XV.
el chiaro fontede humanitade e innata gentilezache ala pictura et ala sculptura e un pontesopra del quale se passa cum destrezzal’alto Andrea del Verrocchio...
el chiaro fontede humanitade e innata gentilezache ala pictura et ala sculptura e un pontesopra del quale se passa cum destrezzal’alto Andrea del Verrocchio...
el chiaro fontede humanitade e innata gentilezache ala pictura et ala sculptura e un pontesopra del quale se passa cum destrezzal’alto Andrea del Verrocchio...
el chiaro fonte
de humanitade e innata gentileza
che ala pictura et ala sculptura e un ponte
sopra del quale se passa cum destrezza
l’alto Andrea del Verrocchio...
Mit diesen Versen hat Giovanni Santi in seiner fleißigen Reimchronik das Lob des „hohen“ Meisters verkündet. Und was er an ihm zu rühmen fand, zeugt von besserer Einsicht und lebendigerem Kunstgefühl, als der konventionelle Vergleich mit Lysipp und Phidias, zu dem die antiquarische Gelehrsamkeit des Ugolino Verino sich aufgeschwungen hat. Aber in Einem stimmen die beiden Lobredner überein. Eine Brücke, die sicher hinüberführt in das gelobte Land der Künste nennt ihn Giovanni Santi, und Ugolino spricht von dem Quell, aus dem sie alle, „deren Namen durch die tyrrhenischen Städte fliegt“, ihr Können geschöpft haben. Höher noch als seine Werke scheinen die Zeitgenossen seine Lehrthätigkeit angeschlagen zu haben. Und wenn esauch eine emphatische Übertreibung ist, daß, um in einem Gleichnis der Zeit zu reden, aus Verrocchios Werkstatt mehr Schüler hervorgegangen sind als Krieger aus dem Bauch des trojanischen Pferdes, sein Vorbild und seine Lehre haben tiefe Spuren hinterlassen und auf die Entwickelung der florentiner Kunst nachhaltig eingewirkt. Das Wort „Schüler“ darf dabei nicht allzu eng gefaßt werden, liegt doch in dem direkten künstlerischen Nachwuchs nur der kleinere Ruhm der Verrocchio-Werkstatt beschlossen. Wobei allerdings, wie fast überall und immer, von dem einzigen Leonardo abzusehen ist.
Unter diesen Schülern hat Lorenzo di Credi (1459–1537) dem Herzen des Meisters am nächsten gestanden. Mehr als irgend ein anderer durfte ihm Lorenzo zur Hand gehen. Kontraktlich von Verrocchio übernommene Arbeiten erhält Credi zur selbständigen Ausführung. Als Andrea in Venedig weilt, besucht er ihn mehrmals und stattet eingehende Werkstattsberichte ab. Credi erbt die gesamte künstlerische Hinterlassenschaft und er führt die Leiche des toten Meisters aus der Lagunenstadt in die Gruft von San Ambrogio.
Von der Goldschmiedekunst, genau wie sein Meister, kam Lorenzo in die Werkstatt des Künstlers gerade zu der Zeit, als Andrea „per un suo cosi fatto umore“, wie Vasari naiv sagt, sich der Malerei zuneigte. Wir wissen neuerdings aus Dokumenten, daß Verrocchio Verpflichtungen mit der Dombehörde in Pistoja eingegangen war, für das Oratorium der Vergine di Piazza ein Gemälde zu liefern; 1485 wird nun die Behörde vorstellig, das seit mehr als sechs Jahren dem Vernehmen nach nicht ganz vollendete Bild zu Ende zu führen und aus Verrocchios Werkstatt an seinen Bestimmungsort bringen zu lassen. Dort, in dem inzwischen zur Sakramentskapelle umgewandelten Oratorium, befindet sich die Malerei noch heutigen Tages als Werk des Lorenzo di Credi (Abb. 75). Das ist auch zweifelsohne der Name, der vor dem Bilde ausgesprochen werden muß. Wie für das Forteguerrimonument, so hat Verrocchio für das Pistojeser Dombild nur die künstlerische Verantwortung auf sich genommen, alles andere aber Credi überlassen. Und vielleicht haben gerade die Arbeiten an jenem Grabmal den jungen Maler von der Vollendung des Bildes abgehalten, so daß „mehr als sechs Jahre später“ die behördliche Erinnerung erfolgen mußte. Es ist nichts mit der Annahme gewonnen, Verrocchio habe Lorenzo den Entwurf, die Komposition gegeben. Das Schema der thronenden Madonna mit Heiligen vor Marmorschranken ist das in des Meisters Werkstatt übliche. Die Ausführung zeigt in jedem Pinselstrich die peinlich saubere, hier noch jugendlich zimperliche Hand Credis. Mit aller Zierlichkeit rundet sie die Formen und vertreibt die Farben bis zu emailartiger Glätte. Die Architektur ist so wohl verstanden wie die Landschaft gefällig. Verrocchios Formengebung ist bis in Kleinigkeiten nachgebildet, aber alles ist nüchterner, hausbackener, ohne Schwung. Auch die Farben sind die von Verrocchio bekannten: ein scharfes Blau, ein tiefes Weinrot, ein kaltes Lila mit Gelb. Die geduldigen Finger des Goldschmieds haben diesen persischen Teppich gemalt. Nicht minder zeugt die Erhaltung der Tafel von der Sorgfalt der Ausführung. An Leonardo, den Werkstattsgenossen, erinnert die Art, wie Bäume und Blätter dunkel vor hellem Grunde silhouettiert sind. Auch deutet eine erhaltene Studie in Form und Technik — Silberstift auf rötlich grundiertem Papier — unabweislich auf Credi: die im Louvre bewahrte Zeichnung zum hl. Johannes dem Täufer links. Eine im Dresdener Kupferstichkabinet befindliche schöne, doch überarbeitete Madonnenstudie läßt sich wohl ebenfalls am besten mit Credi und der Madonna auf diesem Erstlingswerke in Beziehung setzen (Abb. 76).
Die Madonna mit dem hl. Leonardus und dem hl. Julian (?) im Museum zu Neapel (Abb. 77) steht auf der gleichen Stilstufe und teilt, bei geringerer Erhaltung, alle Eigenschaften des Pistojeser Bildes. Credi hat späterhin noch mehrfach von diesem in der Verrocchio-Werkstatt üblichen Kompositionsschema Gebrauch gemacht. Auch in seinen Gestalten spürt man bis an sein spätes Lebensende die unauslöschliche Erinnerung an seinen Meister. Credis Kinderfiguren hängen alle von Verrocchios Vorbild ab. In einem sorgfältig durchgeführten Bilde der büßenden Magdalena im Berliner Museum überträgter eine gelegentliche, durch besonders feine Bemalung ausgezeichnete Statuette Verrocchios, ebenfalls im Berliner Museum (Abb. 78) ohne wesentliche Änderung auf die Holztafel.
Auffallend bleibt, daß Credi selbständige plastische Arbeiten nicht unternommen hat. Daß er die nötigen Vorkenntnisse dazu besaß, wissen wir aus dem Munde seines Meisters selbst. Mit einiger Sicherheit haben wir ja auch in Credi den Leiter der Marmorwerkstatt in Pistoja zur Zeit der Errichtung des Forteguerri-Grabmals vermuten können. Indessen war nichts Rühmliches von seiner Thätigkeit dort zu vermelden. Hat er später nochmals zu Hammer und Meißel gegriffen, so vielleicht um das 1494 datierte Wappenschild mit den beiden Engeln im großen Saale des Stadthauses von Pistoja zu meißeln (Abb. 79), eine Arbeit, die überaus deutliche Beziehungen zur Schule des Verrocchio zeigt und in der Sauberkeit der Marmorbehandlung wie in dem gelegentlichen Ungeschick der Komposition sehr wohl den ausführenden Künstler des Grabmales im nahen Dom vermuten läßt.
Abb. 75. Lorenzo di Credi.Madonna mit Johannes dem Täufer und dem hl. Zeno.Pistoja, Dom.(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)
Abb. 75. Lorenzo di Credi.Madonna mit Johannes dem Täufer und dem hl. Zeno.Pistoja, Dom.(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)
Was mag Verrocchio zu diesem fleißigen, aber künstlerisch unergiebigen Talent, zu diesem Stern mit erborgtem Licht gezogen haben? War es jene „lautere Quelle von Herzensgüte und zarter Empfindung“, die Giovanni Santi rühmt? Oder die Anhänglichkeit, Verehrung und Treue, die hier wie öfters das kleinere Talent dem geliebten Meister bewährte? Was Menschliches die zwei verbunden haben könnte, ist tief versunken im Schweigen der Geschichte; nicht einmal eine jener wohlfeilen Künstleranekdoten spielt mit unsicherem Licht über die beiden Gestalten hinweg. Nur das, was sie künstlerisch einte, kann noch erkannt werden. Und da wiederholt sich die Erfahrung, daß dem großen Meister der gewissenhafte Handlanger oft näher steht als der geniale Schüler. Gerade die handwerkliche Seite der Kunstübung, die technische Fertigkeit, auf die Verrocchio so hohen Wert legte, wußte Credi sich mit einer ans Pedantische grenzenden Sorgfalt anzueignen. Vasari, der Credi noch persönlich gekannt hat, erzählt, wie kaum größere Bilder von seiner Staffelei kamen, da schon die kleineren ihm grenzenlose Mühe bereiteten. Auf Verrocchios technische Experimente muß er ein aufmerksames Auge gehabt haben; bis in seine Reifezeit war er bemüht, die Dauerhaftigkeit und den Schmelz seiner Farben stetig zu erhöhen. Dies ist ihm denn auch in höherem Grade gelungen, als die Erzeugnisse seines Pinsels es unbedingt wünschenswert erscheinen lassen. Wie er selbst, erst 1537, an Altersschwäche gestorben, so ist auch seine Kunst, der man nirgends das Cinquecento anmerkt, an Altersschwäche zu Grunde gegangen. Sein Ruhm besteht in seinem Verhältnis zu Verrocchio, in seiner Ergebenheit, die unbedingt war wie seine Zuverlässigkeit.
Abb. 76. Lorenzo di Credi.Madonnenstudie.Silberstiftzeichnung.Dresden, Kupferstich-Kabinett.
Abb. 76. Lorenzo di Credi.Madonnenstudie.Silberstiftzeichnung.Dresden, Kupferstich-Kabinett.
Genau so gering ist die Originalität des Francesco di Simone, dessen Spuren wir so oft im Werke des Verrocchio getroffen haben. Um ein geringes an Jahren jünger als Verrocchio hat Francesco nicht seine Lehrzeit in der Werkstatt Andreas durchgemacht. Sein Hauptwerk,das Marmorgrab des Rechtsgelehrten Tartagni in San Domenico zu Bologna (1477;Abb. 44), ist im Aufbau und in der Ornamentik von Desiderio abhängig, im Figürlichen und in der Faltengebung zeigt es das Vorbild des Verrocchio bis zur Unselbständigkeit und mit fast allen Fehlern, denen der übereifrige Nachahmer nie entgeht. Die Arbeit ist sauber und gewissenhaft bis zur Kleinlichkeit. Von Erfindung kann kaum gesprochen werden, und die ornamentale Überladenheit bekundet keinen feineren Geschmack. Dieselben Mängel beeinträchtigen auch die übrigen Arbeiten des Bildhauers, dessen Verbindung mit Verrocchio persönlich und künstlerisch lockerer gewesen ist als das Verhältnis zu Credi.
Abb. 77. Lorenzo di Credi.Madonna mit zwei Heiligen.Neapel, Museum.(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)
Abb. 77. Lorenzo di Credi.Madonna mit zwei Heiligen.Neapel, Museum.(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)
Die Arbeiten in gebranntem Thon, die von der Hand des Agnolo di Polo überall in Florenz zu sehen waren, können wir, vielleicht der Unbeständigkeit ihres Materials wegen, nicht mehr nachweisen. Einigen Ersatz indessen, um Verrocchios Nachwirkung auf diesem für Florenz ganz eigentümlichen Gebiet plastischer Kunst zu beobachten, bietet eine bestimmte Gruppe von Robbia-Arbeiten. Madonnen in bauschigem Gewand und Mantel, das Christkind auf einem Kissen neben sich, umflogen von den Engeln des Forteguerri-Grabes, Wiederholungen ganzer Kompositionen Verrocchios, der Taufe Christi, der Enthauptung des Johannes, des Thomas-Wunders, Putten, die denen des Verrocchio blutsverwandt sind, werden in dieser Kategorie angetroffen. Kunstgeschichtlich führen sie in das Atelier des letzten der drei Robbia-Meister, Giovannis, und sprechen eher für die Beliebtheit der benutzten Originale als daß sie die Erfindungsarmut des Nachahmers bloßstellten. Mit diesen Arbeiten aus zweiter und dritter Hand ist Verrocchios Kunst volkstümlich geworden. Man begegnet ihnen in der Provinz häufiger als in Florenz selbst. Es ist, als hätte die „blühende Stadt“ von ihrem Überflusse hergegeben, damit auch die bescheidenste Dorfkirche zwischen den Weingärten der Arnoebene, das entlegenste Kloster auf dem Kamm des Gebirges Teil habe an dem herrlichen Wachstum in ihren Mauern.
Immer wieder indessen stößt man auf Maler, wenn man Verrocchios Wirken als Lehrer in vollem Maße übersehen will. In Botticellis Jugendentwickelung ist er der entscheidende Faktor, und Ghirlandaio gerät gleich bei seinen ersten Schritten unter die Herrschaft Verrocchiesker Formengebung und Kompositionen. Das beweist, wie bekannt und geschätzt die Malerwerkstatt unseres Meisters gewesen sein muß, jene Werkstatt, in der das technische Experiment, das Grundieren und Anreiben der Farben, deren Mischung und Leuchtkraft, kurz alles zum Handwerk Gehörige mit so wissenschaftlicher Gründlichkeit betrieben wurde, daß augenscheinlich die Produktion des Meisters selbst darüber zu kurz kam.
Nicht allein die einheimischen, auch die durchwandernden Künstler hat diese Pflanzstätte eingehender technischer Studien festgehalten. Namentlich für die angrenzenden umbrischen Meister bildete Florenz die Hochschule künstlerischen Schaffens, an der niemand vorübergehen sollte. Die von jeher bestehenden Beziehungen zwischen Perugia und Florenz hatten sich im Quattrocento besonders eng geknüpft. So war denn auch dem jungen Perugino von seinem ersten Meister in der Kunst immer eingeschärft worden: nirgendwo als in Florenz lebten so viele ausgezeichnete Meister, vornehmlich so viel tüchtige Maler. Der das sagte, Fiorenzo di Lorenzo, hatte, nach seinen Werken zu urteilen, den Segen der florentiner Schule, im besonderen die Anregung von Verrocchio her, an sich selbst erfahren. Perugino folgte seinem Rate, und was er unter Verrocchio gelernt, bildet den eisernen Bestand seines Könnens, setzte sich so in ihm fest, daß es auch über den traurigen Schleuderarbeiten seiner späteren Periode nicht verloren gegangen ist. Peruginos Madonnen mit den züchtig niedergeschlagenen Augen, die typische Fußstellung seiner Heiligen, die gespreizten Handbewegungen, die Anordnung des Mantels über dem Gewande, seine nackten Kinder mit den „wie auf der Drehbank gedrechselten“ Gliedmaßen — all das geht ebenso auf Verrocchio zurück, wie sein mit den Jahren immer leereres Pathos zur Karikatur eines meisterlichen Vorzuges herabsinkt.
Abb. 78.Die büßende Magdalena.Thonstatuette, alt bemalt und vergoldet.Berlin, Königl. Museen.
Abb. 78.Die büßende Magdalena.Thonstatuette, alt bemalt und vergoldet.Berlin, Königl. Museen.
Mit Credi und mit Perugino weilt endlich auch der in Verrocchios Werkstatt, für den das Wort Dantes von Homer gilt „sovra gili altri com’ aquila vola“: Leonardo da Vinci. Vasari wußte wohl, was er that, als er mit der Einführung dieses unbestreitbar größten italienischen Künstlers einen neuen Abschnitt seines biographischen Werkes begann. Das Proömium, mit dem Vasari diesen neuen dritten Teil einleitet, schildert in raschem Rückblick noch einmal das mühevolle Hinauf; dann öffnet sich die weite Gipfelschau über das gelobte Land der Hochrenaissance. Und als erste Gestalt eines voll entwickelten Hochrenaissancemeisters tritt Leonardo auf. Seine Verdienste werden ins hellste Licht gesetzt: die überirdische Anmut, die Beseelung der Gestalten, die reiche Fülle der Formen, der zarte Schmelz des Kolorits. Kein Hinweis auf Verrocchio, bei dem das alles wie in Keimzellen vorgebildet liegt. Kein Lob dieses Meisters, dessen größter Ruhm es fortanbleibt, einen solchen Schüler herangebildet zu haben. Mit einem Hochgefühl, als habe er thätig mit eingegriffen, rühmt Vasari die Überwindung „jener trockenen, scharfen und harten Methode“ der Quattrocentokünstler mit ihrem fast eigensinnigen Hang für das schwer Ausführbare und noch dazu oft Ungefällige. Dieser künstlerisch einseitige Standpunkt allein macht Vasaris Urteil über Verrocchio begreiflich: hier habe Studium und Fleiß, wie bei keinem anderen Künstler, die Mängel natürlicher Begabung ausgeglichen.
Abb. 79. Werkstatt des Verrocchio.Engel mit dem(ausgebrochenen)Wappen der Stadt Pistoja. Marmor. Im großen Saal des Stadthauses zu Pistoja.
Abb. 79. Werkstatt des Verrocchio.Engel mit dem(ausgebrochenen)Wappen der Stadt Pistoja. Marmor. Im großen Saal des Stadthauses zu Pistoja.
Dem Historiker erscheint der eine, Verrocchio, nur die unbedingte Vorstufe zum anderen, Leonardo, weil die Natur keine Sprünge macht. Was bei dem Lehrer Ansatz war, entwickelt sich zu voller Blüte beim Schüler. Oft ist es, als sei Verrocchios ganze Kunstwelt ein Mikrokosmus von Leonardos künstlerischem Weltall. Wir haben von den wissenschaftlichen Studien Andreas gehört, von seiner Beschäftigung mit der Musik, seinen genauen technischen Kenntnissen auf allen Gebieten künstlerischen Schaffens, und wir begreifen, daß nur in seiner Werkstatt Leonardos Genie den rechten Nährboden finden konnte.
Für einen so regen, unruhig suchenden Geist wie Leonardo boten indessen auch diese Werkstatt und dieser Lehrer Gefahren. Die Mannigfaltigkeit der einlaufenden Aufträge lockten die Wißbegier von einem technischen Gebiet aufs andere hinüber. Verrocchios in allen Angelegenheiten des Handwerks pedantische Gründlichkeit vererbte sich wohl auf Leonardo, zugleich aber auch eine launenhafte Zersplitterung der Arbeitskraft, ein Hang zu theoretischen Grübeleien, zu technischen Spekulationen.
Von einem persönlich innigeren Verhältnis der Künstler untereinander verlautet nichts. Wenn aber Leonardo noch als in die Zunft eingeschriebener Meister Jahre hindurch bei Verrocchio bleibt, so darf, auch in Anbetracht der liebenswürdigen Umgangsformen Leonardos, auf ein gutes Einvernehmen geschlossen werden, das Vasari umsonst mit der Eifersucht des Älteren zu trüben versucht hat. Die künstlerische Verbindung der beiden ist so eng gewesen, daß die Kritik noch heute oft im unklaren ist, wem von ihnen gewisse kaum zu unterscheidende Werke angehören müssen.
Für unseren Zweck tritt indessen die Frage nach der Abhängigkeit Leonardos von Verrocchio zurück gegen die nach der Rückwirkung des genialen Schülers auf seine Umgebung.
Für die jungen Leute, die mit Leonardo bei Verrocchio thätig waren, steht eine solche künstlerische Rückwirkung fest. Ohne Leonardos Vorbild wären trotz Verrocchio weder Credi noch Perugino die Künstler geworden, als welche wir sie kennen. Nun aber der Meister selbst? Seltsam locken die Thatsachen. Vor Leonardos Eintritt in die Werkstatt können wir kein einziges Werk Verrocchios datieren, mit Ausnahme vielleicht des David. Dann mit dem Ausgang der sechziger Jahre setzt die stolze Reihe ein in kaum unterbrochener Folge, mit steigender künstlerischer Freiheit, vom Zarten zum Anmutigen, vom Anmutigen zum Großartigen. Eine von Stufe zu Stufe aufsteigende Überwindung dermaniera alquanto dura e crudettaläßt sich feststellen, immer zahlreicher werden die Parallelen mit Leonardo. Sollte diese von Werk zu Werk freier und vertiefter sich entfaltende Kunst des vielbeschäftigten Meisters mit dem überraschend andauernden Aufenthalt Leonardos in der Werkstatt bis 1480 ohne ursächlichen Zusammenhang sein?
Immer wieder, namentlich von französischer Seite, ist ein derartiger Zusammenhang, will sagen eine ständig wachsende Abhängigkeit Verrocchios von den künstlerischen Idealen Leonardos behauptet worden. Wie sehr mit Unrecht, haben hoffentlich die vorhergehenden Kapitel dargethan. Die Entwickelung Verrocchios vollzieht sich so naturgemäß, so zwingend logisch allein aus seiner künstlerischen Veranlagung, daß ein Eingriff des höheren Genies Leonardos unnötig, ja zweckwidrig erscheint. Wer ohne einen solchen nicht auszukommen vermeint, hat wie ein schlechter dramatischer Dichter den Charakter seines Helden geknickt, statt ihn in ansteigender Linie folgerichtig zu entwickeln.
Was in Verrocchios Kunst ringt und sich befreien möchte, ohne die Fesseln ganz abstreifen zu können, dieser ungemeine Geist, der „nach einer strengeren und tieferen Begründung“ strebte — das gerade macht ihn uns Deutschen verständlich und liebenswert. Ist doch diese Verkettung starken Talentes mit fast wissenschaftlicher Grübelei das Merkmal deutschen Kunstschaffens von jeher gewesen. Solche Talente, suchende Arbeiter, schaffen nicht in erster Linie für den Genießenden, wie sie selbst in der bloßen schönen Erscheinung nicht Befriedigung finden. Sie schleppen schwer an ihren Gedanken. Auch im besten Falle sind sie ein Übergang, eine Brücke,un ponte sopra del quale se passa cum destrezza, wie der alte Giovanni Santi gedichtet hat. Sie sind Pflüger und Säemann, deren Aussaat von dem Boden abhängt, auf den sie fällt. War dieser Boden fruchtbar Ackerland, so ist ihr Los zurückzutreten wie der Landmann, den von dem wohlbestellten Felde die Stunde des Aveläutens heimruft.