„Mein Geliebter!Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am Abend, und dannals meinen Sklaven.Deine HerrinWanda.“
„Mein Geliebter!
Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am Abend, und dannals meinen Sklaven.
Deine HerrinWanda.“
„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, ummeine Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu betäuben.
***
Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.
„Herein!“
Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe, welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.
„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.
„Sklave!“
„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.
„So ist es recht.“
„O! wie schön du bist.“
„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit stolzem Wohlgefallen.
„Ich werde noch wahnsinnig!“
Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.
„Gib mir die Peitsche.“
Ich blickte im Zimmer umher.
„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schrittzum Kamine, nahm die Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend, durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke langsam auf.
„Wunderbares Weib!“ rief ich.
„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.
„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen macht.“
„Aber es macht mir kein Vergnügen.“
Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.
„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“
Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“
„Nein.“
„Im Ernste, nein?“
„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“
„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du würdest dich entsetzen.“
„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich bin dir hingegeben auf Tod undLeben, du kannst im Ernste mit mir anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“
„Severin!“
„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde, vor ihr nieder.
„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.
„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“
Eine unheimliche Pause.
„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.
„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge zu ihr erhoben.
„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „So sei denn mein Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu sein.“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.
„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“
Dann schwang sie die Peitsche.
„Richte dich auf!“
Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“
Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.
Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.
Der Sklave
Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun aber steh’ auf.“
Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.
„Welche Frechheit.“
Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.
„Aus meinen Augen, Sklave!“
***
Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich erwacht. Es dämmert kaum.
Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß, ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt weiß ich alles.
Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?
Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt nicht im entferntestenaus, was ich für sie empfinde, wie ich mich ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.
***
Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“ sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust birgt.
„Wie?“
„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt, jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in einem Jahre bin ich Ihre Frau.“
„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“
„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“ unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr, als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“
***
Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil abgeschossen hat, schlug Mitternacht.
Ich stand auf, ich wollte fort.
Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes —
Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte, dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig schmiegte.
„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“
„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.
„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“
„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist unverbesserlich.“
„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.
„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit.Unsere Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.Wärst du weniger tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“
„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden Brust hob und senkte.
Und ich küßte sie — nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig, als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.
„Was ist dir?“ fragte Wanda.
„Ich leide entsetzlich.“
„Du leidest?“ — sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.
„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht —“
Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.
„Wanda!“ stammelte ich.
„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig machen.“
„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich nie besitzen.“
„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.
Dann vergingen mir die Sinne. —
Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich gekratzt?“
„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“
***
Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.
Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge, die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.
Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.
Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.
Liebt sie mich nicht mehr?
***
Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste, meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen Fremden.
Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.
„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern, welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie einmal.“
Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.
Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen, alle Wunden geheilt waren.
Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.
***
„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.
„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“
„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm mich mit beiden Händen bei den Ohren.
„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“
„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind, die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln, während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt, kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr Wesen und verdirbt ihren Charakter.“
„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“
„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“
„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber sie behandelt dich ja wie eine Ware.“
„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“
„Wanda, du sagst das?“
„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt sage:fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst, denn die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen sind weder sogut, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch soschlecht, wie ihre Feinde sie machen.Der Charakter der Frau ist die Charakterlosigkeit.Die beste Frau sinkt momentan in den Schmutz, die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten Handlungen und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so böse, daß es nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der göttlichsten, der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle, Handlungen fähig wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation, so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat den Charakter desWilden, welcher sich treu und treulos, großmütig und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er böswillig ist, stetsPrinzipien, das Weib aber folgt immer nurRegungen. Vergiß das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst.“
***
Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen seligen Abendaufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist sie.
Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken ineinander tauchen.
Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist, ganz mein.
„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen, ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.
„Wer?“
Sie schwieg.
„Deine Freundin?“
Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“
Ich erschrak.
„Was hast du? du zitterst?“
„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“ erwiderte ich.
„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe, daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“
„Wanda!“
„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer mit dir leben möchte, wenn ich neben dir —“
„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor dir.“
„Und liebst du mich weniger?“
„Im Gegenteil.“
Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“ sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie eine Hetäre?“
„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“
„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.
„Auch für mich.“
„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.
„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“ entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben, aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“
Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit. Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“
„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“
„Aber Severin —“
„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb —“
„Deshalb möchtest du —“ sie lächelte schelmisch — „hab’ ich es erraten?“
„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“
„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann, die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst du, Severin?“
„Bin ich nicht dein Sklave?“
„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will dein sein, so lange ich dich liebe.“
„Einen Monat?“
„Vielleicht auch zwei.“
„Und dann?“
„Dann bist du mein Sklave.“
„Und du?“
„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“
„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie, welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.
„Und warum unausführbar?“ begann ich.
„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“
„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die Türkei,“ sagte ich lebhaft.
„Du wolltest — Severin — im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen brannten.
„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will, daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und dann — welche Seligkeit, — wenn du einmal gnädig bist, wenn der Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“ Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.
„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich mit Küssen.
„Willst du also?“ begann sie zögernd.
„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave, wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum mehr mächtig.
„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.
„Tu es.“
„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich —“
Sie sah mich seltsam an.
„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld —“ fuhr sie fort — „ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich habe deinen Schwur.“
„Und ich werde ihn halten.“
„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin, jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben. Du wirst mein Sklave, und ich — ich werde versuchen, ‚Venus im Pelz‘ zu sein.“
***
Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mitwelchem Ernste betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.
Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.
Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte, unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den Schlußpunkt.
„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie neckend.
„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben. Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und doch überlief mich eine Art Schauer.
„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen —“ begann ich.
„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht, oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid, dein Ehrenwort. Aber laß hören.“
„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich nie ganz von mir trennst,und dann, daß du mich nie der Roheit eines deiner Anbeter preisgibst —“
„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen, „du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der sich so ganz in meine Hand gibt —“ sie stockte.
„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen Augenblick.“
Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien nachzusinnen.
„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das Wichtigste.“
„Eine Bedingung?“
„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich sein, verstehst du?“
„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.
„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle unterzeichnen.“
„In Konstantinopel?“
„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ichallein einen Sklaven haben, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner Schönheit und meinesWesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt, und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“
***
Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.
„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu ihr empor.
„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das Auge eines Märtyrers.“
***
Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos in die Hand eines Weibeszu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre Macht mißbraucht?
Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis! Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht. Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand —sie kann, wenn sie will— welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.
***
Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.
Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung oder schrecken uns zurück.
Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von ihr treiben und fragen nicht wohin?
***
Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst, welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung, den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damenbesonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster, niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.
Und sie — sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen — und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.
Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah, schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.
„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann tun, was ich will —“
„Liebst du mich denn nicht mehr —“ stammelte ich erschrocken.
„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem Fürsten den Hof machen lassen.“
„Wanda!“
„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die grausame nordische Venus im Pelz?“
Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.
„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.
„Aber —“
„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen, ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“
Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen. Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien zufrieden.
„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.
Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.
„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.
Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht angefangen.“
„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.
„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“
„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“
„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“
„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft einer Laune opfern?“
„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.
„Was denn?“ fragte ich erschrocken.
„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend, „vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt, entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr anders kann und will, jetzt willst du zurück — du — bist du ein Mann?“
„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.
„Laß mich — du bist kein Mann —“
„Und du!“ brauste ich auf.
„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich finde. Laß mich!“
Sie stieß mich von sich und stand auf.
„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge gegenüber.
„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“
„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
Sie zuckte verächtlich die Lippen.
„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist viel zu gut, zu nobel —“
„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst mich noch kennen lernen.“
„Wanda!“
„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“
„Und wenn ich nein sage.“
„Dann —“
Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte oder Erbarmen versprach. „Gut —“ sprach sie endlich.
„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“
„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei. Ich halte dich nicht.“
„Wanda — mich, der dich so liebt —“
„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich augenblicklich —“
„Wanda! —“
„Mensch!“
Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann zu weinen.
„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar. „Gehen Sie — ich will Sie nicht mehr sehen.“
„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür schaltest — nur stoße mich nicht von dir — ich gehe zugrunde — ich kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen — denn ein Mann bist du nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff, daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen lernen.“
Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen rannen mir herab.
„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sichauf der Ottomane niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die Tränen aus den Augen zu küssen.
***
Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald sie droht, mir die Freiheit zu geben.
***
Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.
Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?
***
Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?
Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir verleben selige Tage.
***
Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen, in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing mit seltsamer Befriedigung an mir.
„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf, so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein übersinnlicher Schlemihl sein kann.“
„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.
Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“ flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben. Wir wollen vernünftig sein, willst du?“
Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges, wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine Träne fiel auf ihre Hand herab.
„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“
***
Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen. Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen und schien sie mit seinen elektrischen, grauenAugen durchbohren zu wollen, sie aber — ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien und ihre Füße küssen mögen — sie schien ihn nicht zu bemerken, sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem liebreizenden Lächeln zu mir.
***
Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?
„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle stand.
„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen, gib es auf, mich zu quälen —“ flehte ich.
„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual ist,“ warf Wanda ein.
„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“
„Nie, Severin,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.
„Was ist das?“
Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.
„Du bist kein Mann für mich.“
Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag, langsam zurück und verließ das Gemach, und sie — sie rief mich nicht zurück.
***
Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.
Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben, drohten mir die Knie zu brechen.
Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten heraus.
„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“
„Einen Brief —“
„An mich?“
Ich nickte.
„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.
„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“
„Ich wiederhole es Ihnen,“ sprach sie.
„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich reichte ihr den Brief.
„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen, daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir alsManngenügen oder nicht, und zumSklavensind Sie jedenfalls gut genug.“
„Gnädige Frau!“ rief ich empört.
„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre Angelegenheitenbinnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“
„Wanda —“
„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie heißen von nun an nicht mehr Severin, sondernGregor.“
Ich bebte vor Wut und doch — ich kann es leider nicht leugnen — auch vor Genuß und prickelnder Aufregung.
„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche —“
„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein Sklave.“
„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von Ehre unmöglich —“
„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“
Ich wendete mich zur Türe.
„Noch nicht — du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und ich — ich Dilettant — ich Esel — ich elender Sklave — preßte sie mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen Lippen.
Noch ein gnädiges Kopfnicken.
Dann war ich entlassen.
***
Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen, denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit voller Gewalt hereingebrochen.
Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.
Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art, wie sie die große Katharina zu tragen liebte.
„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.
„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.
„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, — mein Sklave, mein Diener. Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“
Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und siehereingetreten war, fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich dir?“
„Du —“
„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.
„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“
Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder — hier neben meinem Sessel.“
Ich gehorchte.
„Küss’ mir die Hand.“
Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.
„Und den Mund —“
Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne, grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück — die Lider wie im Traum geschlossen — bis nach Mitternacht.
***
Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem geahnt werden konnte.