre Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte Pflichterfüllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird jedes Wölkchen häuslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nämlich, mit verstörtem Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewußt, Haß oder Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum Gottesdienst, wenn man sich versöhnt und von den Leidenschaften gereinigt hat, weil man sonst eineschnelle und schwere Strafe fürchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Männer auf die rechte und die Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise Platz, daß die männlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen Mitglieder schließt. Auf diese Weise können sämtliche Bewegungen aller Hausgenossen außerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren Autorität und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, daß im Tempel immer ein Jüngerer mit einem Älteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst überlassen bleiben und sich nicht während des Gottesdienstes kindisch und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen, fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der stärkste und beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so schlachten sie kein Tier, und sie können nicht glauben, daß sich Gott in seiner Güte über Blutvergießen und Morden freut; hat er doch den Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, daß sie leben. Sie verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Räucherwerk; auch stecken sie zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wüßten, daß das Wesen Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art Gottesverehrung, und die Menschen fühlen, daß diese Düfte, Lichter und sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trägt das Volkweiße Gewänder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die Gewänder sind nämlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll gearbeitet, daß auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht gleichkommen würde. Wie es außerdem heißt, sind in jenen Schwung- und Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen gewissenhaft weiter überliefert; die Menschen sollen dadurch an die Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie ihm dafür schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu erfüllen haben.

Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt, werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und tiefen Schweigen, daß schon der bloße Anblick dieses Vorgangs eine Art Schauer einflößt, als wenn eine Gottheit zugegen wäre. Sie bleiben eine Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem großen Teile eine andere Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die meisten von ihnen übertreffen zwar die bei uns gebräuchlichen wesentlich an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu vergleichen. In einer Beziehung jedochsind uns die Utopier unzweifelhaft weit voraus, darin nämlich, daß all ihre Musik, und zwar die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natürlichen Seelenzustände deutlich nachahmt und widerspiegelt, daß der Klang sich dem Inhalt des Musikstückes treffend anpaßt, mag es sich um Worte eines Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung, der Trauer oder des Zornes handeln, und daß die Art der Melodie den Sinn eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, daß sie die Herzen der Zuhörer in wunderbarer Weise ergreift, erschüttert und entflammt. Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, daß jeder einzelne auf sich beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich jeder Gott als den Schöpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber all der anderen Güter wieder ins Gedächtnis, dankt ihm für die zahllosen Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafür, daß ihn Gottes Güte und Gnade im glücklichsten Staat leben und an einer Religion teilnehmen läßt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nächsten kommt. Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wäre, so bitte er darum, seine Güte möge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig folgen, wohin er ihn auch führe. Sollte aber diese Staatsform die beste und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so möge ihm Gott Beständigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben Lebensgrundsätzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls er nicht in seinemunerforschlichen Willen auch an dieser Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch darum, Gott möge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen; wie bald oder wie spät, das wage er nicht im voraus zu bestimmen. Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der göttlichen Majestät möglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um eher zu Gott zu kommen, als durch das glücklichste Leben länger von ihm ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischer Ausbildung.

Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die Form dieses Staates beschrieben, den ich bestimmt nicht nur für den besten, sondern auch für den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen« für sich beanspruchen darf. Wenn man nämlich anderswo von Gemeinwohl spricht, hat man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; hier, in Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kümmert man sich ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Ländern wissen nicht, daß sie trotz noch so großer Blüte ihres Staates Hungers sterben würden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wären! Und deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heißt an andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehört, ist jeder ohne Zweifel fest davon überzeugt, daßniemand etwas für seinen Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafür gesorgt wird, daß die staatlichen Speicher gefüllt sind. Denn hier werden die Güter reichlich verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen größeren Reichtum geben, als völlig frei von jeder Sorge, heiteren Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen Lebensunterhalt ängstlich besorgt, nicht gequält von der Geldforderung der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn könne in Not geraten, ohne Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Söhne, der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Fürsorge erstreckt sich sogar in demselben Umfange auf die, die früher gearbeitet haben, jetzt aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch arbeiten. Da wünschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die Gerechtigkeit anderer Völker zu vergleichen, und ich will des Todes sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schließlich irgendein anderer von denen, die entweder überhaupt nichts tun oder deren Tätigkeit für den Staat nicht dringend notwendig ist, ein prächtiges und glänzendes Leben führen darf auf Grund eines Verdienstes, den ihm sein Nichtstun oder seine überflüssige Tätigkeit einbringt, während zu gleicher Zeit der Tagelöhner,der Fuhrmann, der Schmied und der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum ein Zugtier aushalten würde, die aber so unentbehrlich ist, daß ohne sie kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr bloß auskommen könnte, einen nur so geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben führt, daß einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen könnte, weil sie nicht so dauernd arbeiten müssen, weil ihre Nahrung nicht viel schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen quält eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr täglicher Verdienst zu kärglich ist, um auch nur für denselben Tag auszureichen, kann auf keinen Fall etwas herausspringen und übrigbleiben, um täglich für die Verwendung im Alter zurückgelegt zu werden. Ist das nicht eine ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten, den Goldschmieden und den übrigen Leuten dieser Art, die weiter nichts als Müßiggänger oder Schmarotzer sind und nur unnütze Luxusdinge herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die dagegen für die Bauern, Köhler, Tagelöhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne die überhaupt kein Staat bestehen könnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen dann, wenn sie schließlich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem Mangel leiden, auf höchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk so vieler Nächte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtigerDienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben läßt. Was soll man gar noch dazu sagen, daß die Reichen Tag für Tag von dem täglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese Menschen das, was früher als ungerecht galt: die höchsten Verdienste um den Staat mit dem schnödesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte und über sie nachdenke, so stoße ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art Verschwörung der Reichen, die unter Mißbrauch des Namens- und Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persönlichen Interessen bedacht sind. Sie ersinnen und denken sich alle möglichen Mittel und Ränke aus, zunächst, um ihren unrechtmäßig erworbenen Besitz zu behalten, ohne fürchten zu müssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie möglich zu erkaufen und zu ihrem Vorteil zu mißbrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben, diese Machenschaften durchzuführen, erhalten sie sofort Gesetzeskraft. Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Güter, die für alle gereicht hätten, in unersättlicher Habgier untereinander aufteilen, wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glück des utopischen Staates! Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus der Welt geschafft. Welchschwere Last von Verdrießlichkeiten ist dadurch abgewälzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel ausgerissen! Wer weiß nämlich nicht, daß Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die jetzt durch tägliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschränkt werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben müssen und daß außerdem Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nächte in demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird, würde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld überall völlig abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mußt du dir einmal ein dürres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz bestimmt: hätte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen durchsucht, so wäre so viel Getreide zu finden gewesen, daß überhaupt niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens hätte zu spüren brauchen, wenn man die Vorräte unter die verteilt hätte, die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So leicht könnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum Lebensunterhalt zu erschließen, allein es wäre, das ihn uns verschließt. Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau, wieviel besser jener Zustand wäre, nichts Notwendiges zu entbehren als an vielerlei Überflüssigem Überfluß zu haben, und wievielbesser es wäre, von so zahlreichen Übeln befreit als von so großem Reichtum beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, daß die Sorge für das persönliche Wohl jedes einzelnen oder die Autorität Christi, unseres Heilands, der bei seiner so großen Weisheit wissen mußte, was das Beste sei, und bei seiner so großen Güte nur zu dem raten konnte, was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mühe schon längst für die Gesetze des utopischen Staates gewonnen hätte, wenn nicht eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die Hoffart, dagegen ankämpfte. Sie mißt ihr Glück nicht am eigenen Nutzen, sondern am fremden Unglück. Sie möchte nicht einmal Göttin werden, wenn dann keine Unglücklichen mehr übrigblieben, über die sie herrschen und die sie verhöhnen könnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glück in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch Entfaltung ihres eigenen Reichtums quälen und aufbringen möchte. Die Hoffart, eine Schlange der Hölle, nistet sich in die Herzen der Menschen ein, hält sie wie ein Hemmschuh zurück und hindert sie, einen besseren Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewürm hat sich zu tief ins Menschenherz eingefressen, als daß es sich ohne Mühe wieder herausreißen ließe. Und deshalb freue ich mich, daß wenigstens den Utopiern diese Staatsform zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern überall sehen möchte. Sie haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament eines Staates legten, dem nicht nur das höchste Glück, sondern, nach menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist. Seitdemsie nämlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine Gefahr mehr, daß sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Städten gewesen ist, deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist der Neid auch aller benachbarten Fürsten nicht imstande, das Reich zu zerrütten oder zu erschüttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat.«

Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein, was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes überaus sonderbar vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegführung, an seinem Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament seiner ganzen Verfassung, nämlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte Bestimmung für sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden Glanz, jede Würde, also den der öffentlichen Meinung nach wahren Glanz und Schmuck eines Staates. Ich wußte jedoch, daß Raphael vom Erzählen müde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen seine Meinung vertragen würde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst hatten,nicht für klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfällen anderer Leute etwas fänden, woran sie herumzausen könnten. Deshalb lobte ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzählung Raphaels, nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher noch, wir würden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, über die gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausführlicher mit ihm zu unterhalten. Ich wollte nur, es käme noch einmal dazu! Bis dahin kann ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser übrigens unbestritten hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe ich ohne weiteres, daß ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Allerdings muß ich das wohl mehr wünschen, als daß ich es hoffen dürfte.

Ende.

Ende der Nachmittagserzählung des Raphael Hythlodeus über die Gesetze und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch den hochberühmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Bürger und Vicecomes von London, bekanntgegeben.


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