Chapter 26

Bald darauf, nachdem sie weg waren, verließ auch er die Hütte, in der er sich nicht mehr sicher glaubte, und irrte wieder in dem waldigen Gebirge umher, bis ihn seine Wunden so sehr schmerzten, daß er kaum mehr fortkonnte und froh war, als er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, zu dem er sich hinschleppte. Es war das Städtchen San Severino, in dem der Apotheker soeben seine Bude öffnete, als Fra Diavolo ankam und sich auf einen Stein vor dessen Haus setzte. Er war erstaunt, bei dieser Kälte und um diese Zeit einen Menschen auf offener Straße sitzend zu finden. Auf sein Befragen sagte der Brigantenchef, er komme eben aus Kalabrien und erwarte noch Landsleute, mit denen er zusammen nach Neapel gehen wolle. Der Apotheker schöpfte jedoch Verdacht, da der Unbekannte einen andern Akzent als die gewöhnlichen Kalabresen hatte, lud ihn ein, in seine Bude zu treten, wo er ihm, um ihn treuherzig zu machen, ein Glas Branntwein einschenkte. Aber während dies der Räuber trank, schickte er sein Mädchen heimlich fort, einen Gendarmen zu holen. Bald darauf trat einer dieser Packfesten ein und begehrte die Papiere des Fremden zu sehen, da er sich aber über seine Person nicht gehörig ausweisen konnte, sagte ihm der Gendarm, daß er ihm nach Salerno zu seinem Eskadronschef folgen müsse. Hier wurde er zu demselben, der zugleich Platzkommandant von Salerno war und Farrino hieß, geführt und wußte sich so gut auszureden, daß er auf dem Punkt war, wieder auf freien Fuß gestellt zu werden, als unglücklicherweise für ihn ein neapolitanischer Sappeur, der ihn sogleich erkannte, mit dem Ausruf: „Ah, der Fra Diavolo!“ in das Zimmer trat. Dieser will zwar seine Person verleugnen, aber der Sappeur gibt solche Kennzeichen an, die alles Leugnen unnütz machen, und endigt mit den Worten: „Ich muß Euch doch wohl kennen, ich habe ja so oft das Gewehr vor Euch präsentieren müssen.“ Nun wurde er auf der Stelle mit Ketten geschlossen und unter einer starken Bedeckung nach Neapel abgeführt. Hier bemühten sich mehrere Personen, sogar französische Generäle, seine Begnadigung auszuwirken. Sie wollten, daß er als Kriegsgefangener behandelt werdensollte, aber vergeblich, und zwar mit Recht, denn wenn man seine Feindseligkeiten gegen die neue Regierung auch ganz und gar als rechtmäßig betrachten will, so verdienten doch seine Mord- und Greueltaten als Räuber längst den Tod. Er war schon unter der vorigen Regierung als Mordbrenner und Straßenräuber von den Gerichten zum Strang verurteilt, und es war ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden. Das ärgste bei der Sache war, daß die Engländer, die fortwährend im Golf von Neapel kreuzten und von allem unterrichtet waren, ihn, als sie seine Gefangenschaft erfuhren, durch einen Parlamentär als englischen Major reklamierten. Eine große Ehre für die englische Armee! – Salicetti, der damals Polizeiminister in Neapel war, ließ auf dieses Ansinnen erwidern, ‚es tue ihm unendlich leid, allein man wisse von gar keinem Major in englischen Diensten, der in Gefangenschaft geraten sei, habe auch keinen solchen ausfindig machen können; verstehe man aber einen gewissen Banditen darunter, der weder eine militärische noch politische Charge bekleide und unter dem Namen Fra Diavolo bekannt sei, so sei dieser vermöge eines noch unter dem König Ferdinand von den Gerichten gefällten Urteils, das ihn als Mordbrenner, Räuber, Schmuggler und Dieb bezeichne, zum Tode verurteile, schon Tags vorher hingerichtet worden‘. – Salicetti hatte sich beeilt, ihn vermöge dieses Urteils hängen zu lassen, und ich sah ihn zum ersten- und letztenmal auf der Galgenleiter, die er entschlossen bestieg. Er wurde gleich den andern vom Henker zu Tode geritten, war von kleiner, untersetzter Statur, hatte aber einen starken und nervigen Knochenbau, ein scharfes, durchdringendes Auge und dabei etwas Wildes und Grausames in seinen Zügen. Sein von mir gefangener Adjutant wurde gleichfalls gehenkt, und viele Exekutionen fanden jetzt überhaupt täglich vor dem Castel nuovo statt.


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