Die eifersüchtige Wanda
Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne — kaum hat sie das Gemach verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.
„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“
Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe — Venus im Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven — sie reißt die Peitsche vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.
Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.
***
Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb, das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs, ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf — sie ist imstande und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte schüttelt mich.Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an, dieses Weib zu hassen.
***
Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht, das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.
Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und leuchtet mit einer Fackel hinein.
Besuch im Kerker
„Lebst du noch?“ fragt sie.
„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.
Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. — „Bist du krank — wie deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“
Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich fesseln.
***
Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle Schrecken des Todes.
***
Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt sie das kleine Buch zu.
„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“
„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“
„Sie befehlen.“
„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein Rendezvous geben.“
„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“
Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.
„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben — so — nun aber komme.“
Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die Galerie und stieg in den Wagen.
„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet zurückzog.
Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.
In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. AmArno stand ein Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete, ihre Hand faßte — dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.
Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie kehrten zurück.
Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.
Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.
Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den Cascinen.
„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt beschämt den Kopf.
„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.
„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“
„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen — „sagen Sie Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte — doch da ist sie selbst.“
Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.
„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.
Ich wies dem Maler die Treppe.
„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen mit tiefem Mitleid nach.
Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er wird sie malen und dabei verrückt werden.
***
Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.
Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.
***
Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“
Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich lächelt sie sogar.
„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn nicht. Ich liebe niemand.Dich habe ich geliebt, so innig, so leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte, aber jetzt liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht mich wehmütig.“
„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.
„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’ es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit zurückgeben.“
„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.
Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust, wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“
„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend, „ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße mich nicht von dir.“
„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“
***
Heute habe ich die mediceische Venus besucht.
Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet, in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.
Aber ich stand nicht lange.
Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer, und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.
***
Die Klingel der Gebieterin.
Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken verschlungen.
„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe die Türe.“
Ich gehorchte.
„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“
Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht, doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.
„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“
„Wie, Herrin?“
„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“
Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte, da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden Augenblick unter ihr zusammenbrechen.
Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr weiches, ruhiges Lichtvon oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte einnahm.
„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda, während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe mir auch die Peitsche.“
Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte — denn es war nicht mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt — empfand ich, wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.
In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit so heilig, so keusch, daß ichvor ihr, wie damals vor der Göttin, in die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.
Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.
Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie spielten.
Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als eine Venus aus Stein.
Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das rosige Licht rieselten nur so an ihr herab — eine stumme Verzückung umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der Peitsche spielte.
Wanda im Samtmantel
Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.
„Was hast du?“ fragte Wanda.
Ich deutete auf den Spiegel.
„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den Augenblick nicht festhalten kann.“
„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch seinen Pinsel zu verewigen?“
„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes, dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar, diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod triumphieren!“
Wanda lächelte.
„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“ sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß, unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.
„Ja — er soll mich malen — und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor die Farben mischt.“
***
Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohrenzu frühentdeckt hat.
Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges, melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich stehe und eifersüchtig lausche.
„Sind Sie toll, mich — ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter Gottes!“ — rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe, sie sollen es mir kopieren.“
Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.
„Gregor!“
Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.
„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst davoneilte.
Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die Peitsche in der Hand, dieTreppe herab und streckte sich wie damals auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“ sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick — so — so ist es recht.“
Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten sich, aber blieben stumm.
„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“
„Ja — so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer kranken, sterbenskranken Seele.
***
Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.
Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.
„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder totenbleich ist.
„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen, sind Sie krank?“
„Ich fürchte —“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“
„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“
‚Venus im Pelz‘
„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚Venus im Pelz‘ nennen.“
***
Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut rieseln — sie aber unterhält sich dabei.
Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen kleine Kugeln und bewirft ihn damit.
„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich zu meinem Bilde brauche.“
„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“
Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.
Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.
„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres Auges.
„Es ist der Ausdruck —“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen —“
„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
„Ja —“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf — „peitschen Sie mich auch.“
„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“
„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.
„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.
„Ja“ — stöhnt er —
Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den Stricken zurück.
„Also — haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie jetzt spöttisch.
„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.
Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um Gnade zu bitten schien — es ist nicht zu beschreiben.
***
Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.
Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.
Was sie nur hat.
Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.
Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht ein Einverständnis zwischen ihnen?
Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.
Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre Brust — und sie — die Grausame — sie lacht — und jetzt höre ich, wie sie laut ausruft:
„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“
„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz — kannst du nicht lieben,“ ruft der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“
„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“
Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte zurück.
„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel und Palette.
Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.
Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch in das Bild hineingemalt.
***
Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:
„Sie lieben dieses Weib?“
„Ja.“
„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg einige Zeit und malte weiter.
„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“
***
Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie Königinnen zahlen.
„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem schmerzlichen Lächeln.
Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich hineinblicken — ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie aus einem Spiegel an.
„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“
***
„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du nicht auch?“
Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.
„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich will mich zerstreuen, will vergessen.“
„Schnell, meinen Wagen!“
***
Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt,eine Robe von gleichem Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert; eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird, das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.
Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.
Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen — schon ist er ganz nahe — er hält und läßt sie vorbei, und jetzt erblickt auch sie ihn — die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich — und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.
Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.
Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie ich noch nie einen lebendig gesehenhabe. Im Belvedere steht er in Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur, demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten, und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames verleiht —
Apollo, der den Marsyas schindet.
Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.
Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.
***
So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen hieß.
Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit einer Hast, die mich erschreckte.
Venus in Eile
„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch, sofort. —
O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“
„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.
„Er ist so schön —“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne eines Sessels — „daß es mir den Atem benommen hat.“
„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich; meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort — „ich selbst war außer mir, und ich kann mir denken —“
„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm gepeitscht zu werden.
Geh jetzt, geh.“
***
Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.
Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt, gleich einer roten Löwenmähne.
„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.
„Alexis Papadopolis.“
„Ein Grieche also.“
Ich nickte.
„Er ist sehr jung?“
„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“
„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.
„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich sein —“
„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins Wort.
„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte mich vor ihm. Hat er eine Frau?“
„Nein.“
„Eine Geliebte?“
„Auch nicht.“
„Welches Theater besucht er?“
„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas, spielen.“
„Sieh, daß du eine Loge bekommst — rasch! rasch!“ befahl sie.
„Aber Herrin —“
„Willst du die Peitsche kosten?“
***
„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht schob.
Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken vor Neid und Wut — nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.
Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe, wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum, ja die Welt untergegangen ist — und ich, was bin ich in diesem Augenblicke? —
***
Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie, daß sie ihn dort trifft?
Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.
Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren Pelz auf, der, ohne daß ich eswußte, meinen Händen entsunken war. Er ist noch warm von ihren Schultern.
Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.
***
Da ist er.
In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.
Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit gegenüber, von Neid, von Eifersucht.
Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.
Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich, und ich — ich folge seinem Winke — gegen meinen Willen.
„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.
Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig wie ein Sklave.
***
Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend. Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie sich begegnen — den ersten langen Blick — ich sehe sie in seinen Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern an seiner Brust liegen — ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener von ihm.
Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.
In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen, wenn er ihn nicht erhöre.
„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu vollstrecken, denn ich bin — ein Mann.“
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Der Saal hat sich schon bedeutend geleert — sie aber denkt offenbar noch gar nicht daran, aufzubrechen.
Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.
Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.
Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.
„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht daran, sie zu bedienen.
Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:
„Wie war das mit der Löwin?“
„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie hilft ihm nicht — sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das ist die Natur des Weibes.“
Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.
Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte mich und sie und ihn in Blut.
***
Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und löste ihr Haar, dann befahl siemir, Feuer zu machen, und saß beim Kamine und starrte in die Glut.
„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir bei dem letzten Worte.
Wanda schüttelte den Kopf.
Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt, die runde Kuppel des Domes.
An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.
Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.
Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen, die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.
Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend, daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.
***
Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte, sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und blickte durch die Ritze der Türe.
Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen Strahlen über sie.
***
Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand dämpfend, in ihr Schlafgemach.
Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz fallen.
Doch sie erwachte nicht.
Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.
Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht. Wie lange ich so lag, mittenin der Nacht, in entsetzlichen Qualen versteinert, ich weiß es nicht.
Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen — meine Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.
„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.
Ich fand keine Antwort.
„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“
Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen begann.
„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich; aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine Arznei für dich.“
„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.
„Was, Severin? Wovon sprichst du?“
„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz an sich gerissen?“