Vorwort
Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“, „Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“ vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.
Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“ und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem Zyklus „Die Liebe“.
Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen und brutalen Weibes treibt.
Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte, stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.
Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in zwei Parteien. Die einen verwarfensie wegen der bis dahin unerhörten Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege ein einzigartigesdocument humainvor, und es zeuge zudem von ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.
In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die andere waren vollwertiges Gold.
Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen. Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst. Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.
So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein, denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den Motiven.
Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und — es ist traurig zu sagen — auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm, sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.
Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem vollen Werte nach zuschätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel niemals an dem genialen Meister irre wurden.
Den Wünschen dieser zu entsprechen — da die älteren Ausgaben vollständig vergriffen sind —, entschlossen wir uns, einige seiner besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.
Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen — und namentlich der „Venus im Pelz“ — nicht erspart geblieben, neuerdings seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten Titels beanstandet zu werden.
Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem Ressort.
Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben. Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.
Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet. Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln. In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die Männer der Wissenschaft.
So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.
Als der Geheime Hofrat ProfessorDr.Koester in Leipzig gelegentlich seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig, es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.
Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.
Der Verlag