»Herbst ist es nun, Stürme des Meeres, die wollen nicht ruhn!« So hatten wir in der rührenden Klage der schönen Ingeborg gelesen. Jetzt wurden wir still, die beiden jungen Mädchen, denen ich die Frithjofssage zum ersten Male vorführte, waren ergriffen von den eben gehörten Worten und schauten beide sinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles stimmte zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie früher in der »Schulstube«, meinen nun erwachsenen Schülerinnen ihre deutschen Stunden gab. Die Sessel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhänge und die Tapeten der Wände waren dunkelfarbig, durch die Glasthür und über die Veranda hinaus sah man auf den winterlichen Park und blickte von dem grauen, windgefegten Himmel nur um so lieberzurück auf die warmen Farben des kleinen Raums und in die prächtig glühenden Kohlen. Lucy stand jetzt von ihrem niedrigen Sitze auf und schaute, die hohe Gestalt leicht nach hinten gebogen, aus dem Fenster, während sie vor dem Feuer stehen blieb. Wie oft sah ich sie jetzt still bewundernd an, sie war gar so schön; in diesem Augenblicke verkörperte sie mir Ingeborg, ein Maler hätte sich kein edleres und lieblicheres Vorbild für die königliche nordische Jungfrau denken können. Und nun richtete sich neben Lucy eine Andere auf, umfaßte sie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden über dem Kaminsims sich erhob. Da sah sie, wenig kleiner als die Lucy's, eine dunkle Gestalt und ein bleiches Gesicht, welches, wie es ihr schien, die Jugendfrische der Gefährtin nur mehr hervorhob, und wendete sich leise seufzend ab.
Solche Anwandlungen gekränkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der immer prächtiger erblühenden Lucy, nicht ohne daß ich mich ihrer stets geschämt hätte, und das um so mehr, je enger ich in herzlicher Liebe und Anhänglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich empfangen wie eine Tochter, die man längst erwartet; mit dem Takte der Herzensgüte richtete Frau Gray Alles wie für einen beständigen Aufenthalt um mich ein, ich sollte das Hauswie meine Heimat betrachten lernen. Von meinen Verhältnissen hatte ich Einiges fallen lassen, mehr schien die Dame, wie ich mir dachte, von dem Freiherrn erfahren zu haben; es war mir klar, daß man mich zwar für heimatlos, aber nicht für arm und von meiner Arbeit abhängig halte. Es kam mir vor, als überlasse man mir die wenigen Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Töchter etwa noch forderte, nur um zu verhindern, daß ich mich für unnütz und überflüssig im Hause halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel, länger als Erzieherin bei ihr zu fungiren, eröffnete, da die jüngern Kinder eine Gouvernante hatten, bat sie mich so inständig zu bleiben, wußte so viel von dem guten Einfluß zu sagen, den ich auf die Mädchen haben sollte, von ihrer aller Gewöhnung an mich und dergleichen, daß ich mich auf eine Zeit lang wieder beruhigte.
Ich hatte das Haus ziemlich still gefunden bei meiner Rückkehr. John war in seinem ersten Semester zu O., wo er mit Forster, der an der Universitätsbibliothek eine ehrende Anstellung erhalten hatte, zusammen hauste; Roger war auf Reisen. Uns wurde indessen die Zeit nicht lang, wir gingen, ritten und fuhren umher, nähten und lasen und thaten, was jeder Tag verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Abwesendengesprochen und die Zeit leise herbeigesehnt, da man wieder einmal zusammensein würde wie »damals«, das hieß, den ersten Herbst nach meiner Ankunft.
Auch an jenem Nachmittage, da wir der zunehmenden Dunkelheit wegen unser Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir sprachen von Forster, rühmten ihn und tauschten unsere Muthmaßungen über seine künftige Carrière aus, ob er sich ganz in England einleben, einen englischen Hausstand gründen und dazu ein englisches Weib nehmen, oder ob er, wenn eine Amnestie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten sollte, sich der Heimat zuwenden würde. Mit dem den Engländern häufig eigenen Ernst in kleinen Dingen wurden diese Möglichkeiten von den beiden jungen Geschöpfen neben mir gründlich erörtert. Darüber, daß man wisse, er habe von mir eine Zurückweisung erfahren und wie bleich und grämlich er danach umhergegangen sei, hatte ich schon früher vertrauliche Mittheilungen entgegennehmen müssen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder: »Ach, wie haben Sie es auch nur thun können, Miß Margareth! Ein so guter Mensch! Ich würde es nicht übers Herz bringen, nein zu einem zu sagen, wenn ich sehen könnte, daß es ihn so sehr kränken würde.«
Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernst zu nehmenund dem Kinde auseinander zu setzen, wie dieses Nein unter Umständen die heilige Pflicht eines ehrlichen Mädchens sei, wußte ich doch auch, daß sie nicht so einfältig sei, wie sie sich oft zu stellen liebte. Von der Schwester wurde sie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht um eine kleine Rache auszuüben, sagte sie leichthin: »Und wann kommt der Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?«
Ich fühlte plötzlich die Nothwendigkeit, mich niederzusetzen; die Schwäche, welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte in den jüngsten traurigen Vorgängen zum Theil ihren Grund haben. Doch bemerkten die Mädchen nicht, daß Blanche, gegen ihren Willen, die Schwester mit ihrer kleinen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob den schönen blonden Kopf langsam in die Höhe und sagte gleichmüthig: »Herr von Günthershofen schrieb mir, wie Du weißt, vor einem Monat zuletzt aus Südfrankreich und meinte, es wäre möglich, daß er Weihnachten bei uns zubrächte.«
»Und Du hast ihn in Deiner Antwort gebeten, sich durch nichts abhalten zu lassen«, fuhr die ungezogene Jüngere beharrlich fort.
»Nein«, sagte Lucy, die nicht aus der Fassungzu bringen war, mit einem schalkhaften Ernst, der sie zum Entzücken kleidete, »nein, das würde sich schlecht schicken; aber er weiß, daß wir uns alle freuen, wenn er kommt. Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr?« fragte sie mich, indem sie sich zu mir neigte und meine Hände zwischen ihre schlanken Finger nahm. »Gewiß«, erwiderte ich. »Und so ist es Ihnen nicht unangenehm, hier mit ihm zusammenzutreffen?« Ich antwortete, indem sich mir das Herz schmerzlich zusammenzog, mir wurde bang bei der Aussicht auf eine Zeit, da ich jeden Tag bittere Schmerzen zu leiden haben würde, ich fürchtete mich davor, wie man sich vor dem Zahnweh fürchtet.
Noch spät, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, saß ich vor dem Feuer und suchte mir klar zu werden, ob es nicht zu feig für eine Günthershofen sein würde, denn mein Geschlecht legte mir, wie ich damals glaubte, noch ganz besondere Verpflichtungen der Selbstzucht auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorstand, auf gute Art zu entkommen suchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswürdige, sehr alte Leute, hatten mich wiederholt zu sich eingeladen, ich konnte den durch meinen Verlust sehr gerechtfertigten Wunsch nach einer Ruhe aussprechen, die für die kommenden Wochen im Hause nichtzu erwarten stand, und dort, fern im Norden Englands, eine stille Festzeit verleben. Aber eins ließ ich bei diesem Plane außer Acht, meine große Sehnsucht, den Freiherrn zu sehen, und wäre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und seine liebe Stimme zu hören. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mächtiger, je näher die Zeit heranrückte, in welcher wir seine Ankunft erwarten durften, die er inzwischen mit Bestimmtheit angesagt hatte; nach meiner damaligen verschrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Verlangen der Beweggrund für mich, meinen Fluchtplan immer ernstlicher ins Auge zu fassen. »Es ist eine Schwäche« – das war der Name, den ich gern jeder natürlichen Regung beilegte – »und ihr nicht nachzugeben bist du dir schuldig«; so sagte ich zu mir selber, und bedachte ich nun erst, wie ich auch das fröhliche Gesicht John's und Roger's freundlichen Ernst entbehren sollte und all die vielen behaglichen Scenen des köstlichen weihnachtlichen Familienlebens, so erschien mir die Reise erst recht als ein verdienstlicher Act der Selbstüberwindung.
Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zimmer der Frau Gray, in der Absicht, ihr meinen Wunsch mitzutheilen. Die liebe Frau saß am Schreibtisch, beschäftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billetshaushaltlichen Inhalts, deren die englische Hausfrau so viele schreibt, da der nothwendige Verkehr mit dem Fleischer, Krämer und Gemüsehändler größtentheils ein schriftlicher ist. Ihre anmuthige Erscheinung ist mir gerade von jenem Tage besonders im Gedächtniß geblieben. Die stattliche Höhe, das noch immer schöne und reiche, von vielen Silberfäden durchzogene Haar um ein liebenswürdiges, etwas scharfes Gesicht, dem man die frühere Schönheit ansah, die sichern, ruhigen Bewegungen, die gewinnende Art zu sprechen, alles das machte sie würdig und geschickt, an der Spitze einer so harmonisch entwickelten Familie zu stehen, als Gattin eines echten Gentlemans, als Mutter schöner, kräftiger und braver Söhne und Töchter. Sie sah mir an, daß ich eine Unterredung wünschte, und stand daher sogleich auf, um sich behaglich, auf Alles gefaßt, wie sie lächelnd sagte, am Feuer niederzulassen.
»Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen abmerken.«
Als ich mein Anliegen vorgebracht und begründet hatte, schüttelte sie den Kopf.
»Jetzt, in dieser Jahreszeit dahinauf – Sie werden krank werden, und dann, gesetzt Sie kämen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einsamen Hause verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungenmehr annehmen und zu denen gewiß in diesem Winterwetter auch kein Mensch kommt, da muß ja eine junge Seele wie Sie melancholisch werden. Und nun erst die Kinder hier! Was sollen die Mädchen ohne Sie anfangen? Und die Jungen, die werden es mir nie verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sagt doch John in jedem Briefe, wie sehr er sich auf Sie freue, und Roger, der so große Stücke auf Sie hält!«
Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt sie nach ihrer Art eine Weile inne und beschränkte dann selber ihre Gründe gegen meine Absicht.
»Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir würden Sie alle sehr vermissen, aber das ist Nebensache. Auch sind ja Blanche und Lucy alt genug, um im Hause selbstständig figuriren zu können, und in Gesellschaft zu Andern kann ich sie begleiten. John würde seine Enttäuschung mit Würde tragen müssen und Roger ist vernünftig genug, um Ihre Gründe zu ehren. Aber Sie selbst, liebe Maggie, sind Sie auch sicher, daß Sie das Rechte wählen? Denken Sie darüber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt ist, wenn Sie sich von Freunden, von unschuldigen Familienfesten zurückziehen, um nur Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.«
In dem liebevollsten Tone fuhr sie fort mir abzurathen,während ich schwieg und meine Lüge immer peinlicher, immer entwürdigender empfand. Ich konnte es zuletzt nicht mehr ertragen, stumm dazusitzen und mit sanftem Vorwurf, dem sich eine gewisse Anerkennung beimischte, mich von meinem Vorhaben abmahnen zu lassen, ich war auf dem Punkte, der mütterlichen Freundin Alles zu gestehen, ihr zu sagen, daß, so viel und so sehnlich ich auch immer an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verlust nicht der Grund sei, weshalb ich das Leben hier für die kommenden Wochen so sehr fürchte, da störte uns irgend ein geringfügiger Vorfall, ein Dienstbote mit einer Frage, soviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geschwebt hatten. Wir verharrten eine Weile schweigend, bis Frau Gray sagte: »Wenn Sie bei Ihrem Wunsche bleiben, Maggie, so steht es mir nicht an, Sie zurückhalten zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen sehr langen Urlaub bewilligen, denn ich halte mich für Ihre leibliche und geistige Gesundheit doch einigermaßen verantwortlich, obgleich unser Gesetz Sie für mündig erklärt. Einer von den Jungen soll Sie gleich nach Neujahr wieder hierher holen; Sie versprechen mir dann zu kommen.« Ich schlug zögernd ein, sie zog mich an sich und küßte mich. »Kind«,sagte sie, wieder Kind, wie der Freiherr schon damals mich genannt hatte. Mich peinigte das, so sehr mich die Güte der liebenswürdigen Frau rührte; fast wie der thörichte Tannenbaum im Andersen'schen Märchen, der nur wachsen will, sehnte ich mich danach, alt zu werden, um endlich einmal in der Welt für voll zu gelten.
Der Widerstand der Dame meinem Vorhaben gegenüber war Kinderspiel gewesen gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; für nicht viel abenteuerlicher und absonderlicher als die projectirte Reise hätten sie es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelriesen hätte unternehmen wollen. Uebrigens waren sie wirklich betrübt darüber, daß ich sie verlassen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht selbstsüchtig vor bei dem eigensinnigen Durchführen einer Maßregel, mit der ich doch nur mir selber Schmerzen ersparen wollte, welche schon so Viele haben ertragen müssen. Aber ich mußte fort, die leise Reue half nichts; traurig sagte ich dem Hause, dessen Fenster wohnlich schimmerten, um das die immergrünen Stechpalmenhecken freundlich standen, sagte dem leeren Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl.
Lucy fuhr mich selber nach dem Bahnhofe, obwohl sie noch ein wenig mit mir schmollte. »Wissen Sie«, sagte sie, nachdem wir einen Theil des Weges schweigendzurückgelegt hatten, plötzlich, »wissen Sie, daß ich die ganze Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?« Sie sah mich dabei mit den großen Augen forschend an; zum Glück hatte die scharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Gesicht schon geröthet, so mochte das Blut, was ich mir in die Wangen steigen fühlte, sich nicht weiter bemerklich machen. Im beruhigenden Bewußtsein dieses günstigen Umstandes vermochte ich denn auch bald gleichgültig zu fragen, wie sie darauf komme.
»Das will ich Ihnen sagen«, entgegnete sie und entwickelte nun ihre Gründe mit der Klarheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. »Einen Mann wie Ihren Vetter kann man nicht so einfach nicht leiden können; entweder man hat ihn, an Ihrer Stelle natürlich, gern, schon weil er ein Verwandter, und hat ihn sehr gern, weil er ein überlegener, besonderer Mann ist, oder man sieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur so kann er einem mißfallen, und dazu gehört ein sehr triftiger Grund. Es steht etwas zwischen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum ist Ihnen seine Nähe unangenehm.«
Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die für eine junge Dame recht scharfsinnig war, hatte einmal Recht gehabt, aber jetzt, wie anders war es jetzt!
»Sie wollen es nicht eingestehen«, meinte sie, als ich nachdenklich schwieg.
»Nein«, sagte ich mit einiger Hast, »ich habe nichts zu verhehlen. Früher waren Familienverhältnisse die Ursache, daß ich dem Vetter, der übrigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt ist und den ich nur der Bequemlichkeit halber so nenne, allerdings nicht freundlich gesinnt war, jetzt hat sich Alles aufgeklärt und wir stehen so gut mit einander, wie man es verlangen kann. Es freut mich, daß Dir der Freiherr so gut gefällt, Lucy« – hier machte ich eine Kunstpause – »daran kannst Du sehen, daß ich ihm wohlwill.«
»Was kann es für ihn ausmachen, ob er mir gefällt oder nicht«, sagte sie gleichmüthig; sie hatte sich entweder sehr in der Gewalt oder sie empfand bei der Nennung seines Namens nicht das, was ich meiner überklugen Hypothese nach erwartete.
»Leben Sie wohl, Sie deutsche Wassernixe«, sagte sie, als ich schon im Coupé saß und sie mich leicht und mit Grazie küßte.
»Was soll das nun wieder heißen, Lucy?«
»Nun, Sie sind wie die Frauen im Märchen, die hatten unter ihren Kleidern einen Fischschwanz und außerdem kein Herz.«
»Ich danke für den Vergleich, schöne Ingeborg.«
Sie lachte und gab mir die Hand. »Aber so eine Undine kann unter Umständen ein Herz bekommen«, flüsterte sie noch. »Sie haben die Geschichte gelesen und gehen der Gefahr aus dem Wege.«
Damit ging das seltsame Mädchen und ließ mich in der nicht eben beneidenswerthen Stimmung derjenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht, daß sie in einem recht dummen Streich begriffen sind, während sie meinten, einen erhabenen Sieg über sich selbst davonzutragen.
Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden nun bald erfahren, ob – immer vorausgesetzt natürlich, daß er nicht schon längst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen läßt. Wie weit aber sind die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick eröffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewußt die Krisis herannaht, von jener köstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann genießt,wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Höhe der Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schicksale eintreten müsse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen, geraden, trübseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirst es tragen müssen, sagte ich zu mir selber, daß von vielen nun kommenden Tagen dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbürdet, die bis zum Abend getragen sein will, und es ist nur gut, daß die Zeit – denn so klug oder so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen – daß die Zeit diese Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich durchaus nicht, viele Thränen in mein Taschentuch hinein zu weinen, sodaß ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die Wiesengelände der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in deneigentlichen Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast traurig anzusehen, daß mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich empfand den Genuß – er wird einem nicht eben häufig zu Theil – mich in einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieses melancholischen Behagens klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild und frühlingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete, verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder draußen hatten; wie gefeit erschien die nächste Umgebung des Hauses und das Haus selbst wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen; aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen draußen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenschloß, von eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß.
Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweise spätfür sie, wie mir die alte Dame freundlich sagte, saß ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzählte, erzählte alles Mögliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden, von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege, gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Großmutter dem Leben dort folgte, das vortreffliche Gedächtniß und die scharfe Beobachtungsgabe, welche sie dabei unterstützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise wußte sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen Zwischenräumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes, erzählt zu bekommen, und ich erzähle so hübsch, meinte sie. Uebrigens wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders gut; der alte Herr war der Repräsentant einer in ihrer Reinheit immer mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den oft romantischen Geschichten der in der Nähe begüterten Adelsgeschlechter und sonstigen Honoratioren, dazu unerschöpflich an Jagdanekdoten und nebenbei treu anhänglichden literarischen Koryphäen der Periode, in welche seine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freisinniger, als es die Klasse, zu der er gehörte, zu sein pflegt – man konnte sich keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wünschen. Es ist mir erst in spätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich selber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er schilderte, sodaß sie zu köstlich vollendeten Bildern wurden – es war ein Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute groß gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist, ohne sie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewußtsein des nicht zu lösenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt. Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gänzlich; sie hatte große Reformationsgelüste und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in einander gelebt, daß es eine Lust war, sie zu beobachten.
Fast dünkt mich, als hätte ich hier in meiner Erzählung einen Fehler begangen, indem ich durch diese objective Beurtheilung meiner beiden liebenswürdigen Wirthe von vornherein beim Leser jeden Hauch der Stimmung verscheucht habe, die mich doch während meines Aufenthalts in Eldhall fast durchgängig beherrschte und welche ich durch den Vergleich des Hauses mit einem verzauberten Schlosse anzudeuten gesucht. Mein ungestörtes Zusammensein mit dem Herrn und der Frau vom Hause beschränkte sich nämlich, die Hauptmahlzeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich einen ansehnlichen Theil der trüben Wintertage einnahmen; am Morgen und frühen Nachmittag war ich meist allein, wie ich es mir wünschte, und diesen Stunden schrankenloser Träumerei hielt die Zeit des heitern Zusammenseins um so weniger das Gleichgewicht, als die Geschichten des alten Herrn gar oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nähren. Ich versenkte mich gern in das Gefühl der Abgeschiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und hätte gewünscht mir einbilden zu dürfen, es würde stets so bleiben und wir von allem Verkehr auf immer abgeschnitten sein. In dem altmodischen Garten zwischen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stück in die Wiesen hinein, welche uns rings umgaben, hier undda von Gehölz, den Resten eines alten, großen Waldes, unterbrochen, wo sich Brombeerranken um die Stämme zogen, an denen braungrüne, scheinbar lebende Blätter noch hingen, und wo es üppiges Moos und feuchtglänzende Epheublätter in Menge gab. Das Alles hatte freilich ein Ende, als nach plötzlichem Umschlag des lauen Wetters zu scharfem Froste ein heftiger Schneefall eintrat, der das Hinausgehen unmöglich machte. Da saß ich denn viel für mich und es fehlte mir zu dem trauernden, einsamen Fräulein der Märchen nicht einmal das Thurmgemach. Das Gebäude erfreute sich nämlich eines hervorspringenden Erkers gerade an der Seite, wo der Garten sich terrassenartig hinabsenkte, sodaß man unterhalb in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingeräumt, zu dem nur leider keine Wendeltreppe führte. Jetzt nach Jahren kann ich über das Schmerzbehagen lächeln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee nach den Krähen blickte, welche um die meinem Fenster nahen Spitzen der aus der Tiefe ragenden Föhren flogen, kann darüber lächeln, daß mir dies Zimmer für eine wehmüthig resignirte Stimmung, in die ich mich gern versetzte, fast unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch diese wunderlichen Arabesken von dem wirklichen Grame, der leise nagenden Sehnsucht, die sie hervorbrachte, zusondern, darf mir das Zeugniß geben, daß ich wirklich und ehrlich litt, nicht nur phantastisch mit dem Gefühle spielte.
Mit der tiefen Einsamkeit übrigens, die mir so sehr zusagte, hatte es ein Ende, sobald der Schnee rings zu Wegen und Stegen sich geebnet hatte und schönes klares Wetter eingetreten war. Da sprachen die benachbarten Grundbesitzer häufig nach der Jagd bei uns ein und fanden gastlichen Empfang; sogar die jüngern Sprößlinge hochadliger Häuser verkehrten auf diese Weise ganz freundschaftlich in Eldhall. Sie kamen, wie die alte Haushälterin augenzwinkernd behauptete, jetzt öfter als sonst; die Kunde, es sei eine junge Dame aus Goldwell-House da, mochte sie anlocken, denn jeder dachte dabei gleich an die schöne Lucy, welche die Großältern nicht selten besuchte; ich muß es den meist stattlichen, liebenswürdigen jungen Leuten nachsagen, daß sie ihre Enttäuschung, nur mich zu finden, mit gutem Anstand verhehlten. Außer diesen Besuchen und noch mehr als sie bildeten die Briefe aus Goldwell-House Ereignisse in unserm Leben, wahre Chroniken im Ganzen, die einzelnen aber doch immer ziemlich kurz; unsere Correspondenten, zu denen sogar die ältesten der »Kleinen« schon gehörten, vertheilten den zu bewältigenden Stoff gewissenhaft unter einanderund eine Epistel ergänzte die andere. Da hörten wir, wie die jungen Leute angekommen waren, einer nach dem andern, auch Forster unter ihnen. »Er fragte gleich, nachdem er sich gesetzt hatte, wo denn Fräulein Margarethe sei«, schrieb klein Annie mit zolllangen Kinderbuchstaben; meinen Brief mit der Erklärung hatte er unbeantwortet gelassen, ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. Von John lief bald darauf ein acht Seiten langes Billet an mich ein, in welchem er im Tone erhabenen Unwillens die Freuden schilderte, welche ich durch meine Einsamkeitsmanie entbehre, und ein anderes an die Großmutter, worin er sie bei allem Möglichen beschwor, mich auf der Stelle fortzuschicken; die Gesellschaft wurde uns beschrieben, welche sich am Weihnachtsabend im Gray'schen Hause zusammengefunden. Von Blanche erhielten wir Bericht darüber, was eine jede junge Dame »angehabt«, sie und Lucy eingeschlossen; daß Lucy sehr gefallen, hörten wir aus derselben Quelle. Lucy selbst ließ sich herab, der Großmutter eine ausführliche Beschreibung der Pfänderspiele jenes Abends zu liefern und der Ereignisse, die sich dabei zugetragen. Frau Gray erzählte von ihren Arrangements zum Empfang der Gäste, wobei sich mancher Wink der alten Dame trefflich bewährt hatte. Dann folgten in kurzen Zwischenräumen Bulletinsüber eine ganze Serie von Vergnügungen, kurz, wir erhielten wie durch eine magische Laterne Einblicke in ein buntes, fröhliches Treiben, welches sich aber zu unerhörten Festlichkeiten zu steigern versprach, da nach Blanche's immer häufigern geheimnißvollen Andeutungen eine Verlobung in der Familie, Verrath im Lager, wie sie's ausdrückte, nahe bevorstand. Dabei wurde immer dringender auf meinem Kommen bestanden; von meiner Verabredung mit ihrer Mutter, wonach ich bleiben sollte, bis man mich abhole, schienen die jungen Leute nichts zu wissen. Und bei alledem kein Wort vom Freiherrn! Daß auf Lucy's Verlobung angespielt werde, bezweifelte auch die Großmutter nicht; ich war im innersten Herzen überzeugt, er wünsche sie sich zu erwerben. Wo aber blieb er? War er schon längst in Goldwell-House, wo man ihn doch erwartet hatte, und man verschwieg absichtlich seine Ankunft? Mir wurde bei dieser Ungewißheit bald unerträglich zu Muthe; ich hatte geglaubt, die Nachricht von seiner Verständigung mit Lucy hier, wo ich sicher war, nicht auf unbequeme Art beobachtet zu werden, ziemlich ruhig hinnehmen und mit mir selber im Stillen fertig werden zu können. Auf diese Spannung hatte ich nicht gerechnet; es erwuchs daraus ein Zustand der Qual, wie ich ihn zuvor kaum für möglichgehalten hätte, und doch wagte ich nicht, ein Ende zu machen, indem ich mir von Blanche, wie ich wohl gekonnt hätte, im Vertrauen eine Erklärung erbat. Dazu fiel mir endlich die Gleichgültigkeit der Großmutter gegen die Sache auf. Hatte sie von ihrer Tochter Nachricht erhalten, ohne daß ich's wußte? War man übereingekommen, aus irgendwelchen Gründen die bevorstehende Verlobung vorläufig vor mir geheim zu halten? Ich klammerte mich an dieser ungereimten Voraussetzung fest und sie störte mein bisher so gutes Verhältniß zu der alten Dame; dieselbe kam mir plötzlich herrisch und kalt vor. Wahrscheinlich ging von ihr der Plan aus, mir nichts zu sagen, bis alles im Reinen war; die Andern hätten daran nicht gedacht, sie aber spielte ja so gern die Vorsehung; gewiß redete sie sich noch dazu ein, es geschehe Alles zu meinem Besten. Ich konnte in ihrer Gegenwart nicht mehr frei wie sonst sprechen, denn immer kam es mir vor, als würde die Unterhaltung von ihr geschickt um unsichtbare Klippen herumgesteuert; die Unbefangenheit des alten Herrn dagegen wurde unter diesen Umständen eine Wohlthat für mich. Ich schloß mich ihm auch immer enger an, ich las ihm vor und ging und ritt mit ihm herum, und wir waren so gute Freunde, daß seine Gattin gutmüthig genug über meine Neigung zu ältern Herrn spottete, worinich dann sogleich einen gewissen Bezug entdeckte. Seine Erzählungen aus längstvergangener Zeit, von Leiden und Freuden, über die »schon lange Gras gewachsen war«, vermochten auch am ehesten den Geist der Ruhelosigkeit zu bannen, der mich quälte. War ich aber allein, dann machten sich bei mir die Personen aus seinen Geschichten den Rang streitig mit denen der Wirklichkeit, von welchen ich fern lebte, ja sie wurden wirklicher, körperlicher als jene, welche seltsam erblaßten und zurückwichen; ich war wieder einmal die Beute meiner Phantasie, einer Phantasie, die, ohne Gestaltungskraft nach außen, stets, bald zum Heil und bald zum Unheil, große Macht über mich besessen. Jetzt erwies sie mir die zweifelhafte Wohlthat, die Pein, welche ich fühlte, nach und nach in einen dumpfen, traumartigen Schmerz zu verwandeln; ich empfand sie nur als ein dunkles Etwas, welches über mir lag und woran die Trauer um den schönen jungen Lord, den vor fünfzig Jahren sein eigener Vater im Gehölz in der Nähe nach wüthendem Wortwechsel erschossen, weil er von einer armen Braut nicht lassen wollte, so viel Antheil haben mochte als etwas Anderes. Ich trug meine trübselige, beängstigende Gedankenwelt gern hinaus, um sie los zu werden, ich machte weite Gänge, ich wollte das Draußen auf mich wirken lassen, aber das halfwenig, die Gegend erschien mir öde, die Menschen hatten traurige Gesichter.
Als ich einst von einer solchen unerquicklichen Streiferei zurückkehrte, da es schon dämmerte, stand die Haushälterin mit wichtiger Miene in der Thür. »Es ist Jemand da, Fräulein«, begann sie diplomatisch die feierlichen Eröffnungen, welche sie vorhaben mochte. »So«, sagte ich gleichmüthig und wollte an ihr vorüber. »Ja, aber ein fremder Herr, er kommt von Goldwell-House.« Ich begann zu zittern und lehnte mich leicht an den Thürflügel. »Ich glaube, er bringt gute Nachrichten«, fuhr sie fort; war sie von der Herrin, die ihr viel Vertrauen schenkte, angewiesen worden, mir die Sache beizubringen, und hier, in der Hausthür? Dagegen rebellirte ich innerlich, ich wendete mich und ging mit einem kühlen Wort nach meinem Zimmer. Die Alte folgte mir und trat mit ein, um nach dem Feuer zu sehen.
»Fräulein werden sich anziehen wollen und es ist ganz kalt hier! – Ich glaube, der Herr ist ein Landsmann von Ihnen; er spricht wie Sie, auch sehr gut, aber man hört doch, daß er ein Fremder ist. – So, nun brennt's wieder, nun will ich geschwind noch etwas zum Thee backen.«
Also Forster einmal wieder; er kam, um mich zuholen; er brachte die Nachricht von Lucy's Verlobung; ich würde mit ihm unterwegs über das Ereigniß zu sprechen haben. Wie zartfühlend, gerade ihn zu schicken – ich hörte mich plötzlich laut lachen und erschrak vor der eigenen Stimme. Was ich bisher gelitten, war Kinderspiel, jetzt erst kam die ganze Wucht auf mich nieder; mir war, als schlüge mir ein heißer Brodem entgegen aus einem Orte der Qual und ich müsse hinein, hindurch. Scheu, als stände das Unglück körperlich hinter mir, sank ich in die Kniee und faltete angstvoll die Hände, aber ich konnte nicht beten, weil ich wußte, daß kein Gott den Menschen das Leid ersparen kann, was sie sich selber einer dem andern bereiten. »Das thutermir«, dachte ich bitter, »und ich habe ihn doch so lieb, so lieb!« Daß es gerade die ungerufene Liebe sei, die mir Schmerz mache, hätte ich mir vernünftigerweise sagen müssen, aber ich war nicht vernünftig, sondern unglücklich. So elend, wie ich niedergekniet war, stand oder fuhr ich wieder auf; es war ja Alles eins, ich mußte die kommende Zeit durchleben, wenn es nur geschwind, geschwind gehen wollte. Hastig schritt ich auf meine Kommode zu und zog ein Fach heraus, dann stand ich da und besann mich, was ich hatte herausnehmen wollen; lange konnte ich nicht darauf kommen, was ich eigentlich zu thun im Begriffgewesen sei. Da ging unten eine Thür und nun fiel mir ein, daß ich hinunter müsse; mit unsaglichem Ekel nahm ich eine Schleife und befestigte sie im Haar. »Auch das noch, auch die Mühe noch zu den Schmerzen! Wäre ich doch todt!« dachte ich dabei.
Als ich ins Speisezimmer trat, fand ich es nur vom ungewissen Feuerschein erleuchtet, man hatte Dämmerstunde gehalten, das aber konnte ich erkennen, daß die Gestalt, welche sich von dem niedrigen Sitze neben dem Kamin zu stattlicher Höhe aufrichtete, nicht die Forster's sei; wie im Traume hörte ich mich von einer tiefen Stimme in gedämpftem Tone, der zu dem Dämmerlichte paßte, als liebe Margarethe begrüßt und fühlte einen Händedruck, bei dem mich eine Wonne durchfuhr, wie ich sie nie zuvor empfunden; die Last war vom Herzen verschwunden, er war da, in seiner Nähe war Ruhe und Glück. Nach wenigen Augenblicken freilich, als die Lichter angesteckt worden waren und der Freiherr und ich uns officiell begrüßt hatten, kehrte mir das Bewußtsein von dem Zwecke seiner Reise zurück, die ich mir leicht deuten konnte; er wollte sich den Großältern als künftigen Gatten der ältesten Enkelin vorstellen und nebenbei mich nach Hause zurückgeleiten, damit ich den Verlobungsfeierlichkeiten beiwohne. Seltsamerweise aber wollte mich trotzdem das Gefühl derinnerlich erwärmenden Freude nicht verlassen. »Ich werde doch einen ganzen Tag mit ihm zusammen sein dürfen«, dachte ich; »er wird neben mir sitzen und zu mir sprechen; bin ich doch seiner Sorge für diesen Tag anvertraut, bin für diesen einen Tag noch ein Etwas in seinen Gedanken. Nachher komme, was da will; und müßte ich ihn mit meinem Leben erkaufen, ich gäbe den morgenden Tag nicht hin. Ja, könnte ich nur den nächsten Morgen sterben, das würde bei weitem das Beste sein.« Unter solchen Gedanken wagte ich doch nur dann und wann nach dem Freiherrn hinüberzublicken und dann fand ich mehrmals seine Augen auf mir ruhen und freundlich aufleuchten, sobald sie den meinen begegneten. Er war glücklich, wie gut ihm das stand; gleichviel, weshalb er es war, und wenn auch nicht um meinetwillen, und was konnte er, was konnte ich dazu, daß ich ihn gar, gar so lieb hatte! Ich fühlte in manchen Augenblicken an jenem Abend den Muth, es ihm zu sagen; ob mir derselbe Stich gehalten hätte, wenn mir eine Gelegenheit des Alleinseins mit Herrn Bardolph geworden wäre, weiß ich nicht. Aber eine solche fand sich nicht; man saß bis spät zusammen, denn Wirthe und Gast hatten sich schnell in einander gefunden und die Unterhaltung war lebhaft und besonders heiter. Ich lachte mit über die Scherze des altenHerrn, welcher sehr gut aufgelegt schien, aber mit meinen Gedanken war ich so wenig bei dem, was um mich vorging – nur die Stimme des Freiherrn hallte jedesmal gleichsam in mir wieder, wenn sie sich hören ließ – daß ich keine Erregung empfand bei der Nachricht, Roger habe sich mit einer jungen Dame aus der Nachbarschaft von Goldwell-House verlobt. »Er auch?« sagte ich freundlich, fast mechanisch, ohne daß man viel auf meine Worte Acht gegeben hätte; es kam eben auf unsere Abreise die Rede, welche der Freiherr auf den folgenden Tag ansetzte. Davon wollten die alten Leute nichts hören; der Gast müsse sich erst ein paar Tage bei ihnen erholen, eher könne an Fortgehen nicht gedacht werden; ob mir denn so viel daran liege, sie gleich zu verlassen. Ich! Ich hätte mein Herzblut gegeben für eine Woche hier im stillen Schnee mit dem Bewußtsein, daß Herr Bardolph unter einem Dache mit mir lebe; es beglückte mich schon zu wissen, daß er nicht ohne mich gehen würde. Ich freute mich allemal, wenn er, von mir und sich redend, wir sagte. So war ich seltsamerweise nicht trostlos trotz der Ueberzeugung, ihn auf immer verloren zu haben.
Ehe wir an jenem Abend auseinandergingen – es war über dem Abendessen spät geworden und wir trennten uns gleich, nachdem dasselbe beendet war –fand der Freiherr Gelegenheit, mir, indem er meine Hand mit der ihm eigenen überlegenen Milde faßte, zu sagen: »Sie waren heute Abend sehr still, liebe Margarethe, und sehen nicht wohl aus; mir, Ihrem Vetter, müssen Sie schon erlauben, ein wenig zu controliren. Ich werde Sie morgen in Beschlag nehmen; Sie haben mir Mancherlei zu berichten.«
Dabei sah er mich an, bald aber kam ein Ausdruck der Abwesenheit in seine Augen, bei dem ich plötzlich bittern Schmerz empfand; er blickte gleichsam über mich hinaus in die Ferne. »Wer weiß, an wen er jetzt denkt«, sagte ich zu mir selber; »an dich gewiß nicht«, und ich entzog ihm meine Hand, indem mich zum ersten Mal ein Gefühl der Demüthigung wegen meiner unerwiderten oder vielmehr lange nicht genug erwiderten Liebe überkam; denn daß der Freiherr eine verwandtschaftlich freundliche Neigung zu mir hegte, konnte ich wohl merken. Aber es hielt nicht an; ich schlief an jenem Abend ein, indem mich die süße Erwartung des morgenden Tages, wo ich mit ihm zusammensein würde, wie mit rosigen Flügeln überschattete.
»Miß Maggie«, sagte der alte Herr am andern Morgen beim Frühstück zu mir, »Sie müssen heute an unserer Statt dem Herrn Baron die Honneurs der Gegend machen, immer vorausgesetzt natürlich, daß ihm mit einem Spazierritt durch ein Stück Sibirien gedient ist. Ich kann Sie als Cicerone empfehlen; mich dünkt, Sie werden einem so trefflichen Lehrer, wie ich mir schmeichle gewesen zu sein, alle Ehre machen und unserm Gaste von jedem Baume etwas zu erzählen wissen; auch in den Chroniken der Krähenansiedlungen auf Meilen in die Runde sind Sie, denk' ich, nunmehr wohl bewandert. Wollen Sie reiten?«
Ich sah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herüber, was ich ihm sehr übel nahm; er dankteunserm Wirthe und sagte, er habe nichts lieber als einen scharfen Ritt an einem Wintertage. Auf Befragen erzählte er vom Winter in der Heimat, von der Jagd dort, so verschieden von der englischen grausamen Parforcejagd, von dem Wildstand auf seinen Gütern, von diesem und jenem, während ich ungeduldig die Aufhebung der Mahlzeit erwartete und dem Freiherrn fast zürnte, daß ihm so wenig an dem Ritt mit mir gelegen schien, da er denselben durch sein Gespräch verzögerte.
Endlich stand man auf. Ich eilte fort, bestellte die Pferde, war im Nu im Reitkleid wieder unten und hatte die Kränkung, einige lange Minuten auf meinen Begleiter warten zu müssen. So drehte ich mich denn gar nicht um, als er endlich kam und aufstieg; ich war schon im Sattel und deutete, halb zu ihm gewendet, mit der Gerte auf den Weg, welchen wir jenseits des Gartens zu nehmen hatten. Dann ging's fort; ich setzte, als wir endlich die schöne ebene Landstraße erreicht hatten, mein kleines Pferd in scharfen Trott, was den Freiherrn überraschen mochte, denn er war nicht gleich bereit, mir zu folgen, und brachte sein Thier erst nach einigen Minuten neben mich. »So rasch, Fräulein Margarethe?« fragte er lächelnd; ich nickte, der alte Trotz und ein ganz neuer toller Uebermuth überkamen mich.
»Mit dem alten Herrn hab' ich immer bedächtig reiten müssen«, sagte ich; »thun Sie mir das Eine zu Gefallen und lassen Sie uns eine Weile galoppiren.«
Statt aller Antwort gab er seinem Rassepferd den Zügel, und es schoß dahin; ärgerlich über den Vorsprung, den er gewann, brauchte ich die Gerte, riß am Zügel und brachte so mein sonst lammfrommes Rößchen in eine der meinen ähnliche Stimmung; es griff tüchtig aus. Die scharfe klare Luft erhöhte den unbeschreiblichen Reiz der raschen Bewegung; mein Herz hüpfte vor Lust, mit meinem ganzen Wesen, möchte ich sagen, begleitete ich den Takt der matt auf dem festen Schnee hallenden Hufe; ich warf den Kopf zurück und sah mit Entzücken auf die schneebedeckten schimmernden Felder, auf den sie begrenzenden hellblauen Himmel, die sonnenverklärte farbige Nebelschicht am Horizont, die dunkelgrünen Tannengruppen hier und da; freilich die gewöhnlichen, unzählige Male hergenannten Factoren der Winterlandschaftpar excellence, aber welcher Duft lag darüber, welches unbeschreibliche Etwas war in der Luft, sodaß sie einen vor Lust fast toll machte. Ich sagte Aehnliches, während wir dahinsausten; die wilde Jagd müsse doch nicht so übel sein und ich für mein Theil möchte so fort reiten bis ans Ende der Welt. »Aber auf Geisterpferden«, sagte Herr von Günthershofen;»Ihr Thier zum Beispiel hält schon bald nicht mehr aus.«
Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thierchen ließ nach an Schnelligkeit, trotz Zügel und Gerte, es wäre grausam gewesen, dasselbe ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es war von da an, als stände etwas zwischen uns, ich konnte mich nicht mehr, wie den Abend zuvor, der Freude an seiner Nähe hingeben, seine Art und Weise hatte mich erkältet.
So ritten wir denn vernünftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landschaft wußte, zu erzählen. Auf die Besitzungen, an denen wir vorbeikamen, machte ich ihn je nach ihrer Merkwürdigkeit aufmerksam; ich nannte ihm den Edelmann aus dem Hofstaate Heinrich'sVIII., der dies Schloß gebaut, erzählte ihm, wie GeorgIV.häufig jenes mit seinem Besuche beehrt, zeigte ihm das Gut, dessen Herr die besten Rennpferde in der Gegend halte, deutete auf den Hügel abseits im Felde, der aus heidnischer Vorzeit berühmt war, kurz, ich machte mich so nützlich, wie ich konnte, und mein Begleiter bewies durch manche Frage, daß er meinem Texte Aufmerksamkeit schenkte.
Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von einander nur ein Wort gesagt zu haben. Wir hatten den besten Theil des Tages auf unsern Ritt verwendet; als wir vom Mittagstisch aufstanden, dämmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das Schicksal als Geschenk gönnte, war nun schon bald entglitten und hatte nicht gehalten, was er versprochen. Schade, schade darum, dachte ich; aber ich mochte mir nicht eingestehen, wie es zum großen Theil meine Schuld gewesen, daß zwischen dem Freiherrn und mir heute kein freundschaftliches Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beschlag, ich schlüpfte hinaus und auf mein Zimmer; da saß ich auf einem niedrigen Schemel neben dem alterthümlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fensternische stand, lehnte den etwas müden Kopf an das geschnörkelte Holz desselben und schaute durch die Scheiben nach dem schönen, hellen Himmel, an welchem der Vollmond mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hörte ich draußen die Stimmen der Großmutter und des Freiherrn, ohne mir viel dabei zu denken; als es bald darauf an meine Thür klopfte, glaubte ich, die alte Dame würde gutmüthig scheltend eintreten und mich hinunterholen, wie sie häufig that. So sagte ich denn, da sich die Thüröffnete: »Ich komme schon«, noch von dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die eingetretene Person schloß die Thür hinter sich und that auf dem weichen Teppich einige Schritte vorwärts. »Darf ich, liebe Margarethe?« Ich erkannte jetzt erst den Freiherrn. »Die alte Dame, glaub' ich, hat sich entsetzt, indem ich um die Erlaubniß bat, Sie hier aufsuchen zu dürfen; aber was blieb mir Anderes übrig, wenn ich Sie einmal für mich haben wollte? Bin ich draußen mit Ihnen, so wollen Sie mir fortreiten bis ans Ende der Welt – ich muß Sie einmal förmlich belagern, um endlich zu erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.«
Ich bat den Freiherrn, sich niederzulassen, und ging, das Feuer im Kamin zu schüren, welches nun hell aufflackernd seltsame Lichter und Schatten im Zimmer erzeugte; die Fensternische wurde vom hochstehenden Monde vollständig erhellt. Als ich zurückkam, hatte Herr Bardolph sich in den Schatten gesetzt und mir den geschnitzten Sessel so gerückt, daß das Licht voll darauf fiel.
»Setzen Sie sich dahin«, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich aber meinerseits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leise fortzuschieben versuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne. »ThunSie mir das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe«, sagte er dabei mit eigenthümlicher Betonung. Er will mir jetzt von seiner Verlobung erzählen und dabei soll ich im Lichte sitzen und er bleibt im bequemen Schatten? dachte ich und fand die Einrichtung unbillig. Doch ergab ich mich darein und saß, die Hände im Schooße, wie Jemand, der sein Urtheil erwartet. Als ein seltsamer Anfang zu den Erörterungen, denen ich entgegensah, mußte es mir erscheinen, daß der Freiherr abermals meine Hand ergriff und fast ängstlich festhielt, während er sich vorbeugte, aus der schützenden Dunkelheit heraus, sodaß ich sehen konnte, wie sein Gesicht sehr bleich war und eine ihm sonst fremde Spannung darauf zu liegen schien.
»Ich wollte Sie besonders fragen«, begann er, nicht mit dem milden Tone, in dem er sonst immer zu mir gesprochen hatte, sondern hastig und fast rauh, »was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun gedenken, Margarethe. Wollen Sie immerfort als heimatlose Fremde bei diesen Leuten bleiben, immer gewissermaßen abhängig –«
Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den wenigen Worten verwundet! Ich glaubte sein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, daß Jemand, der seinen Namen trug, in einem Verhältniß zu der Familie seinerBraut stände, welches seinen Stolz kränkte. Und war ich nicht – ich empfand das aufs bitterste in jenem Augenblick – war ich nicht auch gewissermaßen von ihm abhängig? Band mich nicht eine Schuld der Dankbarkeit an ihn? War nicht, nach Allem, Schloß Günthershofen doch nur ein Geschenk von ihm? Ich fühlte mich hülflos, heimatlos, namenlos elend, ich schlug die Hände vors Gesicht und sagte tonlos: »Wo wollen Sie, daß ich hingehe? Für mich ist auf der ganzen Welt kein Platz; kein Platz«, wiederholte ich leise, »nirgends, nirgends!«
Da wurden mir die Hände leise von den Augen weggezogen; ich schrak zusammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er war von seinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir besser ins Gesicht sehen.
»Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe?« sagte er leise und leidenschaftlich. »O daß ich ein Recht hätte, Sie zu fragen, in Sie zu dringen, daß Sie mir Alles sagen müßten! Sie schweigen? Sie haben mir nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, sind Sie doch immer wenigstens offen gegen mich gewesen. Wer ist es, den Sie lieben, Margarethe, der Thor, vor dessen Thür das köstliche Kleinod liegt und er hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod,welches alle seine Tage beseligen würde, welches zu besitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem aber schon jahrelang meine Sehnsucht steht?«
Ich war von diesen Worten wie betäubt; während der Schall an mein Ohr drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu fassen und starrte den Freiherrn fast entsetzt an.
»Wollen Sie mir nichts sagen?« fuhr er in derselben Weise fort. »Natürlich, wer bin ich auch, daß ich ein Recht auf Ihr Geheimniß hätte! Warum mußte mir Forster den Brief zeigen, der mich aus meiner Laßheit aufrüttelte! Aber Sie leiden sehen – o Margarethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?«
Ich mußte nun freilich etwas sagen, aber wo waren die Worte, um diese Wirren zu lösen, wie schwer gerade das, was mir zu gestehen oblag, denn daß ich es ihm jetzt gestehen müsse, war der Gedanke, der mich ganz beherrschte. So sprach ich endlich, aber ich wußte kaum, was, die Worte kamen hart und hastig von meinen Lippen, und wenn sie gesprochen waren, mutheten sie mich fremd an und erschreckten mich. Er sei es gewesen, von dem ich in meinem Briefe an Forster gesprochen, ich habe mich in die Idee eingelebt, er liebe Lucy und wünsche sie sich zum Weibe. Der Freiherr stand langsam auf, als ich ausgeredet hatte. »Ich,Margarethe?« sagte er mit seltsamer Ruhe. »Mir ist, als träume ich. Sie sagen mir, daß Sie mich geliebt haben, wie man von vergangenen Geschichten erzählt, und jetzt, jetzt –«
Da überkam mich bei dieser sonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefühle des Glückes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher tasteten, eine wilde Laune, ich sagte fast drohend zu dem Manne vor mir: »Ja, Herr Freiherr, ich liebte Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch ebenso liebe, nein, viel tausendmal mehr, was geht es Sie an?«
Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da. Fast jauchzend hatte der Freiherr meinen Namen gerufen, als wolle er mich aufwecken oder als sei ich fern, ich saß still vor mich hin, ganz eingehüllt in das Gefühl, daß ich nun weiter nichts zu sagen oder zu thun brauche. Er stand vor mir, zog mich zu sich in die Höhe und verschränkte seine Arme fest um mich; dann drückte er mit der einen Hand meinen Kopf sanft gegen seine Brust. »Hier ist Dein Platz, Margarethe, meine Margarethe; seit ich Dich zuerst gesehen, habe ich mich gesehnt, Dein Köpfchen hier betten zu können. Jetzt werd' ich gesunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunsch fast verzehrt, Dir nahe sein, Dich hegen und lieben zu dürfen.«
So sprach er leise in mich hinein, während ich still in seinen Armen lag, von einer seligen Ruhe erfüllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten Wechselreden gingen wir die Jahre gegenseitigen schmerzlichen Entbehrens durch; in dem sanften Mondlicht klärte sich Alles und zuletzt lag die Zeit, in der wir uns gekannt, hell und schön da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt lesen konnten, daß wir stets zu einander gehört hatten. »Ich habe viel wieder gut zu machen«, sagte mein Bräutigam, indem er mir das Haupt zurückbog und das Haar aus der Stirn strich. »Deine lieben, ernsten Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, scheinen mir immer vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.«
»So will ich sie schließen«, entgegnete ich lächelnd. Er küßte mich sanft darauf. »Bald sollst Du sie öffnen auf das Land, nach dem Du Dich oft gesehnt hast, Du sollst Dir von dem Himmel Italiens goldene Lust hineinscheinen lassen. Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?« fragte er mich plötzlich hastig.
»Sobald Du willst, mein Freund«, antwortete ich; »ich gehöre Niemand auf der Welt an als Dir.«
Wenige Wochen nach diesem Abend befand ich mich mit meinem Gemahl in Rom. Dort erhieltenwir die überraschende, aber uns herzlich erfreuende Nachricht, daß sich Lucy, die glänzende Lucy, dazu verstehen wolle, meinem gelehrten Landsmann Forster die Sehnsucht nach der Heimat und alle trüben Erinnerungen auf immer vergessen zu machen. So fiel denn von dorther kein Schatten auf unsern Weg, als wir im nächsten Herbste – die Frau von Günthershofen war im Sommer gestorben – in unserm deutschen Schlosse einzogen, und heiter durfte ich die Räume bewohnen, in denen einst meine theure Mutter gewaltet hatte und welche mir wie durch einen Hauch ihrer Gegenwart geheiligt schienen.
Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig.
Des Hauses Eckstein.
RomanvonJ. von Oben.
3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.
Standes-Vorurtheile.
RomanvonAlfred Steffens.
4 Bände. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr.
Der Elephant.
Komischer RomanvonA. von Winterfeld.
4 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr.
El paso de las animas.
RomanvonE. von Bibra.
2 Bände. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr.
Neue Romane a. d. Verlag von Ernst Julius Günther, Leipzig.
Deutsche Kämpfe.
RomanvonLevin Schücking.
2 Bände. 8°. Eleg. geheftet. Preis Thlr. 1 15.
Modelle.
Humoristischer RomanvonA. von Winterfeld.
4 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr.
Mütze und Krone.
RomanvonHerman Schmid.
5 Bände. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.
Non possumus.
RomanvonFr. Hilarius.
3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.
Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten:gesperrt,Antiqua,fett.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite6:"." eingefügt(die zu Thautropfen auf meinen wollenen Rosen bestimmt waren.)
Seite7:"indas," geändert in "in das"(ich eilte in das Zimmer zurück)
Seite7:"," eingefügt(und brach in heftiges Weinen aus,)
Seite7:"meine" geändert in "meines"(keine verrätherischen Spuren meines nächtlichen Treibens)
Seite15:"hm" geändert in "ihm"(Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen)
Seite18:"leinem" geändert in "seinem"(aber in seinem Wesen nicht etwa)
Seite18:"Versegenheit" geändert in "Verlegenheit"(Befangenheit oder gar Verlegenheit)
Seite20:"»" eingefügt(»Recht, Humanität? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite«)
Seite26:"Deinem" geändert in "Deinen"(Angst und Sorgen um Deinen Vater)
Seite29:"begünstiges" geändert in "begünstigtes"(Kampf gegen offenes, von oben begünstigtes Unrecht)
Seite48:"Verhaltnisse" geändert in "Verhältnisse"(für die staatlichen Verhältnisse meines Vaterlandes)
Seite51:"»" eingefügt(sagte ich, »dann sind Sie auch nicht frei)
Seite58:"seinn" geändert in "seinen"(bald durch seinen klaren Verstand)
Seite73:"Rücksichslosigkeit" geändert in "Rücksichtslosigkeit"(eine Probe Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit)
Seite77:"«" eingefügt(»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig)
Seite83:"," eingefügt(der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint,)
Seite84:"einen" geändert in "seinen"(Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten)
Seite84:"vor, gekommen" geändert in "vor-gekommen"(mußte ich ihm vorgekommen sein)
Seite84:"dagegen-ist" geändert in "dagegen, ist"(dachte ich dagegen, ist es nicht natürlich)
Seite100:"," eingefügt(fuhr er fort, »und da mir wie Ihnen)
Seite104:"," eingefügt(in eine meiner unglücklichen impulsiven Fragen ausbrechend,)
Seite114:"Famile" geändert in "Familie"(Sie sowie die ganze Familie bewiesen mir)
Seite121:"," eingefügt(sagte ich gleichsam entschuldigend, »und bringe auch)
Seite129:"Magarethe" geändert in "Margarethe"(Du siehst bleich aus, Margarethe)
Seite130:"Bürglichen" geändert in "Bürgerlichen"(daß Du die Gattin eines Bürgerlichen würdest)
Seite132:"des" geändert in "das"(eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete)
Seite136:"wnrde" geändert in "wurde"(unser Gespräch wurde aber plötzlich)
Seite137:"anfgesprungen" geändert in "aufgesprungen"(in das Holz fest eingefügte Klappe aufgesprungen)
Seite142:"»" eingefügt(»Wie hätte er gegen seine Mutter aufkommen können)
Seite148:"Strei," geändert in "Streifen"(einen blendenden weißgrauen Streifen freigelassen hatten)
Seite170:"anzunehmen. »Ich" geändert in "anzunehmen.« Ich"(etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig)
Seite173:"," eingefügt(Ich that es, ich dachte an die Zeit)
Seite192:"führlingsartig" geändert in "frühlingsartig"(die Luft auffallend mild und frühlingsartig)
Seite199:"durch durch" geändert in "durch"(wir erhielten wie durch eine magische Laterne)
Seite201:"micht" geändert in "nicht"(weil er von einer armen Braut nicht lassen wollte)
Seite205:"Ichwerde" geändert in "Ich werde"(Ich werde doch einen ganzen Tag mit ihm zusammen)
Seite206:"." eingefügt(ihn auf immer verloren zu haben.)
Seite208:"anf" geändert in "auf"(Krähenansiedlungen auf Meilen in die Runde)
Seite209:"gin'gs" geändert in "ging's"(Dann ging's fort)
Seite216:"," eingefügt(war der Gedanke, der mich ganz beherrschte)
Seite217:"." eingefügt(Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da.)
Seite218:"." eingefügt(»So will ich sie schließen«, entgegnete ich lächelnd.)
Seite218:"«" eingefügt(Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?«)