Unter den Bekannten, die ich durch die Familie Kohn erhielt, war eine sehr artige Dame, eine Madame Guinet, deren Gatte Kaufmann und meistens auf Reisen war und die im Ruf stand, galanten Aventüren eben nicht abhold zu sein. Es dauerte auch nicht lange, so stand ich auf einem ziemlich vertrauten Fuß mit ihr, merkte aber bald, daß ich in einem Marineoffizier einen Nebenbuhler und zwar einen recht eifersüchtigen habe, der wahrscheinlich schon vor mir bei der Dame in Gunst gestanden. Wir trafen uns einigemal nach der Parade daselbst, und Madame Guinet hatte mich ihm als einen Bekannten des reichen Herrn Kohn, der mich ihr empfohlen, vorgestellt. Der Offizier brummte dabei mit einem nicht sehr freundlichen Gesicht einige Gewohnheitshöflichkeiten in den Bart. Als er mich zum zweitenmal daselbst traf, ließ er schon einige anzügliche Reden fallen, jedoch so verblümt, daß ich, ohne mir große Blößen zu geben, keine Notiz von denselben nehmen konnte. Aber das drittemal, wir speisten beide bei der Dame zu Abend, erlaubte er sich, mir im Laufe der Konversation beim Dessert die Bemerkung zu machen: „Mais moi je ne servirais jamais dans un régiment qu’on mêne, a coups de baton,“ worauf ich schnell versetzte: „Mais comment,Monsieur, toute la marine est menée a coup coups de triques, c’est bien pis.“ Hierauf wurde die Unterhaltung pikanter, jeder verteidigte seine Sache nachdrücklich, obgleich ich gegen meine Überzeugung, und wir wurden dabei so heftig, daß Madame Guinet sich alle Mühe gab, uns zu besänftigen, aber mein Gegner ließ noch eintête quarrée d’Allemandfallen, worauf ich ihm schnell erwiderte, daß es so ein deutscher Querkopf wohl noch mit einem französischen Seehund wie er aufnehmen könne. Launey, dies war der Name des Offiziers, geriet nun in eine solche Wut, daß er sich nicht mehr kannte, seinen Dolch, wie deren die Marine an einem Gehänge an der linken Seite trägt, zog und mir ihn in die Brust stoßen wollte; ich aber fiel ihm in die Arme, noch ehe er seinen Vorsatz ausführen konnte, rang ihm den Dolch aus der Hand, wobei ich mir aber die meinige so verletzte, daß mehrere Finger stark bluteten, worauf ich den Dolch zur Erde warf, darauf trat und ihm sagte, was er nun weiter begehre, meine Hand an den Degen legend. Launey sah mich knirschend und grimmig an, konnte aber vor Wut kein Wort hervorbringen. Madame Guinet, welche das Blut sah, mit dem wir beide schon befleckt waren, schrie laut auf und weinte so heftig, daß ihre Dienstmädchen in das Zimmer stürzten. Ich faßte mich jedoch schnell und sagte zu ihnen: „Ce n’est qu’une plaisanterie, mes enfants, apportez nous seulement de l’eau pour nous laver les mains.“ Ich suchte auch in der Tat jetzt der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, wir wuschen uns die Hände, wobei mir das nette Kammermädchen der Dame das Becken hielt, und als uns die Zofen wieder verlassen hatten, bot ich dem Launey Satisfaktion für den nächsten Morgen an; dieser aber schien jetzt ganz beschämt, steckte seinen Dolch friedfertig in die Scheide und entfernte sich dann bald unter dem Vorwand, wegen Dienstangelegenheiten früh an Bord seines Schiffes sein zu müssen. Als er weg war, gestand mir Madame Guinet, daß ihr der Mensch recht fatal geworden sei, da er mit allen Herren, die sie besuchten, Händel anfinge; ich suchte sie bestens zu trösten und verließ sie erst nach Mitternacht. Seit dieser Zeit begegnete ich dem Offizier nicht mehr beiihr. Dies war nicht das einzigemal, daß ich und andere Offiziere wegen der bei dem Regiment eingeführten Prügel Unannehmlichkeiten auszufechten hatten, wenn wir in einer Garnison mit anderen französischen Truppen standen. Aus derselben Ursache verlor ein Kapitän von unserm zweiten Bataillon, ein Hesse, der ein gewaltiger Prügelverehrer war, bald darauf das Leben in einem Duell mit einem französischen Offizier von der Linie. Der gute Mann wußte freilich den Stock weit besser als den Degen zu führen. Unter den Kameraden im Regiment ließ ich mich derb genug über diese uns infamierenden Prügeleien aus, während ich in Gesellschaft von Offizieren französischer Regimenter sie, der Ehre des Regiments halber, bis auf einen gewissen Punkt verteidigen mußte.
Bald darauf brachte mir ein Vorfall im Theater wieder Unannehmlichkeiten. Man führte nämlich ein Gelegenheitsstück, ‚Die Übergabe von Ulm‘ betitelt, auf, an und für sich ein jämmerliches Machwerk, das aber, weil es der französischen Gloire Weihrauch streute und voll wenn auch oft fader Anspielungen auf die Deutschen und besonders die Österreicher war, dennoch großen Beifall erhielt. Ich befand mich unter den Zuschauern, neben einem Hauptmann von Caguenec aus Hagenau, der früher in österreichischen Diensten gestanden hatte, einem sehr tapferen Offizier, der auch ein vortrefflicher Pianist war, aber den abscheulichen Fehler hatte, sich von Zeit zu Zeit dem Trunk auf eine fast viehische Weise zu ergeben. Neben uns saßen drei französische Offiziere, die wie das ganze Publikum bei jedem Bonmot über die Österreicher, die man mit dem Brutum fast in eine Kategorie stellte, laut und beifällig lachten. Caguenec, der eben erst vom Diner mit ziemlich erhitztem Kopf kam und ein tüchtiger Haudegen war, fing die Sache zu wurmen an, er wurde unruhig auf seinem Platz, den er einigemal verließ, um einige Gläser Likör oder Rum am Büfett hinabzustürzen, immer erhitzter zurückkehrte und endlich dem neben ihm sitzenden Offizier ein befehlendes: „Taisez vous!“ in barschem Tone zurief, indem er hinzufügte, daß sie eben keine Ursache hätten, sich zu mokieren, denn dasStück sei ein so erbärmliches Machwerk, daß es eine Schande sei, dessen Aufführung zu dulden. Einer der Offiziere fiel ihm mit den Worten: „Mais vous êtez donc fou, Monsieur,“ in die Rede. Caguenec sprang nun auf, bedeckte seinen Kopf mit dem Hut, zog sogleich seinen Degen, den er in der Luft schwang, und schrie dabei laut, jeder, der etwas von ihm wolle, möge kommen. Und mit der Klinge um sich herumfahrend, schuf er schnell einen leeren Kreis um sich. Dies verursachte sogleich einen allgemeinen Aufstand im Theater, von allen Seiten schrie man: „A bas le chapeau, à bas l’épée.“ Der Tumult wuchs mit jedem Augenblick, und der kommandierende General, der in einer Loge saß, befahl, den Vorhang fallen zu lassen, sandte seinen Aide de Camp ins Parkett und ließ dem Caguenec befehlen, sich sofort in Arrest zu begeben. Dieser aber nahm keine Räson an, sondern fuhr fort, mit seinem Degen zu manövrieren, so daß der leere Raum um ihn her immer größer wurde. Jetzt ließ der General die Wache mit einem Offizier an der Spitze eintreten, dem es nicht ohne große Mühe gelang, den Kapitän zu entwaffnen und zu verhaften, der von Glück sagen konnte, daß er mit vierwöchentlichem Arrest auf dem Fort davonkam und nicht ein Kriegsgericht passieren mußte. Ich wurde, als mit ihm gekommen und neben ihm sitzend, verhört und erhielt sogar auf Befehl des kommandierenden Generals achtundvierzigstündigen Untersuchungsarrest, von dem ich noch heute nicht weiß, aus welchem Grund, da ich bei der ganzen Geschichte nichts getan hatte, als den Caguenec in deutscher Sprache zu beschwichtigen, was man mir wahrscheinlich im schlimmen Sinne ausgelegt, weil ich mich über die Ausfälle in dem Stück gegen die französischen Offiziere ebenfalls mißbilligend geäußert hatte.
Trotz der Bekanntschaft der Madame Guinet, die ich übrigens bald wieder aufgab, wollte mir der Aufenthalt in Toulon nicht gefallen; ich hatte mich zwar bemüht, wenigstens ein französisches Liebhabertheater zu organisieren, aber es gelang mir nicht; unsere beiden anderen Bataillone, bei denen sich die Damen befanden, welche die vorzüglichsten Aktricengewesen, standen in Marseille und Genua; in der Garnison von Toulon, wo viele Frauen und Töchter der Marine waren, hatte ich zu wenig Bekanntschaft, und von den Damen der Einwohner, die ich kannte, war keine dazu zu bewegen, Komödie zu spielen. Ich nahm einigemal Urlaub nach Marseille, wo das Leben weit angenehmer und geselliger als in dem düsteren Toulon, auch das Theater im Vergleich mit dem von Toulon vorzüglich war. Man sah daselbst überall Wohlhabenheit und Reichtum, im dortigen Hafen schwang Gott Merkur seinen Stab, obgleich wegen dem Krieg mit England nur mit großer Vorsicht und Bescheidenheit, während in dem von Toulon der Kriegsgott sein Panier aufgepflanzt hatte, aber sich aus der erwähnten Ursache ebenfalls nicht sehr mausig machen durfte.
Nachdem wir etwa sechs Wochen in Toulon waren, wurde die Voltigeurkompagnie des ersten Bataillons, der ich seit meiner Ernennung zum Offizier zugeteilt war und die ein Hauptmann Grenet befehligte, nach dem an dem Ufer der großen Reede liegenden bedeutenden Flecken La Seine detachiert, wo es mir weit mehr als in dem düsteren Toulon gefiel. Dieser über zweitausend Einwohner zählende Ort hat eine sehr schöne Lage, und man erhält daselbst die besten Seefische, Austern und Muscheltiere aus der ersten Hand, namentlich diemoules noirs, die einen noch feineren Geschmack als die Austern haben und die man mit dem köstlichen Wein de la Malgue hinunterspült, womit man sich zur Not auf einen ganzen Tag begnügen kann, da sie sehr nahrhaft sind, ein äußerst billiges Mahl, das wenige Sous kostet. Übrigens kann man in der Provence und Languedoc sehr gut und dabei sehr billig leben, nur muß man sich vor Unmäßigkeit hüten und des Guten nicht zu viel tun wollen, was nur auf Kosten der Gesundheit geschehen kann und bittere Reue im Gefolge hat; alle Nahrungsmittel und Getränke sind hier vorzüglich kräftig und wohlschmeckend. Fleisch, Fische, Geflügel, Gemüse, Obst, Wein und Liköre, namentlich die letzteren aus den Fabriken von Montpellier, der Ratafia und Crême de Mokka genannt, verführen den Gaumen gar zu leicht.
In La Seine war ich bald mit den wenigen Honoratioren daselbst bekannt, namentlich in der Familie Guige, deren Haupt eine gute Anstellung und eine sehr liebenswürdige Tochter hatte, die mit einem Stabsoffizier, der bei dem Heer in Deutschland stand, versprochen und also Braut war; die Vermählung sollte gleich vor sich gehen, wenn die Truppen nach Frankreich zurückgekehrt sein würden, wozu aber damals noch wenig Aussicht war. Dieses Mädchen zählte ungefähr zweiundzwanzig Jahre und war über ihren langen Brautstand, von dem sie das Ende noch nicht absah, ziemlich ungeduldig; sie sang nicht übel und spielte zur Not etwas Klavier. Die Musik bahnte mir auch hier wieder den Weg zu einer intimeren Bekanntschaft, und manche Morgenstunde brachte ich musizierend mit der hübschen Marie zu, mit der ich die neuesten Gesänge und Romanzen durchging. Zwar war die Mama fast immer bei diesen musikalischen Morgenstunden zugegen, doch konnte sie nicht umhin, uns manchmal allein zu lassen, wo ich dann diese Augenblicke auf das beste benutzte, um in näheren Rapport mit der Braut zu kommen, und wir verstanden uns schnell. Eine Braut hatte immer etwas besonders Anziehendes für mich und war mir einmorceau friand, und gar zu gerne mochte ich den Bräutigams Nasen drehen, wenn ich es dahin bringen konnte. Mit dieser Familie machte ich auch mitunter Promenaden in der Nähe des Orts, wo wir mehr als einmal Gelegenheit fanden, uns, wenn es das Terrain erlaubte, auf einige Augenblicke unsichtbar zu machen, die wir dann gut zu benutzen wußten. Öfters fuhren wir auch in einem Boot nach Toulon, wo wir das Theater besuchten und nach demselben beim Mondschein oder auch in dichter Finsternis, wie es der Himmel eben wollte, heimkehrten. Einigemal traf es sich, daß sich während der Vorstellung Winde und Stürme erhoben hatten, so daß die Wellen in der Reede bei der Rückfahrt hoch gingen und wir ziemlich geschaukelt wurden. Dies war aber gerade das Angenehmste bei diesen Lustfahrten, denn je wilder die See ging und je finsterer die Nacht, desto höher wallte Mariechens Busen, die sich dann fester und fester an mich schmiegte unddas Köpfchen auf meine Schulter legte, während ich sie mit dem einen Arm innig umschlang und die Hand des andern bald da, bald dort ruhte, oder je nach Umständen auch nicht ruhte; dabei trillerte ich die Melodie des Liedes: ‚Das waren mir selige Stunden.‘ Ich hatte Marien einigemal deutsche Lieder vorgesungen, und sie bekam Lust, dieselangue barbare, wie sie sagte, zu lernen. Gerne verstand ich mich dazu, ihr Unterricht in derselben zu erteilen, aber sie konnte es nie weiter als zu Ja und Nein bringen; in anderen Dingen war sie weit gelehriger.
Als eines Tages eine Fregatte vom Stapel gelassen werden sollte, erhielt die Familie Guige eine Einladung zu dieser Feierlichkeit und lud mich ein, sie zu begleiten; der Schiffsbaumeister war ein naher Verwandter der Madame Guige. Wir fuhren am Morgen nach Toulon und bestiegen das Gerüst, auf dem sich die ganze beau monde der Stadt sowie das Offizierkorps der Marine und Landtruppen befand, die Festivität mit anzusehen. Die Admiralität, die Generalität, der See- und der Landpräfekt, der Hafenkommandant hatten für sich und ihre Angehörigen besondere schön ausgeschmückte Plätze. – Als alle Arbeiter sowie die künftige Bemannung desselben auf dem Schiff und auf ihren Posten um dasselbe herum waren und das Zeichen zum Loslassen gegeben war, herrschte eine ängstliche Stille. Jetzt gab der Erbauer das Signal zum Abstoßen, und in einem Augenblick waren alle Seile und Taue, die es noch zurückhielten, zerhauen. Das Schiff setzte sich unter dem Schall der Musik, unter Jubel und Jauchzen der auf demselben befindlichen Mannschaft und vieler tausend Zuschauer in Bewegung, die mit jeder Sekunde rascher wurde, so daß bald Rauch und sogar Flammen unter demselben hervorbrachen, die aber, sobald das Fahrzeug das Wasser erreicht hatte, schnell gelöscht waren. Ein splendides Dejeunerdansantbeschloß die Feier, und die Fregatte war nun dem wilden Element, das es aus dem Bassin abgeholt, überliefert, um seine gefährliche und verhängnisvolle Laufbahn anzutreten, die so oft mit einer schrecklichen Katastrophe endigt.
Ein paar Tage später machten wir auch einen Besuch auf der Fregatte Müron, derselben, welche den General Bonaparte aus Ägypten zurückgebracht hatte und deren Kommandant ein Freund des Herrn Guige war, der uns viele Details über Napoleon während seiner Überfahrt mitteilte und uns so recht angenehm unterhielt.
Der Aufenthalt in La Seine, wo der Dienst, das Exerzieren ausgenommen, gar nichts heißen wollte, wurde mir durch die Freundlichkeit der Familie Guige sehr angenehm gemacht, und da Marie nicht nur sehr hübsch, sondern auch sehr geistreich und witzig war, so wurde mir ihr Umgang von Tag zu Tag lieber. Wir besuchten die Bastiden ihrer Bekannten in der Umgegend, wo ich in einer ein Bild fand, das einen fatalen Eindruck auf mich machte, den ich lange nicht loswerden konnte. Das Gemälde stellte nämlich gräßliche Schreckensszenen der furchtbaren Pest vor, die im Jahre 1721 hier und in Marseille wütete und die ein Matrose, der einen Ballen Seide aus der Quarantäne entwendet und heimlich nach Toulon eingeschmuggelt, in diese Stadt gebracht hatte. In weniger als sechs Monaten waren drei Vierteile der Einwohner von Toulon gestorben, so daß die meisten Häuser leer standen und lange unbewohnt blieben. Das Bild stellte Haufen verpesteter und schon in Fäulnis übergegangener Leichen dar, an denen die Pestbäulen mit ekelhafter Täuschung nachgemacht waren, so daß man sich die Nase zuhalten zu müssen glaubte, um den Gestank nicht zu riechen.
Ein andermal fuhren wir auf die naheliegende Insel Porquerolles, wo auch eine Kompagnie von unserem Bataillon detachiert war, um die auf der Insel liegenden Forts zu bewachen. Nachdem wir an das Ufer getreten, kamen wir durch ein kleines Lustwäldchen; als wir ungefähr in der Mitte desselben waren, hörten wir plötzlich ein freudiges Jauchzen und Vivatrufen, und bald darauf erblickten wir einen Haufen fröhlicher Menschen, die größtenteils in die Uniform unseres Regiments gekleidet waren, an deren Spitze der schon ziemlich bejahrte Hauptmann Gasqui, ein äußerst liebliches, höchstens siebzehn Jahre altes weibliches Wesen am Arm, marschierte.Es war seine junge Frau, mit der er soeben von der Trauung kam, die Tochter eines reformierten Stabsoffiziers, Luise von Argout. Mit der bezauberndsten Anmut schritt die junge Ehefrau an der Seite ihres beinahe fünfzigjährigen Gatten einher und wiegte ihr reizendes Lockenköpfchen auf einem blendend weißen Schwanenhals; Wuchs, Haltung und Gang schien den Grazien entlehnt, und es war ein Jammer, anzusehen, daß der alte Sünder einen solchen Engel heimführte und dabei eine dreifache Dummheit beging, denn erstens ist es allemal eine Dummheit, wenn ein Offizier heiratet, besonders in Kriegszeiten; doppelt ist sie, wenn er schon bei Jahren noch heiratet; und dreifach, wenn die Frau jung und schön ist, was hier alles der Fall war. Auch hatte Gasqui bald Gelegenheit, die begangene Torheit zu bereuen, wie wir später sehen werden und wozu auch ich mein Scherflein beitrug. – Das Gefolge des zu der Hochzeitsfeier eilenden jungen Paares bestand aus mehreren Offizieren, Einwohnern, und einem Dutzend weißgekleideter Frauen und Mädchen, denen die halbe Kompagnie, ihrem Hauptmann beständig Vivats bringend, folgte. Wir bewillkommneten uns gegenseitig, ich brachte meine herzlichsten Glückwünsche dar und wurde mit meinen Begleitern von dem zur Hälfte alten, zur Hälfte jungen Ehepaare so dringend gebeten, die Hochzeit mit zu feiern, daß wir, ohne unhöflich zu sein, die Einladung unmöglich ausschlagen konnten. Tänze, Spiele und Schmausereien auf einem schönen grünen Platze der Insel, unter freiem Himmel, verherrlichten die eben geschlossene Verbindung, und wir hatten es nicht zu bereuen, die Einladung angenommen zu haben, da wir uns trefflich unterhielten, besonders bei den Kontretänzen, die bei dem Klange einer Violine und einer Klarinette aufgeführt wurden und bei denen ich bald die schöne junge Frau, bald Mariechen und andere hübsche Mädchen balancierte. Erst spät in der Nacht verließen wir die romantische Insel, nachdem wir, herzlich dankend, freundlichen Abschied von dem jungen Ehepaar genommen, und fuhren bei hellem Mondschein über die ganz ruhige Seefläche nach Hyères zurück; obgleich an Mariens Seitetraulich sitzend, schwebte mir doch das Bild der jungen Frau beständig vor Augen. Was hätte ich hier nicht um dasdroit du seigneurgegeben! Auch ich konnte die lebhafte Vorstellung, daß jetzt der alte Gasqui in all diesen Reizen schwelge, nicht aus meiner Einbildungskraft entfernen. Da ich während der Heimfahrt so ganz gegen meine Gewohnheit stille und einsilbig war, fragte mich Marie einigemal, was mir fehle. Ich schützte Müdigkeit und Kopfweh vor und ließ die Bilder auf der schönen Insel noch einmal vor meinen geschlossenen Augen in der Phantasie vorüberziehen. Am anderen Tag erhielten wir Marschorder und Befehl, Toulon zu verlassen, um es mit Genua zu vertauschen. Also nach Italien, dem Zauberland der Poesie und Romantik, das ich schon in frühester Kindheit zu sehen gewünscht und wohin die Sehnsucht durch Goethes und anderer Autoren Werke noch weit mehr in mir gesteigert wurde; denn Genua war mir vor allem durch Schillers Fiesko, eine meiner Lieblingsrollen, wert geworden. Obgleich es nur noch ein paar Tage bis zum Abmarsch waren, so konnte ich doch kaum diesen erwarten und brachte sie mit Abschiedsbesuchen in der Stadt und auf den Schiffen in der Reede, auf denen ich Bekannte und Freunde zählte, den letzten aber noch im Schoß der mir teuren Familie Guige zu, der ich so manche frohe Stunde zu verdanken hatte. Marie konnte ihre Tränen nicht unterdrücken, ich suchte sie zu trösten, versicherte ihr, daß, wenn ich eher Kapitän würde, als der Oberst, ihr bestimmter Bräutigam, zurückkäme, sie meine Frau werden müsse, versprach, sie nicht zu vergessen, und habe Wort gehalten, wie man sieht. Den Abend vor dem Abmarsch nahm ich mit einem langen Kuß Abschied von ihr; um vier Uhr des Morgens rappelierten die Tambours, wir marschierten an ihrem Hause vorüber, wo sie schon hinter dem Fenster stand und ich ihr noch einen letzten Kuß, den sie, so lange sie mich noch sehen konnte, erwiderte, zuwarf, auf das Marsfeld nach Toulon, wo wir uns mit dem Bataillon vereinigten und dann frohen Mutes den Marsch nach Italien antraten. –