Um Dagny heulen wir Gespenster . . .

Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann . . .

Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. Die Ebene streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre Wiesen schäumten, ihre Wälder atmeten. Die Stadt erklang. Tausend silberne Glocken, Trompeten schmetterten, Gesänge strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und Menschenzügen.

Studie zu einem Roman

Wie ein sterbendes TierLieg’ ich in deinen Armen . . .

Dagny.

Mais de toi je n’implore, ange, que tes prières . . .

Baudelaire.

Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische des „Urania-Cafés“ — (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische Lawinenflügel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem Hinfall . . . wiederum mit tödlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, . . .) — der junge deutsche Mann, normal gebaut, bürgerlich aussehend, die dunklen Haare geordnet — weit in die Stirn gekämmt —: Jean Bousset.

Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte höflichst, ob wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich ihm gegenüber und bestellte einen heißen Tee (mit Zitrone).

Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Großstadt, jenes B . . ., in dem Dagny weilen mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M . . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, einen Untergang forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein System des Verfalls zurechtgebildet, indem er häufig Hemmungen in den allgemeinen Abrutsch einschob, — somarkierteer den raffinierten Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! — umfangreiche Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich abbrach, gewisse „Kunst“-Pausen zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu entziehenvermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.

Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer Verwesungsgeruch — wie wunderbar! — strich. Die grauen struppigen Haare des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang. Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten und querten sich unter magischem Zeichen.

Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in einem gebrochenen Deutsch:

„Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu spazieren durch die grüne Nacht!“ —

— — Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais, triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären). Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.

O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .

Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen.

Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . .

Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.

Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen.

Was für ein Mädchen!

Ein Schrei!

Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . .

Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter erregter Straßenläufe des Lebens Nährmutter und Fürsprecherin,unser aller Sonne, in heiliger Frühe . . .

Nicht zu leugnen —: seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . (bei der, wie sich immer mehr und mehr herausstellte, Georg Forstner die Hauptrolle spielte, Georg Forstner, der einzige unter den jungen Leuten, diesen Romains und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen zu bekennen . . . denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich Hans Witting) seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . war Jean Bousset vollständig zusammengebrochen.

Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare Stellung, wie sich bald herausstellte, ein sturmsicheres Objekt, auf das Jean Bousset unermüdlich und verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich war es, sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug, diese Auflösung einer glänzenden Armee!

Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen und Zusammenstürzen klingende Himmelfahrten und jubelnde Aufbrüche!

Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurück.

Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen.

Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte.

„Fetzen“, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung, aber er ergab sich, blaß, demütig und fromm (. . . beseligend: sich so wegwerfen zu müssen . . . tiefer, immer tiefer, wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht nicht noch eine etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, das genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? . . .)

Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am Abend, legte sich zu Bett und begann, die Hände wie zum Gebet gefaltet (. . . derweil seine Augen Distanzen durchstachen, tief einmündend in jenes morbide Hyazinthenwunder . . .):

„Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger, ewiger Gott! Ich bin niedrig und voller Qual, widerlich und unausstehlich, ein elendes, vor dir winselndes Vieh, das— o wolltest du! — bald Frieden finde, zusammengekauert, zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen einsamen und stillen Winkel.“

„Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen im Grunde Betrug und Verrat und sind ohne Bestand, und ich danke Dir, Dir Linderer meiner Schmerzen, daß Du mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.“

„Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für die Nacht. Ich preise Dich ob der Wunder und der durchströmenden Wärme des Sonnenlichtes, für die Wohltat des Schlafes benedeie ich Dich dreifach.“

„Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der mich wirft in Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt mit Jammer und Trübsal, ich lobe Dich, Dich Peiniger, der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte sammelst.“

„Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein verbrauchter und abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter Rock, den man zum Trödler schenkt, ein Spülicht, ein Kehricht, ein Abfall . . .“

Von Dagny kamen noch zwei Briefe.

Der eine lautete:

„Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir nicht zu schreiben. Ich dachte auch, Du würdest kommen. Ich bin von einer Unruhe, die mich fast tötet. MeineSchwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im Freien mit, dann komme ich nach M . . . . ., obwohl ich hier meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin sehr verzweifelt und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht sprechen. Leb wohl, ich wollte so viel schreiben. Wenn ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu Dir, und ich habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich an und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.“

Der andere:

„Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir Geld zu senden. Ich bin es gar nicht wert, weil ich huren und stehlen will. Alles Gute. Dagny.“ . . . Jean Bousset kam gegen Morgen heim.

Vogelchöre heulten, daß sich Jean Bousset die Ohren zuhielt. Ein scharfer Eiswind warf sich ihm entgegen, eine ganze Welt brannte dahinter. Alles hatte sich gegen ihn verschworen.

Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen blendenden Glanz erfüllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde sich bei seinen Eltern zu Haus, in seinem Kinderzimmer, und wäre wieder ganz jung. Daß es nicht so war, erkannte er sofort.

Er fiel über einen Stuhl, er blieb über der Lehne hängen, das Gesicht nach unten.

Später gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen.

Er deckte mit den Händen die Augen zu.

Die Große Stunde war gekommen.

Der Mond stieg aus einer grünen Nacht, schaukelnd, unter sprühendem Feuerwerk.

Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um ihn wehend . . .

(. . . wie süß du bist, Liebling, wie schön es ist, bei dir zu liegen . . . es wird uns leicht, wir schweben . . .). . . eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brände . . .

(. . . Bestie! . . . Saukerl . . . He?! . . .). . . eine weitere Nacht, heiß und tiefblau . . . (und er war Staunens voll, daß es soviel Nächte gäbe! . . .) . . . eine weitere Nacht, kühl und erschauernd . . .

(. . . laß mich . . . he?! . . . etwa dein Schnellschreiber, bei dem du . . . Äh . . . keen Geld . . . eene in die Fresse . . . he?!). . . und endlich eine letzte, (. . . da bildeten seine Lippen wohl den Namen Dagny . . .) eine letzte Nacht (eng wie ein Bett) hölzern, rechteckig und feucht . . .

(. . . fahr hinab, Liebling . . . äh . . . du?! . . . so schlottrig, schmutzig, zerbrechlich und dünn . . . kleene blonde Klapperschlange mit großen, abgesprungenen Raubtierzähnen . . . äh . . . Schscheiße . . .)


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